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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

26. Sep. 2016
von Andreas Platthaus
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Werther ist wieder da

Literarische Vorlagen sind für Comiczeichner mittlerweile rund um die Welt ein gefundenes Fressen. Und nachdem sogar Proust und Joyce mit ihren Hauptwerken Zeichner gefunden haben, die sich daran wagten, dürfte es wohl kaum noch etwas geben, bei dem gezögert würde. Ganz gewiss jedenfalls nicht gegenüber einem Buch wie „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang Goethe.

Es dürfte immer noch das wirkungsmächtigste Buch der deutschen Literaturgeschichte sein, nicht, weil es das anspruchsvollste wäre, aber einen europäischen Erfolg zu Lebzeiten, wie Goethe ihn als junger Mann mit seinem Debütroman von 1774 erlebte, hat es seitdem nicht wieder gegeben. Kafka starb lange, bevor seiner Bücher gelesen wurden, Thomas Mann und Stefan Zweig waren zwar weltweit erfolgreich, doch niemandem wurde ein solcher Kult entgegengebracht wie Goethe, in dessen Titelfigur sich unglücklich Verliebte vom ganzen Kontinent wiederfanden (und sich nicht nur wie dieser papageienbunt kleideten, sondern auch munter wie er umbrachten). Ein Klassiker ohne allzu viel Staub, wie man als Leser merkte, als Ulrich Plenzdorf es 1972 für die Gegenwart der DDR aktualisierte („Die neuen Leiden des jungen W.“). Das wurde dann zumindest noch ein gesamtdeutscher Erfolg. In Werther findet man sich auch heute noch gut porträtiert.

Nun gibt es den Comic dazu. Nicht den Comic davon. Denn Franziska Walther hat nicht Goethes (oder Plenzdorfs) „Werther“ als Comic adaptiert, sondern eine Bildinterpretation gewagt, die mit Goethes Originaltext arbeitet, aber das Geschehen ins New York der unmittelbaren Gegenwart versetzt: „Werther Reloaded“ heißt es nun. Walthers Werther treibt es äußerlich immer noch bunt, aber das ist heute im Multikulti-Gemenge einer Metropole nichts Besonderes mehr. Als Mitarbeiter ist der junge Hipster Werther Teil der Szene, doch einsam ist er wie sein Vorgänger vor einem Vierteljahrhundert. Seine entsprechenden Selbstbetrachtungen teilt er jedoch natürlich nicht mehr über Briefe mit, sondern auf den Sozialen Medien.

Soweit, so banal „reloaded“. Großartig aber ist, dass Franziska Walther tatsächlich keinerlei aktualisierten Text verwendet, sondern nur reinen Goethe, und die gewählten Ausschnitte sind grandiose Ausgangspunkte für ihre stummen Bildsequenzen. Und umgekehrt. Denn bis überhaupt der erste Goethe-Text kommt, ist ein rundes Drittel der Geschichte schon vorbei, und wir haben Werther selbst und seinen Alltag trotzdem bestens kennengelernt: rein visuell. Danach werden die Auszüge aus dem Roman immer dichter und länger, und nach scheinbarem Abschluss des Comics auf Seite 112 folgt noch eine Seite, die die Behauptung erhebt: „Das ist nicht das Ende!“ Egal, ob man das auf Werthers Schicksal bezieht oder aufs Buch selbst – jedenfalls folgt danach noch der ganze Prosatext des Buchs von 1774, weitere hundert Seiten. Ehe sich Goethes Held erschießt. Das ist dann doch das Ende, und Franziska Walthers dunkelviolette Baumwipfel rauschen.

Normalerwiese bin ich kein Freund von als Anhang abgedruckter Prosa, die die eigentliche Adaption dadurch entwertet, dass sie ein Misstrauen artikuliert, ob denn das Original noch zu verstehen wäre, wenn es nur bei den Bildern bliebe. Aber hier ist die Bearbeitung so frei und jahrhunderteübergreifend, dass der Reiz der Re-Lektüre groß ist. Zumal dadurch die Text-Auswahl von Franziska Walther in ihrer Plausibilität überprüfbar wird.

Und wie zeichnet die 1980 in Weimar (das passt ja!) geborene Illustratorin? Hier ist es zu sehen: http://kunstanstifter.de/buecher/werther-reloaded. In Buntstift, mit großen Rhythmuswechseln zwischen Doppelseiten und ganz kleinteilig aufgebauten Sequenzen. Ihr Werther kommt mit seinen fahlblauen Haaren daher wie ein Schnösel, aber etwas von einer edlen Seele steckt doch auch in ihm, obwohl die Gefühlskälte unserer Zeit im Vergleich mit Goethes emotional leicht erregbarer Generation im coolen Look des Wiedergängers den rechten Ausdruck findet. Gedruckt hat der Kunstanstifter Verlag, der seit Jahren mit prachtvollen Bilderbüchern überzeugt, das Ganze sehr schön; nur das rosa Papier, auf dem der Original-Werther-Text steht, ist eine schlechte Wahl, weil farbige Seiten für bloßen Text nicht eben augenfreundlich sind (und rosarot sieht Werther sein Leben ja gerade nicht). Gesetzt den Fall, es gäbe eine jugendlich-männliche Zielgruppe für dieses prächtige Projekt, dann dürfte die durchs feminin-süßliche Kolorit wohl auch eher befremdet sein. Aber Franziska Walthers Werther ist denn doch viril (und unverschämt) genug, um nicht nur auf einen Metrosexuellen reduziert zu werden.

26. Sep. 2016
von Andreas Platthaus
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19. Sep. 2016
von Andreas Platthaus
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Madame la Présidente Le Pen

Ein prophetischer Comic? Gab es das schon einmal? Über „Eternauta“ von Hector Gérman Oesterheld ist das jüngst wieder gesagt worden, als diese argentinische Geschichte aus den späten fünfziger Jahren erstmals auf Deutsch erschien. Zu genau hatte Oesterheld darin die Atmosphäre der Angst und des Terrors vorweggenommen, die fast zwanzig Jahre nach Erscheinen von „Eternauta“ unter der Junta in Argentinien herrschen sollte. Aber dass Oesterheld selbst verschleppt wurde und seitdem verschollen ist, seine vier Töchter erschossen wurden – das hätte sich niemand träumen lassen, auch nicht nach der skeptischsten Lektüre des Dystopie „Eternauta“. Er wollte ja auch gar nichts vorhersagen, sondern nur eine abenteuerliche Geschichte erzählen.

Bei „Die Präsidentin“ verhält sich das anders. Deren Szenarist Francois Durpaire hat den Ehrgeiz, eine Prognose zu erstellen für den Ausgang der kommenden französischen Präsidentenwahl und der daraus resultierenden Ereignisse. Vier Prämissen zählt er im Vorwort auf, die erfüllt werden müssten, um seine Vorhersage eintreten zu lassen: „Erstens, Nicolas Sarkozy gewinnt die Vorwahl bei den Rechten; zweitens, es gibt eine starke Kandidatur der Mitte, das heißt eine zweite Kandidatur im Lager der Republikaner; drittens, Sarkozy wird infolge dieser Spaltung der Rechten chancenlos, die aber, viertens, auch dazu führt, dass keine Stimmen aus dem bürgerlichen Lager an den Kandidaten der Linken, Francois Hollande, gehen.“ Dann werde Marine Le Pen siegreich aus der Präsidentschaftswahl hervorgehen.

Die erste Bedingung scheint sich zu erfüllen, denn Sarkozy hat seine Kandidatur angekündigt; dass er Konkurrenz aus der eigenen bürgerlichen Rechten bekommen wird, dürfte auch so gut wie sicher sein. Unwahrscheinlich scheint derzeit von den vier Bedingungen nur die zu sein, die Durpaire sicher für die am leichtesten vorhersagbare hielt, als er das Vorwort vor fast einem Jahr verfasste: dass Francois Hollande für die Sozialisten antreten wird. Der amtierende Präsident ist so unpopulär, dass er nicht einmal sicher in die Stichwahl von 2017 zu kommen hoffen dürfte. Dadurch könnte sich der Lauf der Dinge ändern, denn Marine Le Pen hätte in der Stichwahl gegen einen Kandidaten der (weniger) Rechten wohl keine Chance.

Aber schon die Tatsache, dass man fast sicher damit rechnen muss, dass die Kandidatin des Front National die Stichwahl erreichen wird, zeigt, wie nahe das Modell von Francois Durpaire der Realität ist. Gemeinsam mit dem Zeichner Farid Boudjellal hat er im vergangenen Herbst für Furore gesorgt, als in Frankreich der Comic „La Présidente“ erschien – auf dem Cover eine breit lächelnde Marien Le Pen in der Pose, die sie für das Porträtbildnis wählen wird, das nach ihrer Wahl in allen französischen Amtstuben zu hängen hat. Dieser Comic wurde ernst genommen bei unseren Nachbarn, weil er ungeachtet seiner spannenden Rahmenhandlung um eine kleine Gruppe, die zivilen Widerstand gegen Le Pens Politik leistet, höchst sachlich Vermutungen zusammenträgt, wie die Dinge laufen könnten, und sie dann in eine Chronik der Ereignisse des Jahres 2017 verwandelt. An dessen Ende ist das Spiel offen: nicht gewonnen für den Front National, aber eben auch nicht verloren.

Dass der Band jetzt auf Deutsch erscheint (beim Verlag Jacoby und Stuart) und zudem der Frankreich-Kenner Ulrich Wickert ein Vorwort beigesteuert hat, zeigt, wie ernst man seine Erzählung auch hierzulande unter Experten nimmt. Durpaire konnte bei Abfassung seines Szenarios das Ergebnis des Brexit-Votums noch nicht kennen; in der deutschen Übersetzung ist es eingearbeitet, und dadurch wird der Lauf der Dinge noch plausibler. Alle Akteure auf dem politischen Feld sind reale Figuren, man wird also deren Verhalten im Licht des Comicgeschehens in der nahen Zukunft überprüfen können. Dass Marine Le Pens Vater als ehemalige Galionsfigur des Front National bald nach dem Wahltriumph seiner Tochter stirbt, ist natürlich gewagte Fiktion, aber mit dem für ihn ausgerichteten Staatsbegräbnis findet Durpaire ein starkes Symbol für die neue herrschende Klasse – und einen deutlichen Bezug zur Anfangszeit des „Dritten Reichs“, das Hindenburgs Tod zum Anlass eines Staatsakts machte, in dem das neue Selbstverständnis von Herrschaft vorgeführt wurde.

Gegen die komplexen und genau recherchierten Darstellungen der politischen Akteure wirken die Widerstandskämpfer wie Klischees. Eine über neunzigjährige Resistance-Veteranin ist der Spiritus rector, unter ihren Verbündeten ist eine bildhübsche Migrantin, die natürlich irgendwann deportiert wird. Aber selbstverständlich kann sich Frankreich nicht zur Gänze unheroisch zeigen, und wenn’s der Aufklärung dient, möge es eben so sein. Boudjellals Schwarzweißzeichnungen mit Graustufe simulieren dokumentarische Berichte und taugen dank ihrer vor allem auf Porträtähnlichkeit ausgerichteten Ästhetik (Leseprobe hier auf Französisch: http://www.arenes.fr/livre/la-presidente/). Wer allerdings große Polit-Comics à la Tardi oder Blain erwartet, in denen die Graphik auf einer Höhe mit den Texten steht, der wird hier enttäuscht. „Die Präsidentin“ lebt von ihrem Stoff, nicht von ihrer Form.

Mit diesen 150 dichten Seiten wird man die kommenden siebeneinhalb Monate bis zur französischen Präsidentschaftswahl vergleichen müssen. Hoffentlich die darauf folgenden sieben bis zum Dezember 2017 nicht auch noch.

19. Sep. 2016
von Andreas Platthaus
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12. Sep. 2016
von Andreas Platthaus
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Gezeichnete Klangwelten zwischen Orient und Okzident

Gestern saß ich im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin mit einigen Comiczeichnern zusammen, darunter auch solchen, die ich zuvor noch nicht getroffen hatte. Und sogar eine, um deren Werk ich lange einen Bogen gemacht hatte: Zeina Abirached. In Frankreich waren seit 2006 fünf Bände von ihr erschienen, alle im Libanon der achtziger Jahre angesiedelt, der Bürgerkriegszeit, in die Zeina Abirached 1981 hineingeboren worden ist. Es waren mit einer Ausnahme alles autobiographische Comics: streng schwarzweiß und höchst phantasievoll gezeichnet. Geschichten von einem Mädchen, das unter für uns unvorstellbar extremen Bedingungen aufwächst, ehe die junge Frau 2004 nach Frankreich zog, um dort ihr Illustrationsstudium fortzuführen. Warum hatte mich das nicht interessiert?

Weil ich mich beim Aufblättern des vor drei Jahren auch auf Deutsch erschienenen „Das Spiel der Schwalben“ zu sehr an Marjane Satrapi erinnert fühlte. Und beim dann 2014 übersetzten Band „Ich erinnere mich“ wiederholte sich dieser Eindruck. Darüber übersah ich die höchst ungewöhnlichen Elemente von Zeina Abiracheds Arbeiten: vor allem ihren geradezu experimentellen Umgang mit dem Zeichensystem des Comics. Als sie jetzt in Berlin dem vorangegangenen Vortrag des französischen Zeichners Marc-Antoine Mathieu lauschte und danach im Gespräch mit mir erwähnte, dass er eines ihrer großen Vorbilder geworden sei, als sie in den neunziger Jahren im Libanon auf aktuelle französische Comics stieß, wurde mir einiges klar.

Trotzdem habe ich sie gefragt, ob nicht auch Marjane Satrapi zu ihren Einflüssen gehört habe. Zeina Abirached lächelte und meinte, die Frage habe man ihr recht häufig gestellt, aber sie habe die „Persepolis“-Comics der aus Iran nach Frankreich ausgewanderten Zeichnerin erst in Paris kennengelernt, als sie mit den eigenen autobiographischen Comics schon begonnen hatte. Die Bände hätten ihr gut gefallen, und das glaubt man sofort. Aber ich war auch beschämt, dass es offenbar genügt, zwei Zeichnerinnen aus orientalischen Ländern ihre eigenen Jugendgeschichten in Schwarzweiß erzählen zu lassen, um sofort als westlicher Leser zu vermuten, das müsste ja ganz ähnlich ausfallen – nur weil es oberflächlich betrachtet ähnlich aussieht.

Und nun gibt es einen neuen Comic von Zeina Abirached, der nicht einmal mehr aussieht wie „Persepolis“. Er erscheint in dieser Woche im Avant Verlag auf Deutsch und heißt „Piano Oriental“. Die Titelwahl ist phantasielos, weil sie es nicht einmal schafft, aus dem französischen „Le Piano Oriental“ ein „Orientalisches Klavier“ zu machen. Aber die Geschichte ist grandios, auch deshalb, weil Zeina Abirached darin nicht nur ästhetisch, sondern auch erzählerisch neue Wege geht.

Autobiographisch geht es immer noch zu, obwohl der Protagonist des Buchs ein Buchhalter aus Beirut ist, der begeistert Klavier spielt und an einem Instrument tüftelt, das es gestattet, nicht nur die durch die europäisch-traditionelle Tastatur vorgegebenen Halbtöne zu spielen, sondern auch für Vierteltöne geeignet ist, wie sie für orientalische Melodien charakteristisch sind. Diesen Mann gab es wirklich, er war Zeina Abiracheds Urgroßvater, und er hat ein Instrument gebaut, bei dem man durch Pedale die Hämmer anders justieren konnte, so dass während des Spiels ein Übergang von einer zur anderen Spielweise ermöglicht wurde. Diesen Geniestreich wollte eine Wiener Klavierbaufabrik sogar in Serie herstellen, aber dafür hätte es hundert feste Bestellungen gebraucht. Die hat der Erfinder des Instruments nie zusammenbekommen.

Es ist aber keine traurige, sondern eine höchst lebenslustige Geschichte, weil alle Bilder, ja selbst die eingezeichneten Geräusche einem musikalischen Rhythmus folgen. Und verwoben mit der natürlich teilweise fiktionalisierten Geschichte ihres Urgroßvaters aus den späten fünfziger Jahren ist ein Erzählstrang, der von Zeina Abiracheds Aufbruch nach Frankreich im Jahr 2004 erzählt und von ihren Eindrücken dort. Während die Episoden um den Klavier-Erfinder auf weißem Papier wiedergegeben werden, sind die eigenen Erlebnisse mit einem schwarzen Fonds unterlegt – der Schwarzweißwechsel der Klaviatur findet sich also sogar in der Form dieses Comics wieder (Leseprobe unter http://www.avant-verlag.de/comic/piano_oriental).

Zeina Abiracheds Liebe zum Schwarzweiß bekommt zudem eine inhaltliche Rechtfertigung, weil sie von einer Erfahrung aus ihrer Kindheit erzählt: In Beirut wurden Videorekorder mit amerikanischem Abspielsystem ausgeliefert; die Videokassetten, die die frankophile Familie Abirached aber besaß, enthielten nur französische Filme, die im europäischen System hätten abgespielt werden müssen. Bei der Wiedergabe waren darum alle Filme schwarzweiß. Zeina Abirached erklärt, dass der Klang der französischen Sprache für sie deshalb schwarzweiß war. Und da sie die französische Sprache mehr liebte als die arabische (mit der Dinge verboten oder von ihr verlangt wurden), hat sich diese Liebe wohl auf ihre Zeichnungen übertragen. Sie gedenkt jedenfalls nach eigener Auskunft nicht, irgendwann einmal farbig zu zeichnen.

Das orientalische Klavier ihres Urgroßvaters ist die perfekte Metapher für die eigene Existenz der Zeichnerin zwischen beiden Welten: der orientalischen und der okzidentalen. Auch sie wechselt in ihrer Kunst ständig dazwischen hin und her, und so ist „Piano Oriental“ eine große Selbsterklärung und eine Stellungnahme gegen die kulturelle Abgrenzung zugleich. Dass die Comics von David B. und Killoffer weitere wichtige Einflüsse für Zeina Abiracheds Schaffen sind, sieht man dem Band aufs Schönste und zugleich Unaufdringlichste an. Plötzlich meine ich, in ihm so ziemlich alles Gute zu finden, was ich mir von Comics erhoffe; nichts stört mehr. Seine 210 Seiten lesen sich selbst auf Französisch wunderbar leicht und witzig, die deutsche Übersetzung ist trotz dem missratenen Titel prägnant, und man hat sich bei Avant sogar die Mühe gemacht, die teilweise sehr aufwendige Integration von geschriebenen Worten in die Bildkompositionen auf Deutsch zu bewahren. Dass es auch jene große Ausklappseite des Originals gibt, auf der Zeina Abirached ein stimmig gezeichnetes Äquivalent für den Klang des orientalischen Klaviers findet, versteht sich von selbst.

 

12. Sep. 2016
von Andreas Platthaus
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05. Sep. 2016
von Andreas Platthaus
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Abstrakter Krieg erschreckt genauso

Vor vielen Jahren, genauer gesagt mehr als einem Vierteljahrhundert, publizierte Lorenz Mattotti sein Comicalbum „Feuer“ über den Ersten Weltkrieg, im Original „Fuochi“. Danach war der italienische Zeichner berühmt, denn was er da mit Farben und Formen anstellte, hatte man noch nicht gesehen. Und es trieb Mattotti dazu, sich in der Folge auch als Schwarzweißkünstler zu beweisen, um nicht ausrechenbar zu sein. So erwuchs aus dem „Feuer“-Ruhm eine der bemerkenswertesten Comic-Karrieren der Welt.

Jetzt erschient ein weiterer Band mit dem Namen „Feuer“, aber er kommt als das genaue Gegenteil von Mattottis Werk daher: Sebastian Rether, geboren 1985, legt seine Geschichte als kleinformatiges Buch (Graphic-Novel-Format schimpft man das im Buchhandel) an, alles ist schwarzweiß, die Geschichte spielt im Zweiten Weltkrieg, und statt graphischem Detailreichtum, der die Seiten schier bersten lässt vor Energie, ist hier alles ganz reduziert (Leseprobe auf http://sebastianrether.com/foc). Dabei wird den meisten Bild eine ganze Doppelseite eingeräumt, aber die riesigen Weißräume um die filigranen Tuschezeichnungen, deren Abstraktionsgrad erstaunlich an das französische Zeichnerduo Ruppert & Mulot erinnert, sollen bewusst Lücken deutlich machen. Denn es geht um die lückenhaften Erinnerungen des Großvaters von Rether, der als Siebenbürger auf rumänischer (und damit auch deutscher) Seite im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront kämpfte. Deshalb heißt der Band auch nicht nur „Feuer“, sondern auch „Foc“. Das ist das rumänische Wort für Feuer.

Das in der Edition Büchergilde erschienene Buch ist wunderschön gestaltet, mit einem wie aus Washi-Papier geklebten Umschlag und in sachlicher Grotesk-Typographie gesetzt, übrigens größtenteils auch im Inneren, das wenig Text enthält. Der besteht zu wesentlichen Teilen aus kargen Erinnerungsfetzen des Großvaters, wie Bildbeschriftungen in einem Fotoalbum, nur selten sprechen die Protagonisten, und dann hat Rether das in Schreibschrift gehalten. Die großväterlichen Textblöcke wiederum scheinen manchmal zu schwanken, als suchten sie nach ihrer Bestätigung. Ortsbeschilderungen wiederum etwa sind in einem nahezu unleserlichen Krikelkrakel gehalten, das auf die Probleme der Invasionstruppen bei der Lektüre kyrillischer Buchstaben verweist. Was man mit Schrift in Comics alles machen kann, ist bemerkenswert.

Ist es überhaupt ein Comic? Seitenarchitektur, könnte man meinen, existiert nicht, wo jede Doppelseite im Regelfall nur aus einem Bild besteht (und der 360 Seiten umfassende Band also auch nicht mehr, sondern eher weniger Bilder umfasst als ein stinknormales 48-Seiten-Album). Aber wie Rether diese feinlinigen Motive auf der weißen Fläche arrangiert, das hat mindestens so viel Überlegung gekostet wie ein aufwendiges Layout. Dass die geradezu blendende Leere die Weite des russischen Winters evoziert, ist natürlich gewollt.

Gesichter gibt es kaum in „Foc – Feuer“, die Flächen unter den Stahlhelmen bleiben meist blank. Nur gelegentlich sind einzelne Protagonisten als Hunde (der Großvater selbst etwa) oder schildkrötenähnliche Wesen gestaltet, einmal laufen Soldaten wie Strichmännchen durchs Bild. Dagegen sind Pferde oder Kühe nahezu naturalistisch gehalten – als könnte sich der Erzähler Tiere viel besser merken als Menschen.

Es ist die Geschichte eines Davongekommenen, und sie erzählt mit jenen schlichten Mitteln, die große Erlebnisse besser vertragen als hohes Pathos. In 26 Kapiteln werden oft belanglos erscheinende Begebenheiten geschildert, die aber für den naiven Soldaten, der da berichtet, Bedeutung durch ihre Fremdartigkeit besitzen. Kriegsvoyeurismus dagegen gibt es nicht, die Schrecken spielen sich in unserer Phantasie ab, wir können sie uns in die Weißräume hineindenken, deren klinische Sauberkeit wie ein Hohn auf Blut und Schmutz der Kriegsführung erscheint.

Und damit fügt Rether der bereits eindrucksvollen Reihe von Comic-Klassikern zum Thema Krieg (Tardis „Grabenkrieg“, Spiegelmans „Maus“, Guiberts „Alans Krieg“, um nur die Allerbesten neben Mattottis „Feuer“ zu nennen) eine weitere, nein: nicht schillernde, sondern eben bewusst bescheiden auftretende Facette hinzu, die aber mit Mitteln arbeitet, die auch von Grosz oder Dix entlehnt sein könnten, von jenen Künstlern also, die so wichtig für die genannten Comic-Legenden waren, ohne dass die sich des graphischen Geschicks dieser Vorläufer so subtil bedient hätten, wie „Foc – Feuer“ es tut.

05. Sep. 2016
von Andreas Platthaus
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31. Aug. 2016
von Andreas Platthaus
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Unterwegs zum Kern der Kernschmelze

Was Kazuto Tatsuta erzählt, lässt verstehen, warum er das unter Pseudonym tut. Der japanische Mangazeichner arbeitete 2012 im Umfeld des Reaktors von Fukushima: als einer jener Kräfte, die sich ums Aufräumen nach dem Gau vom 11. März 2011 kümmern. Danach dokumentierte er seine Erfahrungen: in einem vielhundertseitigen Comic, dessen erste fünfzehn Kapitel (plus zwei kurze zusätzliche Episoden) in zwei Bänden bei Carlsen unter dem Titel „Reaktor 1F“ erschienen sind. Und wer noch immer nicht verstanden hat, was in Fukushima passiert ist, der ist bei Tatsuta richtig. Denn auch er hatte es nicht verstanden, als er seinen Aufräumjob begann. Man muss wohl sagen, dass niemand es verstehen kann, der nicht selbst dort zum Einsatz gekommen ist.

Seinen Namen entlehnte der 1965 geborene Mangaka einem Dorf in der Umgebung des Reaktorgeländes. Das ist symptomatisch, denn ans Herz der Atomkatastrophe kommt er erst einmal gar nicht heran. Bis er den titelgebenden Reaktor 1F (ein etwas irreführende Bezeichnung, denn „1F“ steht beim Betreiber Tepco für „Fukushima 1“ und damit für die gesamte Anlage, die mehrere Reaktorblöcke umfasste) zum ersten Mal betritt, vergehen acht Kapitel, und wir haben bereits den zweiten Band erreicht, obwohl das Cover zum ersten den Arbeiter Tatsuta vor dem zerstörten Reaktorblock 3 zeigt. Dessen Silhouette mit dem eingestürzten Dach, dem stehengebliebenen Betongerüst und einem daneben aufgerichteten Kran ist so etwas wie das Emblem dieses Manga. Umso mehr Spannung entsteht, wenn man Tatsutas Bemühungen verfolgt, sich immer näher an den Ort des schlimmsten Geschehens heranzutasten.

Was will er überhaupt in Fukushima? Sich ein Bild machen, wobei die ursprüngliche Motivation nicht darin lag, einen Manga darüber zu zeichnen. Tatsuta wurde von einer Mischung aus Abenteuer-, Geld- und Neugier getrieben, wobei er rasch merkte, dass die angeblich hohen Löhne, die den Aufräumarbeitern gezahlt werden sollten, Fiktion waren. Durch ein vielschichtiges System von Subunternehmen, dessen Rekonstruktion einen nicht unwesentlichen Teil des Manga ausmacht (zu recht, denn das System ist einerseits unglaublich und andererseits, wie Tatsuta betont, durchaus repräsentativ für die ganze japanische Wirtschaft), bleibt bei den Arbeitskräften kaum etwas hängen von den tatsächlich ungewöhnlich hohen Löhnen. Und den Einstieg in das System schafft man nur auf unterster Ebene, wo die Subunternehmer durch Unterbringung ihrer Angestellten in eigenen Wohnungen alles dafür tun, dass die sich nicht wieder so schnell aus den Abhängigkeiten lösen können.

Noch interessanter jedoch ist die akribische Schilderung der Arbeitsabläufe auf dem verseuchten Reaktorgelände. Jeder Schritt hinaus erfordert das Anlegen von Sicherheitsanzügen inklusive einer Atemmaske, von den ständigen Kontrollen der Strahlenbelastung ganz zu schweigen. Was Tatsuta beschreibt und zeigt, ist ein höchst skrupulöses Sicherheitsdenken, dem man kaum den Vorwurf von Nachlässigkeit machen kann. Zugleich aber sind die Arbeitsbedingungen, zumal im feuchtheißen japanischen Sommer, höchst strapaziös. Etliche Routinen haben sich mehr als ein Jahr nach dem Unfall herausgebildet, und als Newcomer muss Tasuta sie alle erlernen, wobei der Zusammenhalt der Arbeiter groß ist – was auch daran liegt, dass sich hier Männer zusammengefunden haben (Frauen werden so gut wie gar nicht beschäftigt und keinesfalls am Reaktorgelände eingesetzt), die zwar aus den unterschiedlichsten Motivationen hierhergefunden haben, aber fast alle schon viel Lebenserfahrung besitzen. Für einige ist es die letzte Chance, noch einmal ordentlich Geld zu verdienen (dachten sie), für andere eine willkommene Abwechslung vom bisherigen Trott, und manche arbeiten hier aus Überzeugung. Alle halten sie jedenfalls zusammen, und selbst über die Subunternehmer verliert Tatsuta kein wirklich böses Wort, im Gegenteil, er sieht in ihnen auch nur einigermaßen arme Teufel.

Was diesen Comic bemerkenswert macht, ist aber auch die Genauigkeit seiner Darstellung. Unzählige Randerläuterungen erklären Bilddetails, es gibt Aufrisszeichnungen und Lagepläne, die eine Anschaulichkeit schaffen, die in keinem anderen Medium denkbar wäre, und da mangatypisch alles schwarzweiß gehalten ist, sind die reichhaltigen Zeichnungen klarer, als sie es in farbiger Gestalt wären – von der dokumentarischen Assoziationskraft scheinbar sachlicherer Schwarzweißdarstellungen einmal ganz zu schweigen. Auch wenn stets Tatsuta selbst im Zentrum der Geschehens steht, ist er doch als Figur so verallgemeinert, dass nicht nur die Anonymität des Zeichners gewahrt bleibt, sondern dessen Alter Ego auch immer wieder zum unkenntlichen Teil des Arbeiterkollektivs wird, vor allem dann, wenn es mit Schutzanzügen vermummt auf das Reaktorgelände geht. Das ist ein durchaus typisch japanisches Verfahren, mit dem sich Tatsuta etwa vom bekanntesten Comicreporter der Welt, dem Amerikaner Joa Sacco, abgrenzt, der sich selbst auch zum Fixpunkt macht, aber der entsprechenden Figur dabei auch noch derart unverwechselbare Attribute gibt, dass sie stets als beobachtendes Individuum deutlich bleibt. Das ist ehrlicher, aber auch egozentrischer. Und zu dem japanischen Dokumentaristen, der es sich zur Aufgabe gesetzt hat, dem Einsatz der Kollegen im Sperrgebiet seine graphische Reverenz zu erweisen, passt Bescheidenheit besser. Ein Gespräch mit dem Zeichner findet man hier: https://www.carlsen.de/blog/interview-mit-reaktor-1f-autor-kazuto-tatsuta.

Dennoch ist es seine Perspektive, die konsequent beibehalten wird. Etwa, wenn es im zweiten Band einmal weg vom eigentliche Reaktorumfeld und in die benachbarten Dörfer der Präfektur geht, wo die Schäden noch größer sind – eine Landschaft des Chaos mit aufeinandergetürmten Autowracks und ausradierten Küstenorten. Da wird noch einmal klar, dass die Reaktorkatastrophe zwar einen unermesslichen Schaden durch Verstrahlung angerichtet hat, der Tsunami, der das Ganze auslöste, aber den weitaus größeren Tribut an Menschenleben und Existenzen gefordert hat. So wird die Fixierung auf Reaktor 1F immer wieder einmal aufgebrochen, und auch wenn Tatsuta geradezu manisch daran arbeitet, endlich am Ort der größten Gefahr eingesetzt zu werden, weitet sich nolens volens doch auch sein Blick über die eigene Arbeitsstätte hinaus. Im Manga selbst wird das schon früh angedeutet, wenn zwischen einzelne Kapitel Fotos aus der Umgebung eingeschoben werden, zu denen der Autor kleine erzählende Beschreibungen setzt, die klarmachen, wie sehr jedes normale Leben aus der Tsunamizone verdrängt worden ist.

Ein dritter Band wird noch folgen, und wenn man sich fragen sollte, warum es mehr vier Jahre gedauert hat, dass dieser Comiczeichner seine eigenen Erfahrungen ins Bild setzt, dann muss man sich nur ansehen, wie sorgfältig hier erzählt wird: Monat für Monat entstand für das Manga-Magazin „Morning“ ein weiteres Kapitel, und so dauerte schon der japanische Erstabdruck mehr als zwei Jahre, ehe die Geschichte dann als dreiteilige Sammelausgabe herausgegeben und ins Deutsche übersetzt werden konnte. Dabei hat Jens Ossa als Übersetzer einen Knochenjob zu erledigen gehabt, denn wie gesagt: „Reaktor 1F“ strotzt vor Informationen, die es irgendwie im westlichen Schriftmodus zu integrieren galt. Dass man dabei dann manchmal das Heft drehen muss, um eine am Rand angebrachte Erläuterung lesen zu können, ist gewöhnungsbedürftig, aber unvermeidlich. Nicht nur Kazuto Tatsuta hat gut gearbeitet – erst in Fukushima und dann am Zeichentisch –, sondern auch der deutsche Verlag.

31. Aug. 2016
von Andreas Platthaus
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22. Aug. 2016
von Andreas Platthaus
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Thüringischer Tango

Vor vierzehn Jahren hatte ich einen Lehrauftrag in Jena, vermittelt durch den dortigen Philosophen und Medienwissenschaftler Lambert Wiesing. Als ich das erste Mal in sein Büro kam, staunte ich über die Aquarelle an der Wand: lauter Hugo Pratts. Da waren diese schönen schlaksigen jungen Menschen, wie wir sie aus „Corto Maltese“ kennen – der Titelheld selbst natürlich, Pandora Grosvenor, Kapitän Schlüter (um nur den ersten Band, „Die Südseeballade“, zu nehmen), koloriert in den blassen, aber trotzdem intensivbunten Farben, die Pratt für seine Illustrationen abseits der Comics wählte, und das Ganze auch noch mit eher modernen Figuren. Doch, vor mir hing eine bemerkenswerte, mir zudem komplett unbekannte Suite des schon einige Zeit verstorbenen italienischen Zeichners.

Das überraschte mich, nicht aber, dass in Wiesings Büro überhaupt Comic-Originale hingen. Sein Interesse für Comics, in etlichen Aufsätzen und auch in den Büchern des Philosophen dokumentiert, war der Anlass für unseren Kontakt und mein Semester in Jena. Überrascht war aber er selbst, als ich ihn nach seinen Pratt-Bildern fragte, und hocherfreut war er, als er mir erläuterte, dass es sich dabei um Aquarelle handelte, die seine Frau gezeichnet habe. Ich gratulierte zu dieser Begabung, und ich sehe die Bilder heute noch vor mir. Zwischendurch fragte ich mich bisweilen, warum dieses Können nicht noch anders genutzt würde als für die zweifellos verdienstvolle Dekoration eines Universitätsbüros.

Jetzt weiß ich, warum nicht. Silke Rehberg, die Frau von Lambert Wiesing, zeichnete die ganzen vierzehn Jahre lang an einem Comic. Er heißt „Kalon und Tonio“ und ist nun endlich erschienen. Dass es so lange dauerte, liegt nicht nur an Zeichnerin und Szenarist (zu dem nachher mehr), sondern auch darin, dass der Verlag, bei dem der Band erscheinen sollte, Kult Editionen, nicht ganz zufällig im letzten Jahrzehnt die deutsche Heimat von Pratts „Corto Maltese“, 2015 Insolvenz anmelden musste. Dadurch kamen die Verlagsrechte an „Corto Maltese“ wieder auf den Markt, die sich für den deutschen Sprachraum Schreiber + Leser sicherte, während etwas noch Unbekanntes wie „Kalon und Tonio“ wohl nicht so leicht unterzubringen gewesen wäre, wenn sich nicht zur Fortführung der Reste von Kult Editionen ein neuer Verlag namens Kult Comics gegründet hätte, der unter dem Dach des Leipziger Szenetreffs „Comic Combo“ angesiedelt ist. Und der hielt auch Silke Rehbergs Comic die Treue.

Da ist er also, und wieder ist die zum Verwechseln enge Verwandtschaft mit Pratts Werk nicht zu übersehen. Wobei der Band um die Philosophiedozentin Kalon und den Automechaniker Tonio nicht in der Vergangenheit und auch nicht an exotischen Handlungsorten angesiedelt ist, sondern in der Gegenwart an irgendeiner deutschen Universitätsstadt mit einem Zoo. Und in dessen Terrarium wird gleich zu Beginn des Comics ein nächtlicher Besuchern von den Krokodilen gefressen. Die Geschichte dreht sich dann dadurch, wer der Mann war, was er wollte und wer ihn ins Gehege der Echsen gelockt hat. Die ersten zehn Seiten kann man sich hier ansehen: http://kultcomics.net/leseprobe/Kalon_leseprobe/.

„Krokodile verstehen“ lautet der Name des Bandes innerhalb der Serie „Kalon und Tonio“, als dessen erster Teil das Abenteuer konzipiert ist. So richtig entscheiden für diesen kryptischen Titel mochten sich Rehberg und ihr Szenarist aber nicht, also erweiterten sie ihn um noch einen Zusatz“ „Das Blutgericht der schwimmenden Bestien“. Das klingt nun so marketingmäßig reißerisch, dass man eher an einen EC-Comic aus den Fünfzigern denken möchte, und es passt nicht zur eher leisen, durch die zarte Kolorierung sommerleicht daherkommenden Bilderzählung. Wobei es der zugrundeliegende Kriminalfall durchaus in sich hat.

„Kalon und Tonio“ läuft unter dem Autorennamen Sillá, und wenn man „Sil“ für Silke nimmt, dann bliebe „Lá“ übrig, und der Weg zu Lambert ist nicht weit. Tatsächlich finden sich im Copyright Rehberg und Wiesing als gemeinsame Urheber, und somit haben wir nach Michel Onfray (der das Szenario für eine französische Nietzsche-Comicbiographie geschrieben hat) nun den zweiten prominenten Philosophen als Autor eines Comics. Dass Kalon manche Interessen ihres Erfinders widerspiegelt, ist klar; dass der Grundantrieb für dieses Projekt aber eine tiefe Liebe zur Erzählform des Comics überhaupt ist, merkt man sofort.

Denn Silke Rehberg hat ein höchst komplexes Szenario zu bebildern, das vor allem in den Jump Cuts seine Leser zum Mitdenken zwingt. Häufig liegen unter den (ausgiebig gestalteten) Sprechblasendialogen des in wachsender gegenseitiger Faszination befindlichen Protagonistenpaars reine Stimmungsbilder, die Details aus der Umgebung zum Thema haben oder auch nur Farbschleier. Das wirkt, als wäre hier eine Erzählhaltung aus den psychedelischen siebziger Jahren wiederauferstanden, und ein zweitweiser Handlungsort wie Amsterdam trägt zu dieser Zeitassoziation noch zusätzlich bei. Zugleich präsentiert der Comic eine elegante Lebenswelt, denn Kalon und Tonio begeistern sich beide für alte Sportwagen, leben in geschmackvoll gestalteten Wohnungen und haben auch ein Faible für lässige Mode, so dass nicht nur Pratt hier optisch Pate gestanden hat, sondern auch der Porträtgroßmeister der guten Gesellschaft, Alex Raymond. Dessen Liebe zur akribischen Wiedergabe von realexistierenden Accessoires bürgerlicher Lebensführung hat in „Kalon und Tonio“ erkennbar Schule gemacht.

Es ist denn auch mehr ein optisches als ein erzählerisches Erlebnis, diesen Comic zu lesen. Wohin der Hase läuft, hat man bald heraus, was man dagegen nie weiß, ist, in welche Umgebung und welche Stimmung einen die nächste Seite des Albums entführen wird. Gedruckt ist der Hardcoverband sehr schön, und angesichts von achtzig Seiten Comic sind 22,95 Euro auch gar nicht teuer. Für noch einmal 17 Euro mehr kann man eine limitierte Vorzugsausgabe mit beigegebenem Druck erwerben – auch das ein Relikt aus lange zurückliegenden Jahrzehnten, wie überhaupt das ganze Leseerlebnis mich in eine Zeit entführt hat, die vorbei schien. Corto, Jena, Sportwagen, Amsterdam. Wer sich auf dezidiert eskapistisch-elegante Weise unterhalten lassen will, der sollte diesen Comic lesen. Wer allerdings mit Hugo Pratts Stil nichts anfangen kann, der wäre damit schlecht bedient.

 

22. Aug. 2016
von Andreas Platthaus
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15. Aug. 2016
von Andreas Platthaus
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Dortmund im Schatten des Hakenkreuzes

Würde Nils Oskamp, ein 1969 im Ruhrgebiet geborener Comiczeichner, nicht mit so großer Verve für die Authentizität der von ihm erzählten Geschichte einstehen, man könnte kaum glauben, was in „Drei Steine“ geschildert wird. Da wird Oskamp, damals vierzehn Jahre alt, in aller Öffentlichkeit zusammengeschlagen, und niemand kümmert sich darum. Da lässt ein ewiggestriger Musik- und Geschichtslehrer seine Klasse das Deutschlandlied singen und bedauert, dass die erste Strophe verboten sei – bevor er Strategien ersinnt, wie die Schlacht von Stalingrad doch zu gewinnen gewesen wäre. Da will die Leitung einer Realschule nichts von Übergriffen durch Neonazis auf dem Schulgelände hören und schickt dem verprügelten Oskamp einen Tadel wegen Zuspätkommens nach Hause. Da hören nicht einmal seine Eltern Oskamp zu. Und da liest der schon damals von Comics begeisterte Schüler gegen das Verbot seiner Lehranstalt „Asterix“ und findet dort im Gotenband einen Dialog, den er dreißig Jahre später dem eigenen Sohn vorliest: „Ich dachte, die Römer spinnen, aber die Goten spinnen noch viel mehr.“ „Du hast recht, Obelix, ich möchte an diese Idioten keinen Zaubertrank verschwenden, hau sie um!!!“

Jeder Asterix-Kenner weiß, dass es diesen Dialog nicht gibt. Und daran kann auch Oskamps Emphase nichts ändern. Warum erfindet er diese Textpassage? Weil Spott über die Deutschen, oder besser gesagt: über deutschen Nationalismus, mehr als angebracht ist angesichts seiner Erlebnisse mit der Dortmunder Neonazi-Szene, und wenn ihm darin seine Lieblingscomicserie bespringt, umso besser. Aber warum dann nicht ein authentisches „Asterix“-Zitat nehmen, wo es doch im Goten-Band fürwahr genug Szenen gibt, in denen sich die Deutschen lächerlich machen („Die anderen Chefs lachen“)? Zumal derart leicht nachprüfbare Fehlzitate doch die ganze Glaubwürdigkeit von „Drei Steine“ diskreditieren.

Aber Neonazis lesen „Asterix und die Goten“ mutmaßlich nicht, und wenn sie den im Panini Comicverlag erschienenen „Drei Steine“ lesen sollten, dürften sie auf eine Geschichte stoßen, die sie nicht bestreiten können. Denn dem eigentlichen Comic folgt eine umfangreiche Dokumentation der neonazistischen Umtriebe in Dortmund von den siebziger Jahren bis heute, und dass es in dieser Stadt diesbezüglich hoch hergeht, hat ja vor Jahresfrist auch schon David Schravens fulminanter semidokumentarischer Comic „Weisse Wölfe“ belegt. In gewisser Weise liefert Oskamp nun die Vorgeschichte dazu, denn in „Drei Steine“ wird die Keimzelle für das Aufblühen der Dortmunder Neonazi-Szene beschrieben: die Rekrutierung von Schülern, die dann in ihrem Umkreis Furcht und Schrecken verbreiten und dank des Desinteresses oder gar der Unterstützung von Erwachsenen keine Nachteile befürchten müssen. Es sei denn, jemand ließe sich nicht so einfach unterkriegen.

Der Nils des Comics ist so ein Unbeugsamer, er bietet den Rechtsextremen nicht nur verbal, sondern auch körperlich Paroli. Die Kraft zum Widerstand zieht er aus dem Wissen um die Ereignisse im „Dritten Reich“. Wer sie ihm vermittelt hat, bleibt leider unbekannt, denn die Schule war es ja wohl nicht. Wobei im Comic zwei Geschichtslehrer von Nils auftreten, und einer von ihnen macht die Schoa zum Gegenstand seines Unterrichts. Wieso dann der Musiklehrer in der Klasse auch noch Geschichte lehrt, ist schwer verständlich.

Es gibt leider viele solche Nachlässigkeiten in der Konstruktion des heroischen Plots, die einem der sieben im Impressum genannten Lektoren ebenso hätten auffallen können wie den weiteren drei „Supervisoren“ (was auch immer sie getan haben). Aber alle waren offenbar ebenso fassungslos über die eigentliche Geschichte wie ich, weil man derartige Geschehnisse gar nicht glauben will. Zu Oskamps Realschulzeiten war auch ich Schüler in Nordrhein-Westfalen, und es gab in meinem ländlichen Städtchen nichts Vergleichbares. Aber das, was Oskamp erlebt hat, ist tatsächlich überprüfbar, bis hin zu konkreten Beteiligten, die in diesem Comic auftreten. Und manchmal lässt man sich von einer guten Absicht zu sehr ablenken, als dass man noch auf die handwerklichen Details einer Comicerzählung achten würde.

Die Absicht verdient deshalb hier mehr Respekt als die Ausführung. Denn wie in „Drei Steine“ erzählt wird, das ist eher schlicht geraten, vor allem wenn man es mit dem erst kürzlich erschienenen Band „Fahrrad-Mod“ von Tobi Dahmen vergleicht, der zwar nur nebenher vom Erstarken einer rechten Szene (am Niederrhein, also nicht weit weg von Dortmund) erzählt, aber das sehr viel subtiler tut. Bei Oskamp sind die Rollen derart in Schwarz und Weiß oder noch besser gesagt: Braun und Weiß geschieden, bis hin zur Kleidung der Protagonisten, dass man das zugrundeliegende Geschehen wahrnimmt wie ein Lehrstück, bis hin zur überraschenden Rettung in letzter Sekunde durch einen geläuterten Mitschüler oder die Selbsterkenntnis, dass der Weg der Gewalt eine Sackgasse ist.

Aber dabei muss man eben im Auge behalten: So ist es gewesen. Oskamp dokumentiert sogar fotografisch, wie er selbst 2011 den dritten der drei Steine, die dem Comic den Titel geben, in der Holocaust-Gedenkstätte von Yad Vashem abgelegt hat; mit dem ersten der von einem Dortmunder jüdischen Friedhof mitgenommenen Steine hatte der vierzehnjährige Nils einen Angreifer beworfen, mit dem zweiten einem anderen fast den Schädel eingeschlagen – ehe sich der Schüler besann und es bei der Drohung beließ. So werden die drei Steine zum Lernprozess: Auf Selbstverteidigung folgen Vernunft und Erinnerung. Alle drei zusammen ergeben die von Oskamp empfohlene Abwehrstrategie gegen rechte Überzeugungen.

Eingebettet ist diese Erinnerung ans Jahr 1983/84 in eine Rahmenhandlung, die Oskamp im Gespräch mit seinem kleinen Sohn zeigt. Diese Passagen sind in einem warmen Bronzeton gehalten, während die Schilderungen aus der Vergangenheit in kaltes Blaugrau getaucht sind (zu sehen auf http://www.dreisteine.com/de/). Aber wenn Nils zusammengeschlagen wird, bekommt sein Blut rote Zusatzfarbe spendiert; die rechten Aggressoren, denen es auch nicht immer gut ergeht, müssen darauf verzichten. Ja, dieser Comic ist einseitig bei der Nutzung seiner erzählerischen Mittel. Dass das die gute Seite stärkt, ist erfreulich, aber man hat es hier doch nicht mit einem manichäischen Superhelden-Comic zu tun. Das wahre Leben verlangt nach komplexeren Darstellungen.

Der Anhang, in dem Alice Lanzke von der Amadeu-Antonio-Stiftung, die sich gegen rechte Gewalt einsetzt, die Entwicklung der Dortmunder Neonazi-Szene Revue passieren lässt, löst das besser ein als der vorangegangene Comic, obwohl auch hier ganz klar Position bezogen wird. Daran gäbe es auch gar nichts zu kritisieren; was stört, ist, wie leicht sich Nils Oskamp als Autor die Sache macht. Damit will ich auch nicht die fast hundertzwanzigseitige Geschichte kleinreden, wohl aber dafür sensibilisieren, dass eine eindeutig positiv zu bewertende moralische Haltung nicht der Sorgfalt beim Erzählen enthebt.

15. Aug. 2016
von Andreas Platthaus
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08. Aug. 2016
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Ist das abstrakt? Ist es vertrackt? Oder gar abgeschmackt?

Auf Ferdinand Lutz stieß ich vor etwas mehr als Halbjahresfrist, weil beim Reprodukt Verlag die Folgen seines bei „Spiegel online“ laufenden Kindercomics „Q-R-T“ gesammelt in einem schönen Buch veröffentlicht wurden (http://blogs.faz.net/comic/2015/11/30/ausserirdisch-witzig-803/). Und kürzlich stieß Ferdinand Lutz auf mich, bei einer großen Comicveranstaltung, und drückte mir ein kleines Heft in die Hand, das ganz gewiss nicht auf ein kindliches Publikum zielt. Das heißt jetzt aber nicht das, was Sie denken. Keine Rede also von dem, was in den Siebzigern verschmitzt und verschwitzt  als „Erwachsenencomics“ bezeichnet wurde und nur eines bewies: dass die Comics noch lange nicht erwachsen waren. Nein, um Sex geht es nicht, auch wenn man im Titelbild des achtundzwanzigseitigen Oktavheftchens das Bild einer sich teilenden Eizelle zu erkennen glaubt. Doch tatsächlich soll damit gar nichts Konkretes dargestellt werden, denn es handelt sich bei der Publikation um einen abstrakten Comic.

Wie soll das gehen? Das fragen sich Comiczeichner schon lange. Die erste mir bekannte einigermaßen konsequente Antwort gab Moebius in den achtziger Jahren, indem er vier Seiten lang nur mutierende Formen zeichnete, in denen aber doch organisches Leben abgebildet schien – und das Titelblatt von Lutz gleicht denn auch verblüffend einer Serie von kleinformatigen Aquarellen, die Moebius in den neunziger Jahren gemalt hat und bisweilen auch in seine Bücher aufnahm. Geschätzt wird dieser Aspekt seines Werks nicht besonders, obwohl er viel näher am üblichen Kunstbetrieb ist als alles andere, was dieses Genie des Comics gemacht hat. Nach seinem Tod 2001 explodierten die Preise für seine Originale, aber eines dieser abstrakten Bilder wurde vor anderthalb Jahren noch für 300 Euro angeboten. Na ja, immer noch viel Geld für etwa 45 Quadratzentimeter.

Moebius ist jedenfalls nolens volens der Bezugspunkt auch für Lutz, selbst wenn er auf seiner programmatischen Erklärung, die die Rückseite des Heftchens ziert, vor allem Lewis Trondheim mit seinem 2003 erschienenen „Bleu“ als Vorbild nennt. Das aber war Ausdruck von Trondheims Bewunderung für Moebius (der so ziemlich der einzige Zeichner sein dürfte, den Lewis Trondheim ohne Einschränkung bewundert), und deshalb ist es nur konsequent, beim Lutzschen Werk auch an den großen Franzosen zu denken. Wobei der Deutsche durch einen simplen Kunstgriff zumindest graphisch der Falle entgeht, in die Moebius fiel. Lutz zeichnet nicht nur einfach abstrakte Formen, sondern er variiert sie auch von Seite zu Seite, so dass nicht wie bei Moebius der Eindruck entsteht, es handele sich um eine Metamorphose des immer gleichen Körpers.

Sic tacuisses, abstractus mansisses. Aber der Comic von Lutz schweigt nicht. Ganz im Gegenteil: Seine abstrakten Gebilde reden, was das Zeug hält. Und zudem sprechen sich einige von ihnen mit Namen an, so dass plötzlich einige simple Farbkleckse oder Liniengewirre doch wiedererkennbar werden und eine Geschichte erzählt wird, deren genaue Wiedergabe hier zu weit führen würde, obwohl sie ja kurz ist. Nur soviel: Es geht um ein italienisches Dorf, dessen Bewohner sich gemeinsam ein Lotterielos kaufen (übrigens noch für Lire statt Euro) und dann Milliardäre werden (mit Lire ging das einigermaßen leicht). Gewisse Ähnlichkeiten im Verlauf mit einer berühmten Donald-Duck-Geschichte von Carl Barks – „Geld fällt vom Himmel“ – erfreuen das Herz des Donaldisten. Wissen muss man das aber nicht. Wer weiß, ob Lutz es wusste?

Warum eine derart konkrete Geschichte abstrakt zeichnen? Lutz erklärt: „Ich fände es viel interessanter, wenn abstrakte Comics eine Geschichte so erzählten, dass der Leser sie decodieren könnte; wenn solche abstrakten Comics in Wirklichkeit Abstraktionen von etwas wären, das in unserer Welt existiert, und das Abstrakte mit dem Konkreten mischten.“ Soll heißen: Ferdinand Lutz will abstrakte Geschichten zeichnen, aber nicht abstrakt erzählen. Worin dann der Reiz besteht? Na, eben in der von ihm erwähnten Decodierung. Sein Comic verlangt nach aufmerksamerer Lektüre als einer, in dem die Figuren und der Handlungsort auf den ersten Blick identifizierbar wären.

Einen Titel hat die witzige und leicht makabre Erzählung übrigens nicht. Aber das Heft hat einen: Es heißt „Libretto 1“. Damit ist es ausgewiesen als erste Folge einer Reihe, die Lutz jährlich mindestens einmal fortsetzen will. Allerdings ist das hübsche komplett farbig gedruckte Büchlein auf hundert Exemplare limitiert, und da es komplett auf Englisch geschrieben ist, vergrößert sich die Zahl potentieller Leser. Wie man allerdings auf so etwas Schönes, jedoch eher Unauffälliges stoßen soll, wenn man nicht vom Zeichner entdeckt und damit beglückt wird, das ist die Frage. Aber die ICOM (Interessengemeinschaft Comic) hat es auch geschafft – und das Heft dann prompt als Besten Kurzcomic des Jahres 2015 ausgezeichnet, obwohl es erst 2016 erschienen ist. Angesichts der kleinen Auflage wird es schwer zu finden sein. Aber glücklicherweise kann man es dank der Preisverleihung im Netz lesen: https://www.kwimbi.de/Kwimbi-Shop/Comics/Libretto-1-Ferdinand-Lutz-ICOM-Preis-Bester-Kurzcomic-2015.html. Wärmste Empfehlung! I Und Augen auf, wenn 2017 hoffentlich „Libretto 2“ erscheint.

08. Aug. 2016
von Andreas Platthaus
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01. Aug. 2016
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Neues Sommerhoch für Zeichnerinnen

Alle Jahre wieder kommt „Spring“. Nicht als Frühling, sondern im Sommer, denn „Spring“ ist eine Anthologie, die seit nunmehr bald anderthalb Jahrzehnten erscheint und sich dazu erfreulicherweise jene Jahreszeit aussucht, in der wir am längsten Tageslicht zum Lesen haben. Diese Publikation hat es verdient, sie wird immer besser und immer vielfältiger. Deshalb macht es so große Freude, jedes Jahr im Sommer über das jeweils neue „Spring“ zu schreiben.

Wenn ich „vielfältiger“ sag, meine ich das natürlich nicht im Sinne dessen, dass nunmehr aufgeweicht würde, was „Spring“ so ganz besonders macht: die Tatsache, dass daran ausschließlich Zeichnerinnen beteiligt sind. Sondern im Sinne dessen, dass deren Kreis sich kontinuierlich erweitert und nun auch konsequent internationalisiert. Zwar haben für die Nummer 13 der Anthologie diesmal nur acht Frauen aus dem in Hamburg situierten „Spring“-Kollektiv (was allerdings nicht heißt, dass alle dessen Mitglieder dort wohnten) zur Feder gegriffen, aber es sind dennoch sechzehn Zeichnerinnen vertreten. Denn für das Heft unter dem Titel „The Elephant in the Room“ hat man Mitstreiterinnen aus der Ferne gewonnen: Die Hälfte des mehr als 230 Comicseiten dicken Bandes stammt diesmal aus Indien.

Dort, konkret in einer Schriftstellerresidenz nicht weit weg von Bangalore, das sich zum Zentrum deutsch-indischer Comic-Kultur zu entwickeln scheint (man denke nur an Sebastian Lörschers wunderbaren Comic „Making Friends in Bangalore“), haben die „Spring“-Künstlerinnen im Frühjahr 2016 die einheimischen Teilnehmerinnen eines Workshops getroffen, der vor zwei Jahren vom Goethe-Institut in Neu Delhi ausgerichtet und unter anderem von den Springerinnen Ludmilla Bartscht und Larissa Bertonasco geleitet worden war. Bei uns weiß man wenig oder gar nichts von indischen Comics, und da es sich bei Indien um ein immer noch patriarchalisch geprägtes Land handelt, mit dem größten Ungleichgewicht zwischen Geburten von Mädchen und Jungen handelt (wie so viele weibliche Föten abgetrieben werden), war aus Laiensicht mit vielen dortigen Comiczeichnerinnen kaum zu rechnen. Aber von wegen: Nicht nur, dass man ein Gleichgewicht der Zahl in „Spring“ Nr. 13 herstellen konnte, es ist auch eines der Qualität entstanden.

Das will einiges heißen angesichts von prominenten Teilnehmerinnen auf deutscher Seite wie Ulli Lust und Barbara Yelin. Und marialuisa, Katrin Stangl, Stephanie Wunderlich und Nina Pagalies sind ja wie die bereits erwähnten Bertonasco und Bartscht auch keine Unbekannten, sondern längst etablierte Illustratorinnen. Wer hätte dagegen in Europa von Priya Kuriyan gehört, der dritten Workshop-Leiterin, die in der Publizistikszene ihrer Heimat eine große Nummer ist und das mit ihrem autobiographischen Comic „Ebony and Ivory“, der die aktuelle Ausgabe von „Spring“ als umfangreichste Geschichte beschließt, auch den deutschen Lesern beweist? Auf mehr als zwanzig Seiten erzählt sie von der Ehe ihrer Großeltern mütterlicherseits, bei der der Großvater als liberaler Freigeist galt, während die Großmutter als verstockte Traditionalistin gesehen wurde. Plötzlich aber wird diese Deutung auf den Kopf gestellt, und das ist nicht die einzige Überraschung, die die indischen Zeichnerinnen zu bieten haben.

Die anderen sieben sind Archana Sreenavisam, Garima Gupta, Krutika Susarla, Anpu Varkey, Reshu Singh, Prabha Mallya und Kaveri Gopalakrishan, und leider würde es zu weit führen, hier alle ihre Arbeiten vorzustellen. Bemerkenswert aber ist zum Beispiel das mehrfach wiederkehrende Thema von gewollter Kinderlosigkeit einiger Zeichnerinnen, womit in Indien an ein gesellschaftliches Tabu gerührt wird. Als moderne Frauen stoßen die Künstlerinnen auf den Widerstand von Familien und Gesellschaft. Am drastischsten setzt Prabha Mallya die Situation von indischen Frauen ins Bild: Ihre Bilderfolge „Bitch“ zeigt eine selbstbewusste und sexuell frei agierende Hündin, gezeichnet in einem Stil, der von internationaler Verständlichkeit ist – wie überhaupt Exotismusklischees graphisch nie bedient werden. Ein paar Seiten kann man hier sehen: http://www.springmagazin.de/index.php?/ausgaben/13-the-elephant-in-the-room/.

Es ist bemerkenswert, wie absolut weltläufig die Geschichten der Zeichnerinnen aus Indien wirken. Nun mögen manche Leser den Verlust nationaler Eigenheiten in der Graphik beklagen. Aber auch wenn es hier keine als typisch indisch – was immer das bei diesem Schmelztiegel der Kulturen, Religionen auch sein sollte – erkennbare Gestaltung gibt, so sind die Erzählweisen doch jeweils andere. Die deutschen Zeichnerinnen sind expliziter bei ihren Einblicken ins Private, bei denen Penisgrößen ebenso thematisiert werden wie versuchte oder erfolgte Vergewaltigungen. Aber die Unmittelbarkeit des Sprechens übers Private ist bei den indischen Beiträgen dringlicher, getriebener, auch kompromissloser. So werden familiäre Konflikte viel wichtiger genommen als in den deutschen Geschichten, und die Fremdheitsgefühle einer jungen Generation sind stärker ausgeprägt sichtbar als bei den (auch im Schnitt etwas älteren) deutschen Zeichnerinnen. Aber es wird auch deutlich, dass es verbindende Erfahrungen von Frauen über Kontinente und Kulturen hinweg gibt, und diese Erkenntnis wird deutlich im Buchtitel „The Elephant in the Room“: die Frage, was es bedeutet, Frau zu sein, im Beruf, im Alltag, wird selten gestellt. Sie ist der aus dem englischen Sprichwörterschatz stammende Elefant im Zimmer – ein gewaltiges Tier, über das niemand spricht.

Wie stets bei „Spring“ ist die Ausgabe zweisprachig, englisch-deutsch, jeweils mit Untertiteln in der anderen Sprache. Dadurch wird das Buch, das von kommender Woche an in Deutschland durch den engagierten Mairisch-Verlag vertrieben wird, hoffentlich auch in Indien Verbreitung finden. Auf dem Comicsalon von Erlangen von Mitte Mai, wo vorab schon ein paar „Spring“-Exemplare dieser Ausgabe zu bekommen waren, boten die deutschen Zeichnerinnen auch indische Publikationen der Kolleginnen an, die dank internationaler Förderung zustande gekommen waren. Die Hefte waren binnen zweier Tage vergriffen. Möge es „Spring“ Nr. 13 genauso ergehen.

01. Aug. 2016
von Andreas Platthaus
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25. Jul. 2016
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Es ist alles rot, was glänzt

Von den zehn diesjährigen Finalisten des Comicpreises der Berthold-Leibinger-Stiftung haben zwei ihre eingereichten Arbeiten schon veröffentlicht. Das ist insofern bemerkenswert, als die Auszeichnung (mit 15.000 Euro für den Gewinner die höchstdotierte in Deutschland für Comics) ein Förderpreis ist, also nicht ein bereits erschienenes, sondern noch im Entstehen begriffenes Werk unterstützen soll. Da die Verleihung erst wenige Monate zurückliegt, haben zwei der zehn Finalisten (von denen neun immerhin auch noch jeweils tausend Euro erhalten) offenbar höchst konzentriert gearbeitet. Einer der beiden Bände wurde an dieser Stelle schon gefeiert: Max Baitingers „Röhner“ (http://blogs.faz.net/comic/2016/04/04/individuell-humo…nente-reicht-das-848/) – und zwar sogar schon vor der Preisverleihung, was daran lag, dass Baitinger nicht wusste, dass seine prämierte Arbeit noch gar nicht publiziert hätte sein dürfen. Ein Kommunikationsproblem und deshalb ausnahmsweise ohne Folgen.

Bei Burcu Türkers Band „Süße Zitronen“ ist es dagegen wirklich so, dass die Kasseler Illustrationsstudentin sofort nach der Preisverleihung an die Fertigstellung ging, und der beeindruckend qualitätvolle Jaja Verlag hat rasch ein Buch daraus gemacht. Erzählt wird darin eine mutmaßlich autobiographisch inspirierte Geschichte, die den Umgang einer jungen türkischstämmigen Deutschen mit dem Tod ihrer Mutter thematisiert. Das klingt bedrückend, doch es ist alles andere als das. „Süße Zitronen“ ist ein durch genaue Beobachtung, leise Melancholie und subtilen Humor höchst unterhaltsames, aber auch durchaus trostreiches Buch. Ein Comic, der so unaufgeregt und doch so intensiv über eine Mutter-Tochter-Beziehung berichtet, verdient Beachtung.

Dass es sich dabei um das Debüt der 1984 geborenen Burcu Türker handelt, mag man kaum glauben. Sie beherrscht die Mittel ihres Metiers schon nahezu perfekt. Kaum ein anderer deutscher Comic etwa hat rahmenlose Bilder so elegant eingesetzt wie dieser. Bisweilen fließen die Panels ineinander, sorgen dadurch für Abwechslung bei der Seitenarchitektur und schaffen prinzipiell eine Bewegung, die dem zwischen Gegenwart und Erinnerungen hin und her springenden Geschehen aufs Schönste entspricht. Auf der Verlagsseite kann man sich das an ein paar Beispielen anschauen: http://www.jajaverlag.com/s%C3%BC%C3%9Fe-zitronen/.

Die Mutter der jungen Protagonistin war Schauspielerin in der Türkei; mit der Auswanderung nach Deutschland endete diese Karriere. Doch die künstlerische Ader blieb, und die Tochter, die nun ein Kunststudium aufgenommen hat, findet darin ein Vorbild, obwohl es zu Lebzeiten durchaus auch Spannungen gab. Beide Frauen verbindet aber die Erfahrung des Verlustes der eigenen Mutter, nur dass die Großmutter der jungen Frau schon starb, als die Mutter noch ein Kleinkind war. In der Tatsache, dass der Tochter das Ausmaß dieses Verlustes erst begreiflich wird, als sie ihn selbst erleben muss, liegt eine grundlegende Tragik des Miteinanderredens über den Tod: Ihre Mutter ganz verstehen, kann die Tochter erst, nachdem jene gestorben ist.

Aber wie gesagt: „Süße Zitronen“ ist kein depressives und schon gar kein deprimierendes Buch. Die Bleistiftzeichnungen von Burcu Türker habe einen Schwung, der Lebenslust auch in traurigen Situationen vermittelt, und wie sie die Farbe Rot als Vitalitätssymbol einsetzt – die junge Frau ist rothaarig, aber zugleich dominiert diese Farbe auch die Rückblicke auf die türkische Vergangenheit der Mutter –, gehört zu den kleinen Meisterstücken der jüngeren Comicgeschichte. Es mag pathetisch klingen, aber dieses Buch macht glücklich. Also sollte man es lesen, bis dann der diesjährige Gewinner des Leibinger-Comicpreises mit seinem Projekt ans Ende kommt. Und das wird dauern, denn Uli Oesterles prämiert, ebenfalls autobiographisch motivierte Geschichte „Vatermilch“ wird nicht vor 2018 erscheinen, und auch dann steht lediglich der erste von zwei geplanten Bänden an. Umso mehr Zeit für „Süße Zitronen“. Nicht das Schlechteste, was Warten bedeuten kann.

25. Jul. 2016
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18. Jul. 2016
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Eine Samurailegende als ziegenköpfiger Geist

Bisweilen fällt mir ein Comic in die Hände, der nicht die üblichen Wege beschritten hat: keine Verlags-, sondern eine Eigenproduktion durch die Autoren zum Beispiel, begründet allein auf Überzeugung für die eigene Arbeit, vielleicht auch aus Mangel an Kontakten. Solch ein Fall ist „Bright Lights“, ein deutscher Manga von einer jungen Autorin, die sich als Künstlernamen Yuri-chan ausgesucht hat. Dem kann man den Vornamen Julia schon ablesen, und „Bright Lights“ trägt auch stolz den wahren Verfasserinnennamen auf dem Titel: Julia Syndram.

Stolz kann sie sein, schon des Umfangs wegen. Wir haben es mit einem veritablen Manga zu tun, 180 Seiten stark, Resultat einer einjährigen Arbeit. Und gewiss einer vieljährigen Lektüre, denn man merkt Julia Syndrams Seiten die Vertrautheit mit dem Manga-Code an. Nicht nur nehmen die Figuren die japanische Ästhetik konsequent auf (die Geschichte spielt auch in Japan), auch die graphischen Gepflogenheiten von eher vertikal gestalteten Sprechblasen über die klassischen Leserichtung von rechts nach links bis zu seitenarchitektonischen Facetten wie Wechsel zwischen offenen und geschlossenen Panels und steter Variation der Anmutungen lassen spüren, wie selbstverständlich diese Erzählweise für die Autorin ist.

Dass dann noch einer der berühmtesten Stoffe der japanischen Literatur- und Mythengeschichte, die Geschichte der 47 Ronin, mit in die Handlung hineinspielt, wird zunächst aufgesetzt. Man stelle sich nämlich vor: Der Führer dieser Gruppe von Samurai, die Rache am Mörder ihres Lehnsherrn nehmen, Kuranosuke Onishi, jedem Kind in Japan bekannt durch Film und Fernsehen, Manga und Romane, kehrt in unsere Gegenwart zurück, als schaurige Geistergestalt (yokai) mit skelettiertem Ziegenschädel, aber zugleich als grundgütiger Beschützer der sechzehnjährigen Rin Omura, einem Waisenmädchen, das in der Schule isoliert ist und seit dem Unfalltod der Eltern an Magersucht leidet. Kuranosuke betätigt sich nicht nur als moralische Stütze, sondern bindet sich eine Schürze um und beginnt, für Rin zu kochen. Er bahnt Freundschaften an und bringt das Mädchen wieder in die Spur. So weit, so phantastisch. Und auf den ersten Blick nicht eben konsequent.

Doch Julia Syndram hat sich die Wahl des legendären Kuranosuke gut überlegt, und gerade der Kontrast zu den üblichen Darstellungen dieses Helden bringt eine humoristische Note in diesen Manga, der das durchaus ernste Thema des magersüchtigen, ungeliebten Mädchens auflockert und die geradezu fabelhafte Rettung in ein Umfeld einbettet, das das Geschehen nicht wie einen Kleinmädchentraum der Autorin wirken lässt. Dafür zeichnet sie allerdings auch viel zu gut. Denn wer sich solche Mühe mit der Gestaltung eines Comics gibt und dabei so reüssiert, der will mehr, als eine rührselige Geschichte erzählen. Der gibt mit der Ästhetik seines Buchs auch eine Botschaft über die zugrundeliegende Ernsthaftigkeit des Ganzen ab.

Dass es darin aber doch jenen Humor gibt, den der bärbeißig daherkommende, aber reizende Ziegenschädel einbringt, das ist beinahe schon große Erzählkunst. Jedenfalls ist Julia Syndram, die ihrer Heldin vom Alter her entsprechen dürfte, ein Nachwuchstalent, die mit Rastern und Bewegungen umzugehen weiß und nur wenige Male ein paar Textkästen leergelassen hat. Ansonsten aber könnte dieser Manga in einem professionellen Verlagsprogramm leicht durchgehen.

Ob man ihn simpel bekommt – eine ISBN hat er schon mal: 978-3-00-051107-3, eine Leseprobe im Netz gibt es leider nicht –, dürfte eher an der Höhe der Auflage, die Julia Syndram sich leisten konnte, liegen als an der Bereitschaft von Manga-Läden, ihn auszulegen. Ich werde sehr gespannt schauen, ob mir die junge Autorin mal irgendwo sonst begegnet, am besten natürlich in einem regulären Verlagsprogramm.

18. Jul. 2016
von Andreas Platthaus
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11. Jul. 2016
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Dekonstruktion eines Architekten

Der Comic-Strip ist eine aussterbende Gattung, zumindest auf seinem klassischen Terrain, der Zeitung. Nicht nur, dass die aufwendige Arbeit daran und die drucktechnischen Vorläufe das genuine Bedürfnis einer Zeitung nach Aktualität konterkarieren (es sei denn, man ist Volker Reiche, der fast zehn Jahre lang „Strizz“ als tagesaktuellen Strip produziert hat), es mangelt überdies an Platz und Geld, um sich den schönen Luxus eins Fortsetzungscomics noch leisten zu können. Deshalb ist der Comic-Strip mit wenigen Ausnahmen heute zum Netzphänomen geworden. Und wenn man Glück hat, erscheint irgendwann einmal ein Sammelband, damit man die Folgen endlich auch einmal in der Form lesen kann, wie es dem Genre angemessen ist: auf Papier.

Um einen solchen Band soll es hier gehen. Er heißt „The Life of an Architect …“ und ist ungeachtet seines englischen Titelsund der gleichfalls englischen Texte bei einem deutsche Verlag erschienen: DOM Publishers, einem in Berlin residierenden Spezialisten für Architekturbücher mit durchaus beachtlichem Ausstoß. Diese Publikation aber ist der erste Comic des Verlags, und natürlich hat er es nur deshalb ins Programm geschafft, weil Protagonist des Strips ein Architekt ist: Archibald. Der entwirft ambitionierte Häuser und hat sich den lieben langen Tag mit seinen Kunden, Kollegen und Bauarbeitern herumzuschlagen – ganz zu schweifen von der eigenen Familie (Frau und Sohn, Letzterer selbst kindlicher Architekt in spe). Jeder Architekt dürfte sich darin wiederfinden.

Und das macht den Erfolg des Strips aus, der weltweit bereits in zehn Sprachen zu lesen ist. Denn überall auf der Welt wird gebaut, und überall auf der Welt leiden Architekten unter mangelndem Respekt für ihr Genie. Das weiß auch der Belgier Mike Hermans, der unter dem Pseudonym Maaik „The Life of an Architect …“ zeichnet, denn der 1971 geborene Herr ist selbst Architekt und weiß also um die Geltungssucht in seinem Gewerbe. Wie sich das allerdings mit der Tatsache vereinbaren lässt, dass Hermans‘ Name bis zur letzten Seite im Buch verschwiegen wird, wäre interessant zu ergründen. Vielleicht kann er gerade deshalb so drastisch über Architekten witzeln, weil er sich selbst doch nicht so ernst nimmt. Es wäre zu hoffen.

„The Life of an Architect …“ ist ein Gagstrip, und wer wissen will, wie dessen Humor funktioniert, der kann sich unter http://www.dom-publishers.com/products/en/Architecture-and-Design/The-Life-of-an-Architect.html ein paar Probefolgen ansehen. Nicht die besten, würde ich sagen. Ich mochte etwa die, in der Archibald auf seinen ständigen Auftraggeber trifft, der sich bei dem Architekten beklagt: „Ich habe Sie die ganze Woche lang angerufen, aber Sie gehen nie ans Telefon!“ Archibalds Antwort: „Ich habe mich eben mit Ihrem Gebäude beschäftigt statt mit Ihnen ..“ „Aber ich bin der Kunde!“ „Und ich bin ein nachhaltiger Architekt ..“ „Was hat denn das damit zu tun?!“ „Gebäude leben länger als Kunden …“

Immer wieder ist es diese Mischung aus Zynismus, Arroganz und Witz, die Archibald als Figur auszeichnet. Man möchte nicht mit ihm befreundet sein, geschweige denn ihn als Architekten engagieren. Im Mikrokosmos des Büros mit fünf Mitarbeitern aber werden die menschlichen Schwächen zu humoristischen Stärken, und wenn Archibald mit Gott persönlich als größtem aller Baumeister hadert, wird der Größenwahn so überdreht, wie man es sonst selbst aus Comic-Strips kaum kennt.

Selbstverständlich gibt es ein Vorbild für den berufsspezifischen Comic von Hermans: „Dilbert“,die seit 1993 laufende amerikanische Gagserie von Scott Adams über einen Büroangestellten. Die gibt es nun och mehr als Architekten, deshalb hat es „Dilbert“ in die großen Publikumszeitschriften geschafft, „The Life of an Architect …“ dagegen nur in fachspezifische Publikationen. Mit Hermans‘ Stil kann ich aber weitaus besser leben, weil er sich am traditionellen Cartoon orientiert, während „Dilbert“ konsequent auf die reduzierte Graphik von Computern getrimmt ist. Zudem wagt Hermans bisweilen genreimmanenten Humor, wie die besten Comic-Strips ihn immer wieder gepflegt haben: als Spiel mit den räumlichen Begrenzungen eines Comics etwa oder – besonders passend für Architekten – mit der Illusion von Linien und Konturen. Es handelt sich nicht um einen Meilenstein der Comicgeschichte, aber ein Mosaiksteinchen im bunten Bild der Möglichkeiten einer Erzählform, die nach Lesergruppen ausdifferenziert werden kann. Wenn Architektenwitze erfolgreich sind, warum dann nicht auch Juristen- oder Journalistenwitze? Wahrscheinlich gibt es dazu auch längst Comic-Strips, die aber nicht auf normalem Wege sichtbar werden. Und damit sind wir wieder beim Anfangsproblem.

11. Jul. 2016
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04. Jul. 2016
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Die Freak-Liga aus Österreich

„Justice League“ heißt der Superheldenzusammenschluss des amerikanischen Verlags DC, die „Avengers“ kämpfen im Kollektiv für die Konkurrenz von Marvel. Und in Deutschland? Fehlanzeige. Wir haben ja nicht mal eine richtigen Superhelden außer vielleicht Nick Knatterton. Dagegen zeigen die Österreicher, wie es geht: Sie versammeln Captain Austria Jr., das Donauweibchen, den Bürokraten und Lady Heumarkt zur Truppe ASH (Austrian Superheroes). Wobei man besser von der Freak League sprechen würde, denn Lady Heumarkt ist eine fette Vettel, der Bürokrat genau das, was sein Name aussagt (er bezwingt seine Gegner durch Beschwörung von Verwaltungsvorschriften), und Captain Austria Jr. Leier unter Kindheitstraumata, die dem Misstrauen von Captain Austria Sr. zu schulden sind. Nur das Donauweibchen mit seiner wasserblauen Topfigur (Mystique von Marvel lässt schön grüßen) ist einigermaßen normal, soweit man davon bei Superhelden überhaupt sprechen kann.

Seit Stan Lee und Jack Kirby das Genre in den frühen sechziger Jahren umgekrempelt haben, sind Superhelden nervolabil. Und Nervensägen. Weil man sich so viele Sorgen um sie machen muss. Und um unsere Sorgen sollten sie sich doch gerade selbst kümmern. Ach, vorbei! Auch in Wien, wo niemand die Helden noch so richtig auf der Rechnung hat. Als dann ein grässlicher Basilisk (den kennt man aus der Harry-Potter-Welt) auftaucht, braucht es aber doch die geballte Kraft aus Körpermasse, Bürokratie, Flüssigkeit und Sohnesehrgeiz, um der Bedrohung Herr zu werden. Und in Heft 2 wartet schon ein irrer Wissenschaftler wie aus dem Bilderbuch: Dr. Phobos.

Zwei Hefte „ASH“ habe ich bisher gelesen, mindestens zwei weitere sollen noch folgen, bei Erfolg Fortsetzung darüber hinaus nicht ausgeschlossen. Der soll eingetreten sein, hört man aus Österreich. Vorgestellt wurde „ASH“ im vergangenen Herbst auf der Vienna Comic Con, und das Presseecho im Lande war gewaltig. Dann kam im Januar das erste Heft, und es war kein graphischer Flop. Im Gegenteil: Andi Paar und Thomas Aigelsreiter, verstärkt um den Koloristen Frans Stummer, haben einen grundsoliden Stil zu bieten, bei dem nur die Posen der Helden noch etwas weniger verkrampft werden dürften (Leseprobe unter http://www.mycomics.de/comic-pages/9170-ash-austrian-superheroes.html#page/6/mode/2up). Aber da ja schon die Zusammensetzung des heroischen Quartetts die zugrundeliegende Ironie erkennen lässt, kann man jede zeichnerische Unbeholfenheit auch als Augenzwinkern verstehen. In Heft 2, für dessen Hauptgeschichte neben Paar und Aigelsreiter nun auch noch Michael Liberatore und Lenny Großkopf verantwortlich zeichnen, sieht alles noch etwas professioneller aus; dafür allerdings weniger amüsant.

Geschrieben hat die Abenteuer der ASH ein Veteran der österreichischen Comicszene: Harald Havas. Der hat viel von Alan Moore gelernt. Allerdings ist die Käuferschicht in Österreich wohl doch nicht groß genug für einen veritablen Moore-Comic voller doppelter Böden und Anspielungen. Doch immerhin ist im zweiten Heft eine Kurzgeschichte enthalten, die Leo Koller im Retrostil der fünfziger Jahre gestaltet hat – Thema ist die Gründungsgeschichte der ASH, die nicht nur den „Dritten Mann“ zitiert, sondern auch auf Moores „Watchmen“ verweist. Im ersten Heft fand sich ein weitaus weniger geglückte Zusatzepisode von Großkopf zur Genese von Lady Heumarkt.

Das Ganze ist sehr für Insider gemacht, sprich: für Wiener, aber schon das nächste Heft soll die ASH nach Graz führen, und wer weiß, vielleicht schaffen sie’s ja auch mal über die deutsche Grenze. Noch ist die ja offen. Schön jedenfalls, dass überhaupt so ein Projekt gewagt wird. Ich werde weiterlesen.

04. Jul. 2016
von Andreas Platthaus
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28. Jun. 2016
von Andreas Platthaus
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Grandhotel als Flüchtlingsmodell

Augsburg ist nicht eben bekannt als Comic-Hauptstadt, aber der dortige Studiengang Kommunikationsdesign hat mit der 2006 gegründeten Projektklasse Comicwerkstatt und der von ihr herausgegebenen Anthologie „Strichnin“ ein bemerkenswertes Forum für den Zeichnernachwuchs geschaffen. Sechs Hefte sind bereits erschienen, den Max-und-Moritz-Preis für die beste studentische Publikation hat man dafür gewonnen, und nun ist eine Publikation in Augsburg entstanden, die nach noch Höherem strebt: „Nachrichten aus dem Grandhotel“. Auch das ist eine Anthologie, aber eine, die acht Reportagen zum groß angelegten Porträt einer hochinteressanten lokalen Institution bündelt. Das Grandhotel Cosmopolis ist eine soziale Einrichtung, die 2011 in einem verlassenen Altersheim mitten in der Stadt entstand und mittlerweile Beherbergung, Café-Ausschank und Flüchtlingsunterkunft unter einem Dach vereint.

2012 wurde dort ein „Strichnin“-Heft vorgestellt, und die Atmosphäre in dem selbstverwalteten Projekt begeisterte die Studenten derart, dass man in Kontakt blieb. Im vergangenen Jahr wurde dann ein konkretes Publikationsvorhaben aus der wechselseitigen Sympathie: Acht Mitglieder der Projektklasse Comicwerkstatt führen Gespräche mit Gründern, Mitarbeitern, vor allem jedoch dort ansässigen Flüchtlingen und zeichneten jeweils kleine Geschichten von jeweils unter zehn Seiten. Entstanden sind sowohl anekdotische wie höchst aufwühlende Berichte – je nach Schicksal der Gesprächspartner. Da ist der nur knapp dem Tod durchs Ertrinken entronnene Flüchtling ebenso vertreten wie der durch Drohungen aus seiner Heimat vertriebene afghanische Arzt, da ist die unter dramatischen Umständen aus dem Kosovo geflüchtete Schülerin, aber auch der Augsburger Aktivist, der an der Etablierung des Grandhotels Cosmopolis beteiligt war.

Jeder Beteiligte – man muss sie hier einfach alle namentlich nennen: Samuel Boeck, Dennis Ego, Hannah Hageraats, Marte Negele, Paul Rietzl, Wolfgang Speer, Julian Wienand und Miriam Wöllner – hat seinen eigenen Stil für die resultierenden Comicreportagen gewählt (Leseprobe unter http://comicwerkstatt-augsburg.de/weitere-publikationen/grandhotel; wobei sich die Genrefrage stellt, denn nicht jeder Bericht ist auch gleich eine Reportage, aber sei’s drum), und am eindrucksvollsten ist Dennis Egos Protokoll der Erlebnisse eines syrischen Flüchtlings geraten, weil er sich für einen schönen Kunstgriff entschieden hat: Sein syrischer Gesprächspartner ist selbst Zeichner, und den Großteil von dessen Bericht hat Ego als Skizzen gestaltet – als hätte er das Notizbuch seines Gegenübers geplündert. Die simulierte Spontaneität und bewusste Einfachheit passt zur Extremsituation der dokumentierten Flucht, und der Kontrast zu Auftakt und Abschluss der achtseitigen Erzählung, in denen keine Bedrohung an Leib und Leben besteht, ist graphisch dadurch zum Ausdruck gebracht, dass dort klassisch-realistische Zeichnungen zum Einsatz kommen.

Das ist die einzige Geschichte, die in sich den Stil wechselt, aber das Buch selbst, satte neunzig Seiten stark, ist natürlich durch die verschiedenen eingesetzten graphischen Handschriften unterschiedlich genug. Doch alle Einzelberichte sind dadurch miteinander verbunden, dass der Amerikaner Mike Loos, der an der Augsburger Hochschule für Gestaltung seit 2004 Illustration lehrt und von Beginn an die Projektgruppe Comicwerkstatt leitet, Übergänge gezeichnet hat, die aus den „Geschichten aus dem Grandhotel“ eine große Geschichte machen. Das Prinzip kennt man aus den frühen Lustigen Taschenbüchern, in denen zuvor separat publizierte Disney-Comics durch Rahmenerzählungen zu einem großen Erzählstrom vereinigt wurden. Das hatte einen skurrilen Reiz, weil dadurch bisweilen über die eigentlich intendierte Geschichte hinaus erzählt wurde, und zumindest ich habe sehr bedauert, dass der italienische Mondadori-Verlag dieses Prinzip vor einem Vierteljahrhundert aufgegeben hat.

In „Nachrichten aus dem Grandhotel“ feiert es seine Wiederkehr, wobei sich Loos sehr bemüht, den Arbeiten seiner Studenten nicht die Wirkung zu nehmen. Er stellt sich in den Dienst ihrer Reportagen und reichert den Korpus des Erzählten vor allem durch Lokalkolorit an – als erfahrener Comiczeichner lässt er aufwendige Dekors zu, die bei den jüngeren Kollegen eher kurz kommen, doch dafür sind es die Studenten, die die spektakulären Geschichten zu bieten haben. Die Idee, eine Taube zur Protagonistin von Loos‘ Rahmenerzählung zu machen, ist ein wenig arg schlicht (Friedenssymbol), und seien Graphik ist auch nahe am Kitsch gebaut, aber es ist wiederum hochinteressant, wie er von den Reportagen vorgegebene Figuren aufnimmt und sich somit acht verschiedenen Stilen anzupassen hat, ohne dass er seine eigene Handschrift verleugnete. Das geht bis zum Einsatz von Farbe in der Überleitung zu Wolfgang Speers Porträt des Flüchtlings Hayder, die als einzige bunt gehalten ist.

Alle Geschichten entstanden im vergangenen Sommer, noch vor der Zuspitzung der Flüchtlingskrise. Trotzdem haben sie nichts an Relevanz eingebüßt, im Gegenteil: Die Konzentration auf individuelle Schicksale ist wohltuend angesichts der steten Wahrnehmung von Masse, die über bloße Zahlennennung und Bilder mit den Ankünften ganzer Schiffe oder Züge von Flüchtlingen forciert wird. Darüberhinaus wird mit dem Augsburger Grandhotel ein Modell der Integration vorgestellt, das auf ganz andere Weise arbeitet als die in bürokratischer Hand liegenden Abläufe.

Der schön gedruckte Band ist übrigens spottbillig: 12,80 Euro. Das ist der Unterstützung durch die Hans-Benedikt-Stiftung, die sich der Unterstützung der Augsburger Hochschule verschrieben hat. Erschienen beim lokalen Wißner Verlag, der sich bislang nicht mit Comics profiliert hat, dürfte es schwierig sein, den schönen Band im normalen Buchhandel außerhalb Schwabens zu finden. Also bitte bestellen. Es lohnt sich.

28. Jun. 2016
von Andreas Platthaus
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20. Jun. 2016
von Andreas Platthaus

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Schöner kann es am Meer selbst nicht sein

David Prudhomme, Pascal Rabaté: "Rein in die Fluten!". Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock, Handlettering von Dirk Rehm. Reprodukt Verlag, Berlin 2016. 120 S., farbig, Hardcover, 24 €.David Prudhomme, Pascal Rabaté: „Rein in die Fluten!“. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock, Handlettering von Dirk Rehm. Reprodukt Verlag, Berlin 2016. 120 S., farbig, Hardcover, 24 €.

Am vergangenen Wochenende feierte der Berliner Reprodukt Verlag seinen 25. Geburtstag, und ein schöneres Geschenk konnte er sich selbst (und uns) kaum machen als den Band „Rein in die Fluten!“ Geschrieben, aber auch mitgezeichnet hat ihn Pascal Rabaté, einer der besten französischen Szenaristen (und Zeichner), gezeichnet, aber auch mitgeschrieben David Prudhomme, einer der besten französischen Zeichner (und Szenaristen). Gemeinsam sind sie ein Traumduo, wie sie vor einigen Jahren bereits mit ihrer Kooperation „Die Plastikmadonna“ bewiesen haben.

Allerdings muss man sagen, dass sich dieser damals bei Carlsen erschienene wunderbare Comic, der den französischen Alltag am Beispiel einer angeblichen Wundererscheinung auf höchst skurrile und amüsante Weise unter die Lupe nahm, in Deutschland miserabel verkauft hat. Umso wichtiger und leider auch mutiger, dass Reprodukt nun den zweiten Band der beiden herausbringt. Aber da die Solowerke der Autoren (jeweils sensationell: „Rembetiko“ und „Einmal durch den Louvre“ im Falle Prudhommes sowie „Bäche und Flüsse“ von Rabaté) ohnehin schon ihre deutsche Heimat bei dem Berliner Verlag gefunden haben, ist die Übernahme des Gemeinschaftsalbums nur konsequent.

120 Seiten lang ist es, und es erscheint im richtigen Moment, zum Beginn des Sommers. Denn in „Vive la marée“ (wörtlich „Es leben die Gezeiten“, aber auch „Hoch lebe die Flut“ im Sinne von Menschenmassen), wie der Comic im Original heißt, geht es um Strandurlaub. Der deutsche Titel ist etwas ranschmeißerisch, hat dafür aber ein subtileres Umschlagbild, auf dem man etliche Schwimmer aus Unterwasserperspektive sieht, darunter ein Paar, das sich in einer Pose umarmt, die Prudhomme einer Gemäldeserie des italienischen Kollegen Lorenzo Mattotti abgeschaut hat. Dieser augenzwinkernde Gruß ist das I-Tüpfelchen eines Buchs, das unter anderem eben auch eine gigantische Hommage ist.

Allerdings nicht an einen anderen Comic, sondern an einen Film: Jacques Tatis „Ferien des Monsieur Hulot“. Nicht, dass Rabaté und Prudhomme Figuren, Handlungsort oder Verlauf zitierten, aber sie übernehmen das Wichtigste dieses Films: die Struktur. Wie bei Tati wird die große Strandgesellschaft individualisiert, und wir verfolgen in winzigen Episoden mit immer neuen Konstellationen das Geschehen am Meer. Dabei geben die Figuren gewissermaßen nach ein, zwei Seiten den Staffelstab an andere Protagonisten ab, quasi im Vorbeigehen, indem plötzlich die Aufmerksamkeit bei einem anderen Badegast hängenbleibt und man ihn für eine Weile verfolgt. Und es passiert ähnlich wenig im Comic wie in Tatis Film, doch es ist genauso komisch und entlarvend.

Wie in „Die Ferien des Monsieur Hulot“ beginnt alles mit der Anreise (dazu die Leseprobe: http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/rein-in-die-fluten/), wahlweise mit Auto oder Zug, und schon durch die Verhaltensweisen der Beteiligten dabei werden sie charakterisiert: als Angeber, Geizhälse, Querulanten die Erwachsenen, während die Kinder als unschuldige Staffagefiguren fungieren, die zwar bisweilen selbst die Handlung vorantreiben, aber nie jene Blasiertheit oder Arroganz zeigen, die ihre Eltern auszeichnet. Den unschuldigen Tor allerdings, wie Hulot es ist, den gibt es hier nicht. Als einzige rundum sympathische Handlungsträger treten lediglich zwei Anstreicher auf, die den ganzen Tag lang mit dem Lackieren von Metallzäunen beschäftigt sind. Man darf darin wohl ein Selbstporträt von Rabaté und Prudhomme erkennen.

Was den Comic aber erst zur veritablen Meisterleistung macht, ist die graphische Konzeption. Dass sich ein Strand ideal zur Inszenierung einer Comicgeschichte eignet, ist evident: Vor der weiten weißen Fläche zeichnet sich das Geschehen im buchstäblichen Sinne perfekt ab. Zudem aber wählen die beiden Autoren für ihre Geschichte höchst ungewöhnliche Perspektiven, nämlich meist die von am Strand Liegenden, also aus extremer Untersicht, verbunden mit Überlagerungen von Bildebenen, die kleine Elemente im Vordergrund in optischen Gleichklang mit größeren weiter hinten bringen. Das schönste Beispiel ist die Ankunft eines ebenso dick- wie weißbäuchigen Herrn am FKK-Strand, den er über eine Düne zu erreichen scheint, die sich durchs Wegzoomen der Betrachterposition als unbekleideter Körper einer jungen Frau erweist. Oder ein kleines Mädchen kadriert mit den Fingern einzelne Badeszenen zu Bildern auf einem imaginierten Smartphone, die es dann beliebig vergrößern oder verkleinern kann. Und das Tolle ist, dass die Comicbilder dieses Spiel mitzumachen scheinen, bis dann doch einmal eine Wischbewegung des Kindes scheitert und die Illusion zerstört.

Klüger ist seit vielen Jahren kein Comic mehr in Szene gesetzt worden, und wenn man überhaupt ernsthafte Vorläufer oder Konkurrenz nennen sollte, so müsste man wohl auf Erzählrevolutionäre wie Marc-Antoine Mathieu oder David B. verweisen. Im Mainstreamcomic aber, und dazu zählt „Rein in die Fluten!“, der sich im vergangenen Jahr in Frankreich exzellent verkauft hat (glückliches Comicland!), hat es eine so ausgefuchste Verschränkung von Verlauf und Visualisierung noch nicht gegeben. Und die Dialogregie in der gewohnt sorgfältigen Übersetzung von Uli Pröfrock tut das Ihre dazu, dass man staunend weiterliest, denn wie es Rabaté und Prudhomme gelingt, sowohl das dauerhafte Gemurmel des Strandlebens wie die Freudenjauchzer und Zurufe abzubilden, das wäre eine eigene Analyse wert. Dieser Comic führt so ziemlich alles vor, was man überhaupt graphisch erzählen kann.

Doch nichts davon wirkt aufgesetzt oder gar manieriert. Dieser Comic, der nur einen einzigen heißen Sommertag porträtiert, aber dabei gleich Dutzende von Menschen und deren Marotten, verhält sich in der Erzählhaltung so selbstverständlich wie die Flut am Strand selbst. Immer wieder rollen deren Ausläufer an, ziehen sich scheinbar wieder zurück, und setzen doch schließlich alles unaufhaltsam unter Wasser. Auch dieser Geschichte kann man nicht entkommen.

Wir sehen die Rentner und die Tätowierten, die Sportler und die Sonnenanbeter, die Schönen und die Schlaffen, die Dreisten und die Scheuen, die Frauen und die Männer, die Menschen und die Tiere. Wir sehen einen Badeort, als bewegten wir uns mit den Protagonisten durch dessen Straßen. Und wir sehen nicht nur den Strand, wir fühlen, riechen, hören ihn. Und irgendwo mittendrin sind auch wie selbst. Man muss nur sehr genau hinsehen, -fühlen, -riechen, -hören. Aber das ist ein einziges Vergnügen. Herzlichen Glückwunsch dem Verlag und den Lesern dieses Comics.

20. Jun. 2016
von Andreas Platthaus

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