Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

14. Aug. 2017
von Andreas Platthaus
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Schwarz auf Schwarz als Zeitporträt

Kurz bevor Jiro Taniguchi starb, las er noch den Manga einer Kollegin: „Die letzte Reise der Schmetterlinge“ von Kan Takahama. Auf der nun bei Carlsen erschienenen deutschen Ausgabe dieses Comics steht, was er danach gesagt hat: „Ein Manga, den man einfach gelesen haben muss!“ Solche Aussagen von Taniguchi, der nicht nur als Künstler sehr skrupulös war, sondern auch als Leser und Empfehler, muss man ernst nehmen. Was hat den europäischsten aller großen Mangaka an der Geschichte von Takahama so gefallen?

Zunächst wahrscheinlich die Sorgfalt der Bilder (Leseprobe unter https://www.carlsen.de/softcover/die-letzte-reise-der-schmetterlinge/85659#, natürlich „rückwärts“ zu blättern!). Wobei man dem Nachwort der Autorin entnehmen kann, dass sie ihre Recherche noch während der Arbeit an den ursprünglich in acht Fortsetzungen erschienenen Geschichte ständig fortsetzte – so dass die letzten Kapitel authentischer und detailreicher gezeichnet sind als die ersten. Das sieht man auch. Takahama besuchte unter anderem das ehemalige Vergnügungsviertel der Hafenstadt Nagasaki, also an jenem Ort, wo jahrhundertelang der einzige Kontakt von Japan mit der Außenwelt möglich war, weil dort eine holländische Kaufmannsansiedlung auf einer künstlichen Insel gestattet worden war. Und wo sich Männer fern der Heimat aufhalten, ist ein lukratives Rotlichtviertel nicht weit. Die gab es natürlich auch in anderen japanischen Städten, aber in Nagasaki waren die Kunden eben auch Westler, und wer weiß, wie überlegen sich die Japaner den Europäern fühlten, der wird sich denken können, was das für die japanischen Prostituierten bedeutete: Wenn sie die Fremden bedienten, wurden sie verachtet.

Die Wechselwirkung östlicher und westlicher Kultur (oder auch Unkultur) hat Jiro Taniguchi, der selbst so viel von französischen Zeichnern wie Moebius gelernt hat, besonders interessiert. Zudem spielt „Die letzte Reise der Schmetterlinge“ in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, in den letzten Jahren des Tokugawa-Shogunats, jener Zeit also, die dem Handlungszeitraum in Taniguchis auf Deutsch bislang nicht erschienener Serie „Botchan no jidai“ unmittelbar vorausgeht. Deshalb konnte er die Qualität der historischen Darstellung besonders gut beurteilen. Und – nicht zu unterschätzen – Takahama hat ihre Geschichte gerade einmal auf 150 Seiten erzählt. Das ist nichts für einen Manga, aber wenn es einen wichtigen Autor gibt, der ihr darin vorangegangen ist, dann eben Taniguchi, dessen legendärer „Spazierender Mann“ ähnlich kurz ist.

Was erzählt Kann Takahama? Iher Protagonistin ist die Kurtisane Kicho, vielbewundert, viel gescholten, weil sie schön, aber auch für die Niederländer da ist. Besonders für deren Arzt, Doktor Thorn, dem sie aber nicht die Wahrheit über ihr eigenes Leben erzählt – aus gutem Grund, wie man schließlich erfährt. Mehr sei hier nicht gesagt, denn Takahama erzählt subtil und setzt mehrfach auf falsche Spuren, die allerdings jeweils rasch korrigiert werden.

Die Zeichnungen sind von überwältigender Genauigkeit, oft auch zu schön, um gut zu sein, wie überästhetisierte Graphikexzesse. Ein Segen, wenn bisweilen karikatureske Züge ins Bild kommen wie bei einem stramm nationalistischen Kunden im Vergnügungsviertel oder der schlauen Bordellchefin. Einmal zieht auch für vier Seiten Farbe in den Manga ein, beim fünften Kapitel, also genau in der Mitte – sicheres Zeichen dafür, dass sich die Fortsetzungsserie größter Beliebtheit in dem Magazin erfreute, das sie abdruckte, denn einzelne Farbseiten werden in solchen Anthologien nur den aktuell populärsten Geschichten zugestanden. Ansonsten sind alle Kapitel voneinander durch tiefschwarze Seiten getrennt, auf denen bisweilen Schmetterlinge zu erkennen sind. Solche Spiele mit den Möglichkeiten des Druckverfahrens gehören in Japan zur Tradition des Ukiyo-e, also des Holzschnitts, bei dem auch schon immer ausprobiert wurde, was man drucktechnisch machen konnte.

Die Handlung von Die letzte Reise der Schmetterlinge“ ist, wie der Titel vermuten lässt, melodramatisch. Es wird gestorben, geweint, geliebt. Du für japanische Verhältnisse freizügig gezeichnet. Nicht, dass man es hier mit einem Erotik-Manga zu tun hätte, aber dass einmal das Tabu, Schambehaarung zu zeichnen, übertreten wird, ist ungewöhnlich. Kann Takahama, 1977 geboren und eine entsprechend erfahrene Mangaka, weiß genau, was sie tut und wie sie Verstöße kaschieren kann. Darin gleicht sie ihrer Protagonistin. Und das ist wohl das eigentlich Besondere an „Die letzte Reise der Schmetterlinge“: Wie intensiv sich dieser Band auf eine zunächst ganz kalkuliert erscheinende Frau einlässt. Die dann jedoch immer tieferes Empfinden zeigt. Dramaturgisch ist das bis zum letzten Zeitsprung im achten Kapitel höchst meisterlich.

14. Aug. 2017
von Andreas Platthaus
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07. Aug. 2017
von Andreas Platthaus
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Trudeau vs. Trump (aber anders als gedacht)

Nein, nicht Justin Trudeau, also nicht der kanadische Ministerpräsident. Aber durchaus Donald Trump, also der amerikanische Präsident. Gegen Gary Trudeau, den amerikanischen Comic-Strip-Veteran, der seit 1970, also fast einem halben Jahrhundert täglich seine Serie „Donnesbury“ zeichnet, die das fortgesetzt hat, was Frank King mit „Gasoline Alley“ in den späten fünfziger Jahren aufgeben musste: eine Sozialgeschichte der Vereinigten Staaten am Beispiel einer kleinen Gruppe. Aber jetzt haben wir viel in einen einzigen Absatz gepackt, also noch einmal ganz langsam von vorne.

„Doonesbury“ ist eine Comiclegende zu Laufzeiten. Als politischer Comic-Strip steht Trudeaus einzig dar. Und wie es der Zufall will, decken die 47 Jahre des Strips ungefähr auch die Karriere Donald Trumps ab. Aufgetaucht ist der Milliardär in Trudeaus Episoden aber erst 1987, als er erstmals ankündigte, für das Amt des amerikanischen Präsidenten zu kandidieren. Seit damals hat er es alle vier Jahre wieder getan, allerdings ohne dass er tatsächlich zu den Vorwahlen der Republikaner angetreten wäre – bis 2016. Und eben in diesem Jahr 2016, als kaum jemand damit rechnete, dass Trump es zum republikanischen Kandidaten, geschweige denn zum Präsidenten bringen würde, brachte Gary Trudeau einen Band heraus, der alle Folgen von „Doonesbury“, in denen Trump seit 1987 aufgetreten oder zumindest erwähnt worden war, als Sammelband heraus. „Yuge!“ heißt das Buch im Original. Nun ist es auch auf Deutsch (beim Splitter Verlag, Leseprobe: https://www.splitter-verlag.de/trump-eine-amerikanische-dramoedie.html) erschienen und der Titel schlichter geworden: „Trump!“ Untertitel, entsetzlich albern: „Eine amerikanische Dramödie“.

Der stammt gewiss nicht von Gerlinde Althoff, die für deutsche Comic-Übersetzungen aus dem Amerikanischen das ist, was Trudeau für den Comic-Strip: altmeisterlich im besten Sinne. „Doonesbury“ hat sie schon das eine oder andere Mal übersetzt, wobei es auf Deutsch vor „Trump!“ nur wenige Einzelbände gab. Das macht die Übersetzungsaufgabe eher noch kniffliger, weil das Ensemble von Trudeau sich über Jahrzehnte kontinuierlich entwickelt hat und jede Auslassung das Verständnis. gefährdet. Deshalb ist es gut, dass der Splitter-Mitarbeiter Sven Jachmann ein Vorwort verfasst hat (wenn auch etwas großtönig) und es eine bebilderte Zusammenstellung aller wichtigen Figuren gibt, die im Band auftreten. Deutsche Leser brauchen das, und auch die gelegentlichen Fußnoten zu nicht allgemeinbekannten Americana sind – so hässlich sie auch aussehen – sinnvoll.

Also ein gut gemachter Band, zudem mit dem Vorzug, dass wir nun wissen, was aus Trump geworden ist: der Präsident. Während Trudeau damit vor einem Jahr, als das Original erschien, erkennbar nicht rechnete, wie man den im ersten Halbjahr 2016 erschienenen Episoden anmerkt, die den Abschluss bilden. So liest man seinen Spott heute mit Melancholie, was eine seltsame, aber reizvolle Haltung ist, denn „Doonesbury“ ist sarkastisch, zornig, bösartig, aber gewiss nicht melancholisch gemeint. Es schadet aber dem Lesevergnügen nicht. Es beweist nur, dass gegen Trump selbst Comicgötter vergebens kämpfen.

Und ein Comicgott ist Trudeau, weil er in „Doonesbury“ die amerikanischen Zeitläufte auf eine Art abbildet, wie es zuvor im Comic eben nur „Gasoline Alley“ gemacht hatte (von 1918 an, also „nur“ vierzig Jahre lang). Bei Frank King war eine Familie die Folie für die Chronik, bei Trudeau ist es ein Freundeskreis. Beide Serien haben gemeinsam, dass die Figuren in Echtzeit altern, was die Sozialstudie noch bemerkenswerter macht, weil dadurch die Perspektiven wechseln. Und beide Serien bilden auch die politischen Rahmenbedingungen ab: Das Personal von „Gasoline Alley“ wie das von „Doonesbury“ zog in den Krieg und an die Wahlurnen. Allerdings lässt Trudeau prominente Politiker auch auftreten; seine Protagonisten gehören teilweise sogar zu deren engstem Umkreis.

Bedauerlich ist natürlich, dass die im Verlauf des letzten Jahres erschienenen Trump-Folgen aus „Doonesbury“ für die deutsche Ausgabe nicht einfach noch ergänzt wurden, aber das hätte den Umfang des Bandes von nun schon 111 Seiten gewiss noch einmal um die Hälfte vermehrt. Denn natürlich kommt Trudeau derzeit um Trump nur noch selten herum. Dass es Jahre gab, in denen er gar nicht im Strip auftrat, beispielsweise von 2012 bis 2014, ist mittlerweile unvorstellbar. Aber es macht großen Spaß zu sehen, wann Trudeau den verabscheuten Unternehmer jeweils wieder aus der Versenkung holte. So wie es einmal reizvoll sein wird, ihn wieder in der Versenkung verschwinden zu sehen. Aber das wird wohl noch ungebührlich lange dauern.

Trump hasst Trudeau, und umgekehrt verhält es sich genauso. Entsprechend hässlich zeichnet Trudeau seine Trump-Figur, aber er beweist mit ihr zugleich größtes karikaturistisches Geschick, was für „Doonesbury“ eher untypisch ist, denn darin treten zwar viele reale Berühmtheiten auf, aber meist in allegorischen Darstellungen. Trump aber wird nur das bereits wie eine Karikatur wirkende Original gerecht, und dessen superlativistische Sprache hat Trudeau auch getreu in den Comic übernommen. Deshalb „Yuge!“ als Originaltitel. Die Selbstbeweihräucherung ist noch vor der Selbstgerechtigkeit und Selbstverliebtheit des heutigen Präsidenten dessen von „Doonesbury“ meist veralberter Charakterzug.

Warum einmal der chronologische Ablauf des Nachdrucks unterbrochen wird und einmal das Datum einer Sonntagsfolge fehlt (die länger sind als die Werktagsfolgen, leider meist auch weniger brillant), ist rätselhaft. Das man das Format vom Quadrat des Originals durch graphische Mätzchen (die sich Seite für Seite wiederholen) auf ein für deutsche Verhältnisse gängiges Hochformat aufgeblasen hat, ist bedauerlich. Dass dieser 37. Band von „Doonesbury“ der einzige auf Deutsch derzeit lieferbare ist, darf man einen Skandal nennen. Aber gut, dass es jetzt immerhin diesen einen gibt. Man könnte noch zu ganz anderen Persönlichkeiten der amerikanischen Zeitgeschichte weitere zusammenstellen. Nur würden die sich wohl geehrt fühlen, statt sich wie Donald Trump darüber zu ärgern. Für Letzteres gibt es einige Belege im Buch. Und das dürfte Trudeau zumindest ein bisschen darüber hinwegtrösten, dass er Trump nun dauern auftreten lassen muss.

07. Aug. 2017
von Andreas Platthaus
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31. Jul. 2017
von Andreas Platthaus
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Schaut doch mal woanders hin als in den Spiegel

Bisweilen braucht die Lektüre von Comics ihre Zeit. Nicht, weil sie im Einzelfall so aufwendig wäre sondern weil sich nach bestimmten Ereignissen die neuen Bände stapeln und manchmal schon neuen bücherbringende Ereignisse eintreten, bevor man die Titel des letzten geschafft hat. So war im Fall der diesjährigen Leipziger Buchmesse, die jetzt schon viereinhalb Monate zurückliegt, ohne dass ich alle Comics gelesen hätte, die ich dort erworben habe.

Erworben auf einer Buchmesse? Oh ja, in Leipzig gibt es Kaufmöglichkeiten, nicht nur in den eigens eingerichteten Messebuchhandlungen, wo man doch nur bekommt, was auch jedes bessere normale Buchgeschäft zu vorrätig hat oder zumindest rasch besorgen kann, sondern vor allem im Kreativ-Bereich der sogenannten Manga-Comic-Con, also des höchst erfolgreichen Comicteils der Leipziger Messe. Seit sie in Halle 1 residiert, ist dort Platz genug für etliche Reihen mit kleinen Standflächen, für die sich Privatleute bewerben können – natürlich nicht irgendwelche, sondern deutsche Mangaka, also Mangazeichner und vor allem -zeichnerinnen (wie die Erfahrung zeigt). Und deren individuell gestaltete Ministände sind wahre Fundgruben für Nachwuchscomics.

Oder besser: Sie waren es, denn mittlerweile haben Lotterieangebote und Einzelzeichnungen deutlich zugelegt, während die Zahl von Fanzines oder gar vollwertigen eigenproduzierte Comics zurückgegangen ist. Dennoch geht man reich beladen aus den Hallen, und dann fehlt die nötige Lesezeit. Bis die etwas ruhigeren Sommermonate kommen. Und wie es der Zufall wollte, war das erste Buch, das ich dann aus dem Stapel zog, eines, das auch schon einen Verlag gefunden hatte – wenn auch einen kleinen, Pyramond.

Es heißt „Miki’s Mini Comics“ und wurde gezeichnet von der deutsch-japanischen Mangaka Mikiko Ponczeck, die schon zu den Etablierten ihrer Szene gehört. Ihre Mini-Comics haben Umfänge von einer bis zu vier Seiten im klassischen Mangaformat, sind allerdings farbig und dokumentieren das Privatleben der in Düsseldorf lebenden Zeichnerin, die im Netz vor allem unter ihrem Künstlernamen Zombiesmile bekannt ist (viel zu sehen von ihr, darunter auch etliche Mini-Comics, ist hier: http://zombiesmile.deviantart.com/). Entstanden sind die knapp fünfzig Episoden in den vergangenen sieben Jahren, wobei sich der Stil von Mikiko, wie sie als Autorin hier firmiert, in dieser Spanne nicht mehr groß verändert hat: Es ist eine typische Zeitungs-Strip-Ästhetik mit dem ebenso typischen Manga-Einschlag (expressive Gestik, bewusste Kindlichkeit der Figuren), wobei hier nicht japanische Leserichtung, sondern traditionell westliche Aufmachung herrscht.

Verführt zum Kauf hatte mich die sehr professionelle Gestaltung des Bandes und die Aussicht auf einen deutsch-japanischen Funny – ein eher seltenes Phänomen in der hiesigen Mangaszene, die sich meist mit Abenteuer- oder Romance-Themen beschäftigt. Die Katze auf dem Titelbild hätte mich fast wieder abgeschreckt, andererseits sind Haustiere Garanten für humoristische Stoffe, also sah ich über die denkbar populäre Wahl hinweg. Und dass Mikiko offensichtlich Katzennärrin ist, kann man ihr ja nicht übelnehmen. Mich reizte ja gerade die Authentizität des Erelbten im Gewand eines Gag-Strips.

Nur fiel dann das Resultat leider nicht so komisch aus, wie erhofft. Die Erfahrung, dass gefällige Graphik über schwache Stoffe zunächst einmal hinwegtäuscht (zumindest beim Kauf), macht man beim Comic oft. Bilder erfassen wir schneller als Texte, du deshalb können sie auch zuverlässiger locken, aber die Qualität einer Geschichte bleibt der zentrale Faktor, so dass die Enttäuschung dann umso größer sein kann. Ich will bei „Miki’s Mini Comics“ nicht von Enttäuschung sprechen, aber schon von einer Diskrepanz zwischen Form und Inhalt. Die Professionalität der Zeichnungen hat kein Äquivalent in der Komplexität des Erzählten.

Das hat seinen Grund nicht darin, dass Mikiko nichts zu erzählen hätte. Jedes Leben bietet Stoff für zahlreiche Geschichten. Das Problem ist, dass hier genauso erzählt wird, wie man es auf sozialen Medien tut: über das Banalste und Belangloseste, solange es nur schnell zu erzählen ist und im Idealfall nette Bilder liefert. Autobiographie, so man sie gelungen nennen soll, ist aber viel mehr als einfach immer nur „ich, ich, ich“. Es ist eine Haltung, eine Erkenntnis, eine Weltdeutung, um es leicht pathetisch zu sagen. Das, was mich als Leser wirklich interessierte, nämlich der individuelle Blick des Autobiographikers (im Fall von Comics ist dieses leicht bemühte Wort denn doch angebracht) auf seine Umgebung, wird in der gängigen Praxis meist abgelöst durch den stetigen Blick auf sich selbst, als ob es nichts anderes mit anderen zu teilen gäbe als ebendas. Und so verhält es sich auch bei „Miki’s Mini Comics“.

Der Leipziger Stapel ist noch einigermaßen umfangreich, aber ein eiliger Blick nach dieser Lektüre erweist, dass auch die meisten anderen Erwerbungen genau diesem Schema folgen: Selbstbespiegelung statt selbst zu betrachten. Es mag ein Altersphänomen sein, denn die meisten Mangaka im Kreativbereich sind jung, am Beginn ihrer erhofften Karriere als Zeichner, und natürlich hat man da außer sich selbst oft noch keinen Gegenstand. Doch wir alle haben Augen und Ohren. Sie sollten anderes ansehen und anderem zuhören als uns selbst.

 

 

31. Jul. 2017
von Andreas Platthaus
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25. Jul. 2017
von Andreas Platthaus
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Wenn es die Sprache verschlägt

„Paysage après la betaille“ (Landschaft nach der Schlacht) wurde im Januar auf dem Comicfestival von Angoulême, dem größten seiner Art in Europa, als bester Comic ausgezeichnet. In dem halben Jahr seitdem hat sich bei mir nicht den Eindruck gebildet, dass der Band in absehbarer Zeit auf Deutsch erscheinen wird – obwohl der Übersetzungsaufwand trotz mehr als vierhundert Seiten gering wäre. Text gibt es nämlich nur wenig, und doch hat der belgische Zeichner Eric Lambé zum wiederholten Mal mit dem Szenaristen Philippe de Pierpont zusammengearbeitet. Aber ein Comic-Szenarist hat eben andere Verpflichtungen, als bloß die Dialoge für Sprechblasen oder etwaige Off-Kommentare in Textkästen zu schreiben.

Er muss – und das zeigt sich in „Paysage après la bataille“ vorbildlich – auch die graphische Sprache vorformulieren. Sprich: Seitenarchitektur und womöglich gar Einzelpanelgestaltung vorgeben. Nicht jeder macht das so akribisch wie der Brite Alan Moore, der seine (exzellenten) Zeichner zu bloßen Sachwaltern der eigenen strukturellen Visionen macht – notabene: nicht Moores zeichenstilistischen Vorlieben. Pierpont ist ein Autor, der auch denkbar eng mit seinen Zeichnern zusammenarbeitet, ihnen jedoch Freiheiten lässt. Sonst könnten so unterschiedliche Künstler wie Lambé und der Italiener Stefano Ricci es nicht beide mit ihm aushalten.

Lambé ist dabei zweifellos leidensfähiger. Vor ein paar Jahren habe ich ihn in Luzern mehrfach beobachtet, als er dort als Gast des Comicfestivals „Fumetto“ täglich öffentlich zeichnete: Mit akribischer Präzision und größter Ruhe zog er die für ihn damals typischen Kugelschreiberlinien, aus deren Vielzahl sich eine ganze eigene Ästhetik ergab, die Lambé berühmt gemacht hat (weil Bilder bisweilen besser sprechen als Worte, hier ein paar Beispiele aus einer Galerieausstellung: http://www.galeriemartel.com/index.php/les-expositions/eric-lambe). Davon ist allerdings in „Paysage après la bataille“ nichts mehr zu sehen. Hier ist Lambé nun ganz auf schlichte Kontur bedacht, die durch Lavierung in Grau- und ganz selten auch Farbtönen, mehr aber noch durch jene Momente, in denen einzelne Figuren innerhalb ihrer Umrisse ganz weiß bleiben, zu einem Ausdruck findet, der bei aller Zurückhaltung der Erzählhaltung größte Erzählintensität vermittelt. Die Leseprobe des Künstlerkollektivs Frémok, dem Lambé angehört, zeigt aus dem Band vor allem diese Seiten: http://www.fremok.org/site.php?type=P&id=313, während der Verlag Actes Sud bezeichnenderweise auf farbige Beispiele setzt: http://www.actes-sud.fr/catalogue/actes-sud-bd/paysage-apres-la-bataille.

In Luzern gibt es mitten in der Stadt ein großes historisches Panorama, und just in einem solchen gewaltigen Rundgemälde geht auch „Paysage après la bataille“ los. Die Schlacht des Titels ist der Gegenstand des 360-Grad-Gemäldes, vor dem eine einsame Frau steht, bis der Wärter sie abends hinauskomplimentiert. Sie ist ersichtlich eine Geschlagene. Metaphorisch verweist der Buchtitel auf die Verwüstungen und die Stille nach einem entsetzlichen Erlebnis.

Die Frau, Fany mit Namen, hat kürzlich ihre Tochter bei einem Verkehrsunfall verloren. Aber das erfährt man erst mehr als hundert Seiten später, und ausgesprochen wird es nicht, nur gezeigt in Erinnerungsbildern, die sich in Fanys Kopf ausgehend von Details des Schlachtenpanoramas bilden. Da lebt sie schon in einem Wohnwagenpark, als Mieterin zusammen mit dem Betreiber und drei weiteren Dauergästen: einem Rentnerpaar in prekären finanziellen Verhältnissen und einem Holzfäller mit großer Leidenschaft fürs Jagen. Stück für Stück gibt die Geschichte Details zur Vorgeschichte dieser insgesamt fünf Protagonisten preis; die meisten davon wieder nur über Bilder statt über die nur mühsam in Gang kommenden Gespräche.

Hier wird die Piktogrammatik des Comics auf konsequente Weise eingesetzt. Dass selbst subtilste psychologische Dramen nahezu stumm – und damit besonders passend zur Ausnahmesituation von Fany – erzählt werden können, beweisen Pierpont und Lambé aufs Eindrücklichste. Dass die Welt der Wohnwagenparks in Deutschland ebenso wenig verbreitet ist wie das Prinzip des Schlachtgemäldepanoramas dürften Ursachen für das bisherige Desinteresse hiesiger Verlage an diesem Meisterwerk sein. Ein Trost ist es nicht. Aber ein Trost ist, dass man auch bei geringen französischen Sprachkenntnissen kaum Schwierigkeiten mit der Lektüre haben wird, ein Wörterbuch genügt als Hilfe. Und das Erlebnis dieses Bandes sollte man sich nicht entgehen lassen.

25. Jul. 2017
von Andreas Platthaus
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17. Jul. 2017
von Andreas Platthaus
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Ohne Duschkopf? Wie soll das gehen?

Wer die höchstdotierte deutsche Comicauszeichnung gewinnt, darf auf Neugier rechnen. Die Berliner Zeichnerin und Erzählerin Tina Brenneisen ist vor drei Monaten mit dem Berthold-Leibinger-Comicbuchpreis ausgezeichnet worden – wie es sich bei diesem Wettbewerb gehört, für ein noch unvollendetes Projekt: den autobiographischen Comic „Das Licht, das Schatten leert“. Er erzählt von einem einschneidenden persönlichen Erlebnis, so einschneidend, dass noch ganz unklar ist, ob der Comic jemals erscheinen wird. Umso gespannter war ich auf den nun gerade publizierten Band „Das gelbe Pony“, den Tina Brenneisen wie immer im Berliner Eigenverlag Parallelalllee herausgebracht hat.

Darin ist auf den ersten Blick nichts autobiographisch; der Ich-Erzähler ist ein Mann namens Henry, der allein in einer Hochhaussiedlung einer nicht namentlich genannten deutschen Stadt lebt. Auch die Zeit der Handlung ist weitgehend unbestimmt, denn man hat es mit einer Gesellschaft zu tun, in der die Produktion von Duschköpfen ausbleibt. Jedenfalls kann Henry keinen auftreiben, nachdem er in seine neue Wohnung eingezogen ist, der just dieser Gegenstand fehlt. Man könnte also auf den Gedanken kommen, die Handlung spielte in der DDR (Brenneisen, geboren 1977, stammt aus Dresden), doch das erweist sich rasch als Trugschluss, denn alles andere in „Das gelbe Pony“ unterscheidet sich nicht von der deutschen Gegenwartsgesellschaft. Die Duschkopfknappheit ist ein erzählerischer Trick, um die Handlung in Gang zu bringen; sie bietet darüberhinaus keine Botschaft.

Über den Mangel kommt Henry ins Gespräch mit seinem Nachbarn, einem etwa gleichalten allein lebenden Vater von zwei Töchtern, der eine skeptische Haltung gegenüber der kapitalistischen Gesellschaft pflegt. Deshalb ist er gerne bereit, den eigenen Duschkopf zu sozialisieren: Zwei Tage in der Woche wird er abgeschraubt und Henry zur Verfügung gestellt. Die beiden Männer freunden sich an und beginnen alternative Lebensmodelle zu entwickeln, vor allem was die Energieerzeugung angeht. Doch die Stromerzeugung mittels Fahrradantrieb reicht nicht für eine ganze Wohnung. Die längst verschworenen Gefährten interessiert es nicht. Sie sehen auch in kleinen Maßnahmen große Erfolge.

Ein Aussteigercomic also, Entwurf einer Gesellschaftsalternative? Nein, eher ein großes Schelmenspiel. Das sieht man schon an der Person von Henry, der mit seinen Pausbacken und untersetztem Körperbau wie aus einer Bildergeschichte von F.K. Waechter entsprungen scheint – und das ist eines der größten graphischen Komplimente, die man machen kann. Dazu trägt die konsequente Tuschtechnik bei nur einer blassgrünen Zusatzfarbe bei (Leseprobe, wen auch sehr spärlich, unter https://www.parallelallee.de/), und auch die jeweils paarweise Anordnung der Panels nebeneinander auf einer Seite lässt an die Neue Frankfurter Schule denken. Zusätzlichen Reiz ergeben die abgerundeten Ecken der Bildumrahmungen, die sich ganz zum Schluss als dramaturgischer Kniff erweisen, denn damit wird ein Fernsehbildschirm suggeriert. Dazu aber nicht mehr, denn es würde eine Überraschung mindern. Nur soviel: Wenn man dann die Bilder als einen Filmbeitrag deutet, verweist das Blassgrün auf eine frühere Technikperiode und macht damit die Geschichte zu einer Art Science-Fiction in naher Zukunft.

Es ist aber auch eine Don-Quijote-Paraphrase, was sich ebenfalls erst spät erweist, als Henry davon träumt, wie er und sein Nachbar lanzenbewehrt auf Rädern hinausfahren und Großwindanlagen angreifen. Dieses Motiv hat sich schon der „Don Quijote“-Adaption von Flix gefunden, nur ist es hier als bloße Phantasie inszeniert und zudem eine unerwartete Wendung, die aber das Vorhergehende in neues Licht setzt. Tina Brenneisen verleiht ihrer Geschichte eine mindestens dreifachen Bildsinn.

Der Titel lässt nicht ahnen, was uns bei der Lektüre erwartet. Tatsächlich tritt das gelbe Pony in diesem grünen Comic auch erst sehr spät auf: in Gestalt eines ausrangierten Karussellpferds, das Henry mit nach Hause bringt. In seiner Begeisterung für die Figur liegt der Keim für eine soziale Isolation, die aber auch nur sichtbar macht, was vorher schon bestand. Stimmung und Handlung haben vorher schon alle Charakteristika von Henry vorweggenommen. Was die Lektüre hinzufügt, ist die Erkenntnis, was man zugunsten einer geradlinigeren Interpretation alles an psychologischer Disposition übersehen hat.

Ein einziges Mal bricht Tina Brenneisen in der Haupthandlung ihr strenges Bilderpaarschema auf und baut eine rein schwarzweiße Einzelzeichnung von Henry ein, der das Duschkopfproblem in Marke Eigenbau gelöst hat. Die Massivität der völlig unverhältnismäßig aufwendigen Installation kommt durch dieses mehr als seitenfüllende Panel (es erstreckt sich bis in die benachbarte linke Seite hinein und greift auch noch auf die folgende Rückseite aus, wo es aber nur den Hintergrund für die wiedereinsetzende Zweiersequenz bietet) perfekt zum Ausdruck. Diese denkbar simple, aber desto ungewöhnlichere Lösung wird durch den einmaligen Einsatz doppelt eindrucksvoll. Es gibt nur noch einen weiteren Bruch: den von der Haupthandlung zum Epilog, über den ja nichts weiter verraten sein soll.

Dieser Comic ist inhaltlich und ästhetisch aus der Zeit gefallen, und gerade deshalb ist er ein bemerkenswertes Beispiel für Originalität. Hier wird kein populäres Thema gesucht, kein gefälliger Stil adaptiert – alles ist höchstpersönlich und somit doch wohl autobiographischer, als man meinen sollte. Aus einem Comic wie „Das gelbe Pony“ lernt man, wieder neu zu schauen, die bewährten Lektürerezepte aufzugeben, sich überraschen zu lassen. Er ist von der Ruhe des Gegenstands und der Erzählhaltung her das Gegenteil von „Das Licht, das Schatten leert“. Und doch spürt man eine tiefe Verwandtschaft, die über die reine Identität der Autorin hinausgeht. Plötzlich liest man auch den prämierten Comic nicht mehr als Eins-zu-eins-Schilderung des Lebens von Tina Brenneisen. UN das mag wiederum die Chance, das man ihn über den Wettbewerb der Leibinger-Stiftung hinaus zu Gesicht bekommen wird, erhöhen. Es wäre ein weiterer Gewinn.

17. Jul. 2017
von Andreas Platthaus
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10. Jul. 2017
von Andreas Platthaus
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Jede Familie war auf ihre Weise mutig

Vor acht Jahren erschien „Drüben!“ von Simon Schwartz, ein autobiographischer Comic über die Schikanen gegen eine Familie, die in den achtziger Jahren ihre Ausreise aus der DDR in die Bundesrepublik beantragt hatte. Der Band kam zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls heraus und erregte Aufmerksamkeit – Simon Schwartz, geboren 1982, etablierte sich seitdem als einer der wichtigsten deutschen Comiczeichner seiner Generation. In diesem Jahr steht kein Mauerfall- oder Wiedervereinigungsjubläum an, und dennoch erscheint nun „Fortmachen“, ein autobiographischer Comic von Nils Knoblich über die Schikanen gegen eine Familie, die in den achtziger Jahren ihre Ausreise aus der DDR in die Bundesrepublik beantragt hatte. Was ist daran anders als „Drüben!“?

Zunächst das individuelle Schicksal trotz allen Ähnlichkeiten beim Leben im Fokus der Staatssicherheit. Schon der Zeitpunkt der jeweiligen Ausreise – die natürlich erst Jahre nach dem eigentlichen Antrag erfolgte – ist bezeichnend: April 1984 bei der Familie Schwartz, Juli 1989 bei der Familie Knoblich. Im letzteren Fall also gerade einmal vier Monate vor dem Mauerfall, weshalb sich die Knoblichs für einen Moment von der Weltgeschichte betrogen vorkommen: Haben sie doch alles aufgegeben, während nun jeder über die Grenze gehen könnte. Doch das Schlussbild ist eines der stillen Freude der ganzen Familie über diese Entwicklung, ein mehr als privater Triumph.

Simon Schwartz dagegen lässt seinen Comic mit der Ankunft in West-Berlin enden, seiner ersten bewussten Erinnerung, wie er schreibt. Das ist ein persönlicher Triumph, der aber notgedrungen privat bleibt, denn die DDR sollte ja noch fünf Jahre fortbestehen. Und „Drüben!“ rekonstruiert das Leben dort vor der Ausreise gerade nicht über eigene Erinnerungen, sondern mittels der Erzählungen der Eltern. Es ist ihre Geschichte, die Schwartz erzählt, während Knoblich, der bei der Ausreise seiner Familie fünf Jahre alt war, auch die eigenen Kindheitserinnerungen an die DDR zum Gegenstand macht, obwohl sie erst 1989, also kurz vor der Ausreise, einsetzen. Wo Schwartz alles auf die erste eigene Erinnerung zulaufen lässt, setzt Knoblichs Comic mit dieser ein. Es ist eine graubraune Erinnerung an eine ostdeutsche Grillstube voller bedrohlicher Gäste, und vor dort springt die Handlung in eine freundlich-bunte Gegenwart, wo sich Knoblich von seinen Eltern erzählen läst, wie es in der DDR gewesen ist.

Er macht in „Fortmachen“ also die Rekonstruktion der Ereignisse zum Gegenstand des Erzählens, was Schwartz nicht getan hatte. „Fortmachen“ geht auf diese Weise weit über die eigentliche Ausreise hinaus und berichtet auch, wie die Familie seitdem lebt: denkbar glücklich, zumal es bei den Knoblichs nicht zu dem innerfamiliären Bruch kam, den die Schwartz erleiden mussten, bei denen ein Großelternpaar sie in ihrem Entschluss, das Land zu verlassen, bestärkte, das andere diese Vorstellung dagegen unmöglich fand. In den wenigen Passagen, die Simon Schwartz den Jahren nach der Ausreise widmet, ist diese unversöhnliche Familiensituation Thema, während Nils Knoblich eine mit sich im Reinen befindliche Sippe porträtieren kann. Ein Onkel, der sie noch in der DDR als „Vaterlandsverräter“ beschimpfte, spielt nur eine winzige Rolle.

Die Gegenwartsszenen in „Fortmachen“ sind in anderem Stil gehalten als die Rückblicke in die DDR: Nicht nur die Farben sind heller (Schwartz legte „Drüben!“ ganz schwarzweiß an), auch die Panels stehen in luftigem Abstand zueinander, während die DDR-Bilder unmittelbar aneinandergrenzen, als könnten sie ihrem Kontext nicht entkommen (Leseprobe: https://www.editionmoderne.ch/de/68/Knoblich/315/fortmachen.html). Auch die Figuren sind in den Gegenwartsszenen leichthändiger gestaltet, wie Cartoon-Protagonisten. Wobei Knoblichs Stil sich auf beiden Zeitenebenen vor allem an den dokumentarischen Comics von Guy Delisle orientiert – kein schlechtes Vorbild. Schwartz orientierte sich graphisch vor allem am „Mosaik“, dem ostdeutschen Comicrelikt, das er selbst erst nach der Wende kennenlernte, als er dort seine ersten kommerziellen Gehversuche als Zeichner machte.

Beide Bände sind Diplomarbeiten: Schwartz studierte in Hamburg an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften bei Anke Feuchtenberger, Knoblich an der KUnsthochschukle Kassel bei Hendrik Dorgathen. Beide sind bei namhaften Verlagen erschienen, „Drüben!“ bei Avant, „Fortmachen“ bei der Edition Moderne. Im letzteren Band gibt es neben den knapp 170 Seiten Comic noch ein kleines Glossar, in dem man Erläuterungen zu Terminologie und Alltagsleben in der DDR findet. Das ist eine weitgehend überflüssige Ergänzung, denn die dort aufgeführten Stichworte werden schon von der eigentlichen Geschichte deutlich gemacht. Aber vielleicht empfindet ein Schweizer Verlag eine solche Ergänzung für notwendiger, als es ein deutscher getan hätte.

Was beide Comics deutlich machen, ist die Perfidie der Behörden und der psychologische Terror für die Ausreisewilligen über Jahre des Wartens hinweg. Zugleich aber erzählen beide auch von dem Rückhalt durch Freunde oder Verwandte, die sich nicht abwendeten und das Leben somit doch noch erträglich machten. Und beide erzählen ohne jedes falsche Pathos vom Moment der Befreiung, wenn die innerdeutsche Grenze dann endlich passiert war. Doch all diese Gemeinsamkeiten dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es kein Schema gab, sondern alle Ausreisewilligen einen Einzelkampf führen mussten. Deshalb ist gut, dass es nun einen zweiten Comic zum Thema gibt. Und weitere würden nur zu willkommen sein.

10. Jul. 2017
von Andreas Platthaus
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03. Jul. 2017
von Andreas Platthaus
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Ecce Turing

Es ist ein Prachtband, man kann es gar nicht anders sagen. Robert Deutsch erzählt die Geschichte des Mathematikers Alan Turing auf derart opulente Weise, dass es kein Wagnis ist, dem Comic größte Aufmerksamkeit, einige Preise und etliche Übersetzungen vorauszusagen. Denn Deutsch denkt seine gezeichnete Biographie von der Doppelseite her: Farbkomposition, Architektur, ja bisweilen gar die Dialogführung nimmt auf sie Rücksicht und schlägt daraus zugleich graphisch Funken. Nicht, weil es sich prinzipiell um doppelseitige Arrangements handelte – auch die gibt es bisweilen –, sondern weil Deutsch auf der rechten Seite erkennen lässt, dass er genau weiß, was er auf der linken ästhetisch und erzählerisch gemacht hat. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Die meisten Comiczeichner denken separat von Seite zu Seite, jedenfalls nicht so konsequent im Zusammenhang.

Das gibt dem Band „Turing“ einen eigenen Rhythmus und eine Struktur, die das Doppelleben seines Gegenstands wunderbar abbildet. Turing war ja nicht nur ein bedeutender Mathematiker, den wir heute vor allem seiner Leistungen als Computerpionier wegen kennen (und weil er mitentscheidend dafür war, dass britische Dechiffrierer im Zweiten Weltkrieg den Code der deutschen Verschlüsselungsmaschine „Enigma“ knacken konnten), sondern auch ein den Zeitumständen gemäß zwangsweise verdeckt lebender Homosexueller, dessen Lebenswandel durch einen Zufall 1952 aufflog, worauf der noch nicht einmal Vierzigjährige zu einer Hormonbehandlung gezwungen wurde. Sonst wäre er in Haft gekommen. 1954 brachte Turing sich um. Dass er unter den Folgen der körperlichen Veränderungen durch die erzwungene Behandlung gelitten hat, ist vielfach belegt.

Die Leidensgeschichte Turings stellt bei der Beschäftigung mit seinem Leben die wissenschaftlichen Leistungen oft in den Schatten. Bei Deutsch ist das auch so, über Mathematik, den eigentlichen Lebensmittelpunkt von Alan Turing, erfahren wir in der episodenweise erzählten Biographie wenig. Das hat damit zu tun, dass im Gegensatz zum Reportagecomic der erklärende Sachcomic noch keine große Konjunktur hat, nirgendwo auf der Welt. Typisch sind Serien wie „… für Anfänger“ (man setze hier den Namen einer beliebigen Geistesgröße ein, Einstein etwa, Marx oder Freud), die den Anspruch haben, Komplexes einfach darzustellen, aber dadurch nur die Vorurteile gegen Comics vertiefen, denen man gemeinhin keine anspruchsvollen Stoffe zutraut. Dass die meisten dieser, nennen wir sie: Erklärcomics auch noch denkbar naiv gezeichnet sind, tut ein Übriges dazu.

Naiv gezeichnet ist bei Robert Deutsch gar nichts, auch wenn seine Farben- und Formensprache Anleihen bei der Naiven Malerei nimmt. Im Lichte dessen, dass etwa die berühmte Heidelberger Prinzhorn-Sammlung mit den Kunstwerken von Psychiatriepatienten auch etliche solcher Beispiele enthält, ist das eine konsequente Wahl – Turing wurde ja gezwungenermaßen zum „klinischen Fall“. Dass Robert Deutsch an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Hall bei ATAK studiert hat, ist an vielen Stellen sichtbar, vor allem aber an der beiden Künstlern gemeinsamen Liebe zur scheinbar volkstümlichen, populären Darstellung, die in beider Werk jeweils hochreflektiert verwendet wird. Es ist überraschend, dass eine scheinbar so ähnliche handwerkliche Ausführung trotzdem beim Schüler Deutsch so frisch wirkt (hier kann man sich Seiten daraus ansehen: http://www.avant-verlag.de/comic/turing). Und da ATAK sich seit Jahren von den Comics verabschiedet hat, kommt die Wiederaufnahme seiner Handschrift durch Deutsch gerade recht. Und weil Turing ein bekanntes Faible für Disneys „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ hatte, findet man in der gezeichneten Biographie auch zahllose Anspielungen auf dieses Popkulturphänomen – alles so, wie es ATAK gemacht hätte.

Gibt es also gar nichts zu bemängeln? Doch, und paradoxerweise unter dem Stichwort des Phänomens, das gleich eingangs genannt wurde: Prachtband. Dieses Buch, vom Avant Verlag mehr als gewohnt sorgfältig ausgestattet, ist irgendwie zu schön, um wahr zu sein – zu schweres Kunstdruckpapier, zu großformatig, ja bisweilen sogar zu perfekt in der Gesamtüberlegung. Die schiere Makellosigkeit erweckt den Eindruck, dass hier das Schicksal des Protagonisten zu spurlos am Biographen vorbeigegangen ist, so unbeeindruckt vom menschlichen Drama zeigt sich dieser Comic. Ein Kunstwerk eben, aber ein Mensch ist eben immer noch viel mehr als das. Doch wenn Robert Deutsch bei seinem nächsten Band auch noch so viel Bewegung ins eigene Erzählen bringt wie jetzt schon mit diesem Erstling in die deutsche Comicszene, dann werden wir uns noch umschauen.

 

03. Jul. 2017
von Andreas Platthaus
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23. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
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Grönland neu entdeckt, Hergé wiederentdeckt

Das ist ein seltsamer Comic, den Hervé Tanquerelle da gezeichnet hat. Seltsam nicht, weil seine Figuren unvertraut wären – im Gegenteil. Tanquerelle, der sich zuerst mit der Fortführung der Historien-Fantasy-Serie „Professor Bell“ im täuschend ähnlichen Joann-Sfar-Stil in mein Herz gezeichnet hat, beherrscht in „Grünland Vertigo“ nun auch die Ligne claire à la Hergé oder Jacobs perfekt. Sein Protagonist, der mit sich selbst gerade unzufriedene Comiczeichner Georges Benoît-Jean (in diesem Namen sind gleich drei im Wortsinn beziehnende Hommagen enthalten: an Georges Remi alias Hergé, Ted Benoît und Jean Giraud alias Moebius) sieht aus wie eine Mischung aus Kapitän Haddock und Orlik, und die Nebenfiguren setzen die graphische Traditionslinie fort – nur der leicht durchgedrehte Bildhauer Ville Hakkola sieht aus, als hätte Charles Burns in einer schlechten Minute den Entwurf dazu gemacht. Hier kann man sich anschauen, wie das aussieht: http://www.avant-verlag.de/comic/groenland_vertigo.

Ganz neu und befremdlich aber sind die Hintergründe. Sie beruhen erkennbar auf Fotos, die Tanquerelle während einer Nordlandfahrt auf einem großen Segelschiff gemacht hat, und nun geben sie übermalt (oder vielleicht auch abgemalt) das Dekor für die Nordlandfahrt auf einem großen Segelschiff ab. Was Kaiser Wilhelms II. liebstes Reiseziel war, hat auch Tanquerelle begeistert, und was einem gefällt, wird meist leichter zum Szenario. So ist der missmutige Zeichner Georges womöglich auch ein Selbstporträt. Auch ihm jedenfalls wird der Segeltörn zur Inspiration.

Auf dem Schiff mit seiner dänischen Mannschaft (wörtlich: keine einzige Frau ist an Bord) ergeben sich die üblichen Nickligkeiten auf engem Raum. Durch Hakkola, der mit einer aufsehenerregenden Kunstaktion an der Küste Grönlands die Aufmerksamkeit der Welt auf den menschlichen Raubbau an der Natur lenken will (und dabei natürlich auch auf sich selbst), kommt ein gehöriges Maß an egozentrischer Extravaganz mit ins Spiel – und ein paar finnische Dialogbrocken neben den recht zahlreichen dänischen, die aber im Anhang alle übersetzt werden. Und so schippert der Schoner „Aurora“ mit seiner dreizehn Mann starken Besatzung im Sommer 2011 von Island nach Grönland. Und wir dürfen als Leser dank Tanquerelles quasifotorealistischer Darstellung sagen, wir sind dabeigewesen.

Einen Teilnehmer dieser Expedition – der echten, auf der auch Taquerelle war, kenne ich übrigens. Es ist ein deutscher Schriftsteller mit Faible fürs Maritime, und ich habe begierig nach Details im Comic „Grönland Vertigo“ gesucht, die ich mit ihm in Verbindung bringen könnte, doch keine Spur gefunden. Somit hat Tanquerelle offenbar bei aller Treue zum Schauplatz die Geschichte doch ganz vom realen Erleben gelöst. Und das möchte man ihm und meinem Gewährsmann auch wünschen, denn weder der Comiczeichner noch die anderen darin auftretenden Künstler kommen in der Fiktion besonders gut weg.

Lesenswert ist die Comic, den der Avant Verlag mit seiner erstaunlichen Neugier für ungewöhnliche Projekten schon wenige Monate nach der französischsprachigen Publikation (im „Tintin“-Verlag Casterman) in gleich liebevoll nostalgischer Aufmachung auf Deutsch verlegt hat, allein schon deshalb, weil er einen Schauplatz gewählt hat, der ungeachtet der aktuellen Schwemme an Reportage-, Reise- oder exotischen Abenteuercomics bislang noch Terra incognita war. Und die Hybris, die Hakkola antreibt, ist psychologisch ebenso gut motiviert wie die Unsicherheit von Georges. Mit dem raubeinigen Reiseschriftsteller Jǿrn Freuchen gibt es einen Säufer, der auch im (Sucht-)Verhalten genau nach Haddocks Vorbild agiert, und Ville Hakkolas Assistent Olaf Olsen ist ein reinrassiger Wiedergänger von Igor Wagner, dem Klavierbegleiter Bianca Castafiores aus Hergés „Tim und Struppi“-Kosmos. So rundet sich eine künstlerklischeegeladene Geschichte zur großen Comic-Klassiker-Variation. Ich fühle mich trotz der irritierenden Hintergründe wie zu Hause in dieser grönländischen Comicwelt.

 

23. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
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19. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
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Geheime Liebe unter dem Mullahregime

Alle paar Jahre kommt beim Splitter-Verlag ein Comic heraus, der völlig aus dem Rahmen des sonstigen Verlagsprogramms mit der starken Phantastik-Ausrichtung zu fallen scheint. Hier ist wieder mal einer: „Liebe auf Iranisch“. Es klingt kitschig, doch was da erzählt wird, ist ebenso politisch wie emotional. Denn Liebe im iranischen Gottesstaat kann nicht öffentlich gelebt werden, weil die Geschlechter vor der Ehe keinen Umgang miteinander haben sollen. Dass eine Gesellschaft wie die persische, die bis zum Ende der siebziger Jahre neben der libanesischen zweifellos die im westlichen Sinne modernste in der muslimischen Welt war, sich daran nicht hält, versteht sich von selbst. Und heute vermitteln die sozialen Medien auch noch ins verschlossenste Land – was Iran nicht einmal ist – Lebensentwürfe, die mit traditionellen Vorstellungen nur schwer in Übereinstimmung zu bringen sind.

Zwei Autoren nennt der dokumentarische Comic: Jane Deuxard und Zac Deloupy. Letzterer ist der Zeichner, ein solider Graphiker, der im Dokumentargenre gerade international gängigen realistischen Stil zeichnet, wie ihn Joe Sacco oder als deutsches Beispiel Reinhard Kleist betreiben. Allerdings zeichnet Deloupy farbig, du er lässt seine Panels meist rahmenlos: die Kolorierung sorgt für Abgrenzung. In regelmäßigen Abstanden werden ganzseitige Bilder eingestreut, ohne dass dafür zwingende inhaltliche Gründe bestünden. Einen Eindruck der Graphik vermittelt die Leseprobe: https://www.splitter-verlag.de/liebe-auf-iranisch.html. Aber die gewisse Austauschbarkeit des Stils hat sogar ihren Sinn, denn sie vermittelt eine Anonymität des Erzählten, die bei einem stark individuellen Strich nicht plausibel wäre.

Und Anonymität ist ein wichtiger Punkt in „Liebe auf Iranisch“. Denn nicht nur müssen seine Protagonisten natürlich anonym bleiben, auch die Autoren legen Wert darauf, ihre wahre Identität zu verschweigen, um auch zukünftig Iran bereisen zu können. Deshalb haben sie „Jane Deuxard“ als Pseudonym gewählt, obwohl sich dahinter ein Journalistenpaar verbirgt, das gemeinsam recherchiert. Ob es Frau und Mann, zwei Männer oder zwei Frauen sind, ist unbekannt, gezeichnet allerdings werden sie von Deloupy als traditionelles Paar. Das hat auch einige Plausibilität, denn bei den Gesprächen mit jungen Iranern nützt „Jane Deuxard“ die Tatsache, größere Vertrautheit zum jeweils eigenen Geschlecht herstellen zu können – zumindest, wenn man der Darstellung des Comics glaubt.

Und glaubwürdig ist das Buch, den es legt seine Recherchemethoden ebenso offen wie die Notwendigkeiten zu gewissen Veränderungen bei dem, was es erzählt. In der Unmittelbarkeit dessen, was „Jane Deuxard“ berichten, zeigt sich Iran als ein janusköpfiges Land, in dem die städtische Jugend am rigiden Mullahsystem verzweifelt. Und an den eigenen Familien, die bisweilen genauso strikt auf die Wahrung des vorgeschriebenen Anstands achten wie die Revolutionsgarden. Umso bemerkenswerter ist die Schilderung von Liebesverhältnissen, Tricks zur Ermöglichung von Rendezvous oder Repressalien, die daraus resultieren.

Man merkt, dass seit Marjane Satrapis „Persepolis“, jenem Comic, der uns als Erster einen Blick in den familiären Alltag Irans gestattete, bald zwei Jahrzehnte ins Land gegangen sind. Die Generation, die bei Satrapi aufbegehrte, ist die, die nun in die Rollen der Elternrollen der jungen Gesprächspartner von „Jane Deuxard“ geschlüpft sind. Und fortschrittlicher ist die Gesellschaft dadurch nicht geworden. Eher strenger, denn was dieser mittleren Generation fehlt, ist das Erlebnis der vorrevolutionären Zeit unter dem politisch repressiven, aber moralisch vergleichsweise liberalen Schah-Regime. So schreiben „Jane Deuxard“ die iranische Sozialgeschichte fort. Als und im Comic. Bemerkenswert.

19. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
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12. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
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Ein Comicessay wie aus dem Bilderbuch

Wie die Zeit vergeht. Als ich Julia Hoße auf den Titel ihres neuen Comics, „In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester“ ansprach, weil ich mich dabei an Loriot erinnert fühlte („Früher war mehr Lametta!“), antwortete sie, das hätten ihr schon einige Leser gesagt, aber alles ältere. So wird man der eigenen Historizität bewusst, um es mal positiv auszudrücken.

Julia Hoße ist in der Tat jung genug, um Loriot nicht mehr wahrgenommen zu haben. Studiert hat sie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft in Hamburg, Illustration bei Anke Feuchtenberger. Deren Klasse hat sich im letzten Jahrzehnt zu einer der zuverlässigsten Kaderschmieden des deutschen Comics entwickelt, gerade weil immer weniger Anke Feuchtenbergers Stil bei ihren Absolventen sichtbar wird, dafür aber umso mehr ihre Ermutigung für ungewöhnliche Themen und Formen. Das Thema von Julia Hoßes Abschlussarbeit „In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester“ ist nun nicht besonders ungewöhnlich – autobiographische Splitter, familiäre Überlieferungen. Aber die Form ist es dafür umso mehr. Und das Ganze ist eine höchst inspirierende Lektüre.

Es gibt sie bislang allerdings nur im Selbstverlag (teilweise aufgeblättert sehen und auch bestellen kann man es hier: https://juliahosse.com/2017/03/02/in-meiner-erinnerung-war-mehr-streichorchester-2017/), denn auch wenn das Projekt unter den Finalisten des diesjährigen Leibinger-Comicförderpreises war, hat sich noch kein großes Haus dafür gefunden. Vielleicht hält man dort den Band für zu künstlerisch, denn kein Kapitel sieht aus wie das andere. Das aber macht gerade den Reiz aus: Hier wird gezeichnet und gemalt, bisweilen auch auf derselben Seite, ja im selben Panel. Es gibt doppelseitige Einzelbilder und kleinteilige Seitenarrangements. Mal entfallen die Panelumrahmungen, mal nimmt die Erzählung das Aussehen eines Bilderbuches an, dann ist wieder klassische Comicform am Zug, jedoch immer ohne Sprechblasen, dafür aber plötzlich einmal mit Textbändern wie auf mittelalterlichen illuminierten Handschriften. Immer sind die Schriftelemente als dramaturgische Tempomacher eingesetzt: Sie rhythmisieren die wilde Bilderfolge, schaffen durch Aufteilung von Sätzen einmal über mehrere Seiten Zusammenhänge, die die Graphik noch offen lässt, und trennen ein anderes Mal optisch ineinander fließende sequentielle Abfolgen wieder durch unerwartete semantische Zäsuren. Wenn man vom Comic als Bildtextkunstwerk sprechen will, dann hat man hier ein Prachtbeispiel.

Das ungewöhnlichste Kapitel heißt „Die Flucht“, eine Geschichte, die 1944 in Königsberg beginnt und Julia Hoße von ihrer Großmutter erzählt wurde. Diese knapp vierzig Seiten sind das Herz des Comics, auch buchbinderisch. Drum herum gruppieren sich eigene Erinnerungsszenen, nach Auskunft von Julia Hoße oft auf der Grundlage von Viedeoaufnahmen, meist aus der Kindheit, aber am Schluss steht dann eine Erörterung des physikalischen Konzepts der Raumzeit, die den Schlüssel für das ganze Konvolut nachliefert und es auch durch Wiederaufnahme von Motiven neu verzahnt. Ursprünglich sollte der Band übrigens „Zeitlinien“ heißen, aber das war der Autorin dann doch zu abstrakt. Sein Thema ist die Verschiebung des Zeitgefühls, die Legendenbildung in Familien, die Frage, wie man wird, was man ist. Durchs Erzählen und Wiedererzählen.

Was mich aber am meisten an „In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester“ fasziniert, ist eine graphische Verwandtschaft zur Neuen Leipziger Schule. Farben, Formen, Pathos könnten aus Bildern oder Zeichnungen von Neo Rauch entnommen sein, ohne dass aber hier die metaphysische Konnotation seiner Werke eine Rolle spielte. Was Rauch verrätselt, legt Hoße offen – die private Grundierung des Geschehens. Nun ich Neo Rauch kein Comiczeichner, aber ein Künstler, der wiederum von Comics beeindruckt wurde, dem „Mosaik“ von Hannes Hegen, den Geschichten von Daniel Clowes, den „Blake und Mortimer“-Abenteuern von Edgar P. Jacobs. Es wäre interessant zu wissen, ob Julia Hoße sich für die Leipziger Malerei begeistert. Aber ich Trottel frage sie nach Loriot.

 

 

12. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
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06. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
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Durchs zivilisierte Kurdistan

Zerocalcare, Jahrgang 1983, heißt in Wahrheit Michele Rech, lebt im römischen Stadtteil Rebbibia und steht politisch links. Alle diese Umstände spielen wichtige Rollen in seiner Comicreportage „Kobane Calling“, die vergangenes Jahr in Italien und nun gerade beim Berliner Avant Verlag auch auf Deutsch erschienen ist. Berichtet wird von zwei Reisen ins Kurdengebiet: einmal, im Herbst 2014, an die türkisch-syrische Grenze nahe der umkämpften Stadt Kobane in Syrien, wo sich seinerzeit eine kleine Gruppe Kurden gegen die Belagerung durch den „Islamischen Staat“ wehrte, und dann im Sommer des folgenden Jahres nach Kobane selbst, das nicht nur erfolgreich gehalten werden konnte, sondern auch zum Ausgangspunkt einer kurdischen Gegenoffensive wurde, die die umliegenden Gebiete dem IS wieder entriss. In Kobane, das kann Zerocalcare nicht oft genug betonen, wurde und wird immer noch die Freiheit gegen den Fanatismus verteidigt. Für ihn ist Kurdistan eine letzte Zuflucht der Zivilisation.

Man spürt die Begeisterung des italienischen Zeichners für die kurdische Sache von Beginn an, denn im für autonom erklärten Kurdengebiet Rojava im Norden Syriens wird eine Politik der gesellschaftlichen Toleranz beschworen, die Frauen und Männer für ebenso gleichberechtigt hält wie die verschiedenen Religionen – ein Traum für den anarchistisch gesinnten Zerocalcare, der seit den Kämpfen zwischen Globalisierungsgegnern und Polizisten beim G8-Gipfel von genau im Jahr 2001 sein Vertrauen in die westlichen Werte verloren hat. Im syrischen Kurdengebiet sieht er einen neuen Modellstaat, bei dem ihn nicht die nationale Frage interessiert, sondern die soziale Komponente, die auch Gesundheitsversorgung und Bildung miteinschließen soll. Um sich eine eigene Anschauung zu verschaffen, unternahm er Zerocalcare die beiden Recherchereisen, die zugleich auch humanitären Zwecken dienten.

Bei der ersten war es noch zu gefährlich, nach Syrien selbst zu fahren. Also blieb die italienische Reisegruppe aus acht Aktivisten in ein paar Kilometer Entfernung auf türkischer Seite – was einerseits nah genug war, um die bedrohliche Situation in Kobane zu beobachten, andererseits einen Einblick in das Doppelspiel der türkischen Politik gewährte, die den IS zu bekämpfen vorgibt, aber vor allem den Kurden schaden will. Das kurdische Siedlungsgebiet umfasst Teile der Türkei, Syriens, des Iraks und Irans, und im syrischen Bürgerkrieg erwiesen sich die Kurden als zuverlässigste Gegenwehr gegen die Fanatiker des IS. Doch kaum jemand dankte es ihnen, weil ihre Autonomiebestrebungen in den vier Ländern nicht wohlgelitten sind. In der Türkei gelten sie in den Augen von Erdogans Regierung gar als Staatsfeind Nummer eins.

Deshalb ist einer der interessantesten Aspekte von „Kobane Calling“ die Rückkehr Zerocalcares im Juli 2015 in die Türkei, um diesmal mit vier italienischen Begleitern in den Irak zu gelangen und von dort aus nach Syrien und schließlich Kobane. Denn die erste Reise war da schon zu einem Comic geworden, den der Zeichner auch mit sich führte, um ihn den kurdischen Kämpfern zu zeigen – und prompt wurden diese Hefte vom türkischen Zoll entdeckt und beschlagnahmt. Trotzdem drufte die italienische Gruppe weiterreise – die EU-Pässe schützten sie. Heute dürfte das anders sein; der einzige Schönheitsfehler von „Kobane Calling“ ist, dass die Entwicklung seit dem Putsch in der Türkei im Juli 2016 nicht zumindest als kleiner Textanhang eingearbeitet worden ist, denn etliche Prognosen, die Kurden 2015 gegenüber Zerocalcare gemacht hatten, haben sich leider seitdem bewahrheitet. Der Comic ist ein hervorragendes Beispiel für die Aussagekraft unmittelbarer Anschauung.

Und für die inhaltliche Kraft eines Berichtsstils, der graphisch erst einmal ein paar Hürden bietet (Leseprobe: http://www.avant-verlag.de/comic/kobane_calling). Zerocalcare pflegt einen am Underground orientierten Strich, durchaus durchsetzt mit grotesk-cartoonesken Elementen, und daran muss man sich bei diesem bitterernsten Thema erst einmal gewöhnen. Zeit genug dazu hat man, denn der Comic umfasst 260 textreiche Seiten, und wer nach zwanzig, dreißig davon noch kein Feuer gefangen hat, ist wohl verloren für anspruchsvolle Comicreportagen. Ein brisanteres aktuelles Thema ist jedenfalls seit Joe Saccos Palästina-Reportagen vor zwanzig Jahren nicht mehr Gegenstand von Comicjournalismus geworden, und angesichts des Umfangs von „Kobane Calling“ muss man Zerocalcares Leistung unglaublich nennen: Ein Abstand von nur einem Jahr zum Erlebten (im Falle der italienischen Originalpublikation) ist rekordverdächtig. Da zahlt sich die im Vergleich mit Sacco oder einer Comicreporterin wie Sarah Glidden schlichtere Graphik aus.

Zerocalcare bezieht im Vergleich mit seinen berühmteren Kollegen weitaus eindeutiger politisch Position. Saccos Sympathie für die Palästinenser steht auch nie außer Frage, aber der italienische Zeichner verherrlicht die kurdische Sache geradezu. Zwar wird in „Kobane Calling“ immer wieder die Selbstbefragung der eigenen Objektivität zum Gegenstand, doch die Reportage ist durchzogen und auch getragen von einer revolutionär-emanzipatorischen Romantik, die selbst durchaus sympathisch ist, aber bisweilen auch naiv wirkt. Wobei man es Zerocalcare gar nicht hoch genug anrechnen kann, dass er das Wagnis vor allem seines zweiten Ausflugs eingegangen ist – aus den Kurdengebieten in Syrien, die vom IS wie von den Türken attackiert werden (bisweilen wohl auch in obskurer Zusammenarbeit), gibt es wenig authentische Berichte, und dass es Zerocalcare gelungen ist, bei seiner zweiten Reise bis in die Verstecke der PKK-Kämpfer in den irakisch-iranischen Kandil-Bergen zu gelangen, darf man eine journalistische Sensation nennen. Zumal er dort auch Ceval Bayik alias Cuma sprechen konnte, der seit Abdullah Öcalans Verhaftung 1999 die PKK bei ihrem Kampf gegen die Türkei anführt. Mit den Seiten, die diese Begegnung schildern, sollte sich Zerocalcare wohl besser nicht mehr in der Türkei erwischen lassen.

Auch in diesen Lagern einer Organisation, die weltweit als eine terroristische eingestuft wird – aus feiger Rücksichtnahme auf die Türkei, wie Zerocalcare konstatiert –, findet der italienische Besucher wieder eine vorbildlich emanzipierte Gesellschaft, was sich vor allem im hohen Anteil weiblicher PKK-Kämpfer zeigt. Dass er in den Kandil-Bergen nur eine Frauen-Einheit zu sehen bekommt, stimmt ihn nicht verdächtig, obwohl einiges dafür spricht, dass die PKK genau gewusst hat, womit sie die Begeisterung Zerocalcares erwecken würde. Dass er aber in „Kobane Calling“ dem weitgehend im Westen unbesungenen Kampf der Kurden gegen den IS eine Darstellung verschafft, die geeignet ist, das Verständnis für die Komplexität des Kriegs in Syrien zu vertiefen oder vielleicht gar erst zu wecken, das ist Rechtfertigung genug für diesen Band, den man mit immer mehr Spannung liest, je intensiver man auch Zerocalcare als Chronisten kennenlernt. Ob man seine politischen Urteile teilt, tut nichts zur Sache. Was er an Detailbeobachtungen aus einem gnadenlosen Krieg und einem jahrzehntelang anhaltenden Freiheitskampf zu bieten hat, ist von erschütternder Intensität.

 

06. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
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26. Mai. 2017
von Andreas Platthaus
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Deutscher Aufgalopp für Frankreichs großen Auftritt

Das nenne ich Bescheidenheit: Den Auftakt zum ersten sichtbaren Projekt des französischen Gastlandauftritts bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse bestreitet kein Franzose, sondern ein Deutscher: Mawil, ein Comiczeichner, der mit seinem autobiographischen Buch „Kinderland“ über die letzten Tage der DDR, das in Deutschland vor drei Jahren erschien, auch in Frankreich große Beachtung gefunden hat. Nun hat er eine weitere autobiographische Geschichte gezeichnet, die davon erzählt, wie das Gemeinschaftsprojekt „Ping-Pong“, bei dem französisch- und deutschsprachige Comiczeichner bis hin zur Buchmesse (also bis Oktober) wechselseitig einander Geschichten erzählen werden. Und hier kann man Mawils Comic lesen, wenn auch bislang nur auf Französisch: http://www.francfort2017.com/ping-pong/.

In den nächsten Monaten werden etliche prominente Künstler aus beiden Staaten dazustoßen, und einen lernt man hier auch schon kennen: Flix, wie Mawil in Berlin ansässig, und den Lesern von faznet und F.A.Z.-Feuilleton durch seine wöchentliche Serie „Glückskind“ bekannt. Mit den beiden Herren hat sich Mathieu Diez, seines Zeichens Leiter der Comicfestivals von Lyon, das bald wieder stattfindet (diesmal mit besonders starker deutscher Beteiligung, siehe http://www.lyonbd.com/), und zudem verantwortlich für den Comicteil des diesjährigen französischen Buchmesseauftritts, die Richtigen ausgesucht, denn beide Zeichner stehen für einen international wettbewerbsfähigen deutschen Comic, der sich hinter der jahrzehntelang übermächtigen Konkurrenz aus unseren Nachbarland nicht verstecken muss. Deshalb ist der Auftakt durch Mawil nicht nur Bescheidenheits-, sondern auch Respektserweis.

Was sollte man sich in Frankreich aber auch Passenderes wünschen als diesen in jeder Hinsicht bunten Einblick ins Zeichnerleben in der deutschen Hauptstadt, die vielen jungen Franzosen als Mekka des Partylebens gilt? Kaum hat man den lukrativen Auftrag von den beiden sympathischen Franzosen in der Tasche (Mathieu Diez tritt neben seiner Kollegin Myriam Louviot aus der Berliner Botschaft selbst im Comic auf), kommen jeweils landestypische geistige Getränke zur Feier der künftigen Zusammenarbeit auf den Tisch, und Mawil ist immerhin so dezent, nur sich selbst am nächsten Morgen zu porträtieren – 53 Bilder, wie er selbst behauptet, nach dem vorher gezeigten. Davon sehen wir aber leider nichts. Seine ganze Episode umfasst nur 28 Panels.

Doch die haben es in sich, denn Mawil entfaltet darin eine kleine Piktogrammatik des Comics, in dem Symbole und Onomatopöien genauso eine Rolle spielen wie Wortspiele („trinquons“ heißt im Französischen „stoßen wir miteinander an“, klingt aber wie im Deutschen „trinken“) oder Bildmontagen – so ist etwa das Cover von „Kinderland“ in die gezeichnete Handlung einkopiert, ein Effekt, den Mawil auch schon in seinem Comicerfolg bei ikonischen DDR-Gegenständen eingesetzt hatte.

Wenn es so weitergeht wie in diesem Prolog zum Ganzen, dann darf man von „Ping-Pong“ einiges erwarten. Die Zeichner, von denen im Vorfeld die Rede war (ob sie alle teilnehmen werden, weiß ich nicht, aber auf französischer Seite war auch von Riad Sattouf und Lewis Trondheim die Rede), lassen jedenfalls eine furiose Abfolge von Kurzgeschichten erwarten. Und nur wenige Tage nach dem jetzigen Start dieser Internet-Reihe wird am 2. Juni im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst eine ebenfalls anlässlich des Buchmessengastlandauftritts von Frankreich geförderte Comic-Ausstellung eröffnet: „Kartografie der Träume“, mit Arbeiten des wunderbaren Marc-Antoine Mathieu, der es wie kein zweiter Zeichner schafft, mit seinen Comics die theoretischen Grundlagen des graphischen Erzählens ständig zu reflektieren und zu erweitern (für nur ein Beispiel, seinen Comic „Sense“ – auf Deutsch mittlerweile als „Richtung“ erschienen – siehe http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/neue-comics-zum-raum-wird-hier-die-zeit-13542282.html). Da hat sich die Ehrengastrolle ja schon gelohnt. Und vielleicht kommt auf der eigentlich zweisprachig angelegten Website „francfort2017.com“ ja auch noch eine deutsche Version der dafür angefertigten Comics zur Publikation.

26. Mai. 2017
von Andreas Platthaus
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22. Mai. 2017
von Andreas Platthaus
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Der Ursprung des Terrors

Der „Deutsche Herbst“ von 1977, die Hochzeit des RAF-Terrors mit der Verschleppung und Ermordung Hanns-Martin Schleyers, dem Tod seiner Begleiter im Kugelhagel von Köln, der Entführung der „Landshut“ und dem Selbstmord von Baader, Ensslin und Raspe in Stuttgart-Stammheim, ist nichts gegen den japanischen Herbst von 1968. Das war der Höhepunkt der dortigen Studentenproteste, die allerdings keinen harten kriminellen Kern hatten, sondern dezidiert politisch waren, linksradikal, und auf harten Widerstand der Polizei trafen, so dass sich die Ereignisse derart hochschaukelten, dass man die Revolution schon vor der Tür sah. Zahlreiche Menschen starben auf den Straßen, und dazu kam eine Gewaltwelle, die andere Ursachen hatte, aber mit zur gesellschaftlichen Unsicherheit dieses Jahres in Japan beitrug.

Eines der meistbeachteten Ereignisse war eine Mordserie, die binnen drei Wochen im Herbst 1968 vier Menschen das Leben kostete, alle erschossen mit einem Revolver aus amerikanischen Armeebeständen. Der Täter aber war Japaner und wurde im April 1969 verhaftet, 1979 zum Tod verurteilt und 1997 hingerichtet. Der fast dreißigjährige Abstand zwischen Verbrechen und Strafe machte den Fall zum berühmtesten seiner Art in Japan, und jeder Japaner kennt den Namen des Täters: Norio Nagayama, der zum Zeitpunkt seiner Taten erst neunzehn war. Wenn also in einem Manga ein junger Mann im Herbst 1968 auftaucht, einen Revolver aus einer amerikanischen Kaserne stiehlt, damit zu morden beginnt und dazu nur N genannt wird, weiß man in Japan, wer gemeint ist.

Dieser N ist die Hauptperson in „Unlucky Young Men“, einer auf zwei Bände verteilten siebenhundertseitigen Geschichte, die Eiji Otsuka geschrieben und Kamui Fujiwara gezeichnet hat – vor zehn Jahren. Dass die Übersetzung erst heute herauskommt – Band 1 ist gerade bei Carlsen erschienen –, hat einmal mit dem wider alle Erwartungen ungebrochenen Mangaboom in Deutschland zu tun, andererseits aber auch damit, dass diese Geschichte eine Herausforderung herausstellt, denn selten ist eine bestimmte Zeitstimmung – die die beiden Urheber als Kinder noch miterlebt haben – so detail- und faktenreich ins Comicbild gesetzt worden. Das macht die Lektüre voraussetzungsreich, zumal als roter Faden auch noch die Tankadichtung von Takuboku Ishikawa, einem japanischen Lyriker des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, fungiert. Die Übersetzerin Cordelia von Teichman war also besonders gefordert, und auch wenn sie das feste Silbenschema von 5-7-5-7-7, also insgesamt 31, bei der Übertragung der Tanka nicht beachtet hat, ist „Unlucky Young Men“ sonst exzellent zu lesen, zumal es zwar ein Glossar gibt, das aber nur in wenigen wichtigen Fragen Auskunft gibt, während ansonsten der Sprechblasentext alle Erklärungen zu leisten hat. Das ist gut gelungen.

Fujiwaras Graphik ist höchst aufwendig (Leseprobe: https://www.carlsen.de/softcover/unlucky-young-men-1/78560), oft könnte man seine Schwarzweißzeichnungen für Schabkartonarbeit halten, so tief ist das Schwarz, so subtil sind die Schraffuren. Aber alles ist am Rechner erzeugt – ein Meisterwerk moderner Zeichnertechnik. Dazu kommen mangatypische Effekte wie rascher Perspektivenwechsel, extreme Auf- oder Untersichten und einige Male auch Spiegelungsbilder auf gekrümmten Flächen mit entsprechend verzerrten Physiognomien. Fujiwara hat angeblich sämtliche Bilder von lebenden Personen nachstellen lassen und die Szenen abfotografiert, um eine möglichst lebensnahe Vorlage für die Reinzeichnungen zu bekommen.

Das ist auch inhaltlich konsequent, denn Leitlinie der Handlung ist nicht, wie man erwarten könnte, das Verbrechen von N, sondern ein Film, den er gemeinsam mit dem jungen Multitalent T drehen will. Den werden selbst weniger japanaffine Leser erkennen, sofern sie sich überhaupt für Kino interessieren, denn für diesen T stand die jungen Jahre von Takeshi Kitano Pate, des heute international bekanntesten japanischen Schauspielers. Natürlich hat es nie eine Begegnung zwischen ihm und dem Vierfachmörder Nagayama gegeben, doch die biographische Parallelen haben Otsuka dazu verführt, die weitgehend unbekannten Monate zwischen Verbrechen und Festnahme des Serientäters mit dieser fiktiven Begegnung zu füllen und dazu noch zahlreiche Persönlichkeiten der linksradikalen Studentenszene einzubeziehen. Und nicht zuletzt auch den berühmten Schriftsteller Yukio Mishima, der in Analogie zu den beiden Hauptfiguren hier nur als M auftritt.

Gegenstand des Films, den N und T zusammen drehen wollen, soll ein Raubüberfall auf einen Geldtransporter sein, auch dies ein realer, bis heute nicht aufgeklärter berühmter Fall des Herbstes 1968. Inwieweit sich dabei künstlerische, politische und monetäre Interessen ergänzen oder ausschließen, ist die eigentliche Frage im Manga „Unlucky Young Men“, der den spektakulären Überfall nur als MacGuffin nimmt für ein Porträt der japanischen Gesellschaft in heikler Zeit. Und zugleich eine alternative Geschichtsschreibung betreibt, die einige Rätsel löst – und das noch mit dem Reiz der Beteiligung prominenter Persönlichkeiten. Dass dieser Bonus für deutsche Leer weitgehend entfällt, lässt den Sog, den der Manga entfaltet, umso überzeugender wirken. Er erzählt eine psychologisch stimmige und kriminalistisch spannende Geschichte, die vor allem die Unsicherheit einer Epoche spürbar macht, in der links und rechts, fortschrittlich und konservativ jeweils hehre idealistische Ziele für sich in Anspruch nahmen, die unversöhnlich sein mussten.

Japan kam erst Mitte der siebziger Jahre innenpolitisch wieder zur Ruhe, und bis dahin mussten noch viele Menschen sterben, meist allerdings Angehörige der Terrororganisationen und die meisten davon in Folge interner Machtkämpfe. Das eine der fürchterlichsten Protagonistinnen dieses Terrors gegen die eigenen Gefolgsleute, Hiriko Nagata, genannt Yoko, in „Unlucky Young Men“ gleich für zwei Frauenfiguren (die beide Yoko heißen) Patin steht, ist ein brillanter Kunstgriff, denn die Radikalisierung wird so auf zwei Wegen vorgeführt. Welcher dann der schlimmere sein wird, kann man dem zweiten Band entnehmen, der in ein paar Monaten auf Deutsch erschienen wird. Und obwohl man ja weiß, wie N und T enden werden – der eine in der Todeszelle, der andere als Filmstar –, ist die Neugier auf die Fortsetzung bei mir immens.

22. Mai. 2017
von Andreas Platthaus
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04. Mai. 2017
von Andreas Platthaus

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Kurzes auf dem Weg zum langen Hauptwerk

An diesem Wochenende wird zum dritten Mal der Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung verliehen, deren Jury in angehöre. Es ist ein Förderpreis, ausgezeichnet werden noch in Arbeit befindliche Comics, man muss also von einer Vorform auf die endgültige Version schließen. In diesem Jahr wird ein Comic prämiert, von dessen projektierten 250 Seiten mehr als 180 eingereicht worden waren, wenn auch in einer Form, die die Autorin, Tina Brenneisen, selbst eine vorläufige nennt, die noch druckfertig gemacht werden müsse. Dass ihre autobiographische Geschichte „Das Licht, das Schatten leert“ ein beeindruckendes Buch werden wird, kann man gleichwohl jetzt schon sehen.

Ich will nicht darüber schreiben, um was es in dem prämierten Comic geht, denn man wird ihn erst in einiger Zeit lesen können, und ob er dann wieder in Tina Brenneisens eigenem Kleinverlag Parallelallee erscheint wie bislang alle ihre Publikationen (die übrigens unter dem Pseudonym PoinT laufen) oder ob sie mit dem Preis im Rücken ein größeres Haus dafür interessieren kann – sofern sie das will –, das haben wir ebenfalls abzuwarten. Der erste Leibinger-Comicbuchpreis war 2015 an Birgit Weyhe für ihren Band „Madgermanes“ gegangen, und es war ein Glück, dass die Hamburger Zeichnerin mit einem anderen schon geplanten Vorhaben, bei dem sie erstmals auf ein fremdes Szenario zurückgreifen wollte, nicht so vorankam, wie sie es sich vorstellte, so dass ihr ausgezeichnetes Projekt schneller fertig wurde und bereits ein Jahr nach der Preisverleihung erschien – und dann prompt beim Comicsalon von Erlangen auch zum besten deutschsprachigen Comic gewählt wurde. Ihr Nachfolger, Uli Oesterle, wird dagegen mit seiner Geschichte „Vatermilch“ mindestens noch bis zum kommenden Jahr brauchen, und da mittlerweile von zwei Bänden die Rede ist, könnte es durchaus sein, dass Tina Brenneisen ihren unmittelbaren Preisvorläufer überholt.

Um aber den Schwung der durch den Preis gewonnenen Aufmerksamkeit zu nutzen und die Pause zwischen der letzten Oesterle-Publikation, der damals neugestalteten „Hector Umbra“-Gesamtausgabe von 2011, und „Vatermilch“ nicht zu groß werden zu lasen, hat der Carlsen Verlag den Zeichner bewegen können, ein Buch namens „Kopfsachen“ dazwischenzuschieben, das acht Kurzcomics versammelt – „graphische Erzählungen“ nennt der Untertitel die Form, in Anknüpfung an den Begriff „Graphic Novel“. Davon ist eine, „Fraß“, mit fast fünfzig Seiten albenlang, allerdings im Kleinformat. Vor anderthalb Jahrzehnten ist sie bei der Edition 52 als Separatpublikation herausgekommen, du das war damals mein erster Kontakt mit Oesterles Werk, denn seine schon ein paar Jahre älteren „Schläfenlappenphantasien“ des Zwerchfell Verlags waren mir entgangen. „Fraß“ mit seiner an Stanley Ellin erinnernden Drastik war aber ein sehr guter Einstieg, und die Geschichte um einen Feinschmecker, der verzweifelt versucht, seinen verlorengegangenen Geschmackssinn wieder zu beleben, überzeugt auch heute noch.

Die ebenfalls in „Kopfsachen“ enthaltenen fünf Geschichten aus den „Schläfenlappenphantasien“ sind dagegen auch durch die Hinzufügung einer blauen Zusatzfarbe nicht ganz aus dem Stadium eines Frühwerks zu befreien. Zu sehr merkt man diesen Arbeiten die Zeitstimmung der mittleren neunziger Jahre an, den Einfluss von José Munoz und Hendrik Dorgathen, von Comiczeitschriften wie „Raw“ oder „Boxer“ und das Bemühen, rauh und wild zu erzählen und zu zeichnen. Dass daraus dann eine Serie wie „Hector Umbra“ entstehen konnte, zeigt aber, wie rasch sich Oesterle wieder befreit hatte, auch wenn er dann vor allem der Ästhetik von Mike Mignola gefolgt ist. In „Forever“, einer 2003 im amerikanischen Verlag Dark Horse, der Heimat von Mignolas „Hellboy“, veröffentlichten Horrorgeschichte um ein sich verselbständigendes Tattoo wird diese Liebe auf die Spitze getrieben.

Sieben also schon vor langer Zeit veröffentlichte Geschichten in „Kopfsachen“. Die achte dagegen ist neu, und sie bringt Hector Umbra zurück, den parapsychologisch begabten Detektiv, Oesterles auch internationale Erfolgsfigur. Die Erzählung „Getrennte Wege“, in der eine junge Frau mit gespaltener Persönlichkeit Umbra engagiert, ist gerade einmal fünfzehn Seiten lang, aber sie beschreitet auch selbst neue Wege, denn Oesterle verzichtet auf Panelrahmen und lässt in einer Szene, die sich im Kopf der Mandantin abspielt zudem aus der üblichen Seitenarchitektur fallen. Seine Konturen sind feiner geworden, die Farben – computerbedingt – bunter, aber der Ton ist ganz der alte, und dadurch entsteht eine Kurzgeschichte, die man atemlos liest, zumal ihr Twist am Schluss mit dem typisch Oesterleschen Zynismus gewürzt ist.

Der Band ist wunderschön gestaltet und auf gutem Papier gedruckt, so dass gegenüber den Originalausgaben der schon veröffentlichten Comics signifikante Qualitätsgewinne bestehen, die die Anschaffung selbst für jene Leser lohnen, denen „Hector Umbra“ nichts sagt und die deshalb nicht so dringend wie ich auf Fortsetzung von dessen Abenteuern gewartet haben. Erzählerisch hat Oesterle sogar klare Vorteile auf der Kurzstrecke. Aber wenn dann erstmal „Vatermilch“ fertig wird, der auf mehrere hundert Seiten konzipiert ist, wird man endgültig wissen, ob der ideenreiche Münchner Comicautor auch über langen erzählerischen Atem verfügt. Das, was ich bislang davon kenne, spricht eindeutig dafür.

04. Mai. 2017
von Andreas Platthaus

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02. Mai. 2017
von Andreas Platthaus

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Hitler hat den Kopf verloren

Irgendwann habe ich in diesem Blog einmal geschrieben, dass es Comicschaffende gibt – gegenwärtig aktive, also keine Klassiker –, von denen ich einfach alles lesen will, was sie machen. Die gibt es immer noch, und es sind meist Leute mit sehr umfangreichem Oeuvre wie Art Spiegelman, Jacques Tardi, Dupuy & Berberian (respektive nun deren Soloarbeiten), Baru oder Alan Moore. Könner wie Marjane Satrapi, Emmanuel Guibert oder David B. sind weniger produktiv oder haben dem Comic – so Satrapi – gar ganz Lebewohl gesagt. Und deutsche Künstler wie Line Hoven, Jens Harder, Anke Feuchtenberger, Ulli Lust, Sascha Hommer und noch einige andere mehr können gar nicht so produktiv sein, wie sie wollten, weil man hierzulande zu wenig Geld mit Comics verdient. Bleiben also im deutschen Sprachraum Nicolas Mahler und Ralf König, denen man alles vorwerfen kann außer mangelndem Veröffentlichungstempo. Und natürlich mangelnder Qualität.

Aber zwei besonders fleißige Menschen haben seit meiner damaligen Behauptung so viel Neues herausgebracht, dass ich mich übersättigt fühlte: Joann Sfar und Lewis Trondheim. Allein die von beiden gemeinsam geschriebene Serie „Donjon“ hat rund vierzig Bände in einem Jahrzehnt hervorgebracht – weniger als die wohl scherzhaft angekündigten dreihundert, aber allemal (mehr als) genug. So lese ich heute vielleicht noch jeden zweiten Titel, den Trondheim oder Sfar herausbringen, was immer noch ein namhafte Zahl bedeutet. Und wie es der Zufall will, habe ich bei meinem letzten Besuch in Frankreich gleich wieder ein halbes Dutzend Comics gekauft, die Lewis Trondheim geschrieben hat.

Es sind sechs Hefte im amerikanischen Comicformat, die auch aufgemacht sind wie Superheldencomics – Trondheim hat schon immer das Spiel mit den Möglichkeiten seines Metiers geliebt. Der Titel der Serie lautet „Infinity 8“ (die Homepage dazu: http://www.editions-ruedesevres.fr/d%C3%A9couvrez-le-projet-infinity-8-0), und es geht um ein gleichnamiges Raumschiff, das mit seiner 880.000 Mann starken Besatzung sechs Wochen lang unterwegs ist, um den Andromedanebel zu erreichen. Wobei es nicht 880.000 Menschen sind, die mitreisen, sondern Individuen aus 257 intergalaktischen Rassen, darunter auch 1583 Menschen, und zu Letzteren gehört unter anderem auch eine Polizeitruppe, die nur aus Frauen besteht. Sie stehen im Mittelpunkt der Handlung. So viel erfährt man schon auf der ersten Seite des ersten Heftes.

Ein Science-Fiction also, angesiedelt in einigermaßen ferner Zukunft und mit allen graphischen Vorzügen der reichen französischen SF-Comictradition, die auf die Superstars Jean-Claude Mézières und Moebius zurückgeht. Dominique Bertail hat die ersten drei Hefte von „Infinty 8“ gezeichnet, Olivier Vatine die anderen drei, und Trondheim hat die Szenarien verfasst, im Falle der ersten drei zusammen mit einem anderen Superstar des französischsprachigen Comics, dem Schweizer Zep. Da haben sich zwei Liebhaber sowohl des Humors, der Klischees und zugleich der Drastik gefunden, und entsprechend sieht die erste Geschichte aus: sehr gut.

Doch die zweite, nun von Trondheim allein geschrieben, ist noch besser. Selbes Raumschiff, aber ein paar Tage später, und eine andere Polizistin als Heldin. Dass es hier noch aberwitziger als im ersten Teil zugehen wird, in dem es vor bizarren Wesen wimmelt, sagt schon der Titel der zweiten Geschichte: „Retour vers le Führer“. Ja, es geht um Adolf Hitler, genauer gesagt um dessen Kopf, der aus Gründen, deren Schilderung hier zu weit führen würde, im Weltall herumfliegt und von der Besatzung der „Infinity 8“ unklugerweise eingesammelt wird. Seit Hitlers Niederlage viele Jahre zuvor hat sich der Nationalsozialismus zu einer ästhetische Bewegung entwickelt, die im Zeichen des Hakenkreuzes die Maxime „Un Art de Vivre“ (eine Lebenskunstform) betreibt. Lieder schafft es Hitlers krankes Hirn binnen kurzer Zeit, die Nazischöngeister wieder durch Killermaschinen zu ersetzen.

Man schluckt als deutscher Leser, wie Trondheim da mit Entsetzen Scherz treibt, aber er braucht die NS-Klischees für seine Abenteuerhandlung, und das Ganze geht auch gut aus – also schlecht für Hitler. Und nach den sechs Heften will man mehr, viel mehr von diesem Stoff. Und tatsächlich ist in Frankreich auch schon eine weitere Geschichte erschienen, diesmal nur als Album, diesmal gezeichnet von Olivier Balez, und es sind bis zum März 2018 noch fünf weitere Fortsetzungen von „Infinty 8“ angekündigt, deren letzte von keinem Geringeren gezeichnet werden soll als dem großartigen Patrice Killoffer, der auch schon als Vorbild für eine Figur der Serie dient: dem Leutnant Reffo, dessen Name sich rückwärts gelesen nicht zufällig fast wie Killoffer liest, bereinigt ums „kill“. Das dürfte ein Hinweis auf zukünftige Ereignisse in dieser Serie sein.

Alle acht Bände wird Trondheim schreiben (hat sie mutmaßlich auch schon geschrieben), und die ersten beiden Geschichten sind auch bereits als Alben herausgekommen. Dass es diese Geschichten auch als Hefte gibt, war nur ein schöner Gag, um der amerikanischen Publikationsform die Ehre zu geben; leider geht die Parallelveröffentlichung nicht mehr weiter. Die sechs Hefte bieten ein paar hübsche Extras, etwa von Trondheim, Killoffer und anderen gezeichnete Figurenentwürfe oder Auskünfte über die Produktion der Serie, die man aber nicht allzu ernst nehmen sollte. Das Ganze ist ein Riesenspaß, erkennbar auch für alle Beteiligten, und es ist schön zu wissen, dass man in den nächsten zehn Monaten noch einiges zu lachen bekommen wird.

Verlegt hat die Serie der Verlag Rue de Sèvres, der erst 2013 gegründet Comicableger des französischen Bilderbuchverlags L’École des loisirs“. Trondheim war mit seinen Arbeiten schon immer bei mehreren Häusern gleichzeitig vertreten, und diesmal dürfte ihm die Konzentration auf „nur“ acht Alben die Verzettelung ersparen, die seinerzeit „Donjon“ ereilt hatte. Wenn er diese Form beibehält, werde ich nicht nur alle Bände von „Infinty 8“ lesen (das tue ich ohnehin), sondern auch für eine Weile wieder alles andere, was er macht. Welcome back in meinen Regalen!

02. Mai. 2017
von Andreas Platthaus

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