Grand Central

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New York, die erstaunlichste Stadt des Universums.

Open House bei Kolumbus

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Die Proportionen sind exquisit. Dieses Wohnzimmer hoch über der Stadt ist im Geist einer klassischen Moderne eingerichtet, aus der alle heroische Anspannung...

Die Proportionen sind exquisit. Dieses Wohnzimmer hoch über der Stadt ist im Geist einer klassischen Moderne eingerichtet, aus der alle heroische Anspannung gewichen ist. Rechte Winkel mit dezenter Abrundung, blanke Flächen in dunklen Tönen. Wer hier wohnt, hat den Aufstieg hinter sich, muss nichts mehr beweisen. Die Endgestalt des schönen Lebens ist die Kompaktheit: Es passt.

Bild zu: Open House bei Kolumbus

An der Wand ein Pollock, fast dekorativ, und ein Warhol, fast putzig. Zwei schimmernde Vasen, bauchig die eine, schlank die andere, weibliche und männliche Urform schöpferischer Bescheidung. Substantieller Lesestoff in einem schmalen Regal. Die Vulgarität der Popkultur zur Arabeske domestiziert: Elvis Presley und Micky Maus tanzen als Goldmusterknaben über die fliederfarbene Tapete.

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Aus Kleinbildhauerwerkstätten kommen zwei zierliche Idole unschädlich gemachter Dynamik: ein springendes Pferd und ein Rennwagen.

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Nur die Figur auf dem zugegeben recht ausladenden Couchtisch sprengt das Gehäuse des superurbanen Geschmacks. An Siebenseemeilenstiefeln entlang, durch Mantelfaltencanyons hindurch gleitet der Blick bis zur Decke.

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Das soll Christoph Kolumbus sein, über den in Jacob Burckhardts „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ steht, von allen Entdeckern ferner Länder sei nur er „groß, aber sehr groß gewesen“. Hier: vier Meter.

An diesem Punkt 21 Meter über dem Erdboden steht Kolumbus seit 120 Jahren. Der ganze Platz heißt nach ihm: Columbus Circle. In diesem imaginären Mittelpunkt der Stadtwelt schneiden sich der Broadway, die Achte Avenue und die Boulevards der West- und der Südseite des Central Park. Hier kreuzen sich auch die Gleise der blauen, roten und orangenen U-Bahn-Linien, und wer neu in der Stadt ist, muss erst einmal memorieren, dass die 2 und die 3 hier gar nicht halten.

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Die italienischen Bürger von New York haben die Statue des Genuesen 1892 ihrer Stadt geschenkt, im Jahr der Vierhundertjahrfeier seiner Landnahme. Der Bildhauer Gaetano Russo vollendete das Werk in seinem römischen Atelier; es wurde wie sieben Jahre vorher die Einzelteile der Freiheitsstatue mit dem Schiff in die Neue Welt transportiert. Kolumbus kann sozusagen im transzendentalen Sinne als der Gründer von New York gelten: Er hat die Bedingungen der Möglichkeit dafür geschaffen, dass aus dem Urwald von Manhattan die blühendste Stadt des Erdkreises geworden ist.

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Apropos Kreis: Wie sinnig, dass sich die Granitsäule mit dem Standbild des übergroßen Entdeckers über einem Platz erhebt, dessen Grenzlinie mit dem Zirkel gezogen worden ist! Burckhardt machte die Größe des Kolumbus daran fest, dass er „sein Leben und eine enorme Willenskraft“ an die „Sicherung der Kugelgestalt der Erde“ gesetzt habe. Die stählerne Weltkugel vor dem Trump International Tower erinnert die Passanten am Columbus Circle an diese Leistung des Platznamensgebers.

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Kolumbus selbst bedarf dieser Gedächtnisstütze nicht und dreht dem Modell den Rücken zu. Mit seinen weit aufgerissenen Seefahreraugen liest er dem Verlauf der Achten Avenue die Erdkrümmung ab.

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Vor dem Aufbruch hatte Kolumbus alles Wissen über die Stürme zusammengetragen, auf die er sich gefasst machen musste. Dass er heil ankam, beweist, dass die Naturgewalten berechenbar sind. Folgt man der Darstellung von Jakob Wassermann in seiner Biographie über den „Don Quichote des Ozeans“, dann ging es auf dem Meer aufs Ganze gesehen friedlich zu. „Es ist immer wieder das Nämliche, was zum Ereignis wird: Abflauen und Auffrischen des Windes, gesichtete Vögel und Fische, die wundersamen Flächen grünen stillen Grases auf dem Wasser, die zarten Nebelbänke am Horizont, die die Hoffnung auf die Nähe von Land wecken, um dann schmerzliche  Enttäuschung zu hinterlassen, die Bahn der Sterne, ein schwimmender Zweig mit wilden Rosen, ein aufgefischtes Rohr.“ In der Stadt ist es immer wieder das Neue, das zum Ereignis wird. Das außerordentliche Vorkommnis, das im Logbuch des Kolumbus verzeichnet ist, war eine heftig bewegte See ohne den dazugehörigen Beweger in Gestalt eines Sturms. „Das ist noch nie geschehen, außer zur Zeit der Juden, als die Ägypter aus Ägypten auszogen, um Moses zu verfolgen.“

Dass kein amerikanischer Bildhauer 1892 den prestigereichen Auftrag erhielt und das Werk noch nicht einmal unter amerikanischen Augen angefertigt wurde, erklärte man mit dem singulären Rang der italienischen Kunstproduktion, der ungebrochenen Fortgeltung klassischer Maßstäbe: Eine in Italien hergestellte Statue konnte unbesehen auf jedem Platz der Welt aufgestellt werden.

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Der Japaner Tatzu Nishi ist ein Wanderarbeiter des globalisierten Kunstbetriebs, der bei seinen Installationen nach dem entgegengesetzten Prinzip der Mimikry ans Vorgefundene agiert. Er verfremdet Denkmäler, die er in maßgefertigte Hüllen auf Zeit steckt: Bau an der Kunst. In diesen begehbaren Schaukästen kommen Besonderheiten der lokalen Situation ans Licht, von denen die Konventionen der monumentalen Zeichensprache gewöhnlich ablenken. Im Auftrag des Public Art Fund hat Nishi das hundertzwanzig Jahre alte Werk Russos zugänglich gemacht. Der Titel der Arbeit: „Discovering Columbus“. Indem Nishi der Statue Boden unter den Füßen gibt, nimmt er eine Entsakralisierung des säkularen Säulenheiligen vor. Der Fußboden der Einzimmerwohnung schneidet die Säule ab: Unsichtbar sind der allegorische Apparat des Sockels und die Spolien der Entdeckerkarriere, die in die Säule eingelassenen Nachbildungen der Kiele der drei von Kolumbus kommandierten Schiffe.

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Der Besucher darf gewissermaßen Kolumbus sein: Die Einladung nimmt die aus der Anthropologie der Neuzeit vertraute kulturkritische Umkehrung der Entdeckungssituation auf. Lichtenberg notierte: „Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung.“ Der Europäer, der die Treppen des Gerüsts emporsteigt und aus dem schmalen Flur in den Salon tritt, macht die böse Entdeckung, dass der Kulturbotschafter des alten Kontinents keine repräsentative Figur abgibt. Der Admiral der Katholischen Könige sieht aus wie der König der Landstreicher. Sein linker Stiefel scheint von Motten befallen. Der rechte, unter dem Schirm der Mantelschöße, ist etwas besser erhalten. Am rechten Ellbogen ist der Ärmel zerrupft.

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Vom weißen Carrara-Marmor, dessen klassische Leuchtkraft in den Berichten über die Enthüllung des Denkmals gefeiert wurde, ist kein Schimmer geblieben. Amerika hat Kolumbus angefressen, die Luft der Freiheit kennt nur graue Eminenzen. Durch und durch bürgerlich wirkt der steinerne Gastgeber, wenn man ihn aus der Nähe betrachtet, mit den weichen Gesichtszügen und dem flockigen Hausmantel.

Nur durch die Ausgabe der mit Datum und Uhrzeit versehenen Tickets unterscheidet sich die Besichtigung von einem beliebten New Yorker Ritual, dem „open house“. Zu einem festgesetzten Termin darf man ein zur Vermietung oder zum Verkauf stehendes Objekt inspizieren. Die Interessenten müssen die Seriosität ihrer Absichten nicht durch Dokumente nachweisen. So bekommt man Häuser von innen zu sehen, in die man nie im Leben eingeladen würde. Die curiositas, die den größten Sohn Genuas über die Säulen des Herkules hinaustrieb, findet ihr Eldorado in der Privatsphäre der Reichen. Viele Eigentümer lagern allerdings vor der Öffnung des Hauses die Utensilien ihres wirklichen Alltags aus und ersetzen sie durch generische Requisiten des guten Geschmacks. Der unbelebte Eindruck des handverlesenen Mobiliars in diesem Luxusapartment mit traumhaftem Ausblick auf den Central Park ist also gerade lebensecht.

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Wo gar nichts zu entdecken ist, muss erst recht fotografiert werden. Man wähnt sich auf den Markusplatz versetzt; nur die hier nicht ganz so weltberühmten Tauben werden von den Fensterscheiben ferngehalten. Handtelefone gehen von Hand zu Hand, die Besucher fotografieren einander beim Fotografieren. Amerikaner benehmen sich nicht anders als Europäer, auch die New Yorker werden zu Touristen. In jeder Zimmerecke stößt man auf Japaner. Als ich Zutritt erhalte, ist auch ein japanisches Fernsehteam tätig. Spontan mache ich den Versuch, durchs Bild zu huschen, um mein Stückchen abzubekommen vom global umverteilten Ruhm. Eine Eisenhand packt meinen Arm. Sie gehört der Regieassistentin. An der anderen Hand hängt eine Papiertüte des Modekaufhauses Zara. Nun ja, der Diversifikation der Shopping-Gelegenheiten zuliebe hätte Kolumbus seine Expedition nicht unternehmen müssen.

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Der Eisengriff zeigt mir, dass die japanischen Kollegen hier Hausmeisterrechte wahrnehmen. Dann muss der silbergrauhaarige Japaner, der so begeistert in die Kamera spricht, der Künstler sein! Tatzu Nishi trägt braune Turnschuhe von Adidas, Bluejeans mit kleinen Löchern und ein blaues Hemd von Abercrombie and Fitch mit Kontrastkragen, aber ohne Krawatte. In dieser Uniform der Zwanglosigkeit könnte er als der Investmentbanker oder Medienmanager durchgehen, den man sich als den Eigentümer eines solchen Studio-Apartments ohne Kochgelegenheit vorstellen kann: ein Mann, dessen abenteuerlicher Lebensentwurf vorsieht, dass er keine Bleibe braucht, sondern ein exponiertes Provisorium. Nishis Statur lässt an ein Mitglied des New York Athletic Club denken, der ein paar Meter vom Columbus Circle entfernt seinen Sitz hat: Die Kleinen, Drahtigen, die geben was aus!

Nach ihrem illustren Landsmann interviewen die Fernsehleute einen Schwarzen, der berichtet, dass er Stadtführer ist. Jeden Tag muss er seinem Publikum die Statue erläutern. Jetzt habe er mit Kolumbus Freundschaft geschlossen. Die Bedenken, die von den Gedächtnisverwaltern der italienischen Gemeinde gegen den Auftrag an Nishi geäußert wurden, waren unbegründet: Niemand hat Kolumbus ausgelacht.

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Besonders schmeichelhaft für den alten Seebären ist die feinsinnig zusammengestellte Bibliothek. Das Penguin-Taschenbuch von „Moby Dick“ ist zerlesen. „The Lay of the Land“, Richard Fords Roman über die Wiederentdeckung des neuenglischen Festlands, steht neben dem Totenbuch der amerikanischen Großstädte von Jane Jacobs. Die Steve-Jobs-Biographie von Walter Isaacson, die derzeit in keinem gebildeten Haus fehlen darf, wirft die Frage nach der Größe der Erfinder und Unternehmer auf. Burckhardt neigte dazu, sie für ersetzbar zu halten, und merkte an, dass sich „auch die Entbehrlichkeit des Columbus behaupten“ ließe. Der Forschungsreisende Karl Ernst von Baer, als Humboldt des Nordens bewundert, hatte eiskalt festgestellt: „Amerika würde bald entdeckt worden sein, auch wenn Kolumbus in der Wiege gestorben wäre.“ Von der Vergänglichkeit des Ruhms handelt Robert Caros gewaltige Biographie des Stadtplaners Robert Moses. Das New York Coliseum, das 1956 unter der Aufsicht von Moses im internationalen Stil erbaute Kongresszentrum am Columbus Circle, musste im Jahr 2000 der Zentrale des Medienkonzerns Time Warner weichen.

Bild zu: Open House bei Kolumbus

So werden die Schöpfungen des großen Zerstörers ein Opfer der Nemesis. Den Gegenspielern der städtischen Baubehörde, den Grundstückhändlern und Großprojektemachern, setzen noch nicht einmal die Historiker Denkmäler. Eine Fußnote bei Burckhardt: „Vollends ist, wer bloß die Rente eines Bezirks steigen macht, noch kein Wohltäter der Menschheit.“

Bild zu: Open House bei Kolumbus

Als der Hurrikan Sandy sich der Stadt näherte, wurde der um die Kolumbusstatue herum gebaute Kasten, da öffentliches Eigentum, rechtzeitig mit zusätzlichen Befestigungen eingefasst. Drei Tage lang blieb die Ausstellung geschlossen, seit dem 1. November ist sie wieder zugänglich. Nach dem Abbau von Tatzu Nishis ephemerem Werk wird das Gerüst für die Restaurierung von Gaetano Russos Statue genutzt werden. Die New Yorker muss man rühmen, weil sie ihre Universität schon 1784 nach dem Neulandgewinner benannten und dadurch Burckhardts Urteil vorwegnahmen, der Beitrag des Kolumbus zur Selbsterkenntnis der Welt bringe ihn „mit den größten Philosophen in einen Rang“.

Fotos Bahners

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4 Lesermeinungen

  1. Wie sonderbar - das lärmende...
    Wie sonderbar – das lärmende Brausen der Millionenstadt, vom Sturm gar nicht zu reden, scheint Neubürger Patrick Bahners weder zu nerven noch abzustumpfen, sondern kundige Klugheit und genaues Beobachten zu fördern. Klagten früher, als Bahners im stillen Büro in der Hellerhofstraße dachte und schrieb, FAZ lesende Freunde und Freundinnen zuweilen, Bahners Artikel seien vermutlich gewiss äußerst lesenswert, doch leider ein wenig zu kompliziert geschrieben, sodass man nicht mit letzter Sicherheit wisse, ob sie wirklich lesenswert seien, so werden sie – dies meine Prophezeiung – nun mit größter Freude seiner klaren und gelassenen Prosa folgen. Falls sie bereit sind zu lernen (vielleicht hat’s da ja auch früher schon gehapert).
    Bitte auch den Konzertbericht vom 7. November lesen, lohnt sich schon wegen Bäcker Horowitz.

  2. Das klingt ja wie in alten...
    Das klingt ja wie in alten Tagen, als PaTRICK B. genau so klug und frei von der Leber weg im Donaldisten schrieb. Danke.

  3. Besser geht es einfach...
    Besser geht es einfach nicht!!!

  4. Die I-Phone-bewehrten Söhne...
    Die I-Phone-bewehrten Söhne an seiner Seite, stirbt dieser amerikanische Laokoon umschlungen von Poseidons Kreaturen, Mickey Mouse und Elvis, einen edel-einfältigen, stillen Tod. Groß, denn sein Mund ist geschlossen; einzig in der Armbeuge klafft der Riss der Leidenschaft — der Kontur indes bleibt ungefährdet. „Mit seinen weit aufgerissenen Seefahreraugen liest er dem Verlauf der Achten Avenue die Erdkrümmung ab.“ New York, du schönes Trans-Atlantis.

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