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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

14. Jan. 2016
von Andreas Platthaus
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Selten so viel Text in einem Comic gelesen

In der Mitte dieses Comics spielt sich eine wilde Verfolgungsjagd im Hochhaus eines Radiosenders ab: Es wird geschossen, dann geht es mitten hinein in den Großen Sendesaal, wo gerade ein Pianist probt, steile Wendeltreppen hinab, du am Schluss ist der Verfolgte verschwunden; nur noch sein höhnisches Lachen ist zu hören.

Wie erzählt man das in einem Comic? Stanislas, der große gegenwärtige Meister der Ligne claire, macht es opulent. Er widmet eine Dreiviertelseite der Außenan sicht des Hochhauses, setzt in dieses Riesenpanel aber acht kleine ein, die die Verständigung unter den Verfolgern ins Bild setzen. Dann komt eine halbseitige Ansicht des Sendesaals, und der Rest der Jagd ist kleinteilig über die insgesamt drei Seiten dieser Sequenz verteilt. Alle zunächst sehr dynamisch, bis die immer statischer werdende Bilderfolge die Enttäuschung der Protagonisten darüber spüren lässt, dass sie den Gejagten nicht erhaschen. Wieder ist der geheimnisvolle Mörder entkommen.

Es gibt aber auch eine andere Version der Ereignisse. Sie wurde fürs Radio produziert und zwar schon vor neunzehn Jahren. Da sieht man naturgemäß gar nichts, sondern hört nur all das, was bei Stanislas zu sehen ist. Deshalb aber auch der Schauplatz im Rundfunkgebäude – als Hommage ans eigene Medium. Und deshalb der Große Sendesaal mit dem Pianisten: Den kann man hören und  muss ihn gar nicht sehen. Deshalb die Treppen: für die hallenden Schritte. Und deshalb das höhnische Gelächter. Weiter auseinander in den Haupteffekten können zwei Erzählformen gar nicht sein. Aber der Comic „Der Papagei von Batignolles“ liest sich schön, obwohl er eine Adaption des Hörspiels ist.

Das hatte seinerzeit  der französische Comiczeichner Jacques Tardi zusammen mit dem  Schriftsteller und Fernsehproduzenten Michael Boujut konzipiert. „Der Papagei von Batignolles“ wurde vom staatlichen Sender France Inter ausgestrahlt. Schon damals war Tardi berühmt, doch heute ist er der bedeutendste lebende Comic-Künstler Frankreichs, und alles, was er macht, findet höchste Aufmerksamkeit. Gerade erst ist der Trickfilm „Avril et le Monde truqué“  in die französischen Kinos geklommen, der auf Motiven seines Werks beruht, die Tardi zu einer neuen Geschichte kombiniert hat, und die alte Radio-Feuilletonserie durfte natürlich auch nicht einfach versendet werden. Tardi und Boujut haben sich deshalb vor fünf Jahren hingesetzt und daraus ein Szenario gemacht, das der schon genannte Stanislas dann gezeichnet hat: in zwei Bänden, deren erster jetzt endlich auch auf Deutsch erschienen ist (bei Carlsen, Leseprobe unter http://www.carlsen.de/softcover/der-papagei-von-batignolles-band-1-der-enigmatische-monsieur-schmutz/66660).

Warum das so lange gedauert hat, kann man leicht erklären, denn so textreich hat selbst Tardi noch nie erzählt. Eigentlich fällt einem nur Edgar Pierre Jacobs‘ „Blake und Mortimer“ ein, wenn es um einen derartigen Wortanteil im Comic geht. Oder bisweilen auch Hergé, wenn es bei „Tim und Struppi“ ans Erklären geht. Da diese Serie auch das klare Vorbild für den Stil von Stanislas ist, dürfte es ihm Spaß gemacht haben, die Logorrhoe von Tardi zu bebildern. Ob es Uli Pröfrock, neuer Dauerübersetzer französischsprachiger Comics  bei anspruchsvollen Verlagen, genauso viel Spaß gemacht hat, all das zu übersetzen? Jedenfalls ist es gut geglückt. Das französische Original hatte ich vor Jahren nach einer Stunde aufgegeben, weil ich da noch nicht über Seite 15 hinausgelangt war. Jetzt geht es deutlich schneller – aber auch nicht wirklich schnell.

Worum geht es? Um eine Mordserie, die, wie sich bald erweist, mit dem Besitz einer bestimmten Spieluhr verbunden ist. In deren Exemplaren findet sich jeweils ein Zettel, und die alle zusammen sollen den Weg zum Erbe des genialen Fälschers Emil Schmutz weisen (so erklärt sich der Untertitel des ersten Bandes: „Der enigmatische Monsieur Schmutz“). In die Sache wird auch der Toningenieur Oscar Moulinet samt Lebensgefährtin  und Wetteransagerin Edith verwickelt. Und es gelingt Tardi mit dem Szenario tatsächlich, dass man sich die ursprüngliche Radioversion mit ihren Klang- und Stimmeffekten gut vorstellen kann.

Allerdings ist alles sehr verwickelt, und was in Band 2 daraus wird, ist kaum abzusehen. Dass diese Story als Fortsetzungsgeschichte besser funktioniert hat denn als ganzes Album, kann man sich leicht vorstellen. Denn auf diesen zweiten Band freue ich mich bereits sehr. Fast hätte ich in meiner Gier den französischen zweiten Teil vorgenommen. Aber dann habe ich ihn aufgeblättert, die Sprechblasendichte gesehen und beschlossen, lieber auf die deutsche Fortsetzung zu warten.

14. Jan. 2016
von Andreas Platthaus
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11. Jan. 2016
von Andreas Platthaus
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Mit Musik geht Comic besser

Ob er beim Zeichnen Musik höre, wird Reinhard Kleist gefragt. Man kann sich die Antwort des durch seine Johnny-Cash-Comicbiographie international berühmt gewordenen Berliners vorstellen: „Es reicht von Techno, Hardrock zu Singer/Songwriter-Sachen. Je nachdem, welche Stimmung ich gerade habe, um mich auf das Zeichnen zu konzentrieren.“ Seine Atelierkollegen, erfährt man dann noch, sind mit Techno weniger glücklich, dafür wird von Kleist dann bisweilen Klassik eingeschoben („Philip Glass am liebsten“). Derzeit sitzt er an einer neuen gezeichneten Musikerbiographie: zu Nick Cave. Ob man dazu am besten dessen eigene Musik hört oder gerade etwas anderes, hat Björn Bischoff den Zeichner leider nicht gefragt.

Das Gespräch findet sich im gerade erschienenen „Comic-Jahrbuch 2016“ der ICOM (Interessenverband Comic e.V.). Das gibt es mittlerweile seit erstaunlichen sechzehn Jahren, und ich muss zugeben, dass die Lektüre bislang meist eher Pflicht als Vergnügen war. Noch konsequenter als bisher widmet es sich diesmal einem Schwerpunkt: Comics und Musik. Hundert Seiten gehören diesem Thema, rund zwei Fünftel des albengroßen Buchs. Und nach einem allgemeinen, sehr langen, aber auch sehr fundierten Einführungsaufsatz von Stefan Svik (der das meiste in diesem Dossier verantwortet) und dem ewigen Jahrbuchherausgeber Burkhard Ihme wird es mit sieben Interviews (neben Kleist auch noch mit Sebastian Krüger, Horst Berner, Judith Holofernes, Andreas Völlinger, Ulli Lust und noch einmal Burkhard Ihme) denkbar anschaulich und ansehnlich, ja geradezu anhörig, ehe sich Ralf Palandt zum Kehraus auch noch den anderen vier Sinnen widmet, was zumindest beim Schmecken, Fühlen und Riechen in bloße inhaltliche Reminiszenzen mündet, während man beim Hören zuvor auch Beispiele für Comics bekommen hat, die zu Musik wurden oder denen Musik beigegeben war. Den müffelnden Comic wünschen wir uns ja auch gar nicht.

Das „Comic-Jahrbuch“ hat also von Publikationen wie der „Reddition“ oder der „Comixene“ gelernt, die auch immer Schwerpunkte boten, nachdem ihm einiges von der Konkurrenz abgeguckt wurde, wie etwa die Marktübersichten in anderen nationalen Comicszenen. Diesmal sind Großbritannien, die Niederlande, Italien und Spanien vertreten. Wieso man sich gestattet, die großen drei Comic-Länder – Japan, Vereinigte Staaten, Frankreich – wegzulassen, wird nicht begründet.

Erstaunlich knapp, aber darunter mit einer brillanten Idee, werden die Attentate auf „Charlie Hebdo“ vom 7. Januar 2015 abgehandelt. Das Titelblatt des Buchs zeigt eine Illustration zum Thema (in einem Burnus verhüllter Henker schickt sich an, einen bleistiftköpfigen Mann zu enthaupten, zu sehne unter http://www.icom-blog.de/entry.php?810-COMIC!-Jahrbuch-2016-Cover, eine Leseprobe gibt es leider nicht), so dass man dort den Schwerpunkt erwartete. Dann aber gibt es neben einem eher belanglosen Artikel eine Doppelseite mit der Überschrift “Den Terroristen die Stirn bieten – Jetzt ist der Mut von Cartoonisten gefragt“, doch schon der Verfassername ist geschwärzt, und so verhält es sich auch mit dem Großteil des Textes, der nur die Namen der ermordeten Redaktionsmitglieder und Schlagworte à la „Verletzte“, „Angst“, „Widerstand“ oder „Polizei“ lesbar belässt, Das letzte darin ist „Selbstzensur“, und so wird die Doppelseite tatsächlich zu einer zeichnerisch eindrucksvoll gelösten Stellungnahme. Dafür gebührt dem „Comic-Jahrbuch 2016“ Respekt.

Die üblichen Vereinsinterna und die endlosen Passagen zu den zweifellos verdienten ICOM-Preisträgern sind unvermeidlich. Schwamm drüber. Wenn das Jahrbuch die Stärken, die es diesmal zeigt, noch weiter entwickelt, wird es sich nicht von ähnlich informativen Publikationen wie „Alfonz“ den Rang ablaufen lassen müssen. Und wenn beim nächsten Mal Reinhard Kleist seine Cave-Biographie fertiggezeichnet haben sollte, kann man ihn ja noch einmal fragen, was er dabei für Musik gehört hat

 

 

11. Jan. 2016
von Andreas Platthaus
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04. Jan. 2016
von Andreas Platthaus
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Neues Jahr, neues Leseglück

Das alte Jahr ging mit dem neuen „Spirou und Fantasio“-Sonderband denkbar trist zu Ende (nachzulesen im Blog-Eintrag der vergangenen Woche), das neue aber fängt mit „Venustransit“ denkbar gut an. Venustransit? Das war doch 2012 das große astronomische Ereignis. Ja, genau, aber für den Comic „Venustransit“ gibt das Phänomen lediglich eine Metapher mit vielfachen Assoziationen her: Venus als Göttin der Liebe, durchkreuzte Bahnen, spannende Konstellationen.

Und das Buchdebüt des 1979 in Teheran geborenen, aber seit vielen Jahren in Berlin lebenden Hamed Eshrat bietet einiges an Spannung, unerwarteten Wendungen und Liebeswirren. Das klingt jetzt nach einem Herz-Schmerz-Comic, aber es ist ein – mutmaßlich tief autobiographisch grundierter – Bildungscomicroman, in dem über ein halbes Jahr im Leben von Ben Rama erzählt wird. Ben ist ein junger Mann mit großen bildkünstlerischen Ambitionen, der sich in Berlin mit einem tristen IT-Bürojob durchschlägt und seine Liebe zu Julia durch seine Unzufriedenheit über die eigene Lebenslage aufs Spiel setzt. So zerbricht diese Liebe auch, und Ben rettet sich aus der resultierenden Niedergeschlagenheit in einen ehemals als gemeinsame Reise geplanten Trip nach Indien. Zurück kommt er verwandelt, findet neue Liebe, neues Glück, wird sogar einen ambitionierten Comic beginnen. Kurz: Es geht gut aus.

Aber bis es soweit ist, lässt Hamed Eshrat uns in einer Intensität und Beobachtungsgenauigkeit an Bens Nöten teilhaben, die ungewöhnlich ist. Diese Elemente hatten mich schon 2014 überzeugt, als Eshrat die damals noch unfertige Geschichte für das erste Berthold-Leibinger-Comicstipendium eingereicht hatte. Er kam damit unter die zehn Finalisten, und er fand einen Verlag (Interesse an dem Band hatten sogar mehrere). Ins experimentierfreudige Programm von Avant, einem Haus, das mit Ulli Lust eines der wichtigsten Graphic-Novel-Debüts des letzten Jahrzehnts gestemmt hat, passt „Venustransit“ exzellent.

Denn experimentierfreudig ist Eshrat allemal. Allein die Schilderung der Indienreise ist ein Meisterwerk: Dieses umfangreiche „Zwischenspiel“ von „Venustransit“ ist nicht als klassischer Comic erzählt, sondern als Faksimile eines auf der Reise mitgeführten Skizzenbuchs, in das auch zahlreiche Dokumente wie Fahrkarten, Prospekte, Eintrittskarten etc. eingeklebt wurden. Das Prinzip des reproduzierten Reisetagebuchs hat vor nicht allzu langer Zeit (und seltsamerweise auch zum Thema Indien) Sebastian Lörscher mit „Making Friends in Bangalore“ vorgeführt – wobei das eine augenzwinkernde Schilderung weniger Wochen war, während Bens Flucht nach Asien fast einen Winter lang währt und nicht Selbstironie, sondern Selbstfindung im Mittelpunkt steht. Die elliptische Methode (Auslassen der eigentlichen Ereignisse auf der Reise, dafür Präsentation der Resultate in Form der Andenken und vor allem von Bens Skizzen) lässt uns beim Lesen weiter rätseln, in welcher Verfassung Ben wohl nach Berlin zurückkehren wird. Zugleich vollzieht man über die bisweilen rätselhaften Faksimileseiten die Irritation nach, die der Protagonist in der Fremde empfunden haben wird.

Erzählerisch agiert Hamed Eshrat also höchst subtil. Wie sieht es graphisch aus? Ansehen kann man es sich unter http://www.avant-verlag.de/comic/venustransit. Dass derzeit Gott und die Welt in Deutschland schwarzweiße Bleistiftcomics zeichnet, dürfte beim Beginn der Arbeit an „Venustransit“ nicht absehbar gewesen sein. Ulli Lusts stilistisches Vorbild ist bereits beim Titelbild klar erkennbar, auch die psychologische Dichte der Beschreibung hat da eine Vorläuferin. Panelrahmen setzt Eshrad nicht, dafür gibt es Stilwechsel, um die Seelenzustände von Ben zu illustrieren. Dass die Grenzen zwischen seinen eigenen Comicversuchen und dem Comic, der von ihm erzählt, bisweilen verwischen, ist ein klug eingesetztes Verfahren.

In den 250 Seiten lernen wir aber nicht nur Ben und seine beiden Freundinnen Julia und später Imma kennen, sondern auch eine kleine Freundesgruppe, die sich in einem von dem Türken Ali betriebenen Berliner Spätkauf trifft. Über Alis Leben wird ebenso geschickt nebenbei in „Venustransit“ erzählt wie über das von Beule, Bens bestem Freund noch aus gemeinsamen Punkzeiten. Wie sich da die Sympathien verschieben (untereinander, aber auch zwischen Leser und Figuren), das gehört zum Interessantesten, was deutsche Comics zuletzt hervorgebracht haben. Wenn dieses Jahr so weiter geht, wie es anfängt, dann dürfen wir das Beste erwarten.

04. Jan. 2016
von Andreas Platthaus
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28. Dez. 2015
von Andreas Platthaus
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Jahresende mit Schrecken

Der letzte Comic, der in diesem Jahr an dieser Stelle gewürdigt werden soll, ist unwürdig. Obwohl er alle Voraussetzungen gehabt hätte, mich zu erfreuen. Es handelt sich um einen „Spirou“-Band, also einen Teil der seit 1938 bestehenden Serie über die Abenteuer des gleichnamigen Brüsseler Hotelpagen, den ich als Kind in den bekannt sorglos übersetzten „Fix und Foxi“-Taschenbüchern als Pikkolo  erstmals kennen- und liebengelernt hatte – kein Wunder bei Virtuosen wie André Franquin und Jean-Claude Fournier, die in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren „Spirou“ zeichneten. Später landete die Reihe dann bei Carlsen und hat dort mittlerweile mit dem, Nachdruck auch der frühen Folgen mehr als siebzig Einzeltitel erreicht. Um den neuesten soll es hier gehen: „Ein großer Kopf“.

Der Titel wird Kennern vertraut vorkommen. 1954 hat  Franquin „La Mauvaise tête“ (Der böse Kopf) geschrieben und gezeichnet, auf Deutsch schön dumm als „Der doppelte Fantasio“ betitelt – Fantasio ist der gute Freund von Spirou, ein etwas egozentrischer Reporter, und in dieser längst kanonischen Geschichte werden von einem als Fantasio maskierten Schurken Verbrechen begangen. Nie war ein Comic so nahe an der Paranoia jener Nachkriegszeit, in der auch die zynischen Filme der Schwarzen Serie im westlichen Kino reüssierten, die ähnliche Motive von Doppelgängern und unschuldig Verdächtigten wählten. „La Mauvaise tête“ ist unbestritten ein Meisterwerk.

Seinen Handlungsstrang aufzunehmen, ist dementsprechend gewagt und reizvoll zugleich. Allerdings ist „Spirou“ eine jener Comicserien, die sich im Erscheinungsbild der jeweiligen Epoche anpassen, sprich: Die Abenteuer spielen jeweils in der Gegenwart. Statt nun aber eine Variation auf „La Mauvaise tête“ im Jahr 2015 anzusiedeln, haben die beiden Szenaristen Makyo und Toldac (alias Pierre Fournier und Michel Fournier, von denen man dank ihrer kanadischen Herkunft nicht befürchten muss, dass sie mit dem großen Jean-Claude verwandt sind und sein Andenken schänden) einen anderen Kniff ersonnen: Fantasio schreibt nach den Geschehnissen des ursprünglichen Comics einen inhaltlich leicht veränderten Roman, und  ein Filmregisseur verfilmt ihn mit unseren beiden Helden in den – allerdings vertauschten – Hauptrollen. Von den Dreharbeiten und den Folgen des Leinwandauftritts erzählt „Ein großer Kopf“.

Den Band hätte man besser „Ein geschwollener Kopf“ genannt, so wie ja auch „La Grosse tête“ (das ist der Originaltitel) nicht einen großen Kopf meint, sondern einen Schlaumeier oder jemanden, dem etwas zu Kopf gestiegen ist. Das passt, denn Spirou entwickelt sich zum unerträglichen Schnösel, weil er die Folgen des Ruhms zu sehr genießt. Zusammen mit den üblichen Nickligkeiten einer großen Filmproduktion gibt das Stoff für eine Art Society-Report im Stil von Illustrierten-Porträts – kläglicher kann man den Thriller „La Mauvaise tête“ nicht fortschreiben. Den beiden Szenaristen ist offenbar ihre Idee zu Kopf gestiegen.

Als wäre es damit der Respektlosigkeit nicht genug, haben Makyo und Toldac aber gleich noch eine zweite, womöglich noch berühmtere „Spirou“-Episode herangezogen: „QRN ruft Bretzelburg“, erschienen 1963 und legendär nicht nur durch seine politsatirische Erzählung eines totalitären Staates, in dem man unschwer das Deutsche Reich erkennen kann, sondern auch durch Franquins psychische Krise währen der Arbeit daran, die ihn zu einer Unterbrechung von mehr als einem Jahr zwang. Vielleicht ist gerade deshalb daraus das am meisten bewunderte „Spirou“-Abenteuer geworden.

Was machen nur die kanadischen Unglücksszenaristen daraus? Sie lassen – durchaus noch im Franquinschen Geist – einen Militärputsch in Bretzelburg stattfinden, der den legitimen König, den Spirou erst wieder in seine vollen Rechte eingesetzt hatte, wieder entmachtet und Tausende von Bürgern ins Exil treibt. Die Flüchtlingsströme von Bretzelburgern hätten angesichts der aktuellen Ereignisse in Europa einen aktuellen Kommentar hergeben können, aber dafür interessiert sich die Handlung nicht. Es bleibt bei ein paar Einzelbildern und dem humanitären Engagement der Spirou- und Fantasio-Freundin Stefanie, das sich am Schluss als intensiver erweist, als man gedacht hätte. Aber da ist die Handlung längst ins Wahnsinnige abgedriftet.

Denn die Unterdrückung durch das Bretzelburger Militär, dem konsequent alle deutschen Klischees ausgetrieben sind, besteht in der Überfütterung der Bevölkerung mit deftigen Speisen – zynischer kann man wohl über Flüchtlingsursachen nicht witzeln. Man müsste das Handlungsszenario zu „Ein großer Kopf“ abscheulich nennen, wenn nicht der Zeichenstil von Tehem (Thierry Maunier) noch grässlicher wäre: pseudokindgerechter Tinnef in computerverblassten Farben, die ans Schlimmste erinnern, was kindlichen Lesern zugemutet wird. Wer diesem Trio infernal die Figuren von „Spirou“ anvertraut hat, dem gebührt der wahre Abscheu (eine Leseprobe auf der Carlsen-Homepage hat sich der Verlag sinnvollerweise gespart).

Erschienen ist der Band außerhalb der regulären Serie, als achter Teil einer Reihe namens „Le Spirou de …“, und dann darf man den Namen jener Autoren ergänzen, die man für würdig erachtet hat, sich einmal an dem Klassiker zu versuchen (nur selten war man dabei erfolgreich, aber immerhin erschien in diesem Rahmen das Meisterwerk „Porträt eines Helden als junger Tor“ von Emile Bravo). Der Carlsen Verlag hat das Ganze in der Reihe „Spirou und Fantasio Spezial“ untergebracht, die außerdem auch noch die ganzen Episoden der dreißiger und vierziger Jahre umfasst, die auch nicht Teil der regulären Zählung sind. So ist eine ohnehin gesichtslose Reihe entstanden, die nun durch diesen Tiefpunkt geradezu entwürdigt wird. Wäre nicht den deutschen Lesern (und dem Übersetzer Uli Pröfrock als Liebhaber der Franquin-„Spirous“) diese Zumutung zu ersparen gewesen? Aber anscheinend – die „Asterix“-Bände, die Albert Uderzo geschrieben hat, belegen es ja – verkauft sich bei erfolgreichen Serien selbst das, was sonst niemals seinen Weg ins Wohn- oder Kinderzimmer gefunden hätte. 2015 hört dadurch schlimm auf; 2016 kann also nur besser werden.

28. Dez. 2015
von Andreas Platthaus
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21. Dez. 2015
von Andreas Platthaus
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Lakonischer Traum in Pastellfarben

Im Leipziger Stadtmagazin „Kreuzer“ gibt es seit etwa zwei Jahren einen Comic-Strip namens „Gilbert“. Man kann darüber streiten, ob es eine gute Idee ist, kurze Episoden (jeweils nur drei oder viel Bilder) in Monatsabständen zu publizieren, weil sich das Publikum bei jeder neuen Folge mutmaßlich nur schwer an die geschlossene Welt des Strips erinnern kann – Fortsetzungsserien dieser knapsten aller Comicformen leben gerade von der möglichst dichten Erscheinungsfrequenz. Nicht streiten kann man aber darüber, ob „Gilbert“ ein bemerkenswerter Comic-Strip ist. Das ist er zweifellos. So skurril wird in Deutschland sonst nicht gezeichnet und erzählt.

Die Autorin dieses Strips heißt Anna Haifisch. Nein, so heißt sie natürlich nicht; so nennt sie sich bloß, aber ihr richtiger Name tut nichts zur Sache, denn es geht hier ja um ihren Comics. Sie isit 29 Jahre alt, Leipzigerin und Absolventin der dortigen Hochschule für Graphik und Buchkunst inklusive Meisterschülerstudium. Aus solchen Kreisen kommen normalerweise keine Comiczeichner. Doch Anna Haifisch zeichnete sich schon während Ihrer Hochschulzeit dadurch aus, dass sie neben Siebdrucken von allem Comics zu ihrem bevorzugten Ausdrucksmittel machte. Und das gegen alle Widerstände, die eine solche Außenseiterform (ästhetisch wie erzählerisch) an einer Kunsthochschule bedeutet.

Dabei hat sich Anna Haifisch erst spät für Comics begeistert, nach der Kindheit, schon im Studium, als sie ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbrachte, wo sie eine wirkliche Comic-Kultur kennenlernte. Ihre Liebe zu den klassischen amerikanischen Comic-Strips und speziell zu den Geschichten von Walt Disney unterscheidet sie allerdings gravierend von vielen anderen an Comics interessierten jungen Künstlern, die sich vor allem für die Avantgarde oder für Graphic Novels interessieren. Haifisch dagegen treibt dieselbe Faszination an wie ehedem Roy Lichtenstein oder Andy Warhol bei deren Adaption von Comic-Panels: Sie reizt das Populäre.

Für Anna Haifisch aber muss es auch noch mit Qualität verbunden sein. Deshalb gehören zu ihren großen Helden neben Disney (der ja weniger als Zeichner, denn als Erzähler und  noch mehr als Organisator glänzte) auch Saul Steinberg und Tomi Ungerer. Der gebürtige Rumäne Steinberg kam im zweiten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten und wurde zum größten Illustrator der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts; der „New Yorker“ war praktisch das Schaufenster für seine Kunst. Ungerer wiederum, gebürtiger Elsässer, siedelte Ende der fünfziger Jahre nach New York um, reüssiert doch gleichermaßen, hielt das repressive gesellschaftliche Klima aber nur anderthalb Jahrzehnte aus und ging dann erst nach Kanada und dann nach Irland, wo er heute noch lebt. Deshalb gilt er als das große europäische Pendant zu Steinberg. Es dürfte kaum eine künstlerische Idee geben, die diese beiden Künstler nicht schon gehabt und vor allem auch umgesetzt haben.

Von solchem Einfallsreichtum lässt man sich gerne inspirieren, wobei Anna Haifisch von Disney das Erfolgsrezept anthropomorpher Tiere, von Steinberg die graphische Strenge und von Ungerer die Respektlosigkeit übernommen hat. Und von allen drei die Namen für das Personal ihres ersten langen Comics, der jetzt unter dem Titel „Von Spatz“ bei dem famosen Kasseler Verlag Rotopolpress erschienen ist (gleichzeitig auch in Frankreich als „Clinique von Spatz“ bei Misma; welcher deutsche Zeichner kann so etwas schon von seinem Debütband sagen). Neben dem Trio, das sich als Patienten in einer kalifornischen Rehabilitationsklinik für Prominente trifft, tritt noch die Titelfigur auf: Magarete von Spatz, die Leiterin der Klinik. In kurzen Episoden werden allerlei Fragen von künstlerischem Talent und künstlerischer Verstörung  thematisiert, voller Anspielungen inhaltlicher wie graphischer Natur auf das Werk der jeweils wegen Burnout behandelten prominenten Patienten. Und dazu sieht „Von Spatz“ grandios aus, weil Anna Haifisch sich einer Siebdruckoptik bedient, die auf die Farben Gelb, Rosa, Orange, Lila und Himmelblau setzt – die Seiten flirren vor pastellener Hitze (ansehen kann man sich das auf der Homepage der Künstlerin, http://www.hai-life.com/, oder bei Rotopolpress: http://www.rotopolpress.de/produkte/von-spatz).

Der Humor dieser Kurzgeschichten, die trotzdem zusammen einen geschlossenen Erzählzyklus bilden, beruht einerseits auf ihrem Anspielungsreichtum, andererseits auf ihrer Lakonie. Das hat sie gemeinsam mit ortsansässigen Kollegen wie James Turek, Max Baitinger und Phillip Janta, die auch alle wie Anna Haifisch im „Millionaire’s Club“ organsiert sind, einer Zeichnergruppe, die jeweils parallel zur Leipziger Buchmesse ein Independent-Comicfestival veranstaltet. Gegenüber den vielfältigen Aktivitäten von Anna Haifisch ist ihr Buch „Von Spatz“  geradezu meditativ: Es passiert darin nichts Spektakuläres, die Konstellation ist das Entscheidende. Das bezieht Seitenarchitektur und Handlungsort mit ein: Erst das Gesamtgebilde erzeugt den spezifischen Witz dieses Comics, der ähnlich verrätselt-beiläufig wie „Gilbert“ daherkommt, aber eben in einem Guss gelesen werden kann. Und bei jeder neuen Lektüre – lange braucht man nicht dafür – wird „Von Spatz“ amüsanter.

21. Dez. 2015
von Andreas Platthaus
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15. Dez. 2015
von Andreas Platthaus
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So muss Horror inszeniert werden

Wieso dieses Interesse von Comics an H.P. Lovecraft? Oder besser: Wieso mein Interesse an Comics, die sich für H.P. Lovecraft interessieren – letzte Woche erst Philipp Druillets „Lone Sloane“ mit seinem Lovecraft-Sound und jetzt Alan Moores neue Serie „Providence“?  Die Antwort ist simpel: Ich habe Lovecraft stets gerne gelesen und freue mich, wenn das andere offenbar auch tun. Bei Moore überrascht das natürlich nicht. Wer „Swampthing“ so geschrieben hat wie er vor beinahe dreißig Jahren, der muss Lovecraft-Fan sein. Und als Druillet vor 45 Jahren seine Serie konzipierte, war zumindest die Wiederentdeckung des amerikanischen Horrorautors gerade aktuell (das, was Druillet danach machte, war zu sehr Fantasy, als dass er den Lovecraft-Ton hätte beibehalten können).

Natürlich ist die Doppelung dem Zufall zu danken, dass „Lone Sloane“ eben 45 Jahre lang unübersetzt blieb, während „Providence“ gerade mit dem sechsten amerikanischen Heft bei der Hälfte des avisierten Dutzends angekommen ist – zwölf Hefte waren es ja auch bei „Watchmen“, dem legendärsten all der legendären Alan-Moore-Comic, also ist die Anlage von „Providence“ auf ein Dutzend denkbar ambitioniert. In Deutschland erscheint die Serie übrigens gleich in jeweils 144 Seiten umfassenden Bänden, die drei Hefte enthalten, bei Panini. Der erste ist gerade herausgekommen. Leider gibt es keine Leseprobe, so dass man sich für einen Eindruck die fünf verschiedenen Coverzeichnungen für die amerikanische Heftausgabe anschauen muss (http://www.avatarpress.com/2015/02/new-in-march-previews-alan-moores-providence-1/).

Das ist hilfreich, denn eines darf man sagen: „Providence“ ist inhaltlich harter Stoff. Die Figuren sprechen Dialekt und Soziolekt, noch dazu im Jahr 1919 – auf Englisch keine leichte Kost. Dazu folgt auf die Comicseiten in jedem Heft ein umfangreicher Moore-typischer Anhang mit fiktiven Dokumenten, die das Erzählte weiter vertiefen, in diesem Fall vor allem Tagebuchaufzeichnungen der Hauptperson, des jungen Journalisten Robert Black, der nach einem tragischen Todesfall in seiner Umgebung einen Neustart seines Lebens machen will und deshalb die Zeitung, bei der arbeitet verlässt, um an einem Roman zu schreiben. Dessen Gegenstand soll ein obskures orientalisches Manuskript sein, das sich in einer frühen englischen Druckausgabe in einem College in Neuengland erhalten hat. Auch aus diesem Buch gibt es Auszüge in den Anhängen, und man liest und liest; im Schnitt brauche ich für ein einzelnes Heft anderthalb Stunden.

Wer je Lovecraft gelesen hat, der weiß, dass der sich zwar viel schneller liest (auch auf Englisch), aber die Motive, die Moore ausgewählt hat, sind natürlich so typisch für das Werk des 1890 geborenen und 1937 gestorbenen Schriftstellers wie nur irgend etwas. Neuenglische Provinz, ja selbst konkret die Stadt Providence selbst – das ist sein Terrain. Und geheimnisvolle Manuskripte gibt es auch reichlich in den Erzählungen. Dazu weisen der fiktionale Black und der reale Lovecraft einige Ähnlichkeiten auf, körperlich wie biographisch. Es wäre kein Wunder, wenn Moore seinen Protagonisten nach Lovecraft modelliert hätte.

Aber um das sicher zu sagen, ist es noch zu früh, denn so langsam wie diesmal hat sich noch kein Moore-Zyklus entwickelt. Deshalb ist das sechste Heft ein guter Moment für eine erste Bewertung, denn jetzt wird klar, worauf das ganze hinsteuert: Black hat das geheimnisvolle Buch endlich lesen können, und plötzlich wird explizit gemacht, was bislang nur angedeutet wurde: der Plan, durch Übernahme anderer Körper ewiges Leben zu erlangen. Horror ist also garantiert, und die letzte Szene im sechsten Heft bietet ihn auch reichlich. Besonders markiert wird dieser dramaturgische Einschnitt im zuvor eher suggestiven Geschehen dadurch, dass das Tagebuch von Robert Black im Anhng des sechsten Heftes dieses Ereignis ausspart, während sonst alles von ihm noch einmal kommentiert wird, was wir vorher als Comic gelesen haben.

Diese Nachkommentierung ist aus den eben genannten Gründen aber extrem hilfreich, und dass Moore sie seiner Figur im Moment des bislang größten Schreckens versagt, spricht Bände. Jetzt wird auch die denkbar ruhige Graphik, die Jacen Burrows dem Szenario verleiht, zum besonders bedrohlichen Zeitzünder, denn die realistische Darstellungsweise in jeweils seitenbreiten Panoramapanels wirkt statisch, und gerade deshalb ist die erzählerische Explosion so vehement. Auch er, mit dem Moore vor vier Jahren schon den bemerkenswerten Horror-Oneshot „Neonomicon“ (auch das schon eine Lovecraft-Hommage) gemacht hat, deutet lieber lange an, als dass er zeigt – doch nun ist die Katze aus dem Sack, und im siebten Heft darf man sich wohl auf einiges gefasst machen. Von den letzten fünf ganz zu schweigen. Lange nicht mehr war ich so neugierig auf Fortsetzungen.

15. Dez. 2015
von Andreas Platthaus
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07. Dez. 2015
von Andreas Platthaus
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Unaussprechliche Bilder

Wie recht hat doch die Verlagsankündigung: Die Geschichten um Lone Sloane erinnern an die Texte von H.P. Lovecraft, den Meister des Horrors, der in den Gehirnen seiner Leser Vorstellungen von namenlosen Schrecken zu erzeugen versteht (schon allein die Rede von „namenlosen Schrecken“ ist eine typisch lovecraftsche Formulierung). Aber der amerikanische Schriftsteller nutzte dazu eben unsere Phantasie, die er nur entzündete, während der französische Comiczeichner Philippe Druillet seine eigene ins Spiel bringt. Bringen muss, denn der Comic ist notgedrungen graphisch explizit und gibt uns Bilder vor. Nu einmal reingesehen (die Leseprobe findet sich unter http://www.avant-verlag.de/comic/die_sechs_reisen_des_lone_sloane), und es wird jedem klar sein.

Deshalb taugt der Lovecraft-Vergleich nur bedingt. Man lässt sich da zu sehr mitreißen von Druillets Texten, die genau den Duktus des großen 1937 gestorbenen Vorbilds aufnehmen: „Gebadet in infernalisches Licht, gleitet Sloane bewusstlos im teuflischen Rhythmus der monströsen Maschinen und der Anrufungen der Priester. Der Ruf seines Lebens hallt wider im Herzen des ungeheuren Nichts, in dem der Schwarze Gott schläft.“ O là là, ginge es nicht auch ein bisschen kleiner oder zumindest weniger epigonal?

Da hilft selbst der beste derzeit aktive deutsche Comicübersetzer, Uli Pröfrock, nicht. Er bleibt nahe am Original, aber Druillet war ja de facto auch schon Übersetzer von Lovecrafts Stil ins Französische, und so verstärken sich mit der abermaligen Übertragung die spezifischen Marotten noch, und  aus dem epischen Ton der Saga wird unfreiwillig ein fast schon satirischer. Das aber bringt Text und Bilder in einen Konflikt, denn eines ist Druillets „Lone Sloane“ ganz gewiss nicht: komisch.

Andererseits muss man realistisch sein und fragen, ob denn überhaupt jemand diesen Comic „liest“. Seine Bilder überwältigen derart, dass man es ohnehin besser nicht tun sollte, denn die Geschichte ist ein bloßes Vehikel für gigantische Seitenarchitekturen, in denen organische, mechanische und exotische Formen eine visionäre Mischung eingehen, von der später HR Giger bei seinen berühmten Entwürfen für den Science-Fiction-Klassiker „Alien“ profitieren sollte. Druillet brachte den Comic an die Grenze zum Erzählen, sein Zyklus der ersten sechs Sloane-Geschichten ist eher Trip im Sinne des Betäubungsmittelgesetzes als Abenteuerreise. Als die Episoden 1970/71 im Comicmagazin „Pilote“ erschienen, müssen sie verstörend gewirkt haben, obwohl sie da nur im Heftformat publiziert wurden, was Druillet bisweilen dazu verführte, für einzelne besonders detailreiche Seiten (als Originalzeichnungen sind sie bis zu fast einem Meter hoch) einfach eine ganze Doppelseite in Beschlag zu nehmen, die dann der Leser eben um neunzig Grad drehen musste, um sie richtig betrachten zu können.

Die deutsche Erstausgabe dagegen bietet nun ein Album im Überformat, und selbst da sind die doppelseitigen Einschübe beibehalten, obwohl nunmehr die schiere Fläche ausgereciht hätte, um ihnen gerecht zu werden. Doch längst sind Druillets Kurzgeschichten ihr eigener Mythos, und  dazu gehört eben auch die Maßlosigkeit des Spiels mit dem Format, was hier dann ebne ins noch Gigantischere gesteigert wird. Zudem hat der Avant Verlag, der dieses publizistische Wagnis eingeht – denn Druillet zählt anders als in Frankreich hierzulande nicht zu den Stars –, ein faszinierendes Titelbild gewählt, dass weitaus plakativer ist als das der französischen Ausgabe von 2012, die ansonsten das Vorbild abgab: Sloanes feuerrote Augen scheinen aus den Höhlen herauszubrennen. Damit wird ein Detail sichtbar gemacht, dass in den Geschichten selbst immer mehr behauptet als gezeigt wurde.

Damit aber wird nur noch weiter verstärkt, dass Druillet uns keine Freiheit zur eigenen Vorstellung zu lassen gewillt ist. Er zeichnet uns vor, was wir zu sehen haben. Seine Weltraum-Saga um den irdischen Rebellen Sloane, dem durch dämonische Kräfte eine geradezu göttliche Kraft verliehen wird und der sich dann auf den Rückweg zur Erde begibt, verdankt viel mehr als Lovecrafts Stimmungen dem höchst konkreten Vorbild des amerikanischen Superheldenmeisters Jack Kirby, der in den sechziger Jahren immer pathetischere Posen und Dekors für seine Comicbilder entwickelte und sie 1972 in die Serie der „New Gods“ kulminieren ließ. Darin allerdings war ihm Druillet zwei Jahre voraus – er brachte Kirbys Welt bereits früher an den Punkt, zu dem deren Schöpfer noch unterwegs war. Das zeigt Druillets in der Tat epochales Stilgefühl, denn er nimmt mit „Lone Sloane“ auch Moebius und Mezières vorweg – kein Wunder, dass er dann wenig später auch zu den Gründern der Zeitschrift „Métal Hurlant“ gehörte, die in der amerikanischen Version „Heavy Metal“ zum graphischen Ausdruck der siebziger Jahre wurde.

Daran hatte auch das erste Platencover, das Druillet schuf, seinen Anteil. 1970 gestaltete er es für die Londoner Rockgruppe Grail, und im Bonusmaterial zu „Die sechs Reisen des Lone Sloane“ ist es mit Vorder- und Rückseite abgebildet. Verwendet hatte Druillet dafür das Splashpanel der zweiten Episode von „Lone Sloane“ und die spektakulärste Seite der sechsten und somit letzten der im Album abgedruckten Geschichten. Die aber erschien in „Pilote“ erst im April 1971, also lange nach der Grail-Platte. Was den Schluss erlaubt, dass Druillet seinen ganzen assoziativen Erzählzyklus in einem Rutsch geschrieben und gezeichnet hat, nicht, wie bislang angenommen, als einzelne Abschnitte. Dadurch stellt sich die Frage der inhaltlichen Geschlossenheit neu: Als aus einem Guss gefertigte Geschichte muss man den „Sechs Reisen“ gravierendere erzählerische Mängel bescheinigen, als wenn Druillet sie jeweils nach monatelangen Pausen wieder aufgenommen hätte.

Doch gleichzeitig wird nun auch klar, wie diese überwältigende Zeichenwelt ihre graphische Geschlossenheit finden konnte. Sie ist offenbar Ergebnis eines Schaffensrausches des damals Mittzwanzigers, und das Magazin streckte den Abdruck über ein ganzes Jahr hinweg. Die Redaktion wollte ihrem Publikum damals diesen Trip nur in einer Dosierung zumuten, die nicht gleich süchtig machen würde. Geschadet es Druillets Karriere nicht. Er ist ein großer Visionär des Comics. Immer noch.

07. Dez. 2015
von Andreas Platthaus
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30. Nov. 2015
von Andreas Platthaus
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Außerirdisch witzig

Ja, Comics in Fortsetzungen sind eine gute Sache. Und nein, ich lese sie trotzdem lieber gesammelt, also als abgeschlossenes Buch. Was damit zu tun hat, dass es schöner ist, eine in Fortsetzungen oder zumindest Einzelepisoden erzählte Geschichte komplett zu lesen. Zehn  Folgen von „Calvin und Hobbes“ oder den „Peanuts“ amüsieren mich mehr als nur eine, auch wenn ich weiß, dass sie als einzelne Strips konzipiert worden sind. Aber auch die amerikanischen Heftserien sind ja erfolgreicher als Sammelbände denn in Einzelausgaben. Das ist dasselbe Phänomen wie der Triumph von Fernsehserien, die heute fast alle Liebhaber als Download oder DVD hintereinander wegschauen.

Fortsetzungscomics gibt es auch in „Dein Spiegel“, dem Jugendmagazin des Nachrichtenmagazins. Als es 2009 erstmals erschien, war sofort „Ferdinand“ dabei, der Comic von Ralf Ruthe und Flix über einen Reporterhund. Den habe ich aber auch erst gelesen, als er bei Carlsen als Buchreihe herauskam. 2011 kam in „Dein  Spiegel“ eine neue Serie hinzu: „Q-R-T“, gezeichnet von dem 1987 geborenen Ferdinand Lutz, der in Köln arbeitet. Und die ist nur endlich auch als Buch erschienen, bei Reprodukt im kaum genug zu preisenden Kindercomicprogramm dieses Verlags: nicht komplett natürlich (dafür gibt es schon zu viele Episoden), aber als 130-Seiten-Band, der inhaltlich einen ganz anderen Sog entfaltet als die Einzelgeschichten im Magazin.

Hier sieht man nämlich, wie geschickt Lutz seinen Leitfaden spinnt, der alle Episoden verbindet. Nicht, dass nicht jede für sich lustig wäre (o.k., einige sind sehr lustig – zum Beispiel „Kurt ist deutlich zu laut“ –, andere weniger – wie die direkt darauf folgende sehr klischeebehaftete „Eine teure Vase zerbricht“), aber wie schön bestimmte Marotten wiederaufgenommen werden, wie sich Figurenkonstellationen fortsetzen, ja selbst, dass ein innerer Zusammenhang, der über die Handelnden hinausgeht, besteht – das alles merkt man bei Komplettlektüre besser. Und da Lutz über sie seltene Fähigkeit verfügt, kindgerecht zu erzählen (einfach, aber nicht naiv), liest man das Ganze aals Erwachsener auch sehr schnell.

Es sieht übrigens auch sehr gut aus (Leseprobe unter http://www.reprodukt.com/produkt/kindercomics/q-r-t-der-neue-nachbar/): Ferdinand Lutz hat als zentrale Figur mit seinem Außerirdischen Q-R-T (was manche Erdlinge als „Kurt“ missverstehen) eine wunderbare Kinderfigur und durch seinen Begleiter, den Formwandler Flummi, eine sichere Bank für visuelle Gags. Die Seitenarchitektur ist unaufgeregt, jedoch nie eintönig, denn bisweilen lässt Lutz seine Episoden auch mal mit zwei seitengroßen Panels enden. Oder er signalisiert den Gemütszustand von Q-R-T durch zwei Bilder, die in immer tieferes Rot getaucht sind, während der kleine Außerirdische immer kleiner wird.

Selbstverständlich erinnert das Personal ein wenig an „Calvin und Hobbes“: kleiner, durchaus altkluger Junge und dessen treuer Freund, der für niemanden außer ihm als solcher erkennbar ist. Auch das naseweise Mädchen aus der Nachbarschaft gibt es, aber Lara aus „Q-R-T“ ist weitaus vielschichtiger als Susie Derkins. Im Laufe des Buchs deckt sie die Identität des scheinbaren Nachbarsjungen auf, und just, als das Geheimnis ganz gelüftet ist, endet auch dieser Sammelband, so dass man doch versucht ist, wieder mal „Dein Spiegel“ zu lesen, denn jetzt will man wissen, wie es weitergegangen ist.

30. Nov. 2015
von Andreas Platthaus
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20. Nov. 2015
von Andreas Platthaus
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Strahlemann, schwarzhumorig

Bis zum 24-Stunden-Cartoonfestival, das vom Duo Hauck & Bauer im vergangenen August in Berlin organisiert wurde und bei dem ich ein Sechstel moderieren durfte, kannte ich Oliver Ottitsch nicht. Den Zeichner zwar schon, durch seine Bilder, die in etlichen Zeitschriften zu finden waren und sind, aber nicht diesen freundlichen Österreicher – was für ein akustischer Genuss: Oliver Ottitsch aus Österreich; ich hatte diesen Wohlklang prompt verdreht – mit den blitzenden Augen, der so gar nichts vom schwarzen Humor seiner Cartoons hat.

Wie kommt also der reizende 1983 geborene Grazer zu so boshaften Bildern wie dem Wechselspiel im Trainingscamp von Selbstmordattentätern („Jetzt du“, ruft der abgerissene Kopf dem noch heilen Kollegen zu) oder dem durch einen abgefallenen (und ich drücke mich hier harmlos aus) Körper des Gekreuzigten bebilderten Umsetzung der Volksweisheit „Nichts hält ewig“? Die finden sich in einem ausgesprochen schön gestalteten Band mit dem Titel „Endlich ausrasten“, den der mir zuvor unbekannte Linzer Verlag Scherz & Schund produziert hat – nach Kein und Aber jetzt mein Lieblingsverlagsname. Fast hundert Cartoons werden da gesammelt, eine Dramaturgie ist zwar nicht erkennbar, aber das Bestreben nach schöner Präsentation, was soweit geht, das es in der Mitte sogar eine Ausklappseite gibt, die den durch die plötzliche Panoramawirkung geschaffenen Überraschungseffekt zur Grundlage des Gags macht. Das muss sich ein Verlag erstmal leisten wollen.

Mit Ottitsch hat Scherz & Schund aber auch eines der wenigen echten Talente gewonnen, die der Cartoonsektor in Deutschland zu bieten hat. Nicht, dass der Markt daniederläge – die Erfolge von Joscha Sauer oder Ralf Ruthe, der mittlerweile legendäre Ruf von Rattelschneck oder beck (bei jeweils leider geringerem Erfolg) und das neue Vertrauen des „Spiegels“ in die Form des Cartoons, die jüngst zu einem festen Platz im Blatt für die Zeichnerin Kitty Hawk geführt hat, stimmen verheißungsvoll, doch in der Flut von Netzforen hat man zwar zahllose Publikations-, aber wenige Profilierungsmöglichkeiten. Daran scheitern manche begabten Zeichner und landen lieber in der Werbung oder arbeiten an umfangreichen Comicvorhaben, denn wenn man sich schon ausbeutet, dann wenigstens für etwas, an dem das eigene Herz wirklich hängt. Da kommt ein so schönes Buch wie das von Ottitsch gerade recht, um zu signalisieren, dass hier jemand kommt, mit dem man als Cartoonist rechnen sollte (Leseprobe unter http://www.scherzundschund.at/assets/presse/Ottisch-EndlichAusrasten-Auszug.pdf).

Die Erbschaft, die Ottitsch antritt, ist unschwer zu erkennen: natürlich Rattelschneck betreffs der Drastik des Humors, aber auch Til Mette, OL oder Stefan Rürup scheinen Pate gestanden zu haben. Das Themenspektrum ist breit, und nicht zuletzt die Genreparodien oder noch besser gesagt: Genreverhohnepiepelungen sind äußerst amüsant. Etwa er Superheld Captain Paradoxon, der einem – auch extrem witzig gezeichneten – Superschurken auf dessen Todesdrohung antwortet: „Nur über meine Leiche!“ Oder der Hinkelsteinlieferant Obelix auf dem Weg zur Steinigung. Oder am allerschönsten: Unlucky Luke, der Mann, der sich schneller erschießt als sein Schatten. Auf diesen Bildwitz sollte die ganze Zunft neidisch sein.

Natürlich gibt es auch einiges Bemühtes, für ein Best-of ist Ottitsch denn doch noch nicht lange genug im Geschäft. Bisweilen verlässt er sich zu sehr auf den Wortwitz und vernachlässigt die Zeichnung. Für einen Einfall wie die Verballhornung von Pontius Pilatus zu Pontius Pilates aber braucht man das Bild, und gerade dann ist der im besten Sinne aufs Notwendige reduzierte Strich von Ottitsch perfekt. Der Schriftsteller, der auf einem Blatt unter seinen Vorlesetisch greift und dazu mit Blick aufs Publikum denkt: „Wenn das Pathos nicht wirkt, habe ich immer noch das Tränengas!“, könnte auch einfach „Endlich ausrasten“ einsetzen. Tränen sind da garantiert, und es sind keine aus Traurigkeit.

 

20. Nov. 2015
von Andreas Platthaus
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16. Nov. 2015
von Andreas Platthaus
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Weltraum-Tour-de-farce

Craig Thompson ist ein Weltstar des Comics, seit er 2003 seine autobiographische Geschichte „Blankets“ veröffentlichte. Das war ein auf vielen hundert Seiten ausgebreitetes Exerzitium in Einfallsreichtum: Den originellen Bildfindungen und organischen Verschmelzungen von Bildern sah man einen sprühenden Geist an, der die eigene gegen den Widerstand der christlich-fundamentalistischen Eltern gewonnene Freiheit – davon nämlich wird erzählt – zu nutzen versteht. Selten haben Form und Inhalt eines Comics so zu Übereinstimmung gefunden wie im Falle von „Blankets“.

Dann kamen acht Jahre Pause mit allerdings einer Unterbrechung: einem gezeichneten Tagebuch, das Thompson auf einer Reise durch Nordafrika und Europa geführt hatte. Es hätte nach der Vorstellung des Zeichners beim französischen Verlag L’Association erschienen sollen, dessen Bücher er bewunderte, doch das Verlegerkollektiv lehnte die Publikation als zu epigonal ab. Mir schien das damals einerseits konsequent, denn das, was Thompson in seinem „Tagebuch einer Reise“ machte, hatten tatsächlich die Association-Autoren längst vorgemacht, andererseits aber auch arrogant, denn immerhin gaben sie dem Shooting-Star des amerikanischen Independent-Comics einen Korb. Doch die versierten Franzosen erkannten, was ich, geblendet durch „Blankets“,  noch übersehen hatte: Thompsons versöhnlerisches Erzählpathos, das sich im Tagebuch schon zu einer Masche entwickelte, die dann 2011 im weltweit publizierten „Habibi“ (auf Deutsch bekam Reprodukt den Zuschlag) seine traurige Fortsetzung fand.

Dieser gegenüber „Blankets“ noch voluminösere Band erzählte eine phantastische Abenteuergeschichte aus dem muslimischen Kulturkreis, die vom unbedingten Willen getragen war, den Lesern die Schönheit und Menschlichkeit dieser Kultur deutlich zu machen. Die Bilder waren aufwendig und prachtvoll, der Inhalt aber klischeesüchtig und banal. Thompson schien sich verrannt zu haben, zumal eben das, was er nach eigener Darstellung so mühsam seinem Elternhaus abgetrotzt hatte – das von religiösen Verboten unabhängige Denken – hier zugunsten einer verständnisseligen Darstellung des Islams geopfert wurde. Plötzlich erkannte man in Thompsons Comics just jene intellektuellen Muster wieder, gegen die er mit  „Blankets“ doch angetreten war.

Nun ist etwas auf den ersten Blick ganz anderes von ihm erschienen, wieder bei Reprodukt: ein Kindercomic mit dem schönen Titel „Weltraumkrümel“ (im gleichzeitig erschienenen amerikanischen Original „Space Dumplins“). Es ist die Geschichte eines kleinen Mädchens, die mit ihren Eltern in einer Art Wohnrakete am Rande der besiedelten Galaxis lebt; der Vater verrichtet eine Art Recycling-Dienst (anders gesagt: er ist Müllmann), die Mutter ist als Schneiderin in einer großen heruntergekommenen Textilfabrik tätig. Man könnte sagen: eine White-Trash-Familie wie aus dem Bilderbuch oder das in die Zukunft fortgeschriebene Prinzip einer Dritte-Welt-Gesellschaft mit all den Exzessen an Ausbeutung und Wohlstandsunterschieden, wie wir sie kennen.

Das ist interessant, und zudem nimmt Thompson für seine Figuren den ungebärdigen Funny-Stil seines Debütcomics „Good-bye, Chunkie Rice“ von 1999 wieder auf. Vor allem die sidekicks der kleinen Violet, ein etwa gleichalter Junge in Hühnchengestalt und der freche Schrottplatz-Gehilfe Zacchäus, sind wie aus dem Frühwerk übernommen. Dadurch bekommt „Weltraumkrümel“ den Anschein einer Verjüngungskur – nicht nur betreffs des Zielpublikums, sondern auch seiner Graphik wegen. Und erstmals erscheint auch ein Craig-Thompson-Comic in Farbe, was sich allerdings der Mitwirkung des erfahrenen Koloristen David Stewart verdankt, der mit geradezu psychedelischer Palette an die Arbeit gegangen ist, um der rasanten Handlung des Bandes zu entsprechen. Ansehen kann man sich das unter http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/weltraumkrumel/.

Die Handlung auch nur anzudeuten würde angesichts des Umfangs von mehr als dreihundert Seiten voller Action und Verwicklungen vergebliche Liebesmühe bedeuten. Nur so viel: Violet muss sich mit ihren beiden Gefährten auf die Suche nach dem verschollenen Vater machen; ein  bisschen lassen da motivisch die „Kinder des Kapitän Grant“ von Jules Verne grüßen, aber was daraus wird, ist zwar ein ähnliches Verwirrspiel, doch zugleich ein gigantischer Spaß. Was nicht zuletzt an der Sorgfalt liegt, mit der Thompson seine Weltraumwelt ausgestaltet hat. Die überbordende Detailfülle seiner oft wieder ineinander greifenden oder komplex verschachtelten Panels ist stets motiviert, und es macht einen Heidenspaß, sich von den Eigenschaften seiner phantastischen Weltraumfahrzeuge oder -siedlungen immer wieder neu überraschen zu lassen, obwohl die dann scheinbar spontan hervorgezauberten technischen Einrichtungen schon Dutzende von Seiten zuvor graphisch angedeutet wurden. Hier ist ein extrem kluger Zeichner am Werk, der in seiner Phantasiewelt stets die Kontrolle behält.

Was aber auch auffällt, ist eine Fülle dezidierter biblischer Anspielungen, die das Geschehen durchdringen und wie im Religionsunterricht immer neue Erklärungsmuster bieten. Offenbar kann sich Craig Thompson nicht von seinen Kindheitserfahrungen im amerikanischen bible belt lösen, und mittlerweile regt sich bei mir Mitleid für diese gebeutelte Seele, die zwanghaft das, was ihr damals eingetrichtert wurde, wieder hervorkramt, um daraus ihre Geschichten zu basteln. Dabei bietet Thompsons visuelle Vorstellungskraft ein Feuerwerk an  optischen Gags bis zum Höhepunkt eines in der Müllstraße (tolles Wortspiel, das der Übersetzer Matthias Wieland da gefunden hat) herumwirbelnden Barbarella-Kalenders, dem man ablesen kann, wo der Amerikaner seine Inspiration für diese Weltraum-Tour-de-farce gefunden hat. Als großes Entdeckungsspiel taugt „Weltraumkrümel“ allemal, sobald man aber anfängt, hinter die Kulissen der Story zu blicken, sollte man sich lieber wieder abwenden. Da wird gepredigt, wo wir lieber weiter lachen wollen.

16. Nov. 2015
von Andreas Platthaus
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09. Nov. 2015
von Andreas Platthaus
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Nichts ist selbstverständlich beim Umgang mit Trisomie 21

Selten habe ich einen Comic mit mehr Skepsis zu lesen begonnen als Fabien Toulmés „Dich habe ich mir anders vorgestellt …“ Weshalb? Na ja, jetzt rede ich erst einmal etwas darum herum und sage, dass mich Toulmés Beiträge zu dem von wechselnden Zeichnern bestrittenen Internet-Fortsetzungscomic „6 aus 49“, der auf diesen Netzseiten publiziert worden ist und vom Verlag Schreiber und Leser gesammelt publiziert wird, meist weniger überzeugt haben als die seiner Kollegen. Oder dass der Stil des 1980 geborenen Toulmé zu nahe an dem von Marc Lizano, Christopher oder auch – um einen ganz großen Namen zu nennen – Guy Delisle ist, als dass ich da noch auf sonstige Originalität hoffen mochte. Aber der eigentliche Grund meiner Skepsis war der: Ich wollte keinen Comic über ein Kind mit Down-Syndrom lesen.

Warum nicht? Das erklärt dieser Comic. Kinder mit Trisomie 21 lösen bei Begegnungen Beklemmungen aus, weil ihr Gendefekt so deutlich sichtbare Folgen hat: jene physiognomischen Züge, die im ehedem meistgebrauchten Namen „Mongoloide“ zum sprechenden Ausdruck kam. Wir werden dadurch erinnert an die Winzigkeit, die es ausmacht, unser Leben so zu verändern, dass wir als Außenseiter gelten: in diesem Fall ein überzähliges Chromosom.

Nichts ist aber die Beklemmung einer bloß zufälligen Begegnung gegen die psychologische Belastung, die es für Eltern bedeutet, ein solches Kind zu haben. Davon erzählt Toulmés Comic. Der französische Zeichner macht kein Hehl daraus, dass es sich um seine eigene Geschichte als Vater einer Tochter mit Down-Syndrom handelt; alle Hauptfiguren tragen die wirklichen Namen seiner Familie. Und Toulmé ist von entwaffnender Ehrlichkeit, vergleichbar nur mit Roz Chaz‘ fulminantem, auch erst kürzlich erschienenem Comic „Können wir nicht über was anderes reden?“, der vom Älter- und Debilerwerden der Eltern der amerikanischen Zeichnerin mit geradezu gnadenloser Offenheit erzählt.

So hält es auch Toulmé. Vor der Geburt hatte keiner der üblichen Tests Hinweise auf den Gendefekt der kleinen Julia gegeben. Umso überraschender und schockierender war dann die Erkenntnis. Toulmé verkraftete sie besonders schlecht, wochenlang ließ er sich krankschreiben, konnte kaum offen darüber reden, brach immer wieder in Tränen aus, und so, wie er die eigenen Vorurteile gegenüber Trisomie-21-Kindern schildert, fühlte ich mich bei der Lektüre laufend ertappt, obwohl ich mich doch für aufgeklärt und souverän hielt.

Was ich erwartet hatte, war ein moralisch appellierender Comic mit Happy Ending: Die Familie schließt Julia in ihr Herz und steht ihr gegen alle äußeren Umstände kompromisslos zur Seite. Genau das geschieht auch, aber erstaunlicherweise gelingt es Toulmé, das von mir als selbstverständlich (und deshalb banal) Erachtete so darzustellen, dass man plötzlich merkt, wie wenig selbstverständlich es ist. Dass es überhaupt nichts Selbstverständliches im Umgang mit einer solchen Situation gibt und dass das, was man sich als Ergebnis wünscht, Resultat einer wirklich heroischen Kraftanstrengung ist, die sich gegen bequeme Lösungen sperrt. Ja, Toulmé, seine Frau, seine ältere Tochter, die Schwiegermütter und manche Ärzten – sie sind echte Helden.

Und dagegen verblasst die in der Tat wenig originelle Graphik mit dem planlosen kapitelweisen Wechsel der Zusatzfarbe. Dagegen verblassen die wie Schlaglichter eingesetzten und deshalb unangenehm grellen Bildmetaphern, die plötzlich auftauchen, als hätte der Zeichner gemerkt, dass da noch irgendetwas fehlt, so etwa wenn das Ehepaar Toulmé in einem Krankenhaus von Pontius zu Pilatus läuft und plötzlich beide als Asterix und Obelix gezeichnet sind, weil das bürokratische Labyrinth den Vater an eine Szene aus dem Trickfilm „Asterix erobert Rom“ erinnert. Oder nehmen wir die unentschlossene Darstellung von Nasen bei Toulmé, in der es kein erkennbares Muster dafür gibt, warum sie je nach Figur einmal lang und gebogen und dann wieder wie ein Rüssel dreigeteilt sind. Nein, ein großer Zeichner ist Toulmé nicht. Aber ein höchst einfühlsamer Erzähler. Den der Avant Verlag von Annika Wisniewski angemessen hat übersetzen lassen (Leseprobe: http://www.avant-verlag.de/comic/dich_hatte_ich_mir_anders_vorgestellt).

Und so geht man aus diesem Comic nicht als geläuterter Mensch, sondern als getrösteter – getröstet über die eigenen Defizite und über die einer Welt, die denn doch nichts gegen Familienliebe und individuelle Lebenslust auszurichten vermögen. Dazu wird man beiläufig belehrt über medizinische Prozeduren und Therapien, die bei der Betreuung von Menschen mit Down-Syndrom hilfreich sein können. Und schließlich wird man den Vorsatz aus der Lektüre mitnehmen, ehrlich auch zu solchen eigenen Charakterzügen zu stehen, deren man sich selbst schämt. Denn das heißt nicht, sie zu akzeptieren, wie man bei Toulmé erfährt, sondern sie besser korrigieren zu können. Keine schlechte Ausbeute für einen Comic, den ich mit spitzen Fingern zu lesen angefangen hatte.

 

09. Nov. 2015
von Andreas Platthaus
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02. Nov. 2015
von Andreas Platthaus
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Con as Con can

Seit Monty Pythons „Leben des Brian“  wissen wir um die zentrale Wichtigkeit von Unterscheidungen wie der  zwischen Judäischer Volksfront und der Volksfront von Judäa, und das  fanden wir komisch. Also amüsierte uns auch die nahezu gleichzeitige Ankündigung der German Comic Con und der Comic Con Germany: die eine in Dortmund (5. und 6. Dezember 2015), die andere in Stuttgart (25. und 26. Juni 2016), und beide natürlich „zum ersten Mal“, als hätte Deutschland nur darauf gewartet, endlich Con-Gebiet zu werden. Aber vielleicht ist das ja sogar so, wenn gleich zwei verschiedene Veranstalter auf dieselbe Idee und fast den gleichen Namen kommen. Was wäre eigentlich geschehen, wenn beide denselben Titel gewählt hätten?

Wobei nun gesagt werden muss, dass womöglich auch beide einfach Epigonen sind. Denn noch etwas früher (sowohl bei der Verkündigung wie beim Terminansatz) war schon die Vienna Comic Con aufgetreten. Diese Veranstaltung wird bereits am 21. und 22. November in Wien stattfinden. Bei ihr ist also die Stadt Programm, nicht das Land  – und Hand aufs Herz: Mit Dortmund würden wir abseits der Fußballwelt auch nicht werben wollen, da klingt „German Comic Con“ deutlich besser. Über Stuttgart hätte man eher nachdenken können, aber gegen den Nimbus von Wien ist das ebenfalls aussichtslos. Aber wie dem auch sei, als neue Regel gilt offenbar: Con as Con can.

Was ist eine Comic Con? Der Name verdankt sich einer Veranstaltung, die 1970 im kalifornischen San Diego begründet wurde: Comic Con für Comic Convention, also Comicversammlung. Die erste große Con (der allerdings bereits eine ähnliche Kleinveranstaltung zum Fundraising vorangegangen war) fand an drei Tagen im August statt, und unter den Stargästen waren mit dem Comiczeichner Jack Kirby und dem Science-Fiction-Autor Ray Bradbury zwei Großmeister ihrer jeweiligen Genres. Ergänzt um Fantasy ist damit auch das Kernprogramm aller Comic Cons seither beschrieben: populäre phantastische Erzählformen. Wahrscheinlich hatte sich „Comic“ im Titel nur durchgesetzt, weil es besser klingt als SF Con oder Fantasy Con

In den neunziger Jahren entwickelte sich die Comic Con in Las Vegas zum Marketing-Phänomen. Die geographische Nähe zu Hollywood führte dazu, dass immer mehr Filmkonzerne dort aufwendige und entsprechend publikumsträchtige Werbeveranstaltungen für ihre neuen Großproduktionen durchführten, erst recht, als dann der Boom der Superheldenverfilmungen einsetzte. Das passte einfach perfekt zusammen, und nach San Diego pilgerten fortan Jahr für Jahr Hunderttausende. Dieses Erfolgsrezept übernahmen andere Veranstalter – und die ungeschützte Bezeichnung Comic Con gleich mit. In New York etwa wurde 2006 eine genauso strukturierte Con ins Leben gerufen, und das gleiche Veranstaltungsunternehmen rief dann auch noch in Paris einen Ableger ins Leben, nachdem in London bereits ein weiterer Konkurrent aktiv geworden war. Alle drei haben sich mittlerweile als Großveranstaltungen etabliert; San Diego ist allerdings immer noch unerreicht.

Der Weg ins deutsche Sprachgebiet war angesichts dieser Erfolge überfällig, und als Erster wagte ihn der New-York- und Paris-Con-Veranstalter. Wien war da eine logische Wahl: So reiht sich Weltstadt an Weltstadt an Weltstadt, und der Traum der Organisatoren ist, irgendwann dieselben Stars nacheinander nach New York, Paris und Wien zu bringen. Diesbezüglich haben die weniger international etablierten Ausrichter in Dortmund und Stuttgart wohl weniger Chancen. Das hinderte sie nicht, kurz nach Bekanntgabe der Vienna Comic Con ihre eigenen Absichten kundzutun und zeitlich so schnell wie möglich nachzuziehen. Dortmund liegt nun gar nur drei Wochen nach Wien. Da hat man offenbar wenig Angst.

Andererseits kommt dieses massive Engagement im deutschsprachigen Raum zu einer Zeit, in der sich in Amerika gerade einige Großkonzerne wieder von den Cons verabschieden, weil sie eigene Veranstaltungen dieser Art auf die Beine stellen wollen. Prominentestes Beispiel ist Disney, das im Sommer erstmals in San Diego fehlte und seine geballte Starpower aus dem Marvel-Universum und dem kommenden Star-Wars-Hype lieber selbständig nutzte. Wobei das in den Vereinigten Staaten recht leicht zu leisten ist, während man eine entsprechende Infrastruktur in Europa – mit der Ausnahme Euro-Disneylands als möglicher Ort einer Disney Con – erst einmal schaffen müsste. Also sprich viel dafür, dass man sich seitens der Großunternehmen der Unterhaltungsbranche hier weiterhin der ja ohnehin stattfindenden Cons bedienen wird.

Darauf setzt jedenfalls in Wien, wo man von den beiden anderen Aktivitäten in Deutschland erst anlässlich deren Verkündigung erfuhr. Aber da hatte man schon einen kleinen Vorsprung, und was an den beiden Tagen im November aufgeboten wird, ist für ein Debüt nicht übel (zu überprüfen auf http://www.viecc.com). Auf dem Gelände der Messe Wien am Prater werden unter anderen Giancarlo Esposito aus „Breaking Bad“, Gemma Whelan und Finn Jones aus „Game of Thrones“ und Neve McIntosh aus „Dr. Who“ auflaufen – der Schwerpunkt liegt also klar auf englischsprachigen Fernsehserien. Aber auch der amerikanische Comiczeichner Jae Lee wird da sein, und aus der österreichischen Comicszene hat neben weniger bekannten Kollegen Nicolas Mahler zugesagt, der zweifellos bedeutendste Zeichner, den das Land bisher hervorgebracht hat. Das er mit seinen Literatur-Adaptionen, Genrevariationen und Grotesken keine breite Masse anspricht, ist den Veranstaltern bewusst. Sie wollen aber auch den einheimischen Comicfreunden etwas bieten, und zwar sowohl den Lesern als auch den Künstlern.

Vor allem aber wird Cosplay eine wichtige Rolle spielen, denn aus den kostümierten Zwetschgen (wie Donald Duck Menschen in Verkleidung nennt) rekrutiert sich zuverlässig das Gros des Publikums europäischer Cons oder auch von Veranstaltungen wie der Manga Comic Convention im Rahmen der Leipziger Buchmesse, die einige Ideen des Con-Gedankens übernommen hat, ohne aber deren Starprinzip zu folgen. In diesem Jahr hat Leipzig trotzdem fast 100.000 Besucher an vier Tagen angezogen. Wien wird in seinen beiden Tagen Laufzeit Platz für etwa 15.000 Besucher bieten – und die Tickets für den Samstag sowie die Wochenendkarten für die ganze Con sind schon restlos ausverkauft. Es dürfte voll werden in Messehalle 1.

Zwei Bühnen, eine für fünfhundert Zuschauer, eine für zweihundert, werden in Wien aufgeboten, auf denen während der ganzen Öffnungszeit laufend Programm im Stundenrhythmus stattfindet. Die erforderliche Logistik, in den jeweils nur fünfzehn Minuten währenden Pausen zwischen den Star-Auftritten die Auditorien zu räumen und neu zu besetzen, dürfte die größte Herausforderung sein. Insgesamt werden an die achtzig Mitarbeiter für den reibungslosen Einlass und die Organisation des Besucherflusses auf dem Messegelände sorgen. Ob’s gelingt, dürfte entscheidend dafür sein, wie die Sache weitergeht. Der November 2016 ist in Wien zwar schon als nächster Termin gebucht, aber natürlich ist das Ziel, dann auch schon die Hallenkapazitäten auszuweiten. Platz ist genug da; man wollte das finanzielle Risiko zu Beginn aber nicht strapazieren.

Denn ein Zuschussgeschäft wird es erst einmal werden. Man hofft auf die Etablierung als Zuschauermagnet; dann wird man über Standeinnahmen das Geld einspielen, was durch Besucher allein nicht gedeckt werden kann. Die Eintrittspreise liegen selbst an der Tageskasse bei unter dreißig Euro, und als Vorabbucher ist man noch günstiger dran. Das ergibt selbst sich bei Maximalauslastung von 15.000 Personen keine atemraubende Summe. Mehr Hallen für mehr Aussteller hießen aber auch mehr Platz für Besucher. Und die Option auf einen dritten Con-Tag gibt es in Wien auch noch.

Mehrkosten muss man als Besucher aber einkalkulieren, denn erst einmal werden natürlich Produkte verkauft, und dann ist es nach amerikanischem Vorbild üblich, auch für Autogramme eine Gebühr zu erheben. In Wien wird man aber bei Comiczeichnern Ausnahmen machen, denn das europäische Publikum ist von den Comicsalons gewöhnt, die Signaturen oder Zeichnungen umsonst zu erhalten. Wenn allerdings die Zeichner darauf bestehen, wird auch da kassiert. Für die österreichischen Gäste ist das aber kaum zu befürchten.

Wie sieht es mit der Prominenzkonkurrenz aus? Die Comic Con Germany Stuttgart ist noch lange hin; dennoch sind schon einige Stars benannt (http://www.comiccon.de/), darunter der frühere Kinderhauptdarsteller aus der Fernsehserie „Lassie“, Jon Provost, und zwei Nebendarsteller aus den „Star Trek“- und „X-Men“-Verfilmungen. Gegen Wien wirkt das eher schal, aber es ist ja noch Zeit. Die German Comic Con in Dortmund (http://www.germancomiccon.com/de ) wird im Dezember unter anderen James Marsters aus „Buffy“, Laurie Holden aus „The Walking Dead“, Rory McCann und Nathalie Emmanuel aus „Game of Thrones“ und den Comiczeichner Felix Mertikat („Steam Noir“) präsentieren – das läuft personell derzeit auf ein Unentschieden im Vergleich mit Wien hinaus.

Vom Einzugsbereich kommen sich die drei nicht in die Quere. Wien setzt dezidiert auch auf die Nachbarstaaten – und darüber hinaus, bis hin nach Polen, wo man das große Cosplay-Reservoir zur Reise an die Donau verlocken will. Mag also sein, dass das Trio komplett fortbesteht. Dann sollten sich allerdings individuelle Profile herausbilden, die sich besondere Schwerpunkte im Phantastischen suchen. Jetzt aber setzen alle erstmal aufs bewährte Con-Rezept. Der Vergleich, wer’s unter Gleichen am Besten macht, wird interessant.

02. Nov. 2015
von Andreas Platthaus
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26. Okt. 2015
von Andreas Platthaus
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Wenn’s explizit wird, übernimmt der Kollege

Man kann nicht behaupten, dass sich Ralf König übertriebener Zurückhaltung befleißigte, wenn es um explizite Sexualität geht. Doch seine Comics waren immer geschickt aufgeteilt in Hardcore und Softcore; Letzterer fand sich meist beim großen Rowohlt Verlag, bei dem König schon 1987 seinen kommerziellen Durchbruch mit „Der bewegte Mann“ erlebt hatte, Ersterer kam meist Männerschwarm zugute, Königs ursprünglicher Heimat in der schwulen  Verlagsszene. Das beste Beispiel für diese „Arbeitsteilung“ war der Doppelband „Raumstation Sehnsucht“ und „Barry Hoden“ aus der Serie „Konrad und Paul, dessen erster, eher konventioneller Teil bei Rowohlt erschien, während die Science-Fiction-Parodie „Barry Hoden“ bei Männerschwarm herauskam. Dort konnte es naturgemäß unverbrämter zugehen als im Programm eines Publikumsverlags, wobei man König bescheinigen muss, dass er in den fast dreißig Jahren seit „Der bewegte Mann“ immer drastischer, aber auch immer geschickter bei der Darstellung von Sexszenen geworden ist. Die dramaturgische Einbindung in die Geschichten ist so zwingend, dass man als Leser an der Notwendigkeit ihrer Darstellung nicht zweifelt.

Das unterscheidet Königs Comics von Pornographie, und so ist es auch beim neuesten Band, der sich pikanterweise Pornofilmen widmet. Heterosexuellen Werken allerdings, denn wie es im Comic einmal so schön heißt: „Schwule Pornos sind politisch korrekt“ – keine Erniedrigung eines Geschlechts. Gegen politische Korrektheit zeichnet König an, also konnte ihn das homosexuelle Pornogeschäft als Thema nicht reizen. Und so ist eine Geschichte entstanden, die weitgehend unter Heterosexuellen spielt (eine kurze schule Episode gibt’s dann doch, zum Ende hin). Sie heißt „Porn Story“.

Der Handlungszeitraum deckt das bisherige Leben des in der Provinz lebenden Familienvaters Eberhard ab, von der Kindheit, in der er die versteckten Super-8-Pronofilme seines Vaters entdeckt, über die Zeit als junger Erwachsener, der seinem besten Freund Friedhelm zum Geburtstag die gemeinsame Teilnahme  als Laiendarsteller bei Dreharbeiten für ein Porno-Video schenkt, bis zu dem Tag, als seine Frau Sophia zufällig auf dem Speicher die Porno-DVDs ihres Mannes findet und zunächst ihren elfjährigen Sohn Florian verdächtigt, der aber für solche Dinge längst das Internet nutzt. Die rund dreißig Jahre der – wieder einmal komplett schwarzweiß gehaltenen – Handlung sind also auch eine Mediengeschichte ihres zentralen Vehikels (Leseprobe: http://www.rowohlt.de/download/file2/sixcms_filename/3273382/Koenig_Pornstory.pdf).

Doch das Verhältnis zur Pornographie hat sich nicht wesentlich verändert, und das Verhalten der Männer schon gar nicht. König hat einen sichtbaren Heidenspaß am abermaligen Ausflug in die sexuellen Verdruckst- und Verlogenheiten heterosexueller Paare, denen er sich so gern widmet. Dass seine Frauen dabei entweder nahe an der Hysterie oder als abgeklärte Zynikerinnen auftreten, dürfte sein Publikum gewöhnt sein. Und über die Homophobie der niemals braven Ehemänner, die irgendwann durch die Zuschaltung eines grundvernünftigen schwulen Freundes als grotesk entlarvt wird, hat man auch schon oft gelesen.

Das vermindert aber das Vergnügen bei der Lektüre um keine Nuance, denn König bietet auch einiges Neues. Vor allem wenig expliziten Sex (wir sind bei Rowohlt), vor allem aber gar keinen homosexuellen. Wobei es durchaus explizit zur Sache geht, nämlich in den Filmen. Deren Darstellung aber hat König dem Wiener Kollegen Nicolas Mahler überlassen, der diese Aufgabe mit seinem bekannt abstrakt-karikaturesken Figurenstil brillant löst. Die in der Tat geschmacklosen Filmszenen, die sämtlich nach authentischen Pornovideos entstanden sind, kommen so apathisch daher, dass nichts davon sexuell schockieren, geschweige denn reizen könnte. Dafür amüsieren sie aufs Beste.

Die Porno-Dreharbeiten in Frankfurt (ein Lieblingsort von König in den letzten Jahren; immer wieder verschlägt es Figuren hierhin) zeichnet allerdings Ralf König selbst, allerdings sieht man nie das Resultat. Das ist nur konsequent, denn so ist die Porno-Ästhetik im Buch allein Mahlers Sache. „Das könnte ich mir als angenehme Abwechslung zu Robert Musil vorstellen“, schreibt typisch lakonisch der Wiener Zeichner, der damals gerade die Adaption des „Manns ohne Eigenschaften“ beendet hatte, im vorbereitenden E-Mail-Wechsel an König. Dass dieses die Arbeit am gemeinsamen Band begleitende Korrespondenz im Anhang als „Bonus-Material“ zusammen mit einigen Skizzen abgedruckt ist, darf als letzter Geniestreich dieses Comics gelten. Er ist hochkomisch und hochvirtuos, und er setzt unerwartet nach einem Vierteljahrhundert etwas fort, was König damals mit Walter Moers in dem Piccoloband „Schwulxx-Comix“ schon begonnen hatte (und mit dem Elefant von Otto Waalkes in „Dschinn Dschinn“ immerhin zwischendurch schon einmal zitiert hatte): die Zusammenarbeit mit einem anderen stilistisch unverkennbaren Zeichner. König erweist sich hier einmal mehr als überaus intelligenter Szenarist, der die spezifischen Stärken seiner Kollegen in den eigenen Geschichten perfekt einzusetzen weiß. „Porn Story“ ist ein veritables Meisterwerk. Allerdings wohl nicht so leicht verfilmbar wie „Der bewegte Mann“.

26. Okt. 2015
von Andreas Platthaus
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19. Okt. 2015
von Andreas Platthaus
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Variation auf „Oliver Twist“

In diesem Band gibt es ein Vorwort von Brian Michael Bendis, dem derzeitigen Szenaristen der „Avengers“ und generell einem der bekanntesten Comic-Autoren der Vereinigten Staaten. Darin schreibt Bendis, dass er, als man ihn 2012 um dieses Vorwort bat,  erst einmal an sein Regal gegangen sei, um nachzuprüfen, ob er den Band nicht schon habe. Denn es handelt sich um den Comic eines jener Zeichner, von denen man alles haben sollte: Will Eisner. Bendis aber besaß den Band nicht. Und mir ging es genauso, denn als mich jetzt die deutsche Fassung erreichte, trat auch ich vors Eisner-Regal und stellte fest: Fehlanzeige. Das ist noch blamabler, denn Bendis hat wenigstens nur die amerikanische Erstausgabe von 2003 versäumt, ich dagegen habe auch die Zweitausgabe übersehen, für die er sein Vorwort geschrieben hat.

Um welchen Band geht es? „Fagin the Jew“ aus Eisners späten Jahren (er starb 2005). Oder nun auf Deutsch: „Ich bin Fagin“. Die alles andere als wörtliche Übersetzung führt mitten hinein in das, worum es Eisner ging. Denn sein knapp hundertzwanzigseitiger Comic nahm sich einer literarischen Figur an, die als Inbegriff eines antisemitischen Klischees gilt: dem Bandenchef Fagin aus Charles Dickens 1837/38 in Fortsetzungen erschienenem Roman „Oliver Twist“. Dieser Fagin erscheint darin fast ausschließlich als „Fagin the Jew“ oder auch nur „the jew“, bis Dickens selbst den Roman dreißig Jahre nach der Erstpublikation überarbeitete und das Attribut fast überall strich. Aber da war das Buch längst schon so erfolgreich, dass die Figur Fagin in aller Gedächtnis war.

Sie ist in der Tat unvergesslich, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Ich habe „Oliver Twist“ über eine Kinderschallplatte kennengelernt, die eine radikal gekürzte und natürlich dramatisierte Version der Handlung bot, in der – wenn ich mich recht erinnere – keine Rede mehr davon war, dass es sich bei Fagin um einen Juden handelte. Das wäre bei einer wohl in den frühen siebziger Jahren produzierten deutschen Kinderschallplatte auch seltsam gewesen. Aber dass Fagin ein Erzschurke, der wahrhaft böse Geist dieser Geschichte ist, das wurde auch dem Kind, das noch gar nicht lesen konnte, sehr deutlich. Kaum ein anderer Roman ist derart in Schwarzweiß gezeichnet wie „Oliver Twist“.

Auch heute noch scheut man in Deutschland, wie die Übersetzung von Eisners Buchttitel zeigt, vor der pauschalen Bezeichnung als „der Jude“ zurück. Mit „Ich bin Fagin“ hat der Egmont Verlag eine exzellente Lösung gefunden, denn man muss diesen Titel lesen als eine Absetzung von Dickens: „Ich bin Fagin“, sagt die Hauptfigur aus Eisners Band, der böse Mann aus dem Roman ist es nicht, denn er ist reines Klischee. In einem Nachwort, das vor allem auf die zeitgenössischen Karikaturen in Dickens‘ Epoche und die konkreten Buchillustrationen zu „Oliver Twist“ verweist, erläutert Eisner akribisch, mit was für Vorurteilen im Roman gearbeitet wurde.

Dem setzt er mit seinem Comic eine andere Lesart entgegen. Die ganze Fagin-Geschichte aus „Oliver Twist“ bleibt erhalten, der Protagonist also weiterhin Kopf einer Bande jugendlicher Diebe, die ihm ihre Beute abliefert, damit Fagin sie als Hehler verkauft. Doch das radikal Böse dieser Figur wird von Eisner korrigiert. Bei ihm wird Fagin zum durch eine eigene dunkle Vergangenheit ins Elend Gestürzten, der in der antisemitischen englischen Gesellschaft des frühen neunzehnten Jahrhunderts gar kein anderes Auskommen finden kann als kriminelle Geschäfte. Dabei aber hilft er den Bettlerjungen die für ihn klauen, zum Überleben, und er ist auch nicht der Denunziant und Intrigant wie bei Dickens, sondern jemand, der selbst vor den Verbrechen, die er begünstigt, zurückschreckt – eine janusköpfige Figur.

Damit ist die Eindimensionalität von Fagin gebrochen, und Eisner liefert uns die Zwischentöne zum Dickensschen Schwarzweißbild. Dass der amerikanische Zeichner das seinerseits in seiner fürs Alterswerk typischen lavierten Tuschetechnik tut, ist nur konsequent: Alle Grauschattierungen kommen hier zum Einsatz. Es ist im wörtlichen Sinne eine Graphic Novel, ein gezeichneter Roman, den wir hier geboten bekommen,  und niemand anderer als Eisner hat ja diesen Begriff geprägt, als er 1978 seinen berühmten „Contract With God“ herausbrachte. Damals begann sein autobiographisch begründetes Interesse an jüdischer Geschichte und Kultur publizistische Früchte zu tragen, denn im „Vertrag mit Gott“ schilderte er die Welt der eigenen Kindheit in den zehner und zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in der Bronx, und spätere Bände kamen immer wieder auf die eigenen Erlebnisse als Jude in Amerika zurück, am stärksten 1991 in „To the Eye of the Storm“, in dem er seinen Eintritt in die amerikanische Armee schildert, mit der er Hitler bekämpfen wollte. Als Höhepunkt von Eisners Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus erschien dann kurz vor seinem Tod „The Plot“, sein dokumentarischer Comic über die Fälschung der angeblichen „Protokolle der Weisen von Zion“, in dem er die Publikationsgeschichte dieser berüchtigten Schrift recherchiert hatte,

„Fagin the Jew“ war wenige Jahre zuvor eine Fingerübung dazu, hier ausgelöst durch einen Roman, der keine ähnlich verheerende Wirkung entfaltete wie die „Protokolle“, aber doch das negative Bild von Juden in ganz Europa mitprägte. Wie geschickt Eisner sich die Motive von Dickens zueigen macht, sei nur daran gezeigt, dass ganz zum Schluss herauskommt, dass auf Fagin eine reiche Erbschaft gewartet hat – genau wie auf Oliver Twist. Aber der Jude ist hingerichtet worden, wie es im Roman ja vorgeschrieben ist, wenn auch nicht mehr aus eigener Schuld wie bei Dickens, sondern weil ihm Sikes‘ Mord an Nancy hier zu unrecht in die Schuhe geschoben wurde. Die Moral: Oliver Twist und Moses Fagin sind gleich, aber Letzterer hat als Jude niemals eine Chance. Nur deshalb rutscht er ab in die Unterwelt, und aus ihr gibt es für ihn kein Entkommen.

Graphisch ist Eisner, der schon älter als achtzig war, als er „Fagin the Jew“ schrieb und zeichnete, immer noch auf der Höhe seines Könnens (Leseprobe auf http://www.egmont-graphic-novel.de/graphic-novel/ich-bin-fagin/). Allein das entsetzte Gesicht Fagins, auf das Eisner blendet, als Sikes Nancy erschlägt, ist schon ein Meisterwerk, nicht nur des elliptischen Erzählens in Bildern, sondern auch der Emotionalität. Wie immer arbeitet er auch ohne Panelumrahmungen, wodurch die Bilder in der Seitenarchitektur ineinander fließen und eine immense Dynamik schaffen. Der Kulturhistoriker und Comic-Kenner Jeet Heer erinnert in seinem Nachwort an Eisners Literaturadaptionen „Don Quijote“, „Hamlet“ und „Moy-Dick“, doch gerade im Verglech mit der Letztgenannten erweist sich die Stärke von „Fagin the Jew“: Bei der Übersetzung von Melvilles Walfang-Roman fiel Eisner nichts Originelles ein, bei der Variation auf „Oliver Twist“ dagegen ging er mit Herzblut zur Sache.

Dass er dabei selbst Klischees benutzt, dürfte ihm bewusst gewesen sein. Er war ja auch gebranntes Kind als Täter, denn in seiner Erfolgsserie „The Sprit“, die 1941 begonnen hatte, war das Zerrbild des schwarzen Jungen Ebony White harsch kritisiert worden – so heftig, dass Eisner (wie Dickens im falle Fagins) später einen Rückzieher machte, nur entfernte er dann Ebony White ganz aus der Serie. Dass Fagin bei ihm nun als Gaunerchef wie ein weißbärtiger Großvater gezeichnet wird, ist ebenso Absicht wie die gnadenlose Darstellung der staatlichen Autorität. Fagin indes als deutschstämmig zu bezeichnen, ist angesichts des alles andere als typischen Namens schon wieder fahrlässig, auch wenn verständlich ist, dass Eisner ihn der aschkenasischen Gruppe englischer Juden zuschlägt und nicht mehr, wie es die Illustrationen zu Dickens taten, den Sepharden. Denn die waren meist wohlhabend, hätten also gar keinen Grund zur Kriminalität gehabt, während die später ins Land gekommenen mitteleuropäischen Juden lange Zeit dem Bodensatz der Gesellschaft angehörten. Doch da merkt man wiederum, dass Eisner zwar viel Sekundärliteraturstudium betrieben hat und trotzdem sein amerikanisches Verständnis von Emigration und Integration dem europäischen einer anderen Epoche überstülpte.

Dem literaturgeschichtlichen Vergnügen bei der Lektüre dieses Komplementärromans zu „Oliver Twist“ tut das indes keinerlei Abbruch. Es macht nur noch neugieriger auf all das, was wir bis heute mit dem Bild „des Juden“ verbinden. Will Eisners Buch ist ein Antidot zur vergiftenden Macht des Zerrbildes.

19. Okt. 2015
von Andreas Platthaus
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12. Okt. 2015
von Andreas Platthaus
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Malaysia bitte für die ganze Welt!

Vor ein paar Wochen habe ich an dieser Stelle Sean Chuangs autobiographischen Comic über seine  Jugend in den achtziger Jahren in Taiwan vorgestellt. Dann fuhr ich in Urlaub nach Frankreich und fand dort in einem Comicladen in Dijon einen Band, der bereits vor neun Jahren erschienen ist und ein verwandtes Thema hat: wieder eine asiatische Jugend in schwarzweißen Zeichnungen, allerdings diesmal in Malaysia und in den sechziger Jahren – und vor allem noch besser. Es ist mir unbegreiflich, wie ich dieses Buch neun Jahre lang habe übersehen können.

Denn erst einmal ist es groß: ein prachtvolles broschiertes Querformat, das aus den meisten Bücherreihen herausragt. Es erinnert mich an Cartoonbände von Sempé, und das ist kein Zufall, denn der Autor dieser Jugendreminiszenz namens „Town Boy“ – der 1951 geborene Mohammad Nor Khalid, der sich als Künstler Lat nennt – ist auch viel eher Cartoonist als Comiczeichner. Er nutzt das ungewöhnliche Format seines im malayischen Original 1981 erschienenen Buches für überwiegend ganz-, manchmal gar doppelseitige Einzelbilder, die aber trotzdem erst in ihrer Gesamtheit als Geschichte den ganzen Reiz entfalten. Und diese Bilder sind graphisch mindestens so eigenständig wie die von Sempé.

Obwohl man sich manchmal auch an den berühmten „Mad“-Zeichner Don Martin erinnert fühlt, wenn die Figuren mit verdrehten Beinen einherstolzieren. Kein Wunder, dass umgekehrt wieder der „Mad“-Veteran Sergio Aragones zu seinen größten Bewunderern gehört. Lat hat das Groteske zu seiner Domäne erhoben, aber die Figuren sind dabei immer noch sehr liebevoll porträtiert. Über allem liegt die Bezauberung eines Heranwachsenden für die neue Welt in der malaysischen Großstadt Ipoh, wohin er als Zwölfjähriger mit seiner Familie umgezogen ist. Zuvor lebte man in einem kleinen Dorf.

Auch über diese ländliche Kindheit hat Lat eine Geschichte gezeichnet, die in Frankreich 2003 als „Kampung Boy“ erschienen ist, aber den Band habe ich in Frankreich nicht erwerben können. Ich könnte ihn aber auch in fünfzehn anderen Sprachen suchen – auch auf Deutsch, denn dort ist Lats erster Comic 2008 beim Horlemann-Verlag erschienen und weitgehend unbeachtet untergegangen. „Kampung Boy“ war jedoch der Grundstein für Lats Erfolg in seiner Heimat, wo diese Kindheitserinnerung viele hunderttausend Mal verkauft und 1997 sogar zu einer Trickfilmfernsehserie wurde. Das hat ihm im Westen aber nur bedingt geholfen. Vom französischen Verlag Thé-Troc, der 2006 „Town Boy“ und zuvor auch schon „Kampung Boy“ herausgebracht hat, hört man auch nicht mehr viel Aktuelles. Ein großer Erfolg scheinen die französischen Übersetzungen von Lats Büchern somit ebenso wenig gewesen zu sein (deshalb gibt es auch keine offizielle Leseprobe im Netz, übrigens auch nicht von der englischsprachigen Ausgabe von „Town Boy“, die 2008 erschienen ist, aber unter http://www.fanboy.com/2008/05/town-boy-malaysian-manga.html kann man ein paar Bilder finden). Mein Band lag ja offenbar auch jahrelang im Laden herum.

Was darin erzählt wird ist nicht immens witzig, sondern auch interessant. Denn Hand aufs Herz: Was wissen die meisten Europäer von Malaysia? Ich jedenfalls wusste so gut wie nichts, wie ich dann gemerkt habe, denn dem Comic ist ein instruktives Vorwort zur malaysischen Nachkriegsgeschichte aus der Feder der Übersetzerin des Buchs, Christiane Kaddour, beigegeben, du n vor allem Lats Schelmengeschichten, die dann folgen, lassen das Bild einer Gesellschaft in einer jungen Nation (Unabhängigkeit erst 1957) entstehen, die sich in allem erst noch finden muss. Ganz wie der Protagonist Lat selbst also, und durch diese Parallele der Kindheit von Hauptfigur und Land wird subkutan sehr viel klar, was damals in dem südostasiatischen Staat geschehen ist.

Doch ungeachtet allen zeitgeschichtlichen und politischen Interesses an der Herausbildung einer Nation, die heute zu den sehr dynamischen in dieser Region gehört, herrscht die größte Freude über den unglaublich lebendigen Zeichenstil von Lat. Und über den Abwechslungsreichtum seiner Seitenarrangements, den  Rhythmuswechsel der Bilder, das untrügliche Gespür für Bilddramaturgie durch Heran- oder auch Wegzoomen. „Town Boy“ ist geradezu ein Kompendium des Zeichnens und hat gleichzeitig durch seine Lockerheit des Strichs eine ästhetische Unschuld, die einem das Gefühl vermittelt, da sei jemand ganz aus dem Augenblick heraus, im Zuge der eigenen Begeisterung fürs Thema, ans Zeichenbrett gegangen. Es gibt selten solche Erlebnisse beim Comiclesen. Ich bin hin und weg.

 

12. Okt. 2015
von Andreas Platthaus
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