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Grand Central

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New York, die erstaunlichste Stadt des Universums.

Das deutsche Wochenende von New York

Es darf nichts ausgeschenkt werden, wenn die Festwagen deutscher Bierkneipen durch Michael Bloombergs New York ziehen. Vor der Bundestagswahl trainiert man auf der Steuben-Parade die Ernüchterung.

Es ist eine kalendarische Fügung, dass die Steuben-Parade in diesem Jahr am Tag vor der Bundestagswahl stattfindet. Genauer muss man umgekehrt sagen: Die Bundestagswahl findet am Tag nach der Steuben-Parade statt. Den Umzug von Vereinen zur Pflege deutscher Traditionen gibt es in New York seit 1957, dem Jahr, als CDU und CSU bei der Wahl zum 3. Deutschen Bundestag die absolute Mehrheit der Wählerstimmen errangen. Das Motto der Kampagne von Bundeskanzler Konrad Adenauer: Keine Experimente. Der dritte Samstag im September ist im New Yorker Festkalender für die Deutschamerikaner und ihre Freunde reserviert.  Die Fifth Avenue wird zwischen 61. und 86. Straße für den Autoverkehr gesperrt. Wenn man sich als Zuschauer im südlichen Teil des Festbezirks einen Platz auf der rechten Straßenseite sucht, bildet der Central Park die grüne Kulisse des Festzugs, erscheint die deutsche Kultur als die fortgesetzte, beharrliche, mit Handwerkerfleiß und allerbestem Willen vorangetriebene, wenn auch immer wieder abreißende Bemühung, sich von einer Natur abzuheben, auf deren Güte man weiterhin vertraut.

© BahnersSo wird sich lange kein FDP-Politiker mehr feiern lassen können: Harald Leibrecht als Grand Marshal der Steuben-Parade.

Drei Persönlichkeiten, denen die Organisatoren Verdienste um die deutsch-amerikanische Freundschaft zuschreiben, dürfen sich mit dem Titel eines Grand Marshal der Steuben-Parade schmücken und eine blaue Schärpe mit Goldrand umhängen. 2007 erwies Henry Kissinger uns die Ehre, diese Ehrung anzunehmen. In diesem Jahr ist das Kaliber nicht so groß: Die Marschälle sind der Fußballer Werner Roth, einst Kapitän von Cosmos New York, der Bierbrauer Christian Dinkelacker, Aufsichtsratsvorsitzender der Stuttgarter Kickers, und Harald Leibrecht, der Koordinator der Bundesregierung für die transatlantischen Beziehungen. Leibrecht ist Bundestagsabgeordneter der FDP und weiß schon am Tag vor der Wahl, dass er aus dem Parlament ausscheiden wird. Er hat auf eine neue Kandidatur verzichtet.

Die Privilegien der Großmarschälle sind nicht so groß, wie der Titel vermuten lassen könnte. Ein Marschall darf nicht etwa dem Fußvolk in einem Mercedes vorausfahren und sich zujubeln lassen. Die Ehrengäste gehen zu Fuß und damit mit gutem Beispiel voran. Integration, das ist eine der Botschaften des öffentlichen Rituals der Parade, das fast alle ethnischen Gemeinschaften New Yorks pflegen, ist belohnte Ausdauer. Vom Staatsmann hat Leibrecht das Silberhaar und die stattliche Statur. Seine Schärpe hängt nicht schlaff herunter, sie wölbt sich wie das Staatssegel im Wind guter Konjunkturzahlen. Gleich hinter der Gruppe der Honoratioren beginnt der Wahlkampf. Wie das? Als Deutscher im Ausland muss man doch bis zum 1. September seinen Antrag auf Eintragung ins Wählerverzeichnis gestellt haben. Wird hier das Wort Richard Wagners in die Tat umgesetzt, deutsch sei es, die Sache, die man treibe, um ihrer selbst willen zu treiben?

© BahnersSo etwas nennt man nicht Stimmenkauf: Der Ausschank von Wahlgeschenken ist untersagt.

Aber es sind nicht Junge Liberale aus dem Tross des Abgeordneten Leibrecht, die die Schaulustigen hinter den Absperrgittern ansprechen, weil sie keine Stimme zu verschenken haben. Die ältere Dame im eleganten Trachtenkleid hat ein Schild in der Hand, das für Joe Lhota wirbt, den republikanischen Kandidaten für die New Yorker Bürgermeisterwahl im November. Lhota marschiert in der letzten Reihe der Honoratioren mit. Er fällt nicht weiter auf, und es ist völlig ungewiss, ob diese Unauffälligkeit im Wahlkampf gegen den demokratischen Volkstribun Bill De Blasio für Lhota Handicap oder Trumpf sein wird. Sind die New Yorker wirklich die Managementmethoden müde, die der Amtsinhaber Michael Bloomberg in die Stadtregierungsgeschäfte einführte, oder nur die Allüren, die Bloomberg sich wegen seines Reichtums leisten konnte?

Lhota strahlt bärtige Kompetenz der grimmigen Spielart aus, er war Chef der New Yorker Verkehrsbehörde und könnte auch einen sozialhistorischen Sonderforschungsbereich leiten, einen Sparkassenverband oder die sozialdemokratische Fraktion im Europaparlament. Man möchte auf einen Anteil von 99,5 Prozent deutschem Blut in seinen Adern tippen, aber bei der Recherche im Familienarchiv hat er unter seinen Vorfahren lediglich Tschechen, Russen, Engländer, Italiener sowie ein paar Iren gefunden. Da würde wohl auch die German Genealogy Group mit ihren lustigen schwarzrotgoldenen Hüten vergeblich graben.

© BahnersIhre Stammbäume lesen sich nicht wie Romane: Die German Genealogy Group verspricht deutsche Wertarbeit.

Auch Lhota trägt eine blaue Schärpe, aber ohne Goldrand, ist kein Marschall, sondern lediglich eine Art Fähnrich. Seine Wahlhelferin ruft jedem einzelnen Zuschauer ein herzliches „Grüezi“ zu. Sicherheit, Verlässlichkeit, Präzisionsarbeit: Wir müssen damit leben, dass trotz allen steuerdiplomatischen Konflikten die Schweizer in Amerika immer noch als die besseren Deutschen gelten.

Lhota spekuliert womöglich auf die Ernennung zum Ehrenoberst der Basler Polizeimusik, die hinter den Honoratioren die lange Reihe der Spielmannszüge eröffnet und mit Höchstleistungen rhythmischer Feinabstimmung eine

© BahnersBläst demnächst vielleicht auch deutschen Steuerhinterziehern den Marsch? Die Basler Polizeimusik.

imposante Visitenkarte der Konkordanzdemokratie abgibt. Die symphonieorchesterstarke Basler Abordnung bildet auch einen Kordon zwischen dem Bürgermeisterkandidaten und dem kleinen Trupp deutschstämmiger Polizeibeamter im Dienst der Hafenbehörde von New York und New Jersey. Im Vorwahlkampf hatte Lhota sich eine Demonstration unbedachter Angriffslust im Stil von Peer Steinbrück geleistet, indem er von den Angehörigen dieser unter anderem für den Busbahnhof an der 42. Straße zuständigen Polizeitruppe sagte, sie seien nichts Besseres als „mall cops“, die Sicherheitsleute im Supermarkt mit ihren schlecht sitzenden Phantasieuniformen. Die Aufregung war gewaltig, weil auch die Polizisten der unbeliebten Hafen-, Flughafen- und Brückenbürokratie, selbst wenn das New York Police Department den ehrgeizigeren Nachwuchs hat, naturgemäß einige Märtyrer der Rettungsarbeiten des 11. September stellten.

In den Kommentaren der Lokalpresse war nie davon die Rede, dass Lhota auch die Angestellten der privaten Wachdienste beleidigt hatte. Trotz ihrer großen Zahl repräsentieren sie offenbar keine Organisationsmacht, die im Wahlkampf mobilisiert werden könnte. Die privat beschäftigten Sicherheitsleute schicken auch keine Fahnen- und Transparentträger zur Steuben-Parade. Das wird nichts mit einem mutmaßlich niedrigeren Anteil der Deutschstämmigen in dieser Branche zu tun haben, sondern damit, dass die Arbeitgeber jegliche Gruppenbildung missbilligen. Der Gedanke an Traditionspflege kann also gar nicht erst aufkommen. So zeigt sich in der Parade – und das hat überhaupt nichts mit Deutschland zu tun – eine Stadtgesellschaft, in der die Uniformträger im öffentlichen Dienst die erste Ehrenstelle einnehmen.

© BahnersHoffentlich ist der Durst nicht gelöscht, bevor wir kommen.

Polizisten und Feuerwehrleute bilden die erste der sieben Abteilungen des Zuges. Sie sind die wahren Honoratioren. Zollbeamte und Gerichtswachmeister haben ihre eigenen Steuben-Kapitel. Die Feuerwehrwagen werden auch deshalb mit Sonderjubel begrüßt, weil offenbar nur die Feuerwehr ein Budget für kulinarische Volksbelustigung hat. Feuerwehrmänner und Feuerwehrliebchen werfen Bonbons unter oder besser vor die Leute.

© BahnersBlieb nicht lange liegen. Nach dem letzten Wagen mit dem Vorstand der Steuben-Gesellschaft kam sofort die Müllabfuhr.

Die meisten finden den Weg in die Zuschauermünder nicht, weil sie nicht über die Absperrgitter geflogen sind. Dass Spezialschläuche den süßen Gaben Nachdruck verleihen, schließen die Vorschriften offenbar aus. Aber Kamelle auf der Straße sind immer noch Kamelle. Später rollt die New Yorker Ausgabe des Kölner Dreigestirns vorbei. Prinz, Farmer und Jungfrau haben eine Eskorte aus eingeflogenen echt kölschen Jecken, kommen aber mit leeren Händen.

© BahnersDie roten Funken sind übergesprungen.

Deutsche Bierkneipen, deren Beliebtheit angeblich zunimmt, bieten Festwagen auf und haben augenscheinlich keine Schwierigkeiten, ausgelassene junge Damen zu rekrutieren, die gefüllte Biergläser schwenken. Ausschenken dürfen sie an die Zaungäste in der Stadt Michael Bloombergs nichts. Der Biergarten Zum Schneider im East Village ist das einzige Lokal, dessen Angestellte etwas anderes als Werbeprospekte verteilen: kleine Laugenbrezeln. Auf dem Wagen von Zum Schneider fährt eine Live-Band mit, die der voraustänzelnden Live-Fußballmannschaft aus Stammgästen einheizt. Als die Punkdirndlträgerinnen auf dem Wagen den Kultlokalanspruch beglaubigen, indem sie den Wagen fast zum Kentern bringen, ruft der Bandleader im Bierkönigsornat ihnen zu: „Seid’s crazy, aber nicht zu crazy!“

© BahnersHier werden auch Gaullisten integriert.

Die Choreographen, Tambourmajore und Wagenbauer der Steuben-Parade sind überhaupt nicht crazy. Erfolgreiche Assimilation soll gezeigt werden, da verbietet sich das Streben nach Originalität. Die Wagen sind keine Pointen auf Rädern wie im Karnevalszug. Der gemeinsame Wagen, mit dem die Generalkonsulate von Deutschland und Frankreich den fünfzigsten Jahrestag des Elysee-Vertrags feiern, fällt durch sein figürliches Bildprogramm auf. Die Trachten von Repräsentantinnen französischer Regionen, die als Ehrenjungfrauen den Pappkameraden De Gaulle und Adenauer das Geleit geben, sorgen für erfreuliche Abwechslung im Dirndl-Einerlei.

© Bahners„Wie rührend! Wir werden ja empfangen wie General de Gaulle!“

Schwarz-rot-goldene Zahnräder sind das Emblem der „Skills Initiative“, mit dem die deutsche Botschaft in Washington für das deutsche Modell der beruflichen Bildung wirbt. Blind verlassen sich auf die deutsche Herrschaft über die Technik die Gäste der Wahlparty des Generalkonsulats im Deutschen Haus gegenüber dem Uno-Gebäude am Sonntagmittag. Kurz vor Schließung der Wahllokale ist die Leinwand, auf die das Programm der ARD projiziert werden soll, immer noch weiß. In der versammelten deutschen Kolonie nimmt man an, die Gastgeber wollten die Spannung steigern. Während des Countdowns erläutert Harald Leibrecht auf Bitten von Klaus Prömpers, dem ZDF-Korrespondenten in New York, das deutsche Wahlrecht.

© BahnersVorsprung durch Technik? Sogar das „New York Times Magazine“ lobte unlängst das deutsche System der beruflichen Bildung.

Obwohl Leibrecht 1961 in Illinois geboren wurde und sein Vater, ein Theologe, ein Unternehmen in der durch und durch amerikanischen Wachstumsbranche der Bildungszertifikatsproduktion gründete, das sich Universität nennt, begegnete den Amerikanern in der Person des scheidenden Koordinators der transatlantischen Beziehungen noch einmal ein älterer, romantischer Typus des Deutschen: der Umstandskrämer, der sich trotz allerbestem Willen nur schwer verständlich machen kann. Im Sinne einer List der pfründenzuteilenden Vernunft kam darin zum Ausdruck, dass die Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten vielleicht gar keiner Koordinierung bedürfen. Leibrecht gesteht ein, dass er selbst kaum versteht, wie die Zahnräder von „overhang mandates“ und „mandates of compensation“ ineinandergreifen.

Als Leibbrecht seine Erklärung abbricht, schließen in Deutschland die Wahllokale. Die Leinwand bleibt weiß. Aus unbekanntem Grund passen die Stecker, die Zahnräder von heute, nicht zusammen. Die Gesellschaft muss sich ins Erdgeschoss verfügen, wo auf einem Großfernseher rund um die Uhr das Fernsehprogramm der Deutschen Welle läuft. Allerdings lässt sich der Ton nicht hinreichend aufdrehen. Außerdem hat es das Auslandsfernsehen schwer, in Berlin an Interviewpartner zu kommen. Die Zeit des Wartens auf die erste Hochrechnung muss DW-TV mit Archivmaterial füllen. Als man absehen kann, dass die Behebung der technischen Probleme so unwahrscheinlich ist wie das Klettern der FDP über die Fünf-Prozent-Hürde, erteilt Prömpers noch einmal Leibrecht das Wort. Der bald mandatlose Abgeordnete ohne Aussicht auf Kompensation wirkt geradezu gelöst. Prächtiger konnte er nicht zum Abschluss seiner Arbeit schreiten als in der Schärpe des Grand Marshal der Steuben-Parade, die jetzt schon gefaltet in seinem Koffer im Hotelzimmer liegt

© BahnersVor dem Gym war der Turnerbund.

Lars Halter, der Wall-Street-Reporter deutscher Privatsender, der seit 2005 als General Chairman der Parade amtiert, hat gelegentlich wissen lassen, er sei „an“ Arnold Schwarzenegger „dran“. Der frühere Gouverneur von Kalifornien wäre zweifellos ein Inspirator für die Kraftathleten des Vereins der Turner von 1850, die über einem fahrenden Barren ihre glänzenden Muskelpakete rotieren lassen. Aber selbst wenn Schwarzenegger in diesem Jahr das schmale österreichische Kontingent verstärkt hätte: Harald Leibrecht hätte ihm, obwohl der Satz als Motto für jeden Fußsoldaten in General Steubens postumer Armee taugen könnte, das „I’ll be back“ wohl nicht nachgesprochen.

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