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New York, die erstaunlichste Stadt des Universums.

Väter der Klamotte: Mary Beard hat Spaß an den alten Römern

Es soll bloß niemand sagen, Latein sei etwas für verwöhnte Jungs: Die Althistorikerin aus Cambridge macht auch dort Eroberungen, wo Asterix keine Siege feierte.

„Was haben die Römer je für uns getan?“ Das Lustige am Schulbeispiel für das selbstmörderische Risiko der rhetorischen Frage aus dem Monty-Python-Film „Das Leben des Brian“ ist, dass jedermann die Antwort kennt. Alles haben die Römer für uns getan; wer ihre Monumente sehen will, braucht sich nur umzublicken. Des Katalogs der imperialen Wohltaten, den die Delegierten des Zentralkomitees der palöopalästinensischen Befreiungsorganisation in zunehmend eifrigen Wortmeldungen zusammentragen, bis ihr Anführer kapituliert, bedürfte es gar nicht mehr. Ist zu befürchten, dass der Gag schon bald nicht mehr zündet? In der akademischen Beschäftigung mit der Geschichte dominiert heute eine Stimmung, die das Kontingente und Konstruierte aller historischen Zusammenhänge betont. Werden die Römer, wenn dieser Geist erst einmal die Schulen erreicht hat, den Ruhm des Herrschervolks der Nachhaltigkeit verlieren? Mary Beard, die prominente Althistorikerin aus Cambridge, will uns die Augen dafür öffnen, dass unsere materielle und geistige Umwelt immer noch von römischer Infrastruktur geprägt ist.

© A DonMary Beard am Tag der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität von St Andrews

In einem der kleineren Vortragssäle des 92Y, des jüdischen Kulturzentrums auf der Upper East Side, stellte sie ihr jüngstes Buch vor, „Confronting the Classics“, dessen amerikanische Ausgabe bei Liveright erschienen ist, Robert Weils exquisitem Imprint im Hause Norton. In den nachklassischen Zeiten war die klassische Bildung Indiz der Vornehmheit und Mittel zur Abgrenzung vom gemeinen Volk. Mary Beard lässt beträchtliche Anteile ihrer gewaltigen professionellen Energie in die Popularisierung der klassischen Studien fließen. Sie schreibt nicht nur in den drei großen kritischen Journalen „Times Literary Supplement“, „New York Review of Books“ und „London Review of Books“ Rezensionen zu altertumswissenschaftlichen Gegenständen für Leser mit anderem fachlichen Hintergrund, sondern ist in dem Blatt mit dem größten Rezensionsumschlag, dem TLS, zugleich die zuständige Redakteurin – schon seit 1992. Ihr neues Buch versammelt ihre Besprechungen; bei kaum einem anderen Altertumswissenschaftler würde ein Buch dieser Gattung in einem Publikumsverlag erscheinen. (Die Liste ihrer bisherigen Veröffentlichungen auf der Rückseite des Schmutztitels unterschlägt dennoch ihre eher spezialistischen Bücher wie „The Invention of Jane Harrison“ über die exzentrische Avantgardistin der anthropologischen Altertumsforschung, die in Cambridge am selben College lehrte wie sie.)

Auf der Seite des TLS führt sie auch ihren Blog „A Don’s Life“, das meistgelesene Internettagebuch aus der akademischen Welt. Ein breiteres Publikum erreicht sie als Fernseherzählerin, zuletzt mit einem Film über Caligula. Ihre Erfolge in diesem Genre – in Analogie zur Geschichtsschreibung könnte man von Geschichtsbebilderung sprechen – trugen ihr Einladungen in andere Unterhaltungssendungen ein, so dass sie in Großbritannien auch Fernsehzuschauern ohne Lateinkenntnisse nicht bloß ein Begriff ist, sondern lebhaft vor Augen steht mit ihrer silbergrauen Mähne, die sie regelmäßig schüttelt vor Zorn über Angeberei oder Unverstand. Sie wurde in Shropshire geboren. Ihr unverkennbar englischer Akzent lässt nicht an feinen Oxford-Zwirn denken, sondern eher an wetterfestes Sackleinen. Auf keinen Fall soll gebildet heißen, dass man sich verstellt.

© A DonMary Beard spricht ein römisches Wort zum Neujahrstag – in einer BBC-Parodie der BBC-Sendung „Thought for the Day“.

Um zu zeigen, dass ein zeitgemäßer Humanismus sich nichts Menschliches vom Leibe hält, kommentierte Mary Beard in ihrem New Yorker Vortrag zunächst einen Satz aus der Einladung des Veranstalters: Stimmt es, dass die Römer sich nicht die Zähne geputzt haben? Nach den Maßstäben altehrwürdiger Reichsgeschichte ist die Zahnhygiene ein entlegenes Thema. Oder doch nicht? Die ersten beiden Errungenschaften auf der von den beflissenen Reichsfeinden im „Leben des Brian“ zusammengestellten Liste sind Aquädukte und Abwasserwirtschaft. Weltherrscher stellen sich selbst Revolutionäre als Saubermänner vor. Und tatsächlich wird man im Herzen des Reiches fündig, zu Füßen einer Hauptsehenswürdigkeit des Forum Romanum, die auf keinem Panorama des alten Rom fehlen darf. Der Tempel der Zwillingshalbgötter Castor und Pollux, von dem nur noch drei Säulen stehen, bot in seinem Untergeschoss Platz für Ladengeschäfte. In einem davon hatte ein Zahnausreißer seine Praxis. 86 Zähne aus dem ersten Jahrhundert nach Christus wurden in einem Abflussrohr ausgegraben, unten mit intakten Wurzeln, oben furchtbar zerfressen – eine detaillierte Aufschlüsselung der Befunde findet man in einem Aufsatz des Jahrgangs 2012 der Zeitschrift „Caries Research“.

© AKGDer Zahnarzt, der im Untergeschoss des Castor-und-Pollux-Tempels praktizierte, hat gar nicht gebohrt. So hatte der Zahn der Zeit leichtes Spiel.

Als die Tempel auf dem Forum noch keine Ruinen waren, trugen die Besucher Ruinen im Mund herum. Mary Beards alltagsgeschichtliche Miniatur stellt den Vanitas-Topos der Historienmalerei auf den Kopf: Wo der Betrachter gewohnt ist, auch in der herrlichsten Stadtkrone schon die Stümpfe eines zweiten Troja zu erkennen, da sind die schlechten Zähne der Römer, die den Satirikern endlosen Stoff für folgenlose Klagen lieferten, ein kurioses Symbol für die Unverwüstlichkeit ihrer Lebensform.

Was haben die Alten uns heute zu sagen? Sind sie noch relevant? Schüler hassen diese Fragen, die Einladung zur Wichtigtuerei. Dann lieber Vokabeltest! Mary Beard führte das Nachleben der Antike nicht an Objekten der Hochkultur vor, sondern an Werken der volkstümlichen Unterhaltung. Der Gedanke, dass für den Zugang zur alten Welt die Überwindung einer Schwelle nötig ist, soll sich gar nicht erst einstellen. Klamotten wie die Fernsehserie „Up Pompeii“ und der Film „Carry On Cleo“ parodieren nicht die Antike, sondern die Idealisierungen der modernen Antikenrezeption, allerdings nicht in quellenkritischer Absicht, sondern mit allen Freiheiten einer drastischen Phantasie, die Mary Beard für genuin römisch zu halten geneigt ist und in der satirischen Dichtung ebenso wiederfindet wie in der polemischen Historiographie des kaiserlichen Hofes.

© Warner BrothersFür „Carry on Cleo“ wurden Kostüme und Kulissen des Kleopatra-Films von Joseph Mankiewicz wiederverwendet.

So erfreut sie sich an den Zutaten des Drehbuchautors Jack Pulman zur BBC-Verfilmung von „Ich Claudius, Kaiser und Gott“, dem Roman von Robert Ranke-Graves: Dass Livia, die Gemahlin des Augustus, ihn ermordet haben soll, indem sie Feigen mit Gift bestrich, ist im Roman ein Gerücht, das erst ganz am Ende durch ihr Geständnis verifiziert wird; in der Fernsehfassung agiert die Giftmörderin vor den Kulissen. Das Kongeniale solcher Ausschmückungen tendenziöser Quellen vergnügt Mary Beard: Nebenbei erledigt sie elegant die Grobiane, die sie im Internet wegen ihrer Frisur oder ihrer politischen Ansichten verhöhnen, wenn sie sich an einer misogynen Legende delektiert wie ein römischer Feinschmecker an Rinderfüßen à la crème oder in Auerochsfett gebratenen Schweinskaldaunen.

© BBCHatte sie nicht wenigstens einen Koch bei sich? Nein, Livia (Sian Phillips) bestrich die Feigen eigenhändig mit dem Gift.

Mary Beard beschwört kein Reich zeitloser moralischer und ästhetischer Werte, um das Interesse an der Antike zu wecken. Der Klassizismus ist in ihrer Darstellung eine Episode in der Überlieferungsgeschichte: Die Graecomanie war eine Mode, die nur aufkommen konnte, weil die Griechen mit uns vergleichsweise wenig zu tun haben. Kontinuierliche Weitergabe von römischem Material, Redewendungen, Gesetzen, Denkmustern und anderen Werkzeugen und Einrichtungsgegenständen, liefert der Neugier ihr Futter. Das Signet von Mary Beards amerikanischem Verlag ist ein schreibender Mönch. Die Mönche schrieben auch heidnische Texte ab. Es habe seit den Lebzeiten Vergils keinen Tag gegeben, postulierte die Rednerin, da dessen Aeneis nicht irgendwo gelesen worden sei. Das ist ein positivistischer Begriff von literarischer Ewigkeit. Genau dasselbe Beispiel verwendete im vorvergangenen Jahrhundert der Historiker Thomas Babington Macaulay, Absolvent und Fellow des Trinity College in Cambridge, um dem radikalen quellenkritischen Zweifel eine Grenze zu ziehen. Er war geneigt, das Grab Vergils, das Touristen auf einem Hügel in der Nähe von Neapel gezeigt wurde, für echt zu halten, da der Dichter in Italien immer Leser gehabt habe, die ein Interesse daran gehabt hätten, die Erinnerung an diesen Ort zu bewahren.

© Monty PythonKennt die lateinische Sprache so viele Euphemismen für „sterben“ wie die englische?

So haben auch Mary Beards Argumente, dem Gestus des Unverblümten zum Trotz, ihre Vorgänger. Schwierig ist es, eine neue Satire zu schreiben: Auch die Komik von Monty Python mag sich bei näherem Studium als Hinterlassenschaft der Römer erweisen – obwohl Mary Beard im Buch die These eines von seiner Sache allzu begeisterten Forschers zurückweist, der „Philogelos“, die einzige auf uns gekommene antike Witzsammlung, enthalte die Urform des Sketches um den toten Papagei. Soeben hat sie das Manuskript ihres Buchs über antikes Gelächter abgeschlossen.

Müssten die Amerikaner nicht mit dem vollen Brustton der Spätgeborenen fragen dürfen, was die Römer eigentlich für sie getan hätten? Dass Asterix in den Vereinigten Staaten nie so populär geworden ist wie in Europa, führt Mary Beard darauf zurück, dass Amerika nie ein Teil des römischen Reiches war. In ihrem New Yorker Vortrag vermied sie aber jede Andeutung, dass sie sich als Gelehrte aus Cambridge zu einem amerikanischen Publikum besonders weit herablassen müsste. Unter den Zuhörern herrschte ein bildungsbürgerlicher Habitus vor; nicht wenige dürften wohl selbst Lateinlehrer von Beruf sein. Aber hier wird es nicht als Kränkung empfunden, dass Mary Beard nichts voraussetzt und die klassischen Traditionsbestände nicht als vertraute Erbstücke beschreibt, sondern eher als Entdeckungen vom Flohmarkt, die man um keinen Preis wegwerfen sollte.

Sie wurde um einen Kommentar zu Harold Macmillans Diktum gebeten, Großbritannien solle sich nach dem Untergang des Empire damit begnügen, die Rolle Griechenlands für Amerikas Rom zu spielen. Mary Beard lachte und wies zunächst auf das Moment der Dreistigkeit in diesem Programm einer zivilisatorischen Mission hin: In der Suezkrise hatten sich die Briten gerade erst als komplette Dilettanten in der Staatskunst erwiesen – und prompt boten sie sich als Lehrer in allen feineren Fertigkeiten an. Charakteristisch für Mary Beards enthusiastische Sachlichkeit war aber, dass sie dem Zitat, das sie soeben als klassischen Fall des ungedeckten Auftrumpfens analysiert hatte, dann doch noch einen Sitz im Leben zuwies – unter Rückgriff auf ihr eigenes. Bei ihrem ersten Besuch in New York – „ich hatte noch nie einen Wolkenkratzer gesehen“ – habe sie selbst geglaubt, dasselbe zu empfinden wie ein Grieche in Rom, „an einem Ort von solcher Macht“. So traut sie Macmillan, dem in Oxford ausgebildeten Fuchs, zu, dass nicht nur Bücherweisheit in seinen schlauen Spruch einging, sondern auch unvermitteltes Staunen.

© A DonAus Anerkennung für Verdienste um das Imperium: Ordenszeichen des Order of the British Empire, in den Mary Beard Anfang 2013 aufgenommen wurde

Wenn Mary Beard redet, redet sie nie ausschließlich von der Antike. Die Rede über die Frage, ob das Studium der alten Welt eine Zukunft hat, die sie im November 2011 zu Ehren von Robert Silvers, dem Chefredakteur der „New York Review of Books“, in der New York Public Library hielt, setzte an bei einem Theaterstück von Terence Rattigan, „The Browning Version“. Der Titel bezieht sich auf Robert Brownings Übersetzung des „Agamemnon“ von Aischylos. Vorher ließ die Rednerin Momente eines Rattigan-Revivals des Jahres 2011 Revue passieren, darunter den Film „The Deep Blue Sea“ mit Rachel Weisz in der Rolle der Gattin eines Richters, die mit einem Piloten durchbrennt. Der Text der Rede bildet nun die Einleitung zur Sammlung der Rezensionen; Rachel Weisz, die in Cambridge englische Literatur studierte, hat vor Livia, Kleopatra und Elizabeth Taylor ihren Auftritt. Im 92Y waren Rachel Weisz und ihr Ehemann Daniel Craig unter den Zuhörern. Sie spielen die Hauptrollen in Harold Pinters Ehedrama „Betrayal“ von 1978, das am 27. Oktober seine dritte Broadway-Premiere feiern wird.

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