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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

05. Dez. 2016
von Andreas Platthaus
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Wissenschaft als Comic

Universitäten sind für die erstaunlichsten Dinge gut. Das wissen seit einiger Zeit auch Comicleser, denn aus den deutschen Illustrationsklassen kommen einige der erfreulichsten deutschen Comics der letzten Jahre. Ob es Zeitschriften wie „Orang“ (HAW Hamburg), „Triebwerk“ (Universität Kassel) oder „Strichnin“ (Hochschule Augsburg) sind; ob man wunderbare Einzelbände nennt, die aus Kursen hervorgegangen sind wie etwa ATAKs Veranstaltung an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle, die uns Alexandra Rüglers illustrierte Version von Patricia Highsmiths Roman „Der talentierte Mr Ripley“ beschert hat; ob es Jungstars oder bereits Etablierte wie Aisha Franz (Kassel), Anna Haifisch (Leipzig), Max Baitinger (Leipzig), Sascha Hommer (Hamburg) und noch viele, viele mehr sind; oder ob wir Anthologien nehmen wie etwa die vor einem halben Jahr an dieser Stelle (http://blogs.faz.net/comic/2016/06/28/grandhotel-als-fluechtlingsmodell-887/) gewürdigten „Geschichten aus dem Grandhotel“ (Augsburg) – man könnte schier endlos weiter aufzählen. Aber besser ist, sich einzelne Publikationen genauer anzusehen.

Zur letztgenannten Gruppe, der der Anthologien, zählt ein Band, der sich mit einem quasi selbstreferentiellen Thema befasst: einer Art Hochschule, die jedoch einen höchst dubiosen Ruf genießt, nämlich der Kolonialschule in Witzenhausen. Die wenigsten werden überhaupt gewusst haben, dass es diese Schule in der Nähe von Kassel einmal gab. Sie existierte von 1898 bis 1944, war also eine Gründung des Kaiserreichs, das dort sein deutsches Personal für die Kolonien ausbilden lassen wollte, und eine Schließung der Nazis, die aber durch den Krieg dazu gezwungen wurden, nicht durch bessere Einsicht. Im Gegenteil: Witzenhausen passte vom Lehrplan her perfekt zum deutschen Überlegenheitsgefühl, aber 1944 wurde wohl auch langsam klar, dass es mit Kolonien fürs Reich nie mehr wieder etwas werden würde. Es war der geringste Verlust jener Jahre.

Die Grundstücke und Gebäude wurden nach 1945 von der landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Kassel weitergenutzt, und deren Studenten haben sich nun mit den Kommilitonen der auch in Kassel angesiedelten Illustrationsklasse von Hendrik Dorgathen und Geschichtsstudenten zusammengetan, um dieses heikle Stück eigener Institutionengeschichte aufzuarbeiten. Herausgekommen ist nicht nur eine Reihe gründlicher historischer Studien, sondern auch eine Publikation namens „Raus rein“, die Texte und Comics versammelt, die sich mit der Kolonialschule in Witzenhausen beschäftigen.

So lesenswert die Texte sind, interessieren hier doch vorrangig die Comics, und schon die Tatsache, dass der Berliner Avant-Verlag den Band ins Programm genommen hat, zeigt, dass hier Qualität geboten wird. Eigentlich müsste es als Beleg für die Qualität des Buchs genügen festzustellen, dass sich in „Rein raus“ der erste längere Comic von Hendrik Dorgathen seit Jahren findet: „Drei Schädel in Witzenhausen“, eine sechsseitige Recherche über Bestände der Asservatenkammer. Wo der Professor mit gutem Beispiel vorangegangen ist (er gestaltete auch eine „Kolonialismus Mindmap“, der man die verschiedenen Schlagworte einer untergegangenen Wissenschaft, deren Vorurteile leider immer noch aktuell sind, ablesen kann, und einen Prosatext, der die eigene Herangehensweise bei dem sechsseitigen Comic legitimiert), haben die Studenten eifrig nachgelegt. Florian Biermeier, Anne Zimmermann, Adrian Richter, Elena Seubert, Caroline Godglück und Carina Riemenschneider haben in jeweils ganz unterschiedlichen Stilen weitere Kurzcomics auf Grundlage der mehrsemestrigen Recherchen gezeichnet, und Carmen José hat eine illustrierte Geschichte über die Tropenhäuser in Witzenhausen geschaffen, die zwar kein Comic ist, aber dennoch lesenswert – man meint sich teilweise in Bilder des französischen Künstlers Sam Szafran versetzt (beim Thema Treibhäuser auch nicht verwunderlich).

Das Buch ist aber nicht nur ein Schaukasten für die Vielfalt graphischer Techniken (die in der Leseprobe des Verlags – http://www.avant-verlag.de/comic/raus_rein – schön veranschaulicht wird) und Darstellungsweisen, sondern auch eine Fundgrube für Material zur Witzenhausener Schulgeschichte. So gibt es Fotos, die den heutigen Zustand des Areals ebenso wiedergeben wie dort noch erhaltene Ausstattungsstücke oder Lehrmaterialien inklusive derart heikler Gegenstände wie eben Dorgathens drei Schädel. Man hat mit „Rein raus“ viel zu sehen und viel zu lesen, denn es ist ja keine durchgängige und auf bloße Anschaulichkeit getrimmte Comicpublikation, sondern auch wissenschaftliche Arbeit, und das bekommt zwar nicht jedem Text gut, aber dadurch erhalten die Comics einen Anspruch, der in dieser Branche nicht alltäglich ist. Und es wird der Beweis geführt, dass Comics durchaus zur wissenschaftlichen Arbeit taugen. Mehr als das: Sie machen die wissenschaftliche Arbeit leichter kommensurabel. Mal sehen, wie es auf diesem verheißungsvollen Weg an deutschen Hochschulen weitergeht.

05. Dez. 2016
von Andreas Platthaus
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28. Nov. 2016
von Andreas Platthaus
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Die zwei Asterix-Arbeiten des Uderzo

Das ist auch schon wieder vierzig Jahre her. Damals kam „Asterix erobert Rom“ in die Kinos, ein Trickfilm, der im Gegensatz zu den beiden zuvor erschienenen „Asterix“-Filmen nicht auf ein existierendes Album zurückging, sondern eigen fürs Kino geschrieben worden war, und zwar von René Goscinny persönlich. Was das hieß, war mir damals gar nicht klar, denn als Zehnjähriger denkt man nicht darüber nach, dass die Zeit von Menschen begrenzt ist. Goscinny schrieb wie ein Wahnsinniger an „Asterix“, „Lucky Luke“ und „Isnogud“, und dass er einfach noch ein Drehbuch zwischenschieben konnte, bei dem Film Co-Regie führte und dann noch den Text zu einem Bilderbuch daraus machte, das schien mir ganz normal. Ein Jahr später war der nimmermüde Goscinny tot.

Hätte er doch die Zeit, die der Film kostete, lieber noch auf ein normales „Asterix“-Album verwendet! Meinethalben sogar mit er Geschichte von „Asterix erobert Rom“, den die ist so übel nicht. Nach dem Vorbild der Arbeiten des Herkules (im französischen Original heißt der Film auch „Les douze traveaux d’Astérix“) müssen die gallischen Helden von Caesar gestellte Aufgaben bewältigen. Schaffen Sie es, will der römische Herrscher sie als Götter anerkennen und in Frieden lassen, versagen sie, müssen sie sich samt ihres ganzen Dorfes Rom unterwerfen. I Deutschland wollten das damals mehr als sieben Millionen Zuschauer sehen, mehr als drei Mal so viele wie in Frankreich. Dabei dürfte niemand überrascht gewesen sein, wie die Sache ausgeht: Am Ende ist Caesar Privatmann.

Das wäre der Comic geworden, mit dem Goscinny die „Asterix“-Serie zu einem Abschluss hätte bringen können, und deshalb wurde es auch kein Comic. Oder nur ein seltsamer, denn für französische Zeitungen wurde „Asterix erobert Rom“ tatsächlich als Comic-Strip umgesetzt, allerdings nicht vom etatmäßigen Zeichner Albert Uderzo, sondern von dessen Bruder Marcel, der die Sache gar nicht übel löste, allerdings mit der Ausnahme von vier Seiten nur in Schwarzweiß. Auf Deutsch ist ein Großteil der insgesamt 35 Seiten damals in der Fachzeitschrift „Comixene“ erschienen, also quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Aber es kam 1976 auch ein Album in den Handel, im üblichen Großformat und in prächtigen Farben, 58 Seiten stark, gezeichnet von Albert Uderzo. Nur war das die Geschichte, die ich eben „Bilderbuch“ genannt habe. Für dieses „große Buch zum Film“ hatte Goscinny den halbdialogischen Text verfasst und Albert Uderzo insgesamt 110 Illustrationen angefertigt, darunter einige, die wie Comicsequenzen funktionierten, allerdings jeweils ohne Sprechblasen.

Was Albert Uderzo vierzig Jahre später dazu getrieben hat, just diese Geschichte noch einmal ganz neu zu illustrieren, weiß Teutates. Jedenfalls ist jetzt noch einmal als „Album zum Film“ ein Heft erschienen, das zwar „Asterix erobert Rom“ heißt und dieselbe Geschichte erzählt, aber weder textlich noch graphisch mit dem Band von 1976 übereinstimmt. Der Text, so ist es auf dem Titelbild vermerkt, ist nach dem Szenario von René Goscinny bearbeitet – die zuvor prägenden Dialogpassagen sind beseitigt, es gibt nur noch gelegentlich wörtliche Rede. Wer hier am Werk war, wird verschwiegen. Neu übersetzt worden ist das alles jedenfalls auch. Die Zeichnungen wiederum sind auf sechzig eingedampft worden, darunter nur noch zwei-, dreimal Sequenzen, ansonsten meist eine große Illustration pro Doppelseite, weshalb der Umfang jetzt auch satte achtzig Seiten beträgt. Da der deutsche Verlag sich eine Leseprobe schenkt, sei auf den französischen verwiesen, der immerhin einiges Material zugänglich macht: http://www.asterix.com/la-collection/les-albums-de-films/les-douze-travaux-d-asterix.html.

Orientiert hat sich Uderzo größtenteils an den Zeichnungen von damals; sie hat er in den weichen, dreidimensional wirkenden Stil seines Spätwerks versetzt. Wobei dies hier ein Spätestwerk ist, denn Uderzo wird im nächsten Jahr neunzig, und dass er jemals wieder selbst eine solche Herkulesaufgabe angehen würde, dürfte niemand geglaubt haben. Er selbst nennt als Grund im Vorwort, dass das Drehbuch seines Freundes Goscinny einen „würdigen Rahmen“ verdient habe, aber ob die heutigen Bilder würdiger sind als die von 1976 ist Geschmackssache. Entdeckungen lassen sich jedenfalls kaum machen, denn im Großen und Ganzen hat Uderzo nur das, was wir schon kannten, noch einmal neu gezeichnet.

Immerhin gibt es eine schöne Hommage an René Goscinny, der als Werbeträger in einem U-Bahnhof auftaucht (eine der Aufgabe für Asterix und Obelix besteht darin, dass sie die Höhle einer Bestie erforschen sollen, in der sie kurzfristig in die Moderne transportiert werden). Und die auf Doppelseiten kaprizierte Gestaltung sogt bei etlichen Motiven für mehr Detailreichtum und spektakulärere Dramaturgie. Aber das macht den Verlust an klarer Linie, den Uderzo mit seiner späten Liebe zu Plastizität Farbverläufen erzwingt, nicht wett. Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass der Band als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für den Koloristen Thierry Mébarki gedacht ist, der als vom Meister präferierter Nachfolgezeichner bei den neuen „Asterix“-Comics durch Didier Conrad abgelöst wurde, weil er mit dem neuen Szenaristen Jean-Yves Ferri nicht zurechtkam.

Und so liest man auch das überschwengliche Lob Uderzos auf den verstorbenen Goscinny unwillentlich als einen Hieb gegen Ferri, der dessen Erbe als Szenarist angetreten hat (und das von Uderzo selbst, denn leider hatte der sich ja neun Alben lang auch als Autor betätigt). Da der Vorgängerband von 1976 aber längst vergrffen ist und nie wieder aufgelegt wurde, ist die umgearbeitete Version eine sinnvolle Ergänzung der „Asterix“-Reihe. Ein simpler Nachdruck wäre zwar zufriedenstellender gewesen. Doch das reichte Herrn Uderzo leider nicht. Wer hätte gedacht, dass der alte Mann noch so viel Glut in sich hat?

28. Nov. 2016
von Andreas Platthaus
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14. Nov. 2016
von Andreas Platthaus
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Bhagwan-Berlin

Wer schon zwei Jahre nach einem umfangreichen Comicalbum eine genauso umfangreiche Fortsetzung folgen lässt, der hat etwas Großes vor. Zumal wenn der erste Band, „Gleisdreieck“, den Untertitel „Berlin 1981“ trägt und nun unter dem neuen Band „Westend“ steht: Berlin 1983“. Da zeigt sich ein Programm, das der Szenarist Jörg Ulbert und der Zeichner Jörg Mailliet gemeinsam verfolgen, und man darf nur hoffen, dass es in der Chronologie noch weiter gehen wird (die Abfolge darf übrigens gern noch dichter werden; warum denn ein Jahr überspringen?).

Ob es allerdings über die achtziger Jahre hinausgehen kann, ins wiedervereinigte Berlin hinein, darf man bezweifeln, denn zu bedeutsam ist die spezifische Insel-Lage West-Berlins für die Geschichten, die Ulbert erzählt. Das war schon beim ersten Band so, der wie auch nun der zweite zunächst für den französischen Comicmarkt geschrieben wurde, und zwar jeweils unter dem Titel „Le Théorème de de Karinthy“. Was diese rätselhafte Bezeichnung bedeutet, habe ich schon vor zwei Jahren an dieser Stelle in meiner Würdigung der französischen Originalsaugabe erklärt (http://blogs.faz.net/comic/2014/04/07/zeitreise-den-berliner-terrorismus-488/), und immer noch gilt, dass die Stimmung in der Westhälfte der geteilten Stadt das zentrale ästhetische Motiv dieses Comics ist: die Isolation, das heruntergekommene Stadtbild, die quicklebendige Untergrund-Kultur in Politik wie Nachtleben, kurz: das ganze Lebensgefühl in West-Berlin. Diesmal ist der deutsche BerlinStory-Verlag den französischen Kollegen von „Des ronds dans l’O“ bei der Publikation aber zuvorgekommen. Eine Leseprobe bieten sie nicht an, aber das französische Amazon (https://www.amazon.fr/Westend-Berlin-1983-J%C3%B6rg-Ulbert/dp/3957230985/ref=sr_1_cc_2?s=aps&ie=UTF8&qid=1479115703&sr=1-2-catcorr&keywords=J%C3%B6rg+Ulbert) bietet ein paar Seiten aus der deutschen Fassung für ungeduldige Leser im Nachbarlan. Bestellen kann man es dann ja im normalen Buchhandel …

Einige der Hauptfiguren aus „Gleisdreieck“, der seinen Gegenstand im Linksterrorismus und den Infiltrationen dieser Szene durch die Polizei und Geheimdienste gefunden hatte, stehen nun wieder im Mittelpunkt, vor allem der untersetze Otto, der mittlerweile den Weg vom Linksextremismus zur Esoterik gegangen hat und seine Spitzeldienste in der Gemeinde des indischen Predigers Bhagwan leistet. Manch einer täuscht sich in ihm, denn in den violetten Gewändern und  dem scheinbar ungelenken Körper steckt ein im wörtliche Sinne schlagkräftiger Mann. Im Auftrag des beim Bundeskriminalamt beschäftigten Ermittler-Veteranen Friedrich Wittin bemüht sich Otto, dem abgetauchten Sohn eines Berliner Kammerrichters auf die Spur zu kommen, der diesen diskreten Hilfsdienst dann mit wohlgefälligem Verhalten im Gerichtssaal belohnen will. Denn dort steht ein Urteil über die Aktivitäten verdeckter Ermittler des Berliner Verfassungsschutzes an – eine Behörde, mit der Wittin und sein Amt in dieser Sache über Kreuz liegen. Die Staatsorgane arbeiten also jeweils mit dubiosen Tricks gegeneinander.

Ulbert und Mailliet haben ihren fiktiven Fall wieder mitten ins historische Zeitgeschehen verlegt, denn diese Gerichtsverhandlungen gegen V-Leute hat es im Berlin der siebziger und achtziger Jahre immer wieder gegeben – und ganz geklärt wurden die ihnen zur Last gelegten Morde und Mitwisserschaften darum nie. Das macht wie schon in Band 1 die politische Komponente auch im zweiten Teil der „Berlin“-Serie aus. Man staunt, wie intensiv die beiden heute in Frankreich lebenden Autoren, die allerdings beide das Berlin jener Jahre erlebt haben, für diese Hintergründe recherchiert haben. Und dadurch, dass Mailliet in seinen Panels wieder eine Straßenszene nach der anderen höchst ortsgetreu ins Bild setzt, erreicht auch dieser Band wieder eine Authentizität, die im Comic nicht alltäglich ist.

Die Geschichte verlangt Aufmerksamkeit, um den vielfachen Wendungen gerecht zu werden, und auch die Seitenarchitektur ist höchst ausgefuchst, denn auch wenn alles in Panels unterteilt ist, ziehen sich etliche Bilder doch über mehrere davon hin, so dass man erst in der Gesamtschau der Seite das eigentliche Bild erklärt. Köpfe, die halb angeschnitten rechts am Bildrand stehen, werden dann im Folgebild links um die fehlende Hälfte ergänzt, und alle solchen optischen Tricks dienen nicht einem Spektakel, sondern haben inhaltliche Notwendigkeit – sei es, dass etwas im Hintergrund passiert, was die Verschiebung des Fokus erfordert, sei es, dass gerade in einem Bild nicht gezeigt werden soll, was gerade geschieht, weshalb sich die Perspektive ändern muss. Einzig die Farben sind nach wie vor gewöhnungsbedürftig: der Stimmung entsprechende abgeschattete matte Farben, die zu sehr die Computerkolorierung erkennen lassen, unter der dann der penible Strich von Mailliet verschwindet, den man auf den in Schwarzweiß gehaltenen Kapitelvorsatzzeichnungen noch so schön erkennen kann.

Doch was da alles aus den Kulissen gezerrt wird, gleicht solche kleinen Mängel aus: Man erfährt, was die Bhagwan-Sekte und die Gäste in deren Diskotheken für Interessen verfolgten (wobei die Pauschalierung der Aussagen darüber nicht mit meiner eigenen Erfahrung als Mitte der achtziger Jahre einigermaßen regelmäßiger Besucher der Kölner Bhagwan-Disco übereinstimmt, aber gerade dass plötzlich auch andere Facetten einer vertraut scheinenden Institution plausibel werden, zeigt die Stärke der Recherche, die in „Westend“ eingeflossen ist). Und die dubiosen Praktiken von Anwälten, Ermittlern, Spontis und Kriminellen erscheinen hier als so ununterscheidbar, wie sie es damals wohl auch tatsächlich gewesen sind. Die Benennungen der Einzelbände nach Berliner S-Bahnhöfen lässt noch viele Optionen offen. Hoffen wir, dass Ulbert und Mailliet das Streckennetz Stück für Stück komplettieren.

 

14. Nov. 2016
von Andreas Platthaus
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07. Nov. 2016
von Andreas Platthaus
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Muss es beim Museum so museal zugehen?

Wenn es gälte, den stilistisch vielseitigsten europäischen Comiczeichner zu benennen, dann wäre Manuele Fior ein heißer Kandidat. Unter den bisher erst sieben Comics des 1975 geborenen Italieners gibt es kaum einen, der den anderen gliche. Das gilt auch für sein jüngstes Werk, das in Zusammenarbeit mit dem Pariser Musée d’Orsay erschiene Album „D’Orsay-Variationen“. Zwar könnte man sich bei den ersten Bildern an die 2010 publizierte Schnitzler-Adaption „Fräulein Else“ erinnert fühlen, weil die Zeit der Handlung und somit der Dekor gleich sind: Fin de Siècle. Doch das, was Fior dann in seiner eigenen Geschichte anstellt, geht in eine ganz andere Richtung als die einigermaßen strenge Bebilderung der Schnitzler-Novelle.

Die „D’Orsay-Variationen“, ein Jahr nach dem französischen Original nun auch auf Deutsch erschienen (beim Avant Verlag), sind genau, was der Titel besagen will: freie Erzählungen über Künstler und Werke, die in dem 1986 eröffneten Museum für die Kunst der zweiten Hälfte des neunzehnten und des frühen zwanzigsten Jahrhunderts zu finden sind. Fior nimmt die Biographien einiger der Berühmtesten unter ihnen – Degas, Ingres, Monet, Morisot – als Anregungen für eine locker gestrickte Handlung um die zeitgenössischen Akzeptanzprobleme jener Kunst, die wir heute „Impressionismus“ nennen. Und er bettet diese Zeitreise ein in den Traum einer Museumswärterin, die vor Henri Rousseaus „Schlangenbeschwörerin“ sitzt – dem zentralen Bild dieses Comics, weil Fior sich aus der surrealistisch-traumwandlerischen Stimmung des Gemäldes die eigene Erzählhaltung besorgt (Leseprobe unter http://www.avant-verlag.de/comic/d_orsay_variationen).

Das hätte grandios werden können, doch dem wurde nicht so. Woran liegt es? Daran, dass mittlerweile die Zahl der in Kooperation mit französischen Museen entstandenen Comics sehr groß ist – allein der Louvre hat seit 2006 schon zehn zu bieten. Immer soll es sich dabei um Geschichten drehen, die von den Werken der jeweiligen Häuser ihren Ausgang nehmen, und normalerweise sieht das so aus, dass irgendwelche Besucher in die jeweiligen Bilderwelten hereingezogen werden.So macht es auch Fior, und dieses Rezept ist mittlerweile etwas zu bekannt, als dass man es noch einmal erleben möchte.

Dazu kommt, dass er sich etliche der allerberühmtesten Werke im Musée d’Orsay ausgesucht hat, über die man als einigermaßen kunstinteressierter Leser auch schon einiges weiß, so dass die Anekdoten, die hier zur Sprache kommen, nicht eben überraschend sind. Die interessanteste Herausforderung liegt in ihrer Verbindung untereinander, und dazu hat Fior Edgar Degas ausersehen, der über mehrere Jahrzehnte in seiner künstlerischen und persönlichen Entwicklung begleitet wird, doch das wiederum verträgt sich nicht mit dem Ein- und Ausgangsbild „Die Schlangenbeschwörerin“ von Rousseau. Bloße Aneinanderreihung von Assoziationen würden in einem Comic zur surrealistischen Kunst plausibel wirken, nicht aber in dieser mühsam verbundenen Pseudobiographie des Impressionismus.

Zudem entspricht Fiors hier gewählter eigener Stil viel mehr der klassischen Salonkunst als dem damals neuen impressionistischen Phänomen. Die Statik der Figuren, deren Ausstaffierung und die durchaus aufwendig und zeitgemäß ausgeführten Hintergründe knüpfen alle bei dem Mann an, der zwar als Leitfigur von Degas vorgestellt, aber denn doch von ihm überwunden wird: bei Ingres. Allerdings einem Ingres, der in die pastellene Farbpalette von Degas getaucht ist, was ein seltsam eklektisches Erscheinungsbild entstehen lässt, das jegliche Bindung an die porträtierten Künstler negiert. Dadurch bekommt der Band nicht den Charakter von Variationen, sondern von Perversionen: Die jeweiligen individuellen Handschriften werden malträtiert, statt weiterentwickelt.

Die Ehre, von einigen der berühmtesten Museen der Welt angesprochen zu werden, macht Comiczeichner offenbar blind für die Herausforderung, die darin liegt. Sie ergehen sich in Anspielungen und Reminiszenzen, statt den Auftrag als Möglichkeit zu nutzen, ihre eigenen Themen und Fähigkeiten einem anderen Publikum vorzuführen. Durch den Verkauf in den Museen haben solche Bände ja zumindest das Potential dazu. Doch es ist evident, dass es den Beteiligten vor allem um Gefälligkeit geht – Ausnahmen wie Marc-Antoine Mathieus „Les Sous-Sols du Révolu““ von 2006 bestätigen die Regel. Bezeichnend, dass das der Auftaktband zur Louvre-Comicreihe war und seitdem auch nichts annähernd vergleichbar Interessantes mehr erschienen ist. So gesehen reiht sich Fior nahtlos ins viel zu schön sein wollende Elend dieser Versuche ein.

07. Nov. 2016
von Andreas Platthaus
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31. Okt. 2016
von Andreas Platthaus
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Der richtige Erbe

Als vor sechs Jahren bei Carlsen der Spirou-Extraband „Operation Fledermaus“ herauskam, lernte ich das Staunen neu. Von Yann, dem Szenaristen des Bandes, hatte ich schon lange eine hohe Meinung, aber dass es in Frankreich einen Zeichner namens Olivier Schwartz gab, der den Zeichenstil der Nouvelle Ligne Claire noch derart beherrschte, das war mir unbekannt. Hätte ich die Seiten ohne Wissen um den Urheber gesehen, hätte ich auf eine wiederaufgetauchte Arbeit von Yves Chaland getippt, dem 1990 tödlich verunglückten Star dieses Stils, eines meiner absoluten Lieblingszeichner. Niemand imitiert dessen ebenso nostalgischen wie schwungvollen Strich so perfekt wie Olivier Schwartz.

„Operation Fledermaus“ heißt im französischen Original „Le Groom vert-de-gris“, und das war eines jener vielen Projekte, die Chaland aus Begeisterung für eine Figur begonnen, aber nie beendet hatte. Es existieren ein skizziertes Skript und ein paar ausgearbeitete Seiten, aber die Genehmigung, diese im Zweiten Weltkrieg angesiedelte Geschichte um den belgischen Comic-Heroen Spirou zu erzählen, bekam Chaland nicht. Fast zwanzig Jahre nach seinem Tod besann man sich eines Besseren, zumal Chaland immer mehr zur Legende geworden war; Yann stellte deshalb die Geschichte fertig, und Schwartz zeichnete sie. Und ich bewunderte einen Künstler, der für mich aus dem Nichts heraus die Opulenz und den Witz des Retroc-Charmes der achtziger Jahre wiederbelebte.

Dabei war der 1963 geborene Schwartz damals schon Teil der Nouvelle Ligne Claire gewesen, nur hatte das jenseits der französischen Grenzen niemand bemerkt. Denn seine erfolgreichste Serie, „Inspektor Bayard“, wurde seit 1988 in einem alle zwei Monate erscheinenden Kindermagazin namens „Astrapi“ publiziert, und die insgesamt achtzehn Alben, die sämtliche Episoden nachdruckten, wurden auch nicht bei einem der großen frankobelgischen Häuser publiziert, sondern bei dem Verlag, der „Astrapi“ herausbringt: Bayard, der dem Helden auch seinen Namen gegeben hatte. Anfangs waren dessen Abenteuer als Rätselkrimis konzipierte Kurzepisoden von drei oder vier Seiten: Auf zwei oder drei davon wird ein Verbrechen beschrieben, das von Inspektor Bayard aufgeklärt werden muss, die letzte Seite bringt dann die Auflösung, die den Lesern bei aufmerksamer Lektüre schon vorher durch kleine Hinweise nahegelegt worden war. Schwartz ließ sich die Geschichten zunächst von wechselnden Szenaristen schreiben, fand nach zwei Jahren in Jean-Louis Fonteneau aber seinen dauerhaften Partner. Nach einigen Jahren erzählte das Duo auch albenlange Geschichten, die aber immer noch das Rätselelement beibehielten.

Das Zielpublikum von „Astrapi“ hat ein Alter von sieben bis elf Jahren, entsprechend harmlos sind die Geschichten, wobei man bisweilen schon sehr genau hinsehen muss, um die Hinweise auf die Lösung zu finden. Ein deutschsprachiges Äquivalent zu der Zeitschrift existiert nicht, und Kindercomics werden hierzulande eher als Hefte oder Bilerbücher, jedenfalls selten als Alben veröffentlicht. Deshalb ist „Inspektor Bayard“ bislang nie über die Grenzen gelangt. Aber mit dem Erfolg, den Olivier Schwartz mit „Operation Fledermaus“ hatte und dem er ein weiteres Spirou-Abenteuer („Die Leopardenfrau“) und den semifiktionalen Band „Gringos Locos“ folgen ließ, hat sein deutscher Verlag Carlsen jetzt auch das Risiko gewagt, „Inspektor Bayard“ auf Deutsch herauzubringen, allerdings bezeichnenderweise nicht im Albenformat, sondern etwas kleiner, dafür aber fast hundert Seiten stark, denn man hat die ersten beiden „Bayard“-Alben von 1993 zusammengefasst und noch fünfzehn Seiten Bonusmaterial angehängt.

Das wiederum hat man der in Frankreich seit vergangenem Jahr erscheinenen „Intégrale“-Ausgabe entnommen: einem Nachdruck, der jeweils vier Alben zu einem opulenten und reich kommentierten Hardcoverband zusammenfasst. Warum man nicht einfach diese Bände übersetzt, ist ein Rätsel, aber vermutlich glaubt man bei Carlsen nicht daran, Kindercomics für knapp dreißig Euro verkauft zu bekommen; die nun gestartete halb so dicke Serie kostet pro Band nur 13 Euro. Aber gleichzeitig hat das wohl niemand dem Übersetzer gesagt, denn im Zusatzmaterial der deutschen Ausgabe wird auf ein Bild auf Seite 171 verwiesen – die es natürlich gar nicht gibt. Redaktionell wurde die Ausgabe also sehr leblos betreut, zumal der Sprachstil der Übersetzung gerade im Anhang grässlich ist. Nur ein Beispiel aus einer Bildunterschrift zu einem ungedruckt gebliebenen Umschlagentwurf: „Wegen des Blutes wird es verworfen. Olivier Schwartz verwandelt darauf den Leichnam in einen riesigen Bücherstapel. Natürlich in Inspektor Bayards Comics, als Werk im Werk und Ankündigung von vielen zu erwartenden Alben.“ Man hört bis in die Satzstellung hinein das französische Original, aber flüssiges Deutsch ist das nicht. Und was soll die Bezeichnung „unveröffentlicht, erschienen in ‚Astrapi’“ über drei angehängten Extra-Geschichten bedeuten? Ganz einfach: unveröffentlicht in der ersten französische Albenausgabe, aber natürlich nicht generell unveröffentlicht. Irgendwer hätte bei Carlsen noch mal einen Blick auf diesen Comic werfen sollen, bevor man ihn drucken ließ.

Wobei das die graphische Qualität der Schwartzschen Geschichten nicht mindert. Sie sind eine Augenfreude für jeden, der die Nouvelle Ligne Claire liebt. Schwartz bringt eine Fülle von Anspielungen an seine Vorbilder unter, am massivsten in den Coverzeichnungen der Alben. Auf derjenigen, die nun auch die deutsche Ausgabe schmückt, steht Bayard auf dem Fenstersims eines Hotels, dessen Name gerade noch identifizierbar ist: „Moustique“, jenes Haus also, in dem Spirou arbeitet (und in dem „Operation Fledermaus“ größtenteils spielt). Die beiden nächsten Alben sind bis in die Posen der agierenden Figuren von Chaland-Covern inspiriert – Schwartz macht sich einen großen Spaß aus solchen Hommagen, und keinem anderen Comic ist „Inspektor Bayard“ so nahe wie Chalands „Freddy Lombard“, gerade auch in der optischen Gestaltung des Helden.

So ist diese Serie das für mich lange Zeit vermisste Bindeglied zwischen den Klassikern und dem Newcomer Olivier Schwartz (der dann ja gar nicht so neu war, wie ich lange dachte). Nur darf man nicht die üblichen Maßstäbe an die Handlungen anlegen. Wenn man aber das Kindliche dran akzeptiert und auch als heute ungewohnte Fortsetzung der schlichten Moral von Comics aus den fünfziger Jahren versteht, dann ist „Inspektor Bayard“ mehr als nur ein guilty pleasure. Und vielleicht gibt sich Carlsen bei hoffentlich noch weiteren Bänden etwas mehr Mühe. Denn es werden wohl doch überwiegend Erwachsene sein, die sich für die neue alte Serie begeistern werden – solche wie ich, die in den achtziger Jahren gelernt haben, was anspruchsvolle Comics sein können.

31. Okt. 2016
von Andreas Platthaus
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25. Okt. 2016
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Vier Doppelseiten für eine Explosion

Im spanischen Teil des Baskenlands wohnen die wenigsten Bürgermeister in den Orten, denen sie vorstehen. Aus Sicherheitsgründen leben sie in der nächsten größeren Stadt, denn in den Dörfern und Kleinstädten regiert ETA, die Terrororganisation, die jahrzehntelang für einen eigenen baskischen Staat mordete, bis 2011 ein Waffenstillstand verkündet wurde, von dem aber niemand sicher sagen kann, ob er das letzte Wort der Separatisten ist.

Der Comic „Mikel“ hat seine Handlungszeit in den Jahren 2006 bis 2010, als jedem Politiker im Baskenland auf dessen Anforderung Personenschützer zugeteilt wurden, auf Baskisch sogenannte „Txakurras“ (Hunde). Einer von ihnen war Mark Bellido, geboren 1975 im südspanischen Sevilla, also weit weg vom Baskenland. Mittlerweile lebt er als Schriftsteller in Brüssel – nach dem Waffenstillstand wurden die von privaten Sicherheitsdiensten gestellten Leibwächter meist arbeitslos – und schreibt auch Comics. So lernte er die belgische Zeichnerin Judith Vanistendael kennen, und gemeinsam entwickelten sie eine Geschichte, die auf Bellidos Erlebnissen als „Txakurra“ beruht du auf Französische unter dem Titel „Salto“ erschienen ist, im flämischen Original aber nach dem Namen des Protagonisten „Mikel“ heißt, und so ist nun auch der deutsche Titel. Wie Vanistendaels beide Vorgängercomics, „Kafka für Afrikaner“ und „Als David seine Stimme verlor“, ist auch der neue mehr als 360 Seiten dicke Band wieder bei Reprodukt erschienen.

Obwohl er so umfangreich ist, liest sich „Mikel“ sehr schnell. Das hat auch damit zu tun, dass Vanistendael bisweilen lange wortlose Sequenzen einschaltet, die der steten Aufmerksamkeit, die einem Leibwächter abverlangt werden, gerecht werden (Leseprobe unter http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/mikel-die-geschichte-des-bonbonverkaufers-der-im-regen-verschwand/). Ablenken lassen vom Beobachten der Umgebung darf man sich nicht, und genauso ist bisweilen auch dieser Comic gearbeitet, der selbst falsche Spuren legt, um die Fehlbarkeit von Einschätzungen zu dokumentieren oder auch einmal eine buchstäbliche Ruhe vor dem Sturm illustriert, ehe dann gleich vier Doppelseiten eine Explosion abbilden, die nicht nur das Sicherheitsgefühl von Mikel und seiner baskischen Kollegin Rosa erschüttert, sondern auch das des Lesers. Man weiß nicht, was einen bei Bellido und Vanistendael auf der nächsten Seite erwartet.

Und dann gibt es den Leerlauf eines Berufsalltags, bei dem alles auf den Rhythmus des zu Beschützenden abgestellt ist und somit den Beschützern gar kein eigenes Privatleben mehr möglich ist. Mikels Ehe zerbricht daran, und das ein mindestens so zentrales Element dieser Geschichte wie die Attentate der baskischen Extremisten. Zumal das Buch anhebt mit einer Schelmenepisode aus Mikels früherem Leben als Bonbonlieferant in Andalusien. Dort ist alles bunt und harmlos, nur die Familienpflichten als Gatte und Vater bringen Unordnung in eine sorglose Existenz. Mit dem freiwilligen Umzug ins Baskenland – Mikel hat schriftstellerische Ambitionen und will als Leibwächter Stoff für einen Roman sammeln – wird alles grau und regnerisch und bedrohlich. Zur familiären Unordnung kommt die politische dazu.

Die Farbkontraste beim Schauplatzwechsel aus dem Süden in den Norden haben wir im französischen Spielfilm „Willkommen bei den Sch’tis“ 2008 bereits ausgiebig vorgeführt bekommen, das ist also ein abgedroschener Effekt. Und der Untertitel des Buchs, „Die Geschichte eines Bonbonverkäufers, der sich im Regen auflöst“, ist so ziemlich das Furchtbarste, was ich je auf einem Comic gelesen habe. Aber so wollten es Bellido und Vanistendael, die Übersetzerin Ruth Notowicz kann nichts dafür und hat gute Arbeit bei der Übertragung aus dem Niederländischen (ja, so steht das im Buch vermerkt, nicht „aus dem Flämischen“) geleistet. Das allegorische Covermotiv ist ein weiteres Unglück dieses Buchs. Nichts weist darauf hin, was für eine brisante und interessante Story sich dahinter verbirgt.

Also Augen zu beim Kauf und erst wieder aufgemacht beim Hineinblättern. Dann packt einen das Buch und erweist einmal mehr den graphischen Einfallsreichtum von Judith Vanistendael, die zu den interessantesten belgischen Comiczeichnern zählt. An diesem Werk hat sie gemeinsam mit Bellido mehrere Jahre gearbeitet, und die einzige Parallele beim Geschick in der Bilddramaturgie in Verbindung mit einem tagesaktuellen Thema sehe ich bei Baru, dem großen Comic-Chronisten der Migranten in Frankreich. Wie er hat Judith Vanistendael ein sicheres Gespür für pathetische Seitenarchitektur und Rhythmuswechsel. Schon technisch betrachtet ist „Mikel“ ein Lehrstück. Was es dann inhaltlich zu bieten hat, ist noch bemerkenswerter: Zeitgeschichte, von der man nur hoffen kann, dass sie im Baskenland nun wirklich Geschichte ist.

25. Okt. 2016
von Andreas Platthaus
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17. Okt. 2016
von Andreas Platthaus
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Auf welcher Seite stehen die Zeichner?

Die Zwistigkeiten nehmen zu, überall in der Gesellschaft, besonders in politischen Fragen. Diskussionen um Pegida, Zuwanderung, Flüchtlinge, Islam oder Terror können Freundschaften beenden, spalten Familien, bringen Nachbarn gegeneinander auf. Die Fähigkeit, sich aufeinander einzulassen, scheint nicht mehr weitverbreitet zu sein. Deshalb ist es gut, wenn ein Comic zu Pro und Contra bei heiklen Themen einlässt.

Die Idee dazu hat Moga Mobo entwickelt, jenes mittlerweile seit Jahrzehnten existierende kleine Kollektiv, das immer wieder (allerdings auch in immer größer werdenden Abständen) Gratiscomics herausgibt, die durch Anzeigen finanziert werden. Das jüngste Heft der Herren Thomas Gronle, Titus Ackermann und Jonas Greulich, zu denen für dieses Vorhaben noch Andreas Hartung gestoßen, der jahrelang das Berliner Comicmagazin „Epidermorphytie“  herausgebracht hat, heißt „Comic Culture Clash“, und das Quartett hat dazu zahlreiche Kollegen eingeladen, zu bestimmten Zeitfragen graphisch Position zu beziehen. „In 20 Konflikten um die Welt“ kautet der Untertitel, und so sind vierzig gezeichnete Stellungnahmen von jeweils sechs Seiten Umfang entstanden, die diese zwanzig Fragen ausfechten. Über die Entstehung kann man hier mehr erfahren: http://www.comic-culture-clash.de/.

Dabei sind nicht nur Themen, die in Deutschland umstritten sind, sondern auch für uns erst einmal exotische Entgegensetzungen wie „Südsudan vs. Nordsudan“, „Flüchtlingsstrom vs. Slowenien“, Mexikanisches Militär vs. Drogenmafia“. Über den Front National, Taiwan oder Schiiten und Sunniten kann man schon eher eine eigene Meinung haben, und bei den anfangs genannten Themen hat eh jeder eine. Also auch die Zeichner, über deren Motivation, sich für eine bestimmte Frage und dann die eine der beiden damit verbundenen Positionen zu entscheiden, man gerne noch mehr erfahren hätte, als das knappe Vorwort bietet. Denn das nennt zwar Identifikation, Distanz und Ironie als mögliche Haltungen, überlässt aber die Einschätzung, welche Stellungnahme welchem Feld zuzuordnen ist, dem Leser. Das soll ruhig so sein, aber ob alle Wahlen freiwillig erfolgten, oder manchmal auch Zwangszuordnungen getätigt werden mussten, um die Liste vollbesetzt zu bekommen, hätte mich interessiert. Man hätte ja nicht Ross und Reiter nennen müssen.

Vertreten sind übrigens nur fünf Frauen, allerdings ist mit Naomi Fearn eine sehr prominente dabei. Andere Berühmtheiten sind Mawil, Klaus Cornfeld, Schwarwel, Hamed Eshrat oder Stephan Packard – Letzterer allerdings als Comictheoretiker mit einem Nachwort zu Tradition und Zukunft politischer Comics. Naheliegende Kombinationen gibt es seltener als erwartet: So hat der in Dresden lebende Zeichner Mamei sich nicht fürs Pegida-Thema entscheiden, sondern für „Assad vs. Syrische Opposition“ und dabei für die Seite Assads. Hamed Eshrat interessiert sich nicht für muslimische Themen, sondern für die Lage auf dem Berliner Mietermarkt. Nur bei „bei „China vs. Taiwan“ tauchen mit Fun-gei Cheng und Che Chen zwei Namen von Zeichnern auf, die man hier vermutet hätte.

So gut die Idee ist, so schlicht ist meist die Ausführung. Klar, sechs Seiten für eine Stellungnahme sind wenig, und nicht jeder stopft seine Bilder so voll mit Text wie Fabian Stoltz bei seinem Plädoyer für die israelische Seite im Streit mit Palästina. Das ist übrigens einer der Comics, die vorsichtig ausfallen, sich durch humanistische Werte gegen falschen Beifall abzusichern versuchen und deshalb nicht eindeutig Position beziehen. Das gilt für etliche der Beiträge, und daran erkennt man die Grenzen des Konzepts.

Denn Überzeugungstäter gibt es zu wenige. Eshrat ist ein Vorbild bei seiner gezeichneten Vorstellung vom Tod eines Wohnungsmaklers (die jedoch auch rasch wieder relativiert wird), aber ansonsten ist das Bemühen um möglichst wenig Zorn den meisten Beiträgen anzumerken. Und enen „Cultre Clash“, wie ich der Titel verheißt, hat man auch nur wenig, denn die Streitfrage betreffen zwar unterschiedliche Kulturen (und seien es auch nur Streitkulturen), aber die Zeichner selbst sind selten wirklich verschieden, geschweige denn, dass man ihren Duellen einen Kulturkampf ablesen könnte. Aber der hätte geplant wohl auch nur schwer entstehen können, denn die Künstlerszene, die „Moga Mobo“ kennt und um Beiträge gebeten hat, dürfte bei den meisten Fragestellungen nicht für unangenehme Überraschungen gut sein. Ein „Culture Clash“ aber hätte solche unbequemen, den meisten Comiclesern unbegreifliche Positionen gebraucht.

17. Okt. 2016
von Andreas Platthaus
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10. Okt. 2016
von Andreas Platthaus
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Wie erzählt man 112 Tage Warten?

Was passierte zwischen dem 1. Juli 1997 und dem 20. Oktober desselben Jahres? Kaum jemand von uns wird noch viel davon wissen, gerade weil in diesen 112 Tagen so viel passiert sein dürfte. Christophe André, ein französischer Mitarbeiter von „Ärzte ohne Grenzen“, dagegen weiß es genau, weil ihm in diesem Zeitraum nur eines passiert ist: Er war Geisel der tschetschenischen Separatisten, verschleppt am 1. Juli 1997 aus dem Ort Nazran in der Kaukasusrepublik Inguschetien, wo er im Einsatz war, freigekommen am 20. Oktober 1997 in der Nähe der tschetschenischen Hauptstadt Grosny. Dazwischen lagen 112 Tage Geiselhaft, die darin bestanden, dass er mit einer Handschelle angekettet auf einer Matratze liegen musste und dreimal am Tag losgemacht wurde, um zu essen und die Toilette aufzusuchen. Das war alles.

Und doch natürlich viel mehr, nämlich Angst, Zorn, Ungeduld, Frustration. Davon erzählt Guy Delisle in seinem gerade in Frankreich bei Dargaud erschienenen Comic „S’Enfuir“ (Entfliehen), in dem er die Erlebnisse von Christophe André, die dieser ihm schon vor Jahren erzählt hat, in eine mehr als vierhundertseitige Chronik umsetzt. Das ist selbst für Delisle viel, dessen vor fünf Jahren erschienener Welterfolg „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ immerhin auch schon 330 Seiten lang war. Aber darin erzählter nicht nur von einem ganzen Jahr, sondern auch von eigenen Beobachtungen, die er in Israel machte, wo er 2008/09 gelebt hat – übrigens als Ehemann einer Mitarbeiterin von „Ärzte ohne Grenzen“.

Warum brauchen fremde Erlebnisse in nicht einmal einem Drittel der Zeit noch mehr Platz? Weil Delisle in „S’Enfuir“ die Monotonie der Geiselhaft in den Mittelpunkt stellt, das unendliche Warten ohne jedes Wissen um das, was außerhalb des Hauses passiert, in dem André gefangengehalten wurde. Er sprach kein Russisch, geschweige denn Tschetschenisch, konnte sich also mit seinen Bewachern nur mittels englischer Brocken und Zeichensprache verständigen, aber die hatten auch gar kein Interesse, sich mit ihrer Geisel auszutauschen. Nachrichten drangen nicht zu ihm vor, ein einziges Mal sah er während der 112 Tage eine französische Tageszeitung, doch die durfte er nicht lesen. Ob man ihn für tot hielt, ob man sich um seine Rettung bemühte, was die Bedingungen für seine Freilassung sein könnten – all das wusste er nicht. Ablenkung gab es die ganze Zeit über nicht. André konnte nur über seine Situation nachdenken.

Davon erzählt Delisle, konsequent aus der Perspektive des Entführungsopfers. Und um die Unendlichkeit des ratlosen Wartens deutlich zu machen, braucht er die mehr als vierhundert Seiten. Und doch ist es auch eine Abenteuergeschichte, denn tatsächlich gleicht kein Tag in Geiselhaft dem anderen, weil jede Winzigkeit von André genau registriert wird, jedes Jota an errungener Selbständigkeit ein riesiger Triumph und jede Enttäuschung seiner Hoffnungen eine gewaltige Katastrophe ist. Gequält wird er nie, hungern muss er nicht, er wird nicht einmal schikaniert – dass ihn die Handschelle einmal schrecklich schmerzt, ist einem eigenen Befreiungsversuch geschuldet, der von den Bewachern nicht einmal bemerkt wird.

Die Kapiteleinteilung erfolgt nach Dauer der Geiselhaft, von 1 bis 111 (warum Delisle die Tage nicht richtig aufaddiert, ist ebenso rätselhaft wie eine fehlerhafte Chronologie zwischendurch). Und deutsche Leser, die seinerzeit den Fall bestenfalls registriert, aber sich nicht in den Details gemerkt haben, genießen den Vorteil, dass sie nicht wissen, wie es ausgeht. Selbstverständlich muss Christoph André davongekommen sein, sonst hätte er ja gar nicht von seinem Schicksal erzählen können, aber wie er davonkommt, dass ist am Schluss so verblüffend wie nur denkbar. Und deshalb wird es hier auch nicht verraten.

Der Band wird sicher bald auf Deutsch erscheinen, denn dazu ist Delisle auch hierzulande zu erfolgreich. Der kanadische Zeichner ist neben Joe Sacco zweifellos der bekannteste und erfolgreichste Comic-Dokumentarist. Ja, zusammen mit Sacco hat er diese Disziplin erst wirklich ins Bewusstsein gerückt, auch wenn Delisle mit seinen Berichten aus China, Nordkorea, Burma und Israel erst zehn Jahre nach Saccos ersten Reportagecomis begann. Gegenüber dem amerikanischen Kollegen ist bei Delisle immer Selbstironie ein wichtiger Faktor gewesen, auch widergespiegelt in der cartoonartigen Graphik. Das ist bei „S’Enfuir“ nun anders, denn Ironie steht ihm als Chronist der fremden Erlebnisse nur dann zu, wenn Christoph André sie selbst anklingen gelassen hätte, und das ist kaum der Fall. Und auch der Stil (eine leider arg kurze Leseprobe findet sich hier: http://www.dargaud.com/bd-en-ligne/s-enfuir-recit-d-un-otage,24226-ed5c9d1eae9ece13b79bb7c0436868c7) ist diesmal anders als bisher: immer noch stilisiert in der Personendarstellung, doch realistischer in den Proportionen und Gesichtszügen. Gleichzeitig aber ist sein Protagonist auf wenige individualistische Charakteristika beschränkt, von denen das markanteste noch der wachsende Bart ist. Trotz der persönlichen Geschichte sind es Typen, die hier auftreten – auch deshalb, weil André seine Bewacher so wahrgenommen hat.

Delisles Mut bei diesem Comic ist bemerkenswert. Nicht nur, dass der reale Fall fast zwanzig Jahre zurückliegt und Tschetschenien aus der Wahrnehmung der Welt so gut wie verschwunden ist. Auch der Bruch mit dem Erfolgsrezept autobiographischer Stoffe hätte die Rezeption erschweren können. Doch das Gegenteil ist eingetreten: In Frankreich hat sich „S’Enfuir“ sofort nach Erscheinen an die Spitze der Comic-Verkaufslisten gesetzt, zum ersten Mal in Delisles ohnehin schon erfolgreicher Karriere. Hier wird etwas geleistet, was zum Schwierigsten überhaupt gehört: die Spürbarmachung langsam verrinnender Zeit, ohne dass dabei ja Langeweile entstünde. Man ist vielmehr genauso gefesselt wie Christophe André: Geisel dieser Lektüre, die man ebenso wenig verlassen kann. Nur ist hier das Ende klar bestimmt. Was für ein Leseerlebnis.

10. Okt. 2016
von Andreas Platthaus
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04. Okt. 2016
von Andreas Platthaus
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Geht doch, aber geht’s nicht auch noch schneller?

Mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks wird die Comicwelt alle zwei Jahre durch den neuen Band von Katz & Goldt bereichert. Und jedes Mal frage ich mich: Ist das noch Comic? Ist es nicht eher Cartoon? Sprachkritik? Satire? Oder irgendetwas anderes mit C oder S am Anfang? Eines aber weiß ich: Es sind jeweils sehr gute Was-auch-immers.

Der neue Band heißt „Lust auf etwas Perkussion, mein kleiner Wuschel?“, und schon die Schreibweise von „Perkussion“ mit K ist charakteristisch, denn hier wird deutsch gesprochen du geschrieben. Wobei die Figuren von Katz & Goldt gerne englische Floskeln und Modewörter in ihre Dialoge einfließen lassen, damit ihre Gegenüber sich in Gedanken oder bisweilen auch explizit über diese Anglizismen beklagen und Besserung verlangen können. Und dann wird aus dem Gift-Shop ein Geschenke-Shop („Geht doch!“).

Max Goldt ist bekannt für seine lakonischen Beobachtungen in höchst elaboriertem Sprachstil, auch wenn seine weiland monatlichen Kolumnen in der „Titanic“ längst das Zeitliche gesegnet haben. Dafür ist er monatlich in der „Titanic“ mit einem doppelseitigen Comic vertreten, der von Stephan Katz gezeichnet wird, und dabei scheint ihm die Lust nicht auszugehen. Es gibt jedenfalls kaum etwas Abstrus-Komischeres in der deutschen Comiclandschaft, wobei sich die kleinen Geschehnisse nicht auf eine Pointe zubewegen, sondern im Vorbeigehen Witz an Witz reihen. Der zu nicht unerheblichen Teilen dadurch entsteht, dass Katz seien Figuren mit der graphischen Einfachheit von Piktogrammen anlegt, die aber durch meisterhaft abstrahierte Attribute wie Frisuren oder Kleidung typisiert sind: Jeder Akteur in diesen Bildergeschichten steht für eine gesellschaftliche Gruppe, und aus den Klischees, die man über diesen Menschenschlag hat, generieren Katz & Goldt die Grundlagen ihrer Comics (Leseprobe unter http://www.editionmoderne.ch/de/80/leseprobe/302/lust-auf-etwas-perkussion-mein-kleiner-wuschel.html).

Besonders reizvoll wird das, wenn die beiden Autoren sich selbst auftreten lassen und dadurch eine Metaebene betreten, die ihre eigenen Beobachtungen oder Kommentare noch einmal ironisiert. Wobei es gar nicht weltbewegende Ereignisse sein müssen, die da dokumentiert werden; bisweilen reichen ein paar Bilder, um zum Beispiel vom Fest zum 25. Geburtstag des Verlags Rowohlt Berlin (bei dem die Bücher von Max Goldt erscheinen, während die Comics von Katz & Goldt im Programm der Edition Moderne ihren Platz gefunden haben) zu berichten, dass 2015 im Literarischen Colloquium Berlin stattfand. Das markante Gebäude am Wannsee wird von Katz mit wenigen Strichen als Hintergrund gezeichnet, doch der eigentliche Clou liegt im Porträt der beiden Empfangsdamen („blutjunge Rowohlt-Señoritas“) an einem jener improvisierten Tresen bei Kulturveranstaltungen in angemieteten Räumen, die außerhalb des Schaffens von Katz & Goldt noch nie Beachtung gefunden haben. Und solche alltäglichen Details machen die Geschichten zu etwas Besonderem.

Da in zwei Jahren Schaffenszeit für „Titanic“ nicht genug Seiten für ein Album zusammenkommen, das den Ansprüchen von Katz & Goldt an buchgestalterische Opulenz genügte (Leinenrücken ist selbstverständlich, und neunzig Seiten sollen es schon sein), sind zwischen die Comics Cartoons eingestreut, die immer wieder bedauern lassen, dass sich das Duo nicht konsequenter an das hält, was es selbst einmal als Eigenanspruch erhoben hat: „the duo who does what duos should do“. Was es tun soll? Mehr zeichnen, damit ich nicht wieder zwei Jahre warten muss. Das ist zwar ein erfreulich dichter Ausstoß, aber ein einjähriger Rhythmus würde meine Leseverhältnisse zum Tanzen bringen.

04. Okt. 2016
von Andreas Platthaus
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26. Sep. 2016
von Andreas Platthaus
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Werther ist wieder da

Literarische Vorlagen sind für Comiczeichner mittlerweile rund um die Welt ein gefundenes Fressen. Und nachdem sogar Proust und Joyce mit ihren Hauptwerken Zeichner gefunden haben, die sich daran wagten, dürfte es wohl kaum noch etwas geben, bei dem gezögert würde. Ganz gewiss jedenfalls nicht gegenüber einem Buch wie „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang Goethe.

Es dürfte immer noch das wirkungsmächtigste Buch der deutschen Literaturgeschichte sein, nicht, weil es das anspruchsvollste wäre, aber einen europäischen Erfolg zu Lebzeiten, wie Goethe ihn als junger Mann mit seinem Debütroman von 1774 erlebte, hat es seitdem nicht wieder gegeben. Kafka starb lange, bevor seiner Bücher gelesen wurden, Thomas Mann und Stefan Zweig waren zwar weltweit erfolgreich, doch niemandem wurde ein solcher Kult entgegengebracht wie Goethe, in dessen Titelfigur sich unglücklich Verliebte vom ganzen Kontinent wiederfanden (und sich nicht nur wie dieser papageienbunt kleideten, sondern auch munter wie er umbrachten). Ein Klassiker ohne allzu viel Staub, wie man als Leser merkte, als Ulrich Plenzdorf es 1972 für die Gegenwart der DDR aktualisierte („Die neuen Leiden des jungen W.“). Das wurde dann zumindest noch ein gesamtdeutscher Erfolg. In Werther findet man sich auch heute noch gut porträtiert.

Nun gibt es den Comic dazu. Nicht den Comic davon. Denn Franziska Walther hat nicht Goethes (oder Plenzdorfs) „Werther“ als Comic adaptiert, sondern eine Bildinterpretation gewagt, die mit Goethes Originaltext arbeitet, aber das Geschehen ins New York der unmittelbaren Gegenwart versetzt: „Werther Reloaded“ heißt es nun. Walthers Werther treibt es äußerlich immer noch bunt, aber das ist heute im Multikulti-Gemenge einer Metropole nichts Besonderes mehr. Als Mitarbeiter ist der junge Hipster Werther Teil der Szene, doch einsam ist er wie sein Vorgänger vor einem Vierteljahrhundert. Seine entsprechenden Selbstbetrachtungen teilt er jedoch natürlich nicht mehr über Briefe mit, sondern auf den Sozialen Medien.

Soweit, so banal „reloaded“. Großartig aber ist, dass Franziska Walther tatsächlich keinerlei aktualisierten Text verwendet, sondern nur reinen Goethe, und die gewählten Ausschnitte sind grandiose Ausgangspunkte für ihre stummen Bildsequenzen. Und umgekehrt. Denn bis überhaupt der erste Goethe-Text kommt, ist ein rundes Drittel der Geschichte schon vorbei, und wir haben Werther selbst und seinen Alltag trotzdem bestens kennengelernt: rein visuell. Danach werden die Auszüge aus dem Roman immer dichter und länger, und nach scheinbarem Abschluss des Comics auf Seite 112 folgt noch eine Seite, die die Behauptung erhebt: „Das ist nicht das Ende!“ Egal, ob man das auf Werthers Schicksal bezieht oder aufs Buch selbst – jedenfalls folgt danach noch der ganze Prosatext des Buchs von 1774, weitere hundert Seiten. Ehe sich Goethes Held erschießt. Das ist dann doch das Ende, und Franziska Walthers dunkelviolette Baumwipfel rauschen.

Normalerwiese bin ich kein Freund von als Anhang abgedruckter Prosa, die die eigentliche Adaption dadurch entwertet, dass sie ein Misstrauen artikuliert, ob denn das Original noch zu verstehen wäre, wenn es nur bei den Bildern bliebe. Aber hier ist die Bearbeitung so frei und jahrhunderteübergreifend, dass der Reiz der Re-Lektüre groß ist. Zumal dadurch die Text-Auswahl von Franziska Walther in ihrer Plausibilität überprüfbar wird.

Und wie zeichnet die 1980 in Weimar (das passt ja!) geborene Illustratorin? Hier ist es zu sehen: http://kunstanstifter.de/buecher/werther-reloaded. In Buntstift, mit großen Rhythmuswechseln zwischen Doppelseiten und ganz kleinteilig aufgebauten Sequenzen. Ihr Werther kommt mit seinen fahlblauen Haaren daher wie ein Schnösel, aber etwas von einer edlen Seele steckt doch auch in ihm, obwohl die Gefühlskälte unserer Zeit im Vergleich mit Goethes emotional leicht erregbarer Generation im coolen Look des Wiedergängers den rechten Ausdruck findet. Gedruckt hat der Kunstanstifter Verlag, der seit Jahren mit prachtvollen Bilderbüchern überzeugt, das Ganze sehr schön; nur das rosa Papier, auf dem der Original-Werther-Text steht, ist eine schlechte Wahl, weil farbige Seiten für bloßen Text nicht eben augenfreundlich sind (und rosarot sieht Werther sein Leben ja gerade nicht). Gesetzt den Fall, es gäbe eine jugendlich-männliche Zielgruppe für dieses prächtige Projekt, dann dürfte die durchs feminin-süßliche Kolorit wohl auch eher befremdet sein. Aber Franziska Walthers Werther ist denn doch viril (und unverschämt) genug, um nicht nur auf einen Metrosexuellen reduziert zu werden.

26. Sep. 2016
von Andreas Platthaus
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19. Sep. 2016
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Madame la Présidente Le Pen

Ein prophetischer Comic? Gab es das schon einmal? Über „Eternauta“ von Hector Gérman Oesterheld ist das jüngst wieder gesagt worden, als diese argentinische Geschichte aus den späten fünfziger Jahren erstmals auf Deutsch erschien. Zu genau hatte Oesterheld darin die Atmosphäre der Angst und des Terrors vorweggenommen, die fast zwanzig Jahre nach Erscheinen von „Eternauta“ unter der Junta in Argentinien herrschen sollte. Aber dass Oesterheld selbst verschleppt wurde und seitdem verschollen ist, seine vier Töchter erschossen wurden – das hätte sich niemand träumen lassen, auch nicht nach der skeptischsten Lektüre des Dystopie „Eternauta“. Er wollte ja auch gar nichts vorhersagen, sondern nur eine abenteuerliche Geschichte erzählen.

Bei „Die Präsidentin“ verhält sich das anders. Deren Szenarist Francois Durpaire hat den Ehrgeiz, eine Prognose zu erstellen für den Ausgang der kommenden französischen Präsidentenwahl und der daraus resultierenden Ereignisse. Vier Prämissen zählt er im Vorwort auf, die erfüllt werden müssten, um seine Vorhersage eintreten zu lassen: „Erstens, Nicolas Sarkozy gewinnt die Vorwahl bei den Rechten; zweitens, es gibt eine starke Kandidatur der Mitte, das heißt eine zweite Kandidatur im Lager der Republikaner; drittens, Sarkozy wird infolge dieser Spaltung der Rechten chancenlos, die aber, viertens, auch dazu führt, dass keine Stimmen aus dem bürgerlichen Lager an den Kandidaten der Linken, Francois Hollande, gehen.“ Dann werde Marine Le Pen siegreich aus der Präsidentschaftswahl hervorgehen.

Die erste Bedingung scheint sich zu erfüllen, denn Sarkozy hat seine Kandidatur angekündigt; dass er Konkurrenz aus der eigenen bürgerlichen Rechten bekommen wird, dürfte auch so gut wie sicher sein. Unwahrscheinlich scheint derzeit von den vier Bedingungen nur die zu sein, die Durpaire sicher für die am leichtesten vorhersagbare hielt, als er das Vorwort vor fast einem Jahr verfasste: dass Francois Hollande für die Sozialisten antreten wird. Der amtierende Präsident ist so unpopulär, dass er nicht einmal sicher in die Stichwahl von 2017 zu kommen hoffen dürfte. Dadurch könnte sich der Lauf der Dinge ändern, denn Marine Le Pen hätte in der Stichwahl gegen einen Kandidaten der (weniger) Rechten wohl keine Chance.

Aber schon die Tatsache, dass man fast sicher damit rechnen muss, dass die Kandidatin des Front National die Stichwahl erreichen wird, zeigt, wie nahe das Modell von Francois Durpaire der Realität ist. Gemeinsam mit dem Zeichner Farid Boudjellal hat er im vergangenen Herbst für Furore gesorgt, als in Frankreich der Comic „La Présidente“ erschien – auf dem Cover eine breit lächelnde Marien Le Pen in der Pose, die sie für das Porträtbildnis wählen wird, das nach ihrer Wahl in allen französischen Amtstuben zu hängen hat. Dieser Comic wurde ernst genommen bei unseren Nachbarn, weil er ungeachtet seiner spannenden Rahmenhandlung um eine kleine Gruppe, die zivilen Widerstand gegen Le Pens Politik leistet, höchst sachlich Vermutungen zusammenträgt, wie die Dinge laufen könnten, und sie dann in eine Chronik der Ereignisse des Jahres 2017 verwandelt. An dessen Ende ist das Spiel offen: nicht gewonnen für den Front National, aber eben auch nicht verloren.

Dass der Band jetzt auf Deutsch erscheint (beim Verlag Jacoby und Stuart) und zudem der Frankreich-Kenner Ulrich Wickert ein Vorwort beigesteuert hat, zeigt, wie ernst man seine Erzählung auch hierzulande unter Experten nimmt. Durpaire konnte bei Abfassung seines Szenarios das Ergebnis des Brexit-Votums noch nicht kennen; in der deutschen Übersetzung ist es eingearbeitet, und dadurch wird der Lauf der Dinge noch plausibler. Alle Akteure auf dem politischen Feld sind reale Figuren, man wird also deren Verhalten im Licht des Comicgeschehens in der nahen Zukunft überprüfen können. Dass Marine Le Pens Vater als ehemalige Galionsfigur des Front National bald nach dem Wahltriumph seiner Tochter stirbt, ist natürlich gewagte Fiktion, aber mit dem für ihn ausgerichteten Staatsbegräbnis findet Durpaire ein starkes Symbol für die neue herrschende Klasse – und einen deutlichen Bezug zur Anfangszeit des „Dritten Reichs“, das Hindenburgs Tod zum Anlass eines Staatsakts machte, in dem das neue Selbstverständnis von Herrschaft vorgeführt wurde.

Gegen die komplexen und genau recherchierten Darstellungen der politischen Akteure wirken die Widerstandskämpfer wie Klischees. Eine über neunzigjährige Resistance-Veteranin ist der Spiritus rector, unter ihren Verbündeten ist eine bildhübsche Migrantin, die natürlich irgendwann deportiert wird. Aber selbstverständlich kann sich Frankreich nicht zur Gänze unheroisch zeigen, und wenn’s der Aufklärung dient, möge es eben so sein. Boudjellals Schwarzweißzeichnungen mit Graustufe simulieren dokumentarische Berichte und taugen dank ihrer vor allem auf Porträtähnlichkeit ausgerichteten Ästhetik (Leseprobe hier auf Französisch: http://www.arenes.fr/livre/la-presidente/). Wer allerdings große Polit-Comics à la Tardi oder Blain erwartet, in denen die Graphik auf einer Höhe mit den Texten steht, der wird hier enttäuscht. „Die Präsidentin“ lebt von ihrem Stoff, nicht von ihrer Form.

Mit diesen 150 dichten Seiten wird man die kommenden siebeneinhalb Monate bis zur französischen Präsidentschaftswahl vergleichen müssen. Hoffentlich die darauf folgenden sieben bis zum Dezember 2017 nicht auch noch.

19. Sep. 2016
von Andreas Platthaus
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12. Sep. 2016
von Andreas Platthaus
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Gezeichnete Klangwelten zwischen Orient und Okzident

Gestern saß ich im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin mit einigen Comiczeichnern zusammen, darunter auch solchen, die ich zuvor noch nicht getroffen hatte. Und sogar eine, um deren Werk ich lange einen Bogen gemacht hatte: Zeina Abirached. In Frankreich waren seit 2006 fünf Bände von ihr erschienen, alle im Libanon der achtziger Jahre angesiedelt, der Bürgerkriegszeit, in die Zeina Abirached 1981 hineingeboren worden ist. Es waren mit einer Ausnahme alles autobiographische Comics: streng schwarzweiß und höchst phantasievoll gezeichnet. Geschichten von einem Mädchen, das unter für uns unvorstellbar extremen Bedingungen aufwächst, ehe die junge Frau 2004 nach Frankreich zog, um dort ihr Illustrationsstudium fortzuführen. Warum hatte mich das nicht interessiert?

Weil ich mich beim Aufblättern des vor drei Jahren auch auf Deutsch erschienenen „Das Spiel der Schwalben“ zu sehr an Marjane Satrapi erinnert fühlte. Und beim dann 2014 übersetzten Band „Ich erinnere mich“ wiederholte sich dieser Eindruck. Darüber übersah ich die höchst ungewöhnlichen Elemente von Zeina Abiracheds Arbeiten: vor allem ihren geradezu experimentellen Umgang mit dem Zeichensystem des Comics. Als sie jetzt in Berlin dem vorangegangenen Vortrag des französischen Zeichners Marc-Antoine Mathieu lauschte und danach im Gespräch mit mir erwähnte, dass er eines ihrer großen Vorbilder geworden sei, als sie in den neunziger Jahren im Libanon auf aktuelle französische Comics stieß, wurde mir einiges klar.

Trotzdem habe ich sie gefragt, ob nicht auch Marjane Satrapi zu ihren Einflüssen gehört habe. Zeina Abirached lächelte und meinte, die Frage habe man ihr recht häufig gestellt, aber sie habe die „Persepolis“-Comics der aus Iran nach Frankreich ausgewanderten Zeichnerin erst in Paris kennengelernt, als sie mit den eigenen autobiographischen Comics schon begonnen hatte. Die Bände hätten ihr gut gefallen, und das glaubt man sofort. Aber ich war auch beschämt, dass es offenbar genügt, zwei Zeichnerinnen aus orientalischen Ländern ihre eigenen Jugendgeschichten in Schwarzweiß erzählen zu lassen, um sofort als westlicher Leser zu vermuten, das müsste ja ganz ähnlich ausfallen – nur weil es oberflächlich betrachtet ähnlich aussieht.

Und nun gibt es einen neuen Comic von Zeina Abirached, der nicht einmal mehr aussieht wie „Persepolis“. Er erscheint in dieser Woche im Avant Verlag auf Deutsch und heißt „Piano Oriental“. Die Titelwahl ist phantasielos, weil sie es nicht einmal schafft, aus dem französischen „Le Piano Oriental“ ein „Orientalisches Klavier“ zu machen. Aber die Geschichte ist grandios, auch deshalb, weil Zeina Abirached darin nicht nur ästhetisch, sondern auch erzählerisch neue Wege geht.

Autobiographisch geht es immer noch zu, obwohl der Protagonist des Buchs ein Buchhalter aus Beirut ist, der begeistert Klavier spielt und an einem Instrument tüftelt, das es gestattet, nicht nur die durch die europäisch-traditionelle Tastatur vorgegebenen Halbtöne zu spielen, sondern auch für Vierteltöne geeignet ist, wie sie für orientalische Melodien charakteristisch sind. Diesen Mann gab es wirklich, er war Zeina Abiracheds Urgroßvater, und er hat ein Instrument gebaut, bei dem man durch Pedale die Hämmer anders justieren konnte, so dass während des Spiels ein Übergang von einer zur anderen Spielweise ermöglicht wurde. Diesen Geniestreich wollte eine Wiener Klavierbaufabrik sogar in Serie herstellen, aber dafür hätte es hundert feste Bestellungen gebraucht. Die hat der Erfinder des Instruments nie zusammenbekommen.

Es ist aber keine traurige, sondern eine höchst lebenslustige Geschichte, weil alle Bilder, ja selbst die eingezeichneten Geräusche einem musikalischen Rhythmus folgen. Und verwoben mit der natürlich teilweise fiktionalisierten Geschichte ihres Urgroßvaters aus den späten fünfziger Jahren ist ein Erzählstrang, der von Zeina Abiracheds Aufbruch nach Frankreich im Jahr 2004 erzählt und von ihren Eindrücken dort. Während die Episoden um den Klavier-Erfinder auf weißem Papier wiedergegeben werden, sind die eigenen Erlebnisse mit einem schwarzen Fonds unterlegt – der Schwarzweißwechsel der Klaviatur findet sich also sogar in der Form dieses Comics wieder (Leseprobe unter http://www.avant-verlag.de/comic/piano_oriental).

Zeina Abiracheds Liebe zum Schwarzweiß bekommt zudem eine inhaltliche Rechtfertigung, weil sie von einer Erfahrung aus ihrer Kindheit erzählt: In Beirut wurden Videorekorder mit amerikanischem Abspielsystem ausgeliefert; die Videokassetten, die die frankophile Familie Abirached aber besaß, enthielten nur französische Filme, die im europäischen System hätten abgespielt werden müssen. Bei der Wiedergabe waren darum alle Filme schwarzweiß. Zeina Abirached erklärt, dass der Klang der französischen Sprache für sie deshalb schwarzweiß war. Und da sie die französische Sprache mehr liebte als die arabische (mit der Dinge verboten oder von ihr verlangt wurden), hat sich diese Liebe wohl auf ihre Zeichnungen übertragen. Sie gedenkt jedenfalls nach eigener Auskunft nicht, irgendwann einmal farbig zu zeichnen.

Das orientalische Klavier ihres Urgroßvaters ist die perfekte Metapher für die eigene Existenz der Zeichnerin zwischen beiden Welten: der orientalischen und der okzidentalen. Auch sie wechselt in ihrer Kunst ständig dazwischen hin und her, und so ist „Piano Oriental“ eine große Selbsterklärung und eine Stellungnahme gegen die kulturelle Abgrenzung zugleich. Dass die Comics von David B. und Killoffer weitere wichtige Einflüsse für Zeina Abiracheds Schaffen sind, sieht man dem Band aufs Schönste und zugleich Unaufdringlichste an. Plötzlich meine ich, in ihm so ziemlich alles Gute zu finden, was ich mir von Comics erhoffe; nichts stört mehr. Seine 210 Seiten lesen sich selbst auf Französisch wunderbar leicht und witzig, die deutsche Übersetzung ist trotz dem missratenen Titel prägnant, und man hat sich bei Avant sogar die Mühe gemacht, die teilweise sehr aufwendige Integration von geschriebenen Worten in die Bildkompositionen auf Deutsch zu bewahren. Dass es auch jene große Ausklappseite des Originals gibt, auf der Zeina Abirached ein stimmig gezeichnetes Äquivalent für den Klang des orientalischen Klaviers findet, versteht sich von selbst.

 

12. Sep. 2016
von Andreas Platthaus
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05. Sep. 2016
von Andreas Platthaus
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Abstrakter Krieg erschreckt genauso

Vor vielen Jahren, genauer gesagt mehr als einem Vierteljahrhundert, publizierte Lorenz Mattotti sein Comicalbum „Feuer“ über den Ersten Weltkrieg, im Original „Fuochi“. Danach war der italienische Zeichner berühmt, denn was er da mit Farben und Formen anstellte, hatte man noch nicht gesehen. Und es trieb Mattotti dazu, sich in der Folge auch als Schwarzweißkünstler zu beweisen, um nicht ausrechenbar zu sein. So erwuchs aus dem „Feuer“-Ruhm eine der bemerkenswertesten Comic-Karrieren der Welt.

Jetzt erschient ein weiterer Band mit dem Namen „Feuer“, aber er kommt als das genaue Gegenteil von Mattottis Werk daher: Sebastian Rether, geboren 1985, legt seine Geschichte als kleinformatiges Buch (Graphic-Novel-Format schimpft man das im Buchhandel) an, alles ist schwarzweiß, die Geschichte spielt im Zweiten Weltkrieg, und statt graphischem Detailreichtum, der die Seiten schier bersten lässt vor Energie, ist hier alles ganz reduziert (Leseprobe auf http://sebastianrether.com/foc). Dabei wird den meisten Bild eine ganze Doppelseite eingeräumt, aber die riesigen Weißräume um die filigranen Tuschezeichnungen, deren Abstraktionsgrad erstaunlich an das französische Zeichnerduo Ruppert & Mulot erinnert, sollen bewusst Lücken deutlich machen. Denn es geht um die lückenhaften Erinnerungen des Großvaters von Rether, der als Siebenbürger auf rumänischer (und damit auch deutscher) Seite im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront kämpfte. Deshalb heißt der Band auch nicht nur „Feuer“, sondern auch „Foc“. Das ist das rumänische Wort für Feuer.

Das in der Edition Büchergilde erschienene Buch ist wunderschön gestaltet, mit einem wie aus Washi-Papier geklebten Umschlag und in sachlicher Grotesk-Typographie gesetzt, übrigens größtenteils auch im Inneren, das wenig Text enthält. Der besteht zu wesentlichen Teilen aus kargen Erinnerungsfetzen des Großvaters, wie Bildbeschriftungen in einem Fotoalbum, nur selten sprechen die Protagonisten, und dann hat Rether das in Schreibschrift gehalten. Die großväterlichen Textblöcke wiederum scheinen manchmal zu schwanken, als suchten sie nach ihrer Bestätigung. Ortsbeschilderungen wiederum etwa sind in einem nahezu unleserlichen Krikelkrakel gehalten, das auf die Probleme der Invasionstruppen bei der Lektüre kyrillischer Buchstaben verweist. Was man mit Schrift in Comics alles machen kann, ist bemerkenswert.

Ist es überhaupt ein Comic? Seitenarchitektur, könnte man meinen, existiert nicht, wo jede Doppelseite im Regelfall nur aus einem Bild besteht (und der 360 Seiten umfassende Band also auch nicht mehr, sondern eher weniger Bilder umfasst als ein stinknormales 48-Seiten-Album). Aber wie Rether diese feinlinigen Motive auf der weißen Fläche arrangiert, das hat mindestens so viel Überlegung gekostet wie ein aufwendiges Layout. Dass die geradezu blendende Leere die Weite des russischen Winters evoziert, ist natürlich gewollt.

Gesichter gibt es kaum in „Foc – Feuer“, die Flächen unter den Stahlhelmen bleiben meist blank. Nur gelegentlich sind einzelne Protagonisten als Hunde (der Großvater selbst etwa) oder schildkrötenähnliche Wesen gestaltet, einmal laufen Soldaten wie Strichmännchen durchs Bild. Dagegen sind Pferde oder Kühe nahezu naturalistisch gehalten – als könnte sich der Erzähler Tiere viel besser merken als Menschen.

Es ist die Geschichte eines Davongekommenen, und sie erzählt mit jenen schlichten Mitteln, die große Erlebnisse besser vertragen als hohes Pathos. In 26 Kapiteln werden oft belanglos erscheinende Begebenheiten geschildert, die aber für den naiven Soldaten, der da berichtet, Bedeutung durch ihre Fremdartigkeit besitzen. Kriegsvoyeurismus dagegen gibt es nicht, die Schrecken spielen sich in unserer Phantasie ab, wir können sie uns in die Weißräume hineindenken, deren klinische Sauberkeit wie ein Hohn auf Blut und Schmutz der Kriegsführung erscheint.

Und damit fügt Rether der bereits eindrucksvollen Reihe von Comic-Klassikern zum Thema Krieg (Tardis „Grabenkrieg“, Spiegelmans „Maus“, Guiberts „Alans Krieg“, um nur die Allerbesten neben Mattottis „Feuer“ zu nennen) eine weitere, nein: nicht schillernde, sondern eben bewusst bescheiden auftretende Facette hinzu, die aber mit Mitteln arbeitet, die auch von Grosz oder Dix entlehnt sein könnten, von jenen Künstlern also, die so wichtig für die genannten Comic-Legenden waren, ohne dass die sich des graphischen Geschicks dieser Vorläufer so subtil bedient hätten, wie „Foc – Feuer“ es tut.

05. Sep. 2016
von Andreas Platthaus
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31. Aug. 2016
von Andreas Platthaus

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Unterwegs zum Kern der Kernschmelze

Was Kazuto Tatsuta erzählt, lässt verstehen, warum er das unter Pseudonym tut. Der japanische Mangazeichner arbeitete 2012 im Umfeld des Reaktors von Fukushima: als einer jener Kräfte, die sich ums Aufräumen nach dem Gau vom 11. März 2011 kümmern. Danach dokumentierte er seine Erfahrungen: in einem vielhundertseitigen Comic, dessen erste fünfzehn Kapitel (plus zwei kurze zusätzliche Episoden) in zwei Bänden bei Carlsen unter dem Titel „Reaktor 1F“ erschienen sind. Und wer noch immer nicht verstanden hat, was in Fukushima passiert ist, der ist bei Tatsuta richtig. Denn auch er hatte es nicht verstanden, als er seinen Aufräumjob begann. Man muss wohl sagen, dass niemand es verstehen kann, der nicht selbst dort zum Einsatz gekommen ist.

Seinen Namen entlehnte der 1965 geborene Mangaka einem Dorf in der Umgebung des Reaktorgeländes. Das ist symptomatisch, denn ans Herz der Atomkatastrophe kommt er erst einmal gar nicht heran. Bis er den titelgebenden Reaktor 1F (ein etwas irreführende Bezeichnung, denn „1F“ steht beim Betreiber Tepco für „Fukushima 1“ und damit für die gesamte Anlage, die mehrere Reaktorblöcke umfasste) zum ersten Mal betritt, vergehen acht Kapitel, und wir haben bereits den zweiten Band erreicht, obwohl das Cover zum ersten den Arbeiter Tatsuta vor dem zerstörten Reaktorblock 3 zeigt. Dessen Silhouette mit dem eingestürzten Dach, dem stehengebliebenen Betongerüst und einem daneben aufgerichteten Kran ist so etwas wie das Emblem dieses Manga. Umso mehr Spannung entsteht, wenn man Tatsutas Bemühungen verfolgt, sich immer näher an den Ort des schlimmsten Geschehens heranzutasten.

Was will er überhaupt in Fukushima? Sich ein Bild machen, wobei die ursprüngliche Motivation nicht darin lag, einen Manga darüber zu zeichnen. Tatsuta wurde von einer Mischung aus Abenteuer-, Geld- und Neugier getrieben, wobei er rasch merkte, dass die angeblich hohen Löhne, die den Aufräumarbeitern gezahlt werden sollten, Fiktion waren. Durch ein vielschichtiges System von Subunternehmen, dessen Rekonstruktion einen nicht unwesentlichen Teil des Manga ausmacht (zu recht, denn das System ist einerseits unglaublich und andererseits, wie Tatsuta betont, durchaus repräsentativ für die ganze japanische Wirtschaft), bleibt bei den Arbeitskräften kaum etwas hängen von den tatsächlich ungewöhnlich hohen Löhnen. Und den Einstieg in das System schafft man nur auf unterster Ebene, wo die Subunternehmer durch Unterbringung ihrer Angestellten in eigenen Wohnungen alles dafür tun, dass die sich nicht wieder so schnell aus den Abhängigkeiten lösen können.

Noch interessanter jedoch ist die akribische Schilderung der Arbeitsabläufe auf dem verseuchten Reaktorgelände. Jeder Schritt hinaus erfordert das Anlegen von Sicherheitsanzügen inklusive einer Atemmaske, von den ständigen Kontrollen der Strahlenbelastung ganz zu schweigen. Was Tatsuta beschreibt und zeigt, ist ein höchst skrupulöses Sicherheitsdenken, dem man kaum den Vorwurf von Nachlässigkeit machen kann. Zugleich aber sind die Arbeitsbedingungen, zumal im feuchtheißen japanischen Sommer, höchst strapaziös. Etliche Routinen haben sich mehr als ein Jahr nach dem Unfall herausgebildet, und als Newcomer muss Tasuta sie alle erlernen, wobei der Zusammenhalt der Arbeiter groß ist – was auch daran liegt, dass sich hier Männer zusammengefunden haben (Frauen werden so gut wie gar nicht beschäftigt und keinesfalls am Reaktorgelände eingesetzt), die zwar aus den unterschiedlichsten Motivationen hierhergefunden haben, aber fast alle schon viel Lebenserfahrung besitzen. Für einige ist es die letzte Chance, noch einmal ordentlich Geld zu verdienen (dachten sie), für andere eine willkommene Abwechslung vom bisherigen Trott, und manche arbeiten hier aus Überzeugung. Alle halten sie jedenfalls zusammen, und selbst über die Subunternehmer verliert Tatsuta kein wirklich böses Wort, im Gegenteil, er sieht in ihnen auch nur einigermaßen arme Teufel.

Was diesen Comic bemerkenswert macht, ist aber auch die Genauigkeit seiner Darstellung. Unzählige Randerläuterungen erklären Bilddetails, es gibt Aufrisszeichnungen und Lagepläne, die eine Anschaulichkeit schaffen, die in keinem anderen Medium denkbar wäre, und da mangatypisch alles schwarzweiß gehalten ist, sind die reichhaltigen Zeichnungen klarer, als sie es in farbiger Gestalt wären – von der dokumentarischen Assoziationskraft scheinbar sachlicherer Schwarzweißdarstellungen einmal ganz zu schweigen. Auch wenn stets Tatsuta selbst im Zentrum der Geschehens steht, ist er doch als Figur so verallgemeinert, dass nicht nur die Anonymität des Zeichners gewahrt bleibt, sondern dessen Alter Ego auch immer wieder zum unkenntlichen Teil des Arbeiterkollektivs wird, vor allem dann, wenn es mit Schutzanzügen vermummt auf das Reaktorgelände geht. Das ist ein durchaus typisch japanisches Verfahren, mit dem sich Tatsuta etwa vom bekanntesten Comicreporter der Welt, dem Amerikaner Joa Sacco, abgrenzt, der sich selbst auch zum Fixpunkt macht, aber der entsprechenden Figur dabei auch noch derart unverwechselbare Attribute gibt, dass sie stets als beobachtendes Individuum deutlich bleibt. Das ist ehrlicher, aber auch egozentrischer. Und zu dem japanischen Dokumentaristen, der es sich zur Aufgabe gesetzt hat, dem Einsatz der Kollegen im Sperrgebiet seine graphische Reverenz zu erweisen, passt Bescheidenheit besser. Ein Gespräch mit dem Zeichner findet man hier: https://www.carlsen.de/blog/interview-mit-reaktor-1f-autor-kazuto-tatsuta.

Dennoch ist es seine Perspektive, die konsequent beibehalten wird. Etwa, wenn es im zweiten Band einmal weg vom eigentliche Reaktorumfeld und in die benachbarten Dörfer der Präfektur geht, wo die Schäden noch größer sind – eine Landschaft des Chaos mit aufeinandergetürmten Autowracks und ausradierten Küstenorten. Da wird noch einmal klar, dass die Reaktorkatastrophe zwar einen unermesslichen Schaden durch Verstrahlung angerichtet hat, der Tsunami, der das Ganze auslöste, aber den weitaus größeren Tribut an Menschenleben und Existenzen gefordert hat. So wird die Fixierung auf Reaktor 1F immer wieder einmal aufgebrochen, und auch wenn Tatsuta geradezu manisch daran arbeitet, endlich am Ort der größten Gefahr eingesetzt zu werden, weitet sich nolens volens doch auch sein Blick über die eigene Arbeitsstätte hinaus. Im Manga selbst wird das schon früh angedeutet, wenn zwischen einzelne Kapitel Fotos aus der Umgebung eingeschoben werden, zu denen der Autor kleine erzählende Beschreibungen setzt, die klarmachen, wie sehr jedes normale Leben aus der Tsunamizone verdrängt worden ist.

Ein dritter Band wird noch folgen, und wenn man sich fragen sollte, warum es mehr vier Jahre gedauert hat, dass dieser Comiczeichner seine eigenen Erfahrungen ins Bild setzt, dann muss man sich nur ansehen, wie sorgfältig hier erzählt wird: Monat für Monat entstand für das Manga-Magazin „Morning“ ein weiteres Kapitel, und so dauerte schon der japanische Erstabdruck mehr als zwei Jahre, ehe die Geschichte dann als dreiteilige Sammelausgabe herausgegeben und ins Deutsche übersetzt werden konnte. Dabei hat Jens Ossa als Übersetzer einen Knochenjob zu erledigen gehabt, denn wie gesagt: „Reaktor 1F“ strotzt vor Informationen, die es irgendwie im westlichen Schriftmodus zu integrieren galt. Dass man dabei dann manchmal das Heft drehen muss, um eine am Rand angebrachte Erläuterung lesen zu können, ist gewöhnungsbedürftig, aber unvermeidlich. Nicht nur Kazuto Tatsuta hat gut gearbeitet – erst in Fukushima und dann am Zeichentisch –, sondern auch der deutsche Verlag.

31. Aug. 2016
von Andreas Platthaus

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22. Aug. 2016
von Andreas Platthaus

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Thüringischer Tango

Vor vierzehn Jahren hatte ich einen Lehrauftrag in Jena, vermittelt durch den dortigen Philosophen und Medienwissenschaftler Lambert Wiesing. Als ich das erste Mal in sein Büro kam, staunte ich über die Aquarelle an der Wand: lauter Hugo Pratts. Da waren diese schönen schlaksigen jungen Menschen, wie wir sie aus „Corto Maltese“ kennen – der Titelheld selbst natürlich, Pandora Grosvenor, Kapitän Schlüter (um nur den ersten Band, „Die Südseeballade“, zu nehmen), koloriert in den blassen, aber trotzdem intensivbunten Farben, die Pratt für seine Illustrationen abseits der Comics wählte, und das Ganze auch noch mit eher modernen Figuren. Doch, vor mir hing eine bemerkenswerte, mir zudem komplett unbekannte Suite des schon einige Zeit verstorbenen italienischen Zeichners.

Das überraschte mich, nicht aber, dass in Wiesings Büro überhaupt Comic-Originale hingen. Sein Interesse für Comics, in etlichen Aufsätzen und auch in den Büchern des Philosophen dokumentiert, war der Anlass für unseren Kontakt und mein Semester in Jena. Überrascht war aber er selbst, als ich ihn nach seinen Pratt-Bildern fragte, und hocherfreut war er, als er mir erläuterte, dass es sich dabei um Aquarelle handelte, die seine Frau gezeichnet habe. Ich gratulierte zu dieser Begabung, und ich sehe die Bilder heute noch vor mir. Zwischendurch fragte ich mich bisweilen, warum dieses Können nicht noch anders genutzt würde als für die zweifellos verdienstvolle Dekoration eines Universitätsbüros.

Jetzt weiß ich, warum nicht. Silke Rehberg, die Frau von Lambert Wiesing, zeichnete die ganzen vierzehn Jahre lang an einem Comic. Er heißt „Kalon und Tonio“ und ist nun endlich erschienen. Dass es so lange dauerte, liegt nicht nur an Zeichnerin und Szenarist (zu dem nachher mehr), sondern auch darin, dass der Verlag, bei dem der Band erscheinen sollte, Kult Editionen, nicht ganz zufällig im letzten Jahrzehnt die deutsche Heimat von Pratts „Corto Maltese“, 2015 Insolvenz anmelden musste. Dadurch kamen die Verlagsrechte an „Corto Maltese“ wieder auf den Markt, die sich für den deutschen Sprachraum Schreiber + Leser sicherte, während etwas noch Unbekanntes wie „Kalon und Tonio“ wohl nicht so leicht unterzubringen gewesen wäre, wenn sich nicht zur Fortführung der Reste von Kult Editionen ein neuer Verlag namens Kult Comics gegründet hätte, der unter dem Dach des Leipziger Szenetreffs „Comic Combo“ angesiedelt ist. Und der hielt auch Silke Rehbergs Comic die Treue.

Da ist er also, und wieder ist die zum Verwechseln enge Verwandtschaft mit Pratts Werk nicht zu übersehen. Wobei der Band um die Philosophiedozentin Kalon und den Automechaniker Tonio nicht in der Vergangenheit und auch nicht an exotischen Handlungsorten angesiedelt ist, sondern in der Gegenwart an irgendeiner deutschen Universitätsstadt mit einem Zoo. Und in dessen Terrarium wird gleich zu Beginn des Comics ein nächtlicher Besuchern von den Krokodilen gefressen. Die Geschichte dreht sich dann dadurch, wer der Mann war, was er wollte und wer ihn ins Gehege der Echsen gelockt hat. Die ersten zehn Seiten kann man sich hier ansehen: http://kultcomics.net/leseprobe/Kalon_leseprobe/.

„Krokodile verstehen“ lautet der Name des Bandes innerhalb der Serie „Kalon und Tonio“, als dessen erster Teil das Abenteuer konzipiert ist. So richtig entscheiden für diesen kryptischen Titel mochten sich Rehberg und ihr Szenarist aber nicht, also erweiterten sie ihn um noch einen Zusatz“ „Das Blutgericht der schwimmenden Bestien“. Das klingt nun so marketingmäßig reißerisch, dass man eher an einen EC-Comic aus den Fünfzigern denken möchte, und es passt nicht zur eher leisen, durch die zarte Kolorierung sommerleicht daherkommenden Bilderzählung. Wobei es der zugrundeliegende Kriminalfall durchaus in sich hat.

„Kalon und Tonio“ läuft unter dem Autorennamen Sillá, und wenn man „Sil“ für Silke nimmt, dann bliebe „Lá“ übrig, und der Weg zu Lambert ist nicht weit. Tatsächlich finden sich im Copyright Rehberg und Wiesing als gemeinsame Urheber, und somit haben wir nach Michel Onfray (der das Szenario für eine französische Nietzsche-Comicbiographie geschrieben hat) nun den zweiten prominenten Philosophen als Autor eines Comics. Dass Kalon manche Interessen ihres Erfinders widerspiegelt, ist klar; dass der Grundantrieb für dieses Projekt aber eine tiefe Liebe zur Erzählform des Comics überhaupt ist, merkt man sofort.

Denn Silke Rehberg hat ein höchst komplexes Szenario zu bebildern, das vor allem in den Jump Cuts seine Leser zum Mitdenken zwingt. Häufig liegen unter den (ausgiebig gestalteten) Sprechblasendialogen des in wachsender gegenseitiger Faszination befindlichen Protagonistenpaars reine Stimmungsbilder, die Details aus der Umgebung zum Thema haben oder auch nur Farbschleier. Das wirkt, als wäre hier eine Erzählhaltung aus den psychedelischen siebziger Jahren wiederauferstanden, und ein zweitweiser Handlungsort wie Amsterdam trägt zu dieser Zeitassoziation noch zusätzlich bei. Zugleich präsentiert der Comic eine elegante Lebenswelt, denn Kalon und Tonio begeistern sich beide für alte Sportwagen, leben in geschmackvoll gestalteten Wohnungen und haben auch ein Faible für lässige Mode, so dass nicht nur Pratt hier optisch Pate gestanden hat, sondern auch der Porträtgroßmeister der guten Gesellschaft, Alex Raymond. Dessen Liebe zur akribischen Wiedergabe von realexistierenden Accessoires bürgerlicher Lebensführung hat in „Kalon und Tonio“ erkennbar Schule gemacht.

Es ist denn auch mehr ein optisches als ein erzählerisches Erlebnis, diesen Comic zu lesen. Wohin der Hase läuft, hat man bald heraus, was man dagegen nie weiß, ist, in welche Umgebung und welche Stimmung einen die nächste Seite des Albums entführen wird. Gedruckt ist der Hardcoverband sehr schön, und angesichts von achtzig Seiten Comic sind 22,95 Euro auch gar nicht teuer. Für noch einmal 17 Euro mehr kann man eine limitierte Vorzugsausgabe mit beigegebenem Druck erwerben – auch das ein Relikt aus lange zurückliegenden Jahrzehnten, wie überhaupt das ganze Leseerlebnis mich in eine Zeit entführt hat, die vorbei schien. Corto, Jena, Sportwagen, Amsterdam. Wer sich auf dezidiert eskapistisch-elegante Weise unterhalten lassen will, der sollte diesen Comic lesen. Wer allerdings mit Hugo Pratts Stil nichts anfangen kann, der wäre damit schlecht bedient.

 

22. Aug. 2016
von Andreas Platthaus

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