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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

26. Mai. 2015
von Andreas Platthaus
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Deutsche Doppelmonarchie

Kürzlich setzte sich im Zug Ralf König neben mich. Er schaute auf meine Lektüre, Hendrik Dorgathens Comic „Space Dog“ (erschienen 1993, aber immer noch einer der besten deutschen Comics), und fragte mich mit Verweis auf die darunterliegende Tageszeitung, ob das nun für mich die Kür nach der Pflichtlektüre sei. Ich nickte, wobei es nicht ganz stimmte, denn gute Comics zu lesen ist nicht weniger Pflicht als das Interesse am Zeitgeschehen. Er selbst, sagte Ralf König, möge Comics auch sehr gern, allerdings solche, für die er bisweilen seltsam angesehen werde von seinem Umfeld. Denn da gehe es bisweilen sehr drastisch zur Sache, zum Beispiel in seinem persönlichen Lieblingsband „Superparadise“ mit all diesen Schwulen, die da ohne falsche Rücksichtnahme in exzessiven Liebesszenen auftreten. Dabei sei er selbst gar nicht homosexuell, versicherte Ralf König.

Aber solche Comics machten prominent. Als er vor einiger Zeit in Köln in einem Hotel einchecken wollte, habe man ihm angeboten, zum gleichen Preis eine Suite zu beziehen – nur weil er als Ralf König identifiziert worden sei. Das habe er aber abgelehnt. Bisweilen rufe er auch die Facebookseite mit seinem Namen ab, sehe sich an, was von Ralf König da wieder gepostet worden sei und vergebe das eine oder andere Like. „Zurückgeliket“ worden sei er jedoch noch nie.

Bevor nun bei meinen Lesern die Vermutung entsteht, Ralf König litte an einer schweren Identitätskrise oder wäre zumindest ein monomanischer Idiosynkrat, sei aufgeklärt, dass es sich bei meinem Mitfahrer um einen Herrn gleichen Namens, aber aus einer ganz anderen Gegend handelt (obwohl beider Geburtsorte, wie der zweite Ralf König mir sagte, nicht allzu weit voneinander entfernt liegen) und auch nicht um einen Comiczeichner, sondern um einen Psychologen. Schon oft habe ihm sein Name Ralf König große Sympathien beschert, denn ganz unähnlich sehe er dem Comicstar ja nicht (einerseits ja: beide haben einen schütteren Vollbart, andererseits nein: der andere Ralf König ist fülliger als der berühmte). Ungefähr im selben Alter sind die beiden auch noch, und die sexuelle Orientierung sieht man den Menschen ja nicht an. Erst kürzlich wieder sei ihm, dem zweiten König, das bei der Kontrolle seiner Bahncard passiert. Der Schaffner habe ihn angestarrt wie ein Wundertier, doch bevor der etwas habe sagen können, habe er selbst abgewiegelt: Nein, nein, ich bin nicht der, an den Sie denken. Nicht der bekannte Ralf König.

Die Filme, die man nach den Comics seines Namensvetters gemacht hat, möge er nicht, zumindest nicht „Kondom des Grauens“, den er neulich gesehen habe. Aber die Comics seien allesamt großartig, denn hinter der gefälligen Oberfläche verberge sich viel mehr, als man erwarte: gesellschaftliche Fragen zum Beispiel. Und komisch sei es auch immer. Er selbst sei übrigens gerade unterwegs zu einem Parteitag, politisches Engagement mache ihm Spaß. Jetzt erst bemerkte ich die signifikanten Farben von Hemd und Krawatte. Dann war die gemeinsame schöne Zeit mit Ralf König auch schon wieder vorbei; wir stiegen beide aus, unsere Wege trennten sich. Der andere, der berühmte Ralf König dürfte sich wundern, wenn er wüsste, in welcher Partei sein Namensdouble aktiv ist. Und wenn er das hier liest, könnte er den weniger berühmten Ralf König ja mal zurückliken. Solche Fans wünscht man sich doch.

26. Mai. 2015
von Andreas Platthaus
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15. Mai. 2015
von Andreas Platthaus
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Auch ich in Ostasien

Der Titel ist das klügste an diesem Comic: „Ein schöner kleiner Krieg“ zitiert die Einschätzung des amerikanischen Diplomaten John Hay zurück, der den spanisch-amerikanischen Krieg von 1898 „a splendid little war“ genannt hat. Allerdings erst nach dessen Ende, das ein für die Vereinigten Staaten glückliches war. Der Zynismus, für den diese Einschätzung weltberühmt wurde, war also ein gemilderter; keinesfalls dachte man im Vorhinein schon so über den Waffengang, der Amerika endgültig zur Weltmacht beförderte. Und im Vergleich mit dem, was das nächste Jahrhundert brachte, war der dreieinhalbmonatige Krieg tatsächlich eher von Kleinformat: betreffs seiner Dauer und der Zahl der Opfer; auf beiden Seiten wurden zusammen etwas mehr als 10.000 Gefechtstote gezählt.

Im Vietnamkrieg starben dagegen allein auf amerikanischer Seite mehr als 50.000 Soldaten, und die Verluste an Menschenleben unter den Vietnamesen in den fast anderthalb Jahrzehnten seiner Dauer können nur geschätzt werden, gehen aber über eine Million hinaus. Deshalb ist die Titelwahl von Marcelino Truongs Comic, der vor drei Jahren in Frankreich erschien, eine bewusst bittere: So leichtfertig, will er sagen, haben die Amerikaner ihn durch die Unterstützung Südvietnams ausgelöst. Krieg als Fortsetzung der Politik, aber nicht im Clausewitzschen Sinne als wohlbedachte Aktion, sondern als Ersatz politischen Handelns.

Marcelino Truong wurde 1957 als drittes Kind eines südvietnamesischen Diplomaten und einer Französin geboren und wuchs teilweise in den Vereinigten Staaten auf, wohin sein Vater versetzt worden war. Dort setzt der Comic ein. 1961 aber wurde der Vater nach Saigon zurückbeordert, und die Familie zog mit um. Das war das Jahr, in dem Präsident Kennedy eine Verstärkung der amerikanischen Unterstützung Südvietnams gegen den kommunistischen Nordteil des Landes beschloss, womit Ngô Dinh Diêm gestärkt wurde, der in Saigon seit 1956 regierte. Als Katholik wurde er in dem mehrheitlich buddhistischen Land argwöhnisch betrachtet, und sein machtgieriger Clan tat ein Übriges, um den südvietnamesischen Präsidenten unpopulär zu machen. Der Vater von Marcelino Truong aber war als Übersetzer für Französisch und Englisch einer von Diêms engen Vertrauten.

Zwei Jahre blieb die nach der Geburt einer zweiten Tochter bald sechsköpfige Familie in Vietnam, ehe die angesichts der fremden Kultur und politischen Lage am Rande des Nervenzusammenbruchs befindliche Mutter einen abermaligen Umzug erzwang. Deshalb deckt der autobiographische Bericht von Truong nur die früheste Phase des Krieges ab, damals waren noch gar keine amerikanischen Soldaten an den Kampfhandlungen beteiligt. Was der rund 270seitige Band aber leistet, ist ein Blick auf etwas, das sonst meist zu kurz kommt, nämlich die südvietnamesische Seite.

Wie Marjane Satrapi („Persepolis“) oder Riad Sattouf („Der Araber von morgen“) erzählt Truong streng aus Kindersicht. Oder nein, doch nicht streng genug, denn das, was den beiden anderen in ihren international vielbeachteten Comics gelungen ist, das traut sich Truong nicht. Er erklärt laufend die realen Ereignisse und Hintergründe, statt sich auf die kindliche Perspektive zu verlassen, die zwar vieles offen lassen muss, aber dafür umso eindrucksvoller Dinge in den Mittelpunkt stellen kann, die ungewöhnlich sind – und unbekannt in Europa. Bei „Ein schöner kleiner Krieg“ wird dauernd erläutert, Truong traut der Relevanz seiner eigenen Beobachtungen nicht. Und seinen Lesern traut er  nichts zu.

Es ist ein Comic für Menschen, die nichts von Comics verstehen und deshalb alles kommentiert lesen müssen, was man auch einfach hätte zeigen können, ohne darüber eigens Worte zu verlieren. Das ist ja die eigentliche Kunst dieser Erzählform. Dass Truong überdies einen graphischen Stil benutzt, den Guy Delisle in seinen Erlebnisberichten aus Nordkorea, China, Birma und Israel schon so perfektioniert hat (Leseprobe: http://www.egmont-graphic-novel.de/graphic-novel/ein-schoener-kleiner-krieg/), dass jede Übernahme für verwandte Bücher wie ein billiges Plagiat wirken muss, trägt auch nicht zur Begeisterung bei. Immerhin hat Truong aber auch woanders Anleihen gemacht (farblich bei Loustal), so dass er zumindest mehrere ästhetische Versatzstücke zu einem Ensemble zusammenfügt, dass als Montagearbeit taugt.

Aber originell ist nichts von dem, was er erzählt, zeigt oder zeichnet. Dass solche Comics ihren Weg nach Deutschland finden, ist dennoch ein gutes Zeichen. Denn es demonstriert, wie begierig selbst die etablierten Verlage (in diesem Falle Egmont) nach Material sind, das einigermaßen ins Schema von erfolgreichen Phänomenen – Graphic Novel, Autobiographie, Zeitgeschichte – passt.

15. Mai. 2015
von Andreas Platthaus
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11. Mai. 2015
von Andreas Platthaus
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Was ist besser: Film oder Comic?

Ich erinnere mich genau an den Kinobesuch, weil ich mich an so wenig von dem erinnere, was ich damals sah. 2007 kam „Der goldene Kompass“ heraus, gedreht mit Stars wie Nicole Kidman und Daniel Craig, doch kein Bild ist bei mir haftengeblieben, auch kaum etwas von der Handlung. Na gut: die gepanzerten Eisbären, die Panzerbären, weil die sich von gefürchteten Feinden zu guten Freunden der Hauptperson, der jungen Lyra, wandelten. Und die Daemonen (ja, mit ae), jene animalischen Seelenwesen, die jedem Menschen beigegeben sind, wobei  deren Erscheinung erst im Erwachsenenalter festgelegt wird. Deshalb kann Lyras Begleiter Pantalaimon, kurz Pan gerufen, von der üblichen Hermelingestalt auch rasch mal in die eines Fischs, Vogels oder sonstigen Tiers wechseln. Für solche Kapriolen ist das Kino mit seiner reichen Tricktechnik natürlich ideal.

Aber das Kino hat zu wenig Zeit, zumindest für diese Adaption. Die Verfilmung beruhte auf dem 1995 erschienen Roman „Northern Lights“, der auf Deutsch (und auch in den Vereinigten Staaten) mit „Der goldene Kompass“ betitelt ist, obwohl gar keiner im Buch vorkommt. Das war der erste Band  einer Fantasy-Trilogie namens „His Dark Materials“, die der britische Autor Philip Pullman als bewussten Gegenentwurf zur Trilogie „Die Chroniken von Narnia“ des Amerikaners C.S. Lewis konzipiert, in der ein christliches Religionsideal vertreten wurde. Pullman setzt dagegen eine aufklärerische Haltung, die gegen religiöse Sicherheiten und Autoritäten argumentiert.

Im vergangenen Jahr ist in Frankreich ein Comicalbum namens „Der goldene Kompass“ erschienen, adaptiert von Stéphane Melchior und gezeichnet von Clément Oubrerie, der bislang vor allem für seine Zusammenarbeit mit Marguerite Abouet an dem sechsteiligen Comic „Aya“ über die Erlebnisse einer jungen Ivorerin in deren Heimat an der Elfenbeinküste bekanntgeworden ist. Im Auftaktband zu „Der goldene Kompass“, der prompt beim Comicfestival von Angoulême im Januar als beste Jugendpublikation ausgezeichnet wurde. Carlsen, auch deutsche Heimat der Pullman-Bücher, hat den Band jetzt bereits übersetzen lassen, eine Leseprobe findet sich hier: http://www.carlsen.de/softcover/der-goldene-kompass-comic-band-1/58060.

Die Begeisterung der Jury von Angoulême wie auch Philip Pullmans selbst, der vom Verlag mit dem Satz „Ich bin völlig begeistert und alles in allem denke ich, dass dies die beste aller möglichen Adaptionen des Romans ist“ zitiert wird (obwohl er ja erst zwei Versuche zu begutachten hatte), ist schwer nachvollziehbar, wenn es auch ein lesenswerter Comic geworden ist, der äußerst geschickte Farbeffekte zur Stimmungsprägung zu bieten hat. Doch die Verquickung von den Lesern vertrauter englischer Welt und phantastischen Ländern im hohen Norden gelingt hier nicht, weil die opulente Oubreriesche Graphik alles wunderschön und damit sehr ähnlich macht. Auch die geschickt zeitenthobene Handlung von Pullmans Original wird hier durch etliche Details eher auf ein ziemlich exaktes frühes zwanzigstes Jahrhundert festgelegt. Die visuelle Konkretisierung schadet also der phantastischen Erzählweise.

Das ist ein interessantes Phänomen, das sich indes bei vielen Romanadaptionen feststellen lässt, und nicht nur im Comic. Gerade die Verfilmungen leiden darunter, und „Der goldene Kompass“ ist da ein besonders abschreckendes Beispiel, weil unsere eigenen Phantasien von den Interpretationen der Filmemacher (oder eben auch des Comiczeichners) negiert werden. Gegen das Hollywood-Spektakelvehikel ist Melchiors und Oubreries französischer Autorencomic tatsächlich ein Muster an Dezenz, aber beide Versionen verblassen gegenüber dem Anspielungs- und vor allem Assoziationsreichtum von Pullmans Vorlage. Allerdings sind wir mit dem mehr als siebzigseitigen Comic erst bei der Hälfte des Buchs angelangt, vielleicht steigert sich das Gespann also noch. Und vielleicht kommen sie dann irgendwann auch zum zweiten oder gar dritten Band, die Hollywood wohl nicht mehr zu liefern gedenkt, nachdem der Erfolg der Verfilmung von „Der goldene Kompass“ (völlig berechtigt) ausblieb.

11. Mai. 2015
von Andreas Platthaus
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04. Mai. 2015
von Andreas Platthaus
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Mit Mangakräften durchs Eismeer

Jetzt auch Hinstorff. Wer oder was Hinstorff ist? Ein extrem interessanter Rostocker Verlag mit großer DDR-Vergangenheit insofern, als dass damals dort Bücher erscheinen konnten, die es in anderen ostdeutschen Häusern, die näher an oder gar in Ost-Berlin lagen, schwer gehabt häten. Ich sage nur Ulrich Plenzdorfs „Neue Leiden des jungen W.“. Oder denken wir an Jurek Becker, Gert Neumann, Franz Fühmann. Aber Hinstorff ist noch viel älter, gegründet 1831. Und nun, nach 184 Jahren, erscheint der erste Comic des Verlags. Und es ist keine Lizenzausgabe eines ausländischen Erfolgs, sondern eine Eigenproduktion, geschrieben und gezeichnet von einer Debütantin, also ein Wagnis. Schön, dass Hinstorff es eingeht.

Es dürfte sich lohnen. Der Comic heißt „Im Eisland“ und stammt von Kristina Gehrmann, die keine Rostockerin ist, sondern in Hamburg lebt. Hansestadt und Hansestadt verbindet natürlich die Liebe zur Seefahrt, und das heutige Programm von Hinstorff rekrutiert sich zu nicht unwesentlichen Teilen neben Heimatlichem aus Maritimem. Da passt „Im Eisland“ gut rein.

Kristina Gehrmann erzählt darin die Geschichte der Franklin-Expedition. Für Freunde der Polarregion oder Liebhaber großer Entdeckergeschichten muss ich nicht mehr sagen. Für die anderen: Sir John  Franklin leitete 1845 eine aus zwei Schiffen bestehende Expedition aus, die sich in staatlichem Auftrag und mit privaten Geldern finanziert zum Ziel gesetzt hatte, die Nordwestpassage zu finden, also eine Schiffsroute vom Atlantik in den Pazifik oberhalb von Kanada. Die Schiffe verschwanden, und Suchmissionen konnten in den Folgejahren durch einzelne Spuren nur feststellen, dass 1848 die letzten Überlebenden der ursprünglich 134 Mann gestorben waren – verhungert, erfroren, von Krankheiten getötet. Im Herbst 2014 erst wurden in der kanadischen  Victoria Strait Schiffsreste im Meer gefunden, die als eines der beiden Franklin-Schiffe identifiziert werden konnten. Der Expeditionsleiter selbst war schon 1847 gestorben.

Ein großer Stoff also, ein schrecklicher, ein höchst umstrittener zudem, denn schon die ersten Suchexpeditionen hörten von Eingeborenen der Polarregion, dass einzelne Angehörige der Schiffsbesatzungen aus Hunger angefangen hätten, die Leichen ihrer Kollegen zu verspeisen. Das rührte ans Ehrgefühl der Royal Navy, und bis heute ist die Debatte darüber nicht beendet. Gehrmann selbst schreibt auf ihrem Blog „Mondhase“ (http://www.mondhase.com/just-drew-graphic-novel-franklin-expedition/), sie wäre so besessen von all den offenen Fragen um die Franklin-Expedition gewesen, dass sie den Comic einfach zeichnen musste. Respekt, wenn’s stimmt. Denn es sind insgesamt sechshundert Seiten geworden.

Die ersten zweihundert sind nun erschienen, als Band 1 der Trilogie „Im Eisland“. Gehrmann fiktionalisiert das Geschehen an Bord notgedrungen, denn man weiß ja nur anhand einiger aufgefundener Dokumente, was passiert ist, alle Beteiligten starben, bevor einer etwas aus eigenem Erleben hätte berichten können. Im Mittelpunkt des ersten Bandes steht der zwanzigjährige Oberheizer John Torrington, der aus Abenteuerlust und finanziellen Gründen (doppelte Heuer als Gefahrenzulage) mit an Bord ging. Am Ende des Comics ist Torrington tot, als erster der Expedition gestorben an Schwindsucht und Lungenentzündung. Es ist ein wohlkalkulierter Schock, den Gehrman ihren Lesern zum Schluss des ersten Teils verpasst, denn wie das Ganze ausgeht wissen wir ja: Am Ende von Band 3 werden alle tot sein. Dass der vermeintliche Hauptheld schon nach dem erstzen Drittel stirbt, signalisiert, dass es einige Überraschungen geben wird.

„Im Eisland“ ist aufgemacht wie ein Manga (Leseprobe unter https://www.hinstorff.de/modules/pdfreader/uploads/0003bdd95411c413e2d683ec1e6d9e1a.pdf), und Gehrmanns Zeichenstil verdankt der japanischen Erzählweise viel (die Schwarzweiß-Rastertechnik, die oft noch kindlichen Gesichter, die Seitenarchitektur). Das ist aber keinesfalls von Schaden, denn zugleich hat sie auch die akribische Recherche übernommen, die japanische Mangaka betreiben, wenn es um realistische Dekors geht. Für nautisch interessierte Leser dürfte die Lektüre eine reine Freude sein, und mit Hinstorff hatte Kristina Gehrmann eben auch genau den richtigen Verlag dafür. Da könnte ein sehr ungewöhnliches Projekt entstehen, mit dem eine weitere Lücke im deutschen Comicangebot geschlossen wird: die große historische Abenteuererzählung.

Bis zum nächsten Frühjahr soll die Trilogie komplett sein, derzeit arbeitet Gehrmann am Abschlussband. Da wird sie dann wohl die kanadischen Funde vom vergangenen Herbst mit einarbeiten, die im jetzt publizierten Auftakt noch unberücksichtigt blieben. Die Rätsel beginnen sich zu lüften. Doch es wird genug unklar bleiben, dass die Rekonstruktion in diesem Comic weiterhin reizvoll zu lesen bleibt. Und das, was wir wissen, das wird wundervoll in die Handlung integriert – etwa die Bleivergiftung der Matrosen durch Lebensmittelkonserven, die als eine der Ursachen für das Scheitern genannt wird. Das letzte Kapitel des Auftaktbands wird eingeleitet durch die ganzseitige Zeichnung einer Konservenbüchse, ohne dass dazu etwas gesagt würde. Man schaudert.

04. Mai. 2015
von Andreas Platthaus
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27. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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Landlust fühlt sich anders an

Das nenne ich mal eine geschickt gewählte Kategorie: „Landei ist ihr erster abendfüllender Comic“, heißt es im Klappentext zu ebenjenem Band einer Zeichnerin namens Christiane Pieper, die man als Jahrgang 1962 wohl eine Spätdebütierende nennen darf. Das macht aber nichts, denn „Landei“ ist insofern tatsächlich abendfüllend, als man eine ganze Menge fürs Geld geboten bekommt. Und besser als „Graphic Novel“ klingt „abendfüllender Comic“ allemal.

Nur dass der Band bei der sonst eher avantgardistischen Edition Moderne erscheint, irritiert, denn inhaltlich ist dieser Band weitaus näher an „Strizz“ als etwa an „Persepolis“ oder „Der Photograph“. Sprich: Hier geht es vorrangig ums Amüsement. Aber das ist ja nichts Schlechte, im Gegenteil. Und die ähnlich gestaltete Serie „Zürich by Mike“ des 2009 verstorbenen Mike van Audenhove war und ist ja der Bestseller der Edition Moderne – weit vor Jacques  Tardi oder eben auch Marjane Satrapi. Fun  sells.

Dass Christiane Pieper studierte Psychologin ist, merkt man ihrem sublimen Blick auf die Protagonisten einer Bauernfamilie an, in der man rasch die der Zeichnerin erkennt. Alle Zeitangaben des Comics stimmen mit dem Lebenslauf seiner Autorin gegenüber: Sie selbst stand also wohl Modell für die kleine Inga, aus deren Sicht hier erzählt wird. Die Geschichte endet bereits vor dem ersten Schultag, aber es passiert mehr als genug, um die 120 großformatigen Schwarzweißseiten zu füllen. Und wo Zeitschriften wie „Landlust“ riesige Verkaufszahlen erreichen, sollten doch auch genug Interessenten für „Landei“ zu finden sein.

Wobei hier kein idyllisches Landleben porträtiert wird, sondern das ziemlich brutale Dasein eines kleinbäuerlichen Betriebs, dessen Betreiber keine großen Sprünge machen und seiner Frau und den beiden Töchtern (neben Inga noch die etwas ältere Greta) nur eines zuverlässig bieten kann: viel Arbeit. Die Mutter wird darüber auch schwerkrank, aber wer glaubt, hier liefe alles auf aus Kino, Fernsehen und Literatur sattsam bekannte rührselige Entwicklungen hinaus, der unterschätzt den Einfallsreichtum des Lebens und damit auch diesen Comic.

Christiane Pieper verherrlicht ihre Kindheit, aber wer täte das nicht, sofern sich diese nicht mitten im Krieg oder in größtem Elend abgespielt hat – und selbst dann neigen Menschen im Rückblick auf die Unschuld der Jugend noch zur Idealisierung. Sehr subtil wird aber eben immer wieder die Härte des Landlebens miteingeflochten, und trotzdem wird der naiv-euphorische Blick Ingas beibehalten. Dass man sich so konsequent in die Sicht einer Drei- bis Sechsjährigen  hineindenken kann, ist keine Selbstverständlichkeit.

Graphisch ist „Landei“ dagegen weitaus weniger überzeugend (Leseprobe unter http://www.editionmoderne.ch/angebot.php?vl=0&vi=63&vs=282&va=&vsa=&vlp=282&vflip=). Pieper liefert solides Kinderbuchillustrationsmaterial, aber keine wirklich überzeugende Comic-Arbeit ab. Die hätte einen einfallsreicheren Umgang mit der Seitenarchitektur erfordert als nur gelegentliche ganzseitige Bildlösungen . Leider verheißen die ersten fünf Seiten etwas viel Ungewöhnlicheres als das, was dann auf den restlichen 115 folgt. Wenn es doch nur Comic-Lektorate existierten…

Doch gerade, weil es in „Landei“ noch einige Defizite gibt, wünscht man sich einen zweiten Band, denn auch eine Schulzeit in den sechziger Jahren auf dem Land – konkret handelt es sich übrigens um das Bergische Land, und da kenne ich mich kindheitsbedingt aus – dürfte berichtenswert sein und für heutige Leser entweder nostalgische Reminiszenzen oder echte Überraschungen bereithalten. Hoffentlich macht Christiane Pieper also weiter. Dann gern mit mehr Augenmerk auf das, was ein abendfüllender Comic neben einer guten Geschichte auch noch braucht: gute Bilder.

27. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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20. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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Dieser König ist nackt

Vor ein paar Jahren habe ich in Toronto den hochsympathischen homosexuellen Comiczeichner und Illustrator Maurice Vellekoop getroffen. Aus dem großen internationalen Erfolg, den ich für ihn damals voraussah, ist nichts geworden, aber sein Zeichenstil begeistert mich immer noch. Wie er seine eigene Subkultur und deren Ästhetik in Bilder zu fassen versteht, das ist einerseits nostalgisch und doch ungebrochen modern, selbst bei Arbeiten, die schon anderthalb Jahrzehnte auf dem Buckel haben.

Warum erzähle ich von Vellekoop, wo es doch um dessen Berufskollegen Dylan Horrocks gehen soll? Weil mich Horrocks‘ Bilder mehr als die jedes anderen Künstlers in ihrer Qualität an Vellekoop erinnert haben. Zumindest die in seinem jetzt auf Deutsch erschienenen Band „Der König des Mars“. Als Horrocks vor drei Jahren mit dem im englischen Sprachraum längst legendären „Hicksville“ sein spätes deutsches Debüt erlebte, fühlte ich mich vor allem an Dupuy & Berberian erinnert. Auch das eine Empfehlung. Wer es selbst überprüfen will, schaue sich http://hicksvillecomics.com/ an, die Website von Horrocks, auf der sich viel zum neuen Band findet. Denn bei dem, beim „König des Mars“ also, der im Original „Sam Zabel and the Magic Pen“ heißt (weiß der Teufel, was den Redakteuren bei Egmont Graphic Novel da beim Betiteln der Übersetzung durch die Birne gerauscht ist), mit Farbe statt Schwarzweiß und einem zutiefst nostalgischen Setting arbeitet, brüllen mir meine Synapsen zu. Vellekoop! Vellekoop! Und entsprechend begeistert ging ich an die Lektüre.

Dylan Horrocks ist Neuseeländer und nicht homosexuell. Er hat Familie und lebt in Auckland, und wenn man mehr über ihn wissen will, ist es nicht schlecht, sich an Sam Zabel zu halten, den Protagonisten seines neuen Comics. Der ist Comiczeichner, oft mit unbefriedigender Lohnarbeit dabei, die Familie zu ernähren, und ständig auf der Suche nach Möglichkeiten, an jenen Comics weiterzuarbeiten, denen sein Herz eigentlich gehört: eigenen nämlich. Natürlich verbietet sich jede Gleichsetzung zwischen einem Autor und seiner Figur, aber nach allem, was man hört, ist Zabel sehr nahe an seinem Schöpfer Horrocks. Beide teilen sogar die Vorliebe für die frankobelgische Comictradition (und somit war die frühere Dupuy-&-Berberian-Assoziation wohl doch zutreffender).

In „Der König des Mars“ stößt Sam Zabel auf alte neuseeländischen Comichefte der fünfziger Jahre, die ihn auf seltsame Weise mit Haut und Haaren in die Handlung hineinziehen. Da es sich dabei um erotische Science-Fiction-Phantasien handelt (oder das, was man in den Fünfzigern für erotisch hielt), lässt er es sich gern gefallen, fortan selbst im Geschehen mitzuspielen und damit den Lauf der Comicgeschichte, die er eben noch las, zu verändern. Dass sie „Der König des Mars“ heißt wie der Comic, in dem wir davon lesen, wird schlichten Gemütern als gelungene mise en abyme erschienen. Erzähltechnisch ist das aber ein alter Hut: Was Horrocks hier augenzwinkernd anstellt, hat Marc-Antoine Mathieu schon alles weitaus intelligenter durchdekliniert – und Horrocks selbst in „Hicksville“ auch, obwohl das kein Comic war, der in einem Comic spielte.

Kurz: Ich war enttäuscht. Warum? Es wird die Enttäuschung darüber sein, dass nun wieder ein Horrocks-Album erscheint, das selbstreflexiv von der Comicliebe seines Verfassers erzählt. Wobei man bedenken muss, dass „Hicksville“ im Original schon 1998 herauskam, so dass der Abstand zum „König des Mars“ sechzehn Jahre betrug, nicht lediglich drei wie bei den deutschen Übersetzungen. Aber das hilft mir ja nicht, der ich nun mal beide Bücher in enger Abfolge las und dabei eine Masche identifizierte, die mir missfällt.

Und je länger ich mit den 220 Seiten beschäftigt war, desto  mehr missfiel mir. Selbst die Idee mit dem Manga-Mädchen, das plötzlich in einem westlichen Comic auftaucht, hat ja im schlechtesten aller Asterix-Alben, dem 2005 erschienenen Band „Gallien in Gefahr“, schon eine Vorwegnahme erfahren – und was für eine; allein die Erinnerung macht leiden! Immer mehr löste sich für mich auch die Vellekoop-Optik auf. Stattdessen sah ich Einflüsse von Moebius‘  Edena-Zyklus und natürlich all des Trashs der billig produzierten, mit nur einer Zusatzfarbe gedruckten Massencomicware aus den fünfziger Jahren. Auch jeweils für sich schön, aber dieser Stilmix überzeugt nicht, und die anfänglich noch einfallsreiche Seitenarchitektur degeneriert im Laufe der Handlung zum schematischen Wiederkauen des langweiligsten Comicumbruchs der Welt, aus dem Horrocks nur noch selten auszubrechen wagt.

Ja, natürlich ist das alles eine Hommage an jene antiquierte Form, die hier alles in Gang bringt. Aber muss ich verstehen, wie man diese Dinge offenbar derart lieben kann, dass man ihnen überhaupt eine Reverenz erweist? Guilty pleasures hin oder her: Dylan Horrocks kennt ersichtlich mehr als genug großartige Comics, als dass er dem tristen Zeug der traurigsten aller Comicepochen hinterherschmachten müsste. Und nochmal ja: Ich verstehe, dass es sich hier eben wieder um einen zutiefst persönlichen Band handelt, in dem er selbstverständlich machen und lieben und ehren kann, was immer er will. Aber muss es mir deshalb gefallen?

20. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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13. Apr. 2015
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Der Weltkrieg trennt den schlechten Teil vom guten

Es ist eine seltsame Lektüre. Einerseits ist Raymond Briggs einer der prominentesten Illustratoren und Bilderbuchkünstler überhaupt. Der 1934 geborene Brite hat mit „Der Schneemann“ und „When the Wind Blows“ (das allerdings vor allem durch den gleichnamigen Trickfilm weltweit erfolgreich wurde) in den siebziger und achtziger Jahren gleich zwei moderne Klassiker gezeichnet. Und nun erscheint nach siebzehn Jahren auf Deutsch ein Buch, das er 1998 über das Leben seiner Eltern publiziert hat: „Ethel & Ernest“. Das war damals vor der Graphic-Novel-Welle, als autobiographische Stoffe noch selten waren und man ohnehin nicht verwöhnt (oder verstört) war durch experimentelles Erzählen. Heute dagegen wirkt „Ethel & Ernest“ geradezu verschnarcht.

Zumindest die Hälfte des Buchs lang. Denn der Auftakt ist denkbar konventionell. Streng chronologisch läuft eh alles ab, aber die Vorkriegsjahre des Milchmannes Ernest und des Hausmädchens Ethel (das seine Beschäftigung mit der Heirat 1928 sofort aufgibt) sind derart absehbar erzählt in den Schwierigkeiten, die ein Paar am unteren Rande der sozialen Schichtung in England eben hat, dass man versucht ist, die Lektüre aufzugeben. Dazu trägt auch der sehr statische Zeichenstil von Briggs auf, der in Bilderbüchern weitaus besser aufgehoben ist als in Comics (Leseprobe, leider nur vom Anfang, hier: http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/ethel-ernest/).

Aber dann bricht der Zweite Weltkrieg ins friedliche Großbritannien ein, London leidet unter dem „Blitz“ der Nazis, und nach dem Ende der Kampfhandlungen ist die Welt eine andere, gerade auch im Vereinigten Königreich. Was Briggs nun meisterhaft gelingt ist das Porträt eines alternden Paares, das von den Entwicklungen der Gesellschaft, der Technik oder auch nur der des eigenen Sohnes einfach überfordert ist. Im Grunde bleiben Ethel und Ernest Vorkriegsexistenzen, und gerade die früher eher aufgeschlossene Ethel entwickelt sich zur großen Skeptikerin gegenüber jeder Veränderung des Gewohnten. Es mag ja daran liegen, dass Raymond Briggs selbst erst die Nachkriegszeit mit dem abgeklärteren Blick eines Erwachsenen begleitet hat und irgendwann auch das Familienheim verließ, so dass ihm nunmehrige Veränderungen seiner Eltern leichter auffielen als in jenen Jahren, als man noch zu dritt zusammenlebte, aber eine solche Befreiung innerhalb derselben Geschichte habe ich in kaum einem anderen Comic erlebt. Es ist, als hätte Briggs die eigenen  Geschichte durchgelüftet, obwohl sich die Welt einer Eltern immer mehr verengt

Plötzlich ist die Geschichte witzig, auch politisch und sogar melancholisch in einer Weise, die nie etwas Rührseliges hat, sondern immer neu Stimmungen zu erzeugen weiß, für die man Briggs bewundern muss. Viel konsequenter als in der ersten Hälfte setzt er in dem kleinformatigen Band nun auch die ihm vertraute Bilderbuchästhetik ein: zum Beispiel lange Dialoge als reine Textpassagen unter einem Einzelbild. Dadurch bekommen seine Eltern paradoxerweise eine größere Anschaulichkeit als in den unverändert eher unbewegten Bildern selbst. Erst ganz am Schluss, bei der Schilderung des Todes erst der Mutter und nur wenig später dem des Vaters im Jahr 1971 greift die innere Beteiligung von Briggs offensichtlich auf seine Bilder über, und ihm gelingen grandiose Bilderfindungen, die Trauer und Altersschwäche spürbar machen, ohne dass darüber gesprochen werden müsste.

Was den Berliner Reprodukt Verlag dazu gebracht hat, diesen Band nach mehr als anderthalb Jahrzehnten doch noch ins Deutsche zu bringen, bleibt dennoch unerfindlich. Es ist ja nicht so, dass die fremdsprachigen Stammzeichner des Verlags nicht genügend neue Titel publizierten, und in letzter Zeit musste das Programm dieses ambitioniertesten einheimischen Comicverlags ohnehin etwas ausgedünnt werden. Dann mit einem Band wie „Ethel & Ernest“ zu kommen, ist nur aus der ständigen Verführung zu erklären, die das Zauberwort „Graphic Novel“ offenbar auf Verlage und Handel ausübt. Format, Erzählweise und Thema von Briggs‘ Buch passen einfach zu perfekt ins Schema dessen, was man von diesem Genre zu erwarten meint. Aber genau das macht den Comic anfangs auch tatsächlich so erwartbar. Geradezu verblüffend, dass er sich dann so souverän noch selbst befreit.

13. Apr. 2015
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06. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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Gott trägt gern Streifen

Vor fünf Jahren erschien im Zwerchfellverlag, einem jener deutschen Comicverlage, die vor allem durch Selbstausbeutung die Publikation schöner Bücher ermöglichen, einen kleinen Band namens „Die Zeit und Gott“. Ich habe ihn damals gelesen und beiseite gelegt. Das war dumm. Jetzt ist er neu aufgelegt worden, und zugleich ist ein weiterer Comic namens „Das Nichts und Gott“ erschienen. Ich habe beide gelesen und bin begeistert. Denn sie sind klug.

Geschrieben und gezeichnet sind sie von Aike Arndt, einem nach fünf Jahren Wartezeit auf Renegatenleser nicht mehr ganz so jungen Künstler (mittlerweile fünfunddreißig) aus Münster, der im biographischen Hinweis des zweiten Bandes über sich selbst sagt: „Er gilt als der beste deutschsprachige Comiczeichner in seiner ganzen WG.“ Er ist aber auch, wie man auf seiner Website http://www.aikearndt.de/ lernt, ein wunderbarer Trickfilmzeichner, dessen auch schon neun Jahre alte Animation „Styx“ zum Komischsten gehört, was dieses Metier in Deutschland hervorgebracht hat.

Seine beiden Comics allerdings sind noch komischer. Warum ich das nicht schon vor fünf Jahren gemerkt habe, ist rätselhaft. Ich könnte mich damit herausreden, dass „Die Zeit und Gott“ wirklich Zeit brauchte, um zu wirken, aber das ist albern (was Aike Arndts Comics nie sind), denn beim zweiten Versuch zündete der Humor sofort, auch beim zweiten Band. Es sind großartig witzige Comics, wie sie in Frankreich jemand wie Lewis Trondheim oder Manu Larcenet in seinen guten Momenten zustande bringt. Und in Deutschland derzeit fast niemand sonst.

Schon die Schöpfungsgeschichte auf der ersten Seite! Weil es zunächst nichts gab (oder besser geschrieben: Nichts), machte niemand dem DHL-Boten die Tür auf. Daraufhin stellte er das mitgebrachte Paket ab, und erst als der darin verpackte kleine Elefant zu trompeten anfängt, erwachte das Universum. Anders möchte man sich die Entstehung des Seins künftig nicht mehr vorstellen.

Wobei wir alles natürlich Gott verdanken. Den zeichnet Arndt als eher pummelige Gestalt mit kleinem Kopf und immergleichem gestreiften Pullover – mit einem Wort: Arndt lässt Gott einen guten Mann sein (bisweilen auch eine Frau). Der/die auch Humor beweist. So zum Beispiel, wenn er von seinen Autofahrten durch Südeuropa berichtet, wo die Leute ihm beim Aussteigen immer zurufen: „Deus ex macchina“. Nun, das ist wohl doch etwas albern. Aber eben auch sehr komisch.

Vor allem, weil Aike Arndt die Kunst der reduzierten Zeichnung beherrscht: Mit wenigen Linien wird ausdrucksstark erzählt. Immer schwarzweiß, bisweilen auf grau getönten Seiten, wie man es früher mal bei den wunderbaren Mose-Comics des Münchners Steffen Haas sehen konnte, die überhaupt das Einzige sind, was hierzulande einen Vergleich mit Aike Arndts göttlichen Komödien aushält. Aber Arndts Gott treiben im Gegensatz zur vor allem trinkfreudigen Maus Mose gravierende Themen um wie die Frage, warum die Sonne nicht scheint (weil der Christopher gestern seinen Teller nicht leer gegessen hat), wie man querulatorische Menschen loswird (man droht ihnen die Streichung von Kapitalismus, Eigentum, Privatvermögen und Schweizer Konten an) oder wie er auf die Cloud gekommen ist (ein Hacker-Pastor hat ihn runtergeladen und dort gespeichert).

Der Charme der Sache ergibt sich aus der Scheinnaivität Gottes und anderen höherer Wesen sowie der echten Naivität der Menschen, bei denen Aike Arndt meist selbst als Figur auftritt. Es wimmelt vor reizenden Details wie etwa dem leisen Spott über in Wirklichkeit viel erfolgreichere Comicverlage als Zwerchfell, die aber hier vor Neid erblassen, wenn sie den Erfolg der Gottescomics von Arndt sehen. Ach, wäre es doch so! Im dritten Teil, der hoffentlich nicht wieder fünf Jahre auf sich warten lassen möge und mit einiger Wahrscheinlichkeit „Das Sein und Gott“ heißen wird, sollte sich Arndts Gott die Theodizeefrage stellen: Wie kann eine göttliche Schöpfung (diese Comics) derart ihren Zweck verfehlen (erfolgreich zu sein)? Oder wir leben dann doch in der besten aller möglichen Welten, in der diese Comics die verdiente Beachtung finden.

06. Apr. 2015
von Andreas Platthaus
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30. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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Lieben Sie Mendelssohns?

Wer den Namen Mendelssohn hört, der denkt an Moses und Felix, vielleicht noch an Fanny, die Schwester des Letzteren, eine gleichfalls sehr begabte Komponistin. Doch das reicht nicht, denn die Familie Mendelssohn ist überreich an bedeutenden Persönlichkeiten gewesen, und gerade die aus der zweiten Reihe der öffentlichen Aufmerksamkeit sind unserer Beachtung besonders wert.

Vor zehn Jahren bekam man als Comicleser einen Vorgeschmack davon, als Elke Steiner einen schmalen Band mit dem Titel „Die anderen Mendelssohns“ herausbrachte. Ihr Gegenstand: Dorothea Schlegel, die berühmte Romantikerin, die aber auch Tochter des Philosophen Moses Mendelssohn war, und Arnold Mendelssohn, ein Enkel von Moses und Cousin von Felix Mendelssohn Bartholdy. Beide einte, dass sie im Widerstreit mit der Gesellschaft standen, Dorothea als emanzipierte Frau, die zwischen zwei Männern und damit quer zur Moralvorstellung ihrer Zeit stand, Arnold als politischer Kopf, der in Preußen keine Zukunft mehr sah. Auf nur fünfzig Seiten erzählte Elke Steiner nach einer Idee des Publizisten Thomas Lackmann diese beiden Lebensläufe. Anders als kursorisch konnte das nicht werden.

Nun ist ein weiterer Comic aus ihrer Feder über einen unbekannten Mendelssohn erschienen, und für diesen Karl Mendelssohn Bartholdy , den ältesten Sohn von Felix, hat sie sich diesmal gleich 125 Seiten Platz genommen. Ein Segen, dass dieses faszinierende Leben sie von dem bereits 2004 angekündigten Plan abbrachte, wieder mehrere Personen in einem Band zusammenzufassen; damals war neben Karls Schicksal auch noch das von Eleonora und Francesco von Mendelssohn angekündigt, den Ur-Urenkeln von Moses aus der Linie des geadelten Enkels Franz, eines Bankiers. Damit hätte die Geschichte bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts erzählt werden müssen, während Karl Mendelssohn Bartholdy schon 1897 starb, nachdem er mehr als zwanzig Jahre lang als geistig Gestörter in einer Schweizer Anstalt behandelt worden war. Da waren Eleonora und Fancesco noch nicht einmal geboren.

Was ein Glück also, dass Elke Steiner sich anders besonnen hat und nun eine auf einen einzigen Protagonisten konzentrierte Darstellung liefert. Wobei immer noch mehr als genug um ihn herum erzählt werden muss. Vom frühen Tod seiner Eltern etwa, wozu es notwendig ist, die rastlose Lebensführung des damaligen Komponistenstars Felix Mendelssohn Bartholdys zu schildern, der in Berlin und Leipzig wirken, aber in Frankfurt am Main leben wollte – vor dem Bau von entsprechenden Eisenbahnverbindungen. Oder die Karriere seines jüngeren Bruders Paul, der später Mitgründer und Generaldirektor der Agfa werden sollte. Er ist der eigentliche Erzähler von Elke Steiners Buch, denn das schildert die Reise der beiden Brüder Karl und Paul im Jahr 1874 ins schweizerische Königsfelden, wo man Heilung für den depressiven Karl suchte. In ihrer Begleitung ist der Krankenpfleger Thiel, dem Paul Mendelssohn Bartholdy auf der tagelangen Fahrt die Vorgeschichte der Krankheit seines Bruders erzählt.

Das ist ein sehr konventioneller literarischer Trick, der jedoch den Vorzug hat, die extrem persönliche Perspektive zu beglaubigen und doch auch immer wieder zu relativieren, indem Elke Steiner die Farbe von Blaugrau zu Schwarz wechseln lässt, was den Wiedereintritt in  die erzählte Gegenwart signalisiert. Zudem wird mit Thiel eine auf den ersten Blick unauffällige Figur etabliert, die aber als wichtiges Korrektiv zur einseitigen Meinung von Paul dient und Karls Partei einnimmt. Plötzlich wird dieser „andere Mendelssohn“ wiederum anders gesehen, nämlich nicht als gescheiterte Geistesgröße, sondern als immer noch respektabler Mensch. Dadurch bekommt der Begriff Emanzipation, der in so vielfältiger Weise mit der Geschichte dieser deutschjüdisch-protestantischen Familie verbunden ist, eine neue Dimension.

Zeichnerisch hat sich Elke Steiner in mehr als zehn Jahren kaum weiterentwickelt (Leseprobe unter http://www.reprodukt.com/produkt/deutscheautoren/die-anderen-mendelssohns-karl-mendelssohn-bartholdy/). Immer noch wirken ihre dicken Linien unbeholfen, und die dunklen Zusatzfarben kleistern bisweilen subtile Bildkompositionen zu. Da wäre ein neuer Ansatz hilfreich gewesen, aber offenbar zählte die antiquierte Anmutung der Panels mehr als gute Lesbarkeit. Das ist schade, weil es potentielle Leser verprellen wird, obwohl das Publikum durch Comics wie „Gift“ von Barbara Yelin mittlerweile viel besser vorbereitet wäre auf historische Comicstoffe in moderner Erzählweise. Aber der Band zu Karl Mendelssohn Bartholdy kommt alles andere als verlockend daher.

Dennoch bleibt es ein faszinierendes Vorhaben, das Elke Steiner hier weitertreibt. Und die aktuell gewählte Biographie, die vom empfindsamen Sohn des berühmten Komponisten zum erfolgreichen Historiker und dann in den Wahnsinn führt, ist ein mitreißender Stoff. Bisweilen hätten chronologische Hinweise gut getan, aber Elke Steiner setzt auch hier auf einen assoziativen Fluss des Geschehens, für den konkrete Daten irrelevant sind. Immerhin setzt ihr Comic mit einer Jahreszahl ein: 1874, als Karl erstmals in eine Anstalt kommt, in Görlitz. Und das Buch hört mit einer Jahreszahl auf, leider einer falschen. Denn Karl Mendelssohn Bartholdy ist nicht nach 21 Jahren in Königsfelden dort gestorben, sondern nach 23. Eine Kleinigkeit, aber bezeichnend für den Unwillen der Autorin zur historischen Genauigkeit, weil sich darin für Elke Steiner offenbar das Diktat eines gefährlichen Rationalismus verbirgt. Aber dann besser gleich ganz weglassen.

30. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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23. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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Nur nicht unter die Gürtellinie

Das nenne ich Disziplin in Liebesdingen: Im Abstand von jeweils zwei Jahren sind die drei Bände von „Royal Lip Service“ erschienen, Marika Pauls Boys-Love-Manga über ein schwules Paar in Dresden. Das ist kein Genre, dem ich sehr viel Aufmerksamkeit schenke, denn die Zielgruppe sind Mädchen, die sich an schönen Jungenkörpern und schwuler Erotik erfreuen – ein Parallelphänomen zur männlichen Begeisterung für lesbische Liebe, nur deutlich weniger banal sexualisiert. Aber abgesehen davon, dass mich generell sehr interessiert, was deutsche Künstler zeichnen, hat mich auch der Handlungsort Dresden gereizt. Die Stadt kenne ich gut. Und ihr Aussehen passt zu einer romantischen Geschichte.

Wobei „Royal Lip Service“ eher dramatisch als romantisch ist. Erzählt wird von dem norwegischen Kunststudenten Arjen, der an der Dresdner Akademie Malerei studiert. Bald verliebt er sich in den Rockschlagzeuger Victor, doch im Hintergrund lauert Arjens Stiefbruder Anton. Seit den gemeinsamen Kindertagen ist er in Arjen verliebt, und irgendwann kommt er nach Dresden nachgereist. Da sind wir aber schon am Ende des ersten Bandes.

Wobei das ja schon wieder vier Jahre zurückliegt, denn Band 1 erschien bereits 2011 (und nur dazu gibt es eine Leseprobe beim Verlag: http://www.carlsen.de/taschenbuch/royal-lip-service-band-1/25361). Marika Paul ist Jahrgang 1982, also jetzt gerade mal Anfang dreißig, aber angesichts der dynamischen deutschen Mangaszene, die schon begabte Schülerinnen fürs Zeichnen rekrutiert, war sie damals trotzdem eine Spätdebütantin. Die sich zudem Zeit ließ, es aber auch schaffte, den Spannungsbogen über ebenjene vier Jahre zu halten – und damit auch den Verlag (mit Carlsen ja auch nicht irgendwen) bei der Stange.

Viel japanischer, was die Figurengestaltung angeht, als in den Bildern von „Royal Lip Service“ geht es trotz deutschen und norwegischen Protagonisten auch kaum. Das endet allerdings bei den Geräuschwörter, von denen besonders Arjens Herzschlag (DADUMM) ein Leitmotiv durch alle drei Bände abgibt. Etwas nervig sind dagegen Geräusche wie „Gulp“ oder „Grab“ fürs Schlucken und Grabschen. Aber heutzutage muss es ja Englisch sein. Man denkt trotzdem melancholisch an jene Manga, die solche Effekte auf Japanisch ins Bild setzen und dadurch fürs deutsche Publikum meist unleserlich, doch zugleich viel besser sind. Erfreulich skurril dagegen ist in „Royal Lip Service“ die Übernahme der Praxis, Figuren in emotionalen Ausnahmezuständen wie Karikaturen anzulegen. Da hat sich Marika Paul richtig entschieden.

Und Dresden? Erstaunlich up to date. Im neuen Band gibt es einen Blick über Wilsdruffer Straße und Kulturpalast zum Residenzschloss, der genau dem derzeitigen Erscheinungsbild der in permanentem Wiederaufbau befindlichen Innenstadt entspricht (na gut, ohne die Gerüste am Kulturpalast). Die sächsische Landeshauptstadt gibt mit ihrem nachts morbid-ausgestorbenen Zentrum einen geeigneten Hintergrund für die traurigen Teile der Geschichte ab, zumal im Winter, der im dritten Teil den größten Teil der Handlungszeit ausmacht. Die Räume der Kunstakademie auf der Brühlschen Terrasse direkt am Elbufer sind gleichermaßen perfekte Dekors. Und besonders attraktive sowieso. Da betreibt „Royal Lip Service“ sogar noch etwas Stadtmarketing.

Nacktheit wird dezent gezeichnet – wie im Boys-Love-Genre eben üblich; unter die Gürtellinie geht wenig, der Waschbrettbauch ist Trumpf. Und natürlich jeweils ein eher feminin gebauter Knabe, hier selbstverständlich der sensible Künstler Arjen. Dass Marika Paul sich ganz am Ende, im Epilog, der die Handlung noch ein paar Jahre in die Zukunft treibt, tatsächlich einmal full frontal nudity gestattet, ist nur deshalb möglich, weil es da eine burleske Szene zu gestalten gab. Ansonsten wird auch das Alterslabel „16+“ offenbar nicht als ausreichende Warnung betrachtet, weshalb man jede Szene, die verstören könnte, scheut, und in die Nähe von Pornographie will im zeichnerinnendominierten Boys-Love-Genre ohnehin niemand.

Ach ja, was Marika Paul auch gut beherrscht, ist Seitenarchitektur. Wie sie die Panels auf den Taschenbuchseiten gewichtet, das zeugt von sehr durchdachter Arbeit. Ärgerlich dagegen die Graustufen bei Träumen, Visionen oder schlechtem Wetter. Da saufen die feinen Tuschelinien der Zeichnerin im abgedunkelten Papier geradezu ab. Und das ist angesichts des dramatischen Höhepunkts von Band 3 nicht nur graphisch enttäuschend, sondern unfreiwillig frivol.

23. Mrz. 2015
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16. Mrz. 2015
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Obacht! Vorlesespaß

Über eine neue Comicreihe soll hier erzählt werden, aber keine mit Büchern, sondern eine, die vier- oder fünfmal im Jahr an idealerweise wechselnden Orten Comickünstler mit deren neuen Publikationen vorstellen soll. Nicht, dass es solche Präsentationen seit dem breiten Erfolg der Graphic Novels  nicht schon in Buchhandlungen, Literaturhäusern oder Kulturzentren gäbe, aber erst einmal bislang nicht in Frankfurt am Main und dann auch anderswo nicht mit der hier avisierten Regelmäßigkeit.

„Stories + Strips“ ist der Rahmentitel der Reihe, und der Organisator Jakob Hoffmann macht keinen Hehl daraus, dass ihm dafür der Name der Hamburger Spezialbuchhandlung „Strips + Stories“ als Ideenlieferant diente (von denen er aber eine – dann auch freundlich erteilte – Genehmigung erbat). Das passt, weil auch dieser erst seit einigen Jahren etablierte Mittelpunkt der äußerst regen Hamburger Comicszene sich vor allem anspruchsvollen Hervorbringungen widmet und damit perfekt den Erwartungen des durch die Graphic Novels neugewonnenen Publikums entspricht. Es sind oft Hipster, die voller Stolz verkünden, dass sie keine Comic läsen, sondern eben nur Graphic Novels, aber das ist auch das einzig Naive an ihnen.

Zur Premiere der „Stories + Strips“-Reihe fanden sich an die drei Dutzend Interessenten in der Frankfurter Goldstein Galerie (spezialisiert auf Outsider-Art) ein, was den schönen Raum eines ehemaligen Feinkostladens mit Resten gründerzeitlicher Bemalung bis auf den letzten Platz füllte. Einige mussten gar stehen. Da traf es sich gut, dass der erste Gast, die Kanadierin Kate Beaton, gerade erst angekommen und seit 24 Stunden auf den Beinen war, so dass man ihr nicht mehr als eine Stunde zumuten wollte. Ihre Lebendigkeit, die sich vor allem in schallendem Lachen äußerte, legte allerdings Zeugnis davon ab, dass man ihr wohl noch viel mehr hätte zumuten können.

Beaton ist ein relativ junger Star des nordamerikanischen Independent-Comics. Sie wurde 1983 in Cape Breton geboren und lebt heute in Toronto, dem Herz der kanadischen Comicszene. Ihre Serie „Hark! A Vagrant“ hatte ich erst vor zwei Monaten in New York als Sammelband kennengelernt, gelesen, dann aber entschieden, das Buch nicht zu kaufen. Umso überraschender, dass der Zwerchfell-Verlag es kurz danach auf Deutsch herausbrachte, unter dem sehr schönen Titel „Obacht! Lumpenpack“.

Damit wird zwar das Altertümliche des englischen Titels nicht ganz so deutlich wiederholt, aber wenn man von der Zeichnerin Asja Wiegand, die das Lettering der deutschen Ausgabe besorgte, hört, dass die Übersetzung ursprünglich „Die verrückte Geschichte der Geschichte“ heißen sollte, kann man sich nur freuen. Der Grundgedanke des als Webcomics (http://www.harkavagrant.com/) seit 2007 entstandenen Strip-Serie ist einfach: Kate Beaton nimmt aus Geschichte oder Literatur bekanntes Personal und lässt es miteinander Gespräche führen, die in der Wirklichkeit oder den Büchern nicht stattgefunden haben. Dass sie dabei gängige Klischees über die jeweiligen Figuren nutzt, ist selbstverständlich.

Allerdings überzeugte mich bei der Lektüre auch die deutsche Fassung nicht. Vor allem, weil die meisten der sehr kurzen stripartigen Geschichten von Kate Beaton sich auf Phänomene der angelsächsischen Kulturgeschichte, bisweilen gar – ganz schwierig für Europäer – der kanadischen beziehen. Aber auch wenn man etwas gut kennt, Shakespeares Stücke etwa, Jane Austens Romane oder ein paar prominente historische Ereignisse, stellt sich oft ein schales Gefühl ein, weil die Masche so offensichtlich ist – und viele Gags absehbar. Zumal Kate Beaton über ein Talent ganz sicher nicht verfügt: eine Punchline zu liefern. Ihre Strips haben selten einen lustigen Abschluss, eher verlieren sie sich ins Unbestimmte.

Was bei Längen von drei bis acht Bildern auch schon wieder eine Kunst ist. Wie man auch bewundern kann, mit welcher erkennbaren Freude sich die Autorin ihrer Persiflagen annimmt (denn darum handelt es sich, nicht um alternative Geschichts- oder Literaturschreibung). Dass so etwas im Netz in Häppchen ganz hervorragend funktioniert, ist evident, und deshalb sind Website und Tumblr auch die bevorzugten Publikationsorte von Beaton. Wie sie selbst sagt, passte sie 2007 genau den richtigen Moment mit ihrer Idee ab. Doch berühmt über die Netzkreise hinaus wurde sie erst durch die Buchpublikation (und erst seit ihr kann sie von ihrer Kunst auch leben).

In Frankfurt trat die studierte Historikerin im Gespräch mit Jakob Hoffmann mit einer Verve auf, die mitreißend war. Und die Schriftstellerin Alexandra Maxeiner las einige Episoden auf Deutsch mit so großer Begeisterung, dass man fast an seinem mittlerweile zweiten Urteil zweifeln mochte. Eine weitere Überprüfung bestätigte es danach leider abermals. Offenbar ist der Vortrag der Strips aber ein sicherer Weg zum Erfolg, und das dürfte für nicht wenige andere Comics auch gelten. Insofern ist die Etablierung von „Stories + Strips“ ein Segen. Am 21. Mai kommt mit Lewis Trondheim ein Superstar als Gast zur zweiten Ausgabe. Danach ist mit Reinhard Kleist für September ein weiteres Schwergewicht angekündigt, ehe im Oktober die Lokalmatadoren Piwi und Ingo Röhmling anstehen.

Am meisten aber freue ich mich schon auf November, wenn mit dem Franzosen Marc Boutavant ein Illustrator der Extraklasse nach Frankfurt kommen wird. All diese Zeichner genießen meine Bewunderung für ihre Bücher. Wenn dann die Menschen dahinter auch noch überzeugen, ist das besonders schön. Bei Kate Beaton schätze ich jetzt die Person. Vielleicht kommt eines Tages auch ein Comic von ihr, der mich überzeugt.

16. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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09. Mrz. 2015
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Jugendliteratur, wie sie sein soll

Vor fünf Jahren bekam Émile Bravo als erster Comiczeichner den Deutschen Jugendliteraturpreis – für seinen Band „Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen“ (geschrieben von Jean Regnaud). Noch mehr verdient aber hätte er ihn für seine Serie „Pauls fantastische Abenteuer“, die in Frankreich als „Une épatante aventure de Jules“ bereits seit 1999 erscheint uns bislang sechs Alben umfasst. Warum deutsche Verlage fünfzehn Jahre brauchten, um deren Qualität zu erkennen, ist ein Rätsel, aber umso schöner, dass Carlsen sie nun doch noch ins Programm genommen hat und nach dem Debüt 2014 jetzt schon den dritten Band herausbringt: „Beinahe begraben“.

Was ist so bemerkenswert an den Abenteuern des schlaksigen Paul? Dass sie im klassischen Stil eines André Franquin gezeichnet sind, aber in der unmittelbaren Gegenwart spielen und dabei alle Themen aufnehmen, die Jugendliche heute umtreiben. Also Umweltschutz, Zukunftsangst, Drogenmissbrauch und vor allem Sexualität. Pauls Freundin Janet, die er im ersten Band kennen- und liebengelernt hat, bringt ein mädchenhaftes Selbstvertrauen in die Handlung, das im Comic nahezu allein steht. Außer Yves Chalands legendärer Dinah aus der Serie „Freddy Lombard“ (erschienen in den achtziger und frühen neunziger Jahren) gibt es keine vergleichbare Figur, und diese Serie richtete sich klar an Erwachsene. Bravo dagegen hat zuerst diejenigen Leser im Blick, die im Alter seiner Helden sind, also etwa Vierzehn- bis Siebzehnjährige.

Dass dem fünfzigjährigen Franzosen die Hineinversetzung in deren Lebenswelt offenbar spielerisch leicht fällt, macht einen Teil der Qualität seiner Serie aus. Der andere liegt im bereits beschriebenen zeichnerischen Geschick (eine Leseprobe gibt es unter http://www.carlsen.de/softcover/pauls-fantastische-abenteuer-band-3-beinah-begraben/51723), eine in Belgien und Frankreich tiefvertraute Linie zum ästhetischen Leitfaden seiner Bilder zu machen. Und dann ist da die grandiose Verknüpfung von existenziellen Themen – in „Beinahe begraben“ ist es illegale Müllbeseitigung, im zweiten Band „Unverschämt viele Klone“ Gentechnik – mit einem geradezu klassischem Abenteuerschema (eine Gruppe von gegensätzlichen Charakteren, wechselnde Schauplätze, die mal in der Ferne, mal in unbekannten Ecken der Heimat zu finden sind), das die Lektüre auch für Erwachsene fesselnd macht, vor allem, wenn sie Freunde der berühmten französischsprachigen Serie wie „Tim und Struppi“, „Spirou“ oder „Jeff Jordan“ sind.

emila bravo paul

 

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„Pauls fantastische Abenteuer“ halten diese Vergleich aus, weil sie originelle Geschichten erzählen und ihren Witz auf bewährte Weise aus den Marotten der Protagonisten ziehen. Ganz eigen ist Bravos Serie aber ein ironischer Blick auf die Welt der Erwachsenen (grandios ins Deutsche gebracht von Uli Pröfrock, dem derzeit besten Comic-Übersetzer), in der sich gerade auf Führungspositionen die kläglichsten Figuren finden – im aktuellen Band etwa der Bürgermeister des südfranzösischen Orts, wohin Janet, Paul und dessen vorlauter kleiner Bruder Romeo von ihrem erwachsenen Freund Bastien auf eine Höhlenexpedition mitgenommen werden. Was dann passiert, wechselt derart häufig das Thema, das man auch als Leser nicht weniger Überraschungen erlebt als die Protagonisten selbst. Und das man nebenbei erfährt, was Speläologie ist und vor allem, wie sie betrieben wird, ist nicht der kleinste Zugewinn, den dieses Musterbeispiel intelligenter Lektüre für Heranwachsende auch noch bietet. Her mit dem nächsten Deutschen Jugendliteraturpreis für dieses Meisterwerk!

 

09. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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02. Mrz. 2015
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Verfolgungswahn und Mutterliebe

Was Raphaela Buder in ihrem Debütcomic „Die Wurzeln der Lena Siebert“ veranstaltet, ist höchst beachtlich. Zumal er als Bachelor-Abschlussarbeit entstand (in Halle), was normalerweise mehr Freiheiten bedeutet, aber nicht unbedingt der Lesbarkeit zugute kommt. Denn im Studium kann man noch experimentieren, und es bedarf schon eines sehr guten Betreuers, um auch daran zu erinnern, dass man mit dieser Form ein erzählerisches Medium gewählt hat, nicht nur ein graphisches.

Dass der Comic so gut wurde, verdankt sich also neben der Autorin auch dem Betreuer; in Halle dürfte es sich um Atak gehandelt haben. Dass „Die Wurzeln der Lena Siebert“ dann noch den Afkat-Preis gewann, ist eine schöne Pointe: Atak meets Afkat. Ersterer ist der Berliner Comiczeichner Georg Barber, der seit einigen Jahren als Professor in Halle immer neue Talente hervorbringt, Letzterer ist der zum dritten Mal ausgeschriebene Comicförderpreis der Hamburger Rechtsanwaltskanzle Dr. Bahr, mit dem eine Publikation beim Mairisch Verlag verbunden ist. So kann können jetzt alle „Die Wurzeln der Lena Siebert“ lesen.

Und das sollte man tun, denn Raphaela Buder gelingt etwas sehr Schwieriges, was so einfach aussieht: die Perspektive eines Kindes. Die Titelheldin ihres Comics ist noch im Kindergartenalter und wohnt als Einzelkind bei ihrer alleinerziehenden Mutter. Die leidet unter Verfolgungswahn und sieht die Welt in der Hand von Scientologen, weshalb sie auch der Tochter Angst davor einimpft. Der seltsame Traum von Frau Siebert: mit Lena nach Amerika auswandern. Als ob es dort weniger Scientologen gäbe.

Aber die Plausibilität eines Wahnsystems spielt keine Rolle. Zentral für die Geschichte ist die Unfähigkeit der Mutter, ihrer Tochter eine Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen. Privat dagegen läuft alles bestens; Frau Siebert liebt Lena abgöttisch, und umso tragischer ist ihr Scheitern am sonstigen Leben, das sie schließlich in eine geschlossene Anstalt bringt. Lena wird vom Jugendamt zu Pflegeeltern gegeben.

Hier könnte nun ein Drama inszeniert werden, aber das Ehepaar kümmerst sich hingebungsvoll um das Mädchen. Sogar die Einschulung gelingt, obwohl Frau Siebert ihre Tochter gerade von den Lehrern immer besonders gewarnt hatte. Gleichzeitig aber bleibt Lenas Erinnerung an die liebevolle Mutter wach. Und so lässt sie sich gern darauf ein, diese zu begleiten, als sie eines Tages vor der Schule auftaucht und die Tochter einfach mitnimmt. Es geht ans Meer, du ndas Fernziel heißt immer noch Amerika.

Mehr zu erzählen, wäre schädlich, denn Raphaela Buder gelingt es meisterhaft, bei der Lektüre Unsicherheit, Mitgefühl und Freude in ständigem Wechsel zu erzeugen. Zu der kindlichen Perspektive passen die in Bleistiftschraffur mit weiß belassenen Konturen angelegten Panels (ein paar Seiten sind auf der Homepage der Autorin zu sehen: http://www.raphaelabuder.blogspot.de/search/label/COMIC), die nach allen Seiten hin offen sind – Entsprechung der Beeinflussbarkeit eines kleinen Mädchens. Gelegentlich wird eine andere Erzählperspektive eingenommen, etwa, wenn ein Gespräch zwischen den Pflegeeltern gezeichnet wird, das Lena nicht mithört. Doch es ist das Mädchen, das konsequent im Mittelpunkt der Handlung steht.

Alles Überflüssige hat Raphaela Buder aus ihrer 120 Seiten umfassenden Geschichte entfernt. Wo sie spielt ist egal, die Dekors sprechen für eine mittelgroße Stadt. Das Figurenensemble beschränkt sich auf ein rundes Dutzend Akteure, nur wenn nötig, treten ein paar Passanten dazu. Und besonders schön ist die Flucht von Mutter und Tochter ans Meer inszeniert, wie ein Märchen im tristen Alltag.

Welcher andere Comic zöge aus der Ambivalenz seiner Figuren eine solche erzählerische Stärke? Und dass Raphaele Buder als Autorin durchaus auch auf Seiten der geisteskranken Mutter steht, zeigt die Wahl des Titel: Ohne das Wahnsystem, aber auch ohne die Liebe von Frau Siebert wäre Lena wurzellos. Wurzeln kann man nicht entwachsen. Aber was daraus entsteht, das liegt in den Händen der Verwurzelten und derer, die ihr beim Aufwachsen helfen. Ein weiser Comic. Ein schöner sowieso.

 

02. Mrz. 2015
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23. Feb. 2015
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Der Junge aus der Mondfamilie

Wo hat Joey nur seinen Kopf? Das fragen sich alle, die Eltern, die Klassenkameraden und die Lehrer. Und die Leser von Andrew Raes Comic „Moonhead and the Music Machine“. Denn dessen Hauptfigur, eben Joey, lässt beim Aufwachen erst einmal seinen Kopf auf dem Kissen liegen und geht kopflos zur Schule. Aber seltsam genug: Das scheint niemanden zu wundern.

Es ist eine wunderbare Idee von Rae, eine Redensart wörtlich zu nehmen und seinen Joey in den Momenten, in denen er träumt, ohne Kopf zu zeichnen. Wobei dieser Kopf alles andere als normal ist, selbst wenn er wieder zu Joey stößt. Denn es ist ein Mondkopf, riesig, blass, mit einem Mondgesicht darauf und immer ein paar Zentimeter über dem restlichen Körper schwebend. So kennzeichnet Rae seinen Protagonisten auch noch als Außenseiter in der Schule, und wenn man zum ersten Mal die Köpfe von Joeys Eltern sieht (was spät geschieht), dann weiß man, dass dieser Junge ein Außenseiter durch Abstammung ist. „Moonhead“ kann man also ruhig als ein Gesellschaftsporträt lesen. (Und sich hier ansehen, inklusive Musikvideo: http://www.andrewrae.org.uk/Moonhead-and-the-Music-Machine)

Ein britisches natürlich, wie die Schuluniformen und etliche andere Details verraten. Erschienen ist Raes Comic nämlich beim englischen Nobrow-Verlag, ins Französische übersetzt ist er aber auch schon, und eine deutsche Fassung dürfte wohl nicht lange auf sich warten lassen, denn der Band hat alles, was einen internationalen Comicerfolg erleichtert: klare Graphik, Graphic-Novel-Format und vor allem eine Handlung, die in vielen Kulturkreisen angesiedelt sein kann.

Denn Probleme mit ihren Mitschülern, Lehrern und Eltern dürfte wohl die meisten Jugendlichen haben, und viele werden auch den Ausweg erträumen, auf den der gehänselte und schikanierte Joey hofft: eine Karriere als Rockmusiker. In einer hinreißenden Sequenz zeichnet Andrew Rae die Plattencover der Alben, die der Junge sich während eines Hausarrests anhört: alles Parodien von realen Stars wie den Beatles, Cream, Captain Beefheart, Michael Jackson, Martha Reeves and the Vendellas und etlichen mehr. Etliche davon haben übrigens auch Mondköpfe.

Joey baut sich ein Instrument, die „music machine“ aus dem Titel. Doch es bringt nur Misstöne hervor. Bis er einen Mitschüler trifft: Ghostboy, der genauso aussieht, wie sein Name lautet. Der beherrscht das neue Instrument perfekt, weil er aber scheu ist, spielt er es bei einem gemeinsamen Auftritt zwar, doch lässt die begeisterten Mitschüler glauben, dass Joey der Urheber des Wohlklangs ist. Wieder hat Rae zur Visualisierung des Erfolgs eine großartige Idee: Er zeichnet Doppelseiten, die man hochkant betrachten, das Buch also querlegen muss, und darauf wird die Musik in psychedelische Farbmuster umgesetzt, die das Publikum in die phantastischsten Kreaturen verwandeln.

Am Tag darauf ist Joey plötzlich der Beliebteste von allen, und etliche Mitschüler haben sich in ähnliche Sonderlinge wie er verwandelt – die Schule, wie Rae sie nun zeichnet, gleicht einer Freakshow. Die Einzige, die vorher zu ihm gehalten hat, das Mädchen Sockets, sieht sich allerdings nun vernachlässigt, weil Joey die neue Gunst der anderen genießt und sie darüber vergisst. Das wird sich rächen.

Es ist also eine durchaus moralische Geschichte, die Andrew Rae erzählt, und durch die konsequent eingesetzte Verfremdung der Akteure mittels Symbolen wie dem Mond oder dem Gespenst wird es auch eine allegorische. Dass sich am Schluss alles zum Wunderbarsten fügt, mag man unrealistisch nennen, aber Rae folgt damit konsequent den Traditionen solcher Außenseiterromane für Jugendliche. Und wie er am Schluss  den geheimnisvollen Ghostboy entschlüsselt und jedem Schüler einen eigenen solchen Helfer zuordnet, der jeweils nur durch anderes Schuhwerk individualisiert ist, das ist im Idiom der Comics so grandios gelöst, dass man dem Band die süßliche Harmonie gern nachsieht. Und überhaupt: Happy Endings sind ja auch mal schön.

23. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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17. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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Der Schimmel über Berlin

Ist es gestattet, einmal ein guilty pleasure vorzustellen, eine jener meist verschwiegenen Vorlieben, die sich nicht mit den Erwartungen decken, die Leser an meine Lektüren haben könnten? Ja, wenn das einmal geduldet sein soll, so möge diese Offenbarung dem Berliner Zeichner OL gelten, und speziell seiner Cartoonserie „Cosmoprolet“, die seit 2006 im zweiwöchentlich erscheinenden Stadtmagazin „tip“ erscheint.

Glücklicherweise gibt es beim Lappan Verlag mittlerweile schon zwei schöne querformatige Sammelbände mit den einzelnen Folgen, denn im Kontext lesen sich die jeweils aus nur einem Bild bestehenden Episoden noch besser (wer sich mal etwas davon ansehen will, muss einen Umweg gehen: über OLs eigene Website, auf der er Originale zum Kauf anbietet: http://shop.ol-cartoon.de/Originale-oxid/. Da sind auch „Cosmoprolet“-Folgen dabei, und nur hier kann man sie sich durch Anklicken schön groß darstellen lassen). Der zweite ist gerade erschienen, und er sollte nicht nur für mich Pflichtlektüre sein.

Worum geht es? Um Berlin und um Cosmoprolet, einen meist stummen Mann im klassischen Superheldenkostüm – blauer Anzug, roter Umhang, Augenmaske –, der auf jedem Bild auftaucht (manchmal relativ schwer zu identifizieren, aber das macht den Reiz aus), jedoch nur selten das Geschehen bestimmt. Dieser Superheld ohne erkennbare Superkraft ist vielmehr eine Art Flaneur, und den größten Einfluss auf OLs Szenen hat er als Gesprächspartner anderer Figuren, die dem armen Mann ein Ohr abkauen.

Was also bestenfalls mittelgründig als Superhelden-Comic-Strip gelten, ist vorder- wie hintergründig ein Berlin-Cartoon. Denn der gebürtige Berliner OL nimmt die Stadt nicht nur als Dekor (in extrem akribisch gezeichneten Szenerien, die man alle in der Wirklichkeit wiederfinden kann, wenn man das wollte), sondern auch als Akteur – in Form ihrer Bewohner. Hier bekommen die Berliner freien Auslauf in ihrer Wurschtigkeit, ihrem Witz, ihrer Wichtigkeit und ihrer Widerborstigkeit. Und so manches Hauptstadt- oder Metropolenspezifikum wird hier gesondert veralbert, so etwa die zahlreichen Dreharbeiten in der Stadt oder die Demonstrationsvielfalt. Oder auch der Niedergang von Hertha BSC, ein Gag, den man leider jedes Jahr mit neuer Aktualität abdrucken könnte.

Was diesen Olaf Schwarzbach (wie OL bürgerlich heißt) auszeichnet, ist seine Zeichnungskunst. Früher, in den Neunzigern, als er berühmt wurde, hatte er grandios verzerrte Protagonisten, die das Proletentum in jeder Hinsicht kultivierten: in Aussehen, Verhalten, Wortwahl. Mit seinen jüngeren gezeichneten Berlinsatiren, zu denen neben „Cosmoprolet“ auch „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ gehören (letztere in der „Berliner Zeitung“), hat er sich aber ein Feld als Stadtchronist erschlossen, auf dem er sich graphisch milde tummelt. Seine Figuren haben den simplen Strich eines Bosc oder noch passender Avril (vor allem in Kombination mit der Begeisterung für den Stadtraum), und gleichzeitig hat er sich doch die Drastik zumindest im Humor bewahrt. Und in der Bosheit, mit der er uns uns, wenn denn die Wahl dazu besteht, gewiss nicht das himmlische, sondern das schimmelige Berlin präsentiert.

Ich merke gerade: Bei OLs „Cosmoprolet“ handelt es sich gar nicht um ein guilty pleasure. Sondern um ein reines Vergnügen, auf das wir stolz sein können: dass es so etwas Witziges gibt.

 

17. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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