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Grand Central

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New York, die erstaunlichste Stadt des Universums.

Spannung wie im Bilderbuch: Eine Versteigerung in Manhattan

Im Museum hängen Bilder nach Epochen geordnet. Anders in den Räumen eines Auktionshauses: Das Durcheinander an der Wand verheißt dem Bieter, dass er Überraschungen erleben wird. Und so kommt es auch.

Wenn man die Galerie betritt, fallen einem zuerst der graue Teppichboden, ein massiver Holztisch in der Mitte des Raumes und die vielen Bilder auf, welche die Wände tapezieren. Sie sind nicht besonders groß, und die Anordnung sieht auf den ersten Blick ein wenig willkürlich aus: Karikaturen von Politikern und Kritikern reihen sich an Aquarellbilder von Mäusen in Obstkörben, Bilder von imposanten Frauen und Männern, gekleidet nach der feinen Mode des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, an Zeichnungen wohlbeleibter Genussmenschen, die in der Hölle schmoren. Doch diese Willkür stört keineswegs. Es macht Spaß, wie in einem Bilderbuch Seite für Seite genau zu betrachten, und sich immer wieder von der Aussagekraft der einzelnen Werke überraschen zu lassen. Bei der Galerie, die ich beschreibe, handelt es sich um das Auktionshaus Swann, in der 25th Street, Nummer 104, an der Lower East Side in Manhattan. Der Ausstellungsraum befindet sich im sechsten Stock eines eher unscheinbaren Geschäftshauses mit kleinem Foyer. Der nicht allzu große und ein wenig verwinkelte Saal bietet aufgrund seiner 271 Werke im Rahmen der Ausstellung „20th Century Illustration“ aber genug Stoff, um sich mindestens eineinhalb Stunden zu beschäftigen.

Heute besuche ich eine der Auktionen, die in der Galerie selber stattfinden. Das Schöne dabei ist, dass man während des Events von den zu ersteigernden Bildern umgeben ist, was den Enthusiasmus und Wetteifer der Bieter nur noch erhöhen dürfte. Vor den Sitzplätzen des Publikums befinden sich ein Rednerpult, ein Tisch mit drei Telefonen und ein weiterer Arbeitsplatz mit Computer, damit auch den virtuell Anwesenden gegenüber den Gästen vor Ort Chancengleichheit garantiert werden kann. Der Auktionator ist ein älterer Herr in beigem Anzug und mit weißem Haar, der ein Bein nachzieht, allerdings tut dieses Handicap seiner Präsenz und Autorität als Anführer des Wettstreits keinen Abbruch.

© SwannCharles Addams einmal ohne alle höllischen Hintergedanken: Titelbildzeichnung für den „New Yorker“ vom 16. April 1960

Der Verkauf der Bilder geht so schnell von statten, dass ich erst, nachdem mein Sitznachbar das erste Stück (ein Cover der Kulturzeitschrift „The New Yorker“) erworben hat, bemerke, dass die Auktion bereits im Gange ist. Ich bewundere die Bereitschaft der Bieter, sich darauf einzulassen, in der Hitze des Gefechts alle Zweifel und den Drang, die bevorstehende Handlung ausführlich abzuwägen, für eine Sequenz von Sekunden außer Acht zu lassen und von der Konkurrenz und der geteilten Leidenschaft mitgerissen zu werden. Obwohl ich mich selber an der Auktion nicht beteilige, ist es spannend mitanzusehen, wie die Menge auf bestimmte Werke reagiert. Es gibt minutenlange Durststrecken, während denen kein einziges Bild auf Interesse stößt. Dann wiederum entstehen bittere Konkurrenzkämpfe zwischen Telefon- und Internetanwärtern auf ein Ausstellungsstück, die das anwesende Publikum gespannt verstummt lassen.

© SwannIn der Uraufführung der Bühnenfassung der „Caine Mutiny“ spielte Henry Fonda den Verteidiger Barney Greenwald, hier gezeichnet von Al Hirschfeld.

Es ist deutlich zu erkennen, wenn jemand ein bestimmtes Bild von vorneherein ins Auge gefasst hat. So sitzt zum Beispiel ein älterer Herr vor mir, der nicht ein einziges Mal sein Nummernschild angehoben hat, bis es zu den Karikaturen des – in den entsprechenden Liebhaberkreisen sehr bekannten – Künstlers Al Hirschfeld gekommen ist. Hirschfeld zeichnete hauptsächlich Karikaturen von Berühmtheiten aus Fernsehserien („All in The Family“), Filmen („The Best Man“) und Broadway-Produktionen, wie der Theateraufführung „The Caine Mutiny Court Martial“, einer Bühnenfassung des Romans von Herman Wouk, die im gleichen Jahr 1954 Premiere feierte wie der Film mit Humphrey Bogart. Ein andere Spezialität Hirschfelds: Gruppenporträts von Personen mit intellektuellem Prestige („First Art Critics Dinner“), die gut getroffen wirken, auch wenn man sie gar nicht kennt. Der ältere Herr hat Glück und kann vier der acht ausgestellten Werke ersteigern – allerdings mit System: Er bietet bei keinem von ihnen mehr als 4000 Dollar.

Andere gehen preislich an ihre Grenzen und müssen schließlich doch nachgeben, da ihr Opponent zahlungskräftiger, beziehungsweise zahlungsbereiter ist, um beispielsweise den Traum des Erwerbs einer Illustration aus dem Buch „House at Pooh Corner“ zu verwirklichen (das Werk war das Teuerste des Nachmittags, gezeichnet von Ernest H. Shepard, mit einem Zuschlagspreis von 38000 Dollar). Insofern beschreibt das Auktionsverfahren eine relativ brutale Situation für die Anwärter, die noch bis zuletzt um das Bild kämpfen. Einerseits will man sich gegenüber dem Konkurrenten behaupten, andererseits unterliegt man den eigenen finanziellen Möglichkeiten, die diesem Wettstreit ein schmerzliches und abruptes Ende setzen können, ganz zu schweigen von den vermeintlich mitleidigen Blicken, die man vom Auktionator oder dem einen oder anderen Publikumsmitglied zugeworfen bekommt.

© Swann„She was made for love and capture, was Polly“: Howard Chandler Christy widmete das Original seiner Zeichnung für das „Good Housekeeping Magazine“ Evelyn Nesbit Thaw, die ihm auch Modell gestanden hatte.

Am Ende der zweieinhalb Stunden stellt sich mir eine Frage: Kann man durch den Vergleich der begehrtesten Bilder der Auktion bestimmte Kriterien ausmachen, die ein Bild besonders interessant machen? Bei einigen Werken war eine deutliche Abweichung von dem vom Auktionshaus geschätzten Preis zu verzeichnen. Das Bild einer Frau in eleganter Kleidung und entspannter Pose, gezeichnet von Howard Chandler Christy, wurde für 13000 Dollar verkauft, bei einem Schätzpreis von 6000 Dollar. Ausschlaggebend für diese überraschende Erhöhung könnte die Hintergrundgeschichte zu dem Kunstwerks sein. Bei der Frau handelt es sich um Evelyn Nesbit Thaw, die 1906 in einen berüchtigten Skandal verwickelt war (in den Vereinigten Staaten bezeichnet als „the trial of the century“). Ihr Ehemann brachte den damals sehr berühmten und heute noch bekannten Architekten Stanford White aus Eifersucht während einer öffentlichen Veranstaltung um. Diese historische Bedeutung könnte also Grund des Engagements einzelner Bieter gewesen sein.

© SwannPu ist nicht zu sehen. Gleichwohl erbrachte diese Zeichnung aus „The House of Pooh Corner“ das Dreifache des Schätzpreises.

Werke aus dem Zusammenhang berühmter Serien wie ein „Peanuts“-Comicstreifen mit vier Bildern von Charles M. Schulz oder die große, kolorierte Zeichnung einer Szene mit „Krazy Kat and Ignaz“ von George Herriman haben im Publikum und im Netz ebenfalls teures Interesse gefunden (der Comic von Schulz stieg im Preis von 6000 auf 11000 Dollar, Herrimans Bild von 6000 sogar auf 17000 Dollar). Und dann gibt es natürlich noch die Kinderbuchmotive, wie das vorher erwähnte Blatt „Their search for Small“ aus dem zweiten Band der „Winnie the Pooh“-Reihe und die Illustration von „The Wizard of Oz“ von W. W. Denslow. Ob es die Rarität dieser Bilder oder die nostalgische Erinnerung der Erwachsenen an ihre eigene Kindheit ist, die sie an solchen Werken festhalten lässt – sie sind auf jeden Fall bereit, sie mit Beharrlichkeit und zu einem hohen Preis zu ersteigern. Man sieht, dass sich verschiedenste Sammler und Kunstliebhaber an einem Ort zusammengefunden haben, um ein gemeinsames Interesse zu verfolgen. Eine Auktion ist meiner Meinung nach ein Ort, an dem man viel mehr über Kunst und die Leidenschaft, die dahinter steckt, erfährt als in einem Museum.

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