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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

30. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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Lieben Sie Mendelssohns?

Wer den Namen Mendelssohn hört, der denkt an Moses und Felix, vielleicht noch an Fanny, die Schwester des Letzteren, eine gleichfalls sehr begabte Komponistin. Doch das reicht nicht, denn die Familie Mendelssohn ist überreich an bedeutenden Persönlichkeiten gewesen, und gerade die aus der zweiten Reihe der öffentlichen Aufmerksamkeit sind unserer Beachtung besonders wert.

Vor zehn Jahren bekam man als Comicleser einen Vorgeschmack davon, als Elke Steiner einen schmalen Band mit dem Titel „Die anderen Mendelssohns“ herausbrachte. Ihr Gegenstand: Dorothea Schlegel, die berühmte Romantikerin, die aber auch Tochter des Philosophen Moses Mendelssohn war, und Arnold Mendelssohn, ein Enkel von Moses und Cousin von Felix Mendelssohn Bartholdy. Beide einte, dass sie im Widerstreit mit der Gesellschaft standen, Dorothea als emanzipierte Frau, die zwischen zwei Männern und damit quer zur Moralvorstellung ihrer Zeit stand, Arnold als politischer Kopf, der in Preußen keine Zukunft mehr sah. Auf nur fünfzig Seiten erzählte Elke Steiner nach einer Idee des Publizisten Thomas Lackmann diese beiden Lebensläufe. Anders als kursorisch konnte das nicht werden.

Nun ist ein weiterer Comic aus ihrer Feder über einen unbekannten Mendelssohn erschienen, und für diesen Karl Mendelssohn Bartholdy , den ältesten Sohn von Felix, hat sie sich diesmal gleich 125 Seiten Platz genommen. Ein Segen, dass dieses faszinierende Leben sie von dem bereits 2004 angekündigten Plan abbrachte, wieder mehrere Personen in einem Band zusammenzufassen; damals war neben Karls Schicksal auch noch das von Eleonora und Francesco von Mendelssohn angekündigt, den Ur-Urenkeln von Moses aus der Linie des geadelten Enkels Franz, eines Bankiers. Damit hätte die Geschichte bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts erzählt werden müssen, während Karl Mendelssohn Bartholdy schon 1897 starb, nachdem er mehr als zwanzig Jahre lang als geistig Gestörter in einer Schweizer Anstalt behandelt worden war. Da waren Eleonora und Fancesco noch nicht einmal geboren.

Was ein Glück also, dass Elke Steiner sich anders besonnen hat und nun eine auf einen einzigen Protagonisten konzentrierte Darstellung liefert. Wobei immer noch mehr als genug um ihn herum erzählt werden muss. Vom frühen Tod seiner Eltern etwa, wozu es notwendig ist, die rastlose Lebensführung des damaligen Komponistenstars Felix Mendelssohn Bartholdys zu schildern, der in Berlin und Leipzig wirken, aber in Frankfurt am Main leben wollte – vor dem Bau von entsprechenden Eisenbahnverbindungen. Oder die Karriere seines jüngeren Bruders Paul, der später Mitgründer und Generaldirektor der Agfa werden sollte. Er ist der eigentliche Erzähler von Elke Steiners Buch, denn das schildert die Reise der beiden Brüder Karl und Paul im Jahr 1874 ins schweizerische Königsfelden, wo man Heilung für den depressiven Karl suchte. In ihrer Begleitung ist der Krankenpfleger Thiel, dem Paul Mendelssohn Bartholdy auf der tagelangen Fahrt die Vorgeschichte der Krankheit seines Bruders erzählt.

Das ist ein sehr konventioneller literarischer Trick, der jedoch den Vorzug hat, die extrem persönliche Perspektive zu beglaubigen und doch auch immer wieder zu relativieren, indem Elke Steiner die Farbe von Blaugrau zu Schwarz wechseln lässt, was den Wiedereintritt in  die erzählte Gegenwart signalisiert. Zudem wird mit Thiel eine auf den ersten Blick unauffällige Figur etabliert, die aber als wichtiges Korrektiv zur einseitigen Meinung von Paul dient und Karls Partei einnimmt. Plötzlich wird dieser „andere Mendelssohn“ wiederum anders gesehen, nämlich nicht als gescheiterte Geistesgröße, sondern als immer noch respektabler Mensch. Dadurch bekommt der Begriff Emanzipation, der in so vielfältiger Weise mit der Geschichte dieser deutschjüdisch-protestantischen Familie verbunden ist, eine neue Dimension.

Zeichnerisch hat sich Elke Steiner in mehr als zehn Jahren kaum weiterentwickelt (Leseprobe unter http://www.reprodukt.com/produkt/deutscheautoren/die-anderen-mendelssohns-karl-mendelssohn-bartholdy/). Immer noch wirken ihre dicken Linien unbeholfen, und die dunklen Zusatzfarben kleistern bisweilen subtile Bildkompositionen zu. Da wäre ein neuer Ansatz hilfreich gewesen, aber offenbar zählte die antiquierte Anmutung der Panels mehr als gute Lesbarkeit. Das ist schade, weil es potentielle Leser verprellen wird, obwohl das Publikum durch Comics wie „Gift“ von Barbara Yelin mittlerweile viel besser vorbereitet wäre auf historische Comicstoffe in moderner Erzählweise. Aber der Band zu Karl Mendelssohn Bartholdy kommt alles andere als verlockend daher.

Dennoch bleibt es ein faszinierendes Vorhaben, das Elke Steiner hier weitertreibt. Und die aktuell gewählte Biographie, die vom empfindsamen Sohn des berühmten Komponisten zum erfolgreichen Historiker und dann in den Wahnsinn führt, ist ein mitreißender Stoff. Bisweilen hätten chronologische Hinweise gut getan, aber Elke Steiner setzt auch hier auf einen assoziativen Fluss des Geschehens, für den konkrete Daten irrelevant sind. Immerhin setzt ihr Comic mit einer Jahreszahl ein: 1874, als Karl erstmals in eine Anstalt kommt, in Görlitz. Und das Buch hört mit einer Jahreszahl auf, leider einer falschen. Denn Karl Mendelssohn Bartholdy ist nicht nach 21 Jahren in Königsfelden dort gestorben, sondern nach 23. Eine Kleinigkeit, aber bezeichnend für den Unwillen der Autorin zur historischen Genauigkeit, weil sich darin für Elke Steiner offenbar das Diktat eines gefährlichen Rationalismus verbirgt. Aber dann besser gleich ganz weglassen.

30. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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23. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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Nur nicht unter die Gürtellinie

Das nenne ich Disziplin in Liebesdingen: Im Abstand von jeweils zwei Jahren sind die drei Bände von „Royal Lip Service“ erschienen, Marika Pauls Boys-Love-Manga über ein schwules Paar in Dresden. Das ist kein Genre, dem ich sehr viel Aufmerksamkeit schenke, denn die Zielgruppe sind Mädchen, die sich an schönen Jungenkörpern und schwuler Erotik erfreuen – ein Parallelphänomen zur männlichen Begeisterung für lesbische Liebe, nur deutlich weniger banal sexualisiert. Aber abgesehen davon, dass mich generell sehr interessiert, was deutsche Künstler zeichnen, hat mich auch der Handlungsort Dresden gereizt. Die Stadt kenne ich gut. Und ihr Aussehen passt zu einer romantischen Geschichte.

Wobei „Royal Lip Service“ eher dramatisch als romantisch ist. Erzählt wird von dem norwegischen Kunststudenten Arjen, der an der Dresdner Akademie Malerei studiert. Bald verliebt er sich in den Rockschlagzeuger Victor, doch im Hintergrund lauert Arjens Stiefbruder Anton. Seit den gemeinsamen Kindertagen ist er in Arjen verliebt, und irgendwann kommt er nach Dresden nachgereist. Da sind wir aber schon am Ende des ersten Bandes.

Wobei das ja schon wieder vier Jahre zurückliegt, denn Band 1 erschien bereits 2011 (und nur dazu gibt es eine Leseprobe beim Verlag: http://www.carlsen.de/taschenbuch/royal-lip-service-band-1/25361). Marika Paul ist Jahrgang 1982, also jetzt gerade mal Anfang dreißig, aber angesichts der dynamischen deutschen Mangaszene, die schon begabte Schülerinnen fürs Zeichnen rekrutiert, war sie damals trotzdem eine Spätdebütantin. Die sich zudem Zeit ließ, es aber auch schaffte, den Spannungsbogen über ebenjene vier Jahre zu halten – und damit auch den Verlag (mit Carlsen ja auch nicht irgendwen) bei der Stange.

Viel japanischer, was die Figurengestaltung angeht, als in den Bildern von „Royal Lip Service“ geht es trotz deutschen und norwegischen Protagonisten auch kaum. Das endet allerdings bei den Geräuschwörter, von denen besonders Arjens Herzschlag (DADUMM) ein Leitmotiv durch alle drei Bände abgibt. Etwas nervig sind dagegen Geräusche wie „Gulp“ oder „Grab“ fürs Schlucken und Grabschen. Aber heutzutage muss es ja Englisch sein. Man denkt trotzdem melancholisch an jene Manga, die solche Effekte auf Japanisch ins Bild setzen und dadurch fürs deutsche Publikum meist unleserlich, doch zugleich viel besser sind. Erfreulich skurril dagegen ist in „Royal Lip Service“ die Übernahme der Praxis, Figuren in emotionalen Ausnahmezuständen wie Karikaturen anzulegen. Da hat sich Marika Paul richtig entschieden.

Und Dresden? Erstaunlich up to date. Im neuen Band gibt es einen Blick über Wilsdruffer Straße und Kulturpalast zum Residenzschloss, der genau dem derzeitigen Erscheinungsbild der in permanentem Wiederaufbau befindlichen Innenstadt entspricht (na gut, ohne die Gerüste am Kulturpalast). Die sächsische Landeshauptstadt gibt mit ihrem nachts morbid-ausgestorbenen Zentrum einen geeigneten Hintergrund für die traurigen Teile der Geschichte ab, zumal im Winter, der im dritten Teil den größten Teil der Handlungszeit ausmacht. Die Räume der Kunstakademie auf der Brühlschen Terrasse direkt am Elbufer sind gleichermaßen perfekte Dekors. Und besonders attraktive sowieso. Da betreibt „Royal Lip Service“ sogar noch etwas Stadtmarketing.

Nacktheit wird dezent gezeichnet – wie im Boys-Love-Genre eben üblich; unter die Gürtellinie geht wenig, der Waschbrettbauch ist Trumpf. Und natürlich jeweils ein eher feminin gebauter Knabe, hier selbstverständlich der sensible Künstler Arjen. Dass Marika Paul sich ganz am Ende, im Epilog, der die Handlung noch ein paar Jahre in die Zukunft treibt, tatsächlich einmal full frontal nudity gestattet, ist nur deshalb möglich, weil es da eine burleske Szene zu gestalten gab. Ansonsten wird auch das Alterslabel „16+“ offenbar nicht als ausreichende Warnung betrachtet, weshalb man jede Szene, die verstören könnte, scheut, und in die Nähe von Pornographie will im zeichnerinnendominierten Boys-Love-Genre ohnehin niemand.

Ach ja, was Marika Paul auch gut beherrscht, ist Seitenarchitektur. Wie sie die Panels auf den Taschenbuchseiten gewichtet, das zeugt von sehr durchdachter Arbeit. Ärgerlich dagegen die Graustufen bei Träumen, Visionen oder schlechtem Wetter. Da saufen die feinen Tuschelinien der Zeichnerin im abgedunkelten Papier geradezu ab. Und das ist angesichts des dramatischen Höhepunkts von Band 3 nicht nur graphisch enttäuschend, sondern unfreiwillig frivol.

23. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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16. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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Obacht! Vorlesespaß

Über eine neue Comicreihe soll hier erzählt werden, aber keine mit Büchern, sondern eine, die vier- oder fünfmal im Jahr an idealerweise wechselnden Orten Comickünstler mit deren neuen Publikationen vorstellen soll. Nicht, dass es solche Präsentationen seit dem breiten Erfolg der Graphic Novels  nicht schon in Buchhandlungen, Literaturhäusern oder Kulturzentren gäbe, aber erst einmal bislang nicht in Frankfurt am Main und dann auch anderswo nicht mit der hier avisierten Regelmäßigkeit.

„Stories + Strips“ ist der Rahmentitel der Reihe, und der Organisator Jakob Hoffmann macht keinen Hehl daraus, dass ihm dafür der Name der Hamburger Spezialbuchhandlung „Strips + Stories“ als Ideenlieferant diente (von denen er aber eine – dann auch freundlich erteilte – Genehmigung erbat). Das passt, weil auch dieser erst seit einigen Jahren etablierte Mittelpunkt der äußerst regen Hamburger Comicszene sich vor allem anspruchsvollen Hervorbringungen widmet und damit perfekt den Erwartungen des durch die Graphic Novels neugewonnenen Publikums entspricht. Es sind oft Hipster, die voller Stolz verkünden, dass sie keine Comic läsen, sondern eben nur Graphic Novels, aber das ist auch das einzig Naive an ihnen.

Zur Premiere der „Stories + Strips“-Reihe fanden sich an die drei Dutzend Interessenten in der Frankfurter Goldstein Galerie (spezialisiert auf Outsider-Art) ein, was den schönen Raum eines ehemaligen Feinkostladens mit Resten gründerzeitlicher Bemalung bis auf den letzten Platz füllte. Einige mussten gar stehen. Da traf es sich gut, dass der erste Gast, die Kanadierin Kate Beaton, gerade erst angekommen und seit 24 Stunden auf den Beinen war, so dass man ihr nicht mehr als eine Stunde zumuten wollte. Ihre Lebendigkeit, die sich vor allem in schallendem Lachen äußerte, legte allerdings Zeugnis davon ab, dass man ihr wohl noch viel mehr hätte zumuten können.

Beaton ist ein relativ junger Star des nordamerikanischen Independent-Comics. Sie wurde 1983 in Cape Breton geboren und lebt heute in Toronto, dem Herz der kanadischen Comicszene. Ihre Serie „Hark! A Vagrant“ hatte ich erst vor zwei Monaten in New York als Sammelband kennengelernt, gelesen, dann aber entschieden, das Buch nicht zu kaufen. Umso überraschender, dass der Zwerchfell-Verlag es kurz danach auf Deutsch herausbrachte, unter dem sehr schönen Titel „Obacht! Lumpenpack“.

Damit wird zwar das Altertümliche des englischen Titels nicht ganz so deutlich wiederholt, aber wenn man von der Zeichnerin Asja Wiegand, die das Lettering der deutschen Ausgabe besorgte, hört, dass die Übersetzung ursprünglich „Die verrückte Geschichte der Geschichte“ heißen sollte, kann man sich nur freuen. Der Grundgedanke des als Webcomics (http://www.harkavagrant.com/) seit 2007 entstandenen Strip-Serie ist einfach: Kate Beaton nimmt aus Geschichte oder Literatur bekanntes Personal und lässt es miteinander Gespräche führen, die in der Wirklichkeit oder den Büchern nicht stattgefunden haben. Dass sie dabei gängige Klischees über die jeweiligen Figuren nutzt, ist selbstverständlich.

Allerdings überzeugte mich bei der Lektüre auch die deutsche Fassung nicht. Vor allem, weil die meisten der sehr kurzen stripartigen Geschichten von Kate Beaton sich auf Phänomene der angelsächsischen Kulturgeschichte, bisweilen gar – ganz schwierig für Europäer – der kanadischen beziehen. Aber auch wenn man etwas gut kennt, Shakespeares Stücke etwa, Jane Austens Romane oder ein paar prominente historische Ereignisse, stellt sich oft ein schales Gefühl ein, weil die Masche so offensichtlich ist – und viele Gags absehbar. Zumal Kate Beaton über ein Talent ganz sicher nicht verfügt: eine Punchline zu liefern. Ihre Strips haben selten einen lustigen Abschluss, eher verlieren sie sich ins Unbestimmte.

Was bei Längen von drei bis acht Bildern auch schon wieder eine Kunst ist. Wie man auch bewundern kann, mit welcher erkennbaren Freude sich die Autorin ihrer Persiflagen annimmt (denn darum handelt es sich, nicht um alternative Geschichts- oder Literaturschreibung). Dass so etwas im Netz in Häppchen ganz hervorragend funktioniert, ist evident, und deshalb sind Website und Tumblr auch die bevorzugten Publikationsorte von Beaton. Wie sie selbst sagt, passte sie 2007 genau den richtigen Moment mit ihrer Idee ab. Doch berühmt über die Netzkreise hinaus wurde sie erst durch die Buchpublikation (und erst seit ihr kann sie von ihrer Kunst auch leben).

In Frankfurt trat die studierte Historikerin im Gespräch mit Jakob Hoffmann mit einer Verve auf, die mitreißend war. Und die Schriftstellerin Alexandra Maxeiner las einige Episoden auf Deutsch mit so großer Begeisterung, dass man fast an seinem mittlerweile zweiten Urteil zweifeln mochte. Eine weitere Überprüfung bestätigte es danach leider abermals. Offenbar ist der Vortrag der Strips aber ein sicherer Weg zum Erfolg, und das dürfte für nicht wenige andere Comics auch gelten. Insofern ist die Etablierung von „Stories + Strips“ ein Segen. Am 21. Mai kommt mit Lewis Trondheim ein Superstar als Gast zur zweiten Ausgabe. Danach ist mit Reinhard Kleist für September ein weiteres Schwergewicht angekündigt, ehe im Oktober die Lokalmatadoren Piwi und Ingo Röhmling anstehen.

Am meisten aber freue ich mich schon auf November, wenn mit dem Franzosen Marc Boutavant ein Illustrator der Extraklasse nach Frankfurt kommen wird. All diese Zeichner genießen meine Bewunderung für ihre Bücher. Wenn dann die Menschen dahinter auch noch überzeugen, ist das besonders schön. Bei Kate Beaton schätze ich jetzt die Person. Vielleicht kommt eines Tages auch ein Comic von ihr, der mich überzeugt.

16. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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09. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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Jugendliteratur, wie sie sein soll

Vor fünf Jahren bekam Émile Bravo als erster Comiczeichner den Deutschen Jugendliteraturpreis – für seinen Band „Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen“ (geschrieben von Jean Regnaud). Noch mehr verdient aber hätte er ihn für seine Serie „Pauls fantastische Abenteuer“, die in Frankreich als „Une épatante aventure de Jules“ bereits seit 1999 erscheint uns bislang sechs Alben umfasst. Warum deutsche Verlage fünfzehn Jahre brauchten, um deren Qualität zu erkennen, ist ein Rätsel, aber umso schöner, dass Carlsen sie nun doch noch ins Programm genommen hat und nach dem Debüt 2014 jetzt schon den dritten Band herausbringt: „Beinahe begraben“.

Was ist so bemerkenswert an den Abenteuern des schlaksigen Paul? Dass sie im klassischen Stil eines André Franquin gezeichnet sind, aber in der unmittelbaren Gegenwart spielen und dabei alle Themen aufnehmen, die Jugendliche heute umtreiben. Also Umweltschutz, Zukunftsangst, Drogenmissbrauch und vor allem Sexualität. Pauls Freundin Janet, die er im ersten Band kennen- und liebengelernt hat, bringt ein mädchenhaftes Selbstvertrauen in die Handlung, das im Comic nahezu allein steht. Außer Yves Chalands legendärer Dinah aus der Serie „Freddy Lombard“ (erschienen in den achtziger und frühen neunziger Jahren) gibt es keine vergleichbare Figur, und diese Serie richtete sich klar an Erwachsene. Bravo dagegen hat zuerst diejenigen Leser im Blick, die im Alter seiner Helden sind, also etwa Vierzehn- bis Siebzehnjährige.

Dass dem fünfzigjährigen Franzosen die Hineinversetzung in deren Lebenswelt offenbar spielerisch leicht fällt, macht einen Teil der Qualität seiner Serie aus. Der andere liegt im bereits beschriebenen zeichnerischen Geschick (eine Leseprobe gibt es unter http://www.carlsen.de/softcover/pauls-fantastische-abenteuer-band-3-beinah-begraben/51723), eine in Belgien und Frankreich tiefvertraute Linie zum ästhetischen Leitfaden seiner Bilder zu machen. Und dann ist da die grandiose Verknüpfung von existenziellen Themen – in „Beinahe begraben“ ist es illegale Müllbeseitigung, im zweiten Band „Unverschämt viele Klone“ Gentechnik – mit einem geradezu klassischem Abenteuerschema (eine Gruppe von gegensätzlichen Charakteren, wechselnde Schauplätze, die mal in der Ferne, mal in unbekannten Ecken der Heimat zu finden sind), das die Lektüre auch für Erwachsene fesselnd macht, vor allem, wenn sie Freunde der berühmten französischsprachigen Serie wie „Tim und Struppi“, „Spirou“ oder „Jeff Jordan“ sind.

emila bravo paul

 

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„Pauls fantastische Abenteuer“ halten diese Vergleich aus, weil sie originelle Geschichten erzählen und ihren Witz auf bewährte Weise aus den Marotten der Protagonisten ziehen. Ganz eigen ist Bravos Serie aber ein ironischer Blick auf die Welt der Erwachsenen (grandios ins Deutsche gebracht von Uli Pröfrock, dem derzeit besten Comic-Übersetzer), in der sich gerade auf Führungspositionen die kläglichsten Figuren finden – im aktuellen Band etwa der Bürgermeister des südfranzösischen Orts, wohin Janet, Paul und dessen vorlauter kleiner Bruder Romeo von ihrem erwachsenen Freund Bastien auf eine Höhlenexpedition mitgenommen werden. Was dann passiert, wechselt derart häufig das Thema, das man auch als Leser nicht weniger Überraschungen erlebt als die Protagonisten selbst. Und das man nebenbei erfährt, was Speläologie ist und vor allem, wie sie betrieben wird, ist nicht der kleinste Zugewinn, den dieses Musterbeispiel intelligenter Lektüre für Heranwachsende auch noch bietet. Her mit dem nächsten Deutschen Jugendliteraturpreis für dieses Meisterwerk!

 

09. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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02. Mrz. 2015
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Verfolgungswahn und Mutterliebe

Was Raphaela Buder in ihrem Debütcomic „Die Wurzeln der Lena Siebert“ veranstaltet, ist höchst beachtlich. Zumal er als Bachelor-Abschlussarbeit entstand (in Halle), was normalerweise mehr Freiheiten bedeutet, aber nicht unbedingt der Lesbarkeit zugute kommt. Denn im Studium kann man noch experimentieren, und es bedarf schon eines sehr guten Betreuers, um auch daran zu erinnern, dass man mit dieser Form ein erzählerisches Medium gewählt hat, nicht nur ein graphisches.

Dass der Comic so gut wurde, verdankt sich also neben der Autorin auch dem Betreuer; in Halle dürfte es sich um Atak gehandelt haben. Dass „Die Wurzeln der Lena Siebert“ dann noch den Afkat-Preis gewann, ist eine schöne Pointe: Atak meets Afkat. Ersterer ist der Berliner Comiczeichner Georg Barber, der seit einigen Jahren als Professor in Halle immer neue Talente hervorbringt, Letzterer ist der zum dritten Mal ausgeschriebene Comicförderpreis der Hamburger Rechtsanwaltskanzle Dr. Bahr, mit dem eine Publikation beim Mairisch Verlag verbunden ist. So kann können jetzt alle „Die Wurzeln der Lena Siebert“ lesen.

Und das sollte man tun, denn Raphaela Buder gelingt etwas sehr Schwieriges, was so einfach aussieht: die Perspektive eines Kindes. Die Titelheldin ihres Comics ist noch im Kindergartenalter und wohnt als Einzelkind bei ihrer alleinerziehenden Mutter. Die leidet unter Verfolgungswahn und sieht die Welt in der Hand von Scientologen, weshalb sie auch der Tochter Angst davor einimpft. Der seltsame Traum von Frau Siebert: mit Lena nach Amerika auswandern. Als ob es dort weniger Scientologen gäbe.

Aber die Plausibilität eines Wahnsystems spielt keine Rolle. Zentral für die Geschichte ist die Unfähigkeit der Mutter, ihrer Tochter eine Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen. Privat dagegen läuft alles bestens; Frau Siebert liebt Lena abgöttisch, und umso tragischer ist ihr Scheitern am sonstigen Leben, das sie schließlich in eine geschlossene Anstalt bringt. Lena wird vom Jugendamt zu Pflegeeltern gegeben.

Hier könnte nun ein Drama inszeniert werden, aber das Ehepaar kümmerst sich hingebungsvoll um das Mädchen. Sogar die Einschulung gelingt, obwohl Frau Siebert ihre Tochter gerade von den Lehrern immer besonders gewarnt hatte. Gleichzeitig aber bleibt Lenas Erinnerung an die liebevolle Mutter wach. Und so lässt sie sich gern darauf ein, diese zu begleiten, als sie eines Tages vor der Schule auftaucht und die Tochter einfach mitnimmt. Es geht ans Meer, du ndas Fernziel heißt immer noch Amerika.

Mehr zu erzählen, wäre schädlich, denn Raphaela Buder gelingt es meisterhaft, bei der Lektüre Unsicherheit, Mitgefühl und Freude in ständigem Wechsel zu erzeugen. Zu der kindlichen Perspektive passen die in Bleistiftschraffur mit weiß belassenen Konturen angelegten Panels (ein paar Seiten sind auf der Homepage der Autorin zu sehen: http://www.raphaelabuder.blogspot.de/search/label/COMIC), die nach allen Seiten hin offen sind – Entsprechung der Beeinflussbarkeit eines kleinen Mädchens. Gelegentlich wird eine andere Erzählperspektive eingenommen, etwa, wenn ein Gespräch zwischen den Pflegeeltern gezeichnet wird, das Lena nicht mithört. Doch es ist das Mädchen, das konsequent im Mittelpunkt der Handlung steht.

Alles Überflüssige hat Raphaela Buder aus ihrer 120 Seiten umfassenden Geschichte entfernt. Wo sie spielt ist egal, die Dekors sprechen für eine mittelgroße Stadt. Das Figurenensemble beschränkt sich auf ein rundes Dutzend Akteure, nur wenn nötig, treten ein paar Passanten dazu. Und besonders schön ist die Flucht von Mutter und Tochter ans Meer inszeniert, wie ein Märchen im tristen Alltag.

Welcher andere Comic zöge aus der Ambivalenz seiner Figuren eine solche erzählerische Stärke? Und dass Raphaele Buder als Autorin durchaus auch auf Seiten der geisteskranken Mutter steht, zeigt die Wahl des Titel: Ohne das Wahnsystem, aber auch ohne die Liebe von Frau Siebert wäre Lena wurzellos. Wurzeln kann man nicht entwachsen. Aber was daraus entsteht, das liegt in den Händen der Verwurzelten und derer, die ihr beim Aufwachsen helfen. Ein weiser Comic. Ein schöner sowieso.

 

02. Mrz. 2015
von Andreas Platthaus
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23. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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Der Junge aus der Mondfamilie

Wo hat Joey nur seinen Kopf? Das fragen sich alle, die Eltern, die Klassenkameraden und die Lehrer. Und die Leser von Andrew Raes Comic „Moonhead and the Music Machine“. Denn dessen Hauptfigur, eben Joey, lässt beim Aufwachen erst einmal seinen Kopf auf dem Kissen liegen und geht kopflos zur Schule. Aber seltsam genug: Das scheint niemanden zu wundern.

Es ist eine wunderbare Idee von Rae, eine Redensart wörtlich zu nehmen und seinen Joey in den Momenten, in denen er träumt, ohne Kopf zu zeichnen. Wobei dieser Kopf alles andere als normal ist, selbst wenn er wieder zu Joey stößt. Denn es ist ein Mondkopf, riesig, blass, mit einem Mondgesicht darauf und immer ein paar Zentimeter über dem restlichen Körper schwebend. So kennzeichnet Rae seinen Protagonisten auch noch als Außenseiter in der Schule, und wenn man zum ersten Mal die Köpfe von Joeys Eltern sieht (was spät geschieht), dann weiß man, dass dieser Junge ein Außenseiter durch Abstammung ist. „Moonhead“ kann man also ruhig als ein Gesellschaftsporträt lesen. (Und sich hier ansehen, inklusive Musikvideo: http://www.andrewrae.org.uk/Moonhead-and-the-Music-Machine)

Ein britisches natürlich, wie die Schuluniformen und etliche andere Details verraten. Erschienen ist Raes Comic nämlich beim englischen Nobrow-Verlag, ins Französische übersetzt ist er aber auch schon, und eine deutsche Fassung dürfte wohl nicht lange auf sich warten lassen, denn der Band hat alles, was einen internationalen Comicerfolg erleichtert: klare Graphik, Graphic-Novel-Format und vor allem eine Handlung, die in vielen Kulturkreisen angesiedelt sein kann.

Denn Probleme mit ihren Mitschülern, Lehrern und Eltern dürfte wohl die meisten Jugendlichen haben, und viele werden auch den Ausweg erträumen, auf den der gehänselte und schikanierte Joey hofft: eine Karriere als Rockmusiker. In einer hinreißenden Sequenz zeichnet Andrew Rae die Plattencover der Alben, die der Junge sich während eines Hausarrests anhört: alles Parodien von realen Stars wie den Beatles, Cream, Captain Beefheart, Michael Jackson, Martha Reeves and the Vendellas und etlichen mehr. Etliche davon haben übrigens auch Mondköpfe.

Joey baut sich ein Instrument, die „music machine“ aus dem Titel. Doch es bringt nur Misstöne hervor. Bis er einen Mitschüler trifft: Ghostboy, der genauso aussieht, wie sein Name lautet. Der beherrscht das neue Instrument perfekt, weil er aber scheu ist, spielt er es bei einem gemeinsamen Auftritt zwar, doch lässt die begeisterten Mitschüler glauben, dass Joey der Urheber des Wohlklangs ist. Wieder hat Rae zur Visualisierung des Erfolgs eine großartige Idee: Er zeichnet Doppelseiten, die man hochkant betrachten, das Buch also querlegen muss, und darauf wird die Musik in psychedelische Farbmuster umgesetzt, die das Publikum in die phantastischsten Kreaturen verwandeln.

Am Tag darauf ist Joey plötzlich der Beliebteste von allen, und etliche Mitschüler haben sich in ähnliche Sonderlinge wie er verwandelt – die Schule, wie Rae sie nun zeichnet, gleicht einer Freakshow. Die Einzige, die vorher zu ihm gehalten hat, das Mädchen Sockets, sieht sich allerdings nun vernachlässigt, weil Joey die neue Gunst der anderen genießt und sie darüber vergisst. Das wird sich rächen.

Es ist also eine durchaus moralische Geschichte, die Andrew Rae erzählt, und durch die konsequent eingesetzte Verfremdung der Akteure mittels Symbolen wie dem Mond oder dem Gespenst wird es auch eine allegorische. Dass sich am Schluss alles zum Wunderbarsten fügt, mag man unrealistisch nennen, aber Rae folgt damit konsequent den Traditionen solcher Außenseiterromane für Jugendliche. Und wie er am Schluss  den geheimnisvollen Ghostboy entschlüsselt und jedem Schüler einen eigenen solchen Helfer zuordnet, der jeweils nur durch anderes Schuhwerk individualisiert ist, das ist im Idiom der Comics so grandios gelöst, dass man dem Band die süßliche Harmonie gern nachsieht. Und überhaupt: Happy Endings sind ja auch mal schön.

23. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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17. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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Der Schimmel über Berlin

Ist es gestattet, einmal ein guilty pleasure vorzustellen, eine jener meist verschwiegenen Vorlieben, die sich nicht mit den Erwartungen decken, die Leser an meine Lektüren haben könnten? Ja, wenn das einmal geduldet sein soll, so möge diese Offenbarung dem Berliner Zeichner OL gelten, und speziell seiner Cartoonserie „Cosmoprolet“, die seit 2006 im zweiwöchentlich erscheinenden Stadtmagazin „tip“ erscheint.

Glücklicherweise gibt es beim Lappan Verlag mittlerweile schon zwei schöne querformatige Sammelbände mit den einzelnen Folgen, denn im Kontext lesen sich die jeweils aus nur einem Bild bestehenden Episoden noch besser (wer sich mal etwas davon ansehen will, muss einen Umweg gehen: über OLs eigene Website, auf der er Originale zum Kauf anbietet: http://shop.ol-cartoon.de/Originale-oxid/. Da sind auch „Cosmoprolet“-Folgen dabei, und nur hier kann man sie sich durch Anklicken schön groß darstellen lassen). Der zweite ist gerade erschienen, und er sollte nicht nur für mich Pflichtlektüre sein.

Worum geht es? Um Berlin und um Cosmoprolet, einen meist stummen Mann im klassischen Superheldenkostüm – blauer Anzug, roter Umhang, Augenmaske –, der auf jedem Bild auftaucht (manchmal relativ schwer zu identifizieren, aber das macht den Reiz aus), jedoch nur selten das Geschehen bestimmt. Dieser Superheld ohne erkennbare Superkraft ist vielmehr eine Art Flaneur, und den größten Einfluss auf OLs Szenen hat er als Gesprächspartner anderer Figuren, die dem armen Mann ein Ohr abkauen.

Was also bestenfalls mittelgründig als Superhelden-Comic-Strip gelten, ist vorder- wie hintergründig ein Berlin-Cartoon. Denn der gebürtige Berliner OL nimmt die Stadt nicht nur als Dekor (in extrem akribisch gezeichneten Szenerien, die man alle in der Wirklichkeit wiederfinden kann, wenn man das wollte), sondern auch als Akteur – in Form ihrer Bewohner. Hier bekommen die Berliner freien Auslauf in ihrer Wurschtigkeit, ihrem Witz, ihrer Wichtigkeit und ihrer Widerborstigkeit. Und so manches Hauptstadt- oder Metropolenspezifikum wird hier gesondert veralbert, so etwa die zahlreichen Dreharbeiten in der Stadt oder die Demonstrationsvielfalt. Oder auch der Niedergang von Hertha BSC, ein Gag, den man leider jedes Jahr mit neuer Aktualität abdrucken könnte.

Was diesen Olaf Schwarzbach (wie OL bürgerlich heißt) auszeichnet, ist seine Zeichnungskunst. Früher, in den Neunzigern, als er berühmt wurde, hatte er grandios verzerrte Protagonisten, die das Proletentum in jeder Hinsicht kultivierten: in Aussehen, Verhalten, Wortwahl. Mit seinen jüngeren gezeichneten Berlinsatiren, zu denen neben „Cosmoprolet“ auch „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ gehören (letztere in der „Berliner Zeitung“), hat er sich aber ein Feld als Stadtchronist erschlossen, auf dem er sich graphisch milde tummelt. Seine Figuren haben den simplen Strich eines Bosc oder noch passender Avril (vor allem in Kombination mit der Begeisterung für den Stadtraum), und gleichzeitig hat er sich doch die Drastik zumindest im Humor bewahrt. Und in der Bosheit, mit der er uns uns, wenn denn die Wahl dazu besteht, gewiss nicht das himmlische, sondern das schimmelige Berlin präsentiert.

Ich merke gerade: Bei OLs „Cosmoprolet“ handelt es sich gar nicht um ein guilty pleasure. Sondern um ein reines Vergnügen, auf das wir stolz sein können: dass es so etwas Witziges gibt.

 

17. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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10. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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Neonazis in Dortmund

Jetzt ging es aus traurigem Anlass wieder mal durch die Nachrichten: Dortmund hat die als aktivste eingeschätzte Neonazi-Szene in Nordrhein-Westfalen. Wieder mal wurde ein Asylantenheim bedroht, wieder mal konnte niemand dafür belangt werden. Aber immerhin schweigt die Lokalpresse die Ereignisse nicht tot.

Einer der dafür verantwortlichen Journalisten ist David Schraven, bis vor neun Monaten Chef des Recherche-Ressorts der WAZ-Gruppe, deren Zeitungen sich das Ruhrgebiet in schöner Eintracht aufteilen. Mittlerweile hat er eine neue Aufgabe: Schraven leitet ein von ihm mitbegründetes gemeinnütziges Recherchebüro namens „Correct!v“, das einer kommerziellen Monopolbildung der Presse entgegenwirken soll und dazu auf Förderung durch unabhängige Gönner setzt. Einen Preis als „Journalist des Jahres“ in der Kategorie Newcomer gab es dafür schon vom Fachblatt „Medium Magazin“; einen Wächterpreis gewann Schraven 2008.

Ein hochdekorierter Journalist also und einer, der auch den Comic für sich entdeckt hat. Vor vier Jahren schrieb er „Die wahre Geschichte vom Untergang der Alexander Kielland“ über eine 1980 gekenterte norwegische Ölförderplattform, die mehr als hundert Menschen in den Tod riss. Dieser Comic war eine Recherche, und Vincent Burmeister als Zeichner setzte die Ergebnisse von Schravens Arbeit eindrucksvoll duster um. Im Jahr darauf fanden sich beide noch einmal zusammen: für den Comic „Kriegszeiten“ zum militärischen Afghanistan-Einsatz der westlichen Staaten. Das brachte ihnen 2013 eine Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis ein.

Nun hat Schraven sich einen neuen Zeichner für ein neues Projhekt gesucht. Jan Feindt  ist seit Jahren im Geschäft, lebte allerdings einige Jahre in Tel Aviv, weshalb er in Deutschland nicht so präsent war, wie es sein sicherer Stil vermuten ließe. Lediglich in zwei deutsch-israelischen Comic-Anthologien war er vertreten, hatte daneben aber als Zeitschriftenillustrator einiges zu tun. Jetzt bringt er gemeinsam mit David Schraven seinen ersten großen Band heraus.

„Weiße Wölfe“ heißt er, und da der Titel in Großbuchsatben auf dem Cover prangt, kann das ß typographisch wie Himmlers SS gesetzt werden. Der Untertitel verheißt eine graphische Reportage über rechten Terror, allerdings beschreitet Schraven als Szenarist ungewöhnliche Wege. Wie etliche seiner Reportagecomickollegen arbeitet er sich selbst als Figur mit ein, doch die Perspektive wechselt zwischen seinen Recherchen und dem Weg eines jugendlichen Punkers aus Dortmund an den äußersten rechten Rand. Ob und wie dieser Teil der Geschichte recherchiert ist, lässt der Comic offen.

Das Nachwort lässt immerhin vermuten, dass auch diese Biographie zu einem Mitglied des 1987 begründeten international vertretenen Neonazi-Forums „Blood & Honour“ gehört. Die deutsche Untergruppe gilt als aufgelöst – wenn man dem nordrhein-westfälischen Innenministerium vertraut. Das tut Schraven aber nicht, und was er in seinem Comic zutage fördert, gibt nicht zu großen Hoffnungen, dass es anders wäre. Schon die banale Frage, die gleich am Anfang gestellt wird: Warum der NSU eines seiner Opfer 2006 in Dortmund erschossen hat (den türkischen Kioskbetreiber Mehmet Kubasik), führt zu einer Spur, die auf ein Netzwerk hinweist, in dem sich die beiden thüringischen Mörder und ihre mutmaßliche Verbündete Beate Zschäpe bewegt haben. Davon ist aber im Prozess gegen Zschäpe keine Rede. Schraven steuert nun neben den bereits bekannten weitere Indizien bei, dass man es hier mit mehr als drei Tätern zu tun hat – und das ein Zentrum für Planung und Ausführung in Dortmund lag.

Und es wäre ja schön, wenn man in der Vergangenheitsform bleiben könnte. Oder nur in Dortmund. Doch Stand dieses Comics ist die Gegenwart, und wenn am Schluss auf drei Doppelseiten die Perspektive sich zu einem Satellitenbild weitet, das erst Dortmunds Innenstadt, dann die Umgebung der Stadt und schließlich ganz Deutschland in den Blick nimmt, finden Feindt und Schraven eine bedrückend kongeniale Bildlösung für den überregionalen rechten Terror. Wie auch mit dem kalten Schwarzweiß des ganzen Buchs (einige Seiten kann man hier finden: http://correctiv.jimdo.com/).

Erschienen ist der Band übrigens nicht, wie man hätte erwarten dürfen, bei Carlsen, wo Schravens erste beiden Comics herauskamen, sondern im Eigenverlag  von Correct!v. Gewagt, aber er,möglicht durch eine Förderung der Rudolf Augstein Stiftung. Ob allerdings ein kritisches Lektorat nicht zumindest die regelmäßig eingestreuten Notate, die Schraven dem rechtsradikalen Roman „The Turner Diaries“ von William L. Pierce entnahm und von Feindt wie wirkliche beschriebene Seiten gestalten ließ, hätte herausnehmen lassen, weil hier noch eine Fiktionsebene ins angeblich recherchierte Geschehen eindringt, darf man fragen. Allerdings dankt Schraven seinen alten Carlsen-Redakteuren. Vielleicht war dieses Thema einfach zu heiß, als das er den Verlag den mit der Publikation verbundenen Risiken aussetzen wollte.

Eine Netzversion ist derzeit in Vorbereitung. Die wird dann auch gratis sein, wie es eigentlich die Aktivitäten von Correct!v allgemein sein sollen. Für den mehr als zweihundertseitigen Comic ist aber mit 15 Euro eher ein symbolischer Preis fällig. Und man ermöglicht damit weitere Recherche. So etwas wie David Schraven macht in Deutschland sonst niemand.

10. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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01. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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Auch bei Comics zählt Symbolpolitik

Jetzt ist „Charlie Hebdo“ auch verewigt: In Angoulême gibt es seit dem heutigen Sonntag eine Place Charlie. Der Bürgermeister benannte zur Mittagszeit in einem feierlichen Akt die bisherige Place des Halles, auf der das Comicfestival seit Jahren eines seiner Ausstellerzelte aufbaut, um – nicht nur in Erinnerung an das Massaker vom 7. Januar, sondern vor allem, wie dabei betont wurde, als Mahnung an die Zukunft, die freie Meinungsäußerung zu verteidigen. Auf dem neuen Straßenschild, das wie alle in der Innenstadt von Angoulême die Form einer Sprechblase hat, steht denn auch unter dem Namen die Devise „Pour la défense de la liberté d’expression“ (kurzer Fernsehbeitrag dazu: http://videos.tf1.fr/infos/2015/angouleme-la-place-charlie-inauguree-pendant-le-festival-de-8556998.html). Man kann den Anwohnern nur wünschen, dass das fortan nicht fest zu ihren Adressen gehört.

Die Benennung erfolgte in Absprache mit der Redaktion des Satiremagazins, aber während der Feierstunde völlig unsatirisch. Neben seinem Amts- und Parteikollegen aus Angoulême hatte sich als prominentester Gast der Bürgermeister von Bordeaux eingefunden, Alain Juppé, ehedem französischer Außen- und Premierminister für die konservative UMP. Die sozialistische Kulturministerin Fleur Pellerin weilte zwar zum Zeitpunkt der Umbenennung des Platzes auch schon auf dem Festival, ließ sich aber bei der Zeremonie nicht blicken. In Angoulême wurde ihre Anwesenheit am letzten Tag des Festivals ohnehin eher als schwacher Trost für den abwesenden Staatspräsidenten Francois Hollande betrachtet, mit dessen Besuch man insgeheim doch gerechnet hatte.

Immerhin gab sie der nachmittäglichen Preisverleihung die Ehre, auf der im Großen Saal des Stadttheaters die „Fauves“ verliehen wurden, also die als kleine Katzenplastiken gestalteten Preise für die besten im Vorjahr in Frankreich veröffentlichten Comics verliehen wurden. Insgesamt 35 Alben hatte die Jury für den Hauptpreis, die „Fauve d’or“, nominiert, und es gab keine Überraschung: „L’Arabe du futur“ von Riad Sattouf ging als Gewinner daraus hervor (Leseprobe auf Französisch: http://fr.calameo.com/read/003705385ab5cc1d1ae39). Damit wurde nicht nur eines der erfolgreichsten Bücher im Frankreich des Jahres 2014 ausgezeichnet, sondern auch ein Comic, der genau zum Ernst der Stunde passt, auch wenn er urkomisch zu lesen ist. Sattouf erzählt darin von seinen Kinderjahren, die er als Sohn eines syrischen Vaters in Libyen und Syrien verbrachte. Der Vater war ein kompromissloser Propagandist eines modernen arabischen Nationalismus, den er als in Frankreich ausgebildeter Politologe selbst mitaufbauen wollte (deshalb der Titel „Der Araber von morgen“), und die bretonische Mutter zog samt der beiden Söhne mit.

Dieser Band macht auf humoristische Weise mehr über das Verhältnis zwischen arabischer und westeuropäischer Welt klar als ganze Stapel Fachliteratur, und zugleich wirft Sattouf einen tiefskeptischen Blick auf die Heimat und auch die Überzeugungen seines Vaters. Dass der sechsunddreißigjährige Zeichner zudem bis Mitte des letzten Jahres regelmäßiger Mitarbeiter von „Charlie Hebdo“ war, dürfte der Wahl seines Buchs zum besten Comic gleichfalls nicht geschadet haben.

Den Spezialpreis der Jury erhielt die französische Ausgabe von Chris Wares im amerikanischen Original schon 2012 erschienenen Meisterwerk „Building Stories“, der Publikumspreis ging an die Rentnergroteske „Les Vieux fourneaux – Ceux qui restent“ von Paul Cauuet und Wilfrid Lupano. Diesmal leer ging der Berliner Jens Harder aus, der mit „Beta – Civilisations“, dem zweiten Teil seines großen Evolutions-Sachcomics, nach dem Auftaktband „Alpha“ schon zum zweiten Mal in Angoulême nominiert war. „Alpha“ hatte 2010 eine Fauve gewonnen. Die Auszeichnung für die beste Neuentdeckung erhielt der im Senegal angesiedelte Band „Yekini, le roi des arènes“ von Lisa Lugrin und Clément Xavier, der die Geschichte dreier realer Laamb-Ringkämpfer erzählt. Als beste comichistorische Publikation bekam der in den dreißiger Jahren publizierte chinesische Comic-Strip „San Mao“ (der nichts mit dem späteren kommunistischen Diktator zu tun hat) die entsprechende Fauve. Die erste Übersetzung ins Französische passte perfekt zum sehr aufwendigen Gastauftritt Chinas auf dem diesjährigen Festival, für den ein eigenes Zelt reserviert war. Da kam der Preis gerade recht zur Belohnung für das chinesische Engagement. Zum besten Band einer bereits laufenden Serie wurde Band 6 von „Lastman“ bestimmt, einem erzählerischen Hybrid aus Manga-Stil und Videospielästhetik.

Ein Fazit der vier Tage: Kompliment für die Durchführung unter erschwerten Sicherheitsbedingungen. Über die Qualität der Ausstellungen konnte man streiten, vor allem die Gestaltung war oft einfallslos. Am eindrucksvollsten geriet die, die am wenigsten Vorbereitungszeit gestattete: die spontan zusammengestellte Hommage an „Charlie Hebdo“. Da alle vier Tage im Zeichen der Pariser Attentate standen, passte das gut.

01. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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01. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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Ich bin doch keine Kinderzeichnerin!

Das musste ja so kommen. Am Samstag sorgten die nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ anberaumten Sicherheitskontrollen auf dem Comicfestival von Angoulême für endlose Schlangen vor den Verlagszelten und Ausstellungsorten. Zumal die Öffnungszeiten von jeweils zehn Uhr morgens sklavisch eingehalten wurden, genauso wie die Anfangszeiten der Diskussions- und Vortragsveranstaltungen, von denen einige gleichfalls um zehn Uhr morgens angesetzt waren. Der Zeitplan stammte noch aus den Tagen vor dem 7. Januar, aber warum sie denn den geänderten Bedingungen anpassen? Und so kam es, dass sich zu einer dieser vormittäglichen Veranstaltungen nur zwei einsame deutsche Gäste einigermaßen pünktlich einfanden (die allerdings auch durch ihre Presseausweise profitiert hatten, weil sie sich nicht in die hundert Meter lange Schlange mit normalen Besuchern vor den Kontrollposten einreihen mussten).

Also begegneten sich im Konferenzsaal der Musée de la Bande dessinée um 10.05 Uhr vier Menschen: die beiden deutschen Gäste, eine betretene Organisatorin und die Referentin, die fünfunddreißigjährige französische Comiczeichnerin Nancy Pena (von der unbegreiflicherweise noch kein einziges Buch auf Deutsch erschienen ist, man sehe sich nur http://nancypena.canalblog.com/ an). Letztere zeigte sich erfreut über diese ersten Besucher, einmal, weil überhaupt jemand kam, und dann, weil es sich dabei um Erwachsene handelte. Die Veranstaltungsreihe, in der Frau Pena auftrat, lief nämlich unter dem Titel „Rencontres jeunesse“, also Begegnungen für die Jugend, aber Nancy Pena versteht sich gar nicht als Zeichnerin für Kinder oder Jugendliche. Wie sie in diese Schiene geraten sei, wisse sie nicht, aber sie habe anfangs auch mal Illustrationen für Jugendbücher gemacht, also werde das schon irgendwie angehen.

Wann aber sollte es irgendwie losgehen? Die Organisatorin eilte ins Foyer, um die ersten durch die Sicherheitsschleusen gelangten Besucher zum Vortragsraum zu lotsen. Eine Frau mit zwei Kindern trifft ein. Der Junge fragt: „Worum geht es in Ihren Comics?“ Nancy Pena antwortet: Im neuesten Band um Medea, eine Zauberin aus dem antiken Griechenland.“ „War sie böse?“ „Das ist nicht so eindeutig zu sagen.“ Ehrlichkeit zahlt sich aus, die dreiköpfige Familie bleibt.

Um 10.20 Uhr kommt die Organisatorin aus dem Foyer zurück und verkündet einen ersten Anwerbeerfolg: Eine Gruppe von rund vierzig Kinder werde gleich eintreffen, eine Betreuerin ist schon mitgekommen. „Aber ich mache keine Kindercomics“ – die Beteuerung der Zeichnerin schreckt erfreulicherweise nicht ab, im Nu ist der Saal voll, in der ersten Reihe nehmen mit Gabriel und Etienne zwei hyperaktive Knaben Platz, deren Namen dank der Ermahnungen der Aufsichtsperson im Publikum bald besser bekannt sind als der der Künstlerin.

Nancy Pena hat wunderbare Comics gezeichnet: „La Gilde de la mer“ etwa, der aber nach zwei Bänden nicht mehr fortgesetzt wurde, weil sich der mutige Kleinverlag den finanziellen Aufwand dafür nicht mehr leisten konnte. Oder „Tea Party“, eine Geschichte aus dem England des neunzehnten Jahrhunderts, wo Penas literarische Vorbilder zu suchen sind. Und eben „Medée“, dessen zweiter Teil gerade zum Comicfestival erschienen ist. Um den soll es in der Präsentation gehen, aber die Geschichte von Medea ist eben kein Schlummerlied, doch das hat die Programmplaner nicht gestört, also wurde Nancy Pena ins Kinderprogramm geschoben, wo noch Platz war. Aus Rücksicht aufs junge Publikum wird sie kein einziges Bild aus „Medée“ zeigen. Aber der Vormittag wird dennoch grandios.

Denn die Kinder stellen großartige Fragen: „Was ist deine Lieblingsgeschichte?“ „Der gestiefelte Kater. Kennt ihr den?“ Betretenes Schweigen auf beiden Seiten: Die Kinder kennen das Märchen nicht, Nancy Pena versteht die Welt nicht mehr. „Was machen Sie, wenn Sie mal keine Comics mehr zeichnen werden?“ „Vielleicht Schafe hüten.“ „Und was wollten Sie vorher werden?“ „Schatzsucherin oder Entdeckerin.“ Wann wird man als Comiczeichnerin schon mal nach so etwas gefragt?

Man merkt Nancy Pena an, dass sie ausgebildete Lehrerin ist, die ihren Beruf aber mit 25 Jahren an den Nagel hängte, als sie ihren ersten Comic veröffentlichen konnte. Zehn Alben hat sie seitdem fertiggestellt und etliche Bücher illustriert, doch besonderes Vergnügen bereiten ihr Zeichnungen für T-Shirts oder Teedosen, „denn da muss ich als Illustratorin dreidimensional denken“. Am Schluss gehen Publikum und Zeichnerin zufrieden auseinander, auch wenn von der angekündigten Stunde Vortragszeit durch die einlasskontrollenbedingte Verspätung nur die Hälfte geblieben ist. Bei den Kindern war Nancy Pena genau richtig.

Solche Zuhörer hätte man auch Riad Sattouf gewünscht, dem Verfasser des erfolgreichsten französischen Comics im vergangenen Jahr, „L’Arabe du futur“ (http://fr.calameo.com/read/003705385ab5cc1d1ae39). Durch einen Zufall kam mir die Aufgabe zu, ihn ins Deutsche zu übersetzen (er erscheint in zwei Wochen), aber das musste sehr schnell passieren, und ich hatte Sattouf bisher noch nie getroffen, also wollte ich ihn nun zumindest einmal hören. Da sein Buch für den Hauptpreis des Festivals nominiert ist, wollten ihn aber auch Hunderte anderer Leute hören, und sie hatten dieselben Probleme, in die Salle Bunuel im Espace Franquin zu kommen, wie morgens etwaige Interessenten von Nancy Pena.

So herrschte noch weit nach Beginn des Gesprächs ein eifriges Kommen im Saal, und diese erwachsene Unruhe hätte man gern gegen die hyperaktiven Gabriel und Etienne vom Vormittag eingetauscht. Zumal der Moderator sich in ironischen Mätzchen gefiel, die dem Gespräch nicht zuträglich waren, wenn Sattouf sie auch souverän konterte. Keine Rede kam übrigens darauf, dass er zehn Jahre lang für „Charlie Hebdo“ gezeichnet hat. Erstaunlich, dass das größte Thema des Festivals dort keine Rolle spielte, wo man wirklich einen kenntnisreichen Gesprächspartner gehabt hätte.

Mittlerweile sind übrigens die anfangs schier unendlich scheinenden Bestände an der nach dem Attentat erschienenen Nummer von „Charlie Hebdo“ auch in Angoulême ausverkauft. Nur an den beiden Ständen des Satiremagazins selbst gibt es noch Reste, aber die werden nur an Interessenten abgegeben, die ein Abonnement abschließen. An einem der Stände beschied man einen deutschen Festivalgast, er möge doch zum anderen gehen; dort sagte man ihm dann, er möge die Ausgabe in Deutschland kaufen. Selten so gelacht! Aber dann bekam er doch noch zwei Exemplare. Gut, dass ich meines schon am Donnerstag erworben hatte.

01. Feb. 2015
von Andreas Platthaus
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30. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
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Unser Bürgermeister soll ein Schwachkopf sein?

Man kann nicht sagen, dass das Glück in Angoulême vollkommen gewesen wäre, als gestern gleich zwei Große Preise verliehen wurden. Nur merkte man davon nichts, denn die eigentliche Preisübergabe fand wetterbedingt nicht wie üblich auf dem Rathausbalkon, sondern in den repräsentativen Innenräumen statt, wodurch nur geladene Gäste etwas von dem mitbekamen, was geschah. Und das, was da geschah, erregte heute die Gemüter in der südwestfranzösischen Stadt, die sich viel auf zwei Dinge zugute hält: auf ihre illustre Vergangenheit als Sitz eines bedeutenden Grafengeschlechts und auf ihre Rolle als Comichauptstadt Europas. Deshalb wurden die beiden Preisträger nur sehr eingeschränkt gutgeheißen.

Bei „Charlie Hebdo“, der Satirezeitschrift, die drei Wochen nach dem Attentat auf ihre Redaktion, als erste in den Genuss eines Spezial-Grand-Prix kam, war an der Entscheidung nicht zu rütteln – alle in Angoulême stehen hinter dem Blatt. Aber das Blatt steht nicht hinter Angoulême. Deshalb entsandte die Redaktion keinen eigenen Mitarbeiter zur Preisverleihung, sondern ließ die Auszeichnung durch Jean Christophe Menu stellvertretend entgegennehmen. Menu ist als Zeichner und Verleger einer der streitbarsten Geister des französischen Comics und hatte als Aufgabe laut eigener Aussage nur eine Aufgabe: er selbst zu sein. Dann würde sich „Charlie Hebdo“ durch ihn blendend repräsentiert fühlen.

Bei seinen Dankesworten nahm Menu entsprechend kein Blatt vor den Mund. Keineswegs fühle sich „Charlie Hebdo“ von allen geschätzt, die sich nach den Morden als solidarisch erklärt haben. Man nehme nur den Bürgermeister von Angoulême. Das sei ein Schwachkopf, der die öffentlichen Bänke in seiner Stadt habe einzäunen lassen. Der auf diese Weise wenig schmeichelhaft bezeichnete Würdenträger, der den Preis immerhin gerade erst an Menu übergeben hatte, machte offenbar gute Miene zum sarkastischen Spiel, doch die Lokalpresse schäumte am Freitag über den dreisten Dank. Wobei Menu abermals nur die Anregungen seiner Freunde von „Charlie Hebdo“ befolgt haben wollte, die sich über die Einzäunung von Straßenbänken im Winter (um zu vermeiden, dass sich Obdachlose darauf legen) beklagt und ihn beauftragt hätten, diese anzuprangern. Dass es sich dabei um Satire der Redaktion eines Satiremagazins handeln könnte, kam in Angoulême wohl niemand in den Sinn.

Gravierender ist da die bereits einsetzende Kritik am eigentlichen Großen-Preis-Gewinner dem Japaner Katsuhiro Otomo. Die wichtigste europäische Comicauszeichnung gilt einem Lebenswerk, und der Sieger wird gleichzeitig zum Präsidenten des nächstjährigen Comicfestivals. In diesem Jahr war in Angoulême allerdings vom Präsidenten nichts zu sehen, denn Bill Watterson, Schöpfer der Comic-Strip-Serie „Calvin & Hobbes“, dachte gar nicht daran, sein selbstgewähltes und seit einem Vierteljahrhundert konsequent gewahrtes Inkognito zu lüften. Und 2016 droht wohl etwas Ähnliches. Niemand erwartet, dass Otomo, der sich nach dem Erfolg seines Manga „Akira“ in den achtziger Jahren ähnlich wie Watterson von den Comics weitgehend zurückgezogen hat, nach Frankreich kommen wird, um dem Festival vorzustehen. Dieses Desinteresse der Ausgezeichneten verletzt den Stolz der Menschen in Angoulême.

Deshalb werden wieder einheimische Preisträger verlangt (wobei man daran erinnern könnte, wie aktiv die beiden Amerikaner Robert Crumb und Art Spiegelman ihre jeweiligen Präsidentschaften betrieben haben). Aber unter den drei Finalisten um den Großen Preis gab es diesmal keinen einzigen Franzosen, und der Brite Alan Moore wäre im Falle seines Sieges gewiss auch nicht gekommen (der Belgier Hermann dafür umso sicherer, aber er gilt als politisch heikler Fall). Kurt gesagt: Früher war beim Festival alles besser. Und so sollte es nach dem Willen der Öffentlichkeit bitte wieder werden.

Doch was passieren kann, wenn man sich zu sehr an die Vergangenheit klammert, das war am heutigen Freitag im Theater der Stadt zu erleben. Dort war die neueste Ausgabe einer Besonderheit des Comicfestivals von Angoulême zu erleben: Um 14 Uhr stand ein Concert de dessins auf dem Programm. Diese Bezeichnung hatte Angoulême sich schützen lassen, als es das Prinzip vor zehn Jahren erfand: Comickünstler zeichnen auf der Bühne zu live gespielter Musik, und die Entstehung ihrer Bilder wird durch Kameras auf eine große Leinwand übertragen, so dass das Publikum im Saal ein synästhetisches Vergnügen hat. So weit so gut.

Ich erinnere mich an meine ersten Besuche von Concerts de dessins, damals bestritten von Blutch als alleinigem Zeichner beziehungsweise Dupuy & Berberian, einem Künstlerduo, das damals noch als untrennbar galt – und als ununterscheidbar in der jeweiligen Arbeit. Das Konzert bewies, dass die beiden durchaus unterschiedlich zeichneten, aber da stand eben ein eingeschworenes Team auf der Bühne; beide wussten, was der jeweils andere wollte, und so ergänzten sich ihre Bilder perfekt. Und Blutch duldete erst gar nicht jemanden anderen als Zeichner auf der Bühne. Zudem waren es damals Abendveranstaltungen. Auch das hat seine Bedeutung.

Diesmal standen nicht eine oder maximal zwei, sondern gleich acht Zeichner auf der Bühne, die in zwei Gruppen zu jeweils vier Personen kollektiv an ihren Bilder arbeiteten. Wirkte früher alles spontan aus dem Erlebnis der Musik geschaffen, so war diesmal alles bis ins Kleinste abgesprochen, was man sofort daran merkte, dass es einen vorproduzierten und zu Beginn des Konzerts eingespielten Film gab, der den Diebstahl eines Huts durch einen maskierten Herrn zeigte. Bestohlen wurde der Musiker Aleski Belkacem, und zwar in der Garderobe des Theaters von Angoulême (http://www.bdangouleme.com/571,concert-de-dessins).

Das war die Ausgangsbasis für das Konzert. Vier weitere Musiker (für Keyboard, Bass, Schlagzeug und Gitarre) kamen nacheinander auf die Bühne, doch noch bevor man sie überhaupt sah, wurden sie schon gezeichnet, und zwar täuschend echt, also vorher eingeübt. Aleski trat dann als Letzter auf, aber nur um sich zu weigern, seine Aufgabe als Sänger zu erfüllen, ehe sein Hut wieder da sei. Und so spielte seine Band dann eben allein, während Aleski mit dem Rücken zum Publikum schmollte und die beiden Zeichnergruppen auf ihren Bildern zur flotten Instrumentalmusik eine Verfolgungsjagd auf den Dieb inszenierten, die natürlich am Ende erfolgreich sein musste, damit das letzte Stück doch noch gesungen werden konnte. Ein in seiner Schlichtheit geradezu kindisches Konzept.

Das liegt daran, dass um 14 Uhr natürlich ein Großteil des Publikums aus Kindern besteht. Früher waren die Concerts de dessins ästhetische Erlebnisse, jetzt sind es reine Spektakel, auch wenn mit den Franzosen Jean-Louis Tripp und Alfred, dem Amerikaner Derf Backderf und dem Engländer Luke Pearson gleich vier international berühmte Zeichner agierten. Und Nie Jun aus China stahl allen die Schau, weil er binnen Sekunden Figuren auf dem Papier zum Leben erwecken konnte. Doch was hilft das, wenn die Handlung der zu erzählenden Geschichte so banal ist? Es war zwar bemerkenswert zu beobachten, wie einige Zeichner selbst für sie auf dem Kopf stehende Elemente eines Bildes ergänzen konnten, ohne dass es einen Bruch in den Linien gegeben hätte, doch das war mehr Artistik als Beseeltheit. Das Festival von Angoulême hat einen Mythos zugunsten größerer Popularität geopfert. Darüber aber beklagt sich niemand.

30. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
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29. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
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Vergnügen ist gut, Sicherheitskontrolle ist besser

In Angoulême geht die Welt unter, es regnet in Strömen. Das treibt die Besucher in die Zelte mit den Ständen des Comicfestivals und in die Ausstellungen, doch vor deren jeweiligen Besuch sind Sicherheitskontrollen zu absolvieren, denn natürlich steht diese 42. Ausgabe des größten europäischen Comicfestivals unter einem ganz anderen Stern als alle seine Vorgänger: Seit dem Attentat vom 7. Januar steht die ganze Branche im Zentrum der Aufmerksamkeit und gilt als Speerspitze im Kampf der Kulturen. Und folglich gilt sie als höchst bedroht.
Zugleich bekommt sie mehr Aufmerksamkeit als jemals zuvor. Als am Donnerstag, dem ersten Tag des Festivals, ein kleiner Fehlalarm im Musée de la Bande Dessinée ausgelöst wurde, war der große Komplex binnen Minuten geräumt, inklusive der deutschen Botschafterin, die aus Paris gekommen war, um dort eine technische Errungenschaft zu präsentieren, die mit Comics gar nichts zu tun hatte, aber im selben Gebäude gefeiert werden sollte. Der Übereifer bei der Räumung hatte seinen Grund darin, dass am selben Ort auch die „Charlie Hebdo“-Ausstellung zu sehen ist, die in einer wahren Herkulesarbeit in kaum zwei Wochen organisiert wurde und hervorragend geraten ist.
In langen gewundenen Tischvitrinen liegen sämtliche Ausgaben der Satirezeitschrift aus, aber auch deren Vorgeschichte – also die des Magazins „Hara-Kiri“, für das fast alle Mitarbeiter des 1970 gegründeten Blatts gearbeitet hatten – wird präsentiert. Hier zeigt sich, was für ein Zentrum des französischsprachigen Comics Angoulême mittlerweile ist. Nicht nur das Museum steht hier, sondern auch eine gigantische Spezialbibliothek, deren Beständen sich der Großteil der Ausstellung verdankt. Private Leihgeber steuerten dann noch ein paar Plakate und Originalzeichnungen der „Charlie“-Zeichner bei, Interviews mit den Künstlern wurden für Bildschirme aufbereitet  – fertig war die Schau.
Wie lange sie gezeigt wird, weiß niemand in Angoulême. Zu rasch musste sie konzipiert werden, als dass man sich darüber bislang hätte Gedanken machen können. Es steht zu hoffen, dass sie nicht nach den vier Festivaltagen schon wieder abgebaut werden muss; normalerweise erlaubt der Standort im Museum mehrere Monate Laufzeit, so wie im Fall der parallel gezeigten, aber natürlich auch viel länger vorbereiteten Ausstellung zu Tove Janssons „Mumins“, die ein großer Erfolg bei den jungen Besuchern ist. Allerdings müssen auch sie durch die gleich doppelten Kontrollen der „Charlie“-Schau. Und es macht wenig Vergnügen, in den entsprechenden Schlangen zu stehen, während es von oben schüttet.
Abends am ersten Festivaltag war der Regen dankenswerterweise etwas weniger grässlich, als traditionell vom Rathausbalkon herab der Gewinner des Großen Preises von Angoulême verkündet wurde: Katsuhiro Otomo (http://grandprix.bdangouleme.com/). Der japanische Mangaka, berühmt vor allem durch „Akira“, ist der erste asiatische Künstler, dem diese Ehre widerfährt, erstaunlicherweise noch vor seinem Landsmann Jiro Taniguchi, der diesmal einer Stargäste in Angoulême ist und von den Franzosen vergöttert wird. So sehr, dass er sich bei einem bis auf den letzten Platz gefüllten kurzen öffentlichen Gespräch am Nachmittag aus dem Publikum fragen lassen musste, wann er denn endlich in seiner Heimat so bekannt werde wie in Frankreich. Taniguchi lächelte, nannte das eine interessante Frage, und verwies darauf, dass er Manga zeichne, die eine langsame Lektüre erforderten. Das sorge dafür, dass sie in Japan schnell wieder aus den Verkaufsregalen genommen würden.
Wenn der Wirbel um Taniguchi, dem jede französische Zeitschrift, die sich überhaupt für Comics interessiert, ihre Januar-Titelstory gewidmet hat, ein Indikator sein kann, was im kommenden Jahr blüht, wenn Otomo nach Angoulême kommt, dann dürfte das Comicfestival endgültig für den Manga gewonnen sein. Immerhin nahm Otomo die Preisverleihung im fernen Frankreich so wichtig, dass er schon drei Stunden nach Verkündigung aus Japan eine Videobotschaft zum Dank schickte. Dabei war ihm auf dem Balkon sogar noch die Schau gestohlen worden. Es gab nämlich erstmals zwei Große Preise, denn an „Charlie Hebdo“ wurde eine Spezialauszeichnung verliehen (http://grandprix.bdangouleme.com/14/grand-prix-special.html). Damit hat die aus ehemaligen Siegern und Vertretern der Stadt bestehende Jury des bedeutendsten Comicpreises der Welt ein wenig Terrain zurückgewonnen.
Denn sie war entmachtet worden – was ich bislang noch gar nicht wusste. Mittlerweile erfolgt die Vergabe des Grand Prix über ein Votum von mehr als 3500 französischsprachigen Comicschaffenden, mit dem erst einmal drei Finalisten und dann der Gewinner festgelegt werden. Diesmal standen neben Otomo der englische Szenarist Alan Moore und der belgische Zeichner Hermann zur Wahl. Für den Japaner stimmten dann 38 Prozent, also eine ziemlich dünne Mehrheit. Aber der über Jahrzehnte aktiven Jury blieb gar nichts mehr – bis das Massaker von Paris sie noch einmal forderte. Hoffentlich zum letzten Mal, wenn es dazu solcher Anlässe bedarf.
Und in einer der Kategorien für die besten Publikationen des vergangenen Jahres wurde auch schon der Gewinner bestimmt: Als bester Comic für junge Leser ist der erste Band der Serie „Les Royaumes du Nord“ (Die Königreiche des Nordens von Clément Oubrerie und Stéphane Melchior ausgezeichnet worden. Wie es der Zufall wollte, saß ich gerade im „Chat Noir“, der Stammkneipe der deutschen Festivalgäste, als sich ein junger Mann mit stolzgeschwellter Brust und drei hochgestimmten Begleitern nebenan niederließ und eine „Fauve“ (den von Lewis Trondheim gestalteten Hauptpreis in Form einer Cartoon-Katze) auf den Tisch stellte. Das war Stéphane Melchior, und näher werde ich wohl keinem anderen Preisträger des Festivals mehr kommen. Denn wenn die anderen Auszeichnungen am Sonntag Nachmittag vergeben werden, dürfte ich schon wieder auf dem Heimweg sein.

29. Jan. 2015
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28. Jan. 2015
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Ein Comicfestival, das ganz Charlie sein wird

Dieser Eintrag wird in Tours geschrieben, einer französischen Stadt 210 Kilometer vor Angoulême, wo von morgen (Donnerstag) an vier Tage lang zum 42. Mal das größte europäische Comicfestival ausgerichtet wird. Natürlich steht es ganz im Schatten des Attentats auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ vom 7. Januar in Paris. Einer der dabei ermordeten fünf Zeichner war Georges Wolinski, der 2005 in Angoulême den Großen Preis der Stadt zuerkannt bekommen hatte und deshalb im Folgejahr Präsident des Festivals war. An ihn und an seine mit ihm gestorbenen Kollegen Jean Cabut, Stéphane Charbonnier, Philippe Honoré und Bernard Verlhac erinnert man sich in diesem Jahr in Angoulême besonders.

Die Preisträgerkollegen von Wolinski haben eine eigene Stellungnahme zu dem Attentat verfasst, und das Festival hat auf Facebook ein eigenes Hommage-Album angelegt (http://www.bdangouleme.com/648,le-dessin-et-ses-dessinateurs-sont-eternels), auf dem Zeichner ihre Arbeiten zu dem Pariser Massaker einstellen können. Und keine Geringere als „la fauve“, jene Katze, die Lewis Trondheim (Grand-Prix-Gewinner im Jahr nach Wolinski) als Maskottchen des Festivals gezeichnet hat, trägt das Schild „Je suis Charlie“.

Trondheim hat auch das erste Comic-Meisterwerk des neuen Jahres vorgelegt, das ich heute Nachmittag in einem Comicladen in Tours gekauft habe: „Capharnaum“, verlegt bei L’Association, dem Verlag, den der Zeichner selbst Anfang der neunziger Jahre mitbegründet hatte und den er mit fünf weiteren Kollegen vor drei Jahren vor der Pleite bewahrte. „Capharnaum“ ist das erste neue Trondheim-Werk, was seitdem dort erschienen ist, wobei es so neu gar nicht ist. „Récit inachevé“ (unvollendete Erzählung) steht auf dem Cover, denn die 275 jetzt publizierten Seiten sind der Torso einer ursprünglich angeblich auf fünftausend Seiten angelegten Geschichte, die Trondheim 2003 begann und 2005 abbrach. Damals begann just der Ärger um L’Association, der ihn für einige Jahre aus dem Verlag vertrieb.

Der Titel ist der Name einer fiktiven Stadt, in der sich eine aberwitzige Geschichte um eine Mörderbande abspielt. Sie wird von einer Spezialeinheit gejagt, die vor allem als Comic-Helden berühmt sind. Einer ihrer größten Fans ist Herr Hase, der unfreiwillig in die ganze Sache hineingezogen wird. Trondheim vermengt hier wieder etliche Genres, und wer das Ganze vor der Folie der “Charlie Hebdo”-Morde lesen will, der kann das tun, auch wenn alles schon vor zehn Jahren gezeichnet wurde.

Seitdem aber haben einige Vertrauenspersonen die in Notizbüchern gezeichneten Seiten von „Carphaneum“ gesehen und Trondheim zur Veröffentlichung geraten. Zu Recht. Es taucht darin nämlich das klassische Personal seiner Erfolgsserie „Lapinot“ (auf Deutsch: „Herrn Hases haarsträubende Abenteuer“) auf, und „Capharnaum“ ist überdies nicht weniger als die Fortsetzung jenes fünfhundertseitigen Albums „Lapinot et les carottes de Patagonie“, das Trondheim 1992 den Durchbruch beschert hatte. Zwar nicht die inhaltliche Fortsetzung, aber immerhin eine strukturell-ästhetische – „Capharnaum“ ist ein ähnlich frei erzähltes Abenteuer, auch wieder schwarzweiß gezeichnet und mit langen wortlosen Passagen.

Mit L’Association begann vor einem Vierteljahrhundert die Erneuerung des französischen Comics. Kein Wunder, dass der erfolgreichste französische Comic des vergangenen Jahres, „L’Arabe du futur“, von einem Zeichner stammt, der mit den Comics von Trondheim und Co. aufgewachsen ist und dann selbst bei L’Association publizierte: Riad Sattouf. Er ist mit seinem Bestsellercomic der heiße Kandidat für den Hauptpreis des besten Albums auf dem diesjährigen Festival, aber er käme auch als neuer Gewinner der Grand Prix in Frage, denn die Jury, die diese Auszeichnung verleiht (die früheren Preisträgern und Vertreter der Stadt), trifft sich erst auf dem Festival selbst. Und was könnte man sich als stärkere Reaktion auf die Pariser Morde vorstellen als die Auszeichnung eines Mitarbeiters von „Charlie Hebdo“?

Das ist Riad Sattouf. In der Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Novel Observateur“ von letzter Woche erzählt er auf zwei Seiten in einem kurzen Comic, wie er zu den „Charlies“ stieß. Er war 2004 wegen der Publikation seines Albums „La circoncision“ (Die Beschneidung) vor eine französische Kontrollkommission geladen worden, die über Verbote von Büchern entscheidet. Konkret machte man Sattouf den Vorwurf, mit seinem Vater (einem Syrer, der den Sohn gemäß muslimischen Regeln beschneiden ließ) in dem Buch zu respektlos umgesprungen zu sein. Der Zeichner suchte Beistand von Kollegen, die Erfahrungen mit dieser Kommission hatten, und wo hätte er diesbezüglich kenntnisreichere Leute treffen können als bei „Charlie Hebdo“, einem Magazin, dem bekanntlich nichts heilig ist? Man half ihm, und Sattouf wurde danach zum regelmäßigen Mitarbeiter, der im Heft wöchentlich seine Serie „La vie secrète des jeunes“ (Das geheime Leben der Jugend) veröffentlichte. Da er Redaktionssitzungen hasst, war er glücklicherweise am 7. Januar nicht dabei, als das Magazin ausgelöscht werden sollte.

Spannung ist also garantiert auf diesem Festival: Wie wird Angoulême der Toten gedenken, wie die Überlebenden feiern? Niemand konnte ahnen, wie brisant die diesjährige Veranstaltung werden würde. Ich selbst hatte sofort nach dem letztjährigen Festival nach mehrjähriger Pause wieder mal eines der raren Hotelzimmer gebucht, denn der Gewinner des Großen Preises 2014 und damit der Präsident des Festivals von 2015 heißt Bill Watterson. Mit „Calvin & Hobbes“ wurde der Amerikaner zu einem der berühmtesten Comiczeichner aller Zeiten, doch niemand kennt ihn persönlich, weil Watterson seit mehr als zwanzig Jahren völlig zurückgezogen lebt, keine Interviews gibt und keine Fotos von sich publizieren lässt. Traditionell wird dem letztjährigen Preisträger in Angoulême eine Sonderausstellung ausgerichtet, und schon das lohnt den Weg in den Südwesten Frankreichs. Und vielleicht wird Watterson ja wirklich da sein. Wobei ihn dann ja niemand erkennen würde. Aber allein die Hoffnung, dieser Legende einmal nahezukommen, sorgt für weitere Spannung. In den nächsten vier Tagen werde ich berichten, was in Angoulême geschieht.

 

 

28. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
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26. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
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Was hat denn die für einen Kopf?

Seit fünf Jahren gibt der Louvre eigene Comics heraus, elf Bände sind mittlerweile erschienen. Die Reihe hat zwei programmatische Bedingungen: Die Geschichten müssen im Louvre selbst spielen, und es sollen gestandene Comickünstler sein, die sie erzählen. Klar, das größte und berühmteste Museum der Welt ist auf seinen Ruf bedacht.

Neun der bislang elf Comics stammen von französischen Zeichnern (nein, Frauen sind bislang nicht vertreten, auch wenn Loo Hui Phang für Philippe Dupuy immerhin ein Szenario verfassen durfte), darunter solch Berühmtheiten wie Enki Bilal, Nicolas de Crécy, Bernard Yslaire, David Prudhomme oder Marc-Antoine Mathieu. Die beiden Ausnahmen sind Japaner: Hirohiko Araki, der einen klassischen Manga für den Louvre zeichnete, und jetzt als elfter und somit aktuellster in der Serie Jiro Taniguchi. Über ihn habe ich schon mehrfach an dieser Stelle geschrieben, und somit kann ich meinerseits zwei Dinge wohl als bekannt voraussetzen: Taniguchi ist der angesehenste lebende Mangaka, und er zeichnet im Vergleich mit seinen japanischen Kollegen eher westlich, weil seine Liebe dem französischen Comic gehört. Deshalb ist er vom kommenden Donnerstag (29. Januar) an auch einer der Ehrengäste beim diesjährigen Comicfestival von Angoulême. Mal sehen, ob er mir da begegnen wird … Aber der französischen Fachpresse entnehme ich, dass die Plätze für seine Signierstunden verlost werden. Und Taniguchi soll sehr scheu sein.

Aber eben ein Frankophiler und in diesen Tagen zu Gast in Frankreich. Beste Voraussetzungen also für eine Zusammenarbeit mit dem Louvre (und dem Pariser Verlag Futuropolis, der die Bände vertreibt). Taniguchis Band heißt „Les Gardiens du Louvre“ (Die Schutzgeister des Louvre) und kommt im klassischen französischen Albenformat daher. Aber dann schon die erste Überraschung: Er will von rechts nach links gewesen sein, also so, wie Manga im Original gedruckt werden, und das hat man bislang bei Taniguchi-Publikationen im Westen stets vermieden. Der Louvre setzt damit ein Signal: Wir wollen so authentisch japanisch sein wie möglich (und wie das Manga-Publikum es liebt).

Worum geht es? Wie fast immer bei Taniguchi um einen einsamen Mann, einen Japaner, der im Mai 2013 zu einem spanischen Comicfestival gereist ist und auf der Rückreise ein paar Tage in Paris Halt macht, um sich dort die Museen anzusehen (Leseprobe: http://www.futuropolis.fr/planche.php?id_article=790344). Leider ist er krank, nur mit Mühe schleppt er sich aus seinem Hotelzimmer zum Louvre, wo er auch prompt einen Anfall erleidet. Als er aus seiner Benommenheit wieder erwacht, ist das zuvor überfüllte Museum leer, und eine seltsam in Rosaweiß gewandete Frau spricht ihn an, die sich als einer der Schutzgeister des Louvre vorstellt. Taniguchi lässt in seiner Erzählung bewusst offen, ob es sich bei allem, was dann folgt, nicht nur um Fieberhalluzinationen seines Protagonisten handelt.

Was konkret folgt, sind Streifzüge durch einen Louvre, wie ihn keiner kennt (nämlich weiterhin menschenleer) und Ausflüge in die Geschichte des Museums und der Malerei. Zum Beispiel trifft der japanische Gast den Landschaftsmaler Jean-Baptiste Camille Corot, Vincent van Gogh und den für die Räumung der Louvre-Bestände im Zweiten Weltkrieg zuständigen Mitarbeiter – und das jeweils in ihrer Epoche. Der gute Schutzgeist, der diese Zeitreisen ermöglicht, entpuppt sich als Nike von Samothrake, deren weltberühmte Skulptur im Treppenhaus des Museums steht. Dass Taniguchi aus der reichen Auswahl an Artefakten des Louvre  ausgerechnet ein Objekt wählt, dem der Kopf und die einstige Bemalung fehlen, so dass man nicht sofort auf die Identität der jungen Dame in Rosaweiß kommt, ist ein geschickter Kunstgriff – andererseits aber habe zumindest ich mir die Nike (zugegebenermaßen mein Lieblingsobjekt im Louvre) ganz anders vorgestellt. Sie ist dann doch nur eine der vielen Taniguchi-Frauen, die bewusst ähnlich austauschbar gehalten sind wie seine männlichen Helden.

Immer, wenn Taniguchi farbig arbeitet, verliert seine Graphik an Charme. Das ist auch hier so. Was wäre das in Schwarzweiß für ein Fest gewesen, aber so etwas kauft der Louvre-Besucher wohl eher nicht. Man kann es sich – wenn auch in anderem Format – exemplarisch in seiner jüngsten deutschen Publikation ansehen: der Kurzgeschichtensammlung „Der Gourmet“ (erschienen bei Carlsen). Alles wie gehabt – ein Japaner mittleren Alters durchstreift Tokio, diesmal auf der Suche nach gutem Essen. Und natürlich ist alles schwarzweiß, weil die Geschichten ursprünglich für japanische Manga-Anthologien gezeichnet wurden. Das übrigens schon in den neunziger Jahren. Weshalb der dokumentarisch-klare Stil von Taniguchi eine Stadt rekonstruiert, die es heute kaum noch so gibt, mit den Straßenzügen, Menschen und vor allem Accessoires von damals.

Farbe kleistert solche Genauigkeit zu, oder um es brutal zu sagen: Der Louvre sieht nicht so aus, wie Taniguchi ihn koloriert. Er wird zur Fantasywelt, und das passt ja auch zur Geschichte, die erzählt wird, aber die wahre Stärke von Taniguchis Zeichnungen, ihr Realismus, kommt dadurch nicht zur Geltung. Die Farben unterstützen die elegisch-romantisierende Stimmung, die in allen Manga dieses Autors herrscht, zusätzlich, und das tut der Sache nicht gut, weil es zu viel des Wehmütigen ist. Zumal Taniguchi die Geschichte in einer Apotheose gipfeln lässt, die mit „Kitsch“ wohl noch freundlich umschrieben ist.

Aber natürlich muss man alles lesen, was man von ihm kriegen kann. Selbst weniger gute Geschichten von Taniguchi sind immer noch besser als fast alles andere. Und so ist meine Vorfreude auf Angoulême, wo es eine Ausstellung seiner Werke geben wird, immens. Von Donnerstag an, wenn alles klappt, zu ihm und allem anderen auf dem Festival mehr an dieser Stelle.

26. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
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18. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
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Das furiose Doppelspiel des Königs

Als Ralf König vom Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ erfuhr, machte ihn das sprachlos. Er, der wie kein zweiter prominenter deutscher Comicautor in Wort und vor allem Bild für die Meinungsfreiheit eingetreten ist, flüchtete sich in die Arbeit und gab keinen Kommentar zum Ereignis ab. Mit  „Prototyp“, „Archetyp“ und „Antityp“, seiner Comictrilogie nach Bibelmotiven, hat König erfahren müssen, was für einer Kritik man sich in religiösen Kreisen aussetzt, wenn man die Kraft des Lachens gegen die des Glaubens setzt. Dass solche Kritik in Mord umschlagen kann, hat König nicht überrascht; das Ausmaß des Massakers schon.

Aber er hat es auch satt, sich von Fanatikern das Leben und die Kunst vergällen zu lassen. Nach dem religiösen Furor hatte König sich deshalb zuletzt wieder auf seine langlebigsten Figuren, auf die seit 1989 immer wieder von ihm gezeichneten (und seit 1993 als eigene Comicalbenreihe veröffentlichten) Konrad und Paul, zurückgezogen. Und das diesmal gleich mit einer doppelten Publikation: Im vergangenen Frühjahr erschien bei Rowohlt, Königs Stammverlag fürs Populäre, der Band „Raumstation Sehnsucht“, jetzt legte König noch nach mit „Barry Hoden – Im Weltall hört dich keiner grunzen“, einem homoerotisch expliziteren, oder sagen wir besser: drastischeren Comic, der deshalb seinen Platz im einschlägigen Männerschwarm-Verlag gefunden hat.

Zwei Comics innerhalb eines Jahres, das ist bei König nichts Ungewöhnliches. Eine Besonderheit aber ist die Verknüpfung der beiden Bände, denn „Barry Hoden“ ist die Fortsetzung von „Raumstation Sehnsucht“, allerdings nicht vorrangig  in dem Sinne, dass darin etwas zu Ende gebracht würde, das der Vorgängerband  offen gelassen hätte. Vielmehr wechselt König die Schwerpunkte aus: Im Rowohlt-Band (Leseprobe unter http://www.rowohlt.de/fm90/131/Koenig_Konrad_Paul_Raumstation_Sehnsucht.pdf) steht Paul im Mittelpunkt, der gerade an einem schwulen Science-Fiction-Epos schreibt, dann aber wegen familiärer Probleme aus Köln zu seiner schwangeren Schwester nach Frankfurt am Main reist und dort seinen Schwager trifft, der, gelinde gesagt, Pauls sexuellem Beuteschema entspricht. Gleichzeitig verliebt sich der in Köln zurückgelassene Konrad in seinen schüchternen Klavierschüler. Und zwischen all diesen Irrungen und Verwirrungen sind Kapitel aus Pauls Weltraum-Roman eingeschoben, dessen Held den Namen Barry Hoden trägt.

Man kann sich also denken, was sich nun in dem nach dieser Figur benannten Band (zu dem es leider keine Leseprobe gibt) ändert: Hier steht das Raumfahrtabenteuer im Mittelpunkt, während die Liebes- und Schreibprobleme von Konrad und Paul die Funktion von Intermezzi annehmen. Hatte König in „Raumstation Sehnsucht“ die Barry-Hoden-Kapitel meist  noch in Prosa erzählt und zunächst nur durch Einzelillustrationen ergänzt, die zudem schwarzweiß gehalten waren, wird das Ganze nun zum durchweg farbigen Comic, was die bisherigen Genregrenze innerhalb der Handlung einreißt. Das allerdings wr im ersten Teil schon dadurch angelegt, dass auch hier der gezeichnete Anteil am „fiktiven“ Erzählen immer größer wurde. Subtiler also war „Raumstation Sehnsucht“, schon allein deshalb, weil der Titel des Buchs nicht einfach eine Persiflage auf das Theaterstück „Endstation Sehnsucht“ ist, sondern tatsächlich einige Strukturen des Geschehens ihren Ursprung in Tennessee Williams‘ Drama haben.

Dafür ist „Barry Hoden“ lustiger, weil Ralf König hier seiner Phantasie (und nicht nur der sexuellen) freien Lauf lässt. Auch dieser Titel persifliert: die deutsche Science-Fiction-Serie „Perry Rhodan“, doch mit diesem Vorbild hat die Handlung im zweiten Buch nichts gemein. Der Paul nicht ganz zufällig sehr ähnlich sehende Barry Hoden wird durch ein Schlurchloch in einen weit entfernten Teil der Galaxis verfrachtet, in dem eine seltsam entsexualisierte Gesellschaft lebt, die ihm den Wissenschaftler Gon Rath als Betreuer zuteilt, der ebenfalls nicht ganz zufällig wie Konrad klingt und aussieht (wenn auch ohne Brustwarzen und Testikel). Was im ersten Teil mangels zahlreicher Bilder noch rein durch Text vermittelt wurde – die Überführung von Pauls und Konrads Eheproblemen in den Science-Fiction-Roman des Ersteren –, das ist hier Auslöser einer wilden Parodie, in die jetzt das ganze Personal aus der „realen“ Welt miteinbezogen wird, also auch Konrads alte Freundin Brigitte, Pauls Schwester und der angebetete Schwager sowieso.

König zeigt sich auf der Höhe seines erzählerischen Könnens – und im Verteilen der beiden Bücher auf die jeweils passenden Verlage auch auf der Höhe seiner strategischen Werkplanung. „Barry Hoden“ dürfte er Rowohlt gar nicht erst angeboten haben, und so kommt Männerschwarm (als gleichfalls langjähriger König-Verlag) auch noch zum dickeren der beiden Teile (223 vs. 155 Seiten). Was sich in „Raumstation Sehnsucht“, aber auch in „Archetyp“ schon andeutete – die Einbeziehung von Fotos in die Hintergründe der Panels –, hat König hier vor allem bei Planetenansichten ebenso rigoros wie virtuos gehandhabt: So bekommen seine Himmelskörper durchaus anzügliche Oberflächen. Es dürfte dem Zeichner einen Heidenspaß gemacht zu haben, sich die geeigneten Partien dafür auszusuchen.

Großartig auch der Bogen, den die Handlung bei allen Unterschieden im Aufbau über die beiden Bände hinweg schlägt. Viele Leitmotive der Figurenkonstellationen kehren wieder, werden zart (soweit dieses Wort bei König angebracht ist) variiert und münden am Schluss von „Barry Hoden“  in einem Finale, das so wunderbar konstruiert ist, dass man endgültig bestätigt sieht, was König ja schon immer behauptet hat: dass in Paul wie auch in Konrad vor allem er selbst steckt. Also sind beide trotz allen Kapriolen ihrer Partnerschaft untrennbar. Und ihnen folgen wir tatsächlich noch lieber als auch dem schärften politischen Kommentar ihres Schöpfers. Denn der wäre nicht überraschend. Das Leben von Konrad und Paul dagegen ist es.

18. Jan. 2015
von Andreas Platthaus
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