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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

24. Aug. 2015
von Andreas Platthaus
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Knackig, diese alten Knacker

Nun aber mal ein Kontrast zu den vielen Frauencomics der letzten Wochen an dieser Stelle, und wenn’s jetzt mal wieder auf Männerdomänen geht, dann auch gleich richtig heftig. Vorhang auf für „Die alten Knacker“!

Diesen Band habe ich zuerst auf dem Comicfestival von Angoulême gesehen, wo „Les vieux fourneaux“ (so der Orginaltitel) in diesem Jahr unter den nominierten Alben war, aber als ich ihn aufschlug, kam mir die Geschichte vor wie eine Mischung aus Gibrat und Boucq, sprich elegische Bilder plus hässliche Figuren, und ich habe ihn wieder zugeklappt. Als er dann den Publikumspreis des Festivals gewann, sah ich mich eher noch bestätigt: Massengeschmack eben. Wie gut, dass der Splitter-Verlag ihn übersetzen ließ. Sonst hätte ich ihn wohl nie gelesen.

Und dann wäre mir eine sehr lustige Lektüre entgangen. Denn Wilfried Lupano (der schon mit einigen Bänden bei Splitter vertreten ist) und sein Zeichner Paul Cauuet machen aus der Geschichte um drei Kindheitsfreunde, die sich bis zum Ruhestand nie mehr aus den Augen verloren haben, ein echtes Spektakel an Situationskomik und Wortwitz. Meine Lieblingsszene: Antoine, einer der drei, will über eine hohe Mauer klettern und wirft schon mal sein Gewehr hinüber. Auf dem nächsten Bild hört man ein „Platsch“ – oder genauer: ein „Bloof“, denn die Lautmalereien zu übersetzen, wie es sich eigentlich gehörte, das scheut man bei Splitter, weil sie dann aufwendig neu gezeichnet werden müssten –, und noch ein Bild später sehen wir die Flinte in einem Tümpel versinken. Was daran so komisch ist? Die wunderbare Belanglosigkeit für die Handlung, ergänzt um die Überraschung, die sich in Antoines Gesicht spiegelt. Eine filmische Szene wie aus einer guten alten Kinoklamotte. Und genau darin hat der Comic auch seine Vorbilder.

Er spielt allerdings heute und größtenteils im südfranzösischen Département Tarn-et-Garonne, recht weit weg von Paris, wo immerhin zwei der drei Protagonisten leben, Pierre und Émile. Der Erstere noch in der eigenen, mit Andenken an die anarchistische Vergangenheit vollgerumpelten Wohnung, der andere im Altersheim. Gemeinsam brechen sie auf zum Begräbnis der Frau von Antoine, der aus der alten Heimat nie weggezogen ist, wo er als Arbeiter in einem Pharmaunternehmen tätig war – und als Unruhestifter unter der Belegschaft, denn Antoine war überzeugter Gewerkschaftler. Umso schlimmer trifft es ihn, als er einen Brief seiner verstorbenen Frau öffnet, in dem sie ihm gesteht, früher ein Verhältnis mit dem Chef des Pharmaunternehmens gehabt zu haben. Antoine geht auf einsamen Rachefeldzug aus, obwohl der Fabrikant auch schon ein Greis, zudem mit Ruhesitz in Italien ist. Pierre und Émile wiederum wollen ihn vor Dummheiten bewahren und begeben sich in Begleitung von Antoines hochschwangerer Enkelin Sophie auf die Verfolgung.

In der Präzision der Milieuschilderung und der Freuden am leicht karikierenden Realismus der Zeichnungen Cauuets (die ersten dreizehn Seiten kann man unter http://www.splitter-verlag.eu/die-alten-knacker-bd-1-die-uebrig-bleiben.html ansehen)sind denn, wie ich feststellen musste, doch nicht der zuckersüße Historiendramatiker Gibrat oder der bitterböse  Genredrastiker Boucq die richtigen Parallelen, sondern es ist vielmehr der erstaunliche Erzählzyklus „Das Nest“ (im Original „Le magazin“) der beiden Altmeister Régis Loisel und Jean-Marie Tripp, der gerade mit Band 9 (erschienen auf Deutsch bei Carlsen) seinen Abschluss gefunden hat. Gut, „Das Nest“ spielt in der kanadischen Provinz Québec und im frühen zwanzigsten Jahrhundert, aber die Konstellation aus Sonderlingen, die das Herz auf dem rechten Fleck tragen, und madonnengleichen Frauen prägt auch „Die alten Knacker“. Nur dass hier bitterer erzählt wird, weil die politische Komponente eine unterschwellige, aber wichtige Rolle spielt. Aber der nostalgische Zauber findet sich eben auch, nicht durch die aktuelle Handlungszeit, sondern durchs Alter der Hauptfiguren, die bisweilen auf ihr Leben zurückblicken, und diese Reminiszenzen an die „doux France“ der Nachkriegszeit schafft ein ähnlich wohliges Gefühl wie bei der Lektüre von „Das Nest“, obwohl es hier deutlich kontroverser zur Sache geht.

Es gibt hinreißende Auftritte in „Die alten Knacker“, etwa die Philippika, die Sophie einer Gruppe Rentnerinnen auf einer Autobahnraststätte entgegenschleudert, oder Pierres Autofahrerkünste. Auch die Idee, den körperlich angeschlagenen Émile am Beginn einer Seite aus einem Kleinwagen aussteigen zu lassen, was er erst zum Ende der Seite geschafft hat, wenn es aber mit diesem Fahrzeug schon wieder weitergeht, beweist hervorragendes Gespür der beiden Autoren für Timing. Das Bonusmaterial des Bandes besteht aus ein paar Skizzen und Vorzeichnungen für einzelne Sequenzen, und man kann hier sehr schön sehen, wie sich Cauuet Stück für Stück auf dem Weg zur fertigen Seite verbessert. Hier wird wirklich während der Umsetzung der Bilder noch massiv etwas verändert, während die Texte bleiben.

Doch das Schönste an diesem Comic ist die Genauigkeit seiner Dekors, nicht im Sinne von Fotorealismus, sondern im Sinne einer Präzision, wie sie André Franquin für „Spirou“ geschaffen hat: Zeitkolorit gepaart mit reichhaltigen Details. Dieser Band ist selbst für französische Verhältnisse eine große Überraschung, und umso erfreulicher ist es, dass er einen deutschen Verlag gefunden hat. Mag sein, dass da die Treue Splitters zu Lupano die Hauptrolle spielte, aber mit „Die alten Knacker“ hat der Verlag jetzt einen frischen Schlager im Programm. Die Vorfreude auf Band 2, der dem Titel nach Pierre in den Mittelpunkt stellen wird, ist groß.

 

24. Aug. 2015
von Andreas Platthaus
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17. Aug. 2015
von Andreas Platthaus
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Smells like teen spirit, aber mit Veilchenduft

Machen wir doch einfach so weiter, es hat ja Charme, und genug Auswahl ist auch da. Also hier die Fortsetzung meiner kleinen Folge von Einträgen zu Comics, die sich den Werken von Autorinnen widmen. Diesmal aber geht es wieder weg aus Deutschland, über den Atlantik in die Vereinigten Staaten, w zwei kanadische Cousinen ein wahrhaft dickes Ding zustande gebracht haben: „This One Summer“, gerade auf Deutsch als „Ein Sommer am See“ erschienen bei Reprodukt, 320 Seiten stark (wobei der Band noch dicker wirkt, aber das liegt am verwendeten Papier, auf dem die monochrome blaugraue Zusatzfarbe besonders gut zur Geltung kommt).

Jillian und Mariko Tamaki sind japanischer Abstammung, aber beide in Kanada geboren, und das die Kombination von fernöstlichem Kunstverständnis und neuweltlicher Prägung eine erfolgversprechende Kombination für Comic-Künstler ist, wissen wir seit Adrian Tomine. Ds erste Werk, das Mariko Tamaki für ihre Cousine schrieb, war das autobiographisch geprägte „Skim“, in dem die Jugend einer jungen Kanadierin japanischer Herkunft in den frühen neunziger Jahren erzählt wird. In „Ein Sommer am See“ ist die Protagonistin, Rose Abigail Wallace, nicht nur etwas jünger als Skim, sondern sie ist auch die Tochter eines kaukasischen kanadischen Paars. Die Tamakis entfernen sich also von ihrem eigenen biographischen Hintergrund, und da die Handlung in der Gegenwart angesiedelt ist, auch von ihrer eigenen Generation.

Sommer für Sommer fahren die Wallaces in ein Ferienhaus an einem der großen kanadischen Seen, die Strände wie am Meer bieten. Dort hat Rose als Kind die anderthalb Jahre jüngere Wendy kennengelernt, und die gemeinsamen Wochen im Sommer sind ein festes Freundschaftsritual, ehe man sich dann wieder für fast ein Jahr trennt. Nun sind beide in oder am Rande der Pubertät, und die Gesprächsthemen wechseln. Die jüngere Wendy ist viel neugieriger auf Jungs als Rose, auch viel extrovertierte, aber Rose wiederum verliebt sich in einen lokalen Kioskverkäufer, der aber schon eine feste Freundin hat.

Eine Teenagergeschichte also, und ich mache keinen Hehl daraus, dass ich wenig Lust hatte, sie zu lesen. Wieder mal eine Graphik, die alles von Craig Thompson übernommen hat, wieder mal ein Coming-of-Age-Thema, wieder mal eine Ferienerzählung – Klischee hoch drei, dachte ich. Falsch gedacht. Die Tamakis erzählen wunderbar leicht, es gibt keine falschen Dramen (aber einige echte, die sich jedoch unterschwellig abspielen), und vor allem haben sie ein traumwandlerisches Gespür für die Psychologie ihrer Figuren – sowohl erzählerisch als auch graphisch. Selten habe ich etwas Glaubwürdigeres gelesen. Teenagerfreundschaft und Teenagerliebe aus Mädchensicht, nie aggressiv, stets genau beobachtet, nie langweilig. Nicht „Tschick“, nicht Nirvana „Smells Like Teen Spirit“, aber genauso brillant.

Zugleich sind Ort und Zeit auf eigentümliche Weise der Realität entrückt. Ich kenne die kanadischen Seen, doch eine Atmosphäre wie in „Ein Sommer am See“ habe ich dort noch nicht erlebt, wobei das gar nicht stört, sondern nur noch mehr Faszination schafft. Und die Geschichte würde auch in den fünfziger Jahren funktionieren, doch die Dekors und Details sind ganz gegenwärtig – es ist die Stimmung, die diesen Comic im besten Sinne zeitlos erschienen lässt. Und das wiederum passt zur kindlichen Wahrnehmung der Sommerferien als endloses Abenteuer, wie sie zuletzt im Bilderbuch „Die Regeln des Sommers“ von Shaun Tan (asiatischer Abstammung, in Australien aufgewachsen) so meisterhaft eingefangen worden ist.

Schon der Beginn ist unkonventionell: Geräusche ohne Bilder dazu, dann zwei Panels im linken oberen Viertel einer Seite, ein Dialog außerhalb von Sprechblasen, also quasi aus dem Off, und dann ein bis an die Ränder reichendes ganzseitiges Bild ohne Worte – wieder reines Stimmungsphänomen, eine verwunschene Szene familiärer Zuneigung und zugleich typische Ferienkonstellation, ehe diese Ruhe aufgebrochen wird durch ein sich über die obere Hälfte einer Doppelseite ersteckendes  Panel mit dichtem Autoverkehr, so dass die pastorale Szene des Anfangs sich als Rückblick erweist, als ein Idealbild von Urlaub, der diesmal anders, hektischer ablaufen wird. So subtil erzählt Mariko Tamaki, und so konsequent setzt Jillian Tamaki das in Bilder um. Wer sehen will, wie das geht, der sehe sich die Leseprobe an, die allerdings eine etwas spätere Sequenz bietet: http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/ein-sommer-am-see/.

Die große Meisterschaft des Bandes liegt in der Ausnutzung der Seitenarchitektur. Wo Leerflächen gelassen werden, das ist mindestens so wichtig wie die doppelseitigen stummen Bilder, die als Ruhepole und zugleich Spannungshöhepunkte der Handlung fungieren. Zugleich setzt sich aus den Dialogen und Aktionen der Figuren Stück für Stück das Familienleben der Wallaces zusammen, in dem es eine Belastung gibt, die auf sehr kluge Weise eine Spiegelung im Konflikt findet, den Rose mit dem von ihr bewunderten Jungen austragen muss. Und das Finale der Geschichte, in dem die Bilder wieder zu Geräuschen werden, ist eine perfekte Abrundung des Geschehens.

Schließlich ein Wort zur Übersetzung durch Tina Hohl. Sie ist schlüssig. Ich habe keinen Vergleich mit dem Original angestellt, aber die Sätze und Sprachtönungen passen zu den Bildern. Man spürt bei Comics, ob die Sprache stimmt. Und hier stimmt sie. Genau wie das Lettering von Michael Hau. Ein Genuss. Der richtige Comic für den Sommer.

17. Aug. 2015
von Andreas Platthaus
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10. Aug. 2015
von Andreas Platthaus
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Jedem Tierchen sein Massakrierchen

Vor bald zwei Jahren druckte die in Hildesheim erscheinende Literaturzeitschrift „Bella triste“ einen Comic ab. Wobei es nur ein Auszug war, ein Kapitel aus einem schwarzweißen Großprojekt namens „Adamstown“. Die Autorin, mir damals noch völlig unbekannt, hieß Verena Braun. Was sie da auf gerade einmal acht Seiten zeigt, hätte aber im besten Sinne auch von einer Veteranin des deutschen Comics stammen können.

Wobei Verena Braun nach eigenen Angaben auch satte sieben Jahre daran gezeichnet hat, und wenn man sich die Detailfülle der 130 Seiten des nun erschienenen vollständigen Albums anschaut, ist man geneigt, es zu glauben. Zumal das in eine Zeit zurückführen würde, als Lewis Trondheims und Joann Sfars französischen Comicreihe „Donjon“ auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes stand und Christophe Blain „Isaak der Pirat“ veröffentlichte, und von beiden Serie ist „Adamstown“ deutlich geprägt (http://www.verenabraun.de/?cat=1). Ästhetisch, denn Verena Braun mischt realistische mit phantastischen Figuren, in ihrem Fall Menschen und sprechende Tiere, und erzählerisch, denn es ist schon eine ziemlich ausgeflippte Gemeinschaft, die da im Wilden Westen  zusammenfindet.

Adamstown war die gemeinsame Gründung eines Menschen, Adam Sanders, und eines Fischs, namens Steve Johnson (zumindest sehen Steve und seine Nachfahren sehr nach Fischen aus). Durch einen alten Indianerfluch war es Menschen unmöglich, an diesem Ort zu bauen, aber an siedelnde Tiere hatten die Rothäute wohl nicht gedacht. Also taten sich Sanders und Johnson zusammen, wobei die Benennung der neuen Stadt nach Ersterem schon zeigt, wer da wen später übers Ohr haute. Die Johnsons versuchen, sich ihren Teil an Adamstown zurückzuholen. Hier setzt die Geschichte ein.

Es gibt sprechende Pferde, Katzen, Hunde, Vögel – alles, wie man es aus Disney-Comics gewöhnt ist und seit Art Spiegelman auch im sehr anspruchsvollen Segment  verwendet sieht. Verena Braun spielt mit unseren Sehgewohnheiten und nimmt zugleich die Tiere als das, was sie sind: Vertreter des harten Naturgesetzes. Sie kennen keine Gnade. Die Menschen allerdings auch nicht, und so steht man doch eher auf der Seite der buchstäblichen Underdogs. Alle Tiere wollen übrigens endlich eine Bank in Adamstown bauen, und am Schluss sind nach unzähligen Wirren, Intrigen und auch mancher Schießereil gleich vier solcher Institutionen fertig. Erstaunlicherweise blüht Adamstown dadurch gehörig auf – in unseren Krisen-Zeiten hätte man wohl eher mit dem Untergang gerechnet.

Aber Verena Braun bringt die Sache zu einem wirklich guten Ende. Man merkt ihr den Spaß an der Sache an – sonst hätte sie wohl auch nicht sieben Jahre lang daran gearbeitet. Im Netz kann man einen eigens produzierten Soundtrack zum Comic herunterladen (https://verenabraun.bandcamp.com/releases), und es gab auch schon eine szenische Lesung, in der die Zeichnerin in Cowboykluft das Abenteuer vorgestellt hat.

ZU diesem Engagement passt, dass Verena Braun sich von der Absage durch einige Comicverlage nicht entmutigen ließ und ihren Band per Crowdfunding nun im Selbstverlag herausgebracht hat. Wer ein sehr ungewöhnliches deutsches Comicalbum lesen will, der ist hier gut bedient. Man muss die Publikation des Verlags Loup Blanc Productions nur noch finden.

10. Aug. 2015
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03. Aug. 2015
von Andreas Platthaus
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Ihr ist so melancholisch wohl

Letzte Woche kamen an dieser Stelle deutsche Comiczeichnerinnen gleich dutzendweise vor. Das lag einerseits daran, dass die damals gewürdigte Anthologie „Spring“ nur von Frauen bestritten wird, aber andererseits auch daran, dass die Zeichnerinnen immer prägender in der deutschen Comicszene werden. Um eine Künstlerin (oder besser Erzählerin), die im klassischen Sinne nicht dazu gehört, weil sie bislang keine Comics gezeichnet hat, soll es heute gehen. Alexandra Klobouk jedoch hat das Zeug zur großen Comiczeichnerin, wie man ihren Buchillustrationen ansehen kann.

Die stellen nämlich mehr als genug Material für Bildergeschichten dar, zumal die 1983 in Regensburg geborene, heute in Berlin lebende Klobouk ihre Bücher meist selbst schreibt und dementsprechend auf einen subtilen Gleichklang von Text und Illustrationen achtet. Das war schon so bei ihrem Erstling, dem wunderbaren Stadtporträt „Istanbul, mit scharfer Sauce“, erschienen 2010 beim Verlag Onkel & Onkel, wo nur ein Jahr später auch das Bilderbuch „Polymeer“ herauskam. Als ich Alexandra Klobouk damals fragte, was sie sich als nächstes vornehmen würde, sagte sie: ein Buch über Lissabon. Als dann 2013 beim Kunstmann-Verlag „Die portugiesische Küche“ erschien, ein reich illustriertes, aber auch mit ganzseitigen Fotos durchsetztes Kochbuch, dachte ich, dass das wohl die Umsetzung der Ankündigung sein sollte und war enttäuscht. Denn auch wenn das Kulinarische schon im Istanbul-Buch eine wichtige Rolle gespielt hatte (was man ja bereits dessen Titel abliest), standen darin doch die Stadt selbst und ihre Bewohner im Mittelpunkt, im Kochbuch aber naturgemäß Rezepte. Was ich jedoch nicht wusste, war, dass das eigentliche Lissabon-Porträt noch ausstand.

Jetzt ist es erschienen: „Lissabon im Land am Rand“, wie auch schon das Istanbul-Buch zweisprachig, im handlichen Kleinformat (sozusagen reiseführertauglich) und mit einer plakativ-attraktiven Zusatzfarbe, diesmal einem hellen Blau. Kurz: Alles ist wieder so wie bei „Istanbul, mit scharfer Sauce“, nur dass Alexandra Klobouk abermals den Verlag gewechselt hat – jetzt ist es Viel & Mehr in Berlin, auf dessen Website es auch einen Einblick ins Buch gibt (http://www.vielundmehr.de), und weiteres ist bei der Zeichnerin selbst zu finden (http://www.alexandraklobouk.com/Lissabon-im-Land-am-Rand). Und was sich noch geändert hat: Die Liebe der Autorin zur portugiesischen Hauptstadt übersteigt sogar noch ihre Begeisterung für die türkische Metropole. „Die Magie von Lissabon“ ist eine Formulierung, die einige Male vorkommt, und man sieht Alexandra Klobouks Bildern an, wie bezaubert sie von der Stadt gewesen ist.

Ein Jahr war sie da, mitten in der größten Wirtschaftskrise Portugals, und die hat Spuren im Buch hinterlassen. Der Faszination der jungen Deutschen für ihre Heimatstadt auf Zeit steht das Bestreben der Lissaboner Jugend entgegen, sich ins Ausland abzusetzen, um ein Auskommen zu finden – gerade auch gern nach Berlin. Mittels kleiner Beobachtungen und aufgeschnappter Gesprächsfetzen zeichnet Alexandra Klobouk das Bild einer Stadt, die immer schon Ein- wie Ausfallstor für Europa war und deshalb stets im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, auch wenn Lissabon ganz am äußersten Rand von Europa liegt. Die portugiesische Seehandelsgeschichte ist deshalb als Thema im Buch genauso wichtig wie das große Erdbeben von 1756.

Es gibt ein weiteres gezeichnetes Lissabon-Porträt, die „Lisbonne Carnets“ des legendären französischen Comiczeichnerduos Dupuy & Berberian, das mittlerweile getrennte Wege geht. Dieser querformatige textlose Band erschien 2001, folgte auf ähnliche Bücher über New York und Barcelona und nahm zwei weitere Bände über Tanger und – jawohl – Istanbul vorweg. Und da man nun gleich zwei Städteporträts als direkten Vergleich hat, kann man sagen, dass die deutsche Zeichnerin zwar ganz anders arbeitet als ihre französischen Kollegen, nämlich gleichberechtigt mit Bild und Text, aber doch genau die gleichen Stimmungen einfängt, und das in Bildern, die denen von Dupuy & Berberian nicht unähnlich sind in der spontanen Anmutung, die Skizzen suggeriert, aber natürlich genau kalkuliert ist. Wer solch einen ästhetischen Vergleich aushält, ist jedenfalls selbst eine Große.

Und wenn Alexandra Klobouk auf Doppelseiten eine Straßenbahn die Hänge Lissabons herabfahren lässt oder einen köstlichen Vergleich von Zufallsbegegnungen in der portugiesischen Stadt und in Berlin durchführt, zeichnet sie jeweils Bildsequenzen, die ein phantastisches Gespür für Comics verraten. Nur, dass Klobouk eben noch nie einen Comic gezeichnet hat. Hoffentlich ändert sich das bald. Bis dahin aber kann man sich mit „Lissabon im Land am Rand“ wunderbar trösten. Und da selbstverständlich der Fado darin eine zentrale Rolle spielt, passt Melancholie beim Lesen perfekt.

 

03. Aug. 2015
von Andreas Platthaus
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27. Jul. 2015
von Andreas Platthaus
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Frauenfrühling im Hochsommer

Wie ich mir eingestehen muss, hatte ich noch nie zuvor darüber nachgedacht, was der Titel der Anthologie „Spring“ besagt. Man ist ja doch germanophon, also las ich das Wort als Befehlsform zu „springen“. Das hätte ja auch etwas, denn im Sinne von – man ist ja latinophon – „Hic Rhodos hic salta“ könnte es als Aufforderung an die Beteiligten gemeint sein, hier nun endlich ihre Chance zu nutzen. Denn als „Spring“ 2004 ihr Debüt erlebte, bot sie das erste Forum in Deutschland, das nur für Comiczeichnerinnen gedacht war.

Das war damals überfällig, aber heute kann man fast darüber lächeln, denn Frauen sind zu einem derart wichtigen Bestandteil der deutschen Comiczeichnerszene geworden, dass man bisweilen den Eindruck hat, sie stellten bereits die Mehrheit. Das ist natürlich noch nicht so, doch wenn man an Anke Feuchtenberger, Ulli Lust, Isabel Kreitz, Barbara Yelin, Line Hoven, Birgit Weyhe, Elke Steiner, Olivia Vieweg, Moki, Katharina Greve, claire Lenkova oder Marijpol denkt (und da fehlen zweifellos noch einige), dann sind Comiczeichnerinnen ganz gewiss nicht das schwache Geschlecht in ihrer Erzählform. Wir erleben einen Frauenfrühling im deutschen Comic, und der darauf folgende Sommer verspricht sehr groß zu werden.

Warum also nicht „Spring“ anglophon lesen, als Frühling? Das wäre ein Anspruch gewesen, der 2004 tatsächlich noch programmatisch verstanden werden konnte. Heute hätte „Spring“ ihn also erreicht – einige der eben genannten Zeichnerinnen gehörten zu den regelmäßigen Mitarbeiterinnen der Anthologie. Und in der gerade erschienenen zwölften Ausgabe (jedes Jahr ist bislang eine publiziert worden) sind Hoven, Lust und Moki vertreten. Ganz neu auch: „Spring“ erschient erstmals bei Mairisch, einem noch recht jungen Hamburger Verlag, der jüngst gleich mehrere Preise für seinen Wagemut und die schöne Gestaltung seiner Bücher gewonnen hat.

Wobei die Gestaltung von „Spring“ ganz in der Hand der Zeichnerinnen liegt. Das Thema der neuen Ausgabe lautet „Privée“, und schon das von Line Hoven gekratzte Cover – die Künstlerin arbeitet mit Schabkarton – zeigt eine recht intime Szene: junge nackte Frau mit Katzenmaske und lebender Katze (zu sehen auf der Website des Magazins http://www.springmagazin.de/). Rücksichten auf sensiblen Feminismus nehmen die beteiligten Zeichnerinnen erkennbar nicht. Hovens Beitrag im Buch nimmt das Prinzip ihres Titelbildes auf und kombiniert weiterhin laszive Damen mit Katzen zu Texten, die im Stil von Charakterstudien die jeweiligen Tiere beschreiben. Woher Line Hoven diese kurzen Texte hat – man möchte ein Forum für Haustiervermittlung vermuten –, bliebt offen, aber die Zusammenstellung mit den unbekleideten Frauen gibt ihnen einen ironischen Beigeschmack, der noch viel weniger festzulegen ist.

Diese Ambivalenz gilt für mehrere Beiträge, so etwa auch die von Katrin Stangl, Stephanie Wunderlich und Carolin Löbbert, die sämtlich sexuell uneindeutig aufgeladen sind. Dagegen teilt Ulli Lust mit, woher sie die Bildanregungen zu ihren drastischen Darstellungen von Paaren in eindeutig zweideutigen Stellungen hat: von einem Online-Dating-Portal für Swinger. Die Übersetzung dieser Fotos in den typischen Brut-Stil von Ulli Lust, noch dazu gedruckt auf grellgelbem Papier, ist die Comic-Entsprechung zu den Filmen von Ulrich Seidl.

Die Wahl individueller farbiger Papiere ist eines der verbindenden Merkmale dieser „Spring“-Ausgabe. Wobei auf Rottöne komplett verzichtet wurde, was den Buchschnitt als  fahlen Regenbogen erscheinen lässt, der perfekt zur gleichsam gedämpften Stimmung dieses Einblicks in Private passt. Nur selten bricht eine Episode aus der selbstgewählten Isolation aus: Sophia Martineck etwa erzählt die Geschichte der Heidelberger Prinzhorn-Sammlung, also jener berühmten Kollektion, die auf Anregung eines Arztes Kunstwerke zusammenführte, die von Insassen einer Nervenheilanstalt stammten. Allerdings ist diese Geschichte zu bekannt, als dass sie in „Spring“ noch überraschen könnte. Da ist Mokis eigentümlicher Kinderblick auf Berlin-Kreuzberger Straßenszenen weitaus eindrucksvoller, weil hier über einen Zeitraum von vier Jahren markante Ereignisse wie zum Beispiel das Flüchtlingslager auf dem Oranienplatz gezeichnet werden – und ganz nebenbei wächst auch noch das kleine Mädchen heran, das mit seinen lapidaren Verständnisfragen erst einen Fokus auf die detailreichen Szenerien ermöglicht.

Längst kann man „Spring“ nicht mehr als reines Comicmagazin bezeichnen; die Grenze zur Kunst ist fließend, allemal in Beiträgen wie denen von marialuisa oder Almuth Ertl. Und mit Larissa Bertonascos Bildern zu einem Text der Ägypterin Shorouk El Hariry, der sich mit der Unterdrückung von Frauen durch die Bekleidungsvorschriften des Islam beschäftigt, gibt es diesmal sogar einen dezidiert politischen Beitrag. Aber das Private ist laut einem alten Ondit ja eh politisch, also muss man sich darüber nicht wundern.

PS: Unbedingt beachten sollte man die Werbeanzeigen am Schluss des Heftes. Nach dem Vorbild des Comicmagazins „Strapazin“ werden sie von den Zeichnerinnen selbst gestaltet, und dadurch bekommt man noch einen graphischen Bonus.

27. Jul. 2015
von Andreas Platthaus
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20. Jul. 2015
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Wirkung von Waschbrettbäuchen

Vergessen Sie mal für ein paar Minuten die Kennzeichnung dieses Blogs als dem Comic gewidmete Reihe. Heute soll es hier um Cartoons gehen. Deren einziger Unterschied zum Comic besteht ja eh darin, dass sie aus nur einem Bild bestehen. Doch das ist – zumindest wenn man dem einflussreichsten Comictheoretiker der letzten Jahre, dem Amerikaner Scott McCloud, glaubt , eben ein Unterschied ums Ganze: Er definiert Comics als „sequential art“, und für Sequenzielle braucht es zumindest mal zwei Bilder. Wobei McCloud sich um die Frage herumgemogelt hat, wie es denn zum Beispiel um Bestandteile einer Comic-Strip-Serie steht, die nur ein Bild benutzen, zum Beispiel in späten „Peanuts“-Folgen von Charles Schulz. Natürlich würde McCloud sie als Comics anerkennen und die Sequentialität eben aus der Einordnung in ein täglich fortgesetztes Kontinuum folgern, aber was macht ein Leser, der zwar McClouds „Understanding Comics“ kennt, aber keine andere „Peanuts“-Folge? Oder wie verhält es sich mit konsequent fortgesetzten Cartoon-Serie wie früher Gary Larsons „Far Side“ oder Joscha Sauers „Nicht lustig“? Sind das Comics?

Nein, ist es natürlich nicht, weil sie nur eine technische, publikationsbedingte, aber keine inhaltliche Sequenzialität aufweisen (selbst wenn Sauer auch über wiederkehrende Figuren verfügt). Und so ist auch Dorthe Landschulz, die erkennbar an Sauers Serie geschult ist, keine Comiczeichnerin, sondern eine Cartoonistin, obwohl sie  eine Serie im Netz publiziert, die „Ein Tag, ein Tier“ heißt (https://www.facebook.com/EinTagEinTier). Die 1976 in Hamburg geborene Zeichnerin lebt mit ihrer Familie in Frankreich und ist trotz ihrer jungen Jahre eine Spätberufene – oder sagen wir besser Spätgelesene, denn ihre Arbeiten sind erst in den letzten beiden Jahren richtig bekannt geworden. 2013 gehörte sie zu den Gewinnerinnen beim Deutschen Karikaturenpreis, 2014 erhielt sie einen Deutschen Cartoonpreis. Klingt ähnlich, sind aber zwei verschiedene Wettbewerbe: der erste von der „Sächsischen Zeitung“ ausgerichtet, der zweite vom Carlsen-Verlag.

Karikaturistin ist Dorthe Landschulz sicher auch  nur eingeschränkt. Genuin politische Themen finden sich bei ihr  wenige, gesellschaftskritischen schon deutlich mehr, aber besonders gern zeichnet sie auf eine Weise, die vom klassischen Idel der Karikatur etwa so weit entfernt ist wie der Comedian vom Kabarettisten. Die Cartoonisten sind ja auch die Comedians der komischen Zeichnung, wobei der Begriff erfreulicherweise noch nicht so auf den Hund gekommen ist wie bei den Bühnenkollegen.

Ob man die Cartoons von Landschulz komisch findet, hängt entscheidend von der Bereitschaft ab, sich auf mehr Wort- als Bildwitz einzulassen. Nicht, dass es bei ihr besonders viel zu lesen gäbe (mit der Ausnahme eines Blattes, in dem sie sich über das Vorurteil lustig macht, dass Cartoonistinnen zu viel Text benutzten), aber die Zeichnerin liebt Wortspiele oder auch einfach die Übertragung von situationsbedingten Begriffen auf unpassende Kontexte: so etwa bei dem Gedanken eines in der Badewanne liegenden Mannes, dem eine als Putzfrau ausstaffierte Dame mit einem Wäschestück über den Leib reibt. Der Gedanke lautet: „Ich hatte mir die Wirkung von Waschbrettbäuchen auf Frauen irgendwie anders vorgestellt.“ Und auch sehr profan, aber schön, sind die drei Liegestühle am Strand, von denen einer ruft: „Hilfe, wir brauchen einen Arzt! Rolf ist zusammengeklappt!“

Diese beiden Cartoons sind Teil des neuen Sammelbands von Dorthe Landschulz, der gerade unter dem Titel „Problemzonen“ bei Lappan erschienen ist. Das wurde auch wieder mal Zeit! Denn diese Zeichnerin ist eine meiner großen Hoffnungen in ihrem Fach. Gerade weil mir im Regelfall die Hälfte der Bilder von Dorthe Landschulz missfällt. Bei den meisten ihrer deutschsprachigen Kollegen – die große Ausnahme ist Beck – missfällt mir viel mehr. Dorthe Landschulz erfreut mich also mit jedem zweiten Cartoon. Und bisweilen auch dadurch, dass sich nach dem Lachen das Gefühl einstellt, mich unter meinem Niveau amüsiert zu haben. Was nichts anderes heißt, als dass ich mein Niveau zu hoch eingeschätzt hatte. Wenn Komik auf diese Weise zu Korrekturen im Selbstbild führt, leistet sie mehr als genug. Womit sich Dorthe Landschulz aer nicht zufriedengibt – man sehe sich nur den letzten Cartoon im Band an, den vom ladenden/geladenen Ehemann. Kann man nicht erzählen, muss man sehen.

20. Jul. 2015
von Andreas Platthaus
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13. Jul. 2015
von Andreas Platthaus
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Bilder, die das Hörenspüren lehren

Wenn in letzter Zeit geradezu verdächtig viele Comics des Verlags Egmont Graphic Novel in diesem Blog vorkommen, so liegt das an der höchst ungewöhnlichen, man könnte auch sagen eklektischen Titelauswahl dieses Hauses, das sich nach der Neuorganisation vor einem Jahr vor allem an anspruchsvolle Lizenzausgaben versucht. Dabei ist man in Köln extrem experimentierfreudig, und so kommt denn auch mal ein Band heraus wie nun „Sprechende Hände“, den ich mir eigentlich bei keinem einzigen deutschen Verlag hätte vorstellen können.

Das liegt gar nicht mal am großen Thema, denn das hat – nicht zuletzt durch meine F.A.Z.-Kollegin Melanie Mühl – zuletzt in Deutschland große Aufmerksamkeit gefunden. Es geht um Taubblinde, also jene recht kleine Gruppe von Menschen, die weder hören noch sehen können und es demensprechend schwer haben, den Umgang mit anderen Personen zu erlernen. Deshalb galten und gelten sie oft als debil, und ihr schweres Los wird durch eine falsche Behandlung seitens ihres Umfelds oder auch der Medizin noch verschlimmert. Tatsächlich konnten erst in den letzten Monaten einige Dutzend deutsche Taubblinde ausfindig gemacht werden, deren Handicap bislang völlig falschdiagnostiziert worden war.

Doch „Sprechende Hände“ ist kein Comic, der in der Gegenwart angesiedelt wäre, sondern eine historische Erzählung. Sein Autor, der 1984 geborene Amerikaner Joseph Lambert, hat sich einen berühmten Fall aus seinem Heimatland als Vorlage gewählt: die 1880 geborene Schriftstellerin Helen Adams Keller, deren Schicksal noch mehr als durch ihre Bücher durch diverse Verfilmungen bekannt wurde, davon der prominenteste Arthur Penns „Licht im Dunkel“ von 1962 mit Anne Bancroft, die allerdings nicht Helen Keller spielte, sondern deren Lehrerin Anne Sullivan.

Lambert nimmt sich den Film insoweit zum Vorbild, als auch in seinem Comic die Entdeckung im Mittelpunkt steht, dass sich hinter der scheinbaren Hilflosigkeit des Mädchens Helen Keller eine höchst sensibler und kunstsinniger Geist verbirgt. So steht denn auch in „Sprechende Hände“ das Paar Sullivan/Keller im Mittelpunkt, und nicht unwesentliche Passagen erzählen vom gleichfalls komplizierten Lebensweg der Anne Sullivan, die selbst sehbehindert war und durch die eigene Biographie wusste, wie man mit einer Taubblinden umzugehen hatte. Natürlich macht der positive Ausgang die ganze Geschichte höchst erbaulich.

Was sie interessant macht, ist der formale Aspekt, den Lambert wählt. Seine Zeichnungen sind ästhetisch nicht weiter der Rede wert, durchschnittliches Zeug nach dem Vorbild französischer Autoren wie etwa Hubert und Kerascoet („Fräulein Rühr-mich-nicht-an“). Aber die Strenge seiner Seitenarchitektur ist faszinierend. Grundmodell ist ein Sechzehnerraster (vier Reihen à vier jeweils gleichgroßen Bildern), aus dem nur selten ausgebrochen wird und wenn doch, dann nur mit Bildern, die jeweils Vielfache der kleinen Panels sind – eine Leseprobe bietet http://www.egmont-graphic-novel.de/graphic-novel/sprechende-haende/. Das kenne wir von David Mazzucchellis und  Paul Karasiks „Stadt aus Glas“, aber es ist schön, das so konsequent wiederzusehen. Zudem hat Lambert für die sprechenden Hände des Titels eindrucksvolle Schemenbilder gezeichnet, die das Gefühl illustrieren, das die kleine Helen Keller beim Unterricht ihrer Lehrerin empfand – und das war der einzige Weg für sie, sich Sprache anzueignen: Gebärdensprache natürlich, aber die konnte sie ja nicht sehen. Bisweilen lernt man im Comic regelrecht mit.

Es ist dennoch eine seltsame Lektüre, weil der historische Fall der Helen Keller für ein deutsches Publikum kaum Relevanz besitzt. Für amerikanische Leser kommt der interessante Kontrast zwischen der in den Nordstaaten aufgewachsenen Sullivan und dem nach der Niederlage im Bürgerkrieg desillusionierten Süden, in dem die reiche Familie Keller lebt, hinzu. Es gibt zu einigen Details Anmerkungen, aber dass aus Helen Keller eine Schriftstellerin wurde, das muss man schon wissen, denn der Comic erzählt es nicht. So gesehen hat es sich der Verlag sehr leicht gemacht. Vermutlich will er ohnehin nur mit dem Thema Ehre einlegen. Die Emanzipationsgeschichte, die in „Sprechende Hände“ steckt, hat er übersehen.

13. Jul. 2015
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06. Jul. 2015
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Die wahren Befreier von Paris

Wer eroberte im Sommer 1944 Paris zurück? Darüber streiten sich seitdem die damals  Alliierten (die Deutschen sind schön ruhig, obwohl sie’s am besten wissen müssten). Klar ist, dass man die französische Hauptstadt eigentlich beim Vormarsch in Richtung Deutsches Reich umgehen wollte, um nicht unnötig Zeit und Menschen im Straßenkampf zu verlieren. Dass die deutschen Besatzer gerade dort, wo es ihnen vier Jahre lang so gut gegangen war, gar nicht besonders kampflustig waren, übersah man – der fanatische Russlandfeldzug galt als Maßstab und auch der erbitterte Widerstand gegen die alliierte Landung in der Normandie. Aber Charles de Gaulle als Wort- und  Heerführer des französischen Exils bestand auf einen Einmarsch in Paris, und natürlich sollten es seine französischen Truppen sein, die die Stadt als Erste befreien sollten.

Um all das ranken sich mehr Legenden, als man Fakten kennt, doch ein skurriles Faktum kommt nun dazu. Man kann es einem Comic entnehmen: „Die Heimatlosen“ von Paco Roca. Das ist eine voluminöse halbfiktionale Schilderung des Schicksals jener spanischen Republikaner, die angesichts Francos Triumph im Bürgerkrieg nach Nordafrika geflohen waren und sich dort später den alliierten Truppen im Kampf gegen Hitler anschlossen, weil sie hofften, dass nach dem Sieg über die Deutschen auch die faschistische Herrschaft in Spanien beendet werde. Es kam bekanntlich anders, Spanien war nie in den Zweiten Weltkrieg eingetreten und wurde deshalb von den Siegern in Ruhe gelassen. Die spanischen Exilkämpfer fühlten sich verraten.

Zumal sie es gewesen waren, die ganz weit vorne beim Einmarsch in Paris dabei waren. Roca, geboren 1969 und derzeit der international erfolgreichste spanische Comicautor, hat für seinen mehr als dreihundertseitigen Band viel recherchiert und ist auch auf jene Kompanie „La Nueve“ gestoßen, die in der Armee des französischen Generals Leclerc an der Invasion von 1944 beteiligt war. Es waren gepanzerte Fahrzeuge dieser Einheit, die in der Nacht vom 24. auf den  25. August bis zum Rathaus der Stadt vordrangen,  dass sie bereits in der Hand von Pariser Widerstandskämpfern vorfanden. De Gaulle höchstpersönlich würdigte diese Leistung später durch Ordensvergaben und durch die prominente Rolle, die die Soldaten und Fahrzeuge von „La Nueve“ bei der großen Siegesparade auf den Champs Elysées spielen durften. Aber wer weiß heute noch davon?

Und wer weiß überhaupt etwas über diese spanischen Antifaschisten, für die der militärische Kampf nicht sechs, sondern zehn Jahre dauerte, vom Beginn des Bürgerkriegs in ihrer Heimat bis 1945. Zwischendurch waren sie in französischen Lagern in der Sahara interniert, weil sie als Anarchisten oder Kommunisten verdächtig waren, und als Frankreich 1940 kapitulierte, kamen auch in den nordafrikanischen Kolonien die Sympathisanten des Vichy-Regimes und der Kollaboration an die Macht. Plötzlich waren die Spanier also in Feindesland. Roca beschriebt großartig, wie diese alten Seilschaften auch noch dann Hindernisse waren, als Hitlers Niederlage sich schon andeutete.

Das alles kann man natürlich auch in Geschichtsbüchern nachlesen, von denen Roca viel profitiert hat, aber die gibt es nur auf Französisch, Spanisch oder Englisch, nicht auf Deutsch, und seine „Heimatlosen“ haben den Vorzug, eine komprimierte Version des Geschehens mit sehr spannendem individuellen Fokus zu erzählen. Held seines Buchs ist nämlich der greise Miguel Ruiz, der unter seinem Kampfnamen Miguel Campos eine der berühmtesten spanischen Soldaten war, nun aber unerkannt in einer französischen Kleinstadt lebt. Wie es ihn dorthin verschlagen hat, was ihm in den Jahren seines Kampfes widerfahren ist und wie er heute zu seinem damaligen Leben steht, das ist der Gegenstand des Comics, der nach bewährtem Spiegelmanschen Muster eine Rahmenhandlung um die historischen Erinnerungen legt, in denen der Protagonist vom Zeichner zu Auskünften bewegt wird. Diese in der unmittelbaren Gegenwart angesiedelten Passagen zeichnet Roca schwarzweiß, die Vergangenheit bekommt dagegen Farbe – eine interessante Umkehrung des sonst meist üblichen Comicprinzips.

Aber auch schon das Mutigste, was Roca macht, und das ist angesichts der Geschichte von sehr mutigen Männern ein bisschen wenig. Alles ist in sehr kleinen Bildern gehalten, und die Figuren sind wenig individualisiert (Leseprobe unter http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/die-heimatlosen/); man freut sich schon, wenn eine der historischen Gestalten einen Bart trug, aber das war unter Soldaten nicht eben häufig. Die fiktive Figur von Miguel Ruiz, für die sich Roca bei mehreren realen Vorbildern bedient hat, bekommt eine melodramatische Liebesgeschichte angedichtet, die leider zu wenig aufgebaut wird, um in ihrer Konsequenz fürs ganze Leben des Protagonisten glaubhaft zu sein. Und der stete Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart gibt dem Comic zwar die Möglichkeit, immer wieder erläuternde Anmerkungen in die Dialoge zwischen dem Paco Roca des Buchs und dem Veteranen Miguel zu verlagern, aber dadurch bekommt die Gesamtkonstruktion auch etwas Artifizielles, was durch die Kapiteleinteilung nach den Etappen des einwöchigen Kennenlernens und Vertrauen-zueinander-Findens der beiden Männer noch verstärkt wird.

Zudem ergänzt Roca das Gegenwartsgeschehen noch um die leicht burleske Figur eines jüngeren französischen Nachbarn von Miguel, dessen private Probleme ständig miterzählt werden, fürs eigentliche Geschehen jedoch vollkommen bedeutungslos sind. Hier ist  zu viel Überlegung in die Konstruktion geflossen; bei der Narration wäre sie besser aufgehoben gewesen. Nach dem auch schon von Reprodukt verlegten deutschen Debüt Rocas. „Kopf in den Wolken“, das sehr witzig über die Zustände in einem spanischen Altersheim berichtet, und dem in seinem historiographischen Bemühen schon recht angestrengten Band „Der Winter des Zeichners“ über die Situation von Comicschaffenden im Franco-Regime der fünfziger Jahre ist „Die Heimatlosen“ leider ein weiterer Schritt ins scheinbar anspruchsvolle belehrende Fach, das aber mich nur lehrt, jene Zeichner zu achten, die aus gegebenem Material höchstpersönliche Geschichten zu machen. Siehe Jacques Tardi, siehe Art Spiegelman. Sich selbst in die Rahmenhandlung einzuzeichnen taugt nicht als sicheres Rezept, man muss auch neue Wege für die alten Stoffe finden.

06. Jul. 2015
von Andreas Platthaus
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29. Jun. 2015
von Andreas Platthaus
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Besser klauen

Diesen Comic über eine Ladendiebin hätte ich fast gestohlen. Nein, nicht ernsthaft, aber als ich ihn zu Jahresanfang während eines Privatbesuchs in Brooklyn als englisches Original in einem Comicladen liegen sah und darin  blätterte, kam bei mir der Gedanke auf, ob Lektüre einen Einfluss auf das eigene Handeln insoweit haben kann, dass es Elemente der Handlung nachvollzieht. „Shoplifter“ spielt in New York (oder zumindest einer sehr ähnlichen Metropole; der Name der Stadt fällt nie) und sieht als Comic so unverschämt gut aus – zumindest für Liebhaber des Stils von Adrian Tomine oder Daniel Clowes, wie ich es bin –, dass man ihn unbedingt besitzen möchte. Aber egal, ob gekauft oder gestohlen, es hätte Gewicht im Fluggepäck ergeben, und im selben Laden lag auch der hinreißende Sammelband mit den „New Yorker“-Zeichnungen von Tomine. Unentbehrlich natürlich und wohl kaum je als deutsche Übersetzung zu erwarten, während „Shoplifter“ vielleicht doch … Und ja, kaum ein halbes Jahr später liegt die deutsche Fassung vor mir. Ehrlich bleiben zahlt sich aus. Den Tomine-Band hatte ich gekauft.

„Shoplifter“ stammt von Michael Cho, einem mir zuvor unbekannten kanadischen Zeichner aus Toronto, dessen Website (http://chodrawings.blogspot.de/) einen Besuch lohnt. Das er ursprünglich aus Südkorea stammt, verbindet ihn mit dem in San Francisco lebenden Tomine, der wiederum japanischer Abstammung ist. Als These mag es gewagt klingen, aber die Verbindung einer so bildorientierten Kultur wie der ostasiatischen mit den amerikanischen realistischen Erzähltraditionen scheint Comicbegabung zu begünstigen. Mit seiner Debüterzählung (nach etlichen Illustration und dem schönen Zeichnungsband „Back Alleys and Urban Landscapes“ über Toronto) landete Cho gleich bei Pantheon, dem renommiertesten Verlag in den Vereinigten Staaten für Graphic Novels.

Auf Deutsch hat sich immerhin Egmont der Sache angenommen und den amerikanischen Titel beibehalten, wobei „Ladendiebin“ nicht schlechter gewesen wäre, zumal man sich dann den sehr dummen Untertitel „Mein fast perfektes Leben“ hätte sparen können. Denn das Leben der Protagonistin Corrina Park ist keinesfalls nahe an der Perfektion. Im Beruf als junge Werbetexterin fühlt sie sich nicht wohl, ein Gruppentyp ist sie auch nicht, allein lebt sie sowieso – wobei es zu Hause immerhin den Kater Anäis gibt. Und das leichten Prickeln, den ihr die Gelegenheitsdiebstähle verschaffen, billiges Zeug, eine Zeitschrift etwa, in nächsten Supermarkt. Nicht, dass sie es nötig hätte, aber es ist das einzige Ungewöhnliche in ihrem Alltag.

Es geht also bei Cho nicht um einen Krimi, sondern um eine psychologische Studie des gut bezahlten Angestellten- und Singledaseins in einer modernen Großstadt. Und hätte Cho seine Geschichte konsequent erzählt, dann wäre daraus mehr geworden als das letztlich harmonistische Geschehen, in das sich „Shoplifter“ verwandelt. Es ist – und das hätte es weiß Gott nicht sein müssen, auch nicht sein dürfen – ein Feelgood-Comic und also doch eine Apologie ebendieses Lebens, das Corrina Park führt. Und das ist angesichts dessen, wie Cho es anlegt, ein verlogenes Projekt.

Allerdings ein sehr gut anzusehendes. Als einzige Zusatzfarbe in den bewusst ohne Rahmenlinien gehaltenen Panels wird ein Rosarot verwendet, das weniger auf ein Happy Ending verweist als auf die Intensität der Existenz in der Stadt (Leseprobe: http://www.egmont-graphic-novel.de/graphic-novel/shoplifter/). Es brechen plötzlich stumme doppelseitige Stadtansichten ins Geschehen ein, und Cho ist generell ein Meister der Perspektivverschiebungen – mag sein, dass ihm bei seinem optishen Einfallsreichtum der Rat des Graphikers und Buchgestalters Chip Kidd, dem er eigens dankt, eine gewisse Hilfe gewesen ist. Wenn er zu diesen ästhetischen Fertigkeiten auch noch eine erzählerische Ader entwickelt, dann dürfte aus Michael Cho einer der interessantesten nordamerikanischen Comickünstler werden. Einer, der den jetzt Etablierten die Schau und sich in unser Gedächtnis stiehlt. Letzteres ist den Bildern von „Shoplifter“ schon gelungen.

29. Jun. 2015
von Andreas Platthaus
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23. Jun. 2015
von Andreas Platthaus
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Schauen Sie mal nicht nur auf die Frauen

Das, was mir selbst in jungen Jahren einmal modern vorkam, ist längst historisch, und so ist es eine zwiespältiger Erfahrung, einen prachtvollen Band aufzuschlagen, in dem die „Valentina“-Gesichten des italienischen Comiczeichners Guido Crepax versammelt sind. Sie erschienen zwischen  1965 und 1972, addieren sich zu immerhin 170 Seiten und sind eine wahre Fundgrube des Grafikdesigns und der Gegenwartskunst jener Jahre. Schon im allerersten Bild debattiert eine New Yorker Partygesellschaft die Op-Art.

Für optische Valeurs ist auch Crepax bekannt, nicht selten auch berüchtigt. Er gilt als der wichtigste Protagonist der Erotikcomics, seit 1975 seine Adaption von Anne Declos‘ pornographischem Roman „Geschichte der O“ in Frankreich erschien, aufwendig gedruckt und geadelt (aber nicht gesellschaftsfähig gemacht) durch Vorworte von Roland Barthes und Alain Robbe-Grillet und dann in etliche Sprachen übersetzt. Für solch ein Thema finden sich überall Liebhaber. Und fortan hatte Crepx seinen Ruf weg, im Guten wie im Schlechten.

Das hat auch auf „Valentina“ abgefärbt, die selbst in kundigen Publikationen gern pauschal als Erotikcomic abgehandelt wird. Gut, Crepax entwickelte die Geschichten in diese Richtung, aber das Ganze bleibt doch äußerst zahm und hat vor allem einen ganz anderen Anspruch. Zu Beginn allemal, denn da ist die junge Mailänder Fotografin Valentina noch gar nicht die Hauptfigur, sondern der amerikanische Kunstkritiker Philip Rembrandt. Für ihn hat Crepax das seit „Tim und Struppi“  altehrwürdige Prinzip des Journalisten als Comic-Held ebenso herangezogen wie die amerikanische Superhelden-Tradition, denn Rembrandt verfügt über die Gabe, mit seinen Augen Menschen zu bannen und technische Gerätschaften außer Funktion zu setzen. Und natürlich führt er ein Doppelleben; in seiner Rolle als Verbrechensbekämpfer nennt er sich Neutron. Valentina ist anfangs nur eine Zufallsbekanntschaft, die ihm beim Lösen eines Falls in Italien begegnet ist.

Was Crepax, der 1933 in Mailand geboren wurde und 2003 dort auch starb, prägte, waren vor allem die Comics eines Mannes, dessen Name weder im Vorwort von Umberto Eco noch im Begleitessay von Paolo Canepelle und Günter Krenn (die den Band auch aus dem Italienischen übersetzt haben) fällt: Alex Raymond. Es ist schon eine Kunst, darüber zu schweigen, wo Neutron/Rembrandt sich bis in die Details an Raymonds berühmtester Figur Rip Kirby orientiert und außerdem etliche Anspielungen auf seine Science-Fiction-Serie „Flash Gordon“ in den „Valentina“-Comics zu finden sind, bis hin zu seitenlangen Phantasmagorien der Heldin, in denen sie sich selbst an die Seite Flashs träumt. Und der ornamentreiche Schwarzweiß-Stil von Crepax hat auch nur ein Vorbild: Raymond natürlich (Leseprobe: http://www.avant-verlag.de/comic/valentina).

Was nicht heißt, dass er nicht noch viel mehr gelesen hat, und einer der großen Reize von „Valentina“ besteht in den persönlichen Elementen, die der Zeichner in die Welt seiner Protagonisten integriert: moderne, aber auch alte Kunst (etwa ein Cranach-Bild als wichtige Schule des Sehens), Comics sonder Zahl, darunter selbst die italienische Zeitschrift „Linus“, in der „Valentina“ veröffentlicht wurde – eine wunderbare Selbstreflexion. Und die französische Rennfahrerserie „Michel Vaillant“, bei der er für den ersten Teil des „Valentina“-Zyklus geradezu hemmungslos klaut. Dazu Filme, Literatur (vor allem deutschsprachige), Musik (vor allem die des zwanzigsten Jahrhunderts mit besonderem Respekt für Alban Berg), Architektur. Es ist ein Fest der Anspielungen und Zitate für jeden Kulturbeflissenen.

Aber die meisten Crepax-Leser haben nur Augen für seine Frauen mit den knabenhaften Körpern und den aufreizenden Stellungen. Die kommen bei „Valentina“ aber erst spät im Gesamtkonvolut, und die diesbezüglich expliziteste Geschichte erzählt von Valentinas Schwangerschaft (sie ist mittlerweile mit Philip Rembrandt liiert), die Crepax die Rechtfertigung für eine geradezu sensationell surrealistische Handlung bietet, die neben sexuellen Reizen auch die ästhetischen Bezüge auf einen Höhepunkt treibt. Dazu kommt seine immer einfallsreichere Seitenarchitektur, die manchmal Parallelstränge inszeniert, die sich auf den oberen beziehungsweise unteren Seitenhälften fortsetzen, dann wieder kurzerhand die Leserichtung umkrempelt (allerdings immer noch sehr bemüht unter Einsatz von Richtungspfeilen, damit auch ja niemand sich im Panelarrangement verläuft) oder das Gescehen in winzigste Bilder unterteilt. Und nichts davon ist l’art pour l’art. Das Großartige an Crepax ist – das wiederum führt Eco schön aus –, dass er stets einen inhaltlichen Grund für seine künstlerischen Innovationen hatte.

Selbstverständlich wirkt „Valentina“ heute vor allem nostalgisch. Und das, was Crepax erzählt, steckt so voller Klischees und Unwahrscheinlichkeiten, dass man kein Wort darüber verlieren müsste, wenn hier nicht Epoche geschrieben worden wäre. Hugo Pratt und er, zwei Italiener also, haben im Gleichschritt das begründet, was später Autorencomic heißen sollte (und heute auf den Namen Graphic Novel hört). In Frankreich dachte man in den sechziger Jahren noch in den alten Rastern von Heftformaten und Abenteuerserien, während Crepax und Pratt diese Rahmenbedingungen dadurch aushebelten, dass sie einfach immer weiter erzählten und zeichneten, so dass endlose Geschichten entstanden („Valentina“ führt zudem ganz am Ende wieder zum Anfang zurück), und die wahren Abenteuer in die Köpfe verlagerten. Weder „Corto Maltese“, Pratts Erfolgsserie, noch „Valentina“ erheben irgend einen Anspruch auf Realitätsbezug, aber sie sind exemplarischen Beispiele einer entfesselten Phantasie.

So ist die neue „Valentina“-Gesamtausgabe, die im Avant-Verlag erschient, Verpflichtung und Chance zugleich. Verpflichtung, weil hier zu lernen ist, wie der Comic wurde, was er ist. Und Chance, weil sie Crepax aus der Schmuddelecke holen kann. Sein „Mann aus Harlem“ wartet auch seit dreißig Jahren auf eine Neuausgabe: Weil er kein Erotikcomic ist, wagte sich niemand daran. Dabei knüpfte er noch einmal dort an, wo Crepax mit „Valentina“ zugunsten seiner erfolgreicheren Pornographie aufgehört hatte: bei Erzeugen von Stimmungen mittels des optischen Einbezugs von akustischer Kunst. Fürwahr, das ist Op-Art in Comicform. Man möchte dem eigenen Auge manchmal nicht trauen bei dem, was Guido Crepax da veranstaltet.

23. Jun. 2015
von Andreas Platthaus
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17. Jun. 2015
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Mehr Mut zum Übermut

Andreas Eikenroth ist auf den Geschmack gekommen. Und wir auch. 2013 kam sein Comic „Die Schönheit des Scheiterns“ heraus, eine in einer leicht als Gießen zu identifizierenden mittelgroßen Universitätsstadt angesiedelte Geschichte um die Lebens- und Liebeswirren des Mittzwanzigers Paul, der einerseits einen klassischen Malocherjob in untergeordneter Stellung ausübt, andererseits als Sänger einer lokalen Rockband den Chef spielen möchte. Seine Musikerkollegen, Freunde und Liebschaften legten einen sozialen Kokon um den blondsträhnigen jungen Mann, der so vielfach miteinander verflochten war, dass es für zwei Comics gereicht hätte. Und kaum zwei Jahre später ist der zweite auch schon da.

Diesmal heißt er deutlich profaner „Hummel mit Wodka“, keine Spur mehr vom existenzialistischen Sound des früheren Titels. Aber der Philosoph und Dichter Helge Borchert, der für die Band die Texte schreibt, tritt diesmal ja auch nur in einer Nebenrolle auf. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Band als Kollektiv, obwohl deren Stammbesetzung zur Hälfte kneift, als es mal über den Gießener Umkreis hinaus und nach Hamburg auf Tournee gehen soll. Wobei der tiefere Grund für die Reise Pauls Sehnsucht nach der Kunststudentin Ina ist, in die er sich im ersten Band verliebt hatte und die ihm mittlerweile zwar nicht den Laufpass, aber doch durch ihren Wegzug in die Hansestadt das deutliche Signal gegeben hat, dass diese Beziehung ihr wenig Hoffnung macht.

Soweit zur Ausgangskonstellation. Was macht Eikenroth nun anders als beim ersten Mal? Und ist das klug, wo er doch für „Die Schönheit des Scheiterns“ den ICOM-Preis für das beste Szenario bekommen hatte, eine der wenigen deutschen Comicauszeichnungen und zudem eine ernstzunehmende, wenn auch undotierte? Nun, zunächst einmal hat der Gießener Zeichner und Musiker seinen Stil insoweit perfektioniert, als dass er jetzt wie ein deutscher Klon des frühen Serge Clerc aussieht (Leseprobe: http://www.edition52.de/sites/default/files/LESEPROBE_HUMMEL_MIT_WODKA_0.pdf). Kein Wunder, denn wer wie Eikenroth Jahrgang 1966 ist – der Verfasser weiß, wovon er spricht –, der hat in jener Lebensphase, die die Spreu der Kindercomics vom Weizen der Bildergeschichten für Erwachsene trennte, auf jeden Fall die französischen New-Wave-Comics wahrgenommen, die damals durch den seinerzeitigen Klein- und heutigen Großverleger Benedikt Taschen nach Deutschland kamen und einen ihrer wichtigsten Protagonisten in Serge Clerc hatten – zumal einen, für den Rockmusik das wichtigste Thema war. Und so sieht denn Eikenroths Held Paul aus wie ein etwas abgefuckter Sam Bronx. Aber Gießen ist ja auch nicht Paris.

Aber auch nicht Hamburg, und aus dem Besuch der vier mittelhessischen Provinzler in der Großstadt zieht „Hummel mit Wodka“ dementsprechend einen Großteil seines Humors. Der fällt etwas brachialer aus als im ersten Band, was aber auch daran liegt, dass mit dem Ersatzschlagzeuger Uwe ein besonders schlichtes Gemüt mitreist, was diesen Unglücksraben allerdings nicht daran hindert, sich für unwiderstehlich und vor allem ortskundig (daher das „Hummel“ aus dem Titel) zu halten. Die weitgehende Abwesenheit von Ina, die diesmal lediglich zwei Auftritte hat, wird nur halbwegs kompensiert durch die Cellistin Sani, die den zu Hause gebliebenen Stammbassisten Stefan ersetzen soll, aber schon vorzeitig wieder die Rückfahrt nach Gießen antritt, so dass die Männer am Ende unter sich sind. Mit denen fühlt sich Eikenroth aber eh wohler; Frauenfiguren sind seine größte Stärke nicht.

Was nichts macht, denn das geht Sven Regener oder Detlef Buck, um zwei im Humor vergleichbare Erzähler aus anderen Kunstformen zu nennen, nicht anders. Eikenroth hat wie sie keine Scheu, auch mal die schnelle Pointe zu suchen und auf tiefenpsychologische Erörterungen seines Personals zu verzichten. Deshalb kommt auch nie die Frage nach autobiographischem Hintergrund auf, obwohl es da einige Berührungspunkte gibt, aber hier wird so lustvoll klischeereich erzählt, dass man das dem Leben doch nicht ganz zutraut. Da hat sich Eikenroth gegenüber dem ersten Teil noch einmal gesteigert.

Und doch ist die Überraschung nicht mehr so groß, weil man den kleinen Gießener Kreis ja schon kennt und durch ein paar Hamburger Begegnungen nicht viel neue Skurrilität dazukommt. Vor allem der Antagonist von Paul, ein blendend aussehender Rastamann, der in einem der Clubs arbeitet, in dem die Band auftritt, bleibt trotz Tätowierungen und Großkotzgehabe zu blass – beim finalen Aufeinandertreffen macht er enttäuschen schnell schlapp. Nur der Mann, der dafür verantwortlich ist, ein aus Schwaben zugezogener Clubbesitzer namens Florian, der sich aber als Russenmafioso Dragan ausgibt (daher der Wodka aus dem Titel des Comics), ist eine echte Bereicherung des Ensembles.

So liest man „Hummel mit Wodka“ mit großem Vergnügen und doch etwas Enttäuschung. Wenn Eikenroth einmal ungewöhnlich wird, etwa bei jenem Panel, auf dem Paul all seinen Charme einsetzt, um Sani zum Eintritt in die Band zu bewegen, dann ist das großartig, weil plötzlich der allzu vertraute Clerc-Stil gebrochen wird mit einem Manga-Zitat. Aber solchen Mut zum Übermut gibt es zu selten.

Andererseits ist es ein Zeichen von großer Courage, überhaupt einen Erfolg wie „Die Schönheit des Scheiterns“ fortzusetzen. In Deutschland gibt es zu viele Comiczeichner, die sich ständig neu erfinden wollen, und deshalb entsteht nur selten eine den französischen Vorbildern folgende Serie mit stehendem Personal. Eikenroth macht nun vor, wie das geht, und dass er ganz zum Schluss noch eine Volte einsetzt, die alles, was man vorher gelesen hat, plötzlich auch ganz anders deuten ließe, zeigt großes erzählerisches Geschick. Bitte noch mal den ICOM-Szenario-Preis für ihn. Und gern noch ein paar Käufer mehr, das wäre ihm und dem wunderbaren Wuppertaler Kleinverlag Edition 52 zu gönnen.

 

PS: Ein paar Mal hüpft ein Eichhörnchen scheinbar funktionslos durch die Handlung. Das kenne ich aus den Romanen von Marc Degens, zuletzt etwa „Fuckin Sushi“. Dort hat es etwas zu bedeuten, wie ich weiß, auch wenn ich noch immer nicht weiß, was. Gibt es unter den deutschen Erzählern eine Art Eichhörnchenverschwörung?

 

17. Jun. 2015
von Andreas Platthaus
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08. Jun. 2015
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Comic von der großartigen Gestalt

Erinnern Sie sich noch an die Comicserie „Don Quijote“, die Flix 2012 fürs Feuilleton der F.A.Z. gezeichnet hat und die dann später gesammelt als Band bei Carlsen erschienen ist? Das war eine wunderbare Aktualisierung des Klassikers, die die Abenteuer des Ritters von der traurigen Gestalt aus der spanischen Mancha des sechzehnten Jahrhunderts ins moderne Mecklenburg-Vorpommern unserer Gegenwart verlegte, und plötzlich kämpfte der Held, ein demenzkranker alter Herr, nicht gegen Windmühlen, sondern gegen Growiane – aber buchstäblich, denn er zog gegen die Landschaftsverschandelung ins Feld. Sein Sancho Pansa war ein kleiner Junge im Batman-Kostüm, und überhaupt passte alles großartig in das alte Muster von Cervantes. Auch so kann man die zeitlose Qualität eines Buchs bestätigt finden.

Nun flattert mir ein neuer Don-Quichote-Comic (ja, diesmal mit „ch“ statt mit „j“) auf den Tisch – oder besser: Er knallt darauf, denn das Buch ist 300 Seiten stark und trotz Graphic-Novel-Format schwergewichtig, weil der Egmont-Verlag den Käufern etwas fürs Geld bieten will. Ich war fest entschlossen, ihn ganz schrecklich zu finden, denn „Don Quichote“ einfach zu adaptieren, ohne große Abweichung, das schien mir – gelinde gesagt – wenig vielversprechend. Wie man sich täuschen kann!

Der Zeichner Rob David, der sowohl das Szenario wie die Bilder verantwortet, kannte ich nicht. Er ist Engländer, und zwar einer jener Landsleute im Comicgeschäft, die ihr Geld wirklich noch daheim verdienen und nicht bei den amerikanischen Superheldenverlagen. Wobei „Judge Dredd“- oder „Doctor-Who“-Comics auch nicht unbedingt als Empfehlung taugen. Aber sein „Don Quichote“ ist toll.

Woran liegt das? Erstaunlicherweise daran, dass er so nahe an der Vorlage bleibt. Keine Aktualisierung, alles ganz wie im Buch, vom ersten, noch einsamen Ausritt bis zur gemeinsamen Abenteuertour mit Sancho Pansa. Sogar die Erzählfiktion wird übernommen – mit einer Ausnahme: Davis lässt den Autor Cervantes aus einem vergitterten Fenster heraus zum Leser sprechen und zieht damit noch eine Fiktionalitätsebene mehr ein, die aber weder aufgesetzt noch banal ist.

Ansonsten überzeugt dieser Comic vor allem durch das Geschick, mit dem Davis seinen Stil wandelt. Für die Geschichten in der Geschichte (beispielsweise Erzählungen von Menschen, auf die Don Quichote trifft) benutzt er andere zeichnerische Mittel, um die entsprechenden Passagen als Fiktion in der Fiktion zu kennzeichnen. Da wird es wahlweise graphisch historisch oder bilderbuchgemäß, kindlich schlicht oder fantasymäßig opulent, jeweils eben so, wie es zum Tonfall der Episoden passt. Das einzige, was ich bemängele, ist eine durchweg etwas zu blasse Kolorierung.

Aber was soll’s, wenn man so viel Spaß an der Lektüre hat und sich vor allem beim Lesen tatsächlich vor allem an die früheren Erlebnisse mit dem Original erinnert (Leseprobe unter http://www.egmont-graphic-novel.de/graphic-novel/don-quixote/). Dieser Comic frischt alles wieder auf, und wer den „Don Quichote“ tatsächlich noch nicht gelesen haben sollte, der bekommt hier wirklich einmal das geboten, was bei Literaturadaptionen so gern behauptet und so selten eingelöst wird: eine lusterregende Hinführung zum Buch.

08. Jun. 2015
von Andreas Platthaus
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01. Jun. 2015
von Andreas Platthaus
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Der Russe ist einer, der Blut liebt

Jerome Charyn ist Ende siebzig alt, aber unermüdlich. Der amerikanische Schriftsteller hat nicht einmal mit den eigenen Krimis genug, er betätigt sich auch als Szenarist, besonders gern europäische Zeichner (denn wie sollte in den Vereinigten Staaten ein literarischer Genrecomic Platz am Markt finden?). Für den Schweizer Andreas Gefe hat er schon einmal geschrieben und für Francois Boucq gleich mehrfach, denn diesem 1955 geborenen Franzosen verbindet Charyn die Vorliebe für Hardboiled-Stories. Ihr jüngstes, mittlerweile schon drittes gemeinsames Werk heißt „Little Tulip“. Gerade ist es bei Splitter erschienen.

Es beginnt in New York, Charyns Heimatstadt, die er so gut kennt und immer wieder gern zum Schauplatz seiner Geschichten macht. Diesmal sielt das Geschehen 1979, und Boucq rekonstruiert mit sichtbarer Freude eine Metropole, die damals in ihrer schwersten Krise steckte: Gewaltexzesse, wirtschaftlicher Niedergang, Mafia. Boucq war schon immer ein Künstler des Extremen, seine Figuren sind nie schön, oft ein wenig grotesk, regelmäßig skrupellos. Der Mittvierziger Paul, ein Tätowierer, passt allerdings nur teilweise in dieses Schema.

Paul ist das Kind amerikanischer Kommunisten, die in den späten dreißiger Jahren in die Sowjetunion emigriert sind. Ein  Fehler, denn im Kalten Krieg fallen sie Stalins Misstrauen zum Opfer, und die dreiköpfige Familie wird in den GULag verschleppt. Dort wird der mittlerweile Halbwüchsige von den Eltern getrennt, die beide im Lager den Tod finden. Paul aber überlebt, weil er ein großes Zeichnertalent besitzt und bei einer Häftlingsbande als deren Nachwuchstätowierer reüssiert.

Es ist üblich bei Charyn, dass er als Szenarist die spezifischen Interessen seiner Comiczeichner bedient – hier das Zeichnen selbst zum zentralen Motiv macht. Zugleich wird die physische Drastik, die Bouc zu seinem Markenzeichnen gemacht hat, mit einer Lagergeschichte aus dem hohen sowjetischen Norden besonders herausgefordert. Da wird nach Strich und Faden gemordet, gequält, verstümmelt und ausgebeutet. Die Häftlinge sind sich gegenseitig die schlimmsten Feinde – oder besser: Die Ukrainer im Lager treiben es besonders schlimm. Und ein Vierteljahrhundert später wird Paul seine einstigen Peiniger in New York wiedertreffen.

Die Handlung wechselt zwischen der Sowjetunion der vierziger und fünfziger Jahren und dem New York der Siebziger hin und her. Das amerikanischen Geschehen dreht sich um einen Serienmörder, der als Weihnachtsmann verkleidet Frauen abmeuchelt. Auch im Land der Freien geht es übel zu, aber welche Überraschung: Es gibt auch über die Untaten eine Verbindung zu Pauls russischer Vergangenheit. Mehr sei besser nicht verraten.

Boucq steht in der realistischen Tradition von Jean Giraud und Hermann. Das ist erst einmal gut. Seine Dekors sind akribisch, seine Farben geschickt eingesetzt, seine Seitenarchitekturen abwechslungsreich, aber niemals effekthascherisch (zwölf Probeseiten finden sich unter http://www.splitter-verlag.eu/little-tulip.html). Sehr solider Mainstream also, aber das muss man ja auch erst einmal hinbekommen. Wenige Zeichner sind handwerklich so sicher wie Francois Boucq.

Überraschungen darf man seit etwa zehn Jahren aber auch nicht mehr von ihm erwarten. Er galt einmal als großer Satiriker, das ist vorbei. „Little Tulip“ ist bierernst. Und Charyn nutzt für seine Erzählung alle Klischees über sowjetische Gewalttätigkeit, die man kennt: Willkür, Grausamkeit, Verrat, Heimtücke. Dass die besonders bösen Figuren gerade Ukrainer sind, dürfte keine politische Absicht sein, ist allerdings doch extrem auffällig. Wobei Charyn sich auf die historischen Lagererzählungen stützen kann, die oft von ukrainischen Häftlingsgruppen berichten, die ihren Leidensgenossen das Leben noch mehr zu Hölle machten.

Warum der Band „Little Tulip“ heißt, obwohl das Tätowiermotiv der kleinen Tulpe nie englisch bezeichnet wird, ist rätselhaft – mutmaßlich glaubten französischer und deutscher Verlag, dass es besser klingt. Und warum ganz am Schluss alles noch ins Mystische abdriftet, würde man gern von Charyn erfahren. Vermutlich hält er Russen für so irrational wie nur möglich. Des ungeachtet, liest sich der Band gut, sofern man sich an hardboiled-typischen Grausamkeiten verschiedenster Provenienz nicht allzu sehr stört. Die Lösung des New Yorker Kriminalfalls allerdings ist enttäuschend. Die Vergangenheit von Paul ist weitaus interessanter zu lesen als seine amerikanische Lebensphase.

01. Jun. 2015
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26. Mai. 2015
von Andreas Platthaus
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Deutsche Doppelmonarchie

Kürzlich setzte sich im Zug Ralf König neben mich. Er schaute auf meine Lektüre, Hendrik Dorgathens Comic „Space Dog“ (erschienen 1993, aber immer noch einer der besten deutschen Comics), und fragte mich mit Verweis auf die darunterliegende Tageszeitung, ob das nun für mich die Kür nach der Pflichtlektüre sei. Ich nickte, wobei es nicht ganz stimmte, denn gute Comics zu lesen ist nicht weniger Pflicht als das Interesse am Zeitgeschehen. Er selbst, sagte Ralf König, möge Comics auch sehr gern, allerdings solche, für die er bisweilen seltsam angesehen werde von seinem Umfeld. Denn da gehe es bisweilen sehr drastisch zur Sache, zum Beispiel in seinem persönlichen Lieblingsband „Superparadise“ mit all diesen Schwulen, die da ohne falsche Rücksichtnahme in exzessiven Liebesszenen auftreten. Dabei sei er selbst gar nicht homosexuell, versicherte Ralf König.

Aber solche Comics machten prominent. Als er vor einiger Zeit in Köln in einem Hotel einchecken wollte, habe man ihm angeboten, zum gleichen Preis eine Suite zu beziehen – nur weil er als Ralf König identifiziert worden sei. Das habe er aber abgelehnt. Bisweilen rufe er auch die Facebookseite mit seinem Namen ab, sehe sich an, was von Ralf König da wieder gepostet worden sei und vergebe das eine oder andere Like. „Zurückgeliket“ worden sei er jedoch noch nie.

Bevor nun bei meinen Lesern die Vermutung entsteht, Ralf König litte an einer schweren Identitätskrise oder wäre zumindest ein monomanischer Idiosynkrat, sei aufgeklärt, dass es sich bei meinem Mitfahrer um einen Herrn gleichen Namens, aber aus einer ganz anderen Gegend handelt (obwohl beider Geburtsorte, wie der zweite Ralf König mir sagte, nicht allzu weit voneinander entfernt liegen) und auch nicht um einen Comiczeichner, sondern um einen Psychologen. Schon oft habe ihm sein Name Ralf König große Sympathien beschert, denn ganz unähnlich sehe er dem Comicstar ja nicht (einerseits ja: beide haben einen schütteren Vollbart, andererseits nein: der andere Ralf König ist fülliger als der berühmte). Ungefähr im selben Alter sind die beiden auch noch, und die sexuelle Orientierung sieht man den Menschen ja nicht an. Erst kürzlich wieder sei ihm, dem zweiten König, das bei der Kontrolle seiner Bahncard passiert. Der Schaffner habe ihn angestarrt wie ein Wundertier, doch bevor der etwas habe sagen können, habe er selbst abgewiegelt: Nein, nein, ich bin nicht der, an den Sie denken. Nicht der bekannte Ralf König.

Die Filme, die man nach den Comics seines Namensvetters gemacht hat, möge er nicht, zumindest nicht „Kondom des Grauens“, den er neulich gesehen habe. Aber die Comics seien allesamt großartig, denn hinter der gefälligen Oberfläche verberge sich viel mehr, als man erwarte: gesellschaftliche Fragen zum Beispiel. Und komisch sei es auch immer. Er selbst sei übrigens gerade unterwegs zu einem Parteitag, politisches Engagement mache ihm Spaß. Jetzt erst bemerkte ich die signifikanten Farben von Hemd und Krawatte. Dann war die gemeinsame schöne Zeit mit Ralf König auch schon wieder vorbei; wir stiegen beide aus, unsere Wege trennten sich. Der andere, der berühmte Ralf König dürfte sich wundern, wenn er wüsste, in welcher Partei sein Namensdouble aktiv ist. Und wenn er das hier liest, könnte er den weniger berühmten Ralf König ja mal zurückliken. Solche Fans wünscht man sich doch.

26. Mai. 2015
von Andreas Platthaus
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15. Mai. 2015
von Andreas Platthaus
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Auch ich in Ostasien

Der Titel ist das klügste an diesem Comic: „Ein schöner kleiner Krieg“ zitiert die Einschätzung des amerikanischen Diplomaten John Hay zurück, der den spanisch-amerikanischen Krieg von 1898 „a splendid little war“ genannt hat. Allerdings erst nach dessen Ende, das ein für die Vereinigten Staaten glückliches war. Der Zynismus, für den diese Einschätzung weltberühmt wurde, war also ein gemilderter; keinesfalls dachte man im Vorhinein schon so über den Waffengang, der Amerika endgültig zur Weltmacht beförderte. Und im Vergleich mit dem, was das nächste Jahrhundert brachte, war der dreieinhalbmonatige Krieg tatsächlich eher von Kleinformat: betreffs seiner Dauer und der Zahl der Opfer; auf beiden Seiten wurden zusammen etwas mehr als 10.000 Gefechtstote gezählt.

Im Vietnamkrieg starben dagegen allein auf amerikanischer Seite mehr als 50.000 Soldaten, und die Verluste an Menschenleben unter den Vietnamesen in den fast anderthalb Jahrzehnten seiner Dauer können nur geschätzt werden, gehen aber über eine Million hinaus. Deshalb ist die Titelwahl von Marcelino Truongs Comic, der vor drei Jahren in Frankreich erschien, eine bewusst bittere: So leichtfertig, will er sagen, haben die Amerikaner ihn durch die Unterstützung Südvietnams ausgelöst. Krieg als Fortsetzung der Politik, aber nicht im Clausewitzschen Sinne als wohlbedachte Aktion, sondern als Ersatz politischen Handelns.

Marcelino Truong wurde 1957 als drittes Kind eines südvietnamesischen Diplomaten und einer Französin geboren und wuchs teilweise in den Vereinigten Staaten auf, wohin sein Vater versetzt worden war. Dort setzt der Comic ein. 1961 aber wurde der Vater nach Saigon zurückbeordert, und die Familie zog mit um. Das war das Jahr, in dem Präsident Kennedy eine Verstärkung der amerikanischen Unterstützung Südvietnams gegen den kommunistischen Nordteil des Landes beschloss, womit Ngô Dinh Diêm gestärkt wurde, der in Saigon seit 1956 regierte. Als Katholik wurde er in dem mehrheitlich buddhistischen Land argwöhnisch betrachtet, und sein machtgieriger Clan tat ein Übriges, um den südvietnamesischen Präsidenten unpopulär zu machen. Der Vater von Marcelino Truong aber war als Übersetzer für Französisch und Englisch einer von Diêms engen Vertrauten.

Zwei Jahre blieb die nach der Geburt einer zweiten Tochter bald sechsköpfige Familie in Vietnam, ehe die angesichts der fremden Kultur und politischen Lage am Rande des Nervenzusammenbruchs befindliche Mutter einen abermaligen Umzug erzwang. Deshalb deckt der autobiographische Bericht von Truong nur die früheste Phase des Krieges ab, damals waren noch gar keine amerikanischen Soldaten an den Kampfhandlungen beteiligt. Was der rund 270seitige Band aber leistet, ist ein Blick auf etwas, das sonst meist zu kurz kommt, nämlich die südvietnamesische Seite.

Wie Marjane Satrapi („Persepolis“) oder Riad Sattouf („Der Araber von morgen“) erzählt Truong streng aus Kindersicht. Oder nein, doch nicht streng genug, denn das, was den beiden anderen in ihren international vielbeachteten Comics gelungen ist, das traut sich Truong nicht. Er erklärt laufend die realen Ereignisse und Hintergründe, statt sich auf die kindliche Perspektive zu verlassen, die zwar vieles offen lassen muss, aber dafür umso eindrucksvoller Dinge in den Mittelpunkt stellen kann, die ungewöhnlich sind – und unbekannt in Europa. Bei „Ein schöner kleiner Krieg“ wird dauernd erläutert, Truong traut der Relevanz seiner eigenen Beobachtungen nicht. Und seinen Lesern traut er  nichts zu.

Es ist ein Comic für Menschen, die nichts von Comics verstehen und deshalb alles kommentiert lesen müssen, was man auch einfach hätte zeigen können, ohne darüber eigens Worte zu verlieren. Das ist ja die eigentliche Kunst dieser Erzählform. Dass Truong überdies einen graphischen Stil benutzt, den Guy Delisle in seinen Erlebnisberichten aus Nordkorea, China, Birma und Israel schon so perfektioniert hat (Leseprobe: http://www.egmont-graphic-novel.de/graphic-novel/ein-schoener-kleiner-krieg/), dass jede Übernahme für verwandte Bücher wie ein billiges Plagiat wirken muss, trägt auch nicht zur Begeisterung bei. Immerhin hat Truong aber auch woanders Anleihen gemacht (farblich bei Loustal), so dass er zumindest mehrere ästhetische Versatzstücke zu einem Ensemble zusammenfügt, dass als Montagearbeit taugt.

Aber originell ist nichts von dem, was er erzählt, zeigt oder zeichnet. Dass solche Comics ihren Weg nach Deutschland finden, ist dennoch ein gutes Zeichen. Denn es demonstriert, wie begierig selbst die etablierten Verlage (in diesem Falle Egmont) nach Material sind, das einigermaßen ins Schema von erfolgreichen Phänomenen – Graphic Novel, Autobiographie, Zeitgeschichte – passt.

15. Mai. 2015
von Andreas Platthaus
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