Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

12. Nov. 2018
von Andreas Platthaus
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Was machen die Mädchen?

Für einen Comic namens „Girlsplaining“ mag man sich als Mann nicht gerne für zuständig erklären: Entweder wird man als kenntnislos oder als übergriffig eingeschätzt. Aber da ich Katja Klengels Karriere als Comic-Autorin schon lange verfolge, soll mir das egal sein. Zumal die Publikation eines solchen Bands beim Reprodukt Verlag auch Zeichen dafür ist, dass man dort den Markt genau beobachtet, denn der Riesenerfolg, den die Konkurrenz von Avant mit Liv Strömquists feministischem Comic „Ursprung der Welt“ hatte, dürfte Lücken im eigenen Sortiment aufgedeckt haben. Wobei Katja Klengel keine gesellschaftspolitische Agenda verfolgt.

Die mittlerweile in Berlin lebende Jenenserin habe ich erstmals vor mehr als zehn Jahren kennengelernt, als sie und ihre Kollegin Olivia Vieweg als Gäste in einer von mir geleiteten Übung im Fach Medienwissenschaften an der Universität Jena saßen. Das Thema lautete „Geschichte der Comics“, die beiden jungen Frauen waren durch die Manga-Welle zu begeisterten Zeichnerinnen geworden und wollten nun ihre historischen Kenntnisse des Fachs vertiefen. Ob ich ihre Erwartungen als Dozent erfüllt habe, weiß ich nicht, aber da mich beide ein paar Jahre später als Redner auf ihre erste gemeinsame Ausstellung einluden, wird es nicht ganz katastrophal gewesen sein. Die Ausstellung fand in Gera statt, und was man da bereits erkennen konnte, war das immense Talent beider Zeichnerinnen.

Erste Publikationen hatten sie damals auch schon zu verzeichnen, und Olivia Vieweg nahm einen rasanten Aufstieg – ihr kürzlich bei Carlsen in erweiterter Form erschienener Comic „Endzeit“ ist fürs Fernsehen verfilmt worden, und mit ihrer Adaption von Mark Twains „Huckleberry Finn“ (Suhrkamp), dessen Handlung sie in die Gegenwart und vom Mississippi an die Saale verlegte, bewies sie großes Aktualisierungsgeschick. Aber um Vieweg soll es hier ja nicht gehen, sondern um Klengel, die langsamer begann, aber mit ihrem Blog „Blattonisch“ wunderbare autobiographische Bildgeschichten erzählte und für die F.A.Z. 2012 einen täglichen Fortsetzungscomic zeichnete: „Als ich so alt war“, auch er an eigenen Erfahrungen der damals noch in Dresden lebenden Klengel orientiert.

Bisher ist er noch nicht als Buch erschienen, und ich gebe zu, dass ich, als ruchbar wurde, dass es bald einen Comic von Katja Klengel geben würde, darauf spekuliert hatte, es würde die schöne generationenübergreifende Frauengeschichte aus Dresden. Allerdings hätte man die nur mit Einschränkungen „Girlsplaining“ nennen können, auch wenn das Alter Ego der Zeichnerin in „Als ich so alt war“ einiges durch das Vorbild ihrer Großmutter lernt. Aber das, was wir nun haben, knüpft eher an „Blattonisch“ an: Klengel erzählt in sieben Kapiteln autobiographisch vom Erwachsenwerden einer jungen Frau. Eine Leseprobe gibt es hier: https://www.reprodukt.com/produkt/comics/girlsplaining/.

Das sechste Kapitel heißt „Viva la Vulva“ und dürfte am ehesten einem Publikum gefallen, das mit Strömquist aus Thema Weiblichkeit im Comic herangeführt worden ist. Die anderen Abschnitte in „Girlsplaining“ sind aber nicht weder explizit und offen, wobei niemand erwarten sollte, hier ginge es freizügig, also erotisch oder gar pornographisch, zu. Klengel versteht ihren Band als Erfahrungsvermittlung für junge Frauen – eine Gruppe, die deutsche Comicverlage spät, aber nun endlich doch als attraktives Zielpublikum ausgemacht haben. Dass der Band mit rosa Zusatzfarbe koloriert ist, darf man schon als Augenzwinkern der Zeichnerin deuten, und dass die Vorsatzpapiere auf acht Reihen 160 Vulvenansichten bieten genauso. Denn erst einmal erscheint diese Ansammlung als Ornament – wie es der Bilderbuchillustrator Nikolaus Heidelbach mit ähnlichen Motiven in seinen Zeichnungen diverse Male vorgemacht hat.

Manches ist langjährigen Klengel-Lesern tief vertraut, etwa ihre Begeisterung für die Science-Fiction-Fernsehserie „Star Trek“. Man kennt auch einige Situationen durch verwandte Schilderunten im Blog. Übrigens ist „Girlsplaining“ weniger Comic als Bilderbuch, denn meist findet sich nur eine Illustration pro Seite; allerdings sind Sprechblasen die häufigste Textform.

Und was hat man nun als Mann davon? Jedes „Girlsplaining“ ist selbstverständlich auch „Mansplaining“, wenn auch der Fokus von Zeichnerin und Verlag eindeutig auf Leserinnen liegt. Amüsantes hat Klengel immer zu bieten, Offensives auch, was das Geschlechterverhältnis und Gesellschaftsgerechtigkeit angeht. Und ihr immer noch vom Manga-Stil mitgeprägte Personenzeichnung ist weiterhin originell. Und jetzt bitte der große Durchbruch auch für sie!

 

 

12. Nov. 2018
von Andreas Platthaus
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06. Nov. 2018
von Andreas Platthaus
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Architektur in Wirklichkeit und im Comic

Erst einmal diesen Link aufrufen: https://www.editionmoderne.ch/de/68/Harari/325/der-magnet.html, und dann nur ja nicht direkt die Leseprobe anwählen, sondern nur das Umschlagbild auf sich wirken lassen. Viel schöner kann ein Comic nicht aussehen als Lucas Hararis „Der Magnet“ – als wollte er mit dem Titel der Geschichte auch die Anziehungskraft seines Covers beschwören. Das zeigt einen nächtlichen Badegast in der Therme des schweizerischen Alpenorts Vals, und dieses Gebäude ist weltberühmt, weil es von Peter Zumthor entworfen wurde, dem größten lebenden Architekten. Gemeinsam mit der Bergkulisse im Hintergrund gibt die charakteristische Architektur der Therme eine Szenerie ab, in die man sofort selbst reisen möchte. Oder zumindest den Comic aufschlagen, um von dessen Erzählung dorthin entführt zu werden.

Tun Sie es nicht! Denn die Geschichte taugt nicht viel. Belassen Sie es beim Titelbild, kaufen Sie auch gerne das Buch, um es frontal ins Regal zu stellen. Als Objekt überzeugt es, als Comic nicht. Und wenn Sie dann doch schwach werden, können Sie sich damit trösten, dass es Ihnen geht wie etlichen Rezensenten dieses Bandes, die genauso bezaubert waren vom Aussehen des Comics. Aber lesen Sie genauer als diese! Denn auch die meisten bisherigen Lobesarien auf den Band taugen nichts. Sie sind bildbesoffen.

Ja, Harari kann zeichnen (wobei er etwas zu sehr in Richtung Charles Burns schielt). Aber nicht erzählen. Seine mystische Geschichte im mythischen Bad des Peter Zumthor lebt nur durch den Schauplatz, ansonsten ist sie mausetot. Wir wandeln mit dem gescheiterten Pariser Architekturstudenten Pierre durch die Räume und Becken der Anlage, und das mag den sündteuren Aufenthalt dort virtuell ersetzen. Doch die Motivation für Pierres Besuch in der Schweiz ist so erkünstelt, dass man sich fragt, was Harari geritten haben mag, als ihm diese Geschichte einfiel. Man muss fürchten, das etwas Autobiographisches mit drinsteckt, denn das Leben schreibt manchmal auch die schlechtesten Geschichten. Öfter übrigens als die besten.

Ich habe „Der Magnet“ gelesen, aber ich mag die Handlung nicht nacherzählen, es ist zu krude. Einen Einwand gegen den Comic will ich jedoch noch anbringen, weil er mir nicht eine Frage persönlichen Geschmacks zu sein scheint, sondern fundamental und objektiv: Die Seitenarchitektur von Lucas Harari ist so einfallslos, dass man gerade im Vergleich mit der Zumthor-Kulisse leidet. Denn Harari setzte seine Bilder zu massiven Blöcken zusammen, keine Abstände dazwischen, eine kompakte Masse an Zeichnung. So hat man Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Zeitungscomics gezeichnet, und es gibt gute Gründe, dass damit bald Schluss war. Der Zwischenraum ist ein narratives Prinzip im Comic, wie kein Geringerer als Frank King in seinem Strip „Gasoline Alley“ 1920 und 1921 eindrucksvoll zeichnerisch ausgeführt und kein Geringerer als Scott McCloud in seinem Grundlagenwerk „Understanding Comics“ dann theoretisch-graphisch unterfüttert hat. Ein Verzicht sollte wohlbegründet sein. Bei Harari ist die einzige Begründung offenbar Beklemmung.

Denn die soll wohl durch das nahtlose Aneinander suggeriert werden. Wie eine Befreiung empfindet man denn auch die ganz-, manchmal gar doppelseitigen Splash Panels, die in den Ablauf eingestreut werden, aber die wiederum sind reine Stimmungsmacher in Sachen Einsamkeit und Gleichgültigkeit der unbelebten Materie. Da widersprechen sich Absicht und Effekt. Wann wird endlich öfter ein Lektorat in Comicverlagen zu finden sein, das seinem Namen gerecht wird? Eines, das auch die vornehme Pflicht (und natürlich das Recht) zugestanden bekäme, eine Publikation abzulehnen … Aber meistens gibt es bei Comicverlagen externe Lektoren. So war es auch hier bei der Edition Moderne.

Denn der Band ist ja „nur“ eine Lizenzausgabe, übersetzt aus dem Französischen, dort publiziert beim bisweilen etwas zu sehr in graphisch manierierte Projekte verliebten Verlag Sarbacane – dem wir allerdings auch die Entdeckung des deutschen Zeichners Mikael Ross verdanken, dessen „Umfall“ dieses Blog kürzlich erst gefeiert hat. Vielleicht wird Hariri seine Hodler-, Foucault- und Chaland-Seligkeit, die sich jeweils in markanten Details verrät, irgendwann zugunsten eines Erzählens aufgeben, das diesen Vorbildern auch inhaltlich gerecht wird. Immerhin gibt es spät im Band eine Seite, bei der die Randlinien eines Bildes gesprengt werden – und das inhaltlich gut motiviert. Harari kann es also, er müsste vielleicht nur wollen. Bis er es aber will, wollen wir nicht. Nur nach Vals, da wollen wir immer noch hin.

 

 

06. Nov. 2018
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29. Okt. 2018
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Gespenstisch gut

Wer dieses Blog schön länger liest, der könnte auf den einen oder anderen Eintrag gestoßen sein, der sich mit David B. beschäftigt. Der Franzose gehört zu den Comic-Autoren, von denen ich möglichst alles lese (auch wenn ich zugebe, dass der von ihm nur geschriebene 37. Band der berühmten Antiken-Comicserie „Alix“, der gerade in Belgien erschienen ist, mich noch nicht zum Bestellen veranlasst hat; wird aber wohl doch noch passieren). Nach längerer Pause hatte ich in diesem Jahr deshalb wieder einiges zu tun: Es erschien ein von David B. gezeichneter Band über französische Gangsterbanden in der erst kürzlich von mir hier vorgestellten Reihe „La petite Bédéthèque des Savoirs“ (den hätte Jacoby & Stuart mal übersetzen sollen, aber das Thema ist natürlich arg speziell für ein deutsches Publikum) und auf Französisch eine von ihm – wenn auch recht spärlich – illustrierte Ausgabe von Pierre Mac Orlans Antikriegsroman „Les poissons morts“. Vor allem aber kam auch ein Band heraus, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich ihn noch sehen würde: die Fortsetzung des 2010 bei Delcourt erschienenen „Journal d’Italie“, das damals als „Teil 1“ ausgewiesen war. Was mich daran über die Person des Autors hinaus begeistert hatte, war, dass mir über eine der darin erzählten Begegnungen in Venedig von der Person wiederum berichtet worden war, die David B. getroffen hatte (wer‘s im damaligen Blog nachlesen will: http://blogs.faz.net/comic/2010/07/16/traum-in-venedig-129/). Dieses Glück habe ich beim nunmehr erschienenen zweiten Teil von „Journal d’Italie“ leider nicht, aber dafür berichtet David B. diesmal von Reisen in zwei Länder, die mich besonders faszinieren: Japan und China.

Doch Moment: Wie kann das sein? Zwei asiatische Länder in einem Comic mit dem Titel „Italienisches Tagebuch“? Ja, denn David B. hat den alten Titel stehengelassen und statt der Stationen „Triest, Venedig“, die den Gegenstand des ersten Teils bildeten, diesmal „Hong Kong, Osaka“ als Untertitel daruntergesetzt. Mag sein, dass er ursprünglich eigentlich weitere Begebenheiten aus Italien hatte erzählen wollen, aber die lange Pause von acht Jahren spricht nicht dafür, dass dieser Wunsch ausgesprochen dringlich gewesen wäre. Wobei David B. sich gerne Zeit lässt. Kamen die italienischen Tagebucheinträge schon mit fünfjährigem Abstand nach den realen Begegnungen, sind es diesmal sogar dreizehn Jahre, die seit den Reisen des Zeichners nach Fernost vergangen sind. Nach Hong Kong und Osaka führte ihn sein Weg also im selben Jahr wie nach Triest und Venedig: 2005. Dieser zeitliche Zusammenhang mag ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass seine Reminiszenzen an Ostasien in dieselbe Reihe aufgenommen wurden wie die italienischen.

Also wieder Kleinformat, aber derselbe graphische Einfallsreichtum, der generell David Bs Markenzeichen ist. Die ersten vier Seiten sind als Leseprobe hier zu finden: https://www.editions-delcourt.fr/serie/journal-d-italie-2.html. Niemand vermag es so wie dieser Zeichner, exotisch wirkende Motive in seine höchstpersönlichen Selbsterkundungen einfließen zu lassen. Die Bildsprache verdankt ihren Formen- und Deformationsreichtum der Kenntnis von orientalischen Buchillustrationen und Ornamenten, die Erzählweise ist an „Tausendundeiner Nacht“ geschult – und das nicht nur, weil David B. bevorzugt nächtliche Geschichten erzählt: Träume, Gespräche oder Streifzüge. Auch die Kette von in sich abgeschlossenen, aber doch stets die nächste Geschichte herausfordernden Episoden ist am Vorbild von Scheherazade geschult.

So auch bei den Erinnerungen an Hong Kong und Osaka. Die chinesische Reise vom Juli 2005 steht im Zeichen von Gespenstern und Gangstern. David B. stößt auf ein verlassenes Polizeirevier, in dem es angeblich spuken soll, und schon die Doppelseite, auf der ihm das eine chinesische Gesprächspartnerin erzählt, ist ein Meisterstück: Verschattet sind die Züge der schönen jungen Dame, als sie ihn fragt, ob er sich dafür interessiere, und dann werden sie kubistisch farbig parzelliert vor Entsetzen, als er sofort zur Besichtigung aufbrechen will. Auf dem Tisch vor der Frau wird eine Szene aus David Bs Vergangenheit sichtbar: seine albtraumartige Jugend. „Kind, ich habe meinen Bruder jeden Tag dreimal sterben sehen“, steht da als Textkasten, und das rekurriert auf die Epilepsie des Bruders von David B., über die er in den neunziger Jahren sein Meisterwerk, den Comiczyklus „Die heilige Krankheit“, geschrieben hat. Was soll ihn also noch schrecken?

Das Hauptstück des chinesischen Teils von „Journal d’Italie“ ist dann die Begegnung mit einem ehemaligen Polizisten, der in dem verfluchten Revier tätig war und David B. erzählt, wie die Geister in das Gebäude eingezogen sind. Man muss es selbst lesen, denn so eine Geschichte kann nur visuell vermittelt werden; kein anderes Medium als der Comic kann hier helfen. Im Gegensatz dazu verweist der japanische Teil ganz bewusst auf Vorbilder einer anderen Erzählform: auf die Holzschnittkünstler Kuniyoshi, Yoshitoshi, Hokusai und Kunisada als Großmeister des japanischen Gespensterbilds. Gerade aus den Einzelblättern und Triptychen der ersten beiden entnimmt David B. viele Figuren und teilweise ganze Seitenkompositionen. Ein Heidenspaß für Liebhaber.

Auch hier geht es also um Gespenster, aber anders als in China wird in Japan deren Existenz für ganz normal und nicht bedrohlich gehalten. Stattdessen aber ist David B. für seine japanischen Gesprächspartner befremdlich und auch für den französischen Kollegen Frédéric Boilet, der ihn im Oktober 2005 nach Osaka eingeladen hat. Erstere sehen in dem langen Westler eine gespenstische Erscheinung, bisweilen auch einen Eindringling in ihre Kultur, und David B. zeichnet sich denn auch selbst wie einen Geist. Boilet dagegen kann die Faszination seines Gastes für Geisterwesen nicht verstehen und fordert ihn ständig auf, doch lieber Comics über Frauen zu zeichnen (wer jemals Geschichten von Frédéric Boilet gelesen hat, weiß, wie treffend dieses Porträt geraten ist).

Doch das Bemerkenswerteste am zweiten Teil des „Journal d’Italie“ ist David Bs zeichnerische Entwicklung. Nicht, dass sein Stil nicht immer noch unverkennbar wäre, aber die Anpassung seiner Figuren an die chinesische und japanische Ästhetik ist grandios, und er verwendet nunmehr blassere Farben, die den traumartigen Stimmungen seiner Notate noch gerechter werden als die früheren Dunkeltöne. Was für ein Glück, dass dieser Zeichner offenbar ein unerschöpfliches Reservoir an Aufzeichnungen über seine Erlebnisse und Träume besitzt, aus dem er immer wieder neu für Geschichten schöpfen kann, die ihresgleichen nicht haben. Traumdeutung ist das übrigens nie. Traumhaft immer.

29. Okt. 2018
von Andreas Platthaus
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22. Okt. 2018
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Dieser Konflikt ist offenbar reine Männersache

In Frankreich – wo sonst? – erscheint seit einigen Jahren im Comicverlag Lombard eine Reihe kleinformatiger Bücher unter dem Titel „La petite Bédéthèque des Savoirs“, übersetzt etwa „Die kleine Comicothek der Kenntnisse“. Auf bis zu hundert Seiten wird Wissen in Comicform vermittelt, ausgerichtet auf halbwüchsige Leser oder junge Erwachsene. In Deutschland – wo sonst? – hat man dieses Konzept rasch in Lizenz übernommen, allerdings mit weniger Ehrgeiz (in Frankreich sind bisher schon 26 Titel erschienen, hierzulande erst fünf) und mit einem etwas großspurigeren Namen: „Die Comic-Bibliothek des Wissens“. Ansonsten macht das seit langem auf dem Comicmarkt aktive Verlagshaus Jacoby & Stuart genau das, was Lombard ihnen vorgibt, und die Übersetzung besorgt der Verlagschef Edmund Jacoby höchstselbst.

Nun ist es mit Comicübersetzen so eine Sache, und bei Sachcomics kommt noch ein Problem dazu: Der durch die Sprechblasen und Textkästen vorgegebene Platz reicht oft für deutsche Texte nicht aus, und die Fachtermini zu bestimmten Bereichen sind von Sprache zu Sprache nicht so einfach zu übertragen. Zumal auch Diskurse ganz anders laufen können. Das kann man am jüngst erschienenen fünften deutschen Band der „Comic-Bibliothek des Wissens“ gut sehen: Es geht um „Israel und Palästina“ (im Original deutlich präziser „Le Conflit Israélo-Palestinien“, also um die Menschen, nicht ums Territorium), und darin wird größten Wert auf die Unterscheidung von Neozionismus und Postzionismus gelegt. Nun sind das keine in Deutschland eingeführten Begriffe, sie faszinieren vielmehr den Szenaristen des Comics, den belgischen Kulturhistoriker Vladimir Grigorieff. „Le Conflit Israélo-Palestinien“ war sein letztes Buch; er starb 2017, wenige Wochen nach dem Erscheinen des Comics in Frankreich.

Grigorieff war jüdischer Abstammung, aber weit davon entfernt, die Sache der Israelis zu vertreten. In einem Prolog von zwei Seiten ist dargestellt wie der Herausgeber der Serie, David Vandermeulen, und die Lektorin Nathalie Van Campenhoudt ihn als Autor für das Buch gewonnen haben: mit der Erwartung, Grigorieff werde „eine Einladung zum Selbstdenken“ bieten. Das ist fast zu schön, um wahr zu sein, und irgendwann ist Abdel de Bruxelles als Zeichner dazugestoßen, seinerseits muslimischer Abkunft, aber wie und warum, darüber erfährt man nichts. Dieses Ungleichgewicht ist seltsam.

Ansonsten bemüht sich der Sachcomic angesichts des denkbar heiklen Themas um Balance. In den Rahmenerzählungen der einzelnen Kapitel sind immer wieder Stellvertreter der beiden konkurrierenden Gemeinschaften im Gespräch zu sehen: jeweils unterschiedlichen Alters, aber ähnlichen Bildungshintergrunds, allerdings ausschließlich Männer. Frauen sind als Mitdiskutierende offenbar untauglich, und außer Golda Meir kommt auch keine historische Akteurin vor (und auch diese nur im Zusammenhang ihres Rücktritts nach dem Jom-Kippur-Krieg); dass Nathalie Van Campenhoudt am Schluss auch noch einmal in die Handlung eingreifen darf, ist deshalb erstaunlich. Da sie dann in denkbar ungelenker Sprache behauptet: „Der Terrorismus ist in der Tat nicht zu rechtfertigen. Aber die israelischen Repressalien sind es mindestens genauso wenig“, wäre sie besser ganz weggeblieben. Überhaupt erscheinen sie und Vandermeulen nicht so objektiv, wie sie ihre Aufgabe wohl selbst verstanden sehen wollen.

Mag sein, dass Israel als mächtigerer Faktor im Konflikt schneller in den Verdacht unfairer Handlungen gerät – die Sympathien eines neutralen Publikums liegen ja meist bei den von ihm als schwächer Eingeschätzten. Aber diese Sympathie genießen die ersten Zionisten, die im frühen zwanzigsten Jahrhundert Palästina erreichen, in dem Comic nicht, vom ersten Krieg zwischen Israelis und Arabern im Jahr 1948 ganz zu schweigen, als der junge jüdische Staat dem Untergang geweiht schien. Das liegt natürlich daran, dass er diesem Schicksal damals entging. Ephraim Kishon hat einem seiner Bücher den schönen Titel „Pardon, wir haben gewonnen“ gegeben. Das trifft die Sache genau.

Aber weg vom Inhalt, hin zur Form. Abdel de Bruxelles verfügt über ein breites Stilrepertoire (Leseprobe unter http://www.jacobystuart.de/wp-content/uploads/2018/08/Leseprobe_Israel-und-Palästina-©-Jacoby-Stuart.pdf), das er in dem Comic geschickt einsetzt. Die erklärenden Rahmenhandlungen, überwiegend in Form von idealtypischen Gesprächen gehalten, sind in cartoonesk schlichtem Strich gehalten, die historischen Szenen in realistischer Graphik, die über ihre Sepiafärbung Vergangenheit signalisiert. Leider wird nicht streng chronologisch erzählt, sondern themenbezogen. Dadurch werden etliche Zusammenhänge unklar, etwa die von Israel empfundene Bedrohung durch den Panarabismus, die das Land mit dem Angriff beantwortete, der dann zum Sechstagekrieg wurde. Da der Panarabismus als Phänomen erst viel später im Comic behandelt wird als der Krieg, bleibt die Motivation der Israelis zum Präventivschlag im Vagen. Und das ist erstaunlich oft der Fall, wenn es um israelisches Handeln geht.

Hundert Seiten sind nicht viel für einen der größten Konflikte der letzten siebzig Jahre. Aber dass Iran nicht ein einziges Mal erwähnt wird, der Libanon nur eine Nebenrolle spielt und Syrien eigentlich nur im Zusammenhang der Golanhöhen und des politischen Zusammengehens mit Ägypten genannt wird, trägt nicht zur Klarheit der Darstellung bei. Die Begründung für diese Zurückhaltung ist klar: Es geht ja um Israelis und Palästinenser, nicht um Syrer, Libanesen, Iraner. Aber ägyptische Angelegenheiten kommen auch breit vor, von amerikanischen ganz zu schweigen. Wie sollte das auch anders sein bei einer Schilderung dieses Konflikts? Aber wie kann man ihn weitgehend ohne Iran, Libanon und Syrien erzählen?

Auch die Jerusalemfrage wird nebenbei behandelt, und so aktuell, dass die angekündigte Verlegung der amerikanische Botschaft dorthin behandelt würde, ist der Band leider nicht. Wozu aber gibt es dann ein Vorwort aus der Feder Vandermeulens, wenn darin nicht der neueste Stand der Dinge dokumentiert wird? Den man zudem in der deutschen Fassung noch hätte aktualisieren können. Vertane Chance für den Comic. Einem normalen Sachbuch wäre das kaum unterlaufen.

Nein, „Israel und Palästina“ ist kein Meisterstück der Geschichtsschreibung oder gar der Comicgeschichte, und die in diesem Format nur schwer lesbare Typographie der deutschen Ausgabe tut samt den überflüssig vielen Sternchen und Anführungszeichen, mit denen man eine eigene sprachliche Positionierung vermieden will, das Ihre dazu, die Lektüre nicht leicht zu machen. Der Gedanke, jungen Menschen die Gegenwart über Comics nahezubringen, ist sehr gut. Aber die Comics selbst müssen es dann auch sein. Daran müsste diese Reihe noch arbeiten.

22. Okt. 2018
von Andreas Platthaus
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16. Okt. 2018
von Andreas Platthaus
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Leise, Leser, schaut einfach nur zu

Der erste Gedanke lautet: Gipi. Denn das, was in dem schönen Comic mit dem langen Titel „Hat man erst angefangen zu reden, kann alles Mögliche dabei herauskommen“ passiert, ist gipiesk erzählt und gezeichnet. Zur Erinnerung: Der Italiener Gipi, vor einem Dutzend Jahren der Shoting-Star des europäischen Autorencomics, hat es meisterhaft verstanden, seinen Geschichten über ein ländliches Italien (und auch seiner kürzlich erschienenen Dystopie „Die Welt der Söhne“) einen autobiographischen Anschein zu verschaffen. Alles, was er erzählt, wirkt erlebt.

„Hat man erst einmal angefangen …“ sieht gipiesk aus, ist aber tatsächlich selbst erlebt, also nicht von Gipi. Sondern von dem Schweizer Zeichner Pirmin Beeler. Als 1975 Geborener ist er – wie auch Gipi – ein spätberufener Autor; erst 2011 beendete er sein Illustrationsstudium in Luzern. Das war die Hochphase von Gipis Einfluss, und das Debütbuch Beelers (erschienen bei der Edition Moderne aus Zürich, die gerade sehr lokal geprägt ist, aber dennoch sehr starke Alben publiziert) zeigt diese Einfluss jetzt überdeutlich. Sofern man nicht auch den späten Hugo Pratt mit seinen bewusst simplen Linien und den matten Aquarellfarben als Vorbild zitieren will. Egal: Man kann Schlechteres über einen Comic sagen als das.

So sieht das aus: https://www.editionmoderne.ch/de/68/leseprobe/326/hat-man-erst-angefangen-zu-reden-kann-alles-moegliche-dabei-herauskommen.html. Mit einem Wort: graublaugrün. Nicht nach der Türkei jedenfalls, wie sie sich uns in der Tourismuswerbung präsentiert. Aber dort spielt die Geschichte zum größten Teil, in jenem ostanatolischen Teil des Landes, wo viele Kurden leben, nicht weit von Berg Ararat. Das karge Bergland ist bei Beeler mehr als Kulisse, es ist Basis für die ganze Erzählstimmung, für das türkisch-schweizerische Paar Ali und Anne, das sich vor Jahrzehnten in der Schweiz kennengelernt hat, als Ali sich dort als Erntehelfer verdingte. Da war Pirmin, Annes Sohn, schon auf der Welt, und irgendwann ist seine Mutter in die Türke gegangen, wohin nun die Hauptfigur des Comics, ein junger Mann wie Beeler, reist. Dort spricht er mit beiden, der Mutter und dem Stiefvater.

„Erinnerungen sind unzuverlässig“, heißt es einmal im Comic. Da kommt eine Kindheitserinnerung des Alter Egos von Beeler ins Spiel, an den richtigen Vater, von dem sich die Mutter später getrennt hat. Nach der Geburt ihres Sohnes kam sie in die Psychiatrie, und es gibt ein hinreißendes Kapitel in Beelers Buch, das in der Schweiz spielt, in jener Klinik, in der die Mutter behandelt wurde und später der Sohn als Pfleger arbeitete. Hinreißend ist es nicht des heimatlichen Schauplatzes wegen, sondern weil hier mit größter Sensibilität über psychisch Kranke erzählt wird. Es sind eher die Pfleger, die einem gestört vorkommen.

Ähnlich vorsichtig nährt sich der Ich-Erzähler der Türkei und seiner dort lebenden Mutter, der nach wie vor alles fremd bleibt, auch weil die psychische Erkrankung nicht überwunden ist. Von den Nachbarn fühlt sie sich missachtet, doch ihr Sohn sieht die Freundlichkeit der Menschen und die Hingabe von Ali. Der Comic ist eher eine Stiefvater-Sonn- als eine Mutter-Sohn-Geschichte. Und als jene auch eine Kulturanalyse zweier Gesellschaftsformen.

Das alles weist Pirmin Beeler als höchst eigenständigen Erzähler aus, und der Ton ist tatsächlich anders als bei Gipi oder wem auch immer – phänomenologisch unaufgeregt. Eine Abenteuerhandlung gibt es hier nicht; selbst dramatische Ereignisse werden wie nebenbei inszeniert, das Einzige, was in diesem Comic zählt, sind Stimmen und Stimmungen, und für Letztere spielen auch die Landschaften eine zentrale Rolle. Nicht umsonst setzt Beeler gerne ganzseitige Bilder ein, die Totalen der Umgebung zeigen, begleitet von innerem Monolog des Ich-Erzählers oder gar ganz wortlos.

Der Schluss ist dann der Gipfel an Zurückhaltung: eine völlig undramatische Trennung von Mutter und Sohn, von der man aber merkt, dass die Verbindung ungeachtet der geographischen Trennung bleiben wird, weil beider Blick auf die Welt ein ähnlicher ist. Der eine fliegt in die Schweiz zurück, die andere sucht ihr Heil in der Türkei, und es spricht viel dafür, dass sie es schon gefunden hat, ohne ihr Wissen. Es gibt wenige Comics, die sich allein auf eine psychologische Ebene wagen und darüber alle Spannungselemente vergessen lassen. Gipi kann das nicht, Pirmin Beeler gelingt es. Das ist nichts für ein große Publikum, auch nichts für Comicpreis-Jurys. Es ist etwas für leise Leser – wenn es die geben sollte.

 

 

16. Okt. 2018
von Andreas Platthaus
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08. Okt. 2018
von Andreas Platthaus
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Geniestreich durch Geniestrich

Warum soll man sich nicht einen Comic zum Geburtstag schenken? Die Frage mag paradox klingen, aber genau das hat die Evangelische Stiftung Neuerkerode getan. Zu ihrem hundertfünfzigsten Geburtstag, den sie vor knapp vier Wochen feiern konnte, beauftragte sie den Berliner Zeichner Mikael Ross mit einem Comic über das Leben in dieser Einrichtung, die in einem dörflichen Kontext das Zusammenleben von behinderten und nichtbehinderten Menschen ermöglicht. Und damit hat die Stiftung nicht nur sich ein wunderschönes Geschenk gemacht, sondern auch uns – und zwar gerade, wenn wir zuvor noch nie etwas über Neuerkerode gehört haben sollten.

Heute Abend wird man viel über Neuerekerode und auch über diesen Comic namens „Der Umfall“! hören können. Allerdings nur, wenn man heute Abend, am Montag, den 8. Oktober, ins Literaturforum im Berliner Brecht-Haus kommt. Dort in der Chausseestraße werde ich mich mit Mikael Ross über seine Geschichte unterhalten, und mit Jean-Baptiste Coursaud ist auch noch jemand mit dabei, der intensiv an der Konzeption der Erzählung beteiligt war. Wie intensiv, das weiß ich selbst noch nicht und werde es erfragen. Aber da Berlin für manche Leser dieses Blogs zu weit sein wird, die Ankündigung auch zu spontan, soll „Der Umfall“ auch hier gewürdigt werden., Denn es handelt sich um einen der bemerkenswertesten deutschen Comics.

Das hat auch die Kulturverwaltung des Berliner Senats so gesehen, als sie ihr erstes Comic-Stipendium an Mikael Ross für seine Arbeit an „Der Umfall“ zusprach. Es handelt sich bei dem Preis in Höhe von immerhin 16.000 Euro um das erste öffentliche Comic-Stipendium in Deutschland (während etwa die Schweiz so etwas schon seit Jahren bietet) und zugleich um eine der höchstdotierten Auszeichnungen dieser Art. Bewerbungsberechtigt sind nur Berliner Autoren, aber davon gibt es ja genug. Auch Ross stammt ursprünglich aus München und hat bei einem Auslandsstudienaufenthalt in Brüssel die Entscheidung getroffen, sich ganz aufs Comiczeichnen zu verlegen. Wieder einmal verdankt der europäische Comic also Belgien einen großen Künstler.

In Brüssel tat sich Ross mit Nicolas Wouters zusammen, der ihm die Szenarios von gleich zwei Alben schrieb, die in Frankreich bei Sarbacane erschienen sind und jeweils für den Avant-Verlag ins Deutsche übersetzt wurden: „Lauter leben!“ (2014) und „Totem“ (2016), beides Geschichten, die Furore machten. Womit sich wieder einmal die Frage stellte, warum deutsche Comicbegabungen bisweilen oft erst den Umweg übers Ausland machen müssen (man denke etwa auch an Barbara Yelin). „Der Umfall“, wieder bei Avant erschienen, ist nun die erste für den deutschen Markt gezeichnete Geschichte von Mikael Ross, aber wer weiß, ob es ohne das Engagement der Stiftung Neuerkerode und von dessen comicbegeistertem Direktor Rüdiger Becker überhaupt dazu gekommen wäre.

Was mag sich Becker versprochen haben, als er Ross engagierte? Eine Reportage, eine Geschichte der Institution oder das, was es jetzt geworden ist: eine fiktive Erzählung vor dem höchst realen Hintergrund von Neuerkerode? Diese Entscheidung war nicht naheliegend, aber in Anbetracht des Resultats ist sie ein Glück. Denn so interessant ein sachlicher Blick auf die Arbeit der im Kreis Braunschweig angesiedelten Einrichtung auch wäre, erst die Freiheit, mit der Ross die Ergebnisse seiner zweijährigen Recherchen in Neuerkerode (die zu großen Teilen in Gesprächen mit den dort lebenden Menschen bestand) zu einer stringenten Erzählung umformte, macht die Qualität von „Der Umfall“ aus. Und wird dem gerecht, was Ross in Neuerkerode beobachtet und besprochen hat.

Gezeichnet ist das in einem für Deutschland ganz seltenen Stil, der die Begeisterung von Ross für französische Vorbilder erkennen lässt, vor allem für Nicolas de Crécy und Christophe Blain. Deren Meisterschaft für karikatureske Elemente in geradezu malerisch angelegten Dekors (Leseprobe unter http://www.avant-verlag.de/comic/der_umfall) hat Ross nachgeeifert, und es ist ihm gelungen, diese bisweilen märchenhafte Stimmung auch in seiner Geschichte zu erschaffen – ein Kunststück und zugleich erzählerische Notwendigkeit.

Hauptfigur ist Noel Stock, ein junger Mann unbestimmten Alters und unbekannter Behinderung. Unbestimmt und unbekannt jeweils deshalb, weil „der Umfall“ aus seiner Sicht erzählt ist, und die hält naturgemäß das für normal, was er ist und empfindet. Schon diese Perspektive wird dem Neuerkeroder Konzept, jeden Menschen als das zu akzeptieren, was er sein möchte, gerecht. Zudem vermittelt der Comic dadurch ein schwebendes Gefühl: zwischen Wirklichkeit und Phantasie. Die Träume von Noel, einem tatsächlichen Weihnachtskind, wie sein Name es sagt, sind elementarer Bestandteil der Handlung.

Es gibt kein Eins-zu-eins-Vorbild, das Ross dabei als Modell gedient hätte; Noel als Figur ist die Kombination mehrerer Bewohner von und Geschichten aus Neuerkerode. Im Comic aber ist er – wie alle Figuren – ein Individualist reinsten Wassers: Nach einem Schlaganfall der Mutter (dem titelgebenden „Umfall“), bei der er in Berlin lebt, kommt Noel zur Betreuung in die Evangelische Stiftung. Der Comic begleitet seine Eingewöhnungsphase: ein erstes Jahr voller Unsicherheiten und Entdeckungen, neuen Bekannt-, vielen Freund- und auch ein paar Feindschaften. Wir lernen den Alltag in dem Dorf Neuerkerode kennen, Betreute und Betreuer, verlieben uns mit Noel und werden mit ihm enttäuscht, und ganz nebenbei werden die Wege gezeigt, auf denen man in der Stiftung zum Ziel eines inklusiven Lebens von Behinderten und Nichtbehinderten kommen will. Dass es hier in einer geradezu idealen Umgebung versucht wird, sagt nichts darüber aus, ob es nicht auch anderswo zumindest viel besser ginge als bislang üblich. Wobei auch gesagt sein muss. Dass in der Stiftung das Verhältnis von Betreuten zu Betreuern zahlenmäßig etwa ausgeglichen ist. Wo gibt es das sonst?

Aber auch in Neuerkerode ist nicht alles ideal, auch daran lässt Ross‘ Comic keinen Zweifel. Ein Kapitel, erzählerisch grandios vorbereitet und dann eingepasst in die übrige Handlung, beschäftigt sich mit der Vergangenheit der Einrichtung in der NS-Zeit, als auch hier Patienten im Rahmen der Euthanasie-Verbrechen ermordet wurden. Man spürt der Passage das besondere Interesse von Ross an.

Wie man ihm den Spaß anmerkt, die Wahrnehmung von Noel in Bilder zu übertragen. Da werden Ärzte mal eben zu einer Schar quakender Enten, und die Physiognomien von Menschen erscheinen extremer, als man es sich vorstellen kann. Dafür ist der Comic das richtige Medium: Gezeichnet werden kann alles, und Glaubwürdigkeit ist eine Sache der der konsequenten Präsentation, nicht eines Realismus konventioneller Ausprägung. Dass Ross auf diese Weise glaubwürdig zu zeichnen versteht, hatten schon „Lauter leben!“ und „Totem“ beweisen, auch das Geschichten übers Erwachsenwerden unter schwierigen Bedingungen. So gesehen setzt „Der Umfall“ eine Zeichnerkarriere schlüssig fort. Doch wie Ross nun selbst als Erzähler auftritt, wie er seine Buntstiftzeichnungen perfektioniert hat, wie er sehr selten einzelne Splash Pages als Stimmungsverstärker einsetzt, Geniestreich durch Geniestrich – all das zeigt, dass hier ein ganz Großer auf dem Weg ist. „Der Umfall“ ist zweifellos ein Höhepunkt, aber sicher auch noch nicht der Gipfel dessen, was Mikael Ross erreichen kann.

08. Okt. 2018
von Andreas Platthaus
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01. Okt. 2018
von Andreas Platthaus
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Dönerdeutschschweizerisch

Seit Jahrzehnten stand die Edition Moderne unter der Ägide ihres Verlegers David Basler für die erzählerische Comicavantgarde. Nun steht ein Stabwechsel im Haus bevor, doch Basler selbst hat in jüngster Zeit noch einige Neuerungen angestoßen, darunter auch intensivere Kontakte zu den Hochschulen, aus denen immer mehr Comictalente kommen. Und eine Neugier des Verlags für Projekte, die nicht im klassischen Sinne Comics sind. Das jüngste Produkt des Zürcher Hauses ist ein Band, der diese beiden Öffnungen kombiniert: Selina Ursprungs „Mit blauem Pulli und Falafelfladenbrot“.

Ursprung, 1993 geboren, hat in Bern Visuelle Kommunikation studiert, und ein Resultat ihrer Negier auf graphische Erzählformen ist diese Comicreportage. Oder nennen wir sie lieber mit Joa Sacco „graphic journalism“, denn als Comic kann man den Band nur unter extremer Ausweitung der Kriterien bezeichnen. Ursprung wandelt auf den Spuren von Sebastian Lörscher oder Olivier Kugler, die auch auf Spezifika wie Sprechblasen oder Sequenzen verzichten und eher Skizzenbuchästhetik anstrebt. So ist es auch in diesem Band der jungen Schweizerin, der sich dem Thema türkischer Imbissbuden widmet.

In drei Städten hat Selina Ursprung entsprechende Etablissements besucht, alle drei beginnen mit dem Buchstaben B: Biel, Bern und Berlin. Wäre nicht eine der von ihr aufgesuchten Berliner Imbissadressen weltberühmt („Mustafa’s Gemüse Kebab“ in Kreuzberg), würde man kaum Unterschiede erkennen zwischen den schweizerischen und deutschen Beispielen. Das ist denn auch die Stärke dieser gezeichneten Reportage: Im Blick auf Details der Ladeneinrichtungen oder im Notat von Kundengesprächen wird vom lokalen Kontext abstrahiert, und dadurch kommt eine Typisierung zustande, die unabhängig vom Ort der jeweiligen Imbissbude ist.

Soweit das Interessante an dem Band mit dem umständlichen Titel. Wunderbar, wie Ursprung Mülleimer skizziert oder die Hände des Verkaufspersonal beim Zubereiten von Döner. Bedauerlich ist dagegen die durch die Entindividualisierung des konkreten Gegenstands erzwungene Allgemeingültigkeit. Sie könnte Erkenntniskraft besitzen, doch nirgendwo im Buch wird diese Frage thematisiert. Selbst das Nachwort der deutschen Kulturwissenschaftlerin Miriam Stock gefällt sich eher im discours de la méthode, denn in einer Interpretation dessen, was Usprung tut.

Sie kombiniert jeweils auf einer Doppelseite mehrere skizzierte Eindrücke aus den aufgesuchten Imbissbuden und leitet sie meist durch notierte Gesprächsfetzen oder Inhalte von Beschilderungen ein. Ein unmittelbarer Bezug zwischen Wort und Bild besteht selten, beide Elemente ergänzen sich zum Eindruck der Reporterin, befruchten sich jedoch nicht gegenseitig. Zudem werden einzelne Lokalitäten mehrfach aufgesucht (die Uhrzeit des Besuchs ist ebenso wie der Name der Imbissbude stets vermerkt), doch die Impressionen werden nicht gebündelt. Auch das trägt zum abstrakten Gesamteindruck bei.

Zeichnen kann Selina Ursprung (eine Leseprobe ist unter https://www.editionmoderne.ch/de/68/leseprobe/329/mit-blauem-pulli-und-falafel-fladenbrot.html zu finden), erzählen kann sie (noch) nicht. Das impressionistische Model ihrer Reportage ist der Kunst verpflichtet, nicht dem Journalismus oder dem Comic. Es ist zwar eine Dokumentation, doch die soll assoziativ wirken. Schön sind dabei die Stilwechsel: mal Bleistiftlinien, mal Tuschezeichnungen, oft schwarzweiß, aber auch bisweilen farbig, du gerade, weil sie eher rar sind, kommen die authentischen Farbakzente besonders stark zur Geltung. Selina Ursprung ist zweifellos ein graphisches Talent und eine sehr gute Beobachterin, aber ob sie daraus Geschichten generieren können wird, das bleibt noch abzuwarten. Da die Edition Moderne das ihren Autoren treu zu bleiben pflegt, werden wir die Probe darauf wohl machen können.

01. Okt. 2018
von Andreas Platthaus
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25. Sep. 2018
von Andreas Platthaus
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Mut zum Widerstand

„Nieder mit Hitler!“, das ruft sich heute so leicht, wo jeder einigermaßen Vernunftbegabte weiß, was es mit dem Nationalsozialismus auf sich hat. Aber in dessen Herrschaftszeit selbst gehörte dazu viel Mut, und man kann deshalb nicht behaupten, dass die damals einigermaßen Vernunftbegabten in großer Zahl laut gegen die NSDAP protestiert hätten. Darum ist jeder Einzelfall, der es doch wagte, interessant, auch weil damit die oft gehörte Behauptung, es hätte gar keine Möglichkeit zur Verweigerung oder gar zum Protest gegeben, relativiert wird. Und über einen solchen Fall gibt es jetzt einen Comic, der „Nieder mit Hitler!“ heißt.

Es gibt noch einen Untertitel: „Warum Karl kein Radfahrer sein wollte“. Karl ist der mutige Mann, um den es vor allem geht, mit vollem Namen Karl Metzner, geboren im Oktober 1927 in Thüringen, also noch nicht volljährig zur Nazi-Zeit. Aber couragiert, obwohl er die normalen Indoktrinationen des NS-Systems durchlief, erst Jungvolk, dann HJ. In Erfurt lernte er einen noch Mutigeren kennen, den gleichalten Jochen Bock, gebildetes Kind aus gutem Hause, verzweifelt über den Tod seines älteren Bruders an der Front. Bock lässt sich vom in der Sowjetunion gegründeten Nationalkomitee Freies Deutschland inspirieren, in dem deutsche Kriegsgefangene und Dissidenten sich gegen Hitler zusammengeschlossen hatten, und gründet in einer Mischung aus jugendlicher Naivität und ernstem Engagement eine „Ortsgruppe Erfurt“ des Nationalkomitees. Sie stellt Flugblätter gegen das Regime her, und eines der insgesamt fünf Mitglieder wird Karl Metzner.

Die noch nicht erwähnten anderen drei heißen Gerd Bergmann, Helmut Emmerich und Joachim Nerke. Alle werden festgenommen; ihre Jugend erspart ihnen wohl Todesurteile, aber alle kommen sie in Haft und in der letzten Kriegsphase noch an die Front – bis auf Bock, der als „Rädelsführer“ selbst dann noch im Gefängnis schmachtet. Er stirbt an den gesundheitlichen Folgen der Haft nur zwei Jahre nach Kriegsende, und weil die Gruppe der fünf Jungen nicht als stramm kommunistisch eingestuft werden konnte (und Nerke gegen seine Freunde ausgesagt hatte, aber dann eine aalglatte Karriere in FDJ und SED hinlegte), wurde in der DDR das Andenken an ihren Widerstand nicht gewürdigt. Zumal Karl Metzner evangelischer Pfarrer wird und sich als solcher mit dem zweiten totalitären Regime anlegt.

Das macht „Nieder mit Hitler“ besonders faszinierend: der Widerstand eines Einzelnen in zwei Systemen. So unvergleichlich auch die jeweilige Perfidie war, so konsequent gleich blieb die Haltung von Metzner: Nieder mit Unterdrückung. Jochen Voit, der Leiter der Gedenkstätte Andreasstraße in Erfurt, angesiedelt im Gebäude eines ehemaligen Stasi-Knasts, der aber auch schon zu NS-Zeiten als Untersuchungsgefängnis genutzt wurde, stieß bei der Suche nach Zeitzeugen für seine Institution vor einigen Jahren auf den damals schon fast neunzigjährigen Metzner und befragte ihn lange zu dessen Leben. Da Voit dafür gesorgt hatte, dass in der Gedenkstätte intensiv mit Comiczeichnern zusammengearbeitet wird, um Geschichte möglichst anschaulich zu machen – Simon Schwartz aus Hamburg (aber in Erfurt geboren) gestaltete ein großes Außenwandbild für einen Neubau im Hof, Phillip Janta aus Leipzig stattete einen Teil der Dauerausstellung mit Comicsequenzen aus –, wollte er auch Karl Metzners Geschichte als Comic erzählt sehen. Und er gewann wieder einen exzellenten Zeichner als Mitarbeiter dafür: den Berliner Hamed Eshrat.

Man könnte meinen, dass sei die unwahrscheinlichste Wahl, denn der gebürtige Iraner, dessen Familie vor dem Mullah-Regime nach Berlin floh, hat bislang vor allem mit seinem Comic „Venus Transit“ Aufsehen erregt, eine radikal autobiographisch geprägte Geschichte, also unmittelbare Gegenwart und höchst privat. Doch schon sein Zeichenstil für „Nieder mit Hitler!“ unterscheidet sich radikal vom Vorgängerband (so sieht der Comic aus: http://www.avant-verlag.de/comic/nieder_mit_hitler_oder_warum_karl_kein_radfahrer_sein_wollte). Alles ist im plakativen Sinne historischer, obwohl es einen verblüffenden Effekt gibt: Die Episoden aus der Nazi-Zeit sind farbig gehalten, die aus der DDR schwarzweiß – also gegen die Erwartung von mit fortschreitender Chronologie zunehmender Farbigkeit. Beide Zeitebenen sind ineinander verschränkt, wobei dem „Dritten Reich“ das klare Übergewicht zukommt. Und Eshrats eigene Familienerfahrung mit totalitären Systemen hat dem Projekt sicher genutzt.

Voits Szenario hat durchaus pädagogische Ambitionen; hier wird einfach erzählt, weil die Zielgruppe für diesen Comic nicht das für den Avant-Verlag oder Eshrats bisherige Arbeiten typische erwachsene Graphic-Novel-Publikum sein soll, sondern eher Schüler. Dass das Thema nach Chemnitz in den ostdeutschen Bundesländern von besonderer Relevanz ist, liegt auf der Hand, und der Westen sollte sich nicht einbilden, so etwas könne ihm nicht passieren. Man darf gespannt sein, wie „Nieder mit Hitler!“ eingesetzt wird – hoffen wir auf Landes- und Bundeszentralen für politische Bildung und auf viele Leser generell. Denn ganz so wenig Mut erfordert es heute wohl doch nicht überall in Deutschland, „Nieder mit Hitler!“ zu rufen. Karl Metzner möge als Vorbild dienen. Leider ist er kurz bevor der Comic erschien, in diesem Sommer mit neunzig Jahren gestorben. Aber gesehen hat er das Resultat seiner Gespräche mit Voit und Eshrat noch.

25. Sep. 2018
von Andreas Platthaus
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17. Sep. 2018
von Andreas Platthaus
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Das kleine rote Buch

Dies wird ein kleiner Text zu einem kleinen Buch. Das allerdings großartig ist – wie alles, was Nadine Redlich bislang publiziert hat. Viel umfasst diese Reihe noch gar nicht: Mit „Ambient Comics“ ging es 2014 los, 36 Seiten stark. Dann kam ein Jahr später dazu ein gleich starker zweiter Teil, noch einmal ein Jahre danach „Paniktotem“ mit immerhin mit 96 Seiten. Und nun, zwei Jahre danach, ist „I hate you, you just don’t know it yet“ erschienen, umfangmäßig mit 64 Seiten genau in der Mitte der Vorgängerbände. Insgesamt also keine zweihundertfünfzig Seiten, mit denen die junge Düsseldorfer Zeichnerin sich aber schon eine eigene Position im deutschsprachigen Comic erarbeitet hat: Nadine Redlichs Stil ist in der Tat unverkennbar.
Er ist auf den ersten Blick ganz einfach gehalten, skizzenartig reduziert (am besten schaut man sich das auf der Homepage der Künstlerin an: http://www.nadineredlich.de/), und bei „Ambient Comics“ geschah denn auch fast gar nichts: Das Erzählprinzip war eine jeweils ganzseitige Sequenz von schwarzweißen Bildern, die sich nur in winzigen Details voneinander unterschieden, so dass sie den Eindruck eines statischen Geschehens erweckten – analog zur bewusst lethargischen Ambient-Musik eben Ambient-Comics. Das ist viel schwerer als man glaubt und auch viel unterhaltsamer. Zumal es einen über die gängigen Comic-Definitionen nachdenken ließ. Ein Glück, dass der Titel beim Rotopol Verlag aus Kassel, dem Nadine Redlich weiterhin treu bleibt, nun endlich wieder lieferbar ist, wenn auch mit weniger aufwendig gedrucktem Umschlag als vordem, dafür aber als Komplettausgabe der Hefte 1 und 2.
„I hate you, you just don`t know it yet“ führt durch seinen Titel auch erst einmal auf die falsche Spur, aber schon das flammende Rot des Einbands und die rot gedruckten Zeichnungen im Inneren (hier zu sehen: http://www.rotopolpress.de/produkte/i-hate-you) lassen das eigentliche Thema des Bändchens erkennen: die Liebe. Ja, auch enttäuschte, und zwar gar nicht selten. Und auch das Spiel mit den sequentiellen Bedingungen des Comics ist wieder da. Hier vor allem verkörpert durch die Allegorie „Unsere Liebe ist wie eine wunderschöne Vase“. Dieser Satz wird sechs Mal im Laufe des Buchs in Bilder umgesetzt: zu Beginn tatsächlich als schwanenförmiges elegantes Gefäß, dann als großer Topf, aus dem ein ominöser Geruch aufsteigt, danach als griechischer Krater mit aufgemalter Kampfszene, hiernach als gesplitterte Vase, dann als Toilettenschüssel und schließlich – aber man darf ja nicht alle Pointen vorwegnehmen.
Dazwischen aber gibt es kurze Strichmännchengeschichten und Schemazeichnungen – alles ist wieder schlicht gehalten, während „Paniktotem“ auch Farbseiten geboten hatte. Manchmal gibt es auch nur kurze Textpassagen, durchweg englisch gehalten. Was der Sinn dieses Fremdsprachengebrauchs bei einem Verlag sein soll, der klein und deshalb nicht allzu international ausgerichtet ist, vermag ich nicht zu erkennen. Womöglich klingt es in Nadine Redlichs Ohren einfach besser, das wäre dann ja Grund genug. Schwierig zu verstehen ist jedenfalls nichts davon.
Mit diesem Buch ist die Zeichnerin weiterhin in den Fußstapfen von großen Cartoonisten wie Tex Rubinowitz oder Beck unterwegs, gerade was das Lapidar-Abstruse des Humors angeht. Aber auch Nicolas Mahler hat einen Narren an Redlichs Zeichnungen gefressen, und beide sind kürzlich gemeinsam aufgetreten: einer der derzeit erfolgreichsten deutschsprachigen Zeichner und die Kollegin, über die man bald hoffentlich Ähnliches wird sagen können.

17. Sep. 2018
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11. Sep. 2018
von Andreas Platthaus
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Das schwarzweiße Wunder

Zum ersten Mal über „Berlin“ geschrieben habe ich vor neunzehn Jahren, im September 1999, in der ersten Ausgabe der „Berliner Seiten“, und damals waren gerade mal zwei Hefte von Jason Lutes Riesenerzählung über das Leben in der Hauptstadt der Weimarer Republik erschienen. Wenn mich eines damals am meisten verblüffte, dann war es eine mir kurz danach überbrachte Äußerung von Marcel Reich-Ranicki, der gesagt haben soll, wenn Comics so etwas erzählten, dann wolle er auch welche lesen. „So etwas“, das war das Berlin der späten Weimarer Republik, also aus einer Zeit, die Reich-Ranicki selbst als Kinde noch erlebt hat. Comics gelesen hat er dann aber doch nicht, soweit ich weiß, obwohl „Berlin“ seitdem von Jason Lutes kontinuierlich fortgesetzt wurde. „Kontinuierlich“ hieß jedoch auch: in kontinuierlich großen Abständen und zunächst auch nur auf Englisch; es dauerte also schon noch ein paar Jahre, ehe der Carlsen Verlag die ersten acht Hefte (jeweils 24 Seiten dünn) zu einem Band zusammenfasste und in deutscher Übersetzung veröffentlichte.

 

Die war damals, 2003, vom Start weg ein großer Erfolg. Und als der zweite Band herauskam, wieder acht Hefte und fünf Jahre später, konnte man immerhin sicher sein, dass der insgesamt von Lutes auf 24 Hefte veranschlagte Zyklus tatsächlich zu Ende geführt würde. Das ist nun, noch einmal satte zehn Jahre späte,r tatsächlich geschehen, allerdings hat es nur für 22 Hefte gereicht, und so ist der gerade auf Deutsch erschienene Abschlussband „Berlin – Flirrende Stadt“ schmaler als die beiden Vorgänger geworden. 172 Seiten sind es aber dennoch, und so summiert sich die Trilogie auf fast sechshundert Seiten.

Andererseits, was sind sechshundert Seiten für die fünf letzten Jahre der Weimarer Republik, von denen Lutes erzählt? Übrigens, ohne dass er vor der Jahrtausendwende jemals in Berlin gewesen wäre, also nur aufgrund von Sekundärliteratur und Abbildungen. Umso faszinierender war von Beginn an sein Geschick, sich in die damalige Zeit zu versetzen, und natürlich ist dabei seine Graphik am wichtigsten: schwarzweiß, klar wie bei Frans Masereel (also dem wichtigsten europäischen Bild-Erzähler dieser Jahre), ganz im Geist des deutschen Films der damaligen Zeit, gerade was die Schatteneffekte und Perspektiven angeht; Walter Ruttmann war dabei sicherlich der wichtigste Einfluss auf Jason Lutes. Und so sieht das in der Leseprobe aus: https://www.carlsen.de/softcover/berlin-3-flirrende-stadt/19676.

Schon das Cover ist ein Geniestreich, weil es das Hakenkreuz zitiert, aber nicht als Ganzes zeigt: Der schwarze Winkel ist das wiederkehrende graphische Element auf allen 22 Heft- und auch den drei drei Sammelbandumschlägen. Das erleichterte auch die deutsche Publikation, für die Lutes bisweilen allerdings Bilder um Swastikas bereinigen musste. So haben die SA-Männer in seinem Berliner Straßenbild nur weiße Kreisflächen auf den Armbinden; andererseits aber werden Hakenkreuzfahnen im Hintergrund gezeigt. Die deutschen Presserichtlinien sind seltsam.

Im Comic „Berlin“ treten prominente damalige Zeitgenossen wie Carl von Ossietzky oder Joachim Ringelnatz auf. Hitler und Goebbels auch. Aber die zentralen Figuren sind der Journalist Kurt Severing und die frisch nach Berlin gelangte Malerin Marthe Müller sowie deren spätere Geliebte Anna Lencke, eine Transvestitin. Mit diesem Trio (in wechselnden Konstellationen) zieht man als Leser durch den beruflichen und privaten Alltag im Berlin von 1928 bis 1933.

Ganz am Schluss geht es auch noch darüber hinaus, aber mehr will ich dazu nicht sagen, denn Jason Lutes hat sich für das Finale etwas ebenso graphisch Spektakuläres wie inhaltlich Bewegendes einfallen lassen, das den Verzicht auf die Hefte 23 und 24 versüßt. Was er darin hätte erzählen wollen? Es ist nicht zu sagen, denn die Geschichte wirkt zwar in ihren letzten beiden Kapiteln etwas gehetzt, aber sie ist rund geraten. Irgendwann werden wir vielleicht vom Autor hören, auf was wir verzichten mussten.

Was aber betont werden muss: Die deutsche Ausgabe ist eigentlich ein Kollektivwerk, denn nicht nur haben Lutz Göllner und Heinrich Anders als Orts- und Geschichtskundige recht bald nach Publikation der amerikanischen ersten Hefte angefangen, kleine Fehler aufzulisten, die Lutes dann für die deutschen Ausgaben korrigiert hat; sie haben auch dafür gesorgt, dass etliche Figuren im Berliner Dialekt sprechen, denn eine hochdeutsche Dialogführung hätte im teilweise behandelten Arbeitermilieu recht seltsam gewirkt. So betrachtet, ist die deutsche Ausgabe von „Berlin“ so etwas wie die letzter Hand. Wenn es auch durchaus interessant ist, die amerikanischen Hefte oder Sammelsaugaben z lesen, um zu sehen, was sich dann später für die deutsche Fassung geändert haben wird.

„Berlin“ von Jason Lutes war so etwas wie der Startschuss für die Graphic-Novel-Kampagne der deutschen Comicverlage. Dass sein Publikum die Geduld aufgebracht hat, zwei Jahrzehnte auf den Abschluss der Geschichte zu warten, zeigt, wie mitreißend hier erzählt wird. Und überdies waren die ersten Hefte noch Experimentierfelder, in denen Lutes die Comic-Theorie von Scott McCloud beispielhaft durchdeklinierte. Solche Experimente sind seltener geworden; zum Abschluss setzt Lutes vor allem auf Pathos. Aber auch das beherrscht er perfekt. Ein großes Comic-Werk ist vollbracht. Und nun darf man gespannt sein, was Jason Lutes als nächstes beginnt.

 

11. Sep. 2018
von Andreas Platthaus
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04. Sep. 2018
von Andreas Platthaus
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Ein, zwei, Dreibein, alle woll’n dabeisein

Segensreiche Copyrightverfallsfrist. Kaum ist H.G. Wells siebzig Jahre tot – er starb 1946, hat also den Zweiten Weltkrieg knapp überlebt –, da erscheint zweimal „Der Krieg der Welten“ als Comic. Das ist Wells‘ bekanntester Roman, erschienen 1898 als „The War of the Worlds“ und nicht prophetisch, denn dieser Weltenkrieg wird zwischen Planeten ausgetragen, wobei die angreifenden Marsianer es nur mit einer einzelnen irdischen Nation zu tun haben: natürlich den Briten, denn für die war der Roman ja auch geschrieben. Dass Wells die Angriffswelle auf Surrey niedergehen ließ, das ihm selbst aus seiner Jugend vertraut war, kam der Handlung zugute, denn „Der Krieg der Welten“ ist auch eine Reisegeschichte. Mit seinem Protagonisten Robert, einem jungen Philosophen, geht es quer durch die südwestlich von London gelegene Grafschaft.

Deshalb hat Thilo Krapp seiner 120 Seiten umfassenden Comic-Adaption des Buchs Vorsatzpapiere mit einer Landkarte von Surrey verpasst, auf der man Roberts Route nachvollziehen kann (schön zu sehen auf der eigenen Leseprobe des Zeichners: https://www.thilo-krapp.com/comics/krieg-der-welten-graphic-novel.html). Gut so, obwohl man sich sämtliche prominente Schauplätze des Romans dann auch eingetragen gewünscht hätte – einige aber fehlen. Ansonsten jedoch hat der dreiundvierzigjährige Berliner Zeichner, der zuvor eher mit Kindercomics unterwegs war, alles richtig gemacht: In enger stilistischer Anlehnung an Will Eisner werden hier grau lavierte Zeichnungen auf bräunliches Papier gesetzt: eine nostalgische Anmutung par excellence, die das späte neunzehnte Jahrhundert heraufbeschwört, den Wells siedelte seinen Roman in der unmittelbaren Gegenwart an. Dass hier viel Recherche erfolgt ist, belegt allein schon der schöne Anhang, in dem Krapp Einblicke in den Entstehungsprozess des Bandes gestattet.

Dieser Band erscheint bei Egmont, und da steht er derzeit auf verlorenem Posten, denn das ambitionierte Comic-Programm der letzten Jahre dieses Verlags ist derzeit ausgelaufen; Krapps Adaption ist so etwas wie ein Schwanengesang. Und es gibt Konkurrenz: bei Splitter, einem Verlag, der viel für Genre-Comics in Deutschland getan und immer wieder auch überraschende Bände zu bieten hat. Seine „Krieg der Welten“-Adaption ist wie der Großteil des Verlagsprogramms eine Lizenzausgabe, in diesem Fall vom französischen Haus Glénat, und Teil einer ganzen Comicreihe nach Vorlagen von Wells. Erschienen sind außerdem „Die Zeitmaschine“, „Die Insel des Doktor Moreau“ und „Der Unsichtbare“.

Alle wurden sie von Dobbs adaptiert, bürgerlich Olivier Dobremel, einem extrem produktiven französischen Szenaristen. Für die vier Wells-Comics arbeitete er jeweils mit unterschiedlichen Zeichnern zusammen, beim „Krieg der Welten“ ist es Vincente Cifuentes, der zuvor für die beiden großen amerikanischen Superhelden-Verlage DC und Marvel gezeichnet hat. Und natürlich sieht man das der Adaption an (Leseprobe auf https://www.splitter-verlag.de/h-g-wells-krieg-der-welten-1-2.html): Gleich die erste Seite kehrt die wellssche Perspektive um und präsentiert uns die Sicht der Marsianer: als Aggressoren, die auf dem Weg zur Erde sind. Dann aber wird genauso konsequent aus der Sicht von Robert (und zeitweise dessen jüngeren Bruders Henry) erzählt, wie es auch im Roman der Fall ist.

Bunt ist Cifuentes Surrey, und die berüchtigten „Tripods“, mit den Mars angreift, sind bei ihm ungleich moderner und beweglicher als die Kampfmaschinen von Krapp, die eher einer nostalgischen Steampunk-Ästhetik entsprechen. Die deutsche Adaption ist ungleich ruhiger erzählt, auch in den actionreichsten Momenten, während Cifuentes auch schon einmal menschliche Opfer im Feuerstrahl zu Skeletten verglühen lässt und ganz allgemein vor kaum einer Drastik zurückschreckt. Trotzdem ist auch hier die Handlung nicht aktualisiert, also in die Gegenwart versetzt worden, wie es bei Wells-Adaptionen in anderen Medien wie dem berühmten Hörspiel von Orson Welles oder den Verfilmungen (zuletzt mit Tom Cruise) der Fall war. Da aber punktet Krapp mit seiner auch in der Buchgestaltung dem späten neunzehnten Jahrhundert verpflichteten Optik weitaus mehr.

Dobbs hat die Geschichte in zwei Bände aufgeteilt, was erst einmal wenig überrascht, weil ja auch der Roman in zwei Bücher unterteilt ist. Allerdings entspricht die Unterteilung des Splitter-Comics nicht Wells‘ Vorgabe, die dem ersten Teil mehr Platz einräumt. Also nimmt Dobbs einige Handlungselemente von dort in seinen zweiten Band hinein. Krapp hält sich dagegen genau an die Vorlage und auch an die Gewichtung: Sein „Buch 1“ hat siebzig, „Buch 2“ nur etwas mehr als fünfzig Seiten. Er will dem Roman gerecht werden, Dobbs und Cifuentes dem normierten Mainstream-Comicmarkt, der gleich umfangreiche Alben verlangt. Zusammen kommt ihre Version knapp über hundert Seiten, fällt also gegenüber Krapp etwas zurück. Man könnte auch sagen: Der Berliner Zeichner hat eine Autorenadaption des „Kriegs der Welten“ geschaffen, das Konkurrenten-Duo dagegen eine eher freie Bearbeitung.

Das muss nicht schlecht sein; hier aber ist es zumindest schlechter. Zumal man es bei der jeweiligen deutschen Textfassung einmal um eine Direktübersetzung aus dem Englischen zu tun hat (Krapp) und das andere Mal um eine Übersetzung aus dem Französischen, das aber auch schon eine Übersetzung war. Natürlich erfolgte ein Abgleich mit der gängigen deutschen Übersetzung, aber man merkt, dass die Sprache des Splitter-Comics ungelenker ist als die des Egmont-Bandes. Hier lag ebne alles in einer Hand, der von Krapp, während der andere „Krieg der Welten“ ein Kollektivprodukt ist. Professioneller mag es aussehen, harmonischer in Tonfall und Graphik ist die deutsche Adaption.

Schön aber, dass man überhaupt solche Vergleiche ziehen kann – ein Hoch dem Copyright-Verfall. Zumal Thilo Krapp auf den Geschmack gekommen zu sein scheint und sein nächstes Vorhaben wieder einem legendären Roman der frühen Science-Fiction widmen wird. Mehr sei hier noch nicht verraten, außer dass es diesmal farbig werden soll, obwohl die Sache noch etwas früher spielt. Da könnte jemand ein Feld für ein Lebenswerk gefunden haben.

04. Sep. 2018
von Andreas Platthaus
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27. Aug. 2018
von Andreas Platthaus
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Die Arbeit, die uns freut, wird zum Ergötzen

Dieses Heft über Arbeit hat Arbeit gemacht, das sieht man ihm aufs Wunderschönste an, denn lange gab es keine beeindruckendere Ausgabe der einmal jährlich erschienenen Comicanthologie „Spring“. Das fängt mit der Umschlagzeichnung von Doris Freigofas an (hier zu sehen: http://www.springmagazin.de/), die aufs Allerangenehmste an Blexbolex erinnert du hört mit sehr witzig formulierten Biographien der insgesamt dreizehn vertreten Zeichnerinnen auf, denen man etwa im Falle von Freigofas entnehmen kann, dass sie „mit dem Zeichnen bunter Bilder seit einigen Jahren recht erfolgreich Geld verdienen“ kann. „Spring“ kann sie damit allerdings nicht gemeint haben, denn diese Publikation beruht traditionell auf Selbstausbeutung. Der wahre Lohn besteht darin, in diesem tollen Rahmen auftreten zu dürfen.

Immerhin 150 Euro beträgt aber der offenherzog mitgeteilte Honorarsatz für das knappe Vorwort, das Anne Vagt beigesteuert hat – vielleicht zahlt sich da aus, dass „Spring“ seit einigen Jahren im Program des Hamburger Verlags Mairisch erscheint. Vagt ist auch Illustratorin, und wenn sie auch nicht mit Bildern im Heft vertreten ist, pflegt sie doch denselben ironischen Tonfall, der die Autorinnenbiographien auszeichnet. Und wer noch nichts über „Spring“ weiß, sich aber über den konsequenten Gebrauch des generischen Femininums wundert, dem sei gesagt, dass dieses Magazin ausschließlich von Frauen bestritten wird. Einige davon, wie etwa Moki, Katrin Stangl, Birgit Weyhe oder Jul Gordon, sind schon seit vielen Jahren dabei.

Diese Namen deuten schon an, was für eine Qualität sich da versammelt. Und alle Mitwirkenden unterwerfen sich einem vorgegebenen Thema, diesmal ist es für die fünfzehnte Ausgabe eben „Arbeit“, eingedenk von Karl Marx zweihundertstem Geburtstag. Ihm wird als Anreger also die größte Rolle eingeräumt, die ein Mann bei der Produktion überhaupt gespielt hat. Und seine Skepsis gegenüber den Entfremdungstendenzen von Arbeitern im Kapitalismus finden hier einigen Widerhall. Wobei man keine ideologischen Geschichten erwarten darf, sondern graphisch sehr geistvolle Erläuterungen moderner Arbeitszusammenhänge wie bei Stephanie Wunderlich oder Larissa Bertonasco und bisweilen auch hochironische Betrachtungen wie bei Birgit Weyhe, die eine ganze Truppe ihrer eigenen Comicfiguren auftreten lässt, die sich bitter über das soziale Engagement der Zeichnerin beklagen – so mache Comic ja gar keinen Spaß.

Das Gegenteil ist natürlich der Fall, und auch Romy Blümel und Katharina Gschwendtner haben ebenso witzige wie arbeitsgesellschaftsskeptische Geschichten ersonnen. Leider nur gut gezeichnet – sogar sehr gut –, aber moralisch zu aufdringlich ist Carolin Löbberts Darstellung von Lohnungleichheit. Derartige Gegenüberstellungen hat man zu häufig gelesen, als dass sie noch überraschen könnten.

Jul Gordon, ohnehin eine der originellsten deutschen Comiczeichnerinnen, hat mit „Büro“ den ungewöhnlichsten Beitrag geschaffen. Sie kombiniert unterschiedliche graphische Techniken zu einer Szenenabfolge aus dem Büroleben, die nicht auf Pointe setzt, sondern auf Beobachtungsschärfe. Ein Jammer übriges, das Kathrin Klingner nicht zum „Spring“-Kollektiv zählt. Ihre noch im Entstehen befindliche, aber schon als Finalistin des Leibinger-Comicbuchpreises ausgezeichneter Band „Arbeit“ hätte etwas ins Konvolut hineingebracht, was fehlt: die Dokumentation konkreter Arbeit. In den „Spring“-Geschichten fehlt der Reportageaspekt, wen man von den zahlreichen Selbstporträts der Zeichnerinnen absieht, die der eigenen Arbeit durchaus sehr interessante Studien widmen.

Und bisweilen frustrierende wie Mokis ganz kurze (nur drei Seiten) Geschichte über eine Tellerwäscherin, die dann noch an Intensität gewinnt, wenn man in der Kurzbiographie liest, dass genau solch ein Broterwerb der „einzige richtige Job“ im Leben der Zeichnerin gewesen sei. Wobei es noch beunruhigender ist, das sie ihre eigentliche Tätigkeit offenbar nicht zu dieser Kategorie zählt, und weiß Gott: Comiczeichnen gehorcht Gesetzen, die in der Tat nicht eben „richtig“ wirken. Vor allem, was die Bezahlung angeht.

Ein reines Lustprojekt wie „Spring“ muss man sich da leisten können. Und so unterliegt die diesmalige Besetzung des Kollektivs auch wieder einem Wandel; gleich neun Zeichnerinnen der vierzehnten Ausgabe sind nicht mehr dabei. Aber das macht einen weiteren Reiz des Projekts aus: dass es so viele gute Zeichnerinnen gibt, dass die Lücken mühelos zu schließen sind. Und dankenswerteweise gibt es auch wieder einige Anzeigenkunden, die mit ihren Annoncen zur Finanzierung des aufwendig gestalteten Heftes beitragen. Und nach Vorbild des Schweizer Comicmagazins „Strapazin“ sind alle diese Anzeigen von den beteiligten Zeichnerinnen gestaltet worden. Daraus resultiert ein noch einmal besonders schönes Kapitel in „Spring“ – eine Leistungsschau der Illustratorinnen nach der Suite an Comics.

27. Aug. 2018
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20. Aug. 2018
von Andreas Platthaus
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In Technocolor und multikulturell

Wenn es einen Comiczeichner gibt, dessen Werk man auf den ersten Blick erkennt, dann ist es Enki Bilal. Deshalb wäre man gerne gleich zur Leseprobe als Beweis übergegangen, aber mehr als Vorder- und Rückseite stellt der deutsche Verlag nicht ein: https://www.carlsen.de/hardcover/bug-1/93863. Also gehe man lieber gleich zum französischen Originalverlag, zu Casterman: https://www.casterman.com/Bande-dessinee/Catalogue/albums-bug/bug-1, da gibt es deutlich mehr. Und ob man es dann versteht oder nicht, es geht jedenfalls um den jüngsten Band des Künstlers, „Bug“. Bilals Pastelltechnik ist dabei ebenso unverkennbar wie die Stimmung der Geschichten, die stets in einer postapokalyptischen Welt angesiedelt scheinen – selbst in solchen Fällen, wo die Zeit eine historische ist wie die des Ostblocks in Bilal immer noch bestem Comic „Treibjagd“ (erschienen 1983).

Blaue Verfärbungen von Gesichtern bei Protagonisten sind ein untrügliches Bilal-Zeichen, ätherische Frauen mit leicht verstrubbelter Kurzhaarfrisur genauso (nie blond). Man könnte seine Farbgebung mit einem Wirtspiel „Technocolor“ nennen. Und die Phantastik ist bestimmendes Merkmal aller seiner Erzählungen: visuell und narrativ, und kaum ein anderer Comicautor ist so multikulturell in seinen Themen – und dabei doch zugleich auch so ästhetisch reaktionär.

Das hat seinen Grund in der Biographie des Zeichners. Bilal wurde 1951 in Belgrad geboren, und auch wenn er seit seinem zehnten Lebensjahr in Paris wohnt und französischer Staatsbürger ist, hat er seine kulturellen Wurzeln zur serbischen Heimat nie gekappt. Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er sich in den jugoslawischen Kriegen der neunziger Jahre hätte instrumentalisieren lassen – von welcher Seite auch immer –, aber der Blick auf die sozialistische Gesellschaft seiner Kindheit in Belgrad ist ein prägender gewesen und taucht in allen seinen Comics auf. Die grauen Wohnblocks, die wuchernde Stadtszenerie, das Nebeneinander von technoider Moderne und pittoreskem Verfall in der Architektur – dadurch entsteht der unverwechselbare Bilal-Look. Selbst wenn Paris der meistdargestellte Handlungsort in seinen Comics sein dürfte, vermutet man diese Stadt eher an der Donau. Und eine Cité lumière ist sie gewiss nicht!

„Bug“ setzt auch wieder in Paris ein, und zwar im Jahr 2041. Alsbald wird die Welt mit einem aus bereits vielen Comics vertrauten Problem konfrontiert: alle digitalen Funktionen versagen, und da natürlich die Zukunft noch digitaler aussieht als die Gegenwart, ist das Chaos unbeschreiblich groß. Pech auch für die Insassen der in den Umlaufbahnen befindlichen Raumstationen und Raumschiffe, denn wie sollen sie nun zur Erde zurückgelangen? Von der Aufrechterhaltung der Lebenssysteme ganz zu schweigen. Doch wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch: Einer der Astronauten – er trägt den schönen Bilal-Namen Kameron Obb und entwickelt eine blaue Gesichtsverfärbung – verfügt über ein bemerkenswertes Erinnerungsvermögen, das die ausgefallenen Computer ersetzen hilft. Gemeinsam mit zwei Kollegen kehrt er so zur Erde zurück, aber dort warten Gute und Böse bereits begierig auf den gedächtnisstarken Mann, der nun zur allmächtigen Waffe taugt.

Mehr nicht zum Geschehen in „Bug“, zumal es sich um den ersten Band handelt, und bei Bilal weiß man nie, wie viele dann noch kommen. Es ist auch eigentlich egal, denn man liest ihn nicht einer ausgefeilten Handlung wegen, sondern eben als Stimmungsmacher – Düsterstimmung versteht sich. Dass er ein grandioser Zeichner ist, bezweifelt niemand, und das hat auch der Kunstmarkt längst gemerkt, der für die Werke keines lebenden Comiczeichners höhere Preise bezahlt als für die des Franzosen. Wobei der längst verstanden hat, dass man mit großformatigen Gemälden (natürlich genug im Comic-Stil) viel mehr Geld erzielen kann als mit Originalseiten, die allerdings auch noch teuer genug sind.

Was an „Bug“ aber zusätzlich interessant ist, ist der deutsche Verlag. Bilal ist nämlich zu Carlsen zurückgekehrt, wo er seine ersten deutschen Publikationen in achtziger und neunziger Jahre hatte, ehe er zur Ehapa Comic Collection wechselte, die damals zu großen Konkurrenzkampf auf dem anspruchsvollen Sektor blies. Der abermalige Wechsel nach nun mehr als anderthalb Jahrzehnten zeigt zweierlei: den Nimbus, den Bilal, der sich in Deutschland ganz im Gegensatz zu seinem Heimatland Frankreich nie glänzend verkauft hat, nach wie vor genießt, und die aufgegebenen Ambitionen von Ehapa (heute Egmont). Letzteres wusste man schon länger, nachdem das vor ein paar Jahren noch mit viel Ehrgeiz und Aplomb neukonzipierte Graphic-Novel-Programm sanft entschlummerte. Wie soll man auch den verlagsinternen Vergleich mit Serie wie „Asterix“ oder „Lucky Luke“ aushalten? Da tut sich selbst ein Minoritätenprodukt wie „Bug“ leichter im Vergleich mit „Spirou und Fantasio“ (solange es nicht der neue Band von Flix ist) oder „Clever und Smart“. Ob Carlsen wiederum genug Nostalgiker erreicht, um bei Bilal kostendeckend arbeiten zu können, ist eine spannende Frage. Denn Zuschussgeschäfte erlauben sich die Comicverlage immer seltener.

20. Aug. 2018
von Andreas Platthaus
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13. Aug. 2018
von Andreas Platthaus
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Ihm kann es plötzlich nicht schwarzweiß genug sein

Als Gipi vor etwas mehr als anderthalb Jahrzehnten die Bühne des europäischen Comics betrat, tat er es mit Aplomb: Der heute fünfundfünfzigjährige Italiener (dessen bürgerlicher Name Gian-Alfonso Pacinatti lautet, abgekürzt G.P. und englisch ausgesprochen eben Gipi) war zuvor nie aufgefallen, obwohl er für einige Fanzines und Anthologien gezeichnet hatte. Wenn man sich diese frühen Arbeiten der neunziger Jahre ansieht (als Gipi ja auch schon nicht mehr ganz jung war), mag man kaum glauben, dass es sich um denselben Künstler handelt: Tiefschwarz, fast schon Hellboy-artig verschattet, sind seine damaligen Kurzgeschichten; so wie etwa auch der deutsche Kollege Uli Oesterle anfangs zeichnete. Der Erfolg kam dann mit lichten, geradezu federleicht angelegten und oftmals auch auf diese Weise aquarellierten Zeichnungen, die aber trotzdem düstere Geschichten erzählten: Einblicke in ein italienisches Alltagsleben der jüngeren Vergangenheit abseits der großen Städte. Man merkte diesen Erzählungen die Lebenserfahrung, die dahinter stand, deutlich an.

In den ersten Jahren räumte das reife Wunderkind aus Italien dann alle wichtigen europäischen Comicpreise ab: in Angoulême und Erlangen und in Fiesole. Zugleich etablierte sich Gipi auch als Enfant terrible: Auftritte wurden häufig kurz vorher abgesagt, und ganz generell richtete er sich nicht nach den Gepflogenheiten des Metiers. Das hatte damit zu tun, dass er auf einem anderen Feld, der Videokunst, genauso erfolgreich war und es mit seinem Kinoregiedebüt sogar in den Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig schaffte. Das war 2011, und da glaubte man ihn dem Comic bereits wieder abhandengekommen, denn das letzte große Buch, „Mein schlecht gezeichnetes Leben“, war 2008 in Italien herausgekommen (auf Deutsch erst 2013). Aber dann kam 2012 „S“, wieder ein autobiographischer Text, diesmal allerdings über den Vater. Es war zudem der erste Comic, den in Deutschland der Reprodukt Verlag herausbrachte, nachdem zuvor alles von Gipi bei Avant erschienen war. „Mein schlecht gezeichnetes Leben“ wurde dann der zweite Band bei Reprodukt, obwohl er im Original vor „S“ herausgekommen war.

Dann schon wieder jahrelange Pause. Bis 2016 in Italien. Und bis jetzt auf Deutsch. Denn nun ist hierzulande  „Die Welt der Söhne“ erschienen, zwei Jahre nach dem italienischen Original „La terra dei figli“, was man wohl eher als „Das Land der Söhne“ übersetzen müsste. Und plötzlich ist Gipi hierzulande wieder bei Avant, was dem Verlag gegönnt sein soll, aber überraschend ist schon, dass Reprodukt diesen Star nach nur zwei Bänden wieder ziehen ließ. Wobei die Verkäufe von Gipi in Deutschland nie seinem fulminanten Ruf entsprachen oder gar den französischen Absatzzahlen seiner Comics erreichten.

Mit „Die Welt der Söhne“ kommt eine Geschichte, die mit allem bricht, was Gipi berühmt gemacht hat. Sie ist in Schwarzweiß gehalten (Leseprobe unter http://www.avant-verlag.de/comic/die_welt_der_soehne): in einem feinen Bleistiftstrich von einer Subtilität, die sonst nur der italienische Kollege Lorenzo Mattotti mit Tusche kultiviert hat. Und die Handlung ist nicht in einem realen Italien angesiedelt, sondern als dystopische Erzählung aus postapokalyptischer Zeit. In einem Seengebiet leben in vereinzelten Häusern auf dem Wasser ein paar Menschen. Nur die Älteren haben noch das erlebt, was wir für alltäglich halten: ein sorgenfreies Dasein, Schulbildung, soziale Kontakte. Nun kämpft jeder für sich selbst, und die Kinder können nicht einmal lesen und schreiben.

Umso faszinierter sehen zwei halberwachsene Knaben ihrem Vater beim Tagebuchführen zu. Sie sind die Söhne aus dem Titel der Geschichte, aber die Welt gehört ihnen gar nicht. Ganz im Gegenteil fühlen sie sich bei allem außen vor gehalten, und die Überlebensstrategie des Vaters leuchtet zumindest dem mutigeren unter den beiden nicht ein. Aber als dieser Junge seine eigenen Pläne umzusetzen beginnt, gerät nicht nur die familiäre Balance außer Kontrolle. Zumal es noch eine fanatische und skrupellose Sekte gibt, die nicht allzu weit entfernt von weiteren Überlebenden gebildet wurde und sich munter durch die Gegen plündert und vergewaltigt. Die Schwarzweiß-„Welt der Söhne“ ist auch moralisch schwarzweiß angelegt.

Das macht die Lektüre des Comics arg absehbar; dergleichen Geschichten haben wir oft gelesen und noch häufiger gesehen – dem Kinofan Gipi muss man sicher nichts von „Mad Max“ oder Michael Haneke erzählen. Für solch vertraute Szenarien sind 280 Seiten ziemlich viel. Wobei sich Gipi den Luxus erlaubt, ganze Suiten von Seiten mit Tagebuchnotaten des Vaters zu bestreiten (die aberv allesamt unleserlich sind, um den Effekt dieser Aufzeichnungen auf die Söhne deutlich zu machen). Das ist eine wunderbare Idee, allerdings auch eine, die schon im „Schlecht gezeichneten Leben“ strukturelle Vorläufer hatte. Da konnte man noch alles lesen.

Wobei „Die Welt der Söhne“ kein schlechter Band ist, dafür erzählt Gipi viel zu intensiv, vor allem auch viel zu subtil (explizite Gewaltdarstellungen etwa gibt es kaum, aber die Opfer der Gewalt sieht man, und das ist unerfreulich genug). Aber man vermisst sein Kolorierungsgeschick und ist vergrätzt über den notwendigen Mangel an Gegenwart in dieser Dystopie. Kurz: Es ist die erste moderate Enttäuschung aus seiner Feder, aber was bei ihm enttäuscht, das wäre bei anderen Autoren ein Wunderwerk.

13. Aug. 2018
von Andreas Platthaus
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06. Aug. 2018
von Andreas Platthaus

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Berlin in die Hände der Spontis!

Berlin positioniert sich als deutsche Comic-Hauptstadt. Dafür gibt es gute Gründe. Vor allem all die Zeichner, die dort leben, denn immer noch ist die Metropole günstiger als die meisten westdeutschen Großstädte, und dass man dort viele Kollegen und einige der wichtigsten Verlagsadressen für deutsche Comics (Reprodukt, Avant, Egmont, Suhrkamp) findet, ist auch nicht zu verachten. Der Senat hat in diesem Jahr erstmal ein Stipendium für in Berlin ansässiger Zeichner ausgelobt, und den Hauptpreis gleich mit 16.000 Euro ausgestattet – was für ein paar Monate der höchstdotierte deutsche Comicpreis war, ehe die in Baden-Württemberg ansässige Berthold-Leibinger-Stiftung ihren Comicbuchpreis kurzerhand von 15.000 auf 20.000 Euro aufstockte.

Schön, wenn auch Wettbewerb unter Preisstiftern herrscht. Den Gewinnern kann es nur nutzen. Zumal Berlin auch noch gleich ein Auslandsaufenthaltsstipendium in Höhe von immerhin 15.000 Euro vergab und dazu noch zwei kleinere Stipendien von jeweils zweitausend Euro. Insgesamt wurden also 35.000 Euro vom Senat bewilligt. Und auch diese Gesamtsumme hat die Leibinger-Stiftung prompt übertroffen, indem sie die Prämien für die Finalisten ihres Wettbewerbs erhöhte. Bekamen die neun Kandidaten, deren Einsendungen gemeinsam mit dem Gewinner um den Hauptpreis konkurrierten, bislang jeweils tausend Euro, sind es nun zweitausend. Also beträgt die Gesamtsumme, die der Comicbuchpreis ausschütter, 38.000 Euro. Nun ist wieder der Senat unter Zugzwang.

Das erste Berliner Comicstipendium hat Michael Ross erhalten (der unter dem Namen Mikael Ross zeichnet). Er lebt – satzungsgemäß – in Berlin, doch entdeckt wurde er in Frankreich, bis Avant seine Titel ins Programm nahm. Der Prophet gilt wenig im eigenen Land, und das ist in Berlin nicht anders. So mag es auch zu erklären sein, dass ein waschechter Berlin-Comic (Zeichner lebt dort, Handlung spielt dort) nicht bei einem Verlag aus der Hauptstadt gelandet ist, sondern beim Leipziger Winzverlag Trottoir Noir. Die Rede ist von Andreas Meiers „Tempelhoven“.

Meier, Jahrgang 1978, stammt aus Dresden, arbeitet aber seit zehn Jahren in Berlin. Und er hat sich in diesen zehn Jahren ganz offenbar in Berlin verguckt. Wie es so ist mit einer großen Liebe, möchte man, dass sich nichts an ihr ändert. Berlin allerdings verändert sich rasant. Meier wohnte dort in der Hauptstraße 1, „dem kleinesten Kiez Berlins“, wie er selbst schreibt, „die perfekteste Adresse“. Nun gibt es in Berlin ein paar Hauptstraßen. Ob also Meier in Schöneberg, Pankow oder Lichtenberg wohnte – ich weiß es nicht. Mutmaßlich dürfte für alle drei Möglichkeiten der melancholische Satz gelten, mit dem Meier seine Reminiszenz an die eigene frühere Adresse schließt: „Sie geht den Weg, den alles geht.“

Also haben wir es mit einem Nostalgiker zu tun, der den guten (das heißt wilden und billigen) Tagen in der Bundeshauptstadt nachtrauert. Das ist legitim. Vor allem, wenn man die Trauer produktiv und einen Band wie „Tempelhoven“ daraus macht. Dem merkt man Meiers Verachtung für die Gentrifizierung Berlins nämlich nur zu gut an. Und passend zu dieser Haltung sind auch seine Zeichnungen wild und spontan, nämlich mit Bleistift angelegt – „ungefiltert und direkt aus dem Skizzenbuch“, wie der Klappentext verspricht. Mag sein, jedenfalls benutzt Meier dann großformatige Skizzenbücher. Wie das genau aussieht, muss man sich vorstellen, denn als ordentliche Gegner jeder Form von Kommerzialisierung haben Verlag und Zeichner so wenig wie möglich aus ihrem Band ins Netz gestellt: das Cover und zwei Seiten unter http://www.trottoirnoir.de/?page_id=300. Dort ist auch die Bestelladresse zu finden; es glaube nur niemand, dass man „Tempelhoven“ etwa bei Amazon bekäme.

Konsequente Verweigerung also, ganz so wie die drei wichtigsten Protagonisten von Andreas Meiers Comic sich dem schicken Berlin verweigern. Da ist der namenlose Ich-Erzähler, der in einem leicht heruntergekommenen Innenstadtviertel lebt. Im selben Haus sind auch Kai und Caro (nur Mitbewohner, kein ansässig: sie eine bildhübsche Powerfrau (so recht nach dem Geschmack des Erzählers), er ein manischer Ladendieb, der sich im Laufe der Jahre einen Warenbestand zusammengeklaut hat, mit dem man jede Katastrophe überleben würde. Und prompt kommt genau darauf die Probe, denn eines Tages tritt in bestimmten Teilen Berlin eine kollektive Ohnmacht auf, und aus Angst vor dem, was dieses Ereignis ausgemacht hat, verrammeln sich alle in ihren vier Wänden – ohne dass sie wüssten, was es denn nun war. Man lebt wie in einer Endzeit-Stadt: Plünderungen und Hamsterkäufe sind gängig. Da kommt Kais unerschöpflicher Warenvorrat gerade recht.

Irgendwann funktioniert auch das Internet nicht mehr, und fortan ist Berlin im Ausnahmezustand. Mittendrin Caro und der Erzähler, die sich gemeinsam aufgemacht haben, um durch das Chaos zum ehemaligen Flughafen Tempelhof zu wandern, dessen Flugfeld der Regierende Bürgermeister Wowereit – ja, der ist wieder da – in einem Günther-Schabowski-Moment spontan zur Besiedelung freigegeben hat. Die dort sofort entstehende Hüttengemeinde nennt sich selbst Tempelhoven, und was dort und drum herum passiert und warum, das muss man selbst lesen, denn die 140 Schwarzweißseiten sind gepackt voll mit Ereignissen.

Die Spontaneität der Zeichnungen von Andreas Meier folgen einem Trend der letzten Jahre: Bleistift ist eh Trumpf unter deutsche Comiczeichnern, und Skizzenbuch-Ästhetik hat den Anschein von Authentizität und wird dementsprechend oftmals suggeriert (Pionier dabei war der Kanadier Seth, dessen angeblich Notizbuch-Comics tatsächlich alle fein säuberlich kleinformatig auf Einzelblättern angelegt sind). Aber egal, wie sich im Falle von „Tempelhoven“ verhält: Meiers Erzählstil beschwört den Charme der Independent-Szene herauf, die Freiheit, die Robert Crumb oder Moebius in ihren Anfangszeiten in den Comic brachten. Der Amerikaner und der Franzose sind zwar die viel besseren Zeichner, aber Meier arbeitet in ihrem Geist. Schön, dass etwa seine Hauptfigur am Anfang der Geschichte einen Sturz erlebt, der an „John Difool“ von Moebius erinnert.

Zwischendurch ist reichlich Gelegenheit für die „Tempelhoven“-Protagonisten, gegen die Yuppies zu wettern und den hektischen Lebensrhythmus der Großstadt zu beklagen. Das liest sich dann wie die alten Sponti-Comics von Gerhard Seyfried. Aber was ist daran falsch? Fragt sich nur, warum sich dafür kein Berliner Verlag gefunden hat. Es hätte ja auch ein kleiner sein können. Auch wenn ich nicht in den Chor derjenigen einstimme, die Leipzig für das bessere Berlin halten, ist es doch derzeit der kreativere Ort für Comics – siehe Anna Haifisch, Max Baitinger, Phillip Janta, Matthias Lehmann. Meine Einschätzung resultiert also nicht nur aus der Tatsache, dass „Tempelhoven“ in Leipzig verlegt wurde. Aber ein bisschen doch auch.

06. Aug. 2018
von Andreas Platthaus

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