Literaturblog

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Unterwegs in den heiligen Hallen der Buchmesse 2017

12. Okt. 2017
von Julia Bähr

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Suchen Sie sich einen langweiligen Verlag!

© Picture AllianceAuch Fische müssen manchmal getrennte Wege schwimmen.

Als Thomas Meyer vor einiger Zeit in einem Interview sagte, vier von fünf Paaren sollten sich trennen, war die Aufregung groß. Ähnlich groß wie damals, als er bei einer Schulfreundin erfahren hatte, dass Paare sich scheiden lassen können, nach Hause ging und das begeistert seinen dauerstreitenden Eltern vorschlug. Die Eltern sind heute noch zusammen. So gewinnt ein Autor manchmal sein Lebensthema. Und zahlreiche zauberhafte Weihnachtsfeste.

Nun laufen auf der Buchmesse einige Menschen herum, die nicht nur zu ihren Partnern schwierige Beziehungen haben, sondern auch zu ihren Lektoren, Autoren, Agenten. Da kommt Meyer mit seinem Buch „Trennt euch“ gerade recht, denn die Ratschläge passen ganz verblüffend auch zu jenen Schwierigkeiten. „Sie müssen kein sehr witziger Mensch [lies: Autor] sein, um einen Partner [Verlag] zu finden, aber sie sollten einen ähnlich witzigen Menschen [Verlag] erwählen.“ Also: Wenn Sie dröges Zeug schreiben wollen, suchen Sie sich einen langweiligen Verlag! Herrgott, es gibt doch genug davon! Umgekehrt gilt das natürlich auch: humorvolle Autoren brauchen humorvolle Lektoren. „Wie sollen Sie sich anerkannt fühlen von jemandem, der nie über Ihre Scherze lacht?“ Genau. Weiterlesen →

12. Okt. 2017
von Julia Bähr

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11. Okt. 2017
von F.A.Z. - Feuilleton

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Mutige Medienschaffende

© APAhmet Şık auf einem Archivfoto

„Erdoğan hat nicht mehr alle Tassen im Schrank“: Der ehemalige Innenminister Gerhart Baum (FDP) ist sichtlich aufgewühlt, als er seine Laudatio für Ahmet Şık auf der Frankfurter Buchmesse hält. Şık ist Preisträger des diesjährigen Raif-Badawi-Awards, weil der „Cumhuriyet“-Journalist aufgrund seiner kritischen Berichterstattung derzeit in der Türkei in Haft sitzt. Am Schicksal des Mannes, der den Preis stellvertretend für die vielen ebenfalls eingesperrten Reporter in der Türkei erhält, gibt Baum ganz unverhohlen dem türkischen Präsidenten die Schuld.

Während der Preisträger an diesem Mittwochnachmittag nicht anwesend sein darf, hat sich einer unters Publikum gemischt, dem der immer restriktiver werdende Umgang der türkischen Regierung mit Medienschaffenden ebenfalls schmerzlich vertraut sein dürfte: Can Dündar. Aktuell lebt und arbeitet der Journalist in Deutschland, mithilfe von Interpol will ihn die türkische Staatsanwaltschaft angeblich bald suchen lassen. Ankara wirft ihm unter anderem die Unterstützung der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK vor; Ahmet Şık wiederum soll Propaganda für die Gülen-Bewegung betrieben haben. Die Ironie dabei: Der in der Vergangenheit bereits mehrfach angeklagte, investigative Reporter Şık kritisiert in seinem Buch „Die Armee des Imam“, dass die sogenannte „Hizmet“-Bewegung von Fethullah Gülen den Polizeiapparat und die türkische Justiz massiv infiltriert habe. Weiterlesen →

11. Okt. 2017
von F.A.Z. - Feuilleton

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11. Okt. 2017
von Andrea Diener
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Macht’s gut, und danke für das Fischrezept

© AP PhotoZusammen isst man weniger allein.

Es gibt niemanden, der nicht isst und trinkt, aber nur wenige, die den Geschmack zu schätzen wissen.

Konfuzius

Tausend Quadratmeter groß ist die Gourmet Gallery, und ein Zehntel davon gehört China. Genauer gesagt dem Konfuzius-Institut, Chinas Sprach- und Kulturvermittlungsstelle. Der Stand wurde Mittwoch Vormittag eingeweiht, ein Nudelmeister schwang Nudelteig mit artistischer Perfektion, knotete und rollte und schwang wieder, um eines dieser Gerichte herzustellen, die in China an jeder Straßenecke im Hocken weggeschlabbert werden, hinter denen aber ein, zweitausend Jahre Tradition stehen und ziemlich viel Luft nach oben, was die Qualität der Zubereitung angeht.

Eventuell ist es erklärungsbedürftig, warum China ausgerechnet mit einer Gourmet-Offensive auf der Buchmesse antritt, aber zum Glück gehören zum Rahmenprogramm auch eine Reihe Podiumsdiskussionen. Da sitzt Dr. Jing Wei vom Konfuzius-Institut, die erklären kann, was sie sich dabei gedacht hat. Und natürlich führt der Weg irgendwie über Schweinefleisch süß-sauer, jenem Klassiker der deutsch-chinesischen Küche, mit dem jeder irgendwann angefangen hat, seine Stäbchenfertigkeiten zu testen. Das sei so ziemlich das erste, was die meisten Menschen von chinesischer Kultur mitbekommen, sagt sie und hat, zumindest was Deutschland angeht, wohl auch recht.

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11. Okt. 2017
von Andrea Diener
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11. Okt. 2017
von Andrea Diener
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Französinnen, ihr habt es besser!

© picture alliance / Everett ColleIsabelle Huppert in „Falsche Vertraulichkeiten“: Gibt es in Deutschland überhaupt Filmrollen für Frauen über sechzig?

Das Klischee geht ungefähr so: In Frankreich sind alle Frauen elegant, verführerisch und feminin, deutsche Frauen hingegen sind verbissene Spaßbremsen, flirten können sie auch nicht und womöglich sind sie auch noch unrasiert und Feministin. Das stellt Bascha Mika, Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau, erst einmal so in den Raum des Lesezeltes, denn es ist ja nicht ganz aus der Luft gegriffen und womöglich hat es, wie viele Klischees, einen wahren Kern. Vergleichen wir also einmal Gastland und Gastgeberland anhand seiner Frauen – und den Lebensbedingungen diesseits und jenseits des Rheins.

Die Schauspielerin Maria Furtwängler erzählt, ihr Mann, der Verleger Hubert Burda, sage gern: „Oh, so jung und schon Französin“, als sei das eine Auszeichnung.  Maria Furtwängler erzählt in dieser Runde noch so einiges, zum Glück aber recht wenig über ihren Mann. Dafür aber, dass sie eine Studie initiiert hat, die Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen untersucht. Und die ergibt, dass in Deutschland Frauenrollen vor allem in Beziehungszusammenhängen vorkommen, nämlich im Alter zwischen zwanzig und dreißig. Für Frauen über vierzig gibt es hingegen kein Narrativ, die verschwinden einfach, die werden nicht dargestellt, über die gibt es anscheinend nichts zu erzählen. Über Männer diesen Alters hingegen schon. In Frankreich haben Frauen kein Alter, so lautet ein Bonmot des Modeschöpfers Yves Saint Laurent, in Deutschland haben sie vor allem ein Verfallsdatum. Vielleicht kommt daher diese gewisse Bitterkeit deutscher Frauen, so Furtwängler am Ende des Gesprächs, wenn es um den Feminismus geht – weil deutsche Frauen noch viel abhängiger seien.

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11. Okt. 2017
von Andrea Diener
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11. Okt. 2017
von Felix-Emeric Tota
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Die Bestseller-DNA

Zeit für eine Selbstanalyse! Aber nicht im Freudschen Sinne anhand freier Assoziationen – sondern so emotionsbefreit, wie es nur eine Software kann. Gottfried Benn hat ja schon gesagt: „Das Denken muss kalt sein, sonst wird es familiär.“ Das gilt dann wohl auch für die Analyse.

Also: Am Buchmessen-Mittwoch wurde eine Software vorgestellt, die das Bestseller-Potential eines Manuskripts auswerten kann, beziehungsweise: will. Das soll Verlagen helfen, unaufgefordert eingereichte Manuskripte zu sichten – ohne sie, nun ja, zu sichten. Das wäre kosten- und personalsparend und effizienter bei der Bestsellerfrequenz. Und die will ja jeder haben, denn – klar! – more is more.

Wie ihr Name „Bestseller-DNA“ schon andeutet, erfasst die Software den genetischen Bestseller-Code eines Manuskriptes. Wer im Biologie-Unterricht aufgepasst hat, der weiß, wie es um die Doppelhelix steht und woraus sich die Nukleinbasen im menschlichen Körper zusammensetzen. Bei der Bestseller-DNA verhält es sich etwas anders. Hier setzt sich das genetische Bestseller-Gut nicht aus Adenin und Cytosin zusammen, sondern aus dem sogenannten „Bestseller-Score“ und dem „Sentiment-Wert“.

Wie sich diese zusammensetzen, das möchte ich nun herausfinden. Nachdem ich letztes Jahr an dieser Stelle protokolliert habe, wie ich dank einer Buchmessenveranstaltung zu Autorenruhm und dem besten Roman in the history of ever gelangen werde (still in progress), möchte ich nun meinen noch geheimen Zweitling auf Best-Herz und Seller-Nieren prüfen. Die Software ist derzeit noch in der Entwicklung, daher ist dies lediglich ein Beta-Test. Fehler können also auftreten.

+++ Disclaimer: Die beschriebene Software „Bestseller-DNA“ befindet sich noch in der Entwicklung. Es gibt sie wirklich, doch der Beta-Test  geschah rein gedanklich – so wie es sein könnte. +++ 

Ich habe das Manuskript glücklicherweise vor ein paar Nächten fertig gestellt und kann die Datei also hochladen. Das Manuskript ist 354 Seiten stark und trägt den Titel „Den Namen ins Wasser geschrieben“. Es geht um Nikita Katastrov, einen Weiterlesen →

11. Okt. 2017
von Felix-Emeric Tota
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10. Okt. 2017
von Andrea Diener
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Die Eröffnung: Europa, das Universum und der ganze Rest

© dpaEuropäische Zusammenarbeit: Ein Hämmerchen, drei Hämmerer.

Also, es ging um Europa. Um Deutschland und Frankreich und wie sie da so nebeneinander herhausen, aber auch wieder nicht. Denn natürlich haben diese Länder eine lange gemeinsame Geistesgeschichte, aber vor allem: Französisch sprechen ja nicht nur die Franzosen, sondern die halbe Welt (gefühlt) (von Franzosen). Und dann ging es noch um die Bücher, in denen sich diese Geistesgeschichte manifestiert, um die Übersetzer, ohne die eine gegenseitige Rezeption nicht möglich wäre, Frau Merkel möchte da einmal Danke sagen, um die Besonderheit des Kulturgutes Buch, das ja jedes Jahr wieder um diese Zeit an diesem Ort beschworen wird, und darum, dass dieses Gut gesetzliche Rahmenbedingungen braucht, die jetzt gerade nicht ganz optimal … – also Frau Merkel, machen Sie da mal was, ich mach ja, Herr Riethmüller, ich mach ja.

Wenn es im Großen dann aber rumpelt, weil der Nationalismus brodelt, weil Menschen, die keine Bücher lesen und um die lange, nationenüberspannende Geistesgeschichte nicht wissen, weil diese Menschen AfD oder Front National wählen, was hier und heute natürlich keiner gut findet und Oberbürgermeister Feldmann geht gleich morgen zu diesem Stand von diesem, dem rechten Verlag da und sagt denen aber mal die Meinung, gleich morgen, wer kommt mit?

Wenn es da also rumpelt und knirscht und das Projekt Europa mal wieder vor keiner Zukunft steht, dann macht man schnell einen Kulturaustausch mit jungen Menschen und lässt die eine Woche miteinander über Meinungsfreiheit reden und filmt das dann, ein packender Appell! sagt Herr Riethmüller vom Börsenverein, weil die jungen Leute es doof finden, wenn man seine Meinung nicht sagen darf und das dann auch sagen, dass sie es doof finden. An den jungen Leuten hängt ja alles, denen muss man Sprachen beibringen, die muss man Erasmus schicken, sagt Macron und nennt viele Philosophennamen, die meisten von allen, und vor allem die unbekanntesten, nicht nur bisschen Voltaire wie so Merkel, aber die ist ja auch Physikerin. Merkel kann übrigens kein Französisch, aber Macron sagt, Russisch ist ja auch eine europäische Sprache, das gilt auch, und dann ist Merkel wieder beruhigt.

Wir haben also dieses schöne Europa, auch wenn da ein paar Rechte drin hausen, aber um die kümmert sich ja der Feldmann morgen, und dann gibt es noch die anderen Länder, da landen Leute im Gefängnis und schlachten sich ab, und die Diktatoren hassen Bücher, weil die gefährlich sind, also sind wir hier ja sicher. Hier ist Frieden und Marktwirtschaft und demokratische Grundordnung, hier gibt es geistigen Austausch, hier beseelen wir einander, das sagt Franzobel, oder zumindest sagt Buchmesse-Chef Juergen Boos, dass er das sagt. Eine schöne Vorstellung ist das: Große Hallen voller Bücher, und alle, die dort durchlaufen, beseelen einander, leuchten ein bisschen auf, während sie aneinander vorübergehen, und sogar dieser rechte Stand da, der wird ein bisschen angeseelt, zumindest ganz zart am Rande. Das macht Europa, das machen Goethe und Voltaire und die Übersetzer und all die vielen unbekannten französischen Philosophen. Spüren Sie mal genau hin die nächsten Tage, vielleicht merken Sie es ja.

10. Okt. 2017
von Andrea Diener
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10. Okt. 2017
von Felix-Emeric Tota

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La Grande Bühne frei!

Très bien. Im Pavillon des diesjährigen Gastlandes kann man schnell den großen Marcel Proust zu Fall bringen. Dazu bedarf es aber nicht mal großer Anstrengung, Vorsätze, Kanonverachtung oder andere Literaturkritik – es reicht, sich nah an eines der vielen offenen Regal zu stellen und eine unachtsame Bewegung auszuführen. Eine kurze Drehung im Gespräch und – oh pardon! – ein Band der „Recherche“ geht mit einem Knall zu Boden. Hebt man das Buch wieder auf, um es zurück ins Regal zu stellen, erkennt man: Die großen Franzosen, alle sind sie da, alle beieinander. Proust, Hugo, Balzac und sogar der große, aber geächtete Louis-Ferdinand Céline stehen dort Spalier.

Frankreich als Literaturland muss man in Deutschland wirklich nicht mehr „entdecken“ – man kennt sich, man schätzt und übersetzt sich. Und als Land ist es mit der Grande Nation so wie auch mit den Nachbarn im eigenen Haus: Man bekommt oft mehr von ihnen mit, als sie glauben. Daher ist die Ausrichtung des französischen Pavillons auch eine andere als beispielsweise in den Vorjahren, in denen die Gastländer genuin sich selbst präsentiert haben.

Unter dem Motto „Francfort en français“ scheint der Auftritt des diesjährigen Gastlandes viel mehr ein buchmessenlanger Handshake zu sein. Hier geht es um Frankreich und Deutschland. Und in diesem Pavillon wird die deutsch-französische Freundschaft geknüpft und geknotet wie ein alles überstehendes Freundschaftsbändchen. Auch sprachlich rücken diese beiden Länder näher aneinander: Es wurde in der Halle auf ein gewisses Wording gesetzt, dass man als „francofiziert“ bezeichnen könnte. Wenn man beispielsweise die Bühne sucht, auf der ein großer Teil des Gastland-Programms stattfindet, dann muss man nur das Schild finden, an dem in dicken Lettern  „La Grande Bühne“ zu lesen ist. Weiterlesen →

10. Okt. 2017
von Felix-Emeric Tota

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10. Okt. 2017
von F.A.Z. - Feuilleton
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Worüber reden? Worüber nicht?

© Stefanie SilberGäste beim Empfang des S.Fischer Verlags im Literaturhaus

Nach den Niederlanden, Finnland und Indonesien: Endlich wieder ein Gastland, mit dessen Sprache viele von uns vertraut sind, so dass wir auf Französisch radebrechen können, statt flüssig Englisch zu sprechen! Aber wie vermittelt man dabei am besten seine Weltläufigkeit und seine intime Kenntnis der französischen Kultur? Und was finden Franzosen überhaupt nicht lustig? Ein Leitfaden.

Aimez-vous Macron?

Die Franzosen sind bekanntlich das Gegenteil von Amerikanern. Über Geld – zumindest privates – sprechen sie nicht. Aber auch privat stört es anders als in Amerika keinen, wenn man über Politik redet. Wenn dem Messebesucher im Small Talk mit Franzosen das französische Latein auszugehen droht, kann er sich sehr einfach aus der Verlegenheit helfen: „Aimez-vous Macron?“ wird jeden Gesprächspartner zu rhetorischen Sprudeln  bringen. Mit der Anspielung an den berühmten Roman von Françoise Sagan unterstreicht man gleichzeitig die literarische Bildung, auf die kultivierte Franzosen mehr Wert legen als auf Geld und sogar Politik.

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10. Okt. 2017
von F.A.Z. - Feuilleton
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09. Jul. 2017
von Andrea Diener
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Das Lieblingstier heißt Rehragout

© Johannes Puch/ORFDer Bachmann-Preisträger Ferdinand Schmalz liest.

Wo ist denn das raisonnierende Ich geblieben? könnte eine der Fragen lauten, die man sich in diesem Jahr stellt. Oder: Wo sind die Nazi-Opas hin?  Oder: Ist die Prosalyrik wirklich so tot? Einige beliebte Formate der letzten Jahre fehlten beim 41. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, und man vermisste sie zugegebenermaßen nicht sonderlich. Stattdessen wurde eine ganze Menge dessen aufgeboten, was immer gerne mit der schönen Vokabel „Welthaltigkeit“ belegt wird, weil es um das unakademische, nicht selten prekäre Leben geht, das Autoren wie Jury gern aus den Schreibstuben heraus bestaunen. Dazu passt, dass Franzobel in seiner Klagenfurter Rede am Eröffnungsabend den Kampf gegen das Kapital an sich einforderte und selige Papiernostalgie ventilierte. Kurz zusammengefasst: Wenn alles erst einmal virtuell und anklickbar ist, seien unsere korrumpierten Hirne verloren, deshalb gehe man besser auf die Straße und protestiere gegen die Großkonzerne und die Weltordnung. Der aber, denkt man sich als Zuhörer, kommt man wohl am allerwenigsten mit solchen Gemeinplatzreden bei, aber immerhin brennt danach nichts.

Der Aufforderung hätte es ohnehin nicht bedarft, denn viele Autoren des diesjährigen Wettbewerbs wenden sich ganz freiwillig den unpoetischen Seiten des Lebens zu: Bofrostmänner, Niedriglohn-Putzkräfte, Flüchtlinge sowie sämtliche Verwaltungsakte, die nötig werden, wenn Menschen oder Klaviere Landesgrenzen überqueren. Wobei die Aneignung und Umwandlung in Literatur mal mehr, mal weniger gut glückt. Denn wenn keine Sprache da ist, nichts dem Autoren Eigenes, das er der Welt angedeihen lässt, dann bleibt der ungute Verdacht eines ungehörigen Übergriffs, einer Indienstnahme für die Kunst.

Der Österreicher Ferdinand Schmalz ist Theatergängern schon als Stückeautor bekannt. In seinem Text „Mein Lieblingstier heißt Winter“ lässt er  – auf Einladung von Sandra Kegel, Literaturredakteurin dieser Zeitung – einen Eismann (in Deutschland würde man wohl Bofrostmann sagen) auf einen lebensmüden Herrn Doktor treffen, der große inszenatorische Pläne für ein baldiges Ableben hegt und seinem regelmäßigen Lieferanten tiefgekühlten Rehragouts mitsamt Lieferwagen dabei zwecks Einhaltung der Kühlkette eine entscheidende Rolle zuweist. Der Eismann hingegen mag nicht mitspielen, den Herrn Doktor steifgefroren durch die Gegend zu kutschieren und an seinem gewünschten Aufbahrungsort wieder auszuladen, was dann aber auch gar nicht nötig wird. Ach, diese Österreicher, immer Tod, immer irgendwas Skurriles, und dann dieser Bernhard-Suada-Sound! mag man einwenden, aber dem Autor Schmalz gelingt das Kunststück, aus all den vermeintlichen Abgeschmacktheiten etwas gänzlich Neues zu schöpfen, was das Publikum vor Ort ebenso mitreißt wie die Jury. Dass er einen der Preise bekommen würde, war von Anfang an klar. Schließlich reichte es gar für den mit 25.000 Euro dotierten Bachmann-Preis.

© Johannes Puch/ORFJohn Wray liest.

Am ersten Lesetag stach der exzellente Möbiusbandtext von John Wray  – ebenfalls auf Einladung von Sandra Kegel – aus dem Rest heraus wie das Kirchtürmlein aus dem Reschensee. An diesem „Madrigal“ gab es so wenig auszusetzen, dass die Jury etwas planlos in die eine („zu messy“, Hildegard Keller) oder die andere Richtung („zu virtuos“, Maike Feßmann) krittelte, aber schließlich einsehen musste, es mit einem äußerst gefinkelten Stück Literatur zu tun zu haben, wie der Österreicher so schön sagt. Nichts an diesem Text ist mühsam, obwohl dreieinhalb Realitätsebenen aneinandergeschachtelt werden, um den verdutzten Leser schließlich wieder am Ausgangspunkt auszuspucken. Wray hat bereits mehrere Romane veröffentlicht, zuletzt das Siebenhundert-Seiten-Kaliber „Das Geheimnis der verlorenen Zeit“, erschienen bei Rowohlt, und ist damit alles andere als ein Anfänger. Von Beginn an war er ein großer Favorit des Wettbewerbs. Er bekam den neu gestifteten, mit 12.500 Euro dotierten Deutschlandfunk-Preis verliehen.

Der Rest des Donnerstags war im besten Fall hübsch geklöppelte Untergangsstimmung wie in Karin Peschkas Hundeapokalypse, in der gleich ganz Wien dem Boden gleichgemacht werden muss, damit ein Kleinkind unter Hunden aufwachsen und sich seine kleine Welt irgendwo zwischen Pipikaka und Gartenteich erobern kann. Als sie als Preisträgerin des Publikumspreises verkündet wurde, ging ein ratloses Raunen durch das Publikum: Mit vielem hätte man gerechnet, aber nicht mit diesem „Wiener Kindl“, so die Überschrift.

© Johannes Puch/ORFKarin Peschka liest.

Im schlimmsten Fall aber kommt ein Text als kolportagehaftes Phrasengewitter von lokalzeitungshafter Launigkeit wie in Daniel Goetschs Romanauszug, sodass man schon befürchtete, im nächsten Moment werde irgendwo ein Tanzbein geschwungen oder für ein leibliches Wohl gesorgt. Das kann man auch nicht mit der Handlung im Nachkriegs-Wiesbaden erklären, von Frankfurtern gern liebevoll als „Spießbaden“ bezeichnet. Denn wie man die vermeintliche Idylle von Vor- und Kleinstadtgegenden sprachlich gekonnt aufbricht, das zeigte sich gleich am nächsten Morgen mit dem Text von Ferdinand Schmalz.

Der Tag geht – neutral formuliert –interessant weiter, nämlich mit zwei völlig gegensätzlichen Texten, beide eingeladen von Juror Klaus Kastberger. Die Belgraderin Barbi Markovic lässt in ihrem Text „Die Mieter“ eine ganze Familie in einer diabolischen Wohnung sterben, einen voyeuristischen Vermieter eins mit seiner Immobilie werden und zwei Schwestern mit ihren sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen aufeinander los. Das ist in vielen Details gut gelungen, aber doch vergleichsweise roh. Ein Text, der sehr laut nach Politur und einem guten Lektor ruft, um glänzen zu können. Wenig interessiert scheint die Jury hier an der Frage, wofür diese Parabel, die sie darin ausmacht, eigentlich steht. Auch Jackie Thomaes „Cleanster“ – sprachlich arg konventionell, aber voller interessanter Ansätze – bietet offenbar zu wenige Interpretationssteilvorlagen. Dafür wieder viel Weltliches, nämlich einen Migranten im Niedriglohnsektor, der an seinem Auftrag, eine Dreizimmerwohnung zu reinigen, scheitert. Die Verzweiflung, die Machtlosigkeit desjenigen, der erkennt, wie viel ihn von der Gesellschaft trennt, in der er eigentlich lebt, und die gönnerhafte Herablassung der Auftraggeberin hätten, mit ein wenig Verdichtung, zu einem großartigen Text werden können, denn er ist, jetzt nun Jurorin Hildegard Keller: „welthaltig“.

Lieber macht man sich ans Metapherndeuteln, das hat man ja schließlich gelernt. Verena Dürrs „Memorabilia“ liest sich zunächst wie eine Aneinanderreihung von Wikipediaeinträgen. Man muss ein wenig googeln, um herauszufinden, dass genau das das Prinzip ist – ob die sachlichen Fehler nun einfach Fehler sind oder gewollte Anschrägungen, erschließt sich nicht. Konzeptkunst ist das, ein „Turngerät für hermeneutische Muskeln“, wie Jurorin Hildegard Keller bescheinigt, an dem sich die Jury gleich mit Begeisterung zu schaffen macht. Einige der Juroren hegen gar einen leisen Satireverdacht. Zumindest ist es der Text, der im Garten des ORF-Landesstudios Kärnten für die meisten fragenden Blicke sorgt – und kurz darauf für Aufatmen, wenn es der andere auch nicht verstanden hat. Allzuoft treffen mittelmäßige Texte in der Jury auf begeisterte Interpretatoren, platteste Symboltiere werden mit Begeisterung in Mythen-, Literatur- und Kirchengeschichte verortet und der Bachmann-Nostalgiker erwischt sich bei dem Gedanken, dass eine Daniela Strigl dem Spiel jetzt gut tun würde. Doch die österreichische Literaturwissenschaftlerin, bekannt für ihre nüchternen, treffenden Urteile, gehört der Jury seit dem Jahr 2014 nicht mehr an.  Und die kurz aufgeflammte Begeisterung der Jury zeitigt auch keine greifbaren Folgen: Verena Dürrs Text schafft es nicht einmal auf die Shortlist.

Überhaupt wird in diesem Jahr viel gegoogelt. In Zeiten, in denen das Wissen der Welt – etwa über abseitige minimalistische Musikstücke und subaride Klimazonen – leicht abzurufen ist, ist textimmanente Rezeption anscheinend sehr Nullerjahre. Gelesen wird bitteschön mit Second Screen in der Hand, sonst entgeht einem die Hälfte, und dieser Peinlichkeit will man sich ja nicht aussetzen als Leser. Also ruhig rein mit dem Fachvokabular in den Text, irgendjemand wird’s schon wieder rausholen.

Einhellig dagegen ist die Ablehnung des wortreichen Textes „In der Steppe“ von Jörg-Uwe Albig, in dem sich ein Mann in eine Kirche verliebt. Ist das nun furchtbar aufgeblasen? Oder können wir heute wirklich keine großen Liebesgeschichten mehr ertragen, wie Jurorin Meike Feßmann mutmaßt? Ähnlich ratlos steht Jury wie Publikum vor Urs Mannharts „Ein Bier im Banja“, einer Geschichte aus der zentralasiatischen Steppe. Darin wird von einem Mann in einem teilnomadischen Dorfzusammenhang ein Wolf gejagt, unübersichtliche Familienverhältnisse erschweren das Ganze. Man lese bitte Galsan Tschinag, frage sich kurz, ob man wirklich so schreiben kann, ohne auch nur einen Moment sein westliches Päckchen zu reflektieren, das man ja durch die Welt schleppt, und vergesse das Ganze.

© Johannes Puch/ORFEckhart Nickel liest.

Wie man mit minutiösen Beschreibungen, die sich viel Zeit lassen und ihren Gegenstand lange umkreisen, keine Ödnis, sondern Spannung erzeugt, zeigte Eckhart Nickel, die Überraschung des Samstags, eingeladen von Michael Wiederstein, dem Neuzugang in der Jury. Diese „Hysteria“ kommt auf leisen Sohlen, nähert sich über den Umweg eines Biomarktes mit dem schönen ersten Satz „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht“ und klärt das Fruchtmysterium später im Gartenkombinat „Sommerfrische“. Dass in diesem Retro-Bio-Paradies etwas vor sich hinfault, ist bald klar – und das ist mehr als eine müde Gesellschaftskritik des einschlägigen Bionade-Biedermeier-Biotops. Nickel seziert die Welt durch den Blick seines Protagonisten Bergmann aufs Akribischste, und das Ergebnis ist oft ausgesprochen unangenehm bis gammlig. Der Autor, der zum popkulturellen Quintett „Tristesse Royale“ gehörte, mit Christian Kracht die Zeitschrift „Der Freund“ herausgab und seitdem lange nichts von sich hören ließ, bekam den Kelag-Preis für seine sehr deutsche Dystopie.

Gianna Molinari und Maxi Obexer verheben sich danach noch am Flüchtlingsthema. Molinari dokumentiert in „Loses Mappe“ einen realen Fall so akribisch, dass man befürchtet, sie misstraue ihrem Texthandwerk zutiefst. Das hat den unangenehmen Effekt, wie Juror Klaus Kastberger bemerkt, dass ausgerechnet die eingestreuten Sachtexte und Fotodokumente am meisten berühren – also all das, was nicht Text ist. Für den 3Sat-Preis reichte es dennoch, sie setzte sich knapp gegen Jackie Thomae durch. In Maxi Obexers „Europas längster Sommer“ ist das Ganze leider nicht mehr als die Summe seine Teile. Die Einbürgerung einer Südtirolerin, die ihr Coming-out erlebt und in einem Zug zusammen mit Flüchtlingen gen Norden fährt, fällt vor lauter Themenüberfrachtung auseinander und wird auch sprachlich nicht zusammengehalten. Es funktioniert eben nicht immer mit der lieben Welthaltigkeit.

© Johannes Puch/ORFGianna Molinari liest.

09. Jul. 2017
von Andrea Diener
2 Lesermeinungen

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08. Jul. 2017
von Jan Wiele

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Da geschah ihm die Himbeere

© Gert Eggenberger/APA/dpaEckhart Nickel während der Eröffnung der „41. Tage der deutschsprachigen Literatur“ am Mittwoch

Wenn in einem heute verfassten literarischen Text Wörter wie „Eisenbahnfahrt“, „Sommerfrische“, „Flaumhaar“ und „Stallbursche“ vorkommen, gehen bei Kritikern schnell die Warnlampen an. Kann man denn noch so erzählen?, fragen sie dann. Der Vorwurf der Kolportage ist nie weit, und allzu leicht wird mit dem Stil auch schon der ganze Text oder sogar sein Erzähler abgefertigt, ohne dass nach der Funktion gefragt wird.

Dass das an diesem letzten Lesetag in Klagefurt mit Eckhart Nickel nicht passiert ist, war ein Glück und spricht für die Jury. Denn sie hat sich auf den stilistisch exquisiten, zudem aber auch mit Anspielungen und literarischen Verweisen überreich ausgestatteten Text des 1966 in Frankfurt geborenen Autors eingelassen und ihm allerhand Interessantes abgewonnen.

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08. Jul. 2017
von Jan Wiele

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07. Jul. 2017
von Jan Wiele

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Möbelmusik in der Tiefkühltruhe

© ORF/Puch JohannesIhr allzu simpel gestrickter Realitäts-Text wurde von der Jury ziemlich einmütig als solcher abgeheftet: Jackie Thomae liest in Klagenfurt.

Ein durchschnittlicher Tag beim Bachmannpreis ist schon ein ziemlicher Mindfuck. An diesem Freitag ist man mit einem Tiefkühllieferanten in einen österreichischen Horrorkeller gestiegen, in dem sich ein Krebskranker auf gefrorenem Rehragout zur letzten Ruhe betten will, schaute in eine andere Wohnung, die offenbar mit animistischer Kraft ihre Bewohner getötet hat, stieg in ein Zollfreilager, in dem eines der beiden Klaviere aus dem Film „Casablanca“ von seelenlosen Kunstsammlern weggesperrt wird (eine Welt, in welcher der Song „As Time Goes By“ nicht an Liebe erinnere, sondern nur die Hoffnung auf Wertsteigerung des Sammlerobjekts ausdrücke, wie Jurypräsident Hubert Winkels bemerkte), und hörte schließlich in der Geschichte eines an Objektophilie leidenden Paläontologen, der sich, ja, wirklich, in eine Kapelle verliebt hat, den folgenden Satz: „Nicht einmal Atem erschütterte den kalzitisierten Chitinpanzer  seiner Muskulatur.“

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07. Jul. 2017
von Jan Wiele

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06. Jul. 2017
von Jan Wiele

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Welches Jahr haben wir nochmal?

© Gert Eggenberger/APA/dpaFestredner Franzobel am Mittwochabend im ORF-Landesstudio Kärnten

Beim Bachmannpreis kratzt man sich ja manchmal am Kopf: Welches Jahr haben wir noch einmal? So, wie die Farben der Umhängetaschen des Wettbewerbs wiederkehren – dieses Mal ist wieder Weiß dran –, kommen auch die Themen zurück. In der „Klagenfurter Rede zur Literatur“ des Schriftstellers Franzobel nun: der Untergang des Buches, oder genauer die Vision, dass es in einigen Jahren „nur noch E-Books mit virtuellen Protagonisten“ geben wird, „Avatare, die einem gleich die ganze Handlung vorspielen“, dass der Schriftsteller ersetzt wird durch den „homo autorencollectivus“, ja, „mit einem Mausklick wird jeder zu einem Schöpfer“.

Da schluckt man schon und denkt: Im Ernst jetzt? Lebt Franzobel womöglich noch im Jahr 1995, in dem er in Klagenfurt selbst den Hauptpreis gewann – zumal er später auch die „VerRTLisierung“ der Kultur fürchtet? Auch was er sonst noch so zusammenrührt, wirkt merkwürdig abgestanden und allzu allgemein: Invektiven gegen „schamlose Großkonzerne“, vage Mahnungen an die verkommene Wohlstandsgesellschaft, der „hungernde Kinder“ gegenüberstehen, dann die einfach mal hingeworfene Feststellung, die Literatur sei unpolitisch geworden.

Franzobels Fazit, Literatur sei Kampf für ein unkonventionelles Denken, klingt da am Schluss dieser Rede aus Platitüden schon beinahe wie ein Witz. Am ersten Lesetag im ersten Text (gelesen von der österreichischen Schriftstellerin Karin Peschka) dann gleich das nächste Deja-vu: Eine Geschichte von einem Kindlein unter Hunden, welche die Jury an das „Dschungelbuch“ erinnert – ja, das gab es doch 2012 bei Cornelia Travnicek, als die damalige Jurorin Daniela Strigl beiläufig verriet, dass sie einst einen Dackel namens Mogli hatte?

Aber der erste Schrecken legte sich, und es wurde dann doch noch ein Tag mit teils erfreulichen literarischen Texten, vor allem aber einer Jury, die sich von alten Unkenrufen unbeeindruckt zeigte und gleich zu hoher Form auflief: Allein die Diskussionen über den metafiktional verschachtelten Text „Madrigal“ des österreichisch-amerikanischen Schriftstellers John Wray, ein Stück mit witzigen, teils mehrsprachigen Dialogen, in dem die Jurorin Meike Fessmann mit „Paranoia, Psychedelik und Psychopharmaka“ alle großen Themen der amerikanischen Literatur versammelt sah, oder über die popliterarische Apokalypse der aus München stammenden Noemi Schneider mit dem Titel „Fifty Shades of Gray“, in dem zwei dekadente Freundinnen vor dem Untergang des Abendlandes nach Marokko fliehen, waren so amüsant wie scharf und zeigten, dass es sich, allen Unkenrufen zum Trotz, noch immer lohnt, bei der Klagenfurter Literaturdebatte einzuschalten.

06. Jul. 2017
von Jan Wiele

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