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New York, die erstaunlichste Stadt des Universums.

Hitlers Zähne am Times Square

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Times Square. Es bleibt immer etwas hängen. Nicht die Plakate allein ziehen Laufkunden aus der ganzen Welt an, obwohl auch die Bilderwände laufen gelernt...

Times Square. Es bleibt immer etwas hängen. Nicht die Plakate allein ziehen Laufkunden aus der ganzen Welt an, obwohl auch die Bilderwände laufen gelernt haben und die Filme ersetzen könnten, für die sie werben. Die Fußgänger strömen nicht nur deshalb auf diese Kreuzung, weil sie aufblicken wollen zu den Unberührbaren, den Supermenschendarstellern mit perfekten Zähnen. Es drängt die Menschen, sich an Menschen zu drängen. Sie treten sich auf die Füße, schieben sich aneinander vorbei, holen sich eine Abreibung. Und nehmen eine Fussel mit, ein Barthaar, einen Speicheltropfen. Alle hinterlassen Spuren, indem sie ihre Individualität verwischen.

Das New York Marriott Marquis Hotel am Times Square trägt zur Unterhaltung der Passanten nichts bei und wirbt nicht um ihren Besuch. Der Betonriegel zwischen der 44. und der 45. Straße ist das zweitgrößte Hotel von New York, hat aber keine Fassade wie ein Grandhotel oder ein Kaufhaus. John Portman, der Architekt, ist berühmt dafür, dass er die Schauseiten seiner Hotels ins Innere versetzt. Die Lobby ist ein glitzernder Hohlraum, der so hoch ist wie das Gebäude. Diesen Typus des sogenannten Atrium-Hotels entwickelte Portman in einer Zeit, als Investoren die Parole ausgaben, das öffentliche Leben der amerikanischen Großstädte lasse sich nur in geschlossenen Räumen retten.

Die New Yorker Variante wurde später fertig als geplant, 1985, nach jahrelangen Prozessen. Liebhaber des alten Times Square hatten sich nicht damit abfinden wollen, dass fünf Theater dem Neubau weichen mussten. Ein Theater gehört zum Haus. Gegeben wird „Evita“, unverwüstlich wie Beton. Der Times Square ist kein Platz, der zum Verweilen einlädt. Dieselbe Diskrepanz zwischen dem Namen und der Funktion bei Portmans Atrium. Beide Orte sind gewaltige Schleusen. Während die Besucherströme im Freien durch Kompression kontrolliert werden, herrscht in den Foyers von Portmans Hochhaus das Gesetz der Entzerrung. Die Menschenmassen werden sortiert und verteilt, auf Ballsäle, Restaurants und Tagungszimmer. Der Eingangsbereich mit den großen Rolltreppen hat die Anmutung eines U-Bahnhofs. Aber mit dem ersten Schritt kann man sofort Abstand herstellen und jede Berührung vermeiden. Die größte Attraktion ist die gläserne Aufzuganlage, die derzeit repariert wird.

Sechs Tage lang dient das Hotel als „Hauptquartier“ des Greater New York Dental Meeting. 50000 Zahnärzte, Versicherungsvertreter, Pharmalobbyisten und Bohrerfabrikanten nehmen an dieser Tagung teil, fünfundzwanzigmal so viele Menschen, wie das Marriott Marquis Betten hat. Am Times Square sind die Dentisten berufsstandesgemäß untergekommen: in der Mundhöhle des Molochs. Für jede Spezialbehandlungsmethode gibt es eine Unterorganisation. Am Abend des vorletzten Kongresstages treten die Experten für hoffnungslose Fälle zu ihrer Versammlung zusammen, deren Patienten nicht mehr den Mund aufmachen und unabhängig vom Grad des Bakterienbefalls an Karies im Endstadium leiden: die Mitglieder der New York Society of Forensic Dentistry. Das Hauptgeschäft der Gerichtszahnmediziner ist die Identifikation stark verwester oder verbrannter Leichen.

Die Sitzung findet im Wilder Room im dritten Obergeschoss statt. Der Raum heißt nach Billy Wilder und wird auf der Internetseite des Hotels in 360-Grad-Ansicht präsentiert, ist aber verwechselbar wie das Großraumbüro in „Das Appartement“. Alle Attrappen des luxuriösen Lebensstils wären in solchen Arbeitsräumen deplaziert. Zusammenkünfte hier dienen dem beruflichen Fortkommen der Teilnehmer und brauchen ein funktionales Ambiente. Die Forensiker haben täglich mit Kleinstlebewesen zu tun, die sich in verrottender Umgebung eingenistet haben, und vermissen die Schmuckelemente sowieso nicht.

Bild zu: Hitlers Zähne am Times Square

Am Rednerpult steht ein Gast aus der Stadt, deren Times Square die Domplatte ist. Mark Benecke, der global mobile und geradezu polymorph gewandte Kriminalbiologe, hat als Freiberufler keine Dienstmarke und stellt sich mit Ortsmarke vor. Er komme aus Köln: „Wir haben überall Leichen.“ Nicht nur – so viel zur Vergangenheitsbewältigung kurz vor dem 95. Geburtstag von Heinrich Böll – im Keller. Benecke, aus Rosenheim gebürtig, bestätigt das ethnographische Klischee und unterläuft es zugleich, indem er sich selbst als Kölner präsentiert, sich zu rhetorischen Zwecken gleichsam die DNA seines Studienorts ausleiht. Es ist allgemein bekannt, dass die Kölner gerne zwei Augen zudrücken. Benecke dagegen hat in Köln gelernt, die Augen aufzumachen. In einer mit Geschichte zugeschütteten Stadt hat er das Ausgraben übersehener Indizien zu seiner Sache gemacht.

Emblem der verräterischen Solidität des Unscheinbaren sind die Hartgebilde, die sich von unserer Außenhaut ableiten und im Laufe der Stammesgeschichte in den Mund gewandert sind wie die Balkone ins Innere von Portmans Hotels. „Zähne sind hart und fest und deshalb gut für mich“, bekennt Benecke in der festen Überzeugung, seinem Publikum damit nichts Überraschendes mitzuteilen. „Ihnen ist es wahrscheinlich ganz recht, dass die Leute sich nicht für Zähne interessieren.“ So dass ein Mörder bisweilen alle Körperteile säuberlich zum Verschwinden bringt, aber das Gebiss achtlos herumliegen lässt.

Das Thema des Vortrags ist die Prüfung der als Gebiss Adolf Hitlers im Moskauer Archiv des KGB asservierten Zähne, die Benecke vor elf Jahren im Auftrag des Fernsehablegers der Zeitschrift National Geographic vornahm. Der Zahnarztkongress ist eine Fortbildungsveranstaltung, auch Beneckes Vortrag ist als Kurs eingestuft. Vor und nach dem Vortrag diktiert der Präsident der New Yorker Totenzahnärzte die Kennziffer des Kurses. Die Teilnehmer können sich zwei Kreditpunkte gutschreiben lassen, einen weniger als im gleichzeitigen Grundlagenseminar zur kosmetischen Zahnchirurgie.

Allerdings fällt Beneckes Zugriff auch keineswegs systematisch aus. Er gleicht nicht die einzelnen verwitterten Gipfel des Hitlerschen Dentalmassivs vom Torheits- bis zum Bosheitszahn mit einem Schaubild des Standardgebisses ab, sondern breitet im klassischen Medium des Lichtbildervortrags die Geschichte seines Forschungsprojekts aus, einem Schatzsucher gleich, dem nur die gefüllte Kiste am Ende wichtig sein müsste und der dennoch jeder falschen Fährte noch einmal nachgehen will. Anfangs könnte man meinen, Benecke hätte aus der Abfallgrube des Kölner Stadtarchivs einen Diakasten geborgen und zeigte den Inhalt nun in rein assoziativer Ordnung.

Bild zu: Hitlers Zähne am Times Square

In parodistischer Manier führt Benecke den Habitus methodischer Vorsicht vor. Das bärtige Plüschmännchen im roten Mantel, das die deutschen Forscher im Hotelzimmer erwartet, hieße in Deutschland Nikolaus und in Amerika Santa Claus, heißt aber in Russland Väterchen Frost und ist eine ganz andere Figur. Einen gutmütigen Scherz auf Kosten der Gastgeber erlaubt sich der Redner, indem er von seinen amerikanischen Begleitern berichtet, sie hätten das Problem des Verstehens der fremden Kultur gemäß der Maxime „Passen wir uns an!“ lösen wollen und seien in ihren imitierten KGB-Uniformen erst recht aufgefallen.

Benecke hat im Bild festgehalten, wie leicht am Wachmann des Staatsarchivs vorbeizukommen war und wie leicht die Archivbenutzer die Siegel der Geheimbestände hätten erbrechen können. Eine Zeitlang scheint der Vortrag auf einen Triumph der Hermeneutik über die Materialanalyse hinauszulaufen. Die von der Moskauer Archivverwaltung getroffenen Maßnahmen zur Durchschleusung des Publikums wird man nicht Sicherheitsvorkehrungen, sondern eher Unsicherheitsvorkehrungen nennen. Undenkbar wirkt es zunächst, dass die Überreste des besiegten Todfeindes hier nicht gegen Kopien ausgetauscht worden sein sollen. Dann wäre die Schädeldecke nur noch als immaterielles Artefakt interessant, als Objekt konstitutiver Zuschreibungen wie das Weihnachtsmännchen im Hotel. Nur die klandestine Geschichtspolitik des Kreml bliebe als Untersuchungsgegenstand übrig, Stalins fixe Idee, Hitler könne sich nicht erschossen haben, da er ein unheilbarer Schwächling gewesen sei.

Bild zu: Hitlers Zähne am Times Square

Den Verfremdungseffekt der äußersten Tatsächlichkeit erzielt Benecke mit einem Foto, das die Archivdirektorin in ihrem Büro zeigt. Die Dame trägt so offenkundig eine Perücke, als hätte John Waters dieses Still inszeniert. Treuherzig blickt die Beamtin in die Kamera, eine unheimliche Verkörperung des Spießbürgertums, die den Comics von Daniel Clowes oder Dave Berg entstiegen sein könnte. Soll man von diesem Anblick noch auf eine Absicht der Tarnung schließen? Oder verliert sich im Alltag bürokratischer Routine jede Spur von Absichtlichkeit? Die Direktorin hat das Büro mit Tierpostern geschmückt. Das Hintergrundmotiv wie aus der Apotheken-Zeitung kehrt später wieder in Fotos, die die Untersuchung der Knochenreste zeigen.

Die entwaffnende Harmlosigkeit dieses ornamentalen Details ist hermeneutisch nicht einzuholen und restituiert die Denkmöglichkeit, die echten Beweisstücke für Hitlers Tod hätten hier den Kalten Krieg überwintert. In pittoresker Übersteigerung zeigt sich an der russischen Kulisse der Kontrast zwischen der symbolischen Ladung der Körperfragmente, die das Untersuchungsmaterial der Zahndetektive sind und meist auf ein Verbrechen, hier ein Menschheitsverbrechen, verweisen, und den prosaischen Umständen ihrer Aufbewahrung dank einem Leben, das seinen Gang geht. Dass Hitlers Schädel in einer durchsichtigen Diskettenbox aus den tiefen achtziger Jahren verwahrt wurde, ist ein Fall von Hintergedankenlosigkeit. Es gibt Datierungsfragen, die sich ohne Sinnfragen beantworten lassen.

Der Rechtshistoriker Miloš Vec diagnostizierte vor zehn Jahren in dieser Zeitung in seiner Rezension von Beneckes Buch „Mordmethoden“ eine „naturwissenschaftlich verengte Wissenschaftsgläubigkeit“ des Verfassers, die „in bemerkenswertem Kontrast zu Beneckes Umsicht und Vorsicht bei der kriminalistischen Spurenauswertung“ stehe (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/der-mensch-als-gummistiefeltier-11322492.html). Auch in Moskau diente die kulturwissenschaftliche Vorfeldaufklärung gleichsam nur der Reinigung des Labors. Die Belastbarkeit des Echtheitsbeweises hängt ab vom Naturcharakter der Daten, die Benecke zur Identifikation heranzieht. Ein hypothetischer sowjetischer Gebissfälscher hätte auch die Filmaufnahmen fälschen müssen, in denen Kollegen der New Yorker Fachzuhörer dieselben Zahnstellungen entdeckt haben. So erweist sich Benecke als Popperianer reinsten oder vielleicht besser trübsten Wassers, der durch keine Kontamination zu irritieren ist: Der „context of discovery“ der Moskauer Expedition hat nichts zu tun mit dem „context of justification“ der von Benecke vertretenen Echtheitsthese.

Wissenschaftsgläubig möchte Benecke freilich nicht erscheinen. Gleich zu Anfang des Vortrags hat er klargestellt, die Wissenschaft könne nicht beweisen, dass die von Rainald von Dassel nach Köln verbrachten, im Goldschrein im Dom eingesargten Gebeine nicht von den Heiligen Drei Königen stammen. Sehr wohl hält Benecke aber fest an der von Vec festgestellten Geringschätzung des Zeugenbeweises. Aus dem Publikum wird er darauf hingewiesen, dass der Historiker Lew Besymenski kein Zeuge der Bergung von Hitlers Leiche war, sondern aus eigenem Wissen nur über die späteren Aufklärungs- oder Verdunkelungsbemühungen berichten konnte.

Der durchtriebene Erzähler kehrt dann, als die Geschichte scheinbar schon abgeschlossen ist, noch einmal ins Labor zurück. Der „Spiegel“ verbreitete unlängst die Nachricht, der von Benecke untersuchte Schädel habe einer Frau gehört. Beneckes Erklärung: Verunreinigung des Objekts durch unsachgemäße und wissenschaftlich ohnehin folgenlose Beforschung. Und wen verdächtigt er, die eigene DNA auf der Hitleroberfläche hinterlassen zu haben? Die Archivdirektorin mit den Tierpostern! Das Perückenfoto ersetzt das Phantombild. Die Direktorin verweigert die Abgabe einer DNA-Probe. Deshalb die Perücke?

Benecke trifft im Wilder-Raum auf ein kundiges und konzentriertes Publikum. Als er nach dem Typ der Waffe gefragt wird, mit der Hitler sich erschossen haben soll, weiß jemand im Saal die Antwort: eine deutsche Luger. Ein Veteran der New Yorker Dentalforensik, Stanley Woods-Frankel, der gerade mit einem Kriminalroman über sein Fachgebiet debütiert hat, steuert eigene Forschungsergebnisse über Hitlers Zahnarzt Dr. Hugo Blaschke bei. Nur eine Dame in der ersten Reihe, mutmaßlich entweder nicht vom Fach oder eine Delegierte der Moskauer Akademie der Wissenschaften, wirft dem Vortragenden fortwährend ungläubige Fragen an den Kopf. Sie bezweifelt sogar, dass er das Moskauer Polizeiauto im klassischen Nachkriegsdesign 2001 noch fotografiert haben kann. Keine Unterstützung findet sie, als sie Benecke eine apologetische Absicht vorwirft: Als Deutscher habe er ein Interesse daran, dass Stalin unrecht gehabt habe und Hitler kein Schwächling gewesen sei. Benecke hat nicht verschwiegen, dass er Vegetarier ist.

Wer das Rekonstruieren zerschmetterter Gebisse zum Beruf macht, braucht Geduld. Benecke überfordert seine Zuhörer nicht, indem er achtzig Minuten lang redet. Viele bedanken sich hinterher persönlich. Alle, die ihn auf Köln ansprechen, oft unter Skizzierung der eigenen Familiengeschichte, erhalten von ihm als Geschenk ein Erfrischungstüchlein, in 4711 getränkt. Starke Gerüche weiß man in diesem Metier zu schätzen.

Von 1997 bis 1999 arbeitete Benecke im Labor des Obersten Gerichtsmediziners der Stadt New York. Heute gratuliert ihm einer der leitenden Beamten der Behörde: Durch Vorträge wie diesen sei man vorbereitet gewesen auf die Arbeit des Jahres 2001. Am Revers trägt dieser Zuhörer ein Abzeichen: die Neun und die Zwillingstürme. Bald nach dem 11. September besuchte Benecke seine ehemaligen Kollegen. Er bewunderte, wie professionell sie das grausige Geschäft der Identifikation verrichteten. Und er bemerkte, dass diese unheimliche Ruhe das Symptom ihrer Erschütterung war. Dass Gerichtsmediziner einen makabren Humor kultivieren, ist bekannt. Für die New Yorker Standesvertreter wird man das sowieso annehmen. Aber diese Berufserfahrung war hier einer Probe ausgesetzt, von der sie immer noch kaum erzählen können. Im grotesken Stil des Kollegen aus Köln erkennen sie eine Chiffrierung der furchtbaren Sachlichkeit, die von ihnen verlangt wurde.

Als Mark Benecke das letzte 4711-Tüchlein verteilt hat, stürzt er sich in das Getümmel auf dem Times Square.

Fotos Bahners

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3 Lesermeinungen

  1. <p>Woow... Super Beitrag. Hat...
    Woow… Super Beitrag. Hat mir viel Spaß gemacht, mal einen ausführlichen Artikel zu lesen, der dann auch noch so informativ ist :)

  2. <p>In dem Beitrag kommt...
    In dem Beitrag kommt wirklich alles Mögliche und Unmögliche vor, nur der wissenschaftliche Inhalt kommt etwas kurz.

  3. Danke für diesen...
    Danke für diesen ausführlichen Beitrag !

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