Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

17. Sep. 2018
von Andreas Platthaus
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Das kleine rote Buch

Dies wird ein kleiner Text zu einem kleinen Buch. Das allerdings großartig ist – wie alles, was Nadine Redlich bislang publiziert hat. Viel umfasst diese Reihe noch gar nicht: Mit „Ambient Comics“ ging es 2014 los, 36 Seiten stark. Dann kam ein Jahr später dazu ein gleich starker zweiter Teil, noch einmal ein Jahre danach „Paniktotem“ mit immerhin mit 96 Seiten. Und nun, zwei Jahre danach, ist „I hate you, you just don’t know it yet“ erschienen, umfangmäßig mit 64 Seiten genau in der Mitte der Vorgängerbände. Insgesamt also keine zweihundertfünfzig Seiten, mit denen die junge Düsseldorfer Zeichnerin sich aber schon eine eigene Position im deutschsprachigen Comic erarbeitet hat: Nadine Redlichs Stil ist in der Tat unverkennbar.
Er ist auf den ersten Blick ganz einfach gehalten, skizzenartig reduziert (am besten schaut man sich das auf der Homepage der Künstlerin an: http://www.nadineredlich.de/), und bei „Ambient Comics“ geschah denn auch fast gar nichts: Das Erzählprinzip war eine jeweils ganzseitige Sequenz von schwarzweißen Bildern, die sich nur in winzigen Details voneinander unterschieden, so dass sie den Eindruck eines statischen Geschehens erweckten – analog zur bewusst lethargischen Ambient-Musik eben Ambient-Comics. Das ist viel schwerer als man glaubt und auch viel unterhaltsamer. Zumal es einen über die gängigen Comic-Definitionen nachdenken ließ. Ein Glück, dass der Titel beim Rotopol Verlag aus Kassel, dem Nadine Redlich weiterhin treu bleibt, nun endlich wieder lieferbar ist, wenn auch mit weniger aufwendig gedrucktem Umschlag als vordem, dafür aber als Komplettausgabe der Hefte 1 und 2.
„I hate you, you just don`t know it yet“ führt durch seinen Titel auch erst einmal auf die falsche Spur, aber schon das flammende Rot des Einbands und die rot gedruckten Zeichnungen im Inneren (hier zu sehen: http://www.rotopolpress.de/produkte/i-hate-you) lassen das eigentliche Thema des Bändchens erkennen: die Liebe. Ja, auch enttäuschte, und zwar gar nicht selten. Und auch das Spiel mit den sequentiellen Bedingungen des Comics ist wieder da. Hier vor allem verkörpert durch die Allegorie „Unsere Liebe ist wie eine wunderschöne Vase“. Dieser Satz wird sechs Mal im Laufe des Buchs in Bilder umgesetzt: zu Beginn tatsächlich als schwanenförmiges elegantes Gefäß, dann als großer Topf, aus dem ein ominöser Geruch aufsteigt, danach als griechischer Krater mit aufgemalter Kampfszene, hiernach als gesplitterte Vase, dann als Toilettenschüssel und schließlich – aber man darf ja nicht alle Pointen vorwegnehmen.
Dazwischen aber gibt es kurze Strichmännchengeschichten und Schemazeichnungen – alles ist wieder schlicht gehalten, während „Paniktotem“ auch Farbseiten geboten hatte. Manchmal gibt es auch nur kurze Textpassagen, durchweg englisch gehalten. Was der Sinn dieses Fremdsprachengebrauchs bei einem Verlag sein soll, der klein und deshalb nicht allzu international ausgerichtet ist, vermag ich nicht zu erkennen. Womöglich klingt es in Nadine Redlichs Ohren einfach besser, das wäre dann ja Grund genug. Schwierig zu verstehen ist jedenfalls nichts davon.
Mit diesem Buch ist die Zeichnerin weiterhin in den Fußstapfen von großen Cartoonisten wie Tex Rubinowitz oder Beck unterwegs, gerade was das Lapidar-Abstruse des Humors angeht. Aber auch Nicolas Mahler hat einen Narren an Redlichs Zeichnungen gefressen, und beide sind kürzlich gemeinsam aufgetreten: einer der derzeit erfolgreichsten deutschsprachigen Zeichner und die Kollegin, über die man bald hoffentlich Ähnliches wird sagen können.

17. Sep. 2018
von Andreas Platthaus
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11. Sep. 2018
von Andreas Platthaus
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Das schwarzweiße Wunder

Zum ersten Mal über „Berlin“ geschrieben habe ich vor neunzehn Jahren, im September 1999, in der ersten Ausgabe der „Berliner Seiten“, und damals waren gerade mal zwei Hefte von Jason Lutes Riesenerzählung über das Leben in der Hauptstadt der Weimarer Republik erschienen. Wenn mich eines damals am meisten verblüffte, dann war es eine mir kurz danach überbrachte Äußerung von Marcel Reich-Ranicki, der gesagt haben soll, wenn Comics so etwas erzählten, dann wolle er auch welche lesen. „So etwas“, das war das Berlin der späten Weimarer Republik, also aus einer Zeit, die Reich-Ranicki selbst als Kinde noch erlebt hat. Comics gelesen hat er dann aber doch nicht, soweit ich weiß, obwohl „Berlin“ seitdem von Jason Lutes kontinuierlich fortgesetzt wurde. „Kontinuierlich“ hieß jedoch auch: in kontinuierlich großen Abständen und zunächst auch nur auf Englisch; es dauerte also schon noch ein paar Jahre, ehe der Carlsen Verlag die ersten acht Hefte (jeweils 24 Seiten dünn) zu einem Band zusammenfasste und in deutscher Übersetzung veröffentlichte.

 

Die war damals, 2003, vom Start weg ein großer Erfolg. Und als der zweite Band herauskam, wieder acht Hefte und fünf Jahre später, konnte man immerhin sicher sein, dass der insgesamt von Lutes auf 24 Hefte veranschlagte Zyklus tatsächlich zu Ende geführt würde. Das ist nun, noch einmal satte zehn Jahre späte,r tatsächlich geschehen, allerdings hat es nur für 22 Hefte gereicht, und so ist der gerade auf Deutsch erschienene Abschlussband „Berlin – Flirrende Stadt“ schmaler als die beiden Vorgänger geworden. 172 Seiten sind es aber dennoch, und so summiert sich die Trilogie auf fast sechshundert Seiten.

Andererseits, was sind sechshundert Seiten für die fünf letzten Jahre der Weimarer Republik, von denen Lutes erzählt? Übrigens, ohne dass er vor der Jahrtausendwende jemals in Berlin gewesen wäre, also nur aufgrund von Sekundärliteratur und Abbildungen. Umso faszinierender war von Beginn an sein Geschick, sich in die damalige Zeit zu versetzen, und natürlich ist dabei seine Graphik am wichtigsten: schwarzweiß, klar wie bei Frans Masereel (also dem wichtigsten europäischen Bild-Erzähler dieser Jahre), ganz im Geist des deutschen Films der damaligen Zeit, gerade was die Schatteneffekte und Perspektiven angeht; Walter Ruttmann war dabei sicherlich der wichtigste Einfluss auf Jason Lutes. Und so sieht das in der Leseprobe aus: https://www.carlsen.de/softcover/berlin-3-flirrende-stadt/19676.

Schon das Cover ist ein Geniestreich, weil es das Hakenkreuz zitiert, aber nicht als Ganzes zeigt: Der schwarze Winkel ist das wiederkehrende graphische Element auf allen 22 Heft- und auch den drei drei Sammelbandumschlägen. Das erleichterte auch die deutsche Publikation, für die Lutes bisweilen allerdings Bilder um Swastikas bereinigen musste. So haben die SA-Männer in seinem Berliner Straßenbild nur weiße Kreisflächen auf den Armbinden; andererseits aber werden Hakenkreuzfahnen im Hintergrund gezeigt. Die deutschen Presserichtlinien sind seltsam.

Im Comic „Berlin“ treten prominente damalige Zeitgenossen wie Carl von Ossietzky oder Joachim Ringelnatz auf. Hitler und Goebbels auch. Aber die zentralen Figuren sind der Journalist Kurt Severing und die frisch nach Berlin gelangte Malerin Marthe Müller sowie deren spätere Geliebte Anna Lencke, eine Transvestitin. Mit diesem Trio (in wechselnden Konstellationen) zieht man als Leser durch den beruflichen und privaten Alltag im Berlin von 1928 bis 1933.

Ganz am Schluss geht es auch noch darüber hinaus, aber mehr will ich dazu nicht sagen, denn Jason Lutes hat sich für das Finale etwas ebenso graphisch Spektakuläres wie inhaltlich Bewegendes einfallen lassen, das den Verzicht auf die Hefte 23 und 24 versüßt. Was er darin hätte erzählen wollen? Es ist nicht zu sagen, denn die Geschichte wirkt zwar in ihren letzten beiden Kapiteln etwas gehetzt, aber sie ist rund geraten. Irgendwann werden wir vielleicht vom Autor hören, auf was wir verzichten mussten.

Was aber betont werden muss: Die deutsche Ausgabe ist eigentlich ein Kollektivwerk, denn nicht nur haben Lutz Göllner und Heinrich Anders als Orts- und Geschichtskundige recht bald nach Publikation der amerikanischen ersten Hefte angefangen, kleine Fehler aufzulisten, die Lutes dann für die deutschen Ausgaben korrigiert hat; sie haben auch dafür gesorgt, dass etliche Figuren im Berliner Dialekt sprechen, denn eine hochdeutsche Dialogführung hätte im teilweise behandelten Arbeitermilieu recht seltsam gewirkt. So betrachtet, ist die deutsche Ausgabe von „Berlin“ so etwas wie die letzter Hand. Wenn es auch durchaus interessant ist, die amerikanischen Hefte oder Sammelsaugaben z lesen, um zu sehen, was sich dann später für die deutsche Fassung geändert haben wird.

„Berlin“ von Jason Lutes war so etwas wie der Startschuss für die Graphic-Novel-Kampagne der deutschen Comicverlage. Dass sein Publikum die Geduld aufgebracht hat, zwei Jahrzehnte auf den Abschluss der Geschichte zu warten, zeigt, wie mitreißend hier erzählt wird. Und überdies waren die ersten Hefte noch Experimentierfelder, in denen Lutes die Comic-Theorie von Scott McCloud beispielhaft durchdeklinierte. Solche Experimente sind seltener geworden; zum Abschluss setzt Lutes vor allem auf Pathos. Aber auch das beherrscht er perfekt. Ein großes Comic-Werk ist vollbracht. Und nun darf man gespannt sein, was Jason Lutes als nächstes beginnt.

 

11. Sep. 2018
von Andreas Platthaus
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04. Sep. 2018
von Andreas Platthaus
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Ein, zwei, Dreibein, alle woll’n dabeisein

Segensreiche Copyrightverfallsfrist. Kaum ist H.G. Wells siebzig Jahre tot – er starb 1946, hat also den Zweiten Weltkrieg knapp überlebt –, da erscheint zweimal „Der Krieg der Welten“ als Comic. Das ist Wells‘ bekanntester Roman, erschienen 1898 als „The War of the Worlds“ und nicht prophetisch, denn dieser Weltenkrieg wird zwischen Planeten ausgetragen, wobei die angreifenden Marsianer es nur mit einer einzelnen irdischen Nation zu tun haben: natürlich den Briten, denn für die war der Roman ja auch geschrieben. Dass Wells die Angriffswelle auf Surrey niedergehen ließ, das ihm selbst aus seiner Jugend vertraut war, kam der Handlung zugute, denn „Der Krieg der Welten“ ist auch eine Reisegeschichte. Mit seinem Protagonisten Robert, einem jungen Philosophen, geht es quer durch die südwestlich von London gelegene Grafschaft.

Deshalb hat Thilo Krapp seiner 120 Seiten umfassenden Comic-Adaption des Buchs Vorsatzpapiere mit einer Landkarte von Surrey verpasst, auf der man Roberts Route nachvollziehen kann (schön zu sehen auf der eigenen Leseprobe des Zeichners: https://www.thilo-krapp.com/comics/krieg-der-welten-graphic-novel.html). Gut so, obwohl man sich sämtliche prominente Schauplätze des Romans dann auch eingetragen gewünscht hätte – einige aber fehlen. Ansonsten jedoch hat der dreiundvierzigjährige Berliner Zeichner, der zuvor eher mit Kindercomics unterwegs war, alles richtig gemacht: In enger stilistischer Anlehnung an Will Eisner werden hier grau lavierte Zeichnungen auf bräunliches Papier gesetzt: eine nostalgische Anmutung par excellence, die das späte neunzehnte Jahrhundert heraufbeschwört, den Wells siedelte seinen Roman in der unmittelbaren Gegenwart an. Dass hier viel Recherche erfolgt ist, belegt allein schon der schöne Anhang, in dem Krapp Einblicke in den Entstehungsprozess des Bandes gestattet.

Dieser Band erscheint bei Egmont, und da steht er derzeit auf verlorenem Posten, denn das ambitionierte Comic-Programm der letzten Jahre dieses Verlags ist derzeit ausgelaufen; Krapps Adaption ist so etwas wie ein Schwanengesang. Und es gibt Konkurrenz: bei Splitter, einem Verlag, der viel für Genre-Comics in Deutschland getan und immer wieder auch überraschende Bände zu bieten hat. Seine „Krieg der Welten“-Adaption ist wie der Großteil des Verlagsprogramms eine Lizenzausgabe, in diesem Fall vom französischen Haus Glénat, und Teil einer ganzen Comicreihe nach Vorlagen von Wells. Erschienen sind außerdem „Die Zeitmaschine“, „Die Insel des Doktor Moreau“ und „Der Unsichtbare“.

Alle wurden sie von Dobbs adaptiert, bürgerlich Olivier Dobremel, einem extrem produktiven französischen Szenaristen. Für die vier Wells-Comics arbeitete er jeweils mit unterschiedlichen Zeichnern zusammen, beim „Krieg der Welten“ ist es Vincente Cifuentes, der zuvor für die beiden großen amerikanischen Superhelden-Verlage DC und Marvel gezeichnet hat. Und natürlich sieht man das der Adaption an (Leseprobe auf https://www.splitter-verlag.de/h-g-wells-krieg-der-welten-1-2.html): Gleich die erste Seite kehrt die wellssche Perspektive um und präsentiert uns die Sicht der Marsianer: als Aggressoren, die auf dem Weg zur Erde sind. Dann aber wird genauso konsequent aus der Sicht von Robert (und zeitweise dessen jüngeren Bruders Henry) erzählt, wie es auch im Roman der Fall ist.

Bunt ist Cifuentes Surrey, und die berüchtigten „Tripods“, mit den Mars angreift, sind bei ihm ungleich moderner und beweglicher als die Kampfmaschinen von Krapp, die eher einer nostalgischen Steampunk-Ästhetik entsprechen. Die deutsche Adaption ist ungleich ruhiger erzählt, auch in den actionreichsten Momenten, während Cifuentes auch schon einmal menschliche Opfer im Feuerstrahl zu Skeletten verglühen lässt und ganz allgemein vor kaum einer Drastik zurückschreckt. Trotzdem ist auch hier die Handlung nicht aktualisiert, also in die Gegenwart versetzt worden, wie es bei Wells-Adaptionen in anderen Medien wie dem berühmten Hörspiel von Orson Welles oder den Verfilmungen (zuletzt mit Tom Cruise) der Fall war. Da aber punktet Krapp mit seiner auch in der Buchgestaltung dem späten neunzehnten Jahrhundert verpflichteten Optik weitaus mehr.

Dobbs hat die Geschichte in zwei Bände aufgeteilt, was erst einmal wenig überrascht, weil ja auch der Roman in zwei Bücher unterteilt ist. Allerdings entspricht die Unterteilung des Splitter-Comics nicht Wells‘ Vorgabe, die dem ersten Teil mehr Platz einräumt. Also nimmt Dobbs einige Handlungselemente von dort in seinen zweiten Band hinein. Krapp hält sich dagegen genau an die Vorlage und auch an die Gewichtung: Sein „Buch 1“ hat siebzig, „Buch 2“ nur etwas mehr als fünfzig Seiten. Er will dem Roman gerecht werden, Dobbs und Cifuentes dem normierten Mainstream-Comicmarkt, der gleich umfangreiche Alben verlangt. Zusammen kommt ihre Version knapp über hundert Seiten, fällt also gegenüber Krapp etwas zurück. Man könnte auch sagen: Der Berliner Zeichner hat eine Autorenadaption des „Kriegs der Welten“ geschaffen, das Konkurrenten-Duo dagegen eine eher freie Bearbeitung.

Das muss nicht schlecht sein; hier aber ist es zumindest schlechter. Zumal man es bei der jeweiligen deutschen Textfassung einmal um eine Direktübersetzung aus dem Englischen zu tun hat (Krapp) und das andere Mal um eine Übersetzung aus dem Französischen, das aber auch schon eine Übersetzung war. Natürlich erfolgte ein Abgleich mit der gängigen deutschen Übersetzung, aber man merkt, dass die Sprache des Splitter-Comics ungelenker ist als die des Egmont-Bandes. Hier lag ebne alles in einer Hand, der von Krapp, während der andere „Krieg der Welten“ ein Kollektivprodukt ist. Professioneller mag es aussehen, harmonischer in Tonfall und Graphik ist die deutsche Adaption.

Schön aber, dass man überhaupt solche Vergleiche ziehen kann – ein Hoch dem Copyright-Verfall. Zumal Thilo Krapp auf den Geschmack gekommen zu sein scheint und sein nächstes Vorhaben wieder einem legendären Roman der frühen Science-Fiction widmen wird. Mehr sei hier noch nicht verraten, außer dass es diesmal farbig werden soll, obwohl die Sache noch etwas früher spielt. Da könnte jemand ein Feld für ein Lebenswerk gefunden haben.

04. Sep. 2018
von Andreas Platthaus
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27. Aug. 2018
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Die Arbeit, die uns freut, wird zum Ergötzen

Dieses Heft über Arbeit hat Arbeit gemacht, das sieht man ihm aufs Wunderschönste an, denn lange gab es keine beeindruckendere Ausgabe der einmal jährlich erschienenen Comicanthologie „Spring“. Das fängt mit der Umschlagzeichnung von Doris Freigofas an (hier zu sehen: http://www.springmagazin.de/), die aufs Allerangenehmste an Blexbolex erinnert du hört mit sehr witzig formulierten Biographien der insgesamt dreizehn vertreten Zeichnerinnen auf, denen man etwa im Falle von Freigofas entnehmen kann, dass sie „mit dem Zeichnen bunter Bilder seit einigen Jahren recht erfolgreich Geld verdienen“ kann. „Spring“ kann sie damit allerdings nicht gemeint haben, denn diese Publikation beruht traditionell auf Selbstausbeutung. Der wahre Lohn besteht darin, in diesem tollen Rahmen auftreten zu dürfen.

Immerhin 150 Euro beträgt aber der offenherzog mitgeteilte Honorarsatz für das knappe Vorwort, das Anne Vagt beigesteuert hat – vielleicht zahlt sich da aus, dass „Spring“ seit einigen Jahren im Program des Hamburger Verlags Mairisch erscheint. Vagt ist auch Illustratorin, und wenn sie auch nicht mit Bildern im Heft vertreten ist, pflegt sie doch denselben ironischen Tonfall, der die Autorinnenbiographien auszeichnet. Und wer noch nichts über „Spring“ weiß, sich aber über den konsequenten Gebrauch des generischen Femininums wundert, dem sei gesagt, dass dieses Magazin ausschließlich von Frauen bestritten wird. Einige davon, wie etwa Moki, Katrin Stangl, Birgit Weyhe oder Jul Gordon, sind schon seit vielen Jahren dabei.

Diese Namen deuten schon an, was für eine Qualität sich da versammelt. Und alle Mitwirkenden unterwerfen sich einem vorgegebenen Thema, diesmal ist es für die fünfzehnte Ausgabe eben „Arbeit“, eingedenk von Karl Marx zweihundertstem Geburtstag. Ihm wird als Anreger also die größte Rolle eingeräumt, die ein Mann bei der Produktion überhaupt gespielt hat. Und seine Skepsis gegenüber den Entfremdungstendenzen von Arbeitern im Kapitalismus finden hier einigen Widerhall. Wobei man keine ideologischen Geschichten erwarten darf, sondern graphisch sehr geistvolle Erläuterungen moderner Arbeitszusammenhänge wie bei Stephanie Wunderlich oder Larissa Bertonasco und bisweilen auch hochironische Betrachtungen wie bei Birgit Weyhe, die eine ganze Truppe ihrer eigenen Comicfiguren auftreten lässt, die sich bitter über das soziale Engagement der Zeichnerin beklagen – so mache Comic ja gar keinen Spaß.

Das Gegenteil ist natürlich der Fall, und auch Romy Blümel und Katharina Gschwendtner haben ebenso witzige wie arbeitsgesellschaftsskeptische Geschichten ersonnen. Leider nur gut gezeichnet – sogar sehr gut –, aber moralisch zu aufdringlich ist Carolin Löbberts Darstellung von Lohnungleichheit. Derartige Gegenüberstellungen hat man zu häufig gelesen, als dass sie noch überraschen könnten.

Jul Gordon, ohnehin eine der originellsten deutschen Comiczeichnerinnen, hat mit „Büro“ den ungewöhnlichsten Beitrag geschaffen. Sie kombiniert unterschiedliche graphische Techniken zu einer Szenenabfolge aus dem Büroleben, die nicht auf Pointe setzt, sondern auf Beobachtungsschärfe. Ein Jammer übriges, das Kathrin Klingner nicht zum „Spring“-Kollektiv zählt. Ihre noch im Entstehen befindliche, aber schon als Finalistin des Leibinger-Comicbuchpreises ausgezeichneter Band „Arbeit“ hätte etwas ins Konvolut hineingebracht, was fehlt: die Dokumentation konkreter Arbeit. In den „Spring“-Geschichten fehlt der Reportageaspekt, wen man von den zahlreichen Selbstporträts der Zeichnerinnen absieht, die der eigenen Arbeit durchaus sehr interessante Studien widmen.

Und bisweilen frustrierende wie Mokis ganz kurze (nur drei Seiten) Geschichte über eine Tellerwäscherin, die dann noch an Intensität gewinnt, wenn man in der Kurzbiographie liest, dass genau solch ein Broterwerb der „einzige richtige Job“ im Leben der Zeichnerin gewesen sei. Wobei es noch beunruhigender ist, das sie ihre eigentliche Tätigkeit offenbar nicht zu dieser Kategorie zählt, und weiß Gott: Comiczeichnen gehorcht Gesetzen, die in der Tat nicht eben „richtig“ wirken. Vor allem, was die Bezahlung angeht.

Ein reines Lustprojekt wie „Spring“ muss man sich da leisten können. Und so unterliegt die diesmalige Besetzung des Kollektivs auch wieder einem Wandel; gleich neun Zeichnerinnen der vierzehnten Ausgabe sind nicht mehr dabei. Aber das macht einen weiteren Reiz des Projekts aus: dass es so viele gute Zeichnerinnen gibt, dass die Lücken mühelos zu schließen sind. Und dankenswerteweise gibt es auch wieder einige Anzeigenkunden, die mit ihren Annoncen zur Finanzierung des aufwendig gestalteten Heftes beitragen. Und nach Vorbild des Schweizer Comicmagazins „Strapazin“ sind alle diese Anzeigen von den beteiligten Zeichnerinnen gestaltet worden. Daraus resultiert ein noch einmal besonders schönes Kapitel in „Spring“ – eine Leistungsschau der Illustratorinnen nach der Suite an Comics.

27. Aug. 2018
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20. Aug. 2018
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In Technocolor und multikulturell

Wenn es einen Comiczeichner gibt, dessen Werk man auf den ersten Blick erkennt, dann ist es Enki Bilal. Deshalb wäre man gerne gleich zur Leseprobe als Beweis übergegangen, aber mehr als Vorder- und Rückseite stellt der deutsche Verlag nicht ein: https://www.carlsen.de/hardcover/bug-1/93863. Also gehe man lieber gleich zum französischen Originalverlag, zu Casterman: https://www.casterman.com/Bande-dessinee/Catalogue/albums-bug/bug-1, da gibt es deutlich mehr. Und ob man es dann versteht oder nicht, es geht jedenfalls um den jüngsten Band des Künstlers, „Bug“. Bilals Pastelltechnik ist dabei ebenso unverkennbar wie die Stimmung der Geschichten, die stets in einer postapokalyptischen Welt angesiedelt scheinen – selbst in solchen Fällen, wo die Zeit eine historische ist wie die des Ostblocks in Bilal immer noch bestem Comic „Treibjagd“ (erschienen 1983).

Blaue Verfärbungen von Gesichtern bei Protagonisten sind ein untrügliches Bilal-Zeichen, ätherische Frauen mit leicht verstrubbelter Kurzhaarfrisur genauso (nie blond). Man könnte seine Farbgebung mit einem Wirtspiel „Technocolor“ nennen. Und die Phantastik ist bestimmendes Merkmal aller seiner Erzählungen: visuell und narrativ, und kaum ein anderer Comicautor ist so multikulturell in seinen Themen – und dabei doch zugleich auch so ästhetisch reaktionär.

Das hat seinen Grund in der Biographie des Zeichners. Bilal wurde 1951 in Belgrad geboren, und auch wenn er seit seinem zehnten Lebensjahr in Paris wohnt und französischer Staatsbürger ist, hat er seine kulturellen Wurzeln zur serbischen Heimat nie gekappt. Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er sich in den jugoslawischen Kriegen der neunziger Jahre hätte instrumentalisieren lassen – von welcher Seite auch immer –, aber der Blick auf die sozialistische Gesellschaft seiner Kindheit in Belgrad ist ein prägender gewesen und taucht in allen seinen Comics auf. Die grauen Wohnblocks, die wuchernde Stadtszenerie, das Nebeneinander von technoider Moderne und pittoreskem Verfall in der Architektur – dadurch entsteht der unverwechselbare Bilal-Look. Selbst wenn Paris der meistdargestellte Handlungsort in seinen Comics sein dürfte, vermutet man diese Stadt eher an der Donau. Und eine Cité lumière ist sie gewiss nicht!

„Bug“ setzt auch wieder in Paris ein, und zwar im Jahr 2041. Alsbald wird die Welt mit einem aus bereits vielen Comics vertrauten Problem konfrontiert: alle digitalen Funktionen versagen, und da natürlich die Zukunft noch digitaler aussieht als die Gegenwart, ist das Chaos unbeschreiblich groß. Pech auch für die Insassen der in den Umlaufbahnen befindlichen Raumstationen und Raumschiffe, denn wie sollen sie nun zur Erde zurückgelangen? Von der Aufrechterhaltung der Lebenssysteme ganz zu schweigen. Doch wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch: Einer der Astronauten – er trägt den schönen Bilal-Namen Kameron Obb und entwickelt eine blaue Gesichtsverfärbung – verfügt über ein bemerkenswertes Erinnerungsvermögen, das die ausgefallenen Computer ersetzen hilft. Gemeinsam mit zwei Kollegen kehrt er so zur Erde zurück, aber dort warten Gute und Böse bereits begierig auf den gedächtnisstarken Mann, der nun zur allmächtigen Waffe taugt.

Mehr nicht zum Geschehen in „Bug“, zumal es sich um den ersten Band handelt, und bei Bilal weiß man nie, wie viele dann noch kommen. Es ist auch eigentlich egal, denn man liest ihn nicht einer ausgefeilten Handlung wegen, sondern eben als Stimmungsmacher – Düsterstimmung versteht sich. Dass er ein grandioser Zeichner ist, bezweifelt niemand, und das hat auch der Kunstmarkt längst gemerkt, der für die Werke keines lebenden Comiczeichners höhere Preise bezahlt als für die des Franzosen. Wobei der längst verstanden hat, dass man mit großformatigen Gemälden (natürlich genug im Comic-Stil) viel mehr Geld erzielen kann als mit Originalseiten, die allerdings auch noch teuer genug sind.

Was an „Bug“ aber zusätzlich interessant ist, ist der deutsche Verlag. Bilal ist nämlich zu Carlsen zurückgekehrt, wo er seine ersten deutschen Publikationen in achtziger und neunziger Jahre hatte, ehe er zur Ehapa Comic Collection wechselte, die damals zu großen Konkurrenzkampf auf dem anspruchsvollen Sektor blies. Der abermalige Wechsel nach nun mehr als anderthalb Jahrzehnten zeigt zweierlei: den Nimbus, den Bilal, der sich in Deutschland ganz im Gegensatz zu seinem Heimatland Frankreich nie glänzend verkauft hat, nach wie vor genießt, und die aufgegebenen Ambitionen von Ehapa (heute Egmont). Letzteres wusste man schon länger, nachdem das vor ein paar Jahren noch mit viel Ehrgeiz und Aplomb neukonzipierte Graphic-Novel-Programm sanft entschlummerte. Wie soll man auch den verlagsinternen Vergleich mit Serie wie „Asterix“ oder „Lucky Luke“ aushalten? Da tut sich selbst ein Minoritätenprodukt wie „Bug“ leichter im Vergleich mit „Spirou und Fantasio“ (solange es nicht der neue Band von Flix ist) oder „Clever und Smart“. Ob Carlsen wiederum genug Nostalgiker erreicht, um bei Bilal kostendeckend arbeiten zu können, ist eine spannende Frage. Denn Zuschussgeschäfte erlauben sich die Comicverlage immer seltener.

20. Aug. 2018
von Andreas Platthaus
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13. Aug. 2018
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Ihm kann es plötzlich nicht schwarzweiß genug sein

Als Gipi vor etwas mehr als anderthalb Jahrzehnten die Bühne des europäischen Comics betrat, tat er es mit Aplomb: Der heute fünfundfünfzigjährige Italiener (dessen bürgerlicher Name Gian-Alfonso Pacinatti lautet, abgekürzt G.P. und englisch ausgesprochen eben Gipi) war zuvor nie aufgefallen, obwohl er für einige Fanzines und Anthologien gezeichnet hatte. Wenn man sich diese frühen Arbeiten der neunziger Jahre ansieht (als Gipi ja auch schon nicht mehr ganz jung war), mag man kaum glauben, dass es sich um denselben Künstler handelt: Tiefschwarz, fast schon Hellboy-artig verschattet, sind seine damaligen Kurzgeschichten; so wie etwa auch der deutsche Kollege Uli Oesterle anfangs zeichnete. Der Erfolg kam dann mit lichten, geradezu federleicht angelegten und oftmals auch auf diese Weise aquarellierten Zeichnungen, die aber trotzdem düstere Geschichten erzählten: Einblicke in ein italienisches Alltagsleben der jüngeren Vergangenheit abseits der großen Städte. Man merkte diesen Erzählungen die Lebenserfahrung, die dahinter stand, deutlich an.

In den ersten Jahren räumte das reife Wunderkind aus Italien dann alle wichtigen europäischen Comicpreise ab: in Angoulême und Erlangen und in Fiesole. Zugleich etablierte sich Gipi auch als Enfant terrible: Auftritte wurden häufig kurz vorher abgesagt, und ganz generell richtete er sich nicht nach den Gepflogenheiten des Metiers. Das hatte damit zu tun, dass er auf einem anderen Feld, der Videokunst, genauso erfolgreich war und es mit seinem Kinoregiedebüt sogar in den Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig schaffte. Das war 2011, und da glaubte man ihn dem Comic bereits wieder abhandengekommen, denn das letzte große Buch, „Mein schlecht gezeichnetes Leben“, war 2008 in Italien herausgekommen (auf Deutsch erst 2013). Aber dann kam 2012 „S“, wieder ein autobiographischer Text, diesmal allerdings über den Vater. Es war zudem der erste Comic, den in Deutschland der Reprodukt Verlag herausbrachte, nachdem zuvor alles von Gipi bei Avant erschienen war. „Mein schlecht gezeichnetes Leben“ wurde dann der zweite Band bei Reprodukt, obwohl er im Original vor „S“ herausgekommen war.

Dann schon wieder jahrelange Pause. Bis 2016 in Italien. Und bis jetzt auf Deutsch. Denn nun ist hierzulande  „Die Welt der Söhne“ erschienen, zwei Jahre nach dem italienischen Original „La terra dei figli“, was man wohl eher als „Das Land der Söhne“ übersetzen müsste. Und plötzlich ist Gipi hierzulande wieder bei Avant, was dem Verlag gegönnt sein soll, aber überraschend ist schon, dass Reprodukt diesen Star nach nur zwei Bänden wieder ziehen ließ. Wobei die Verkäufe von Gipi in Deutschland nie seinem fulminanten Ruf entsprachen oder gar den französischen Absatzzahlen seiner Comics erreichten.

Mit „Die Welt der Söhne“ kommt eine Geschichte, die mit allem bricht, was Gipi berühmt gemacht hat. Sie ist in Schwarzweiß gehalten (Leseprobe unter http://www.avant-verlag.de/comic/die_welt_der_soehne): in einem feinen Bleistiftstrich von einer Subtilität, die sonst nur der italienische Kollege Lorenzo Mattotti mit Tusche kultiviert hat. Und die Handlung ist nicht in einem realen Italien angesiedelt, sondern als dystopische Erzählung aus postapokalyptischer Zeit. In einem Seengebiet leben in vereinzelten Häusern auf dem Wasser ein paar Menschen. Nur die Älteren haben noch das erlebt, was wir für alltäglich halten: ein sorgenfreies Dasein, Schulbildung, soziale Kontakte. Nun kämpft jeder für sich selbst, und die Kinder können nicht einmal lesen und schreiben.

Umso faszinierter sehen zwei halberwachsene Knaben ihrem Vater beim Tagebuchführen zu. Sie sind die Söhne aus dem Titel der Geschichte, aber die Welt gehört ihnen gar nicht. Ganz im Gegenteil fühlen sie sich bei allem außen vor gehalten, und die Überlebensstrategie des Vaters leuchtet zumindest dem mutigeren unter den beiden nicht ein. Aber als dieser Junge seine eigenen Pläne umzusetzen beginnt, gerät nicht nur die familiäre Balance außer Kontrolle. Zumal es noch eine fanatische und skrupellose Sekte gibt, die nicht allzu weit entfernt von weiteren Überlebenden gebildet wurde und sich munter durch die Gegen plündert und vergewaltigt. Die Schwarzweiß-„Welt der Söhne“ ist auch moralisch schwarzweiß angelegt.

Das macht die Lektüre des Comics arg absehbar; dergleichen Geschichten haben wir oft gelesen und noch häufiger gesehen – dem Kinofan Gipi muss man sicher nichts von „Mad Max“ oder Michael Haneke erzählen. Für solch vertraute Szenarien sind 280 Seiten ziemlich viel. Wobei sich Gipi den Luxus erlaubt, ganze Suiten von Seiten mit Tagebuchnotaten des Vaters zu bestreiten (die aberv allesamt unleserlich sind, um den Effekt dieser Aufzeichnungen auf die Söhne deutlich zu machen). Das ist eine wunderbare Idee, allerdings auch eine, die schon im „Schlecht gezeichneten Leben“ strukturelle Vorläufer hatte. Da konnte man noch alles lesen.

Wobei „Die Welt der Söhne“ kein schlechter Band ist, dafür erzählt Gipi viel zu intensiv, vor allem auch viel zu subtil (explizite Gewaltdarstellungen etwa gibt es kaum, aber die Opfer der Gewalt sieht man, und das ist unerfreulich genug). Aber man vermisst sein Kolorierungsgeschick und ist vergrätzt über den notwendigen Mangel an Gegenwart in dieser Dystopie. Kurz: Es ist die erste moderate Enttäuschung aus seiner Feder, aber was bei ihm enttäuscht, das wäre bei anderen Autoren ein Wunderwerk.

13. Aug. 2018
von Andreas Platthaus
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06. Aug. 2018
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Berlin in die Hände der Spontis!

Berlin positioniert sich als deutsche Comic-Hauptstadt. Dafür gibt es gute Gründe. Vor allem all die Zeichner, die dort leben, denn immer noch ist die Metropole günstiger als die meisten westdeutschen Großstädte, und dass man dort viele Kollegen und einige der wichtigsten Verlagsadressen für deutsche Comics (Reprodukt, Avant, Egmont, Suhrkamp) findet, ist auch nicht zu verachten. Der Senat hat in diesem Jahr erstmal ein Stipendium für in Berlin ansässiger Zeichner ausgelobt, und den Hauptpreis gleich mit 16.000 Euro ausgestattet – was für ein paar Monate der höchstdotierte deutsche Comicpreis war, ehe die in Baden-Württemberg ansässige Berthold-Leibinger-Stiftung ihren Comicbuchpreis kurzerhand von 15.000 auf 20.000 Euro aufstockte.

Schön, wenn auch Wettbewerb unter Preisstiftern herrscht. Den Gewinnern kann es nur nutzen. Zumal Berlin auch noch gleich ein Auslandsaufenthaltsstipendium in Höhe von immerhin 15.000 Euro vergab und dazu noch zwei kleinere Stipendien von jeweils zweitausend Euro. Insgesamt wurden also 35.000 Euro vom Senat bewilligt. Und auch diese Gesamtsumme hat die Leibinger-Stiftung prompt übertroffen, indem sie die Prämien für die Finalisten ihres Wettbewerbs erhöhte. Bekamen die neun Kandidaten, deren Einsendungen gemeinsam mit dem Gewinner um den Hauptpreis konkurrierten, bislang jeweils tausend Euro, sind es nun zweitausend. Also beträgt die Gesamtsumme, die der Comicbuchpreis ausschütter, 38.000 Euro. Nun ist wieder der Senat unter Zugzwang.

Das erste Berliner Comicstipendium hat Michael Ross erhalten (der unter dem Namen Mikael Ross zeichnet). Er lebt – satzungsgemäß – in Berlin, doch entdeckt wurde er in Frankreich, bis Avant seine Titel ins Programm nahm. Der Prophet gilt wenig im eigenen Land, und das ist in Berlin nicht anders. So mag es auch zu erklären sein, dass ein waschechter Berlin-Comic (Zeichner lebt dort, Handlung spielt dort) nicht bei einem Verlag aus der Hauptstadt gelandet ist, sondern beim Leipziger Winzverlag Trottoir Noir. Die Rede ist von Andreas Meiers „Tempelhoven“.

Meier, Jahrgang 1978, stammt aus Dresden, arbeitet aber seit zehn Jahren in Berlin. Und er hat sich in diesen zehn Jahren ganz offenbar in Berlin verguckt. Wie es so ist mit einer großen Liebe, möchte man, dass sich nichts an ihr ändert. Berlin allerdings verändert sich rasant. Meier wohnte dort in der Hauptstraße 1, „dem kleinesten Kiez Berlins“, wie er selbst schreibt, „die perfekteste Adresse“. Nun gibt es in Berlin ein paar Hauptstraßen. Ob also Meier in Schöneberg, Pankow oder Lichtenberg wohnte – ich weiß es nicht. Mutmaßlich dürfte für alle drei Möglichkeiten der melancholische Satz gelten, mit dem Meier seine Reminiszenz an die eigene frühere Adresse schließt: „Sie geht den Weg, den alles geht.“

Also haben wir es mit einem Nostalgiker zu tun, der den guten (das heißt wilden und billigen) Tagen in der Bundeshauptstadt nachtrauert. Das ist legitim. Vor allem, wenn man die Trauer produktiv und einen Band wie „Tempelhoven“ daraus macht. Dem merkt man Meiers Verachtung für die Gentrifizierung Berlins nämlich nur zu gut an. Und passend zu dieser Haltung sind auch seine Zeichnungen wild und spontan, nämlich mit Bleistift angelegt – „ungefiltert und direkt aus dem Skizzenbuch“, wie der Klappentext verspricht. Mag sein, jedenfalls benutzt Meier dann großformatige Skizzenbücher. Wie das genau aussieht, muss man sich vorstellen, denn als ordentliche Gegner jeder Form von Kommerzialisierung haben Verlag und Zeichner so wenig wie möglich aus ihrem Band ins Netz gestellt: das Cover und zwei Seiten unter http://www.trottoirnoir.de/?page_id=300. Dort ist auch die Bestelladresse zu finden; es glaube nur niemand, dass man „Tempelhoven“ etwa bei Amazon bekäme.

Konsequente Verweigerung also, ganz so wie die drei wichtigsten Protagonisten von Andreas Meiers Comic sich dem schicken Berlin verweigern. Da ist der namenlose Ich-Erzähler, der in einem leicht heruntergekommenen Innenstadtviertel lebt. Im selben Haus sind auch Kai und Caro (nur Mitbewohner, kein ansässig: sie eine bildhübsche Powerfrau (so recht nach dem Geschmack des Erzählers), er ein manischer Ladendieb, der sich im Laufe der Jahre einen Warenbestand zusammengeklaut hat, mit dem man jede Katastrophe überleben würde. Und prompt kommt genau darauf die Probe, denn eines Tages tritt in bestimmten Teilen Berlin eine kollektive Ohnmacht auf, und aus Angst vor dem, was dieses Ereignis ausgemacht hat, verrammeln sich alle in ihren vier Wänden – ohne dass sie wüssten, was es denn nun war. Man lebt wie in einer Endzeit-Stadt: Plünderungen und Hamsterkäufe sind gängig. Da kommt Kais unerschöpflicher Warenvorrat gerade recht.

Irgendwann funktioniert auch das Internet nicht mehr, und fortan ist Berlin im Ausnahmezustand. Mittendrin Caro und der Erzähler, die sich gemeinsam aufgemacht haben, um durch das Chaos zum ehemaligen Flughafen Tempelhof zu wandern, dessen Flugfeld der Regierende Bürgermeister Wowereit – ja, der ist wieder da – in einem Günther-Schabowski-Moment spontan zur Besiedelung freigegeben hat. Die dort sofort entstehende Hüttengemeinde nennt sich selbst Tempelhoven, und was dort und drum herum passiert und warum, das muss man selbst lesen, denn die 140 Schwarzweißseiten sind gepackt voll mit Ereignissen.

Die Spontaneität der Zeichnungen von Andreas Meier folgen einem Trend der letzten Jahre: Bleistift ist eh Trumpf unter deutsche Comiczeichnern, und Skizzenbuch-Ästhetik hat den Anschein von Authentizität und wird dementsprechend oftmals suggeriert (Pionier dabei war der Kanadier Seth, dessen angeblich Notizbuch-Comics tatsächlich alle fein säuberlich kleinformatig auf Einzelblättern angelegt sind). Aber egal, wie sich im Falle von „Tempelhoven“ verhält: Meiers Erzählstil beschwört den Charme der Independent-Szene herauf, die Freiheit, die Robert Crumb oder Moebius in ihren Anfangszeiten in den Comic brachten. Der Amerikaner und der Franzose sind zwar die viel besseren Zeichner, aber Meier arbeitet in ihrem Geist. Schön, dass etwa seine Hauptfigur am Anfang der Geschichte einen Sturz erlebt, der an „John Difool“ von Moebius erinnert.

Zwischendurch ist reichlich Gelegenheit für die „Tempelhoven“-Protagonisten, gegen die Yuppies zu wettern und den hektischen Lebensrhythmus der Großstadt zu beklagen. Das liest sich dann wie die alten Sponti-Comics von Gerhard Seyfried. Aber was ist daran falsch? Fragt sich nur, warum sich dafür kein Berliner Verlag gefunden hat. Es hätte ja auch ein kleiner sein können. Auch wenn ich nicht in den Chor derjenigen einstimme, die Leipzig für das bessere Berlin halten, ist es doch derzeit der kreativere Ort für Comics – siehe Anna Haifisch, Max Baitinger, Phillip Janta, Matthias Lehmann. Meine Einschätzung resultiert also nicht nur aus der Tatsache, dass „Tempelhoven“ in Leipzig verlegt wurde. Aber ein bisschen doch auch.

06. Aug. 2018
von Andreas Platthaus
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30. Jul. 2018
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Schulmädchenreport der anspruchsvolleren Art

Birgit Weyhe ist ein deutschen Comicwunder, aber darüber muss man sich nach zehn Jahren nicht mehr wundern. Beginnend mit den autobiographischen Erzählungen in „Ich weiß“ und dann über „Reigen“ und „Im Himmel ist Jahrmarkt“ bis zu ihrem bislang meistgefeierten Band, der Doku-Fiktion „Mad Germanes“, hat die Hamburger Autorin und Zeichnerin einen ganz persönlichen Stil etabliert, der von einem graphischen Detail- und Assoziationsreichtum geprägt wird, in dem Weyhes lange Jugendjahre in Afrika und ihre Kenntnisse von Mythologie und Alltag dort zum Ausdruck kommen. Die mündliche Erzähltradition des afrikanischen Kontinents ist dabei immer wichtiger geworden für das Werk der Deutschen, und in „Mad Germanes“ traten schließlich drei Protagonisten wie Zeugen vor die Leser, um ihre miteinander verwobenen Lebensgeschichten als Vertragsarbeiter aus Mosambik in der DDR und nach deren Untergang in der Bundesrepublik zu schildern.

 

So ist Birgit Weyhe nolens volens auch zur Chronistin der Beziehungen von Afrika und Deutschland geworden – durchs eigene Leben und die Geschichten, die sie publiziert hat. „Mad Germanes“ war dabei ein ungeplantes Zwischenspiel, denn eigentlich hätte dieser Band erst später fertig werden sollen. Die Zuerkennung des Leibinger-Comicbuchpreises für den entstehenden Band forcierte aber dessen Fertigstellung. Zum Glück. Denn zuvor hätte ein schon früher begonnenes Comicprojekt entstehen sollen, bei dem Weyhe nur als Zeichnerin agierte. Grundlage dafür war ein Szenario der aus Nigeria stammenden und heute in Schweden lebenden Autorin Sylvia Ofili über deren Jugend in einem nigerianischen Internat und ihre darauf folgende Übersiedelung nach Europa. Da es Olivia, Ofilis Alter Ego im Buch, zum Studium nach Hamburg verschlägt, schien die dort lebende Birgit Weyhe die ideale Partnerin bei dem Comic-Vorhaben, zumal angesichts ihrer eigenen afrikanischen Vergangenheit. Und das ist daraus geworden: http://www.avant-verlag.de/comic/german_calendar_no_december.

Aber die Zusammenarbeit zog sich länger hin, als geplant; schließlich waren die Arbeitsrhythmen zweier Autorinnen zu koordinieren, „Mad Germanes“ kam noch dazwischen, und so ist der Band erst jetzt herausgekommen, zwei Jahre später als beabsichtigt. Er trägt den Titel „German Calendar No December“ – ein Zitat aus einer nigerianischen Comedy-Fernsehserie, die zu stehenden Redewendung zwischen der jungen Olivia und ihrem Vater geworden war. Nur versteht vor der Lektüre des Comics kein Leser diese Anspielung, und das ist der erste Fehler des Bandes. Der zweite ist, dass der Avant Verlag nicht darauf bestand, dass man nach Weyhes Erfolg mit „Mad Germanes“ einen anderen Titel für ihren Folgeband wählte, einen, der weniger ähnlich geklungen hätte. Jetzt sieht das Ganze nach Masche aus.

Und das ist das dritte und wichtigste Problem dieses Comics: Wieder wird eine afrikanisch-deutsche Migrationsgeschichte geboten. Sie ist nur leider ungleich weniger brisant als die von „Mad Germanes“. Zudem fragt man sich, was die ersten mehr als hundert Seiten (und damit mehr als die Hälfte des Buches) mit Olivias Internatsgeschichte sollen. Selbstverständlich ist es interessant, etwas über die bösartigen Machtspielchen unter Schülerinnen in einem nigerianischen Mädcheninternat zu lesen, aber bis Olivia dort ankommt, wird eine Spannung aufgebaut, die in einer Sequenz über das sorgsame Packen ihres Koffers mit der Schulausrüstung kulminiert, zu dem die Ich-Erzählerin sagt: „Da wussten wir noch nicht, dass am Ende des ersten Jahres alles gestohlen, zerstört oder verloren sein würde.“

Wer sich auch nur ein bisschen mit jüngerer nigerianischer Geschichte auskennt, befürchtet hier das Schlimmste. Schön für Olivia, dass es nicht eintritt, aber der dramatisch formulierte Satz ist ein Etikettenschwindel, denn außer fieser Schikane erleidet das junge Mädchen im Internat nichts. Dass dort überhaupt etwas gestohlen, zerstört oder verloren wird, wird später nie mehr angesprochen, die ganze Internatshandlung spult sich ab wie eine Seifenoper: vom Mauerblümchen zur Schülersprecherin. Das ist keine Erzählkunst, das ist belanglos, ein veritabler „Schulmädchenreport“, der zwar keinen Sex bietet, aber die schlichte Erzählweise des so betitelten Machwerks.

Mit dem Wechsel nach Deutschland wird die Geschichte immerhin insofern größer, als dass Olivia sich Geld als Verkäuferin am Hamburger Hauptbahnhof verdient und dabei in einen Freundeskreis von anderen Migranten aufgenommen wird, der in den Toiletten des Bahnhofs illegalen Asylbewerbern Unterschlupf gewährt. Was einen interessanten Zwiespalt zwischen individueller Moral und objektivem Gesetz hätte bilden können, wird aber zur bloßen Anekdotenabfolge, die ihren Tiefpunkt in einem peniblen deutschen Vorgesetzten findet, der die ganze Sache auffliegen lassen will, sich dann aber durch einen unglückliche Zufall ein Bein bricht und somit kein Problem mehr darstellt – als könnte ein solcher Mensch nicht auch noch vom Krankenbett aus Schwierigkeiten bereiten. Die Charakterzeichnung der Figuren ist – man muss es selbst in diesem afrikanisch-deutschen Kontext sagen (Olivia hat eine deutsche Mutter und einen nigerianischen Vater) – schwarzweiß.

Birgit Weyhes Comiczeichnungen bringen wenigstens Farbe hinein, aber mehr als ein Nebenwerk ihres Schaffens kann man in „German Calendar No December“ beim besten Willen nicht sehen. Schöne Bildmetaphern, ja, auch kluge Erzählsequenzen, die bewusst mit Statik arbeiten, auch dann, wenn es dramatisch wird – aber das alles kennen wir schon aus Weyhes eigenen Geschichten der Vergangenheit, die einfach besser geschrieben sind. Man fragt sich, wer oder was die beiden Autorinnen zusammengebracht hat. Ablesen kann man es dem Ergebnis leider nicht.

30. Jul. 2018
von Andreas Platthaus
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24. Jul. 2018
von Andreas Platthaus
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Gottes Freund und alles Weltlichen Feind

In diesem Comic spinnt eine Spinne ihr Netz. Auf schwarzen Seiten, die die verschiedenen Kapitel voneinander trennen, spinnt sie weiße dünne Fäden, und immer mehr Insekten verfangen sich darin und werden eingesponnen. Auf dem letzten dieser Bilder fehlt die Spinne, aber die toten Beutetiere hängen immer noch im Netz. Das ist die allegorische Darstellung des Maurers und Mörders, den man die „Spinne von Maschhad“ nennt.

So heißt der neue, gerade auf Deutsch bei der Edition Moderne herausgekommene Comic des Exil-Iraners Mana Neyestani, dessen Debütband, „Ein iranischer Albtraum“, mir entgangen ist, weshalb ich „Die Spinne von Maschhad“ etwas zögerlich öffnete – was ist seit Marjane Satrapis „Persepolis“ nicht alles an Comics über Iran verlegt worden –, dann aber nicht mehr aufhören konnte zu lesen. Zunächst muss man sagen, was Maschhad ist: die zweitgrößte persische Stadt, zugleich ein religiöses Heiligtum der Schiiten und deshalb besonders wichtig für die Beharrungskräfte des Mullah-Regimes, dessen Führer, Ali Chamenei, auch noch dorther stammt. Und dann muss man sagen, wer die Spinne von Maschhad war: der Familienvater Said Hanai, ein tiefgläubiger Maurer, der in den Jahren 2000 und 2001 insgesamt sechzehn Prostituierte erwürgt hat, weil sie in seinen Augen kein gottgefälliges Leben führten. Er selbst wurde 2002 wegen dieser Morde hingerichtet – durchaus zum Unverständnis jenes strenggläubigen Teils der Bevölkerung, die in Said ein Werkzeug von Gottes Unmut über Prostitution sahen.

Neyestanis Geschichte beruht vor allem auf einem Dokumentarfilm, den Maziar Bahari 2002 gedreht hat, mit der Hilfe der Journalistin Roya Karimi Majd. Bahari, der 2009 festgenommen und gefoltert wurde und mittlerweile in London lebt, galt damals schon als Regimekritiker, deshalb schickte er bei den Dreharbeiten zu der Dokumentation seine Kollegin vor. Für den Film „And Along Came a Spider“ konnten er und Roya noch mit Said Hanai selbst sprechen, in der Untersuchungshaft, dazu mit seinen Angehörigen. Neyestani war beim Ansehen der Dokumentation erschüttert von der Überzeugung des Mörders, recht gehandelt zu haben, die in diesen Gesprächen deutlich wurde. Da der Zeichner den Regisseur persönlich kennt – beide arbeiten für dieselbe Exil-Website –, bat er Bahari, dessen Film als Grundlage für einen Comic verwenden zu dürfen. Es handelt sich also um eine Art Adaption. Und zugleich erzählt Neyestani das, was der Film nicht zeigen konnte: den Ablauf der Morde (dargestellt an nur einem der sechzehn Fälle) und das gesellschaftliche Umfeld während der Taten. Dazu kommt die Produktion des Dokumentarfilms selbst: Auch deren Umstände sind Thema des Comics.

„Die Spinne von Maschhad“ ist also eher ein Making-of zu „And Along Came a Spider“. Aber was für eines! Das fängt schon mit der Graphik an (Leseprobe auf https://www.editionmoderne.ch/de/68/leseprobe/327/die-spinne-von-maschhad.html). Neyestani zeichnet meist in einem amerikanisch-realistischen Schwarzweiß, bei Schraffuren und Perspektiven an Robert Crumb geschult, aber jedes Kapitel wird von einem Einzelbild eingeleitet, dass in pseudokindlichem Strich gehalten ist – als Verweis auf die Tochter einer der ermordeten Frauen, der das vorletzte Kapitel dann ganz gewidmet ist: „Samiras Zeichnungen“. In diesen erzählt sie ihre Sicht auf das unerklärliche Verschwinden der Mutter in Form einer bunten Bildergeschichte. Das ist ein verblüffender Bruch in der Erzählung, die sich damit auch von den Umständen des zugrundeliegenden Films löst und ganz zur Eigenständigkeit findet. Schade nur, dass Christoph Schuler als Übersetzer aus der französischen Originalpublikation hier die Begriffe „Papi“ und „Mami“ stehenlässt, die für einen deutschen Leser, der nicht weiß, dass so im Französischen die kindlichen Kosenamen für Großvater und Großmutter lauten, erst einmal eine falsche Spur legen. Zumal die simulierten kindlichen Kritzeleien von Samira es nicht leicht machen, die einzelnen Figuren zu unterscheiden.

Aber das ist der einzige Kritikpunkt an einem Comic über Iran, der etwas anderes bietet als die sonstigen zu diesem Thema: einen Blick auf die religiöse Verblendung normaler Menschen, die dadurch zu Monstern werden können. Nie wird Said Hanai von Neyestani unsympathisch gezeichnet, es gibt keine Schwarzweißcharakterzeichnung in diesen schwarzweißen Bildern, aber die Worte dieses familiensinnigen leisen Maurers lassen beim Lesen das Blut gefrieren. Und sein Gegenpart auf Seiten des Staates, der Untersuchungsrichter Mansouri, der Said enttarnt hat, ist bei allem scheinbaren Phlegma eines älteren fülligen Mannes ein nicht minder fanatischer Mann, der nur deshalb die Taten des Mörders missbilligt, weil der sich anmaßt, das Recht in die eigene Hand zu nehmen, während es doch nur dem Staat zustehe, Gottes Willen zu vollstrecken.

Das alles wird im Comic nur gezeigt, nicht kommentiert; einzig ein paar Reaktionen der Journalistin Roya Karimi Majd (die mittlerweile wie Bahari und Neyestani im Ausland lebt) lassen ahnen, wie liberale Iraner unter dem Meinungsterror der Mullahs leiden. „Die Spinne von Maschhad“ ist ein faszinierender Einblick ins Innere der Herrschaft in ihrem Land. Gerade, weil scheinbar alles an der Oberfläche bleibt, was in diesem Comic erzählt wird.

24. Jul. 2018
von Andreas Platthaus
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16. Jul. 2018
von Andreas Platthaus
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Hilfe, da kommt die große Stadt!

Roz Chast ist eine Ikone des Comics und des Cartoons. Als sie vor einigen Jahren Gast der American Academy in Berlin war, huldigten ihr die deutschen Kollegen durch eine veritable Pilgerfahrt zu ihrem Auftritt. Auf kaum jemanden kann sich die internationale Zeichnergemeinschaft so leicht einigen wie auf die 1954 geborene New Yorkerin, die seit vierzig Jahren im „New Yorker“ publiziert. Ihr Wackelstrich hat Epoche gemacht (eine Leseprobe aus ihrem neuen Buch zur Veranschaulichung: https://www.rowohlt.de/download/file2/row_upload/3672374/LP_978-3-498-00945-8.pdf), ihr Wunderwitz sowieso.

Wie gut diese Elemente auf auch langer Strecke funktionieren, zeigte sich in ihrem ersten umfangreichen Comic, dem 2014 erschienenen „Can’t We Talk About Something More Pleasant?“, in dem sie von den Schwierigkeiten erzählte, mit ihren betagten Eltern zurechtzukommen. Als „Können wir nicht über etwas Anderes reden?“ (mit bezeichnender semantischer Akzentverschiebung) ist das Buch 2015 auch auf Deutsch erschienen, immerhin bei Rowohlt, jenem Literaturverlag in Deutschland, der schon früh ein bemerkenswertes Engagement für Comics gezeigt hat: Dort erschienen in den achtziger Jahren Art Spiegelmans „Maus“ oder Ralf Königs „Der bewegte Mann“. Und auch das zweite größere Buch von Roz Chast ist dort nun wieder herausgekommen, abermals mit erstaunlicher Titelverschiebung beim Übersetzen: Aus „Going Into Town“ wurde „Ein Liebesbrief an New York“.

Richtig ist irgendwie beides, aber der Originaltitel lässt anklingen, wie das Buch entstanden ist: als gezeichnete Handreichung für die Tochter von Roz Chast, als die sich entschloss, ein College in Manhattan zu besuchen. Die Familie Chast lebt vor den Toren der Stadt, in eher kleinstädtischer Umgebung, und Roz Chast kombinierte für ihr Abschiedsgeschenk die eigenen früheren Erlebnisse in der Metropole mit aktuellen Informationen, die nicht selten nahe am Klischee sind. An der Liebe der Zeichnerin zu ihrer Heimatstadt lässt das Buch zwar keinen Zweifel, aber ein Liebesbrief im wörtlichen Sinne ist es denn doch nicht geworden, vor allem nicht „an New York“. Denn die Empfängerin des Buchs ist ja die Tochter. „Liebeserklärung an New York“, das hätte gepasst. Da hat der Übersetzer Marcus Gärtner gepatzt. Oder das Lektorat. Oder die Marketing-Abteilung.

Ist dieser trotz seinem Ratgebercharakter natürlich auch stark autobiographisch geprägte Comic genauso gut wie der Erlebnisbericht über die Eltern? Ganz klar nein. „Ein Liebesbrief an New York“ ist vielmehr eine Enttäuschung. Nicht graphisch, da ist Roz Chast wieder einmal ganz bei sich und über jeden Zweifel erhaben. Aber der Inhalt des Buchs bewegt sich auf dem Niveau von Einführungstexten, und das über eine Stadt, von der jeder schon eine Vorstellung hat, entweder dank eigenen Besuchs oder vermittelt durch Bücher und Filme. Roz Chast selbst trägt dazu nichts Interessantes bei. Etliche Abschnitte ihres Comics könnten sich vielmehr in jeder einigermaßen großen Stadt der Welt abspielen. Von Geniestreichen/-strichen wie der Skizze zweier Hydranten, die Chast als Figuren im Gespräch agieren lässt, gibt es viel zu wenige. Der Textanteil ist sehr hoch, und auch wenn niemand Geringerer als der Roz-Chast-Bewunderer Tex Rubinowitz (seinerseits ein höchst origineller und der Amerikanerin geistesverwandter Zeichner) das Lettering der Übersetzung besorgt hat, will man so viele Worte gar nicht haben. Hätte sie doch etwas mehr gezeichnet. Wer braucht denn schon ihre `mit der Kamera aufgenommenen Schnappschüsse aus dem städtischen Leben? Das kann Max Goldt (noch einer ihrer Bewunderer) zum Beispiel viel besser.

Aber klar: Es handelt sich um eine Art Geschenkbuch, ein probates Mitbringsel, dass alle und jeden erfreuen soll, weil ja eben jeder weiß, was dieses New York ist. Mehr wird aber auch kaum jemand bei der Lektüre dazulernen. Die schönste Seite im Buch ist übrigens eine ohne jeden Text: ein Blick in die Halle der Grand Central Station, in der das Gebäude als federleichtes buntes Gebilde erscheint, während die Menschen darin als graue Masse porträtiert werden. Mein Gott, kann diese Frau gut zeichnen! Lasst sie doch einfach das tun.

16. Jul. 2018
von Andreas Platthaus
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09. Jul. 2018
von Andreas Platthaus
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Produktive Verstörung

Anna Sommer ist ein Wunder. Mit Schere, Klebstoff und bunt gemusterten Papieren macht sie aufwendige großformatige Collagen, die sowohl Augen- als auch Verstandesmenschen begeistern, und mit der Feder zeichnet sie in strengem Schwarzweiß und kühler Linie Bildergeschichten, die vor allem Verstandesmenschen ansprechen und weniger die Augenmenschen. Das liegt nicht daran, dass die fünfzigjährige Schweizerin schlecht zeichnete, sondern dass sie Ihre Figuren ungeschönt als das darstellt, was sie sind: Alltagspersonen mit all den profanen Problemen, die auch die Leser beschäftigen. Was großes Drama nicht ausschließt.

Über Sommers neuen Band, „das Unbekannte“ (erschienen bei der Edition Moderne in Zürich und natürlich schon vorher in französischer Übersetzung, denn die Zeichnerin ist in Frankreich ungleich populärer als im deutschen Sprachraum; dort war „Das Unbekannte“ auch beim diesjährigen Comicfestival von Angoulême in der Endauswahl), hatte ich von einem geschätzten Kritikerkollegen, der selbst ein großartiger Autor ist, Unbehagen vernommen. So richtig heraus mit der Sprache, was ihn gestört hat, wollte er indes nicht, ehe ich den Band selbst gelesen hätte. Das ist nun geschehen. Und ich bin anderer Ansicht.

Nicht, dass mir der Band behaglich wäre. Das ist ohnehin ein Wort, was nicht zum Schaffen von Anna Sommer passt, auch nicht zu den Collagen, die man bisweilen gefällig nennen könnte (weshalb sie damit auch als Illustratorin gut im Geschäft ist), ohne dass dabei aber etwas Banales gemeint sein könnte. Mit gefällt der neue Comic deshalb, weil er kompromisslos Unbehagen erzeugt und damit sein Publikum vor Selbstprüfungen stellt: Inwieweit verdankt sich das dem bewusst schematisierten Stil der Zeichnungen (Leseprobe: https://www.editionmoderne.ch/de/68/leseprobe/320/das-unbekannte.html), die auf Detailfülle und ansprechende Figurengestaltung verzichten, oder ist mit dem Thema von „Das Unbekannte“ etwas berührt, das ans Innerste dessen rührt, was uns ausmacht.

Die Frage stellen, heißt sie beantworten: Natürlich nehme ich Letzteres an. Gegenstand der Bildergeschichte, mit neunzig großformatigen Seiten der längste Comic, den Anna Sommer gezeichnet hat, ist die Unfähigkeit einer jungen Frau namens Vicky, ihre Schwangerschaft zu akzeptieren – zu tief schneidet die künftige Mutterrolle in ihr Selbstverständnis einer jungen freien Frau ein. Also setzt sie das Baby nach der Geburt in der Umkleidekabine eines Bekleidungsgeschäfts aus, wo es von einer anderen Kundin, Helen, gefunden und mitgenommen wird. Helen aber hat einen Lebensgefährten, der sich kein Kind vorstellen kann, also muss sie ein Doppelleben zwischen Mann und Baby beginnen. Was Stoff für eine Komödie sein könnte, ist bei Anna Sommer ein Drama.

Aber eines ohne oberflächliche Dramatik, und diese Verweigerung einer eindeutigen Position zum Geschehen dürfte die Schwierigkeiten ausmachen, die der Comic bei einzelnen Lesern erweckt. Hier wird keine moralische oder gar politische Position bezogen, sondern ganz kühl – so kühl wie die Linie – von einem unerhörten Ereignis berichtet: Eine Novelle ist diese Geschichte, ganz gegenwärtig in der moralischen Indifferenz von Akteuren und Autorin. Das passt in keinen Kasten, und konsequenterweise hat Anna Sommer auch auf jede Einkastelung ihrer Einzelbilder verzichtet – ein wiederkehrendes Stilelement ihrer Comics seit mehr als zwanzig Jahren. Man merkt, wie stark der Einfluss der Autoren der französischen Zeichnergruppe L’Association auf die Schweizerin gewesen ist, vor allem an den Zeichner Killoffer wird man erinnert, an dessen ähnlich schonungslose Erzählweise, die aber Selbstentblößung ist, während Anna Sommer verschlossene Charaktere vorführt. Deshalb stellen beide graphisch enge Verwandte dar, während sie erzählerisch denkbar weit voneinander entfernt sind.

Wohin der Ausgangskonflikt (der schon auf der zweiten Seite eingeführt ist, wobei es aber noch einige Zeit braucht, bis man die Konstellation versteht) führt, dass darf man nicht einmal andeuten, wenn die produktive Verstörung gewahrt bleiben soll, die dieser Comic gewährleistet. Keine leichte Kost, nicht der Gewalt wegen (die gibt es bestenfalls psychisch) oder der offenherzigen Sexszenen (da hat Anna Sommer eine verwandte Seele in ihrer Kollegin Ulli Lust), sondern deshalb, weil es keine Sympathieträger in dieser Geschichte gibt. Das ist da wahre „Unbekannte“ des Titels.

 

 

09. Jul. 2018
von Andreas Platthaus
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02. Jul. 2018
von Andreas Platthaus
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Tim in Deutschland

Die Wirkung von Hergé ist auch 35 Jahre nach dem Tod des belgischen „Tim und Struppi“-Zeichners verblüffend. Vergessen wir einmal seinen Ruf als Übervater des europäischen Comics, also eine historische Rolle, und schauen nur darauf, wie er durch junge Nachfolger rezipiert wird. Zum Beispiel durch den 1982 geborenen Andreas Tolxdorf aus Hannover. Seine Albenserie „Benno Bonnet, Privatdetektiv“ ist ganz im Geiste Hergés entstanden. Das hört beim französisch klingenden Namen des Helden an und hört bei typischen Figurenkonstellationen und Hsndlungverläufen noch lange nicht auf. Eher müsste man sagen, was nicht wie bei Hergé ist; den damit wäre man schneller fertig. Zum Beispiel die Seitenzahl der Alben: Statt 62 bei „Tim und Struppe“, sind es bei „Benno Bonnet“ jeweils nur 48.

Aber Andreas Tolxdorf verlegt ja auch nicht bei einem großen oder auch nur mittleren Verlag, sondern selbst, und das schon seit 2010, als der erste Band seiner Serie, betitelt mit „Grachten, Steine und Ganoven“, herauskam. Der stellte die Bachelor-Abschlussarbeit des Grafikdesign-Studenten an der Fachhochschule Hannover dar und nahm die graphische und erzählerische Handschrift Hergés bereits in Vollendung auf (leider gibt es keine Leseprobe im Netz, aber bei diesem Stil weiß ja eh jeder, wie das aussieht): die charakteristische Statik der Figuren, die kontrastreiche Farbpalette, den Textreichtum, die Selbstgespräche der Titelfigur während ihrer Abenteuer. Und dann die lebevolle Idee, jedem Cover eine Visitenkarte des Titelhelden aufzukleben. Nur das Lettering der Texte war noch sehr ungelenk, doch dieses Manko hat Tolxdorf schon zwei Jahre später im Folgeband „Tödliche Fracht“ ausgeräumt – einem Album, für das ihm Samuel Mund das Szenario geschrieben hatte.

Doch bei dem Doppelband – auch das ein typisches Element des Hergéschen Schaffens – „Balthazars Almanach“ und „Das Geheimnis von Port-Noir“, erschienen 2013 und 2016, war Tolxdorf wieder allein für Geschichte und Zeichnungen verantwortlich. Mit Rakim Mbutu, einem ehemaligen Interpol-Ermittler aus den Niederlanden, hat der wie sein Autor in Hannover lebende Benno Bonnet einen festen Mitarbeiter an die Seite gestellt bekommen, der schon im ersten Band eine kleine und im zweiten eine große Nebenrolle spielen durfte. Und mit Erik van Brook, auch bereits seit dem ersten Teil dabei, wurde eine feste Nemesis à la Rastapopoulos geschaffen, die hinter allen Schlechtigkeiten auf der Welt steckt, ob in Amsterdam, Brüssel, Hannover oder Frankreich. Tolxdorfs „Benno Bonnet“ schien auf dem besten Weg zum deutschen „Tintin“.

Pech nur, dass die Geschichte des Doppelbandes nicht überzeugte, weil die grundlegende Intrige nicht für neunzig Seiten taugte. Zudem spielten davon zwanzig in einem unterirdischen Höhlensystem, und da merkte man, was den Unterschied zu einem Hergé ausmacht. Der hätte nämlich Wege gefunden, auch Szenen im Dunkeln anschaulich zu machen – oder aber nicht einen so großen teil des Geschehens dorthin verlagert. Konsequenterweise hat sich Tolxdorf für den vor kurzem erschienenen fünften Bonnet-Band, „Ein Herz für Sarajevo“, wieder eine Szenaristen gesucht.

Der heißt Elias Mund (alias El Mundo), und wie er zu jenem Samuel Mund steht (verwandt, identisch oder zufällig nachnamensgleich), der Teil zwei geschrieben hat, weiß ich nicht. Jedenfalls tut eine Mitwirkung der Serie sehr gut, denn „Ein Herz für Sarajevo“ ist klassischer Abenteuerstoff, der genau die richtige Länge hat. Der Begin ist spektakulär – ein Attentat mitten in Hannover –, doch dann verlagern sich Beno Bonnets Ermittlungen rasch nach Sarajevo, wo eine ganz andere Verschwörung aufgedeckt wird, als man meinen sollte. Und da gleich zu Beginn beim Attentat auch Rakim Mbutu schwerverletzt wurde, ist Bonnet diesmal auf sich allein gestellt (wenn auch nicht ohne Hilfe eines anderen Gefährten).

Dadurch bekommt die Serie einen neuen Dreh, und es passt, dass auch der Erzschurke Van Brook nur zu Beginn erwähnt, aber dann überraschend nicht Teil der Handlung des neuen Albums wird. Das ist aber wieder ganz in Hergés Geist, der ja Rastapopoulos auch nicht in jedem „Tintin“-Album auftreten ließ. Die Zeichnungen von Tolxdorf sind noch etwas klassischer geworden, haben jedoch nun noch ein anderes prominentes belgisches Erbe angetreten: das von Maurice Tillieux und dessen Detektivserie „Jeff Jordan“. Vor allem die Bilder, in denen sich Bonnet und sein neuer Helfer maskieren, sind wie eine Verschmelzung von Hergé und Tillieux, den die beiden Protagonisten bei Tolxdorf sehen nun aus wie Jeff Jordan und Kapitän Haddock. dazu tragen für beide Altmeister charakteristische Handlungsorte wie Burgen oder Hotels zusätzlich bei.

Keine besonders eigenständige Rolle spielt allerdings die Stadt Sarajevo. Was Elias Mund sich ausgedacht hat, könnte überall auf der Welt spielen – hier kann die Serie in Zukunft noch zulegen, was Lokalkolorit angeht, wenn es schon weiter quer durch Europa gehen sollte. Doch erst einmal ist Tolxdorf nach fünf Alben in kompletter verlegerischer Eigenregie auf der Suche nach einem etablierten Haus, das die Serie übernimmt. Bislang hat er jeweils ein paar hundert Exemplare jedes Bandes drucken lassen, und der Vorrat an alten Ausgaben ist dahin. Nachdrucken aber ist ein Risiko, das für einen Selbstverleger zu groß wäre. Angesichts des sehr ansprechenden neuen Bandes dürfte Andreas Tolxdorf gute Argumente für einen größeren Verlag haben. Und mit „Keule und Beule“, einem im Funny-Stil gehaltenen Abenteuercomic über Vater und Sohn in der Steinzeit hat er auch noch ein neues Projekt, das weiter in Eigenregie laufen könnte, wenn das Herz des Zeichners zu sehr an solchem Engagement hängen sollte. „Benno Bonnet“ aber hat jetzt einen Weg eingeschlagen, der die Reihe zu größerem Publikum führen sollte. Wobei wir handgeklebten Visitenkarten auf den Covern natürlich arg vermissen würden …

02. Jul. 2018
von Andreas Platthaus
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25. Jun. 2018
von Andreas Platthaus
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Frischzellenkur für den Veteranen

Was ein Greis so alles an Jugendfrische provoziert! Der Greis – das ist Spirou, Titelheld der zweitberühmtesten belgischen Comicserie, die allerdings gegenüber der berühmtesten – „Tm und Struppi – den Vorzug hat, immer noch fortgesetzt zu werden. Zwar mag man manchmal daran zweifeln, ob das wirklich ein Vorzug ist (ich sage nur: „Fantasio heiratet“), aber kommerziell ist eine achtzigjährige ununterbrochene Publikationsgeschichte natürlich ein Traum. Und ästhetisch kann es ja auch anders zugehen als im Debakel-Band „Fantasio heiratet“. Das wird in diesem Jubiläumsjahr mindestens dreimal der Fall sein.

In dieser Woche erscheint zunächst einmal bei Carlsen auf Deutsch ein neuer Spirou-Band namens „Sein Name war Ptirou“. Kein Druckfehler! Der Held dieser von Yves Sente geschriebenen und von Laurent Verron gezeichneten Erzählung heißt tatsächlich „Ptirou“. Er ist auch nicht Spirou, jedenfalls nicht der, den wir heute kennen. Aber dazu später mehr. In wenigen Wochen kommt dann als zweite Frischzellenkur für die „Spirou“-Serie ein vom deutschen Zeichner Flix gezeichneter Band namens „Spirou in Berlin“ heraus. Was man auf dem Erlanger Comicsalon davon sehen konnte, gibt zu schönsten Erwartungen Anlass. Und dann hat nach jahrelanger Vorarbeit auch der derzeit beste „Spirou“-Zeichner, Emile Bravo, sein neues Werk „Schlechter Start in neue Zeiten“ fertig. Wie umfangreich es genau wird, ist wohl immer noch unbekannt, aber angekündigt sind mittlerweile mindestens drei Bände, und der erste weist schon achtzig Seiten auf. Im Oktober ist es auf Deutsch so weit.

Aber nun erst „Sein Name war Ptirou“ (eine Leseprobe findet sich hier: https://www.carlsen.de/softcover/spirou-fantasio-spezial-25-sein-name-war-ptirou/93417), der wahre Jubiläumsband, denn erzählt wird darin nicht weniger als die Entstehungsgeschichte von Spirou. Die glaubte man zwar eigentlich seit der ersten Seite der Serie aus dem Jahr 1938 geklärt: Rob-Vel, der Erfinder des Pagen, zeichnete sich darauf bekanntermaßen selbst beim Erschaffen der Figur auf einem Zeichenblatt. Er besprüht diesen papiernen Spirou mit Eau de vie, und schon springt der Page von der Staffelei herab und macht einen Diener: „Spirou, zu Ihren Diensten!“

Dieser Ursprungsmythos ist die Keimzelle für „Sein Name war Ptirou“. Sie kommt zweifach zitiert vor: einmal als Übernahme des sich verbeugenden Spirou, und dann noch durch die belebende Wirkung von Parfum. In diesem Band treten auf Rob-Vel (unter seinem bürgerlichen Namen Robert Velter), ein Page auf einem Ozeandampfer (jener Ptirou) und auch das Eau de vie, allerdings jeweils in Rollen, die nicht der Premierenseite von „Spirou“ entsprechen. Yves Sente hat vielmehr eine Erinnerung von Rob-Vel an seine damalige Inspiration zur Grundlage seiner Geschichte gemacht: Das Vorbild für Spirou, so Rob-Vel, sei ihm in Gestalt eines Schiffsjungen begegnet.

So erzählt Sente nun die Reise eines Stewards namens Robert Velter an Bord des Luxus-Liners „Île de France“ auf Atlantiküberquerung im Jahr 1929. Als blinder Passagier schleicht sich ein Waisenjunge aufs Schiff: Ptirou, der ob seiner Pfiffigkeit nach der Entdeckung alsbald als „Spirou“, dem Brüsseler Dialektwort für ein schlaue Bürschchen, bezeichnet wird. Es gilt allerlei Abenteuer an Bord zu bestehen: Sabotageversuche der geplanten Rekordfahrt, das Verschwinden eines überlebenswichtigen Medikaments, heftige Kabbeleien unter der Besatzung und nicht zuletzt amouröse Anfechtungen des frischgebackenen Schiffsjungen durch die Tochter des mitreisenden Reedereibesitzers. Ptirou benimmt sich jeweils heldenhaft, und am Ende ist er tot.

Ja, es wird gestorben in diesem Comic, und doch auch wieder nicht, denn natürlich ist Ptirou als Spirou dann doch unsterblich geworden. Wie das alles so gekommen ist, kann man selbst auf den samt Anhang 75 Seiten des Comics nachlesen, und man wird es aus einigen Gründen nicht bereuen. Denn Laurent Verron hat sich als Zeichner den Spaß erlaubt, diverse Art-déco-Einflüsse in seine Bilder mit einzubauen, um eine zeitgemäße Stimmung zu erzeugen. Und Sente hat als Rahmenhandlung des Ganzen jene in Deutschland nahezu unbekannte Figur des Onkel Paul wiederbelebt, die über Jahrzehnte hinweg im Magazin „Spirou“ als Erzähler der unterschiedlichsten historischen Begebenheiten auftrat, die dort als Comicberichte präsentiert wurden. Hier hätte übrigens im Anhang eine Erläuterung sicher nicht geschadet.

Denn die Idee, das Abenteuer auf dem Ozeandampfer von Oncle Paul (niemand anderer natürlich als der Verleger von „Spirou“ selbst, Paul Dupuis) erzählen zu lassen, erhebt den Anspruch historischer Realität. Und tatsächlich hat Sente sich ja auch an Rob-Vels eigenen Behauptungen zur Genese seiner berühmtesten Schöpfung orientierte, auch wenn das Hauptgeschehen auf der „Île de France“ natürlich reine Phantasie ist. Aber just aus dieser Mischung von Phantastik und Wirklichkeit hat sich immer schon der Hauptreiz von „Spirou“ ergeben – ganz anders als im denkbar realistisch gehaltenen „Tim und Struppi“.

So ist der Auftakte zum Jubiläumsjahr ein denkbar guter. Ob übrigens Frankreich und Belgien, wo „Il s‘appelait Ptirou“ bereits vor einem halben Jahr erschienen ist, auch in den Genuss der oben erwähnten Trias von neuen „Spirou“-Titeln kommen werden, ist noch gar nicht ausgemacht. Denn dass sich der Verlag Dupuis in Brüssel bequemen wird, auch den Band von Flix, der im Auftrag von Carlsen entstand, ins Französische übersetzen zu lassen, ist noch Gegenstand von Überlegungen. Er spielt 1989, dem Jahr des Mauerfalls, in Berlin, während Bravo seinen „Schlechten Start“ 1940 ansiedelt, im Jahr der deutschen Besetzung Belgiens. Zusammen mit dem 1929 spielenden Band von Sente und Verron sind das also drei historische Stoffe, und Flix hat dabei den ungewöhnlichsten Ansatz. Denn dank älterer Alben von Bravo oder auch von Olivier Schwartz haben wir historisierende „Spirous“ aus Zwischenkriegs- und Weltkriegszeit schon einige. Aber ein Abenteuer aus der Phase der deutschen Wiedervereinigung, das ist neu. Und Neues kann wohl jeder Achtzigjährige gut gebrauchen.

 

25. Jun. 2018
von Andreas Platthaus
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18. Jun. 2018
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Schwarzweißmalerei auf frechste Weise

Es gibt mittlerweile genug allgemein bekannte Comiczeichner, als dass die Nachricht, dass ein prominenter Künstler aus anderem Bereich sich an einer Bildergeschichte versucht hat, noch große Aufmerksamkeit finden würde. Und doch hätte Gerhard Haderer, der beliebte österreichische Karikaturist (besonders bekannt durch seine ganzseitigen Bilder aus dem „Stern“, die 25 Jahre lang, von 1991 bis 2016, jede Woche erschienen) es verdient für seinen „Rozznjogd“. Schon allein deshalb, weil er mit traumwandlerischer Sicherheit einen Stoff ausgesucht hat, zu dem sein gnadenloser Zeichenstil bestens passt. Die Vorlage stammt von seinem Landsmann Peter Turrini. Da haben sich zwei Spötter getroffen …

„Rozznjogd“ war Turinis erstes Theaterstück, geschrieben 1967, als der Dramatiker gerade mal 23 Jahre alt war, aber uraufgeführt erst 1971, und das hatte gute Gründe. Erstmals traute man sich an das Werk eines Anfängers nicht so leicht heran, zum anderen war es ein kompromisslos gesellschaftskritisches Stück, das dann auch genug Skandal erregte, als es am Wiener Volkstheater herauskam. Damals war man sich noch nicht durch die Österreich-Beschimpfungen von Bernhard, Jelinek und eben Turrini abgebrüht, die in den siebziger und achtziger Jahren in dichter Abfolge herauskommen sollten, und „Rozznjogd“ bekam so den gesammelten Zorn der gutbürgerlichen Presse ab. Obwohl seine beiden Figuren her jener sozialen Schicht angehören, die man heute als Prekariat bezeichnet. Oder mit der gewohnt amerikanischen Drastik als „white trash“.

Ein Mann und eine Frau sitzen nachts in einem Auto, das vor einer Müllkippe geparkt ist. Der Dialog der beiden stellt binnen kurzem ihre Lebensentwürfe und -lügen bloß, und nicht nur verbal ziehen sie sich bis auf die Haut aus. Als der Morgen dämmert, sind beide tot. Und erst dann greifen noch ein paar Stimmen ins Geschehen ein, die den Rozzn gehören, also den Ratten.

Der nächtlichen Szenerie wegen, hält Haderer seine knapp über hundertseitige Adaption konsequent in Grauschwarz; nur die Scheinwerfer des geparkten Autos werfen eine hellen Lichtkegel, der hier graphisch immer wieder geschickt eingesetzt wird (die Leseprobe lässt es gut erkennen: https://www.book2look.com/book/978-3-7099-3415-9&biblettype=html5). Alles ist tatsächlich wie auf einer Bühne, außer dass sich Haderer größere Totalen zu Beginn und Schluss erlauben kann, als es ein Theater jemals könnte. Doch gerade die Strenge der ins Bild gesetzten Theatralik ist die größte Stärke dieses Comics, obwohl das paradox erscheinen mag, denn gemeinhin gewinnt eine Adaption, wenn sie sich von der literarischen Vorlage löst. Das tut „Rozznjagd“ aber auch – dadurch nämlich, dass hier zwar Turrinis Figuren spielen, sie aber als typische Haderer-Akteure auftreten: bewusst hässlich proträtiert, Zerr- und Witzfiguren vom ersten Auftritt an. Der Comic gibt damit eine Eindeutigkeit vor, die lebenden Akteuren auf der Bühne schwerfallen würde, wenn sie nicht Gefahr laufen, grotesk erschienen zu wollen. In einem Comic stört das nicht.

Was auf den ersten Blick auf Haderer „Rozznjogd“ störend wirken könnte, ist die Entscheidung, jeweils auf den linken Seiten die hochdeutsche Übersetzung des im österreichischen Dialekt gehaltenen Turrini-Textes abzudrucken. Solche schriftlichen „Simultanübersetzung“ kenne wir aus Film (Untertitel) und Oper (Übertitel), aber Seitentitel wie hier habe ich noch nie gesehen (wenn man mal von zweisprachigen Gedichtausgaben absieht). Zudem hat Haderer die Panelrahmen und Sprechblasen des fertig gezeichneten Comics auf die jeweils linken Seiten übertragen, so dass die hochdeutsche Fassung eine Art Geisterausgabe des eigentlichen Geschehens bietet – wie Stimmen aus dem Nebel. Aber wenn man sich ans Hinüberspringen von der eigentlichen Comic- auf die Übersetzungsseite gewöhnt hat, erweist sich diese Reduktion als klarer Vorteil.

Zumal dadurch die eigentliche Bildergeschichte nicht zerschlagen wird. Wer das Österreichische gut genug versteht – und es ist selbst für einen Rheinländer wie mich nicht nötig, oft Hilfe von links zu suchen –, der kann einfach für sich die linken Seiten ausblenden. Und der grundlegende Schwarzweißkontrast von Haderers Zeichnungen, bekommt durch die Zweiteilung des Comics in die dunklen Comic- und die nahezu weißen Übersetzungsseiten noch eine Verstärkung. „Rozznjogd“ ist nun mal ein Schwarzweißstück. Ein dickes Lob dem Haymon Verlag, dass sie diese ungewöhnliche Form der Übersetzung gewagt haben.

Überhaupt Haymon. Es ist ja nichts Besonderes mehr, dass literarische Verlage auch Comics ins Programm nehmen, besonders gerne Adaptionen von Romanen oder Dramen (siehe die Bernhard-Comics von Nicolas Mahler bei Suhrkamp, um nur das erfolgreichste Beispiel zu nennen). Aber so wie Suhrkamp klugerweise auch fast nur Suhrkamp-Autoren adaptieren ließ und damit ein eigenes Profil fürs Comicprogramm des Hauses schuf, hat der österreichische Verlag Haymon nun ein österreichisches Traumpaar ausgewählt (obwohl Turrini Suhrkamp-Autor ist und also Haderers Version der „Rozznjogd“) auch dort gut hätte erschienen können.. Und bald wird beim österreichischen Residenz-Verlag, der renommiertesten literarischen Adresse des Landes, Bernhards mehrbändige Autobiographie als Comic erschienen. Unser Nachbarland ist uns in Sachen qualitätvoller Comic-Adaptionen erstaunlich weit voraus.

18. Jun. 2018
von Andreas Platthaus
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11. Jun. 2018
von Andreas Platthaus

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Mit Stampfen fängt man Muscheln

Auf dem diesjährigen Comicsalon in Erlangen gab es nicht nur ein faszinierend erfolgreiches neues Segment für Kinder zu sehen (siehe das Blog von letzter Woche: http://blogs.faz.net/comic/2018/06/04/kinder-kinder-das-koennte-euer-comic-sein-1207/), sondern auch im Stadtmuseum eine große Ausstellung zum Thema Comicreportage, die den Vorzug bietet, noch bis Ende August geöffnet zu sein, während sonst schon fast alles, was der Salon geboten hat, nur noch in der Erinnerung besteht. Wobei man diese Ausstellung auch gerne wieder vergessen kann, denn sie ist wenig inspirierend gestaltet und bietet keine Überraschungen.

Für die sollte man lieber die jüngste, passend zum Erlanger Termin erschienene Ausgabe des Schweizer Comicmagazins „Strapazin“ zur Hand nehmen. Die Nummer 131 dieser längst legendären (auch seiner Langlebigkeit wegen) Publikation widmet sich zur Gänze Comicreportagen, und wie es bei „Strapazin“ üblich ist nicht in der Form theoretischer Abhandlungen darüber, sondern konkret mit Beispielen. Fünf Künstler sind vertreten, und vier davon dürften für die meisten Leser neu sein: Andrew Greenstone aus den vereinigten Staaten, Sharad Sharma aus Indien (obwohl er schon einmal in „Strapazin“ vertreten war), Stefan Vercsey aus der Schweiz und Walter Steffek aus der Bretagne. Die fünfte Zeichnerin ist die einzige richtig berühmte: Ulli Lust. Die in Berlin lebende und in Hannover lehrende Österreicherin ist eine Pionierin der Comicreportage; ihre ersten Publikationen erfolgten vor fast zwanzig Jahren, als das Genre in Deutschland noch unbekannt war. Seitdem hat sie vor allem mit ihren autobiographischen Comics Furore gemacht.

Aber der Reportage bliebv sie immer treu, und so kommen in „Strapazin“ jetzt fünf Episoden aus Ulli Lusts für das englischsprachige Magazin „Ex-Berliner“ gezeichneter Serie „The Simple Stroll“ zum Abdruck. Der schlichte Spaziergang des Titels ist eine Untertreibung, denn so simpel ist es nicht, was Ulli Lust da unternimmt. Alltagsbeobachtungen ja, aber an Berliner Orten, die nicht selbstverständlich sind wie dem „Berghain“ oder auf dem Friedhof Grunewald. Oder sie dokumentiert private Begegnungen und Gespräche, die ihr skurril erschienen. Hier verbindet sich das Autobiographische und Reportierende aufs Schönste. Schade, dass es bei fünf Episoden geblieben ist.

Auch übernommen aus einem anderen Medium ist Andrew Greenstones Schilderung seiner Teilnahme an einem Ufologen-Kongress in Kalifornien. Der Einfluss seiner Landsleute James Kochalka oder Craig Thompson auf den zweiunddreißigjährigen Amerikaner ist unübersehbar, allerdings fragt man sich, warum „Strapazin“ statt meist zwei nicht jeweils vier seiner Einzelbilder zu einer Seite arrangiert wurden. Erstmals veröffentlicht wurde die Reportage im Netz, und so gibt es kein zwingendes Layout, aber das nun gewählte, lässt so viel Freiraum auf den Seiten, dass es an Verschwendung grenzt und keine guten Eindruck macht. Darunter leidet auch die Reportage selbst, die ganz neutral bleibt, aber nun übertrieben „künstlerisch“ großzügig daherkommt.

Keinesfalls neutral blickt Sharad Sharma auf seine indische Heimat, wo er den Hindu-Radikalismus im Vormarsch sieht, wie er am Beispiel rabiater Kuh-Schützer zeigt, die in en letzten Jahren mehrere angebliche Rindfleischesser auf offener Straße ermordet oder misshandelt haben. Über das Phänomen hat Martin Kämpchen, regelmäßiger Berichterstatter für das Feuilleton der F.A.Z. aus Indien, mehrfach geschrieben, doch Sharma macht die Gewalt mit einer Mischung aus Agitprop- und Infographik-Ästhetik eindrucksvoll deutlich. Er sieht die ehedem tolerante indische Gesellschaft vor dem Untergang, und natürlich richtet sich die Gewalt vor allem gegen ohnehin schon benachteiligte: muslimische Minderheiten, niedrige Kasten oder gar Menschen, die gar nicht ins Kastensystem kommen wie die Dalit, über die auch schon Joe Sacco, der bekannteste Comicreporter der Welt, eine eindrucksvolle Besuchsschilderung verfasst hat.

Stefan Vercseys Reportage über Hamburger Obdachlosen kann man dagegen beim besten Willen nicht mehr Comic nennen: Es ist eine Folge von Illustrationen zu kurzen Texten. Das mag seine Berechtigung haben, wenn auch die Originalität nicht eben hoch ist. Mal akribisch detailliert gezeichnet wie bei Robert Crumb, mal so locker skizziert wie bei Olivier Kugler, hat Vecseys Stil noch nichts Eigenständiges. Verblüffend, dass ausgerechnet seine Arbeit das Titelblatt von „Strapazin“ (zu sehen hier: http://strapazin.ch/?page_id=7782, dort auch Probeseiten aus den Geschichten des Hefts) schmückt, noch dazu als computergenerierte Montage zweier Einzelbilder. Das Ethos beim Umgang mit dem gelieferten Material ist in der Redaktion in diesem Fall nicht besonders ausgeprägt, und eine Bemerkung im Impressum zu dieser dubiosen Gestaltungspraxis sucht man vergebens.

Schließlich aber versöhnt Walter Witteks nur neuseitige Schilderung seiner Zeit als „pêcheur à pied“, also Fußfischer, an der Nordküste der Bretagne. Steffek war in den späten neunziger Jahren gerade aus Deutschland dort hingezogen, als er sich mit dieser Tätigkeit ein Zubrot verdiente; kleine Truppe gehen bei Ebbe über den Strand und stampfen im feuchten Sand, so dass allerlei Meeresgetier, das noch zurückgeblieben ist, an die Oberfläche kommt und eingesammelt werden kann. Gezeichnet ist das nicht originell, die französischen Vorbilder sind offensichtlich, aber hier herrscht wirklich ein Dokumentationston in Bild und Wort, der eine unbekannte Welt im besten Sinne vorstellt. Ob man von Steffek, der sich erst im Rentenalter, mit Ende sechzig, zum Comiczeichnen entschlossen hat, noch viel sehen wird? Freuen würde es mich.

11. Jun. 2018
von Andreas Platthaus

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