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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

10. Jan. 2017
von Andreas Platthaus
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Ein kleines Leben in der großen Geschichte

Jedes Jahr warte ich mit Spannung auf den Gewinner des „Afkat“, jenes Comicpreises mit dem rätselhaftesten aller Namen (was ich anfangs für eine Abkürzung hielt, entpuppte sich als plattdeutsches Wort für „Rechtsanwalt“, denn die Auszeichnung wird von einer Anwaltssozietät gestiftet). Verliehen wird er in Hamburg als Förderpreis für eine noch nicht publizierte Graphic Novel und das seit 2011 – damit ging der Afkat dem erstmals 2014 verliehenen Berthold-Leibinger-Comicpreis voraus. Allerdings bekommt der Gewinner kein Geld, sondern einen Verlagsvertrag für das prämierte Werk: beim Mairisch-Verlag, der dadurch zu einer schönen Reihe von Comicpublikationen gekommen ist. Allerdings sind sie bislang alle eher kleinformatig; ob das Zufall oder Pragmatismus der Jury ist, weiß ich nicht. Jedenfalls war es auch beim letztjährigen, dem insgesamt fünften Gewinner, Sebastian Jungs“ Albert“, wieder so.

Leider weist die Homepage des Preises seitdem keine neue Ausschreibung aus, also steht es in den Sternen, ob 2017 wieder ein Comic im Mairisch-Verlag mit dem Afkat-Prädikat erscheinen wird. Dasa wäre schade, denn der Preis hat sich dadurch profiliert, das er Grenzgänger zwischen Comic und Bildergeschichten bevorzugte und tatsächlich noch unbekannte Zeichner auswählte: Tilo Richter, Karin Krämer (beide zusammen habe ich an dieser Stelle besprochen: http://blogs.faz.net/comic/2012/05/02/was-um-alles-in-der-welt-ist-afkat-229/), Sohyun Jung (http://blogs.faz.net/comic/2014/03/17/koreanisch-kochen-bildern-482/), Raphaela Buder (http://blogs.faz.net/comic/2015/03/02/verfolgungswahn-und-mutterliebe-656/) und zuletzt eben Sebastian Jung. Auffällig ist, dass die letzten drei Preisträger autobiographisch erzählen – ein Trend im deutschen Comicgeschehen. Wobei Jungs „Albert“ nicht die eigene, sondern die Geschichte des Großvaters der Autors in den Mittelpunkt stellt. Der 1922 im Westerwald geborene Albert Jung wurde im Zweiten Weltkrieg schwerverletzt und kam 1945 in russische Kriegsgefangenschaft. Erst vier Jahre später kehrte er nach Hause zurück,

Im Mittelpunkt stehen aber nicht die großen Weltereignisse, sondern die Rolle eines kleinen Mannes von eher schlichtem Gemüt darin. Deshalb finden sich die bewegendsten Schilderungen in den Abschnitten zu den Jahren nach 1949, als Albert sich wieder ins Leben in der jungen Bundesrepublik hineinkämpfen muss, und dieser Kampf ist zwar unblutig, aber nicht weniger hart zu bestehen wie die Kriegszeit. Als Grubenarbeiter in einem daniedergehenden Bergbaugebiet, das nicht im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung steht (wer die A3 von Köln nach Frankfurt fährt, kann nach einem Drittel der Strecke noch einen Förderturm als Industriedenkmal im Westerwald bewundern), ruinierte er sich die Gesundheit, und weil die Bundeswehr eingeführt worden war, stand in der Familie ein Konflikt darüber an, ob die Söhne von Albert den Wehrdienst ableisten sollten. Das Erbe des Kriegs wurde er nie wieder los, nicht physisch und nicht psychisch. Albert Jung starb nach mehreren Schlaganfällen, die ihm schon vorher das Sprechen unmöglich gemacht hatten, im Jahr 2006.

Da war sein Enkel Sebastian zwanzig Jahre alt, aber durch die Schlaganfälle des Großvaters hatte er mit ihm nicht über die Vergangenheit reden können. Anders als beim letzte Woche an dieser Stelle vorgestellten Band „Tante Wussi“ hat es also für „Albert“ unmittelbares Gespräch zwischen dem Zeitzeugen und dem Buchautor gegeben. Sebastian Jung ließ sich von seinem Vater die Geschichte von Albert erzählen, und diese vermittelte Sicht wird auch wieder zum Thema in „Albert“. In der ersten Zeichnung des Buches wird Albert als „Hauptperson“, der Vater Eberhard als „Erzähler“ und der Enkel Sebastian als „Illustrator“ bezeichnet. Auf dem Titelbild aber steht nur Sebastian Jung als Autor.  „Was ich hörte und dann gestaltet hab“, schreibt er im Buch, „ist meine Wahrnehmung und ein Versuch, mit den Augen meines Großvaters zu sehen,“

„Illustrator“ ist also in der Tat zu wenig, aber es passt insofern wieder gut, als Sebastian Jung gar keinen Comic gezeichnet hat, sondern ein Bilderbuch ( siehe auf https://www.mairisch.de/programm/sebastian-jung-albert/). Für Comics charakteristische Bildsequenzen gibt es gar keine, auch keine Sprechblasen oder Textkästen. Die Erzählung ist auf liniertem Papier per Hand niedergeschrieben, und dazu gibt es sowohl dokumentarische Tuschezeichnungen (die etwas an Reinhard Kleist und Emanuel Guibert erinnern, aber wie sollte das bei dem Thema auch nicht der Fall sein?) und bisweilen werden Fotos und Dokumente als Bebilderung verwendet. Es ist eine eindrucksvolle Abfolge, aber hierfür einen Comicpreis zu verleihen strapaziert das Genreverständnis schon sehr.

Die beste Bildidee hat Sebastian Jung gleich auf dem Umschlag verwendet: Albert zerfällt in Puzzlestücke. Oder setzt sich aus ihnen zusammen – ganz wie man will. Auf braunem Pappkarton gedruckt, kommt das Buch wie eine alte Kladde daher, als Notizbuch wie aus Wehrmachtszeiten. Auch das ist meisterhaft gestaltet. Als Buchobjekt ist „Albert“ also ein Kleinod, als Graphic Novel wird er Leser enttäuschen, die an einem konventionellen Comic-Verständnis dieser Form hängen und nicht anerkennen wollen, dass hier geradezu mustergültig der im Begriff enthaltene Anspruch eines „gezeichneten Romans“ erfüllt wird.. Auch deshalb wäre es schade, wenn dieses Buch das letzte Wort des Afkat bliebe. Ein gewichtiges zweifellos, aber gerade kein Advokat für die spezifische Erzählform des Comics.

 

10. Jan. 2017
von Andreas Platthaus
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02. Jan. 2017
von Andreas Platthaus
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Erst kommt das Beste, dann kommt die Moral

Spanische Comics, jahrzehntelang kaum beachtet in Deutschland, habe jüngst eine kleine Renaissance erlebt. Prominentester Vertreter einer jüngeren Generation von nun übersetzten Autoren ist Paco Rota, der bereits mit vier Titeln bei Reprodukt vertreten ist und konsequent zwischen historischen und autobiographischen Stoffen wechselt (sie bisweilen auch miteinander vermittelt). Die Neugier der spanischen Comicschaffenden auf Zeitgeschichte ist jedenfalls evident.

Das ist auch bei einem nun bei Carlsen erschienen Titel so, den man angesichts des Titels, des Namens der Verfasserin und auch des oberflächlich betrachteten Inhalts gar nicht in Spanien ansiedeln würde: „Tante Wussi“ von Katrin Bacher. Darin wird die Geschichte der Familie Orsinger aus Freiburg erzählt, mit dem Fokus auf der mittleren von drei Töchtern (neben einem Sohn), ebenjener Wussi, die eigentlich Marianne heißt. Die jüdische Mutter konvertierte, um einen Katholiken heiraten zu können, doch das sollte dem Ehepaar später im „Dritten Reich“ nichts nutzen. Allerdings war die Familie schon im Sommer 1933 aus gesundheitlichen Gründen nach Mallorca ausgewandert, wo der Vater ein Fotostudio eröffnete. Hier kommt endlich Spanien ins Spiel.

Katrin Bacher, die Szenaristin des Comics „Tante Wussi“, ist die reale Großnichte von Marianne, lebt in Barcelona und ließ sich von ihrer Großtante deren Lebensgeschichte erzählen, bevor diese starb. Diese Berichte, angereichert um autobiographische Episoden, in denen Bacher nach dem Vorbild von Art Spiegelmans „Maus“ über die Entstehungsgeschichte des Comics, also die eigenen Begegnungen mit Tante Wussi, erzählt, hat der spanische Zeichner Tyto Alba (1975 geboren; der Name ist ein Pseudonym, das sich aus der zoologischen Bezeichnung der Schleiereule herleitet) dann gezeichnet, und erschienen ist der Band 2015 zunächst in Spanien, ehe der Carlsen Verlag ihn der deutschen Thematik wegen übernahm. Dass dabei auch eine Rolle gespielt haben dürfte, dass solche über drei Generationen ausgreifende Familiengeschichten mit Barbara Yelins „Irmina“ und Birgit Weyhes „Im Himmel „ist Jahrmarkt“ gleich zwei großartige Vorbilder in Deutschland kennen, ist klar.

Tyto Alba ist für seinen aquarellierten Zeichenstil beim italienischen Erfolgsautor Gipi in die Schule gegangen (eine Leseprobe findet sich unter https://www.carlsen.de/hardcover/tante-wussi/78288). Durch Variation der Seitenarchitektur rhythmisiert er das Erzähltempo und bringt in den ruhigen Fluss der Erinnerungen von Tante Wussi Beschleunigungen unter, die aber nur durch die Bilddynamik erzielt werden. Katrin Bacher bleibt in ihrem Text der Erzählstimme treu, und das ist auch Ausdruck des Respekts der jüngeren vor der alten Frau.

Dass es unerquickliche Episoden gibt, ist beim konkreten Handlungszeitraum unvermeidlich. Zumal Teile der Familie, darunter Marianne, angesichts des Bürgerkriegs in Spanien wieder nach Deutschland zurückehren, wo für die Kinder einer Jüdin ständige Gefahr besteht, inhaftiert oder gar deportiert zu werden. Einige Verwandte mütterlicherseits sind denn auch ermordet worden, darunter Mariannes beste Freundin Pitt, die auf dem Titelbild neben der Titelheldin in einem regnerisch-grauen Berlin zu sehen ist: zwei junge Mädchen unter einem Schirm, aus dem ein Lichtkegel auf die scherzenden Kinder fällt – eine Szene, die sich ganz dem Vorbild von Sempé verdankt, was aber ein Sonderfall im Buch bleibt. Gut gewählt als Umschlagzeichnung ist sie dennoch.

Wobei das Risiko besteht, dass die Leichtigkeit dieser Komposition auf die falsche Spur führt. Die übliche Hakenkreuzdarstellung im Hintergrund, die in Comics über das „Dritte Reich“ zum festen Inventar des Dekors gehört, ist hier auf die Rückseite des Buchs verbannt. Und auch die Vorsatzpapiere, auf denen authentische Familienschnappschüsse abgedruckt werden, lässt bestenfalls über eine zeitliche Einordnung Assoziationen zum NS-Regime aufkommen. Diese graphisch periphäre Anbindung des individuellen Schicksals von Wussi an die politischen Zeitläufte ist aber ein geschickter Kunstgriff, weil dann die eigentliche Geschichte umso überraschender daherkommt. Und es passt auch zur undramatischen, wenn auch tieftraurigen Erzählung von Tante Wussi.

Der Band ist aber nicht nur der deutschen Thematik wegen interessant, sondern gerade auch dank der wenigen spanischen Szenen. So wird jeder, der Albert Vigoleis Thelens Mallorca-Exilroman „Insel des zweiten Gesichts“ kennt, vertraute Motive wiederfinden, und wie im Spiegel dieses idyllischen Zufluchtsorts die Weltpolitik in all ihrer damaligen Verzerrung wiederkehrt, das ist ebenso faszinierend wie deprimierend.

115 Seiten lang ist die eigentliche Geschichte, doch auf den letzten beiden Seiten gibt es noch eine Moral. Katrin Bacher zeigt sich selbst bei Recherchen in Berlin, und dabei begegnet sie einer Demonstration gegen Fremdfeindlichkeit. Vor der Menge steht ein martialisch gekleideter Polizist. Nach dem Umblättern der Seite sieht man dann da, was die Demonstranten vor Augen haben: einen Polizistengruppe, hinter der eine andere Demonstration steht, die als „deutsche Patrioten“ gegen die Islamisierung Europas protestiert, mit einem Wort: Pegida und Konsorten. Das ist angesichts der Subtilität der vorange0gangenen Haupterzählung ein zu moralisierender Schluss, zumal die Polizisten, die der Trennung beider Demonstrationszüge dienen, sich nur den Gegendemonstranten zugewendet haben. Die Botschaft ist deutlich: Der Schoß ist fruchtbar noch … Doch das hätten wir auch so verstanden.

02. Jan. 2017
von Andreas Platthaus
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23. Dez. 2016
von Andreas Platthaus
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Zum guten Schluss ein richtig gutes Buch

Gesetzt den Fall, Sie suchten noch nach einem eiligen Geschenk und hätten eine gute, eine wirklich gute Buchhandlung in der Nähe (oder meinethalben auch einen höchst flotten Lieferservice, aber natürlich sollte man gute Bücher nur in guten Buchhandlungen kaufen), dann kaufen Sie Richard McGuires Buch „Erzählende Bilder“. Erschienen ist es beim Dumont Verlag, der im Vorjahr schon McGuires epochemachenden Comic „Hier“ herausgebracht hat. Wenn Sie aber „Hier“ kennen sollten, dann werden Sie doppelt überrascht sein, was der neue Band bietet. Erst einmal viel weniger Opulenz. Und dann keine Geschichte, die sich wie „Hier“ über Jahrmilliarden erstreckt, sondern viele kleine Erzählungen, die bisweilen nur Sekunden umfassen. Und übrigens auch in Sekundenschnelle zu lesen sind.

Für dieses Buch von fast sechshundert Seiten brauchen Sie keine halbe Stunde Lesezeit. Aber Sie werden jahrelang immer wieder daran Spaß haben, denn viel klüger kann man gar nicht zeichnend erzählen. Und eben auch nicht kürzer. Denn Texte gibt es nicht, alles wird stumm erzählt, in ein paar schlichten Bildern, schwarzweißen Vignetten, deren Zusammengehörigkeit sich bisweilen gar nicht auf den ersten Blick erschließt. Denn alle stammen aus dem „New Yorker“, dem Gralshüter der Zeitschriftenillustrationskunst, für den der in New York lebende McGuire in den letzten zwanzig Jahren immer wieder Titelblätter gezeichnet hat. Aber eben auch die hier versammelten Bildergeschichten, die aber nicht als zusammengehörige Sequenzen abgedruckt wurden, sondern als Einzelbilder über ein ganzes Heft gestreut. Diese kleinen Platzfüller machten den Betrachtern auch isoliert Vergnügen, aber ihre wahre Kraft erweisen sie erst im Zusammenhang mit der jeweils über ein Heft erzählten Geschichte.

McGuire ist ein Souverän der Ikonographie, und seine Linie ist eine der klarsten auf der ganzen Welt. Zusammengenommen ergeben diese beiden Eigenschaften eine Piktogrammkunst, die mit minimalen Mitteln große Wirkung erzielt. Aus banalen Gegenständen wie den Toilette-Artikeln eines Badezimmers oder einem Straßenensemble aus Briefkasten, Parkuhr und Abfalleimer macht McGuire handelnde Personen, die aber nicht anthropomorphisiert werden, sondern durch geschickte Variation und Kombination eine lebendige Anmutung erhalten. Eine von einem Auto gerammte Parkuhr etwa wird schon durch die Krümmung zur schmerzgebeugten Persönlichkeit, und eine Zahnbürste kann durchaus geschwätzig aussehen, wenn man nur sehr genau weiß, was gängige graphische Attribute für Geschwätzigkeit sind. McGuire hat das alles parat. Wenn Sie’s überprüfen wollen, müssen Sie es allerdings anhand der amerikanischen Ausgabe tun (http://insight.randomhouse.com/widget/v4/?width=600&height=860&isbn=9781101871591&shortCode=&author=Richard%20McGuire&title=Sequential%20Drawings&refererURL=www.penguinrandomhouse.com), denn Dumont schenkt sich eine Leseprobe. Ist aber auch egal, weil es ja außer einer Einleitung gar keinen Text gibt.

Es ist so geist- und so geschmackvoll, dass man nach der halben Stunde Lektüre (die Hälfte der fast sechshundert Seiten ist blank gelassen; das ist ein etwas manieriertes Kunstprinzip, das aber seinen Ursprung in der amerikanischen Originalausgabe hat und also McGuires Willen folgt) gleich wieder von vorne anfängt, weil man mit der nun gewonnenen Erfahrung einige weniger eindeutige Zusammenhänge nun besser verstehen wird. Und wenn man noch ein schönes Silvesterspiel sucht, dann kaufe man einfach mehrere dieser 25 Euro kostenden Bücher und lasse jede Person einzeln lesen und dann die Deutung der jeweiligen Episode vergleichen. Das geht natürlich auch mit Kopien, aber das Buch ist als Objekt allein schon so schön, dass man es nicht anders haben möchte. Wenn Sie es tatsächlich im Buchhandel suchen sollten: Es ist klein und weiß und dick, und vorne drauf steht kein Wort, sondern man sieht nur drei gezeichnete Büroklammern, zwei normale und eine zu Blütenform entfaltete. So etwas macht glücklich. Schöne Feiertage und ein gutes neue Jahr!

 

23. Dez. 2016
von Andreas Platthaus
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19. Dez. 2016
von Andreas Platthaus
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Warum Hitler den Ersten Weltkrieg überlebt hat

Dass es Jacques Tardi noch einmal zeichnend in den Grabenkrieg verschlagen hat, ist keine Überraschung. Es ist das Lebensthema des mittlerweile einundsiebzigjährigen Franzosen, und seine seit 1981 erschienenen Bände zum Thema haben Epoche gemacht. Kein anderer Comiczeichner stellt die elende Realität des Abschlachtens an der Westfront so kompromisslos dar, keiner hat dieselbe psychologische Tiefe traumatisierter Figuren zu bieten, und keiner schafft bei höchster historischer Detailgenauigkeit eine vergleichbare surrealistische Intensität. Das alles ist auch bei Tardis jüngstem Werk zum Ersten Weltkrieg, „Le Dernier assaut“ (Der letzte Ansturm), der Fall, das gerade auf Französisch bei Casterman erschienen ist und schon Anfang Januar in deutscher Übersetzung bei der Edition Moderne herauskommen wird. Hier kann man sich eine Anschauung davon verschaffen: https://flipbook.cantook.net/?d=%2F%2Fwww.edenlivres.fr%2Fflipbook%2Fpublications%2F233159.js&oid=936&c=&m=&l=&r=&f=pdf.

Und doch ist dieses Album anders als die Vorgänger. Denn neben neunzig Seiten Comic-Erzählung enthält es auch eine CD mit Liedern, die Tardis Frau Dominique Grange zusammen mit der Muzette-Band Accordzéâm eingespielt hat. Zwar gab es vor knapp zehn Jahren schon zwei andere gemeinsame Publikationen des Ehepaars, doch im Falle des ebenfalls dem Ersten Weltkrieg gewidmeten „Des Lendemains qui saignent“ illustrierte Tardi lediglich ein umfangreiche Begleitbuch zu Granges CD, und für „N’Effacez pas nos traces!“, einen Liederzyklus über die revolutionären Bestrebungen des Jahres 1968, zeichnete er comicstrip-artige Kurzgeschichten. Jeweils waren also Granges Lieder der Kern des Projekts. Bei „Le Dernier assaut“ dagegen zeigt schon das klassische Comicformat, was hier im Mittelpunkt steht.

Wobei der Band seinen Ausgang in gemeinsamen Auftritten von Tardi, Grange und Accordzéâm hat. Der Zeichner fertigte für ein Konzertprogramm mit eigenen Liedern seiner Frau und diversen Vertonungen zeitgenössischer Texte gegen den Krieg etliche Bilder an, die dazu projiziert wurden. Außerdem saß er selbst mit auf der Bühne und las immer wieder kleine Erzählpassagen, von denen sich einige als Einspielungen nun auch auf der neuen CD finden (die auch der deutschen Ausgabe beiliegen wird). Ob Grange beim Abfassen ihrer Texte oder aber Tardi selbst die Grundideen zum Stoff des neuen Comics entwickelt haben, kann man nur vermuten – wohl eher Tardi. Den im Anhang beigegebenen Fotos des Bandes kann man jedenfalls entnehmen, dass einzelne Bilder des Comics schon Teil des Konzertprogramms der letzten Jahre waren.

Diesmal hat sich Tardi aus dem strengen Seitenarchitekturschema gelöst, das seine letzte Erste-Weltkriegs-Publikation, „Putain de guerre“, geprägt hatte. „Le Dernier assaut“ wechselt laufend Bildformate und -dramaturgie; er will auch nicht wie der Vorgänger eine chronologische Dokumentation des ganzen Kriegs liefern, sondern erzählt vor allem eine Episode aus dem Frühjahr 1917. Der französische Sanitätssoldat Augustin verliert im Einsatz durch deutschen Granatenbeschuss seinen Kameraden Sauvageon und erstickt dann einen von beiden gerade noch transportierten Schwerverletzten, weil er fürchtet, dass dessen Schreie dem Feind verraten würden, dass es noch Leben im Graben gibt. Der Zwiespalt des Überlebens an der Front war immer schon zentraler Aspekt bei Tardis Weltkriegsgeschichten, aber noch nie zuvor ist von ihm eine solche Tat geschildert worden.

Dabei wird sie ganz kühl dargestellt, als völlig konsequent für einen Mann in verzweifelter Lage, der zudem durch die ständige Lebensgefahr als Sanitäter nervlich zerrüttet ist. Fortan wandelt Augustin wie ein Geist über das Schlachtfeld, und wir begleiten ihn bei diesem Marsch und bei seinen Erinnerungen und Reflexionen. Denn Augustin ist zwar der wichtigste Protagonist dieses Comics, doch was Tardi auch hier wieder erzählt, ist der ganze Krieg.

Bis wir überhaupt erstmals das Duo Augustin und Sauvageon mit seiner Trage zwischen den Linien sehen, braucht es vier Seiten, in denen ein einzelner französischer Soldat grausam stirbt. Seinen Namen werden wir nie erfahren, aber wir haben da schon die Erzählstimme im Ohr, die den Großteil des Textes bestreitet: nicht in streng rechteckigen Kästen wie sonst im Comic üblich, sondern in normalen Sprechblasen, die sich nur dadurch von den Dialogen der Figuren unterscheiden, dass sie keine Zuordnung mittels Ventils zu einzelnen Protagonisten haben. Was Tardi hier zeichnet, ist wie eine Lautsprecherstimme, die über dem Geschehen liegt, unbeteiligt, aber unüberhörbar und gerade deshalb in der sachlichen Schilderung besonders grausam.

Augustin ist bei seiner Tat beobachtet worden, und die Erinnerung daran ist das wiederkehrende Leitmotiv der Geschichte. Ob der Beobachter, ein anderer französischer Soldat, an seinen eigenen Verletzungen gestorben oder Augustin auch ihn getötet hat, bleibt offen. Aber dieser Beobachter gibt als (weißhäutiger) Kommandeur einer Einheit von afrikanischen Kolonialsoldaten Anlass für die erste Abschweifung von der Haupthandlung: Tardi erzählt von der Rolle dieser Kombattanten, die fernab ihrer Heimat für ein „Mutterland“ kämpfen, das ihnen den Einsatz und ihre Opfer niemals danken wird.

Später wird er weitere Seitenstränge abzweigen lassen: eine Hommage an die „Bantams“, ein britisches Regiment mit Soldaten, die nicht die notwendige Körpergröße aufwiesen, aber trotzdem an die Front geschickt wurden. Oder die Geschichte eines deutschen Unteroffiziers namens Ernst (da hat Tardi bequemerweise den in Frankreich durch Ernst Jünger bekanntesten Namen eines Weltkriegssoldaten gewählt), der seine Tapferkeit aus nationalistischer Überzeugung zieht, aber dann auch im Kampf stirbt, was Anlass ist, seine imaginäre Biographie zu erzählen, die ihn im Falle des Überlebens in die Freikorps und schließlich in die SA geführt hätte. Das klingt als narrative Idee wenig spektakulär, doch Tardi macht daraus einen brillanten Dreh, als er zu Augustin zurückkehrt, der bei seinem Herumirren zwischen den Leichenmassen an der Front ein Gewehr gefunden hat und plötzlich einen pinkelnden deutschen Soldaten entdeckt, der ihm den Rücken zukehrt. Nach langer Selbstprüfung entscheidet er sich, ihn nicht zu erschießen, doch dann setzt die Erzählstimme ein und bemerkt lapidar, dass es sich bei dem Glücklichen um einen Meldegänger namens Adolf Hitler handelte.

Immer wieder wird das Gemetzel explizit gemacht, und die klassisch-schrecklichen Tardi-Motive der Leichen in den Bäumen, der explodierenden Körper, der weggeschossenen Köpfe erreichen hier eine neue Drastik, ohne obszön zu werden. Einmal verstummt bei einem der alltäglichen Sturmangriffe der Text des Comics – sechs Seiten stiller Albtraum, denn Geräusche hat Tardi ja noch nie zum Gegenstand seiner Weltkriegscomics gemacht. Am Schluss liegt Augustin selbst schwerverletzt im Lazarett, und dort holt ihn seine Tat vom Beginn ein – mit derselben grausamen Konsequenz, die diesen Krieg geprägt hat.

Der Band ist den Tieren gewidmet, die für Frankreich starben – ein irritierender Zynismus beim großen Menschenfreund Tardi, doch Zeichen dafür, wie verzweifelt ihn dieser jüngste Ausflug ins Jahr 1917 gestimmt hat. In den Liedern von Dominique Granges CD – deren Texte alle im Anhang mit abgedruckt sind, darunter auch Brechts „Legende vom toten Soldaten“ und weitere nicht-französische Texte über die Fronterlebnisse aus England und Italien – ist es dann aber wieder allein das Leiden der Soldaten, um das es geht, darunter in einem Chanson, das genauso heißt wie der Comic, auch konkret dessen Geschichte, wobei dabei der Fokus von Augustin auf einen anderen Sanitäter, „Branco“ Broutille, verschoben wird, der in Tardis Erzählung eine wichtige, aber kleine Nebenrolle spielt.

Dass es Jacques Tardi noch einmal gelingen würde, mit einem Comic über den Ersten Weltkrieg derart zu erschüttern, zugleich aber auch derart zu begeistern, hätte ich nicht erwartet. Das Thema lässt ihn wohl auch deshalb nicht los, weil es immer noch neue Wege gibt, vom Unvorstellbaren zu erzählen.

19. Dez. 2016
von Andreas Platthaus
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12. Dez. 2016
von Andreas Platthaus
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Wann kriegt dieser Mann den längst verdienten großen Preis?

In der vergangenen Woche gab die Stadt Leipzig den nächsten Buchpreisträger für Europäische Verständigung bekannt: Mathias Énard, einen französischen Schriftsteller, Übersetzer und Orientkenner, der in seinen Büchern immer wieder die wechselseitigen Einflüsse von morgen- und abendländischer Kultur herausgestellt hat. Sein Roman „Kompass“, der vor wenigen Monaten in deutscher Übersetzung erschienen ist (und den die Jury besonders hervorhebt), kann als Musterbeispiel dienen, wie ein Erzähler Gräben zwischen Kulturen überwinden, gegenseitige Vorurteile abbauen und Wissen über Fremdes vermitteln kann. Das alles gilt auch für das Werk eines Landsmannes von Énard, den Comiczeichner David Beauchard alias David B.

Nur eines gilt nicht für ihn: Den Buchpreis für Europäische Verständigung wird er nicht erhalten, obwohl David B. schon seit zwanzig Jahren genau das in seinen Comics leistet, was die Leipziger Jury an Énards Werk nun preist. Sie wird das Werk von David B. gar nicht kennen, und das wiederum gilt wohl auch für das Schaffen aller anderen Comiczeichner und für alle anderen literarischen Jurys, denn wie hätte sonst zum Beispiel der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bislang an Art Spiegelman vorbeigehen können? Oder nehmen wir den Deutschen Literaturfonds, der Jahr für Jahr rund eine Million Euro an Stipendien für Autoren vergibt. Hat jemals ein Comicautor eines davon erhalten? Nein. Und sage niemand, es hätte sich dafür mutmaßlich auch noch nie einer beworben. Wenn die fördernde Institution sich für den Comic öffnen wollte, könnte sie ja auch zu Einreichungen aufrufen.

Es fehlt, kurz gesagt, an Kompetenz zur Beurteilung erzählerischer Leistungen im Comic. Nicht, dass Énard nicht aller Ehren wert wäre. Aber die Ähnlichkeit in Erzählstoffen und -handlung mit David B., bei gleichzeitig grotesk anderer Würdigung ist augenfällig. Wobei immerhin David B. zu den anspruchsvollen französischen Comickünstlern gehört, die weltweit übersetzt werden, auch ins Deutsche. Sein jüngster Band wird deshalb wohl bei uns nicht lange auf sich warten lassen. Es handelt sich um sein bislang politischstes Werk, obwohl es der dritte Teil einer Serie ist, die ohnehin kaum politischer gedacht werden kann (die ersten beiden Bände sind beim Berliner Avant Verlag erschienen, die Originale bei Futuropolis). Nach gemeinsam mit dem Nahost-Historiker Jean-Pierre Filiu verfassten Szenarien erzählt David B. auf nunmehr zusammen fast dreihundert Seiten die Geschichte der politischen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Nahen Osten. Der Titel der Trilogie lautet: „Les meilleurs ennemis“ (Beste Feinde).

Der aktuelle Band schließt diese Geschichte vorerst ab: mit den Jahren von 1984 bis 2013. Wir gelangen also bis an die Gegenwart heran, und das Album schließt mit der Eskalation des Kriegs in Syrien, aus dem die Vereinigten Staaten sich auffällig heraushalten. Das letzte Bild, eine Doppelseite mit lauter Porträts von Menschen aus dem Nahen Osten, Zivilisten und Soldaten, Mullahs und Mütterchen, Terroristen und Kindern, könnte von heute stammen. Der Text dazu lautet: „Obama hat das Ende der langen Geschichte Amerikas im Nahen Osten beschlossen. Es hat nie aus guten Gründen dort eingegriffen, zieht sich aber nun im schlechtesten Moment zurück. Dadurch sind die Bevölkerungen von Pakistan bis Libyen, von der Türkei bis zum Jemen dem Krieg, dem Hunger und dem Exil preisgegeben – und einem Terrorismus, der auch Europa und die Vereinigten Staaten erreicht.“

Filiu hat die Recherchen für den Band durchgeführt, aber David B. ist als Co-Auto ausgewiesen, und die Bilder sind natürlich allein seine Domäne (hier kann man ein paar sehen: http://www.futuropolis.fr/planche.php?id_article=790584). So ist es ein David-B.-Album, wie man es sich wünscht: voller Orientalismen in der Graphik, voller origineller Bildeinfälle, über die kaum ein anderer Zeichner derart souverän verfügt, voller Anschaulichkeit, denn David B. beherrscht die Bildgrammatik des Comics bis ins kleinste Detail und weiß deshalb, was nicht mehr mit Worten erzählt werden muss, weil seine Zeichnungen schon genug sagen. Obwohl „Beste Feinde“ eine Faktenfülle bietet, die der darin dokumentierten 230 Jahre umfassenden Geschichte entspricht, wird man nie erdrückt durch Jahreszahlen oder Namen, weil die Visualisierung von Wissen im Mittelpunkt steht. Dass Frankreich als weitere langjährige Ordnungsmacht im Nahen Osten etwas prominenter zur Geltung kommt, als es aus deutscher Perspektive plausibel ist, muss man nachsehen. Gerade dass die Franzosen nach 1918 Syrien als Protektorat verwalteten, erklärt erst, warum Filiu und David B. vom dortigen Krieg noch viel mehr erschüttert sind als von allen anderen Konflikten der letzten dreißig Jahre.

Und da waren ja mehr als genug: beide Golfkriege, der Krieg gegen den Terror, die auf den Arabischen Frühling folgenden Bürgerkriege, die israelischen Invasionen in Libanon, Westjordanland und Gazastreifen, die Intifadas. So ist der dritte Band mehr als die beiden Vorgänger Kriegsberichterstattung, und die Hoffnungszeichen sind spärlich und vor allem nicht von Dauer. Dass David B. dafür harte Schwarzweiß-Kontraste wählt, ist nur zu verständlich. Mit diesem Stil wurde er berühmt, und seine opulente Farbpalette hat er jenen Projekten vorbehalten, die einen märchenhaften Orient präsentieren: „Les Chercheurs de trésor“ zum Beispiel oder die jüngst entstandene „Tausendundeine Nacht“-Adaption „Hasib et la Reine des serpents“.

Denn David B. ist ein Künstler, ein Erzähler, der nie schwarzweiß denkt, auch wenn er so zeichnet. Von ihm lernt man so viel über Ästhetik, Mentalität und Geschichte des Orients, dass man ihn zumindest allmählich mal irgendwo als Ehrendoktor erwägen sollte. Wenn’s schon nicht für einen der klassischen Literaturpreie reicht.

12. Dez. 2016
von Andreas Platthaus
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05. Dez. 2016
von Andreas Platthaus
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Wissenschaft als Comic

Universitäten sind für die erstaunlichsten Dinge gut. Das wissen seit einiger Zeit auch Comicleser, denn aus den deutschen Illustrationsklassen kommen einige der erfreulichsten deutschen Comics der letzten Jahre. Ob es Zeitschriften wie „Orang“ (HAW Hamburg), „Triebwerk“ (Universität Kassel) oder „Strichnin“ (Hochschule Augsburg) sind; ob man wunderbare Einzelbände nennt, die aus Kursen hervorgegangen sind wie etwa ATAKs Veranstaltung an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle, die uns Alexandra Rüglers illustrierte Version von Patricia Highsmiths Roman „Der talentierte Mr Ripley“ beschert hat; ob es Jungstars oder bereits Etablierte wie Aisha Franz (Kassel), Anna Haifisch (Leipzig), Max Baitinger (Leipzig), Sascha Hommer (Hamburg) und noch viele, viele mehr sind; oder ob wir Anthologien nehmen wie etwa die vor einem halben Jahr an dieser Stelle (http://blogs.faz.net/comic/2016/06/28/grandhotel-als-fluechtlingsmodell-887/) gewürdigten „Geschichten aus dem Grandhotel“ (Augsburg) – man könnte schier endlos weiter aufzählen. Aber besser ist, sich einzelne Publikationen genauer anzusehen.

Zur letztgenannten Gruppe, der der Anthologien, zählt ein Band, der sich mit einem quasi selbstreferentiellen Thema befasst: einer Art Hochschule, die jedoch einen höchst dubiosen Ruf genießt, nämlich der Kolonialschule in Witzenhausen. Die wenigsten werden überhaupt gewusst haben, dass es diese Schule in der Nähe von Kassel einmal gab. Sie existierte von 1898 bis 1944, war also eine Gründung des Kaiserreichs, das dort sein deutsches Personal für die Kolonien ausbilden lassen wollte, und eine Schließung der Nazis, die aber durch den Krieg dazu gezwungen wurden, nicht durch bessere Einsicht. Im Gegenteil: Witzenhausen passte vom Lehrplan her perfekt zum deutschen Überlegenheitsgefühl, aber 1944 wurde wohl auch langsam klar, dass es mit Kolonien fürs Reich nie mehr wieder etwas werden würde. Es war der geringste Verlust jener Jahre.

Die Grundstücke und Gebäude wurden nach 1945 von der landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Kassel weitergenutzt, und deren Studenten haben sich nun mit den Kommilitonen der auch in Kassel angesiedelten Illustrationsklasse von Hendrik Dorgathen und Geschichtsstudenten zusammengetan, um dieses heikle Stück eigener Institutionengeschichte aufzuarbeiten. Herausgekommen ist nicht nur eine Reihe gründlicher historischer Studien, sondern auch eine Publikation namens „Raus rein“, die Texte und Comics versammelt, die sich mit der Kolonialschule in Witzenhausen beschäftigen.

So lesenswert die Texte sind, interessieren hier doch vorrangig die Comics, und schon die Tatsache, dass der Berliner Avant-Verlag den Band ins Programm genommen hat, zeigt, dass hier Qualität geboten wird. Eigentlich müsste es als Beleg für die Qualität des Buchs genügen festzustellen, dass sich in „Rein raus“ der erste längere Comic von Hendrik Dorgathen seit Jahren findet: „Drei Schädel in Witzenhausen“, eine sechsseitige Recherche über Bestände der Asservatenkammer. Wo der Professor mit gutem Beispiel vorangegangen ist (er gestaltete auch eine „Kolonialismus Mindmap“, der man die verschiedenen Schlagworte einer untergegangenen Wissenschaft, deren Vorurteile leider immer noch aktuell sind, ablesen kann, und einen Prosatext, der die eigene Herangehensweise bei dem sechsseitigen Comic legitimiert), haben die Studenten eifrig nachgelegt. Florian Biermeier, Anne Zimmermann, Adrian Richter, Elena Seubert, Caroline Godglück und Carina Riemenschneider haben in jeweils ganz unterschiedlichen Stilen weitere Kurzcomics auf Grundlage der mehrsemestrigen Recherchen gezeichnet, und Carmen José hat eine illustrierte Geschichte über die Tropenhäuser in Witzenhausen geschaffen, die zwar kein Comic ist, aber dennoch lesenswert – man meint sich teilweise in Bilder des französischen Künstlers Sam Szafran versetzt (beim Thema Treibhäuser auch nicht verwunderlich).

Das Buch ist aber nicht nur ein Schaukasten für die Vielfalt graphischer Techniken (die in der Leseprobe des Verlags – http://www.avant-verlag.de/comic/raus_rein – schön veranschaulicht wird) und Darstellungsweisen, sondern auch eine Fundgrube für Material zur Witzenhausener Schulgeschichte. So gibt es Fotos, die den heutigen Zustand des Areals ebenso wiedergeben wie dort noch erhaltene Ausstattungsstücke oder Lehrmaterialien inklusive derart heikler Gegenstände wie eben Dorgathens drei Schädel. Man hat mit „Rein raus“ viel zu sehen und viel zu lesen, denn es ist ja keine durchgängige und auf bloße Anschaulichkeit getrimmte Comicpublikation, sondern auch wissenschaftliche Arbeit, und das bekommt zwar nicht jedem Text gut, aber dadurch erhalten die Comics einen Anspruch, der in dieser Branche nicht alltäglich ist. Und es wird der Beweis geführt, dass Comics durchaus zur wissenschaftlichen Arbeit taugen. Mehr als das: Sie machen die wissenschaftliche Arbeit leichter kommensurabel. Mal sehen, wie es auf diesem verheißungsvollen Weg an deutschen Hochschulen weitergeht.

05. Dez. 2016
von Andreas Platthaus
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28. Nov. 2016
von Andreas Platthaus
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Die zwei Asterix-Arbeiten des Uderzo

Das ist auch schon wieder vierzig Jahre her. Damals kam „Asterix erobert Rom“ in die Kinos, ein Trickfilm, der im Gegensatz zu den beiden zuvor erschienenen „Asterix“-Filmen nicht auf ein existierendes Album zurückging, sondern eigen fürs Kino geschrieben worden war, und zwar von René Goscinny persönlich. Was das hieß, war mir damals gar nicht klar, denn als Zehnjähriger denkt man nicht darüber nach, dass die Zeit von Menschen begrenzt ist. Goscinny schrieb wie ein Wahnsinniger an „Asterix“, „Lucky Luke“ und „Isnogud“, und dass er einfach noch ein Drehbuch zwischenschieben konnte, bei dem Film Co-Regie führte und dann noch den Text zu einem Bilderbuch daraus machte, das schien mir ganz normal. Ein Jahr später war der nimmermüde Goscinny tot.

Hätte er doch die Zeit, die der Film kostete, lieber noch auf ein normales „Asterix“-Album verwendet! Meinethalben sogar mit er Geschichte von „Asterix erobert Rom“, den die ist so übel nicht. Nach dem Vorbild der Arbeiten des Herkules (im französischen Original heißt der Film auch „Les douze traveaux d’Astérix“) müssen die gallischen Helden von Caesar gestellte Aufgaben bewältigen. Schaffen Sie es, will der römische Herrscher sie als Götter anerkennen und in Frieden lassen, versagen sie, müssen sie sich samt ihres ganzen Dorfes Rom unterwerfen. I Deutschland wollten das damals mehr als sieben Millionen Zuschauer sehen, mehr als drei Mal so viele wie in Frankreich. Dabei dürfte niemand überrascht gewesen sein, wie die Sache ausgeht: Am Ende ist Caesar Privatmann.

Das wäre der Comic geworden, mit dem Goscinny die „Asterix“-Serie zu einem Abschluss hätte bringen können, und deshalb wurde es auch kein Comic. Oder nur ein seltsamer, denn für französische Zeitungen wurde „Asterix erobert Rom“ tatsächlich als Comic-Strip umgesetzt, allerdings nicht vom etatmäßigen Zeichner Albert Uderzo, sondern von dessen Bruder Marcel, der die Sache gar nicht übel löste, allerdings mit der Ausnahme von vier Seiten nur in Schwarzweiß. Auf Deutsch ist ein Großteil der insgesamt 35 Seiten damals in der Fachzeitschrift „Comixene“ erschienen, also quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Aber es kam 1976 auch ein Album in den Handel, im üblichen Großformat und in prächtigen Farben, 58 Seiten stark, gezeichnet von Albert Uderzo. Nur war das die Geschichte, die ich eben „Bilderbuch“ genannt habe. Für dieses „große Buch zum Film“ hatte Goscinny den halbdialogischen Text verfasst und Albert Uderzo insgesamt 110 Illustrationen angefertigt, darunter einige, die wie Comicsequenzen funktionierten, allerdings jeweils ohne Sprechblasen.

Was Albert Uderzo vierzig Jahre später dazu getrieben hat, just diese Geschichte noch einmal ganz neu zu illustrieren, weiß Teutates. Jedenfalls ist jetzt noch einmal als „Album zum Film“ ein Heft erschienen, das zwar „Asterix erobert Rom“ heißt und dieselbe Geschichte erzählt, aber weder textlich noch graphisch mit dem Band von 1976 übereinstimmt. Der Text, so ist es auf dem Titelbild vermerkt, ist nach dem Szenario von René Goscinny bearbeitet – die zuvor prägenden Dialogpassagen sind beseitigt, es gibt nur noch gelegentlich wörtliche Rede. Wer hier am Werk war, wird verschwiegen. Neu übersetzt worden ist das alles jedenfalls auch. Die Zeichnungen wiederum sind auf sechzig eingedampft worden, darunter nur noch zwei-, dreimal Sequenzen, ansonsten meist eine große Illustration pro Doppelseite, weshalb der Umfang jetzt auch satte achtzig Seiten beträgt. Da der deutsche Verlag sich eine Leseprobe schenkt, sei auf den französischen verwiesen, der immerhin einiges Material zugänglich macht: http://www.asterix.com/la-collection/les-albums-de-films/les-douze-travaux-d-asterix.html.

Orientiert hat sich Uderzo größtenteils an den Zeichnungen von damals; sie hat er in den weichen, dreidimensional wirkenden Stil seines Spätwerks versetzt. Wobei dies hier ein Spätestwerk ist, denn Uderzo wird im nächsten Jahr neunzig, und dass er jemals wieder selbst eine solche Herkulesaufgabe angehen würde, dürfte niemand geglaubt haben. Er selbst nennt als Grund im Vorwort, dass das Drehbuch seines Freundes Goscinny einen „würdigen Rahmen“ verdient habe, aber ob die heutigen Bilder würdiger sind als die von 1976 ist Geschmackssache. Entdeckungen lassen sich jedenfalls kaum machen, denn im Großen und Ganzen hat Uderzo nur das, was wir schon kannten, noch einmal neu gezeichnet.

Immerhin gibt es eine schöne Hommage an René Goscinny, der als Werbeträger in einem U-Bahnhof auftaucht (eine der Aufgabe für Asterix und Obelix besteht darin, dass sie die Höhle einer Bestie erforschen sollen, in der sie kurzfristig in die Moderne transportiert werden). Und die auf Doppelseiten kaprizierte Gestaltung sogt bei etlichen Motiven für mehr Detailreichtum und spektakulärere Dramaturgie. Aber das macht den Verlust an klarer Linie, den Uderzo mit seiner späten Liebe zu Plastizität Farbverläufen erzwingt, nicht wett. Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass der Band als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für den Koloristen Thierry Mébarki gedacht ist, der als vom Meister präferierter Nachfolgezeichner bei den neuen „Asterix“-Comics durch Didier Conrad abgelöst wurde, weil er mit dem neuen Szenaristen Jean-Yves Ferri nicht zurechtkam.

Und so liest man auch das überschwengliche Lob Uderzos auf den verstorbenen Goscinny unwillentlich als einen Hieb gegen Ferri, der dessen Erbe als Szenarist angetreten hat (und das von Uderzo selbst, denn leider hatte der sich ja neun Alben lang auch als Autor betätigt). Da der Vorgängerband von 1976 aber längst vergrffen ist und nie wieder aufgelegt wurde, ist die umgearbeitete Version eine sinnvolle Ergänzung der „Asterix“-Reihe. Ein simpler Nachdruck wäre zwar zufriedenstellender gewesen. Doch das reichte Herrn Uderzo leider nicht. Wer hätte gedacht, dass der alte Mann noch so viel Glut in sich hat?

28. Nov. 2016
von Andreas Platthaus
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14. Nov. 2016
von Andreas Platthaus
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Bhagwan-Berlin

Wer schon zwei Jahre nach einem umfangreichen Comicalbum eine genauso umfangreiche Fortsetzung folgen lässt, der hat etwas Großes vor. Zumal wenn der erste Band, „Gleisdreieck“, den Untertitel „Berlin 1981“ trägt und nun unter dem neuen Band „Westend“ steht: Berlin 1983“. Da zeigt sich ein Programm, das der Szenarist Jörg Ulbert und der Zeichner Jörg Mailliet gemeinsam verfolgen, und man darf nur hoffen, dass es in der Chronologie noch weiter gehen wird (die Abfolge darf übrigens gern noch dichter werden; warum denn ein Jahr überspringen?).

Ob es allerdings über die achtziger Jahre hinausgehen kann, ins wiedervereinigte Berlin hinein, darf man bezweifeln, denn zu bedeutsam ist die spezifische Insel-Lage West-Berlins für die Geschichten, die Ulbert erzählt. Das war schon beim ersten Band so, der wie auch nun der zweite zunächst für den französischen Comicmarkt geschrieben wurde, und zwar jeweils unter dem Titel „Le Théorème de de Karinthy“. Was diese rätselhafte Bezeichnung bedeutet, habe ich schon vor zwei Jahren an dieser Stelle in meiner Würdigung der französischen Originalsaugabe erklärt (http://blogs.faz.net/comic/2014/04/07/zeitreise-den-berliner-terrorismus-488/), und immer noch gilt, dass die Stimmung in der Westhälfte der geteilten Stadt das zentrale ästhetische Motiv dieses Comics ist: die Isolation, das heruntergekommene Stadtbild, die quicklebendige Untergrund-Kultur in Politik wie Nachtleben, kurz: das ganze Lebensgefühl in West-Berlin. Diesmal ist der deutsche BerlinStory-Verlag den französischen Kollegen von „Des ronds dans l’O“ bei der Publikation aber zuvorgekommen. Eine Leseprobe bieten sie nicht an, aber das französische Amazon (https://www.amazon.fr/Westend-Berlin-1983-J%C3%B6rg-Ulbert/dp/3957230985/ref=sr_1_cc_2?s=aps&ie=UTF8&qid=1479115703&sr=1-2-catcorr&keywords=J%C3%B6rg+Ulbert) bietet ein paar Seiten aus der deutschen Fassung für ungeduldige Leser im Nachbarlan. Bestellen kann man es dann ja im normalen Buchhandel …

Einige der Hauptfiguren aus „Gleisdreieck“, der seinen Gegenstand im Linksterrorismus und den Infiltrationen dieser Szene durch die Polizei und Geheimdienste gefunden hatte, stehen nun wieder im Mittelpunkt, vor allem der untersetze Otto, der mittlerweile den Weg vom Linksextremismus zur Esoterik gegangen hat und seine Spitzeldienste in der Gemeinde des indischen Predigers Bhagwan leistet. Manch einer täuscht sich in ihm, denn in den violetten Gewändern und  dem scheinbar ungelenken Körper steckt ein im wörtliche Sinne schlagkräftiger Mann. Im Auftrag des beim Bundeskriminalamt beschäftigten Ermittler-Veteranen Friedrich Wittin bemüht sich Otto, dem abgetauchten Sohn eines Berliner Kammerrichters auf die Spur zu kommen, der diesen diskreten Hilfsdienst dann mit wohlgefälligem Verhalten im Gerichtssaal belohnen will. Denn dort steht ein Urteil über die Aktivitäten verdeckter Ermittler des Berliner Verfassungsschutzes an – eine Behörde, mit der Wittin und sein Amt in dieser Sache über Kreuz liegen. Die Staatsorgane arbeiten also jeweils mit dubiosen Tricks gegeneinander.

Ulbert und Mailliet haben ihren fiktiven Fall wieder mitten ins historische Zeitgeschehen verlegt, denn diese Gerichtsverhandlungen gegen V-Leute hat es im Berlin der siebziger und achtziger Jahre immer wieder gegeben – und ganz geklärt wurden die ihnen zur Last gelegten Morde und Mitwisserschaften darum nie. Das macht wie schon in Band 1 die politische Komponente auch im zweiten Teil der „Berlin“-Serie aus. Man staunt, wie intensiv die beiden heute in Frankreich lebenden Autoren, die allerdings beide das Berlin jener Jahre erlebt haben, für diese Hintergründe recherchiert haben. Und dadurch, dass Mailliet in seinen Panels wieder eine Straßenszene nach der anderen höchst ortsgetreu ins Bild setzt, erreicht auch dieser Band wieder eine Authentizität, die im Comic nicht alltäglich ist.

Die Geschichte verlangt Aufmerksamkeit, um den vielfachen Wendungen gerecht zu werden, und auch die Seitenarchitektur ist höchst ausgefuchst, denn auch wenn alles in Panels unterteilt ist, ziehen sich etliche Bilder doch über mehrere davon hin, so dass man erst in der Gesamtschau der Seite das eigentliche Bild erklärt. Köpfe, die halb angeschnitten rechts am Bildrand stehen, werden dann im Folgebild links um die fehlende Hälfte ergänzt, und alle solchen optischen Tricks dienen nicht einem Spektakel, sondern haben inhaltliche Notwendigkeit – sei es, dass etwas im Hintergrund passiert, was die Verschiebung des Fokus erfordert, sei es, dass gerade in einem Bild nicht gezeigt werden soll, was gerade geschieht, weshalb sich die Perspektive ändern muss. Einzig die Farben sind nach wie vor gewöhnungsbedürftig: der Stimmung entsprechende abgeschattete matte Farben, die zu sehr die Computerkolorierung erkennen lassen, unter der dann der penible Strich von Mailliet verschwindet, den man auf den in Schwarzweiß gehaltenen Kapitelvorsatzzeichnungen noch so schön erkennen kann.

Doch was da alles aus den Kulissen gezerrt wird, gleicht solche kleinen Mängel aus: Man erfährt, was die Bhagwan-Sekte und die Gäste in deren Diskotheken für Interessen verfolgten (wobei die Pauschalierung der Aussagen darüber nicht mit meiner eigenen Erfahrung als Mitte der achtziger Jahre einigermaßen regelmäßiger Besucher der Kölner Bhagwan-Disco übereinstimmt, aber gerade dass plötzlich auch andere Facetten einer vertraut scheinenden Institution plausibel werden, zeigt die Stärke der Recherche, die in „Westend“ eingeflossen ist). Und die dubiosen Praktiken von Anwälten, Ermittlern, Spontis und Kriminellen erscheinen hier als so ununterscheidbar, wie sie es damals wohl auch tatsächlich gewesen sind. Die Benennungen der Einzelbände nach Berliner S-Bahnhöfen lässt noch viele Optionen offen. Hoffen wir, dass Ulbert und Mailliet das Streckennetz Stück für Stück komplettieren.

 

14. Nov. 2016
von Andreas Platthaus
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07. Nov. 2016
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Muss es beim Museum so museal zugehen?

Wenn es gälte, den stilistisch vielseitigsten europäischen Comiczeichner zu benennen, dann wäre Manuele Fior ein heißer Kandidat. Unter den bisher erst sieben Comics des 1975 geborenen Italieners gibt es kaum einen, der den anderen gliche. Das gilt auch für sein jüngstes Werk, das in Zusammenarbeit mit dem Pariser Musée d’Orsay erschiene Album „D’Orsay-Variationen“. Zwar könnte man sich bei den ersten Bildern an die 2010 publizierte Schnitzler-Adaption „Fräulein Else“ erinnert fühlen, weil die Zeit der Handlung und somit der Dekor gleich sind: Fin de Siècle. Doch das, was Fior dann in seiner eigenen Geschichte anstellt, geht in eine ganz andere Richtung als die einigermaßen strenge Bebilderung der Schnitzler-Novelle.

Die „D’Orsay-Variationen“, ein Jahr nach dem französischen Original nun auch auf Deutsch erschienen (beim Avant Verlag), sind genau, was der Titel besagen will: freie Erzählungen über Künstler und Werke, die in dem 1986 eröffneten Museum für die Kunst der zweiten Hälfte des neunzehnten und des frühen zwanzigsten Jahrhunderts zu finden sind. Fior nimmt die Biographien einiger der Berühmtesten unter ihnen – Degas, Ingres, Monet, Morisot – als Anregungen für eine locker gestrickte Handlung um die zeitgenössischen Akzeptanzprobleme jener Kunst, die wir heute „Impressionismus“ nennen. Und er bettet diese Zeitreise ein in den Traum einer Museumswärterin, die vor Henri Rousseaus „Schlangenbeschwörerin“ sitzt – dem zentralen Bild dieses Comics, weil Fior sich aus der surrealistisch-traumwandlerischen Stimmung des Gemäldes die eigene Erzählhaltung besorgt (Leseprobe unter http://www.avant-verlag.de/comic/d_orsay_variationen).

Das hätte grandios werden können, doch dem wurde nicht so. Woran liegt es? Daran, dass mittlerweile die Zahl der in Kooperation mit französischen Museen entstandenen Comics sehr groß ist – allein der Louvre hat seit 2006 schon zehn zu bieten. Immer soll es sich dabei um Geschichten drehen, die von den Werken der jeweiligen Häuser ihren Ausgang nehmen, und normalerweise sieht das so aus, dass irgendwelche Besucher in die jeweiligen Bilderwelten hereingezogen werden.So macht es auch Fior, und dieses Rezept ist mittlerweile etwas zu bekannt, als dass man es noch einmal erleben möchte.

Dazu kommt, dass er sich etliche der allerberühmtesten Werke im Musée d’Orsay ausgesucht hat, über die man als einigermaßen kunstinteressierter Leser auch schon einiges weiß, so dass die Anekdoten, die hier zur Sprache kommen, nicht eben überraschend sind. Die interessanteste Herausforderung liegt in ihrer Verbindung untereinander, und dazu hat Fior Edgar Degas ausersehen, der über mehrere Jahrzehnte in seiner künstlerischen und persönlichen Entwicklung begleitet wird, doch das wiederum verträgt sich nicht mit dem Ein- und Ausgangsbild „Die Schlangenbeschwörerin“ von Rousseau. Bloße Aneinanderreihung von Assoziationen würden in einem Comic zur surrealistischen Kunst plausibel wirken, nicht aber in dieser mühsam verbundenen Pseudobiographie des Impressionismus.

Zudem entspricht Fiors hier gewählter eigener Stil viel mehr der klassischen Salonkunst als dem damals neuen impressionistischen Phänomen. Die Statik der Figuren, deren Ausstaffierung und die durchaus aufwendig und zeitgemäß ausgeführten Hintergründe knüpfen alle bei dem Mann an, der zwar als Leitfigur von Degas vorgestellt, aber denn doch von ihm überwunden wird: bei Ingres. Allerdings einem Ingres, der in die pastellene Farbpalette von Degas getaucht ist, was ein seltsam eklektisches Erscheinungsbild entstehen lässt, das jegliche Bindung an die porträtierten Künstler negiert. Dadurch bekommt der Band nicht den Charakter von Variationen, sondern von Perversionen: Die jeweiligen individuellen Handschriften werden malträtiert, statt weiterentwickelt.

Die Ehre, von einigen der berühmtesten Museen der Welt angesprochen zu werden, macht Comiczeichner offenbar blind für die Herausforderung, die darin liegt. Sie ergehen sich in Anspielungen und Reminiszenzen, statt den Auftrag als Möglichkeit zu nutzen, ihre eigenen Themen und Fähigkeiten einem anderen Publikum vorzuführen. Durch den Verkauf in den Museen haben solche Bände ja zumindest das Potential dazu. Doch es ist evident, dass es den Beteiligten vor allem um Gefälligkeit geht – Ausnahmen wie Marc-Antoine Mathieus „Les Sous-Sols du Révolu““ von 2006 bestätigen die Regel. Bezeichnend, dass das der Auftaktband zur Louvre-Comicreihe war und seitdem auch nichts annähernd vergleichbar Interessantes mehr erschienen ist. So gesehen reiht sich Fior nahtlos ins viel zu schön sein wollende Elend dieser Versuche ein.

07. Nov. 2016
von Andreas Platthaus
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31. Okt. 2016
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Der richtige Erbe

Als vor sechs Jahren bei Carlsen der Spirou-Extraband „Operation Fledermaus“ herauskam, lernte ich das Staunen neu. Von Yann, dem Szenaristen des Bandes, hatte ich schon lange eine hohe Meinung, aber dass es in Frankreich einen Zeichner namens Olivier Schwartz gab, der den Zeichenstil der Nouvelle Ligne Claire noch derart beherrschte, das war mir unbekannt. Hätte ich die Seiten ohne Wissen um den Urheber gesehen, hätte ich auf eine wiederaufgetauchte Arbeit von Yves Chaland getippt, dem 1990 tödlich verunglückten Star dieses Stils, eines meiner absoluten Lieblingszeichner. Niemand imitiert dessen ebenso nostalgischen wie schwungvollen Strich so perfekt wie Olivier Schwartz.

„Operation Fledermaus“ heißt im französischen Original „Le Groom vert-de-gris“, und das war eines jener vielen Projekte, die Chaland aus Begeisterung für eine Figur begonnen, aber nie beendet hatte. Es existieren ein skizziertes Skript und ein paar ausgearbeitete Seiten, aber die Genehmigung, diese im Zweiten Weltkrieg angesiedelte Geschichte um den belgischen Comic-Heroen Spirou zu erzählen, bekam Chaland nicht. Fast zwanzig Jahre nach seinem Tod besann man sich eines Besseren, zumal Chaland immer mehr zur Legende geworden war; Yann stellte deshalb die Geschichte fertig, und Schwartz zeichnete sie. Und ich bewunderte einen Künstler, der für mich aus dem Nichts heraus die Opulenz und den Witz des Retroc-Charmes der achtziger Jahre wiederbelebte.

Dabei war der 1963 geborene Schwartz damals schon Teil der Nouvelle Ligne Claire gewesen, nur hatte das jenseits der französischen Grenzen niemand bemerkt. Denn seine erfolgreichste Serie, „Inspektor Bayard“, wurde seit 1988 in einem alle zwei Monate erscheinenden Kindermagazin namens „Astrapi“ publiziert, und die insgesamt achtzehn Alben, die sämtliche Episoden nachdruckten, wurden auch nicht bei einem der großen frankobelgischen Häuser publiziert, sondern bei dem Verlag, der „Astrapi“ herausbringt: Bayard, der dem Helden auch seinen Namen gegeben hatte. Anfangs waren dessen Abenteuer als Rätselkrimis konzipierte Kurzepisoden von drei oder vier Seiten: Auf zwei oder drei davon wird ein Verbrechen beschrieben, das von Inspektor Bayard aufgeklärt werden muss, die letzte Seite bringt dann die Auflösung, die den Lesern bei aufmerksamer Lektüre schon vorher durch kleine Hinweise nahegelegt worden war. Schwartz ließ sich die Geschichten zunächst von wechselnden Szenaristen schreiben, fand nach zwei Jahren in Jean-Louis Fonteneau aber seinen dauerhaften Partner. Nach einigen Jahren erzählte das Duo auch albenlange Geschichten, die aber immer noch das Rätselelement beibehielten.

Das Zielpublikum von „Astrapi“ hat ein Alter von sieben bis elf Jahren, entsprechend harmlos sind die Geschichten, wobei man bisweilen schon sehr genau hinsehen muss, um die Hinweise auf die Lösung zu finden. Ein deutschsprachiges Äquivalent zu der Zeitschrift existiert nicht, und Kindercomics werden hierzulande eher als Hefte oder Bilerbücher, jedenfalls selten als Alben veröffentlicht. Deshalb ist „Inspektor Bayard“ bislang nie über die Grenzen gelangt. Aber mit dem Erfolg, den Olivier Schwartz mit „Operation Fledermaus“ hatte und dem er ein weiteres Spirou-Abenteuer („Die Leopardenfrau“) und den semifiktionalen Band „Gringos Locos“ folgen ließ, hat sein deutscher Verlag Carlsen jetzt auch das Risiko gewagt, „Inspektor Bayard“ auf Deutsch herauzubringen, allerdings bezeichnenderweise nicht im Albenformat, sondern etwas kleiner, dafür aber fast hundert Seiten stark, denn man hat die ersten beiden „Bayard“-Alben von 1993 zusammengefasst und noch fünfzehn Seiten Bonusmaterial angehängt.

Das wiederum hat man der in Frankreich seit vergangenem Jahr erscheinenen „Intégrale“-Ausgabe entnommen: einem Nachdruck, der jeweils vier Alben zu einem opulenten und reich kommentierten Hardcoverband zusammenfasst. Warum man nicht einfach diese Bände übersetzt, ist ein Rätsel, aber vermutlich glaubt man bei Carlsen nicht daran, Kindercomics für knapp dreißig Euro verkauft zu bekommen; die nun gestartete halb so dicke Serie kostet pro Band nur 13 Euro. Aber gleichzeitig hat das wohl niemand dem Übersetzer gesagt, denn im Zusatzmaterial der deutschen Ausgabe wird auf ein Bild auf Seite 171 verwiesen – die es natürlich gar nicht gibt. Redaktionell wurde die Ausgabe also sehr leblos betreut, zumal der Sprachstil der Übersetzung gerade im Anhang grässlich ist. Nur ein Beispiel aus einer Bildunterschrift zu einem ungedruckt gebliebenen Umschlagentwurf: „Wegen des Blutes wird es verworfen. Olivier Schwartz verwandelt darauf den Leichnam in einen riesigen Bücherstapel. Natürlich in Inspektor Bayards Comics, als Werk im Werk und Ankündigung von vielen zu erwartenden Alben.“ Man hört bis in die Satzstellung hinein das französische Original, aber flüssiges Deutsch ist das nicht. Und was soll die Bezeichnung „unveröffentlicht, erschienen in ‚Astrapi’“ über drei angehängten Extra-Geschichten bedeuten? Ganz einfach: unveröffentlicht in der ersten französische Albenausgabe, aber natürlich nicht generell unveröffentlicht. Irgendwer hätte bei Carlsen noch mal einen Blick auf diesen Comic werfen sollen, bevor man ihn drucken ließ.

Wobei das die graphische Qualität der Schwartzschen Geschichten nicht mindert. Sie sind eine Augenfreude für jeden, der die Nouvelle Ligne Claire liebt. Schwartz bringt eine Fülle von Anspielungen an seine Vorbilder unter, am massivsten in den Coverzeichnungen der Alben. Auf derjenigen, die nun auch die deutsche Ausgabe schmückt, steht Bayard auf dem Fenstersims eines Hotels, dessen Name gerade noch identifizierbar ist: „Moustique“, jenes Haus also, in dem Spirou arbeitet (und in dem „Operation Fledermaus“ größtenteils spielt). Die beiden nächsten Alben sind bis in die Posen der agierenden Figuren von Chaland-Covern inspiriert – Schwartz macht sich einen großen Spaß aus solchen Hommagen, und keinem anderen Comic ist „Inspektor Bayard“ so nahe wie Chalands „Freddy Lombard“, gerade auch in der optischen Gestaltung des Helden.

So ist diese Serie das für mich lange Zeit vermisste Bindeglied zwischen den Klassikern und dem Newcomer Olivier Schwartz (der dann ja gar nicht so neu war, wie ich lange dachte). Nur darf man nicht die üblichen Maßstäbe an die Handlungen anlegen. Wenn man aber das Kindliche dran akzeptiert und auch als heute ungewohnte Fortsetzung der schlichten Moral von Comics aus den fünfziger Jahren versteht, dann ist „Inspektor Bayard“ mehr als nur ein guilty pleasure. Und vielleicht gibt sich Carlsen bei hoffentlich noch weiteren Bänden etwas mehr Mühe. Denn es werden wohl doch überwiegend Erwachsene sein, die sich für die neue alte Serie begeistern werden – solche wie ich, die in den achtziger Jahren gelernt haben, was anspruchsvolle Comics sein können.

31. Okt. 2016
von Andreas Platthaus
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25. Okt. 2016
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Vier Doppelseiten für eine Explosion

Im spanischen Teil des Baskenlands wohnen die wenigsten Bürgermeister in den Orten, denen sie vorstehen. Aus Sicherheitsgründen leben sie in der nächsten größeren Stadt, denn in den Dörfern und Kleinstädten regiert ETA, die Terrororganisation, die jahrzehntelang für einen eigenen baskischen Staat mordete, bis 2011 ein Waffenstillstand verkündet wurde, von dem aber niemand sicher sagen kann, ob er das letzte Wort der Separatisten ist.

Der Comic „Mikel“ hat seine Handlungszeit in den Jahren 2006 bis 2010, als jedem Politiker im Baskenland auf dessen Anforderung Personenschützer zugeteilt wurden, auf Baskisch sogenannte „Txakurras“ (Hunde). Einer von ihnen war Mark Bellido, geboren 1975 im südspanischen Sevilla, also weit weg vom Baskenland. Mittlerweile lebt er als Schriftsteller in Brüssel – nach dem Waffenstillstand wurden die von privaten Sicherheitsdiensten gestellten Leibwächter meist arbeitslos – und schreibt auch Comics. So lernte er die belgische Zeichnerin Judith Vanistendael kennen, und gemeinsam entwickelten sie eine Geschichte, die auf Bellidos Erlebnissen als „Txakurra“ beruht du auf Französische unter dem Titel „Salto“ erschienen ist, im flämischen Original aber nach dem Namen des Protagonisten „Mikel“ heißt, und so ist nun auch der deutsche Titel. Wie Vanistendaels beide Vorgängercomics, „Kafka für Afrikaner“ und „Als David seine Stimme verlor“, ist auch der neue mehr als 360 Seiten dicke Band wieder bei Reprodukt erschienen.

Obwohl er so umfangreich ist, liest sich „Mikel“ sehr schnell. Das hat auch damit zu tun, dass Vanistendael bisweilen lange wortlose Sequenzen einschaltet, die der steten Aufmerksamkeit, die einem Leibwächter abverlangt werden, gerecht werden (Leseprobe unter http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/mikel-die-geschichte-des-bonbonverkaufers-der-im-regen-verschwand/). Ablenken lassen vom Beobachten der Umgebung darf man sich nicht, und genauso ist bisweilen auch dieser Comic gearbeitet, der selbst falsche Spuren legt, um die Fehlbarkeit von Einschätzungen zu dokumentieren oder auch einmal eine buchstäbliche Ruhe vor dem Sturm illustriert, ehe dann gleich vier Doppelseiten eine Explosion abbilden, die nicht nur das Sicherheitsgefühl von Mikel und seiner baskischen Kollegin Rosa erschüttert, sondern auch das des Lesers. Man weiß nicht, was einen bei Bellido und Vanistendael auf der nächsten Seite erwartet.

Und dann gibt es den Leerlauf eines Berufsalltags, bei dem alles auf den Rhythmus des zu Beschützenden abgestellt ist und somit den Beschützern gar kein eigenes Privatleben mehr möglich ist. Mikels Ehe zerbricht daran, und das ein mindestens so zentrales Element dieser Geschichte wie die Attentate der baskischen Extremisten. Zumal das Buch anhebt mit einer Schelmenepisode aus Mikels früherem Leben als Bonbonlieferant in Andalusien. Dort ist alles bunt und harmlos, nur die Familienpflichten als Gatte und Vater bringen Unordnung in eine sorglose Existenz. Mit dem freiwilligen Umzug ins Baskenland – Mikel hat schriftstellerische Ambitionen und will als Leibwächter Stoff für einen Roman sammeln – wird alles grau und regnerisch und bedrohlich. Zur familiären Unordnung kommt die politische dazu.

Die Farbkontraste beim Schauplatzwechsel aus dem Süden in den Norden haben wir im französischen Spielfilm „Willkommen bei den Sch’tis“ 2008 bereits ausgiebig vorgeführt bekommen, das ist also ein abgedroschener Effekt. Und der Untertitel des Buchs, „Die Geschichte eines Bonbonverkäufers, der sich im Regen auflöst“, ist so ziemlich das Furchtbarste, was ich je auf einem Comic gelesen habe. Aber so wollten es Bellido und Vanistendael, die Übersetzerin Ruth Notowicz kann nichts dafür und hat gute Arbeit bei der Übertragung aus dem Niederländischen (ja, so steht das im Buch vermerkt, nicht „aus dem Flämischen“) geleistet. Das allegorische Covermotiv ist ein weiteres Unglück dieses Buchs. Nichts weist darauf hin, was für eine brisante und interessante Story sich dahinter verbirgt.

Also Augen zu beim Kauf und erst wieder aufgemacht beim Hineinblättern. Dann packt einen das Buch und erweist einmal mehr den graphischen Einfallsreichtum von Judith Vanistendael, die zu den interessantesten belgischen Comiczeichnern zählt. An diesem Werk hat sie gemeinsam mit Bellido mehrere Jahre gearbeitet, und die einzige Parallele beim Geschick in der Bilddramaturgie in Verbindung mit einem tagesaktuellen Thema sehe ich bei Baru, dem großen Comic-Chronisten der Migranten in Frankreich. Wie er hat Judith Vanistendael ein sicheres Gespür für pathetische Seitenarchitektur und Rhythmuswechsel. Schon technisch betrachtet ist „Mikel“ ein Lehrstück. Was es dann inhaltlich zu bieten hat, ist noch bemerkenswerter: Zeitgeschichte, von der man nur hoffen kann, dass sie im Baskenland nun wirklich Geschichte ist.

25. Okt. 2016
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17. Okt. 2016
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Auf welcher Seite stehen die Zeichner?

Die Zwistigkeiten nehmen zu, überall in der Gesellschaft, besonders in politischen Fragen. Diskussionen um Pegida, Zuwanderung, Flüchtlinge, Islam oder Terror können Freundschaften beenden, spalten Familien, bringen Nachbarn gegeneinander auf. Die Fähigkeit, sich aufeinander einzulassen, scheint nicht mehr weitverbreitet zu sein. Deshalb ist es gut, wenn ein Comic zu Pro und Contra bei heiklen Themen einlässt.

Die Idee dazu hat Moga Mobo entwickelt, jenes mittlerweile seit Jahrzehnten existierende kleine Kollektiv, das immer wieder (allerdings auch in immer größer werdenden Abständen) Gratiscomics herausgibt, die durch Anzeigen finanziert werden. Das jüngste Heft der Herren Thomas Gronle, Titus Ackermann und Jonas Greulich, zu denen für dieses Vorhaben noch Andreas Hartung gestoßen, der jahrelang das Berliner Comicmagazin „Epidermorphytie“  herausgebracht hat, heißt „Comic Culture Clash“, und das Quartett hat dazu zahlreiche Kollegen eingeladen, zu bestimmten Zeitfragen graphisch Position zu beziehen. „In 20 Konflikten um die Welt“ kautet der Untertitel, und so sind vierzig gezeichnete Stellungnahmen von jeweils sechs Seiten Umfang entstanden, die diese zwanzig Fragen ausfechten. Über die Entstehung kann man hier mehr erfahren: http://www.comic-culture-clash.de/.

Dabei sind nicht nur Themen, die in Deutschland umstritten sind, sondern auch für uns erst einmal exotische Entgegensetzungen wie „Südsudan vs. Nordsudan“, „Flüchtlingsstrom vs. Slowenien“, Mexikanisches Militär vs. Drogenmafia“. Über den Front National, Taiwan oder Schiiten und Sunniten kann man schon eher eine eigene Meinung haben, und bei den anfangs genannten Themen hat eh jeder eine. Also auch die Zeichner, über deren Motivation, sich für eine bestimmte Frage und dann die eine der beiden damit verbundenen Positionen zu entscheiden, man gerne noch mehr erfahren hätte, als das knappe Vorwort bietet. Denn das nennt zwar Identifikation, Distanz und Ironie als mögliche Haltungen, überlässt aber die Einschätzung, welche Stellungnahme welchem Feld zuzuordnen ist, dem Leser. Das soll ruhig so sein, aber ob alle Wahlen freiwillig erfolgten, oder manchmal auch Zwangszuordnungen getätigt werden mussten, um die Liste vollbesetzt zu bekommen, hätte mich interessiert. Man hätte ja nicht Ross und Reiter nennen müssen.

Vertreten sind übrigens nur fünf Frauen, allerdings ist mit Naomi Fearn eine sehr prominente dabei. Andere Berühmtheiten sind Mawil, Klaus Cornfeld, Schwarwel, Hamed Eshrat oder Stephan Packard – Letzterer allerdings als Comictheoretiker mit einem Nachwort zu Tradition und Zukunft politischer Comics. Naheliegende Kombinationen gibt es seltener als erwartet: So hat der in Dresden lebende Zeichner Mamei sich nicht fürs Pegida-Thema entscheiden, sondern für „Assad vs. Syrische Opposition“ und dabei für die Seite Assads. Hamed Eshrat interessiert sich nicht für muslimische Themen, sondern für die Lage auf dem Berliner Mietermarkt. Nur bei „bei „China vs. Taiwan“ tauchen mit Fun-gei Cheng und Che Chen zwei Namen von Zeichnern auf, die man hier vermutet hätte.

So gut die Idee ist, so schlicht ist meist die Ausführung. Klar, sechs Seiten für eine Stellungnahme sind wenig, und nicht jeder stopft seine Bilder so voll mit Text wie Fabian Stoltz bei seinem Plädoyer für die israelische Seite im Streit mit Palästina. Das ist übrigens einer der Comics, die vorsichtig ausfallen, sich durch humanistische Werte gegen falschen Beifall abzusichern versuchen und deshalb nicht eindeutig Position beziehen. Das gilt für etliche der Beiträge, und daran erkennt man die Grenzen des Konzepts.

Denn Überzeugungstäter gibt es zu wenige. Eshrat ist ein Vorbild bei seiner gezeichneten Vorstellung vom Tod eines Wohnungsmaklers (die jedoch auch rasch wieder relativiert wird), aber ansonsten ist das Bemühen um möglichst wenig Zorn den meisten Beiträgen anzumerken. Und enen „Cultre Clash“, wie ich der Titel verheißt, hat man auch nur wenig, denn die Streitfrage betreffen zwar unterschiedliche Kulturen (und seien es auch nur Streitkulturen), aber die Zeichner selbst sind selten wirklich verschieden, geschweige denn, dass man ihren Duellen einen Kulturkampf ablesen könnte. Aber der hätte geplant wohl auch nur schwer entstehen können, denn die Künstlerszene, die „Moga Mobo“ kennt und um Beiträge gebeten hat, dürfte bei den meisten Fragestellungen nicht für unangenehme Überraschungen gut sein. Ein „Culture Clash“ aber hätte solche unbequemen, den meisten Comiclesern unbegreifliche Positionen gebraucht.

17. Okt. 2016
von Andreas Platthaus
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10. Okt. 2016
von Andreas Platthaus

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Wie erzählt man 112 Tage Warten?

Was passierte zwischen dem 1. Juli 1997 und dem 20. Oktober desselben Jahres? Kaum jemand von uns wird noch viel davon wissen, gerade weil in diesen 112 Tagen so viel passiert sein dürfte. Christophe André, ein französischer Mitarbeiter von „Ärzte ohne Grenzen“, dagegen weiß es genau, weil ihm in diesem Zeitraum nur eines passiert ist: Er war Geisel der tschetschenischen Separatisten, verschleppt am 1. Juli 1997 aus dem Ort Nazran in der Kaukasusrepublik Inguschetien, wo er im Einsatz war, freigekommen am 20. Oktober 1997 in der Nähe der tschetschenischen Hauptstadt Grosny. Dazwischen lagen 112 Tage Geiselhaft, die darin bestanden, dass er mit einer Handschelle angekettet auf einer Matratze liegen musste und dreimal am Tag losgemacht wurde, um zu essen und die Toilette aufzusuchen. Das war alles.

Und doch natürlich viel mehr, nämlich Angst, Zorn, Ungeduld, Frustration. Davon erzählt Guy Delisle in seinem gerade in Frankreich bei Dargaud erschienenen Comic „S’Enfuir“ (Entfliehen), in dem er die Erlebnisse von Christophe André, die dieser ihm schon vor Jahren erzählt hat, in eine mehr als vierhundertseitige Chronik umsetzt. Das ist selbst für Delisle viel, dessen vor fünf Jahren erschienener Welterfolg „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ immerhin auch schon 330 Seiten lang war. Aber darin erzählter nicht nur von einem ganzen Jahr, sondern auch von eigenen Beobachtungen, die er in Israel machte, wo er 2008/09 gelebt hat – übrigens als Ehemann einer Mitarbeiterin von „Ärzte ohne Grenzen“.

Warum brauchen fremde Erlebnisse in nicht einmal einem Drittel der Zeit noch mehr Platz? Weil Delisle in „S’Enfuir“ die Monotonie der Geiselhaft in den Mittelpunkt stellt, das unendliche Warten ohne jedes Wissen um das, was außerhalb des Hauses passiert, in dem André gefangengehalten wurde. Er sprach kein Russisch, geschweige denn Tschetschenisch, konnte sich also mit seinen Bewachern nur mittels englischer Brocken und Zeichensprache verständigen, aber die hatten auch gar kein Interesse, sich mit ihrer Geisel auszutauschen. Nachrichten drangen nicht zu ihm vor, ein einziges Mal sah er während der 112 Tage eine französische Tageszeitung, doch die durfte er nicht lesen. Ob man ihn für tot hielt, ob man sich um seine Rettung bemühte, was die Bedingungen für seine Freilassung sein könnten – all das wusste er nicht. Ablenkung gab es die ganze Zeit über nicht. André konnte nur über seine Situation nachdenken.

Davon erzählt Delisle, konsequent aus der Perspektive des Entführungsopfers. Und um die Unendlichkeit des ratlosen Wartens deutlich zu machen, braucht er die mehr als vierhundert Seiten. Und doch ist es auch eine Abenteuergeschichte, denn tatsächlich gleicht kein Tag in Geiselhaft dem anderen, weil jede Winzigkeit von André genau registriert wird, jedes Jota an errungener Selbständigkeit ein riesiger Triumph und jede Enttäuschung seiner Hoffnungen eine gewaltige Katastrophe ist. Gequält wird er nie, hungern muss er nicht, er wird nicht einmal schikaniert – dass ihn die Handschelle einmal schrecklich schmerzt, ist einem eigenen Befreiungsversuch geschuldet, der von den Bewachern nicht einmal bemerkt wird.

Die Kapiteleinteilung erfolgt nach Dauer der Geiselhaft, von 1 bis 111 (warum Delisle die Tage nicht richtig aufaddiert, ist ebenso rätselhaft wie eine fehlerhafte Chronologie zwischendurch). Und deutsche Leser, die seinerzeit den Fall bestenfalls registriert, aber sich nicht in den Details gemerkt haben, genießen den Vorteil, dass sie nicht wissen, wie es ausgeht. Selbstverständlich muss Christoph André davongekommen sein, sonst hätte er ja gar nicht von seinem Schicksal erzählen können, aber wie er davonkommt, dass ist am Schluss so verblüffend wie nur denkbar. Und deshalb wird es hier auch nicht verraten.

Der Band wird sicher bald auf Deutsch erscheinen, denn dazu ist Delisle auch hierzulande zu erfolgreich. Der kanadische Zeichner ist neben Joe Sacco zweifellos der bekannteste und erfolgreichste Comic-Dokumentarist. Ja, zusammen mit Sacco hat er diese Disziplin erst wirklich ins Bewusstsein gerückt, auch wenn Delisle mit seinen Berichten aus China, Nordkorea, Burma und Israel erst zehn Jahre nach Saccos ersten Reportagecomis begann. Gegenüber dem amerikanischen Kollegen ist bei Delisle immer Selbstironie ein wichtiger Faktor gewesen, auch widergespiegelt in der cartoonartigen Graphik. Das ist bei „S’Enfuir“ nun anders, denn Ironie steht ihm als Chronist der fremden Erlebnisse nur dann zu, wenn Christoph André sie selbst anklingen gelassen hätte, und das ist kaum der Fall. Und auch der Stil (eine leider arg kurze Leseprobe findet sich hier: http://www.dargaud.com/bd-en-ligne/s-enfuir-recit-d-un-otage,24226-ed5c9d1eae9ece13b79bb7c0436868c7) ist diesmal anders als bisher: immer noch stilisiert in der Personendarstellung, doch realistischer in den Proportionen und Gesichtszügen. Gleichzeitig aber ist sein Protagonist auf wenige individualistische Charakteristika beschränkt, von denen das markanteste noch der wachsende Bart ist. Trotz der persönlichen Geschichte sind es Typen, die hier auftreten – auch deshalb, weil André seine Bewacher so wahrgenommen hat.

Delisles Mut bei diesem Comic ist bemerkenswert. Nicht nur, dass der reale Fall fast zwanzig Jahre zurückliegt und Tschetschenien aus der Wahrnehmung der Welt so gut wie verschwunden ist. Auch der Bruch mit dem Erfolgsrezept autobiographischer Stoffe hätte die Rezeption erschweren können. Doch das Gegenteil ist eingetreten: In Frankreich hat sich „S’Enfuir“ sofort nach Erscheinen an die Spitze der Comic-Verkaufslisten gesetzt, zum ersten Mal in Delisles ohnehin schon erfolgreicher Karriere. Hier wird etwas geleistet, was zum Schwierigsten überhaupt gehört: die Spürbarmachung langsam verrinnender Zeit, ohne dass dabei ja Langeweile entstünde. Man ist vielmehr genauso gefesselt wie Christophe André: Geisel dieser Lektüre, die man ebenso wenig verlassen kann. Nur ist hier das Ende klar bestimmt. Was für ein Leseerlebnis.

10. Okt. 2016
von Andreas Platthaus

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04. Okt. 2016
von Andreas Platthaus

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Geht doch, aber geht’s nicht auch noch schneller?

Mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks wird die Comicwelt alle zwei Jahre durch den neuen Band von Katz & Goldt bereichert. Und jedes Mal frage ich mich: Ist das noch Comic? Ist es nicht eher Cartoon? Sprachkritik? Satire? Oder irgendetwas anderes mit C oder S am Anfang? Eines aber weiß ich: Es sind jeweils sehr gute Was-auch-immers.

Der neue Band heißt „Lust auf etwas Perkussion, mein kleiner Wuschel?“, und schon die Schreibweise von „Perkussion“ mit K ist charakteristisch, denn hier wird deutsch gesprochen du geschrieben. Wobei die Figuren von Katz & Goldt gerne englische Floskeln und Modewörter in ihre Dialoge einfließen lassen, damit ihre Gegenüber sich in Gedanken oder bisweilen auch explizit über diese Anglizismen beklagen und Besserung verlangen können. Und dann wird aus dem Gift-Shop ein Geschenke-Shop („Geht doch!“).

Max Goldt ist bekannt für seine lakonischen Beobachtungen in höchst elaboriertem Sprachstil, auch wenn seine weiland monatlichen Kolumnen in der „Titanic“ längst das Zeitliche gesegnet haben. Dafür ist er monatlich in der „Titanic“ mit einem doppelseitigen Comic vertreten, der von Stephan Katz gezeichnet wird, und dabei scheint ihm die Lust nicht auszugehen. Es gibt jedenfalls kaum etwas Abstrus-Komischeres in der deutschen Comiclandschaft, wobei sich die kleinen Geschehnisse nicht auf eine Pointe zubewegen, sondern im Vorbeigehen Witz an Witz reihen. Der zu nicht unerheblichen Teilen dadurch entsteht, dass Katz seien Figuren mit der graphischen Einfachheit von Piktogrammen anlegt, die aber durch meisterhaft abstrahierte Attribute wie Frisuren oder Kleidung typisiert sind: Jeder Akteur in diesen Bildergeschichten steht für eine gesellschaftliche Gruppe, und aus den Klischees, die man über diesen Menschenschlag hat, generieren Katz & Goldt die Grundlagen ihrer Comics (Leseprobe unter http://www.editionmoderne.ch/de/80/leseprobe/302/lust-auf-etwas-perkussion-mein-kleiner-wuschel.html).

Besonders reizvoll wird das, wenn die beiden Autoren sich selbst auftreten lassen und dadurch eine Metaebene betreten, die ihre eigenen Beobachtungen oder Kommentare noch einmal ironisiert. Wobei es gar nicht weltbewegende Ereignisse sein müssen, die da dokumentiert werden; bisweilen reichen ein paar Bilder, um zum Beispiel vom Fest zum 25. Geburtstag des Verlags Rowohlt Berlin (bei dem die Bücher von Max Goldt erscheinen, während die Comics von Katz & Goldt im Programm der Edition Moderne ihren Platz gefunden haben) zu berichten, dass 2015 im Literarischen Colloquium Berlin stattfand. Das markante Gebäude am Wannsee wird von Katz mit wenigen Strichen als Hintergrund gezeichnet, doch der eigentliche Clou liegt im Porträt der beiden Empfangsdamen („blutjunge Rowohlt-Señoritas“) an einem jener improvisierten Tresen bei Kulturveranstaltungen in angemieteten Räumen, die außerhalb des Schaffens von Katz & Goldt noch nie Beachtung gefunden haben. Und solche alltäglichen Details machen die Geschichten zu etwas Besonderem.

Da in zwei Jahren Schaffenszeit für „Titanic“ nicht genug Seiten für ein Album zusammenkommen, das den Ansprüchen von Katz & Goldt an buchgestalterische Opulenz genügte (Leinenrücken ist selbstverständlich, und neunzig Seiten sollen es schon sein), sind zwischen die Comics Cartoons eingestreut, die immer wieder bedauern lassen, dass sich das Duo nicht konsequenter an das hält, was es selbst einmal als Eigenanspruch erhoben hat: „the duo who does what duos should do“. Was es tun soll? Mehr zeichnen, damit ich nicht wieder zwei Jahre warten muss. Das ist zwar ein erfreulich dichter Ausstoß, aber ein einjähriger Rhythmus würde meine Leseverhältnisse zum Tanzen bringen.

04. Okt. 2016
von Andreas Platthaus

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26. Sep. 2016
von Andreas Platthaus
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Werther ist wieder da

Literarische Vorlagen sind für Comiczeichner mittlerweile rund um die Welt ein gefundenes Fressen. Und nachdem sogar Proust und Joyce mit ihren Hauptwerken Zeichner gefunden haben, die sich daran wagten, dürfte es wohl kaum noch etwas geben, bei dem gezögert würde. Ganz gewiss jedenfalls nicht gegenüber einem Buch wie „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang Goethe.

Es dürfte immer noch das wirkungsmächtigste Buch der deutschen Literaturgeschichte sein, nicht, weil es das anspruchsvollste wäre, aber einen europäischen Erfolg zu Lebzeiten, wie Goethe ihn als junger Mann mit seinem Debütroman von 1774 erlebte, hat es seitdem nicht wieder gegeben. Kafka starb lange, bevor seiner Bücher gelesen wurden, Thomas Mann und Stefan Zweig waren zwar weltweit erfolgreich, doch niemandem wurde ein solcher Kult entgegengebracht wie Goethe, in dessen Titelfigur sich unglücklich Verliebte vom ganzen Kontinent wiederfanden (und sich nicht nur wie dieser papageienbunt kleideten, sondern auch munter wie er umbrachten). Ein Klassiker ohne allzu viel Staub, wie man als Leser merkte, als Ulrich Plenzdorf es 1972 für die Gegenwart der DDR aktualisierte („Die neuen Leiden des jungen W.“). Das wurde dann zumindest noch ein gesamtdeutscher Erfolg. In Werther findet man sich auch heute noch gut porträtiert.

Nun gibt es den Comic dazu. Nicht den Comic davon. Denn Franziska Walther hat nicht Goethes (oder Plenzdorfs) „Werther“ als Comic adaptiert, sondern eine Bildinterpretation gewagt, die mit Goethes Originaltext arbeitet, aber das Geschehen ins New York der unmittelbaren Gegenwart versetzt: „Werther Reloaded“ heißt es nun. Walthers Werther treibt es äußerlich immer noch bunt, aber das ist heute im Multikulti-Gemenge einer Metropole nichts Besonderes mehr. Als Mitarbeiter ist der junge Hipster Werther Teil der Szene, doch einsam ist er wie sein Vorgänger vor einem Vierteljahrhundert. Seine entsprechenden Selbstbetrachtungen teilt er jedoch natürlich nicht mehr über Briefe mit, sondern auf den Sozialen Medien.

Soweit, so banal „reloaded“. Großartig aber ist, dass Franziska Walther tatsächlich keinerlei aktualisierten Text verwendet, sondern nur reinen Goethe, und die gewählten Ausschnitte sind grandiose Ausgangspunkte für ihre stummen Bildsequenzen. Und umgekehrt. Denn bis überhaupt der erste Goethe-Text kommt, ist ein rundes Drittel der Geschichte schon vorbei, und wir haben Werther selbst und seinen Alltag trotzdem bestens kennengelernt: rein visuell. Danach werden die Auszüge aus dem Roman immer dichter und länger, und nach scheinbarem Abschluss des Comics auf Seite 112 folgt noch eine Seite, die die Behauptung erhebt: „Das ist nicht das Ende!“ Egal, ob man das auf Werthers Schicksal bezieht oder aufs Buch selbst – jedenfalls folgt danach noch der ganze Prosatext des Buchs von 1774, weitere hundert Seiten. Ehe sich Goethes Held erschießt. Das ist dann doch das Ende, und Franziska Walthers dunkelviolette Baumwipfel rauschen.

Normalerwiese bin ich kein Freund von als Anhang abgedruckter Prosa, die die eigentliche Adaption dadurch entwertet, dass sie ein Misstrauen artikuliert, ob denn das Original noch zu verstehen wäre, wenn es nur bei den Bildern bliebe. Aber hier ist die Bearbeitung so frei und jahrhunderteübergreifend, dass der Reiz der Re-Lektüre groß ist. Zumal dadurch die Text-Auswahl von Franziska Walther in ihrer Plausibilität überprüfbar wird.

Und wie zeichnet die 1980 in Weimar (das passt ja!) geborene Illustratorin? Hier ist es zu sehen: http://kunstanstifter.de/buecher/werther-reloaded. In Buntstift, mit großen Rhythmuswechseln zwischen Doppelseiten und ganz kleinteilig aufgebauten Sequenzen. Ihr Werther kommt mit seinen fahlblauen Haaren daher wie ein Schnösel, aber etwas von einer edlen Seele steckt doch auch in ihm, obwohl die Gefühlskälte unserer Zeit im Vergleich mit Goethes emotional leicht erregbarer Generation im coolen Look des Wiedergängers den rechten Ausdruck findet. Gedruckt hat der Kunstanstifter Verlag, der seit Jahren mit prachtvollen Bilderbüchern überzeugt, das Ganze sehr schön; nur das rosa Papier, auf dem der Original-Werther-Text steht, ist eine schlechte Wahl, weil farbige Seiten für bloßen Text nicht eben augenfreundlich sind (und rosarot sieht Werther sein Leben ja gerade nicht). Gesetzt den Fall, es gäbe eine jugendlich-männliche Zielgruppe für dieses prächtige Projekt, dann dürfte die durchs feminin-süßliche Kolorit wohl auch eher befremdet sein. Aber Franziska Walthers Werther ist denn doch viril (und unverschämt) genug, um nicht nur auf einen Metrosexuellen reduziert zu werden.

26. Sep. 2016
von Andreas Platthaus
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