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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

22. Aug. 2016
von Andreas Platthaus
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Thüringischer Tango

Vor vierzehn Jahren hatte ich einen Lehrauftrag in Jena, vermittelt durch den dortigen Philosophen und Medienwissenschaftler Lambert Wiesing. Als ich das erste Mal in sein Büro kam, staunte ich über die Aquarelle an der Wand: lauter Hugo Pratts. Da waren diese schönen schlaksigen jungen Menschen, wie wir sie aus „Corto Maltese“ kennen – der Titelheld selbst natürlich, Pandora Grosvenor, Kapitän Schlüter (um nur den ersten Band, „Die Südseeballade“, zu nehmen), koloriert in den blassen, aber trotzdem intensivbunten Farben, die Pratt für seine Illustrationen abseits der Comics wählte, und das Ganze auch noch mit eher modernen Figuren. Doch, vor mir hing eine bemerkenswerte, mir zudem komplett unbekannte Suite des schon einige Zeit verstorbenen italienischen Zeichners.

Das überraschte mich, nicht aber, dass in Wiesings Büro überhaupt Comic-Originale hingen. Sein Interesse für Comics, in etlichen Aufsätzen und auch in den Büchern des Philosophen dokumentiert, war der Anlass für unseren Kontakt und mein Semester in Jena. Überrascht war aber er selbst, als ich ihn nach seinen Pratt-Bildern fragte, und hocherfreut war er, als er mir erläuterte, dass es sich dabei um Aquarelle handelte, die seine Frau gezeichnet habe. Ich gratulierte zu dieser Begabung, und ich sehe die Bilder heute noch vor mir. Zwischendurch fragte ich mich bisweilen, warum dieses Können nicht noch anders genutzt würde als für die zweifellos verdienstvolle Dekoration eines Universitätsbüros.

Jetzt weiß ich, warum nicht. Silke Rehberg, die Frau von Lambert Wiesing, zeichnete die ganzen vierzehn Jahre lang an einem Comic. Er heißt „Kalon und Tonio“ und ist nun endlich erschienen. Dass es so lange dauerte, liegt nicht nur an Zeichnerin und Szenarist (zu dem nachher mehr), sondern auch darin, dass der Verlag, bei dem der Band erscheinen sollte, Kult Editionen, nicht ganz zufällig im letzten Jahrzehnt die deutsche Heimat von Pratts „Corto Maltese“, 2015 Insolvenz anmelden musste. Dadurch kamen die Verlagsrechte an „Corto Maltese“ wieder auf den Markt, die sich für den deutschen Sprachraum Schreiber + Leser sicherte, während etwas noch Unbekanntes wie „Kalon und Tonio“ wohl nicht so leicht unterzubringen gewesen wäre, wenn sich nicht zur Fortführung der Reste von Kult Editionen ein neuer Verlag namens Kult Comics gegründet hätte, der unter dem Dach des Leipziger Szenetreffs „Comic Combo“ angesiedelt ist. Und der hielt auch Silke Rehbergs Comic die Treue.

Da ist er also, und wieder ist die zum Verwechseln enge Verwandtschaft mit Pratts Werk nicht zu übersehen. Wobei der Band um die Philosophiedozentin Kalon und den Automechaniker Tonio nicht in der Vergangenheit und auch nicht an exotischen Handlungsorten angesiedelt ist, sondern in der Gegenwart an irgendeiner deutschen Universitätsstadt mit einem Zoo. Und in dessen Terrarium wird gleich zu Beginn des Comics ein nächtlicher Besuchern von den Krokodilen gefressen. Die Geschichte dreht sich dann dadurch, wer der Mann war, was er wollte und wer ihn ins Gehege der Echsen gelockt hat. Die ersten zehn Seiten kann man sich hier ansehen: http://kultcomics.net/leseprobe/Kalon_leseprobe/.

„Krokodile verstehen“ lautet der Name des Bandes innerhalb der Serie „Kalon und Tonio“, als dessen erster Teil das Abenteuer konzipiert ist. So richtig entscheiden für diesen kryptischen Titel mochten sich Rehberg und ihr Szenarist aber nicht, also erweiterten sie ihn um noch einen Zusatz“ „Das Blutgericht der schwimmenden Bestien“. Das klingt nun so marketingmäßig reißerisch, dass man eher an einen EC-Comic aus den Fünfzigern denken möchte, und es passt nicht zur eher leisen, durch die zarte Kolorierung sommerleicht daherkommenden Bilderzählung. Wobei es der zugrundeliegende Kriminalfall durchaus in sich hat.

„Kalon und Tonio“ läuft unter dem Autorennamen Sillá, und wenn man „Sil“ für Silke nimmt, dann bliebe „Lá“ übrig, und der Weg zu Lambert ist nicht weit. Tatsächlich finden sich im Copyright Rehberg und Wiesing als gemeinsame Urheber, und somit haben wir nach Michel Onfray (der das Szenario für eine französische Nietzsche-Comicbiographie geschrieben hat) nun den zweiten prominenten Philosophen als Autor eines Comics. Dass Kalon manche Interessen ihres Erfinders widerspiegelt, ist klar; dass der Grundantrieb für dieses Projekt aber eine tiefe Liebe zur Erzählform des Comics überhaupt ist, merkt man sofort.

Denn Silke Rehberg hat ein höchst komplexes Szenario zu bebildern, das vor allem in den Jump Cuts seine Leser zum Mitdenken zwingt. Häufig liegen unter den (ausgiebig gestalteten) Sprechblasendialogen des in wachsender gegenseitiger Faszination befindlichen Protagonistenpaars reine Stimmungsbilder, die Details aus der Umgebung zum Thema haben oder auch nur Farbschleier. Das wirkt, als wäre hier eine Erzählhaltung aus den psychedelischen siebziger Jahren wiederauferstanden, und ein zweitweiser Handlungsort wie Amsterdam trägt zu dieser Zeitassoziation noch zusätzlich bei. Zugleich präsentiert der Comic eine elegante Lebenswelt, denn Kalon und Tonio begeistern sich beide für alte Sportwagen, leben in geschmackvoll gestalteten Wohnungen und haben auch ein Faible für lässige Mode, so dass nicht nur Pratt hier optisch Pate gestanden hat, sondern auch der Porträtgroßmeister der guten Gesellschaft, Alex Raymond. Dessen Liebe zur akribischen Wiedergabe von realexistierenden Accessoires bürgerlicher Lebensführung hat in „Kalon und Tonio“ erkennbar Schule gemacht.

Es ist denn auch mehr ein optisches als ein erzählerisches Erlebnis, diesen Comic zu lesen. Wohin der Hase läuft, hat man bald heraus, was man dagegen nie weiß, ist, in welche Umgebung und welche Stimmung einen die nächste Seite des Albums entführen wird. Gedruckt ist der Hardcoverband sehr schön, und angesichts von achtzig Seiten Comic sind 22,95 Euro auch gar nicht teuer. Für noch einmal 17 Euro mehr kann man eine limitierte Vorzugsausgabe mit beigegebenem Druck erwerben – auch das ein Relikt aus lange zurückliegenden Jahrzehnten, wie überhaupt das ganze Leseerlebnis mich in eine Zeit entführt hat, die vorbei schien. Corto, Jena, Sportwagen, Amsterdam. Wer sich auf dezidiert eskapistisch-elegante Weise unterhalten lassen will, der sollte diesen Comic lesen. Wer allerdings mit Hugo Pratts Stil nichts anfangen kann, der wäre damit schlecht bedient.

 

22. Aug. 2016
von Andreas Platthaus
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15. Aug. 2016
von Andreas Platthaus
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Dortmund im Schatten des Hakenkreuzes

Würde Nils Oskamp, ein 1969 im Ruhrgebiet geborener Comiczeichner, nicht mit so großer Verve für die Authentizität der von ihm erzählten Geschichte einstehen, man könnte kaum glauben, was in „Drei Steine“ geschildert wird. Da wird Oskamp, damals vierzehn Jahre alt, in aller Öffentlichkeit zusammengeschlagen, und niemand kümmert sich darum. Da lässt ein ewiggestriger Musik- und Geschichtslehrer seine Klasse das Deutschlandlied singen und bedauert, dass die erste Strophe verboten sei – bevor er Strategien ersinnt, wie die Schlacht von Stalingrad doch zu gewinnen gewesen wäre. Da will die Leitung einer Realschule nichts von Übergriffen durch Neonazis auf dem Schulgelände hören und schickt dem verprügelten Oskamp einen Tadel wegen Zuspätkommens nach Hause. Da hören nicht einmal seine Eltern Oskamp zu. Und da liest der schon damals von Comics begeisterte Schüler gegen das Verbot seiner Lehranstalt „Asterix“ und findet dort im Gotenband einen Dialog, den er dreißig Jahre später dem eigenen Sohn vorliest: „Ich dachte, die Römer spinnen, aber die Goten spinnen noch viel mehr.“ „Du hast recht, Obelix, ich möchte an diese Idioten keinen Zaubertrank verschwenden, hau sie um!!!“

Jeder Asterix-Kenner weiß, dass es diesen Dialog nicht gibt. Und daran kann auch Oskamps Emphase nichts ändern. Warum erfindet er diese Textpassage? Weil Spott über die Deutschen, oder besser gesagt: über deutschen Nationalismus, mehr als angebracht ist angesichts seiner Erlebnisse mit der Dortmunder Neonazi-Szene, und wenn ihm darin seine Lieblingscomicserie bespringt, umso besser. Aber warum dann nicht ein authentisches „Asterix“-Zitat nehmen, wo es doch im Goten-Band fürwahr genug Szenen gibt, in denen sich die Deutschen lächerlich machen („Die anderen Chefs lachen“)? Zumal derart leicht nachprüfbare Fehlzitate doch die ganze Glaubwürdigkeit von „Drei Steine“ diskreditieren.

Aber Neonazis lesen „Asterix und die Goten“ mutmaßlich nicht, und wenn sie den im Panini Comicverlag erschienenen „Drei Steine“ lesen sollten, dürften sie auf eine Geschichte stoßen, die sie nicht bestreiten können. Denn dem eigentlichen Comic folgt eine umfangreiche Dokumentation der neonazistischen Umtriebe in Dortmund von den siebziger Jahren bis heute, und dass es in dieser Stadt diesbezüglich hoch hergeht, hat ja vor Jahresfrist auch schon David Schravens fulminanter semidokumentarischer Comic „Weisse Wölfe“ belegt. In gewisser Weise liefert Oskamp nun die Vorgeschichte dazu, denn in „Drei Steine“ wird die Keimzelle für das Aufblühen der Dortmunder Neonazi-Szene beschrieben: die Rekrutierung von Schülern, die dann in ihrem Umkreis Furcht und Schrecken verbreiten und dank des Desinteresses oder gar der Unterstützung von Erwachsenen keine Nachteile befürchten müssen. Es sei denn, jemand ließe sich nicht so einfach unterkriegen.

Der Nils des Comics ist so ein Unbeugsamer, er bietet den Rechtsextremen nicht nur verbal, sondern auch körperlich Paroli. Die Kraft zum Widerstand zieht er aus dem Wissen um die Ereignisse im „Dritten Reich“. Wer sie ihm vermittelt hat, bleibt leider unbekannt, denn die Schule war es ja wohl nicht. Wobei im Comic zwei Geschichtslehrer von Nils auftreten, und einer von ihnen macht die Schoa zum Gegenstand seines Unterrichts. Wieso dann der Musiklehrer in der Klasse auch noch Geschichte lehrt, ist schwer verständlich.

Es gibt leider viele solche Nachlässigkeiten in der Konstruktion des heroischen Plots, die einem der sieben im Impressum genannten Lektoren ebenso hätten auffallen können wie den weiteren drei „Supervisoren“ (was auch immer sie getan haben). Aber alle waren offenbar ebenso fassungslos über die eigentliche Geschichte wie ich, weil man derartige Geschehnisse gar nicht glauben will. Zu Oskamps Realschulzeiten war auch ich Schüler in Nordrhein-Westfalen, und es gab in meinem ländlichen Städtchen nichts Vergleichbares. Aber das, was Oskamp erlebt hat, ist tatsächlich überprüfbar, bis hin zu konkreten Beteiligten, die in diesem Comic auftreten. Und manchmal lässt man sich von einer guten Absicht zu sehr ablenken, als dass man noch auf die handwerklichen Details einer Comicerzählung achten würde.

Die Absicht verdient deshalb hier mehr Respekt als die Ausführung. Denn wie in „Drei Steine“ erzählt wird, das ist eher schlicht geraten, vor allem wenn man es mit dem erst kürzlich erschienenen Band „Fahrrad-Mod“ von Tobi Dahmen vergleicht, der zwar nur nebenher vom Erstarken einer rechten Szene (am Niederrhein, also nicht weit weg von Dortmund) erzählt, aber das sehr viel subtiler tut. Bei Oskamp sind die Rollen derart in Schwarz und Weiß oder noch besser gesagt: Braun und Weiß geschieden, bis hin zur Kleidung der Protagonisten, dass man das zugrundeliegende Geschehen wahrnimmt wie ein Lehrstück, bis hin zur überraschenden Rettung in letzter Sekunde durch einen geläuterten Mitschüler oder die Selbsterkenntnis, dass der Weg der Gewalt eine Sackgasse ist.

Aber dabei muss man eben im Auge behalten: So ist es gewesen. Oskamp dokumentiert sogar fotografisch, wie er selbst 2011 den dritten der drei Steine, die dem Comic den Titel geben, in der Holocaust-Gedenkstätte von Yad Vashem abgelegt hat; mit dem ersten der von einem Dortmunder jüdischen Friedhof mitgenommenen Steine hatte der vierzehnjährige Nils einen Angreifer beworfen, mit dem zweiten einem anderen fast den Schädel eingeschlagen – ehe sich der Schüler besann und es bei der Drohung beließ. So werden die drei Steine zum Lernprozess: Auf Selbstverteidigung folgen Vernunft und Erinnerung. Alle drei zusammen ergeben die von Oskamp empfohlene Abwehrstrategie gegen rechte Überzeugungen.

Eingebettet ist diese Erinnerung ans Jahr 1983/84 in eine Rahmenhandlung, die Oskamp im Gespräch mit seinem kleinen Sohn zeigt. Diese Passagen sind in einem warmen Bronzeton gehalten, während die Schilderungen aus der Vergangenheit in kaltes Blaugrau getaucht sind (zu sehen auf http://www.dreisteine.com/de/). Aber wenn Nils zusammengeschlagen wird, bekommt sein Blut rote Zusatzfarbe spendiert; die rechten Aggressoren, denen es auch nicht immer gut ergeht, müssen darauf verzichten. Ja, dieser Comic ist einseitig bei der Nutzung seiner erzählerischen Mittel. Dass das die gute Seite stärkt, ist erfreulich, aber man hat es hier doch nicht mit einem manichäischen Superhelden-Comic zu tun. Das wahre Leben verlangt nach komplexeren Darstellungen.

Der Anhang, in dem Alice Lanzke von der Amadeu-Antonio-Stiftung, die sich gegen rechte Gewalt einsetzt, die Entwicklung der Dortmunder Neonazi-Szene Revue passieren lässt, löst das besser ein als der vorangegangene Comic, obwohl auch hier ganz klar Position bezogen wird. Daran gäbe es auch gar nichts zu kritisieren; was stört, ist, wie leicht sich Nils Oskamp als Autor die Sache macht. Damit will ich auch nicht die fast hundertzwanzigseitige Geschichte kleinreden, wohl aber dafür sensibilisieren, dass eine eindeutig positiv zu bewertende moralische Haltung nicht der Sorgfalt beim Erzählen enthebt.

15. Aug. 2016
von Andreas Platthaus
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08. Aug. 2016
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Ist das abstrakt? Ist es vertrackt? Oder gar abgeschmackt?

Auf Ferdinand Lutz stieß ich vor etwas mehr als Halbjahresfrist, weil beim Reprodukt Verlag die Folgen seines bei „Spiegel online“ laufenden Kindercomics „Q-R-T“ gesammelt in einem schönen Buch veröffentlicht wurden (http://blogs.faz.net/comic/2015/11/30/ausserirdisch-witzig-803/). Und kürzlich stieß Ferdinand Lutz auf mich, bei einer großen Comicveranstaltung, und drückte mir ein kleines Heft in die Hand, das ganz gewiss nicht auf ein kindliches Publikum zielt. Das heißt jetzt aber nicht das, was Sie denken. Keine Rede also von dem, was in den Siebzigern verschmitzt und verschwitzt  als „Erwachsenencomics“ bezeichnet wurde und nur eines bewies: dass die Comics noch lange nicht erwachsen waren. Nein, um Sex geht es nicht, auch wenn man im Titelbild des achtundzwanzigseitigen Oktavheftchens das Bild einer sich teilenden Eizelle zu erkennen glaubt. Doch tatsächlich soll damit gar nichts Konkretes dargestellt werden, denn es handelt sich bei der Publikation um einen abstrakten Comic.

Wie soll das gehen? Das fragen sich Comiczeichner schon lange. Die erste mir bekannte einigermaßen konsequente Antwort gab Moebius in den achtziger Jahren, indem er vier Seiten lang nur mutierende Formen zeichnete, in denen aber doch organisches Leben abgebildet schien – und das Titelblatt von Lutz gleicht denn auch verblüffend einer Serie von kleinformatigen Aquarellen, die Moebius in den neunziger Jahren gemalt hat und bisweilen auch in seine Bücher aufnahm. Geschätzt wird dieser Aspekt seines Werks nicht besonders, obwohl er viel näher am üblichen Kunstbetrieb ist als alles andere, was dieses Genie des Comics gemacht hat. Nach seinem Tod 2001 explodierten die Preise für seine Originale, aber eines dieser abstrakten Bilder wurde vor anderthalb Jahren noch für 300 Euro angeboten. Na ja, immer noch viel Geld für etwa 45 Quadratzentimeter.

Moebius ist jedenfalls nolens volens der Bezugspunkt auch für Lutz, selbst wenn er auf seiner programmatischen Erklärung, die die Rückseite des Heftchens ziert, vor allem Lewis Trondheim mit seinem 2003 erschienenen „Bleu“ als Vorbild nennt. Das aber war Ausdruck von Trondheims Bewunderung für Moebius (der so ziemlich der einzige Zeichner sein dürfte, den Lewis Trondheim ohne Einschränkung bewundert), und deshalb ist es nur konsequent, beim Lutzschen Werk auch an den großen Franzosen zu denken. Wobei der Deutsche durch einen simplen Kunstgriff zumindest graphisch der Falle entgeht, in die Moebius fiel. Lutz zeichnet nicht nur einfach abstrakte Formen, sondern er variiert sie auch von Seite zu Seite, so dass nicht wie bei Moebius der Eindruck entsteht, es handele sich um eine Metamorphose des immer gleichen Körpers.

Sic tacuisses, abstractus mansisses. Aber der Comic von Lutz schweigt nicht. Ganz im Gegenteil: Seine abstrakten Gebilde reden, was das Zeug hält. Und zudem sprechen sich einige von ihnen mit Namen an, so dass plötzlich einige simple Farbkleckse oder Liniengewirre doch wiedererkennbar werden und eine Geschichte erzählt wird, deren genaue Wiedergabe hier zu weit führen würde, obwohl sie ja kurz ist. Nur soviel: Es geht um ein italienisches Dorf, dessen Bewohner sich gemeinsam ein Lotterielos kaufen (übrigens noch für Lire statt Euro) und dann Milliardäre werden (mit Lire ging das einigermaßen leicht). Gewisse Ähnlichkeiten im Verlauf mit einer berühmten Donald-Duck-Geschichte von Carl Barks – „Geld fällt vom Himmel“ – erfreuen das Herz des Donaldisten. Wissen muss man das aber nicht. Wer weiß, ob Lutz es wusste?

Warum eine derart konkrete Geschichte abstrakt zeichnen? Lutz erklärt: „Ich fände es viel interessanter, wenn abstrakte Comics eine Geschichte so erzählten, dass der Leser sie decodieren könnte; wenn solche abstrakten Comics in Wirklichkeit Abstraktionen von etwas wären, das in unserer Welt existiert, und das Abstrakte mit dem Konkreten mischten.“ Soll heißen: Ferdinand Lutz will abstrakte Geschichten zeichnen, aber nicht abstrakt erzählen. Worin dann der Reiz besteht? Na, eben in der von ihm erwähnten Decodierung. Sein Comic verlangt nach aufmerksamerer Lektüre als einer, in dem die Figuren und der Handlungsort auf den ersten Blick identifizierbar wären.

Einen Titel hat die witzige und leicht makabre Erzählung übrigens nicht. Aber das Heft hat einen: Es heißt „Libretto 1“. Damit ist es ausgewiesen als erste Folge einer Reihe, die Lutz jährlich mindestens einmal fortsetzen will. Allerdings ist das hübsche komplett farbig gedruckte Büchlein auf hundert Exemplare limitiert, und da es komplett auf Englisch geschrieben ist, vergrößert sich die Zahl potentieller Leser. Wie man allerdings auf so etwas Schönes, jedoch eher Unauffälliges stoßen soll, wenn man nicht vom Zeichner entdeckt und damit beglückt wird, das ist die Frage. Aber die ICOM (Interessengemeinschaft Comic) hat es auch geschafft – und das Heft dann prompt als Besten Kurzcomic des Jahres 2015 ausgezeichnet, obwohl es erst 2016 erschienen ist. Angesichts der kleinen Auflage wird es schwer zu finden sein. Aber glücklicherweise kann man es dank der Preisverleihung im Netz lesen: https://www.kwimbi.de/Kwimbi-Shop/Comics/Libretto-1-Ferdinand-Lutz-ICOM-Preis-Bester-Kurzcomic-2015.html. Wärmste Empfehlung! I Und Augen auf, wenn 2017 hoffentlich „Libretto 2“ erscheint.

08. Aug. 2016
von Andreas Platthaus
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01. Aug. 2016
von Andreas Platthaus
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Neues Sommerhoch für Zeichnerinnen

Alle Jahre wieder kommt „Spring“. Nicht als Frühling, sondern im Sommer, denn „Spring“ ist eine Anthologie, die seit nunmehr bald anderthalb Jahrzehnten erscheint und sich dazu erfreulicherweise jene Jahreszeit aussucht, in der wir am längsten Tageslicht zum Lesen haben. Diese Publikation hat es verdient, sie wird immer besser und immer vielfältiger. Deshalb macht es so große Freude, jedes Jahr im Sommer über das jeweils neue „Spring“ zu schreiben.

Wenn ich „vielfältiger“ sag, meine ich das natürlich nicht im Sinne dessen, dass nunmehr aufgeweicht würde, was „Spring“ so ganz besonders macht: die Tatsache, dass daran ausschließlich Zeichnerinnen beteiligt sind. Sondern im Sinne dessen, dass deren Kreis sich kontinuierlich erweitert und nun auch konsequent internationalisiert. Zwar haben für die Nummer 13 der Anthologie diesmal nur acht Frauen aus dem in Hamburg situierten „Spring“-Kollektiv (was allerdings nicht heißt, dass alle dessen Mitglieder dort wohnten) zur Feder gegriffen, aber es sind dennoch sechzehn Zeichnerinnen vertreten. Denn für das Heft unter dem Titel „The Elephant in the Room“ hat man Mitstreiterinnen aus der Ferne gewonnen: Die Hälfte des mehr als 230 Comicseiten dicken Bandes stammt diesmal aus Indien.

Dort, konkret in einer Schriftstellerresidenz nicht weit weg von Bangalore, das sich zum Zentrum deutsch-indischer Comic-Kultur zu entwickeln scheint (man denke nur an Sebastian Lörschers wunderbaren Comic „Making Friends in Bangalore“), haben die „Spring“-Künstlerinnen im Frühjahr 2016 die einheimischen Teilnehmerinnen eines Workshops getroffen, der vor zwei Jahren vom Goethe-Institut in Neu Delhi ausgerichtet und unter anderem von den Springerinnen Ludmilla Bartscht und Larissa Bertonasco geleitet worden war. Bei uns weiß man wenig oder gar nichts von indischen Comics, und da es sich bei Indien um ein immer noch patriarchalisch geprägtes Land handelt, mit dem größten Ungleichgewicht zwischen Geburten von Mädchen und Jungen handelt (wie so viele weibliche Föten abgetrieben werden), war aus Laiensicht mit vielen dortigen Comiczeichnerinnen kaum zu rechnen. Aber von wegen: Nicht nur, dass man ein Gleichgewicht der Zahl in „Spring“ Nr. 13 herstellen konnte, es ist auch eines der Qualität entstanden.

Das will einiges heißen angesichts von prominenten Teilnehmerinnen auf deutscher Seite wie Ulli Lust und Barbara Yelin. Und marialuisa, Katrin Stangl, Stephanie Wunderlich und Nina Pagalies sind ja wie die bereits erwähnten Bertonasco und Bartscht auch keine Unbekannten, sondern längst etablierte Illustratorinnen. Wer hätte dagegen in Europa von Priya Kuriyan gehört, der dritten Workshop-Leiterin, die in der Publizistikszene ihrer Heimat eine große Nummer ist und das mit ihrem autobiographischen Comic „Ebony and Ivory“, der die aktuelle Ausgabe von „Spring“ als umfangreichste Geschichte beschließt, auch den deutschen Lesern beweist? Auf mehr als zwanzig Seiten erzählt sie von der Ehe ihrer Großeltern mütterlicherseits, bei der der Großvater als liberaler Freigeist galt, während die Großmutter als verstockte Traditionalistin gesehen wurde. Plötzlich aber wird diese Deutung auf den Kopf gestellt, und das ist nicht die einzige Überraschung, die die indischen Zeichnerinnen zu bieten haben.

Die anderen sieben sind Archana Sreenavisam, Garima Gupta, Krutika Susarla, Anpu Varkey, Reshu Singh, Prabha Mallya und Kaveri Gopalakrishan, und leider würde es zu weit führen, hier alle ihre Arbeiten vorzustellen. Bemerkenswert aber ist zum Beispiel das mehrfach wiederkehrende Thema von gewollter Kinderlosigkeit einiger Zeichnerinnen, womit in Indien an ein gesellschaftliches Tabu gerührt wird. Als moderne Frauen stoßen die Künstlerinnen auf den Widerstand von Familien und Gesellschaft. Am drastischsten setzt Prabha Mallya die Situation von indischen Frauen ins Bild: Ihre Bilderfolge „Bitch“ zeigt eine selbstbewusste und sexuell frei agierende Hündin, gezeichnet in einem Stil, der von internationaler Verständlichkeit ist – wie überhaupt Exotismusklischees graphisch nie bedient werden. Ein paar Seiten kann man hier sehen: http://www.springmagazin.de/index.php?/ausgaben/13-the-elephant-in-the-room/.

Es ist bemerkenswert, wie absolut weltläufig die Geschichten der Zeichnerinnen aus Indien wirken. Nun mögen manche Leser den Verlust nationaler Eigenheiten in der Graphik beklagen. Aber auch wenn es hier keine als typisch indisch – was immer das bei diesem Schmelztiegel der Kulturen, Religionen auch sein sollte – erkennbare Gestaltung gibt, so sind die Erzählweisen doch jeweils andere. Die deutschen Zeichnerinnen sind expliziter bei ihren Einblicken ins Private, bei denen Penisgrößen ebenso thematisiert werden wie versuchte oder erfolgte Vergewaltigungen. Aber die Unmittelbarkeit des Sprechens übers Private ist bei den indischen Beiträgen dringlicher, getriebener, auch kompromissloser. So werden familiäre Konflikte viel wichtiger genommen als in den deutschen Geschichten, und die Fremdheitsgefühle einer jungen Generation sind stärker ausgeprägt sichtbar als bei den (auch im Schnitt etwas älteren) deutschen Zeichnerinnen. Aber es wird auch deutlich, dass es verbindende Erfahrungen von Frauen über Kontinente und Kulturen hinweg gibt, und diese Erkenntnis wird deutlich im Buchtitel „The Elephant in the Room“: die Frage, was es bedeutet, Frau zu sein, im Beruf, im Alltag, wird selten gestellt. Sie ist der aus dem englischen Sprichwörterschatz stammende Elefant im Zimmer – ein gewaltiges Tier, über das niemand spricht.

Wie stets bei „Spring“ ist die Ausgabe zweisprachig, englisch-deutsch, jeweils mit Untertiteln in der anderen Sprache. Dadurch wird das Buch, das von kommender Woche an in Deutschland durch den engagierten Mairisch-Verlag vertrieben wird, hoffentlich auch in Indien Verbreitung finden. Auf dem Comicsalon von Erlangen von Mitte Mai, wo vorab schon ein paar „Spring“-Exemplare dieser Ausgabe zu bekommen waren, boten die deutschen Zeichnerinnen auch indische Publikationen der Kolleginnen an, die dank internationaler Förderung zustande gekommen waren. Die Hefte waren binnen zweier Tage vergriffen. Möge es „Spring“ Nr. 13 genauso ergehen.

01. Aug. 2016
von Andreas Platthaus
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25. Jul. 2016
von Andreas Platthaus
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Es ist alles rot, was glänzt

Von den zehn diesjährigen Finalisten des Comicpreises der Berthold-Leibinger-Stiftung haben zwei ihre eingereichten Arbeiten schon veröffentlicht. Das ist insofern bemerkenswert, als die Auszeichnung (mit 15.000 Euro für den Gewinner die höchstdotierte in Deutschland für Comics) ein Förderpreis ist, also nicht ein bereits erschienenes, sondern noch im Entstehen begriffenes Werk unterstützen soll. Da die Verleihung erst wenige Monate zurückliegt, haben zwei der zehn Finalisten (von denen neun immerhin auch noch jeweils tausend Euro erhalten) offenbar höchst konzentriert gearbeitet. Einer der beiden Bände wurde an dieser Stelle schon gefeiert: Max Baitingers „Röhner“ (http://blogs.faz.net/comic/2016/04/04/individuell-humo…nente-reicht-das-848/) – und zwar sogar schon vor der Preisverleihung, was daran lag, dass Baitinger nicht wusste, dass seine prämierte Arbeit noch gar nicht publiziert hätte sein dürfen. Ein Kommunikationsproblem und deshalb ausnahmsweise ohne Folgen.

Bei Burcu Türkers Band „Süße Zitronen“ ist es dagegen wirklich so, dass die Kasseler Illustrationsstudentin sofort nach der Preisverleihung an die Fertigstellung ging, und der beeindruckend qualitätvolle Jaja Verlag hat rasch ein Buch daraus gemacht. Erzählt wird darin eine mutmaßlich autobiographisch inspirierte Geschichte, die den Umgang einer jungen türkischstämmigen Deutschen mit dem Tod ihrer Mutter thematisiert. Das klingt bedrückend, doch es ist alles andere als das. „Süße Zitronen“ ist ein durch genaue Beobachtung, leise Melancholie und subtilen Humor höchst unterhaltsames, aber auch durchaus trostreiches Buch. Ein Comic, der so unaufgeregt und doch so intensiv über eine Mutter-Tochter-Beziehung berichtet, verdient Beachtung.

Dass es sich dabei um das Debüt der 1984 geborenen Burcu Türker handelt, mag man kaum glauben. Sie beherrscht die Mittel ihres Metiers schon nahezu perfekt. Kaum ein anderer deutscher Comic etwa hat rahmenlose Bilder so elegant eingesetzt wie dieser. Bisweilen fließen die Panels ineinander, sorgen dadurch für Abwechslung bei der Seitenarchitektur und schaffen prinzipiell eine Bewegung, die dem zwischen Gegenwart und Erinnerungen hin und her springenden Geschehen aufs Schönste entspricht. Auf der Verlagsseite kann man sich das an ein paar Beispielen anschauen: http://www.jajaverlag.com/s%C3%BC%C3%9Fe-zitronen/.

Die Mutter der jungen Protagonistin war Schauspielerin in der Türkei; mit der Auswanderung nach Deutschland endete diese Karriere. Doch die künstlerische Ader blieb, und die Tochter, die nun ein Kunststudium aufgenommen hat, findet darin ein Vorbild, obwohl es zu Lebzeiten durchaus auch Spannungen gab. Beide Frauen verbindet aber die Erfahrung des Verlustes der eigenen Mutter, nur dass die Großmutter der jungen Frau schon starb, als die Mutter noch ein Kleinkind war. In der Tatsache, dass der Tochter das Ausmaß dieses Verlustes erst begreiflich wird, als sie ihn selbst erleben muss, liegt eine grundlegende Tragik des Miteinanderredens über den Tod: Ihre Mutter ganz verstehen, kann die Tochter erst, nachdem jene gestorben ist.

Aber wie gesagt: „Süße Zitronen“ ist kein depressives und schon gar kein deprimierendes Buch. Die Bleistiftzeichnungen von Burcu Türker habe einen Schwung, der Lebenslust auch in traurigen Situationen vermittelt, und wie sie die Farbe Rot als Vitalitätssymbol einsetzt – die junge Frau ist rothaarig, aber zugleich dominiert diese Farbe auch die Rückblicke auf die türkische Vergangenheit der Mutter –, gehört zu den kleinen Meisterstücken der jüngeren Comicgeschichte. Es mag pathetisch klingen, aber dieses Buch macht glücklich. Also sollte man es lesen, bis dann der diesjährige Gewinner des Leibinger-Comicpreises mit seinem Projekt ans Ende kommt. Und das wird dauern, denn Uli Oesterles prämiert, ebenfalls autobiographisch motivierte Geschichte „Vatermilch“ wird nicht vor 2018 erscheinen, und auch dann steht lediglich der erste von zwei geplanten Bänden an. Umso mehr Zeit für „Süße Zitronen“. Nicht das Schlechteste, was Warten bedeuten kann.

25. Jul. 2016
von Andreas Platthaus
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18. Jul. 2016
von Andreas Platthaus
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Eine Samurailegende als ziegenköpfiger Geist

Bisweilen fällt mir ein Comic in die Hände, der nicht die üblichen Wege beschritten hat: keine Verlags-, sondern eine Eigenproduktion durch die Autoren zum Beispiel, begründet allein auf Überzeugung für die eigene Arbeit, vielleicht auch aus Mangel an Kontakten. Solch ein Fall ist „Bright Lights“, ein deutscher Manga von einer jungen Autorin, die sich als Künstlernamen Yuri-chan ausgesucht hat. Dem kann man den Vornamen Julia schon ablesen, und „Bright Lights“ trägt auch stolz den wahren Verfasserinnennamen auf dem Titel: Julia Syndram.

Stolz kann sie sein, schon des Umfangs wegen. Wir haben es mit einem veritablen Manga zu tun, 180 Seiten stark, Resultat einer einjährigen Arbeit. Und gewiss einer vieljährigen Lektüre, denn man merkt Julia Syndrams Seiten die Vertrautheit mit dem Manga-Code an. Nicht nur nehmen die Figuren die japanische Ästhetik konsequent auf (die Geschichte spielt auch in Japan), auch die graphischen Gepflogenheiten von eher vertikal gestalteten Sprechblasen über die klassischen Leserichtung von rechts nach links bis zu seitenarchitektonischen Facetten wie Wechsel zwischen offenen und geschlossenen Panels und steter Variation der Anmutungen lassen spüren, wie selbstverständlich diese Erzählweise für die Autorin ist.

Dass dann noch einer der berühmtesten Stoffe der japanischen Literatur- und Mythengeschichte, die Geschichte der 47 Ronin, mit in die Handlung hineinspielt, wird zunächst aufgesetzt. Man stelle sich nämlich vor: Der Führer dieser Gruppe von Samurai, die Rache am Mörder ihres Lehnsherrn nehmen, Kuranosuke Onishi, jedem Kind in Japan bekannt durch Film und Fernsehen, Manga und Romane, kehrt in unsere Gegenwart zurück, als schaurige Geistergestalt (yokai) mit skelettiertem Ziegenschädel, aber zugleich als grundgütiger Beschützer der sechzehnjährigen Rin Omura, einem Waisenmädchen, das in der Schule isoliert ist und seit dem Unfalltod der Eltern an Magersucht leidet. Kuranosuke betätigt sich nicht nur als moralische Stütze, sondern bindet sich eine Schürze um und beginnt, für Rin zu kochen. Er bahnt Freundschaften an und bringt das Mädchen wieder in die Spur. So weit, so phantastisch. Und auf den ersten Blick nicht eben konsequent.

Doch Julia Syndram hat sich die Wahl des legendären Kuranosuke gut überlegt, und gerade der Kontrast zu den üblichen Darstellungen dieses Helden bringt eine humoristische Note in diesen Manga, der das durchaus ernste Thema des magersüchtigen, ungeliebten Mädchens auflockert und die geradezu fabelhafte Rettung in ein Umfeld einbettet, das das Geschehen nicht wie einen Kleinmädchentraum der Autorin wirken lässt. Dafür zeichnet sie allerdings auch viel zu gut. Denn wer sich solche Mühe mit der Gestaltung eines Comics gibt und dabei so reüssiert, der will mehr, als eine rührselige Geschichte erzählen. Der gibt mit der Ästhetik seines Buchs auch eine Botschaft über die zugrundeliegende Ernsthaftigkeit des Ganzen ab.

Dass es darin aber doch jenen Humor gibt, den der bärbeißig daherkommende, aber reizende Ziegenschädel einbringt, das ist beinahe schon große Erzählkunst. Jedenfalls ist Julia Syndram, die ihrer Heldin vom Alter her entsprechen dürfte, ein Nachwuchstalent, die mit Rastern und Bewegungen umzugehen weiß und nur wenige Male ein paar Textkästen leergelassen hat. Ansonsten aber könnte dieser Manga in einem professionellen Verlagsprogramm leicht durchgehen.

Ob man ihn simpel bekommt – eine ISBN hat er schon mal: 978-3-00-051107-3, eine Leseprobe im Netz gibt es leider nicht –, dürfte eher an der Höhe der Auflage, die Julia Syndram sich leisten konnte, liegen als an der Bereitschaft von Manga-Läden, ihn auszulegen. Ich werde sehr gespannt schauen, ob mir die junge Autorin mal irgendwo sonst begegnet, am besten natürlich in einem regulären Verlagsprogramm.

18. Jul. 2016
von Andreas Platthaus
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11. Jul. 2016
von Andreas Platthaus
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Dekonstruktion eines Architekten

Der Comic-Strip ist eine aussterbende Gattung, zumindest auf seinem klassischen Terrain, der Zeitung. Nicht nur, dass die aufwendige Arbeit daran und die drucktechnischen Vorläufe das genuine Bedürfnis einer Zeitung nach Aktualität konterkarieren (es sei denn, man ist Volker Reiche, der fast zehn Jahre lang „Strizz“ als tagesaktuellen Strip produziert hat), es mangelt überdies an Platz und Geld, um sich den schönen Luxus eins Fortsetzungscomics noch leisten zu können. Deshalb ist der Comic-Strip mit wenigen Ausnahmen heute zum Netzphänomen geworden. Und wenn man Glück hat, erscheint irgendwann einmal ein Sammelband, damit man die Folgen endlich auch einmal in der Form lesen kann, wie es dem Genre angemessen ist: auf Papier.

Um einen solchen Band soll es hier gehen. Er heißt „The Life of an Architect …“ und ist ungeachtet seines englischen Titelsund der gleichfalls englischen Texte bei einem deutsche Verlag erschienen: DOM Publishers, einem in Berlin residierenden Spezialisten für Architekturbücher mit durchaus beachtlichem Ausstoß. Diese Publikation aber ist der erste Comic des Verlags, und natürlich hat er es nur deshalb ins Programm geschafft, weil Protagonist des Strips ein Architekt ist: Archibald. Der entwirft ambitionierte Häuser und hat sich den lieben langen Tag mit seinen Kunden, Kollegen und Bauarbeitern herumzuschlagen – ganz zu schweifen von der eigenen Familie (Frau und Sohn, Letzterer selbst kindlicher Architekt in spe). Jeder Architekt dürfte sich darin wiederfinden.

Und das macht den Erfolg des Strips aus, der weltweit bereits in zehn Sprachen zu lesen ist. Denn überall auf der Welt wird gebaut, und überall auf der Welt leiden Architekten unter mangelndem Respekt für ihr Genie. Das weiß auch der Belgier Mike Hermans, der unter dem Pseudonym Maaik „The Life of an Architect …“ zeichnet, denn der 1971 geborene Herr ist selbst Architekt und weiß also um die Geltungssucht in seinem Gewerbe. Wie sich das allerdings mit der Tatsache vereinbaren lässt, dass Hermans‘ Name bis zur letzten Seite im Buch verschwiegen wird, wäre interessant zu ergründen. Vielleicht kann er gerade deshalb so drastisch über Architekten witzeln, weil er sich selbst doch nicht so ernst nimmt. Es wäre zu hoffen.

„The Life of an Architect …“ ist ein Gagstrip, und wer wissen will, wie dessen Humor funktioniert, der kann sich unter http://www.dom-publishers.com/products/en/Architecture-and-Design/The-Life-of-an-Architect.html ein paar Probefolgen ansehen. Nicht die besten, würde ich sagen. Ich mochte etwa die, in der Archibald auf seinen ständigen Auftraggeber trifft, der sich bei dem Architekten beklagt: „Ich habe Sie die ganze Woche lang angerufen, aber Sie gehen nie ans Telefon!“ Archibalds Antwort: „Ich habe mich eben mit Ihrem Gebäude beschäftigt statt mit Ihnen ..“ „Aber ich bin der Kunde!“ „Und ich bin ein nachhaltiger Architekt ..“ „Was hat denn das damit zu tun?!“ „Gebäude leben länger als Kunden …“

Immer wieder ist es diese Mischung aus Zynismus, Arroganz und Witz, die Archibald als Figur auszeichnet. Man möchte nicht mit ihm befreundet sein, geschweige denn ihn als Architekten engagieren. Im Mikrokosmos des Büros mit fünf Mitarbeitern aber werden die menschlichen Schwächen zu humoristischen Stärken, und wenn Archibald mit Gott persönlich als größtem aller Baumeister hadert, wird der Größenwahn so überdreht, wie man es sonst selbst aus Comic-Strips kaum kennt.

Selbstverständlich gibt es ein Vorbild für den berufsspezifischen Comic von Hermans: „Dilbert“,die seit 1993 laufende amerikanische Gagserie von Scott Adams über einen Büroangestellten. Die gibt es nun och mehr als Architekten, deshalb hat es „Dilbert“ in die großen Publikumszeitschriften geschafft, „The Life of an Architect …“ dagegen nur in fachspezifische Publikationen. Mit Hermans‘ Stil kann ich aber weitaus besser leben, weil er sich am traditionellen Cartoon orientiert, während „Dilbert“ konsequent auf die reduzierte Graphik von Computern getrimmt ist. Zudem wagt Hermans bisweilen genreimmanenten Humor, wie die besten Comic-Strips ihn immer wieder gepflegt haben: als Spiel mit den räumlichen Begrenzungen eines Comics etwa oder – besonders passend für Architekten – mit der Illusion von Linien und Konturen. Es handelt sich nicht um einen Meilenstein der Comicgeschichte, aber ein Mosaiksteinchen im bunten Bild der Möglichkeiten einer Erzählform, die nach Lesergruppen ausdifferenziert werden kann. Wenn Architektenwitze erfolgreich sind, warum dann nicht auch Juristen- oder Journalistenwitze? Wahrscheinlich gibt es dazu auch längst Comic-Strips, die aber nicht auf normalem Wege sichtbar werden. Und damit sind wir wieder beim Anfangsproblem.

11. Jul. 2016
von Andreas Platthaus
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04. Jul. 2016
von Andreas Platthaus
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Die Freak-Liga aus Österreich

„Justice League“ heißt der Superheldenzusammenschluss des amerikanischen Verlags DC, die „Avengers“ kämpfen im Kollektiv für die Konkurrenz von Marvel. Und in Deutschland? Fehlanzeige. Wir haben ja nicht mal eine richtigen Superhelden außer vielleicht Nick Knatterton. Dagegen zeigen die Österreicher, wie es geht: Sie versammeln Captain Austria Jr., das Donauweibchen, den Bürokraten und Lady Heumarkt zur Truppe ASH (Austrian Superheroes). Wobei man besser von der Freak League sprechen würde, denn Lady Heumarkt ist eine fette Vettel, der Bürokrat genau das, was sein Name aussagt (er bezwingt seine Gegner durch Beschwörung von Verwaltungsvorschriften), und Captain Austria Jr. Leier unter Kindheitstraumata, die dem Misstrauen von Captain Austria Sr. zu schulden sind. Nur das Donauweibchen mit seiner wasserblauen Topfigur (Mystique von Marvel lässt schön grüßen) ist einigermaßen normal, soweit man davon bei Superhelden überhaupt sprechen kann.

Seit Stan Lee und Jack Kirby das Genre in den frühen sechziger Jahren umgekrempelt haben, sind Superhelden nervolabil. Und Nervensägen. Weil man sich so viele Sorgen um sie machen muss. Und um unsere Sorgen sollten sie sich doch gerade selbst kümmern. Ach, vorbei! Auch in Wien, wo niemand die Helden noch so richtig auf der Rechnung hat. Als dann ein grässlicher Basilisk (den kennt man aus der Harry-Potter-Welt) auftaucht, braucht es aber doch die geballte Kraft aus Körpermasse, Bürokratie, Flüssigkeit und Sohnesehrgeiz, um der Bedrohung Herr zu werden. Und in Heft 2 wartet schon ein irrer Wissenschaftler wie aus dem Bilderbuch: Dr. Phobos.

Zwei Hefte „ASH“ habe ich bisher gelesen, mindestens zwei weitere sollen noch folgen, bei Erfolg Fortsetzung darüber hinaus nicht ausgeschlossen. Der soll eingetreten sein, hört man aus Österreich. Vorgestellt wurde „ASH“ im vergangenen Herbst auf der Vienna Comic Con, und das Presseecho im Lande war gewaltig. Dann kam im Januar das erste Heft, und es war kein graphischer Flop. Im Gegenteil: Andi Paar und Thomas Aigelsreiter, verstärkt um den Koloristen Frans Stummer, haben einen grundsoliden Stil zu bieten, bei dem nur die Posen der Helden noch etwas weniger verkrampft werden dürften (Leseprobe unter http://www.mycomics.de/comic-pages/9170-ash-austrian-superheroes.html#page/6/mode/2up). Aber da ja schon die Zusammensetzung des heroischen Quartetts die zugrundeliegende Ironie erkennen lässt, kann man jede zeichnerische Unbeholfenheit auch als Augenzwinkern verstehen. In Heft 2, für dessen Hauptgeschichte neben Paar und Aigelsreiter nun auch noch Michael Liberatore und Lenny Großkopf verantwortlich zeichnen, sieht alles noch etwas professioneller aus; dafür allerdings weniger amüsant.

Geschrieben hat die Abenteuer der ASH ein Veteran der österreichischen Comicszene: Harald Havas. Der hat viel von Alan Moore gelernt. Allerdings ist die Käuferschicht in Österreich wohl doch nicht groß genug für einen veritablen Moore-Comic voller doppelter Böden und Anspielungen. Doch immerhin ist im zweiten Heft eine Kurzgeschichte enthalten, die Leo Koller im Retrostil der fünfziger Jahre gestaltet hat – Thema ist die Gründungsgeschichte der ASH, die nicht nur den „Dritten Mann“ zitiert, sondern auch auf Moores „Watchmen“ verweist. Im ersten Heft fand sich ein weitaus weniger geglückte Zusatzepisode von Großkopf zur Genese von Lady Heumarkt.

Das Ganze ist sehr für Insider gemacht, sprich: für Wiener, aber schon das nächste Heft soll die ASH nach Graz führen, und wer weiß, vielleicht schaffen sie’s ja auch mal über die deutsche Grenze. Noch ist die ja offen. Schön jedenfalls, dass überhaupt so ein Projekt gewagt wird. Ich werde weiterlesen.

04. Jul. 2016
von Andreas Platthaus
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28. Jun. 2016
von Andreas Platthaus
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Grandhotel als Flüchtlingsmodell

Augsburg ist nicht eben bekannt als Comic-Hauptstadt, aber der dortige Studiengang Kommunikationsdesign hat mit der 2006 gegründeten Projektklasse Comicwerkstatt und der von ihr herausgegebenen Anthologie „Strichnin“ ein bemerkenswertes Forum für den Zeichnernachwuchs geschaffen. Sechs Hefte sind bereits erschienen, den Max-und-Moritz-Preis für die beste studentische Publikation hat man dafür gewonnen, und nun ist eine Publikation in Augsburg entstanden, die nach noch Höherem strebt: „Nachrichten aus dem Grandhotel“. Auch das ist eine Anthologie, aber eine, die acht Reportagen zum groß angelegten Porträt einer hochinteressanten lokalen Institution bündelt. Das Grandhotel Cosmopolis ist eine soziale Einrichtung, die 2011 in einem verlassenen Altersheim mitten in der Stadt entstand und mittlerweile Beherbergung, Café-Ausschank und Flüchtlingsunterkunft unter einem Dach vereint.

2012 wurde dort ein „Strichnin“-Heft vorgestellt, und die Atmosphäre in dem selbstverwalteten Projekt begeisterte die Studenten derart, dass man in Kontakt blieb. Im vergangenen Jahr wurde dann ein konkretes Publikationsvorhaben aus der wechselseitigen Sympathie: Acht Mitglieder der Projektklasse Comicwerkstatt führen Gespräche mit Gründern, Mitarbeitern, vor allem jedoch dort ansässigen Flüchtlingen und zeichneten jeweils kleine Geschichten von jeweils unter zehn Seiten. Entstanden sind sowohl anekdotische wie höchst aufwühlende Berichte – je nach Schicksal der Gesprächspartner. Da ist der nur knapp dem Tod durchs Ertrinken entronnene Flüchtling ebenso vertreten wie der durch Drohungen aus seiner Heimat vertriebene afghanische Arzt, da ist die unter dramatischen Umständen aus dem Kosovo geflüchtete Schülerin, aber auch der Augsburger Aktivist, der an der Etablierung des Grandhotels Cosmopolis beteiligt war.

Jeder Beteiligte – man muss sie hier einfach alle namentlich nennen: Samuel Boeck, Dennis Ego, Hannah Hageraats, Marte Negele, Paul Rietzl, Wolfgang Speer, Julian Wienand und Miriam Wöllner – hat seinen eigenen Stil für die resultierenden Comicreportagen gewählt (Leseprobe unter http://comicwerkstatt-augsburg.de/weitere-publikationen/grandhotel; wobei sich die Genrefrage stellt, denn nicht jeder Bericht ist auch gleich eine Reportage, aber sei’s drum), und am eindrucksvollsten ist Dennis Egos Protokoll der Erlebnisse eines syrischen Flüchtlings geraten, weil er sich für einen schönen Kunstgriff entschieden hat: Sein syrischer Gesprächspartner ist selbst Zeichner, und den Großteil von dessen Bericht hat Ego als Skizzen gestaltet – als hätte er das Notizbuch seines Gegenübers geplündert. Die simulierte Spontaneität und bewusste Einfachheit passt zur Extremsituation der dokumentierten Flucht, und der Kontrast zu Auftakt und Abschluss der achtseitigen Erzählung, in denen keine Bedrohung an Leib und Leben besteht, ist graphisch dadurch zum Ausdruck gebracht, dass dort klassisch-realistische Zeichnungen zum Einsatz kommen.

Das ist die einzige Geschichte, die in sich den Stil wechselt, aber das Buch selbst, satte neunzig Seiten stark, ist natürlich durch die verschiedenen eingesetzten graphischen Handschriften unterschiedlich genug. Doch alle Einzelberichte sind dadurch miteinander verbunden, dass der Amerikaner Mike Loos, der an der Augsburger Hochschule für Gestaltung seit 2004 Illustration lehrt und von Beginn an die Projektgruppe Comicwerkstatt leitet, Übergänge gezeichnet hat, die aus den „Geschichten aus dem Grandhotel“ eine große Geschichte machen. Das Prinzip kennt man aus den frühen Lustigen Taschenbüchern, in denen zuvor separat publizierte Disney-Comics durch Rahmenerzählungen zu einem großen Erzählstrom vereinigt wurden. Das hatte einen skurrilen Reiz, weil dadurch bisweilen über die eigentlich intendierte Geschichte hinaus erzählt wurde, und zumindest ich habe sehr bedauert, dass der italienische Mondadori-Verlag dieses Prinzip vor einem Vierteljahrhundert aufgegeben hat.

In „Nachrichten aus dem Grandhotel“ feiert es seine Wiederkehr, wobei sich Loos sehr bemüht, den Arbeiten seiner Studenten nicht die Wirkung zu nehmen. Er stellt sich in den Dienst ihrer Reportagen und reichert den Korpus des Erzählten vor allem durch Lokalkolorit an – als erfahrener Comiczeichner lässt er aufwendige Dekors zu, die bei den jüngeren Kollegen eher kurz kommen, doch dafür sind es die Studenten, die die spektakulären Geschichten zu bieten haben. Die Idee, eine Taube zur Protagonistin von Loos‘ Rahmenerzählung zu machen, ist ein wenig arg schlicht (Friedenssymbol), und seien Graphik ist auch nahe am Kitsch gebaut, aber es ist wiederum hochinteressant, wie er von den Reportagen vorgegebene Figuren aufnimmt und sich somit acht verschiedenen Stilen anzupassen hat, ohne dass er seine eigene Handschrift verleugnete. Das geht bis zum Einsatz von Farbe in der Überleitung zu Wolfgang Speers Porträt des Flüchtlings Hayder, die als einzige bunt gehalten ist.

Alle Geschichten entstanden im vergangenen Sommer, noch vor der Zuspitzung der Flüchtlingskrise. Trotzdem haben sie nichts an Relevanz eingebüßt, im Gegenteil: Die Konzentration auf individuelle Schicksale ist wohltuend angesichts der steten Wahrnehmung von Masse, die über bloße Zahlennennung und Bilder mit den Ankünften ganzer Schiffe oder Züge von Flüchtlingen forciert wird. Darüberhinaus wird mit dem Augsburger Grandhotel ein Modell der Integration vorgestellt, das auf ganz andere Weise arbeitet als die in bürokratischer Hand liegenden Abläufe.

Der schön gedruckte Band ist übrigens spottbillig: 12,80 Euro. Das ist der Unterstützung durch die Hans-Benedikt-Stiftung, die sich der Unterstützung der Augsburger Hochschule verschrieben hat. Erschienen beim lokalen Wißner Verlag, der sich bislang nicht mit Comics profiliert hat, dürfte es schwierig sein, den schönen Band im normalen Buchhandel außerhalb Schwabens zu finden. Also bitte bestellen. Es lohnt sich.

28. Jun. 2016
von Andreas Platthaus
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20. Jun. 2016
von Andreas Platthaus
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Schöner kann es am Meer selbst nicht sein

David Prudhomme, Pascal Rabaté: "Rein in die Fluten!". Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock, Handlettering von Dirk Rehm. Reprodukt Verlag, Berlin 2016. 120 S., farbig, Hardcover, 24 €.David Prudhomme, Pascal Rabaté: „Rein in die Fluten!“. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock, Handlettering von Dirk Rehm. Reprodukt Verlag, Berlin 2016. 120 S., farbig, Hardcover, 24 €.

Am vergangenen Wochenende feierte der Berliner Reprodukt Verlag seinen 25. Geburtstag, und ein schöneres Geschenk konnte er sich selbst (und uns) kaum machen als den Band „Rein in die Fluten!“ Geschrieben, aber auch mitgezeichnet hat ihn Pascal Rabaté, einer der besten französischen Szenaristen (und Zeichner), gezeichnet, aber auch mitgeschrieben David Prudhomme, einer der besten französischen Zeichner (und Szenaristen). Gemeinsam sind sie ein Traumduo, wie sie vor einigen Jahren bereits mit ihrer Kooperation „Die Plastikmadonna“ bewiesen haben.

Allerdings muss man sagen, dass sich dieser damals bei Carlsen erschienene wunderbare Comic, der den französischen Alltag am Beispiel einer angeblichen Wundererscheinung auf höchst skurrile und amüsante Weise unter die Lupe nahm, in Deutschland miserabel verkauft hat. Umso wichtiger und leider auch mutiger, dass Reprodukt nun den zweiten Band der beiden herausbringt. Aber da die Solowerke der Autoren (jeweils sensationell: „Rembetiko“ und „Einmal durch den Louvre“ im Falle Prudhommes sowie „Bäche und Flüsse“ von Rabaté) ohnehin schon ihre deutsche Heimat bei dem Berliner Verlag gefunden haben, ist die Übernahme des Gemeinschaftsalbums nur konsequent.

120 Seiten lang ist es, und es erscheint im richtigen Moment, zum Beginn des Sommers. Denn in „Vive la marée“ (wörtlich „Es leben die Gezeiten“, aber auch „Hoch lebe die Flut“ im Sinne von Menschenmassen), wie der Comic im Original heißt, geht es um Strandurlaub. Der deutsche Titel ist etwas ranschmeißerisch, hat dafür aber ein subtileres Umschlagbild, auf dem man etliche Schwimmer aus Unterwasserperspektive sieht, darunter ein Paar, das sich in einer Pose umarmt, die Prudhomme einer Gemäldeserie des italienischen Kollegen Lorenzo Mattotti abgeschaut hat. Dieser augenzwinkernde Gruß ist das I-Tüpfelchen eines Buchs, das unter anderem eben auch eine gigantische Hommage ist.

Allerdings nicht an einen anderen Comic, sondern an einen Film: Jacques Tatis „Ferien des Monsieur Hulot“. Nicht, dass Rabaté und Prudhomme Figuren, Handlungsort oder Verlauf zitierten, aber sie übernehmen das Wichtigste dieses Films: die Struktur. Wie bei Tati wird die große Strandgesellschaft individualisiert, und wir verfolgen in winzigen Episoden mit immer neuen Konstellationen das Geschehen am Meer. Dabei geben die Figuren gewissermaßen nach ein, zwei Seiten den Staffelstab an andere Protagonisten ab, quasi im Vorbeigehen, indem plötzlich die Aufmerksamkeit bei einem anderen Badegast hängenbleibt und man ihn für eine Weile verfolgt. Und es passiert ähnlich wenig im Comic wie in Tatis Film, doch es ist genauso komisch und entlarvend.

Wie in „Die Ferien des Monsieur Hulot“ beginnt alles mit der Anreise (dazu die Leseprobe: http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/rein-in-die-fluten/), wahlweise mit Auto oder Zug, und schon durch die Verhaltensweisen der Beteiligten dabei werden sie charakterisiert: als Angeber, Geizhälse, Querulanten die Erwachsenen, während die Kinder als unschuldige Staffagefiguren fungieren, die zwar bisweilen selbst die Handlung vorantreiben, aber nie jene Blasiertheit oder Arroganz zeigen, die ihre Eltern auszeichnet. Den unschuldigen Tor allerdings, wie Hulot es ist, den gibt es hier nicht. Als einzige rundum sympathische Handlungsträger treten lediglich zwei Anstreicher auf, die den ganzen Tag lang mit dem Lackieren von Metallzäunen beschäftigt sind. Man darf darin wohl ein Selbstporträt von Rabaté und Prudhomme erkennen.

Was den Comic aber erst zur veritablen Meisterleistung macht, ist die graphische Konzeption. Dass sich ein Strand ideal zur Inszenierung einer Comicgeschichte eignet, ist evident: Vor der weiten weißen Fläche zeichnet sich das Geschehen im buchstäblichen Sinne perfekt ab. Zudem aber wählen die beiden Autoren für ihre Geschichte höchst ungewöhnliche Perspektiven, nämlich meist die von am Strand Liegenden, also aus extremer Untersicht, verbunden mit Überlagerungen von Bildebenen, die kleine Elemente im Vordergrund in optischen Gleichklang mit größeren weiter hinten bringen. Das schönste Beispiel ist die Ankunft eines ebenso dick- wie weißbäuchigen Herrn am FKK-Strand, den er über eine Düne zu erreichen scheint, die sich durchs Wegzoomen der Betrachterposition als unbekleideter Körper einer jungen Frau erweist. Oder ein kleines Mädchen kadriert mit den Fingern einzelne Badeszenen zu Bildern auf einem imaginierten Smartphone, die es dann beliebig vergrößern oder verkleinern kann. Und das Tolle ist, dass die Comicbilder dieses Spiel mitzumachen scheinen, bis dann doch einmal eine Wischbewegung des Kindes scheitert und die Illusion zerstört.

Klüger ist seit vielen Jahren kein Comic mehr in Szene gesetzt worden, und wenn man überhaupt ernsthafte Vorläufer oder Konkurrenz nennen sollte, so müsste man wohl auf Erzählrevolutionäre wie Marc-Antoine Mathieu oder David B. verweisen. Im Mainstreamcomic aber, und dazu zählt „Rein in die Fluten!“, der sich im vergangenen Jahr in Frankreich exzellent verkauft hat (glückliches Comicland!), hat es eine so ausgefuchste Verschränkung von Verlauf und Visualisierung noch nicht gegeben. Und die Dialogregie in der gewohnt sorgfältigen Übersetzung von Uli Pröfrock tut das Ihre dazu, dass man staunend weiterliest, denn wie es Rabaté und Prudhomme gelingt, sowohl das dauerhafte Gemurmel des Strandlebens wie die Freudenjauchzer und Zurufe abzubilden, das wäre eine eigene Analyse wert. Dieser Comic führt so ziemlich alles vor, was man überhaupt graphisch erzählen kann.

Doch nichts davon wirkt aufgesetzt oder gar manieriert. Dieser Comic, der nur einen einzigen heißen Sommertag porträtiert, aber dabei gleich Dutzende von Menschen und deren Marotten, verhält sich in der Erzählhaltung so selbstverständlich wie die Flut am Strand selbst. Immer wieder rollen deren Ausläufer an, ziehen sich scheinbar wieder zurück, und setzen doch schließlich alles unaufhaltsam unter Wasser. Auch dieser Geschichte kann man nicht entkommen.

Wir sehen die Rentner und die Tätowierten, die Sportler und die Sonnenanbeter, die Schönen und die Schlaffen, die Dreisten und die Scheuen, die Frauen und die Männer, die Menschen und die Tiere. Wir sehen einen Badeort, als bewegten wir uns mit den Protagonisten durch dessen Straßen. Und wir sehen nicht nur den Strand, wir fühlen, riechen, hören ihn. Und irgendwo mittendrin sind auch wie selbst. Man muss nur sehr genau hinsehen, -fühlen, -riechen, -hören. Aber das ist ein einziges Vergnügen. Herzlichen Glückwunsch dem Verlag und den Lesern dieses Comics.

20. Jun. 2016
von Andreas Platthaus
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13. Jun. 2016
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Öko-Superkräfte

Jaja ist einer jener rührigen Kleinverlage, die dafür gesorgt haben, dass neben den etablierten Zeichnern auch der Nachwuchs in Deutschland seine Form bekommt. Das jüngste Produkt des von Annette Köhn 2011 in Berlin-Neukölln gegründeten Verlags stammt allerdings von einem italienischen Zeichner: Federico Cacciapaglia, geboren 1987 in Rom, allerdings seit einigen Jahren in Berlin ansässig. Als Pseudonym hat er sich „Café“ ausgesucht, und sein Mitautor, Arturo Martinini, nennt sich Art, obwohl er mit dem Zeichnen gar nichts am Hut hat. Gemeinsamen haben sie einen schwarzweißen Band herausgebracht, der „Die Growls“ heißt.

Vertraute des Comic-Idioms werden in diesem Titel einen typischen Knurrlaut wiedererkennen und somit darauf vertrauen, dass es einigen Ärger in der Geschichte gibt. Genauso ist es. Zu beginn landen drei Eskimos an einem tropische Strand neben einem Kühlschrank, der dort im Sand steckt wie der schwarze Monolith zum Anfang von Stanley Kubricks Spielfilm „2001 – Odyssee im Weltall“, und durch eine Art Pflanzenzauber lassen sie drei Lebewesen entstehen, die in ihren Eigenschaften gewisse Verwandtschaft mit den Digedags haben. Das aber sind die Growls.

Sie wissen es nur noch nicht. Was sie indes wissen, ist, dass sie Hunger haben. Doch im Kühlschrank ist nichts. Also geht der drei namenlosen Neugeborenen zum nächsten Supermarkt, begegnet aber auf dem Rückweg dem Bio-Mann, der ihn von den Vorzügen biodynamischer Ernährung überzeugt. Bei der Einnahme eines natürlich erzeugten Nahrungsmittels wird aus dem kleinen Wesen ein großer Kämpfer, ein Growl, während beim Verzehr der Massenware aus Essern eine Spezies wird, die als kleine Totenköpfe mit offenliegendem Hirn gezeichnet sind und „Consumx“ genannt werden. Haben wir es bei „Die Growls“ also mit einem agitatorischen Comic für gesunde Ernährung zu tun?

Keineswegs, denn Cacciapaglia und Martinini machen sich einen Spaß daraus, die heldenhaften drei Kobolde zum leicht manipulierbaren Gefolge von allerlei Gutmenschen zu machen. Die drei Eskimos treten immer wieder einmal als mystisch-gutes Gewissen des Planeten auf, ohne aber mehr als per Flaschenpost zugestellte Handlungsanweisungen zu liefern. Außerdem gibt es neben Bio-Mann noch einen Reporter-Aktivisten und einen Veganer, die sich sämtlich für eine bessere Welt einsetzen, das aber ohne jede Rücksicht auf Vernunft oder andere Akteure tun. Die drei Growls werden so zu leicht lenkbaren Kampfmaschinen, die wie in einem sehr schlechten Superheldencomic ständig gegen die skrupellosen Consumx antreten, die sich darin gefallen, alles, was spirituell Bewegten viel bedeutet, zu vernichten, seien es Delphine, Tibet, Pandas, Eisbären oder Wale.

Der Umgang des Comics mit diesen Ikonen des schlechten Weltgewissens ist höchst drastisch. Hinter dem kindgerecht scheinenden Zeichenstil von Cacciapaglia verbirgt sich ein graphischer Zynismus, der dieses Heft zu allem anderen als niedlicher Lektüre macht. De Gedankenlosigkeit der drei Helden ist bemerkenswert – so schmachtet etwa über die ganze Länge des Comics der letzte lebende Delphin in einer Zinkwanne, die nur ein paar Meter vom Meer entfernt steht, vor sich hin und will einfach nur sterben, doch man lässt ihn nicht. Ungeachtet seiner hell und leicht wirkenden Bilder wird die Geschichte tiefschwarz erzählt. Es ist, als hätte James Woodring für „Mad“ gezeichnet. Wer es sich ansehen will, findet auf http://www.jajaverlag.com/die-growls/ Anschauungmaterial.

Eine politische Haltung gibt es in diesem Öko-Superheldencomic nicht. Die Generation von Cacciapaglia ist zwar politisch engagiert, aber nicht dogmatisch. Sie lässt sich nicht vereinnahmen für die weltverbessernde Propaganda einer bestimmten Lebensweise, sondern macht sich munter sowohl über die Vertreter traditioneller Ökonomie wie Ernährung wie über die messianischen Parolen alternativer Entwürfe lustig. Das macht „Die Growls“ nicht eben leicht zu lesen, denn wann immer man glaubt, eine Haltung darin gefunden zu haben, wird einem neu der Boden unter den Füßen weggezogen. Wenn man das aber einmal als Erzählprinzip erkannt hat, wird aus Cacciapaglias Band ein wunderbares Spiel mit unseren Erwartungen, Klischees und Erfahrungen. Hochkomisch ist das.

13. Jun. 2016
von Andreas Platthaus
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06. Jun. 2016
von Andreas Platthaus
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Lahmer, tiefer, kürzer?

In meiner Kindheit gab es im Gästezimmer einer Großtante, bei der ich manches Wochenende verbringen durfte, ein Buch, an dessen Titel ich mich nicht erinnere, das aber großen Persönlichkeiten des Sports gewidmet war: unter anderen Toni Sailer, Jochen Rindt, Armin Harry, Max Schmeling, Cassius Clay (damals war Muhammad Ali als sein Name noch nicht fest etabliert) und auch Emil Zátopek, der tschechischen Lokomotive. Ich würde vermuten, dass mindestens die Hälfte dieser Namen heute nicht mehr Allgemeingut sind.

Ganz sicher weiß ich es bei Zátopek, denn sonst gäbe es wohl kaum ein von der tschechischen Regierung gefördertes Projekt „Zátopek 2016“ (warum just dieses Jahr, ist vollkommen unersichtlich; der Sportler wurde 1922 geboren, starb 2000 und gewann seine olympischen Goldmedaillen 1948 und 1952), „dessen Zweck es ist, an diesen überragenden Läufer zu erinnern, der ein Vorbild für Millionen Menschen auf der ganzen Welt ist“. Im Rahmen von „Zátopek 2016“ wurde auch ein Comic erstellt, der die Geschichte von Emil Zátopek erzählt, geschrieben von Jan Novák, einem vor allem durch seine Drehbücher berühmt gewordenen tschechischen Autor, der jetzt in Amerika lebt, und gezeichnet von Jaromír Svejdík, der unter dem Pseudonym Jaromír 99 sowohl Musik als auch Comics macht. Vor drei Jahren erschien seine Adaption von Kafkas „Schloss“, doch berühmt wurde er durch den von Jaroslaw Rudis geschriebenen Comic „Alois Nebel“.

Der erschien seinerzeit beim Leipziger Verlag Voland & Quist und war ein für Comicverhältnisse schöner Erfolg (vor allem, als noch der gleichnamige Trickfilm dazukam). Deshalb hat der Verlag sich nun auch für die Publikation von „Zátopek“ entschieden, zumal die Übersetzung vom tschechischen Kulturministerium gefördert wurde. Allerdings ganz sicher nicht gelesen. Offenbar von niemandem. Denn man findet im Text so erstaunliche Behauptungen, wie die, dass Zátopek als Läufer Rekordzeiten überboten hätte. Das kann ich auch, jederzeit sogar, denn was wäre einfacher, als über einem Laufrekord zu bleiben? Dafür hat Zátopeks Ehefrau Dana, eine Speerwerferin, im Comic den Landesrekord unterboten. Auch nicht schwierig bei einer Wurfdisziplin. Wenn schon einmal falsch, dann auch konsequent. Dass an anderer Stelle davon die Rede ist, dass Dana Zátopekova „zwischen zwei Olympiaden“ zahlreiche Rekorde aufgestellt habe, fällt da kaum noch auf. Gemeint ist natürlich der Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen, also eine Olympiade.

In einer Sportlercomicbiographie sollte solcher Unsinn nicht stehen. Wieder ein Beispiel dafür, dass Comicübersetzungen oft mit einer Nachlässigkeit redaktionell betreut werden, die bei Sachbüchern oder Literatur als Skandal empfunden würde. Aber die Bilder kaschieren so viel.

Und für sie lohnt sich die Lektüre von „Zátopek“, vor allem im ersten Teil. Bis Emil Zátopek nämlich endlich richtig ins Laufen kommt, arbeitet er von 1937 bis 1947 bei der tschechischen Schuhfirma Bata. Und wie Jaromír 99 deren Werksgelände ins Bild setzt, das weckt ermaßen viele Assoziationen an die Grafik der ersteh Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, besonders an Frans Masereel, dass man sich bei jedem Umblättern schon auf die Überraschung der nächsten beiden Seiten freut. Der deutsche Verlag bietet leider keine Leseprobe an, aber für die Bebilderung ist ja auch das tschechische Original aussagekräftig: https://obalky.kosmas.cz/ArticleFiles/208858/208858_uk.pdf/FILE/zatopek-208858_uk.pdf. Dem Sportlerleben, nachdem Zátopek zur Armee ging, kann der Comic dagegen kaum noch originelle Bildideen abgewinnen.

Allerdings hat die Geschichte von Jan Novák auch nichts Reizvolles zu bieten, so dass man schon dankbar ein muss, wie viel Jaromír 99 aus dem Beginn herausgeholt hat. Erzählt wird ohnehin nur bis 1952, den Olympischen Spielen von Helsinki, auf denen Zátopek als bislang einziger Mensch über 5000 Meter, 10.000 Meter und Marathondistanz Gold gewonnen hatte. Nch dem Zieleinlauf des Marathonlaufs noch ein Kuss von Dana, dann ist Schluss. Danach begannen im wahren Leben auc die sportlichen Nackenschläge. So etwas erzählt man weniger gern.

Dafür werden die Widerstände hervorgehoben, die Zátopek in der Tschechoslowakei zu überwinden hatte. Zum Militär ging er der besseren Trainingsmöglichkeiten wegen, nicht aus Überzeugung, schon gar nicht nach der Errichtung der kommunistischen Diktatur im Jahr 1948, obwohl sein vater überzeugter Kommunist war. Zátopek war Politik egal, er wollte laufen, und wenn er sich für einen ideologisch unzuverlässigen Kameraden einsetzte, dann interessierte ihn dessen Aussicht auf sportlichen Erfolg, nicht die Einstellung für oder gegen den Staat. Dass daraus ein Konflikt erwuchs, der fast zum Verzicht Zátopeks auf seine Starts in Helsinki geführt hätte, wird von Novák zum dramatischen Höhepunkt seiner Erzählung gemacht.

Doch bei einer Figur wie Zátopek, die schon auf dem Titelbild das Zielband als Erster durchreißt, kann durch einen solchen Effekt keine Spannung entstehen. Zu glatt läuft die Karriere des Läufers ab, unbeirrbar erfolgreich wie dessen Wettkämpfe, als dass man jemals mit einem Scheitern rechnete. Dadurch wird der Comic nur interessant für Leser, die etwas über Zátopek erfahren wollen; wenig sportbegeistertem Publikum bietet er nichts – außer den bereits gelobten graphischen Finessen des Auftakts.

06. Jun. 2016
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30. Mai. 2016
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In Erlangen erlangt man traurige Erkenntnis

Manchmal ist die Diskrepanz zwischen Inhalt und Form eines Comics gewaltig. Für Veranstaltungen gilt das Gleiche, du nicht nur für solche, die mit Comics zu tun haben. Aber eben auch für diese. So etwa für die Gala des diesjährigen Erlanger Comicsalons, auf der die Max-und-Moritz-Preise verliehen wurden. Ich habe jetzt ein paar Tage über diese Veranstaltung nachgedacht, und meine Verärgerung über deren Form ist nicht kleiner geworden.

Zunächst das vorab: Die Preise gingen alle in Ordnung, sind teilweise sogar zwingend (Barbara Yelin als beste deutsche Comic-Künstlerin, Birgit Weyhes „Madgermanes“ als bester deutscher Comic, Katharina Greves „102 Etagen“ als bester Comic-Strip). Dass sich „Ein Sommer am See“ von Mariko und Jillian Tamaki (bester ausländischer Comic) mit einem Jahr Abstand nicht ganz so gut gehalten hat, wie ich das selbst damals noch vermutete, spricht nicht gegen die Intensität dieser Geschichte um eine Mädchenjugend. Und Claire Bretécher für ihr Lebenswerk zu ehren, war überfällig, und das Bedauern darüber, dass sie selbst dazu nicht nach Erlangen kommen konnte, hat meine Freude über die Entscheidung der Jury nicht vermindert.

Aber da geht es los. Warum ist es dem Salon und noch mehr dem deutschen Verlag von Bretécher (derzeit Reprodukt) nicht wenigstens geglückt, der großen alten Dame ein Wort des Dankes zu entlocken. Von Videobotschaft will ich gar nicht erst anfangen, es kann Gründe dafür geben, darauf zu verzichten, aber gar kein Satz zur Ehrung des eigenen Lebenswerks? Das brüskiert den Salon, egal, ob man Madame Bretécher überhaupt gefragt hat oder nicht. Denn sollte Reprodukt es versäumt haben, ist die Brüskierung nicht geringer, nur eben durch den Verlag.

Und das würde passen. Dass die Tamaki-Cousinen nicht nach Deutschland kommen konnten, kann man verstehen, dass der Verlagsvertreter von Reprodukt, der für sie den Preis entgegennahm, aber nicht einmal sagen konnte, wo sie denn gerade sonst waren, zeigt, dass man sich verlagsseitig um nichts gekümmert hat. Die Zeichnung, die Jillian Tamaki zum Dank für die Auszeichnung ihres Comics geschickt hatte, ist an den Salon selbst gegangen, also hatte Reprodukt auch damit nichts zu tun. Aber der Gipfelpunkt im schlechten Umgang mit der dem Haus seit Jahren sehr gewogenen Veranstaltung war noch gar nicht erreicht.

Dazu brauchte es die Verlesung der Erklärung von Patrick Wirbeleit, eines weiteren abwesenden Reprodukt-Preisträgers, dessen Comicreihe „Kiste“ von der Jury zum besten Kinder-Comic bestimmt worden war. Die recht selbstverliebte Erklärung, in der über seinen Co-Autor Uwe Heidschötter kein Wort verloren wurde, endete mit der Ablehnung des Preises, weil die Erlanger Jurys bislang die von Wirbeleit geschätzten Zeichner Kim Schmidt und Sascha Wüstefeld ignoriert hätten. Das mag er so sehen, eine Prüfung der Arbeiten von Schmidt und Wüstefeld kann ja dankenswerterweise jeder selbst übernehmen und dann sehen, ob sie etwas von Yelins „Irmina“ oder Weyhes „Madgermanes“ unterscheidet. Aber da es sich in Erlangen nicht um Überraschungssieger handelt (man will ja die Gewinner im Saal haben, also werden sie selbst oder die Verlage meist vorher informiert), hatte Reprodukt die Ablehnung seines Autors auch schon vorher erhalten. Es hätte Größe gehabt, sie dem Salon vorab mitzuteilen, um allen Beteiligten ( inklusive des abwesenden Herrn Wirbeleits) den peinlichen Moment zu ersparen.

Natürlich muss ein Künstler das Recht haben, einen Preis abzulehnen. Dann aber auch den Mut, es vorher zu tun oder wenigstens persönlich dazu zu stehen. So bleibt nur der Eindruck eines wenig couragierten Herrn, der sich ärgert, wenn seine Favoriten nicht abräumen. Nun denn, wenn’s der Wahnsinnsfindung dient.

Soviel zum Ärger über Reprodukt, die ein tolles Comicprogramm haben, aber offenbar von Preisen dafür etwas zu verwöhnt wurden. Nun zum Zorn über etwas Wichtigeres: die Moderation. Sie wird seit 2010 von dem Duo Hella von Sinnen und Christian Gasser durchgeführt, und das war am Anfang sehr erfrischend. Jetzt ist es nur noch sehr ermüdend. Gasser ist daran unschuldig, obwohl man sich wünschen würde, er brächte seine konkurrenzlose Sachkompetenz auch in die Vorbesprechungen zur Moderation ein. Aber mutmaßlich ist Hella von Sinnen, die mir als Donaldistin prinzipiell sehr sympathisch ist, beratungsresistent. Sonst hätte sie für ihre mittlerweile vierte Verleihung doch einmal alle 25 nominierten Comics gelesen und vielleicht sogar mal einen Blick in die Biographie von deren Autoren geworfen, damit uns ein Satz wie der zur Zeichnerin Anna Haifisch („Sie ist wie Karl May, der war auch nie in Amerika“) angesichts eines einjährigen Studienaufenthalt Haifischs in den Vereinigten Staaten erspart geblieben wäre. Aber vielleicht haben Moderatorin und Zeichnerin sich ja nach der Gala bei dem Treffen ausgesprochen, zu dem Hella von Sinnen ihre angeblich derzeitige Lieblingsautorin von der Bühne herab einlud.

Interessiert uns, wen oder was Hella von Sinnen gerade schätzt? Aber ja, wenn es etwas mit den Preisen zu tun hat, jedoch nicht ausschließlich. Mehr als eigene Begeisterung oder Langeweile hat de Moderatorin leider nicht zu bieten. Das ist lebendig, aber inkompetent. Immerhin sorgte sie für den Höhepunkt des Abends, als sie dem für „Fahrradmod“ nominierten Tobi Dahmen die Vorführung einiger Mod-Tanzschritte abverlangte. Die Peinlichkeit dieser Zumutung wich, als Dahmen sie so souverän absolvierte, wie man es sich nur erträumen konnte. Aber die Peinlichkeit, dass eine sechsundfünfzigjährige Frau noch nie von Mods gehört haben will, vergeht so schnell nicht.

Hella von Sinnen gefällt sich darin, als Abzockerin aufzutreten. Gerne betonte sie, dass ihr die Comics vom Salon zur Vorbereitung gratis zugeschickt wurden, was ja völlig in Ordnung wäre, wenn sie die Bände dann auch lesen würde. Aber dass sie die von Jillian Tamaki an den Salon eingesandte Dankeszeichnung an sich bringen wollte (ein Segen, dass das Blatt nur digital vorlag), weil sie sich ja so genau in einer der beiden Hauptpersonen getroffen sehe, das war von einer Frechheit, die den Atem raubte. Wie schon ganz zu Beginn, als sie den Erlanger Oberbürgermeister, der in fünf Minuten mehr Substanzielles zur Lage der Comics im Allgemeinen und der des Salons im Speziellen zu sagen hatte als Hella von Sinnen in zweieinhalb Stunden, zur Eile drängte, weil man wenig Zeit habe. Dann aber bei so ziemlich jeder Nominierung, die sie im Folgenden vorzustellen hatte, länger schwafelte als der Bürgermeister. Es waren sehr lange zweieinhalb Stunden auf dieser Gala mit Hella von Sinnen, aber gewiss meine letzten, wenn es bei dieser Besetzung bleiben sollte.

30. Mai. 2016
von Andreas Platthaus
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23. Mai. 2016
von Andreas Platthaus
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Aufgeweckte Altstars

Auf den Comic-Bestsellerlisten in Frankreich, dem umsatzstärksten europäischen Land für diese Branche, stehen derzeit drei Titel weit oben, die jeweils neue Blicke auf legendäre alte Serien werfen. Matthieu Bonhomme hat einen „Lucky Luke“-Band gezeichnet, der nicht Teil der regulären, seit fast siebzig Jahren laufenden Serie ist, und gleich zwei Alben widmen sich Walt Disneys Micky Maus, noch dazu in höchst prominenter Besetzung: Den einen hat der ebenso populäre wie poetische Cosey geschrieben und gezeichnet, für den zweiten hat Lewis Trondheim, der Revolutionär unter der mittleren Generation französischer Comic-Künstler, zur Feder gegriffen. Alle sind sie mit diesen neuen Projekten erfolgreicher als mit den eigenen der letzten Jahre.

Pech, dass ein Teil der daraus resultierenden Einnahmen an die Rechteinhaber gehen wird: an den Disney-Konzern und an die Erben des 2001 verstorbenen Morris. Aber immerhin haben sie ihre Genehmigungen erteilt, die weltbekannten Figuren überhaupt benützen zu dürfen. Das hätte es im Falle von Hergés „Tim und Struppi“ oder Goscinny/Uderzos „Asterix“ nie gegeben. Die dritte legendäre Serie der französischsprachigen Comicgeschichte allerdings hat vorgemacht, wie man einem Klassiker neues Blut und vor allem neue Leser zuführen kann: Neben der bereits seit 1938 laufenden Reihe „Spirou“ gibt es seit einigen Jahren Sonderbände, die von prominenten Gastautoren und -zeichnern bestritten werden, und da gleich der erste, Émile Bravos „Porträt eines Helden als junger Tor“ von 2008, ein Sensationserfolg war, ist das Konzept seitdem immer weiter ausgebaut worden – wobei die Qualität unter der Häufung durchaus gelitten hat, der Verkauf aber offenbar nicht. Derzeit sitzt Bravo aber selbst wieder an einem solchen Band, und man hört, es werde sich um ein Werk von mehr als zweihundert Seiten handeln. Unerhört im „Spirou“-Kosmos. Das wird spannend.

Aber auch ohne solche Längenextreme bieten die außerhalb der Reihen laufendenden Bände zumindest vom Üblichen abweichende Formate. Bonhommes „L’Homme qui tua Lucky Luke“ (Der Mann, der Luck Luke getötet hat) etwa hat vierundsechzig Seiten, eines der beiden Standardformate im frankobelgischen Albengeschäft, aber das ungewöhnliche längere, denn alle alten „Lucky Luke“-Episoden sind auf achtundvierzig Seiten ausgelegt gewesen. Durch den zusätzlichen Umfang erzählt Bonhomme ruhiger als Morris oder dessen aktueller Nachfolger Achdé, und Lucky Comics hat als Rechteinhaber Wert darauf gelegt, dass mit diesem Sonderband auch graphisch etwas Besonderes passiert. Bonhommes eher realistisch gezeichneter Lucky Luke knüpft einerseits an jene Phase von Morris an, als der Zeichner in den fünfziger Jahren die erste Unbeholfenheit abgelegt, aber auch noch nicht den flüssigen, uns heute vertrauten Stil der Sechziger und Siebziger gefunden hatte. Andererseits greift Bonhomme in Seitenarchitektur und Farbgebung das Vorbild des berühmtesten aller französischsprachigen Western-Comics auf: Jean Girauds „Blueberry“.

So gelingt ihm das Kunststück, eine ernsthaftere Welt, als sonst in der Serie üblich, mit doch graphisch vertrauten Figuren zu füllen (Leseprobe unter http://www.dargaud.com/bd-en-ligne/homme-qui-tua-lucky-luke-l,22890-1d43d0e8333f8f6ec125eceafcff313f). Besonders die Nebenfigur Doc Wednesday ist wie aus einem klassischen „Lucky Luke“ entsprungen, während die Familie Bone als Gegenspieler à la Giraud gehalten wird – was sie ungleich bedrohlicher macht als frühere Schurken wie etwa die Daltons. In diesem Band wird auch gestorben, und Psychologie spielt eine wichtige Rolle, aber zugleich ist „L’Homme qui tua Lucky Luke“ die Arbeit eines Liebenden, der die Stimmung der Serie nur um solche Nuancen erweitert, die dem Geist des Originals verpflichtet sind. Bis hin zum Grabstein eines gewissen Morris, „from Bevere“, auf dem Friedhof der Kleinstadt Frog Town, wo das Geschehen angesiedelt ist. Wer weiß, dass der bürgerliche Name des ursprünglichen Zeichners Maurice de Bevère war, kommt hier auf seine Kosten.

Über die Handlung, vor allem natürlich in Bezug auf den Titel, hier kein Wort, denn der Band lebt nicht zuletzt von einer Grundspannung, die just dadurch entsteht, dass es hier tatsächlich um Leben und Tod geht. Auch um Liebe übrigens. Und um eine Lücke in der „Lucky Luke“-Saga, die Bonhomme inhaltlich zwingend schließt: den Übergang vom zigaretterauchenden Cowboy zum strohhalmkauenden. Was in Wirklichkeit die Forderung amerikanischer Sittenwächter war, um ein jugendliches Publikum nicht zum Rauchen zu verführen, wird bei Bonhomme zur freien Entscheidung Lucky Lukes, und es lohnt allein schon deshalb, diesen Band zu lesen.

Eine ähnliche Absicht treibt Cosey mit seinem ebenfalls vierundsechzigseitigen Micky-Maus-Band „Une mystérieuse mélodie“ (Eine geheimnisvolle Melodie) an. Auch er ergänzt ein in der bekannten Saga fehlendes Element: nämlich, wie sich Micky und Minnie kennengelernt haben. Dazu versetzt er das Geschehen ins Jahr 1927, in dem sein Micky Maus als Drehbuchautor für einen Hollywood-Filmmogul arbeitet und sich neuen Herausforderungen stellen muss, die ihn in eine aberwitzige Handlung hineinziehen, die von einem verlorengegangenen Manuskript erzählt. Hier ist die Geschichte weitaus weniger wichtig als bei Bonhommes „Lucky Luke“-Band; Cosey nimmt sie zum Anlass, Szenerien und Figuren vorzustellen, die einem Disney-Liebhaber zutiefst vertraut sind, bis hin zu Goofys erstem Namen Dingo oder dem kleinen Hausboot, auf dem Donald Duck zu ersten Mal gesichtet wurde. Selbst der Titel ist eine Hommage an die Disney-Trickfilmserie „Silly Symphonies“ – wie überhaupt zahllose Dekors und Details, die Cosey in seinen Plot zu integrieren versteht. Das Ganze ist zudem in den flächigen Farben der frühen Comic-Strips gedruckt, und das Personal stammt samt und sonders aus den dreißiger Jahren, überwiegend aus Geschichten von Floyd Gottfredson, dem Meister des damaligen Micky-Maus-Comic-Strips (leider wie auch beim Trondheim-Titel desselben Verlags keine Leseprobe, nur allgemeine Informationen unter http://www.glenatbd.com/bd/collections/creations-originales.htm).

Eine ganze andere Comic-Epoche hat sich Lewis Trondheim als Bezugszeit ausgesucht: Er siedelt „Mickey’s Craziest Adventures“ in den sechziger Jahren an und orientiert sich an dem atemlosen Stil italienischer Disney-Geschichten aus jener Zeit, in der er selbst sie als Kind gelesen haben dürfte. Wobei er diesmal nur die Handlung geschrieben und dann einen Zeichner mit der Umsetzung seines Szenarios beauftragt hat: den 1972 geborenen Nicolas Keramidas. Gemeinsam haben sie eine Erzählfiktion ersonnen, die darauf beruht, dass auf einem Flohmarkt einzelne Hefte einer angeblichen amerikanischen Heftreihe namens „Mickey’s Quest“ aufgetaucht sein sollen, deren Episoden nun hier ins Französische übersetzt zum Abdruck kommen – leider unvollständig, da auch immer wieder Lücken in dem aufgefundenen Konvolut bestanden hätten. So kommt auf achtundvierzig Seiten eine Geschichte zum Abdruck, die eigentlich aus zweiundachtzig Episoden bestehen sollte, und die Handlung überspringt immer wieder einiges vom Geschehen, ohne dass man aber Schwierigkeiten hätte, ihm zu folgen. Denn die Story folgt den Gesetzen eines Fortsetzungscomics, die Trondheim meisterhaft einzusetzen weiß.

Bei ihm wird keinerlei Bezug auf Disney-Klassiker genommen, obwohl er selbst den legendären Donald-Zeichner Carl Barks als einen seiner wichtigsten Einflüsse nennt. Immerhin ist Donald Duck hier ständig an Mickys Seite, und mit Dagobert Duck, Daniel Düsentrieb, Gustav Gans, den Panzerknackern oder dem Fähnlein Fieselschweif sind etliche Barks-Schöpfungen in Nebenrollen vertreten. Aber auch Kater Karlo tritt als Nemesis auf und einiges anderes altes Gottfredson-Personal, so dass hier disney-untypisch die beiden Welten von Entenhausen und Mausburg zusammengeführt werden. Das hatten in größerem Stil in der Tat nur die italienischen Zeichner gewagt.

Mit ihren Comics haben sie in den sechziger Jahren zu einem Gutteil das französische „Journal de Mickey“ bestückt, so dass Trondheims Faszination für just diesen überdynamisch-elastischen Stil erklärlich ist. Gleichzeitig treiben er und Keramidas die Erzählfiktion dadurch auf die Spitze, dass sie Flecken auf die Seiten applizieren, das Papier vergilbt drucken lassen, einmal sogar die untere Partie einer Seite als abgerissen fingieren – so, wie ein Zufalls-Comicfund auf dem Speicher eben aussehen mag. Das macht Spaß, doch leider ist Trondheim im Unterschied zu Cosey nichts Rechtes zu den Figuren eingefallen. Außer dass sie aussehen wie Micky und Donald, unterscheidet die Protagonisten nichts von anderen Trondheim-Helden aus dessen ironisch mit Genrekonventionen spielendem Werk. Diese Geschichte hätte vor Jahren auch ein Bestandteil von „Herrn Hases haarsträubenden Abenteuern“ sein können, in denen Trondheim die verschiedensten Erzählgenres parodiert hat.

Aber man kann mit Berühmtheiten wie Lucky Luke, Micky Maus oder Donald Duck selbstverständlich kommerziell gar nichts falsch machen, egal, wie geschickt man zu erzählen weiß. Umso bemerkenswerter, wie grandios es Bonhomme gelungen ist, sein Vorbild zu variieren, und wie hinreißend unschuldig es Cosey gemacht hat. Bei Trondheim merkt man jeder Szene die Metareferenzialität an, aber das ist es gerade nicht, was den Mythos eines Comic-Klassikers ausmacht. Bis man die drei Bände auf Deutsch wird lesen können, dürfte es noch ein paar Monate dauern. „Lucky Luke“ wird gewiss erscheinen, ob Disney aber die zunächst nur für den französischen Sprachraum genehmigte Verwendung seiner Figuren angesichts des Erfolgs auf andere Märkte ausdehnt, ist eine spannende Frage. Nicht nur, weil dann Coseys und Trondheims Geschichten auch deutsch zugänglich würden, sondern weil dann auch für deutsche Zeichner ähnliche Möglichkeiten bestünden. Donald Duck von Flix oder Ralf König? Ein Traum!

 

23. Mai. 2016
von Andreas Platthaus
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02. Mai. 2016
von Andreas Platthaus

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Die Büchse der „Pandora“ sprudelt reichhaltig

Die Zeit der großen Comic-Verlagsanthologien schien vorbei, abgelöst durch zahllose kleine Liebhaberprojekte individueller Herausgeber mit durchaus hohem qualitativen Anspruch, aber für die Stars des Metiers gab es keinen rechten Grund mehr, sich darin zu engagieren, weil der sanfte Druck des Verlegers zur Teilnahme fehlte. Allein deshalb schon ist es zu begrüßen, dass mit Casterman ein traditionsreiches belgisches Verlagshaus nun eine neue Anthologie begründet hat. Mutig ist es außerdem, denn wenn selbst der Autorenverlag L’Association seine über Jahre gepflegten Aktivitäten eingestellt hat, musste man befürchten, dass es selbst im französischsprachigen Raum einfach keinen kommerziellen Markt mehr dafür gäbe.

Casterman ist derzeit im Aufschwung, inhaltlich wie ökonomisch, und so versucht man es denn mit einem Schaufenster für die eigenen, aber auch einige fremde Autoren. Und wenn man sich ansieht, wer alles dabei ist, kann man staunen: Katsuhiro Otomo, Art Spiegelman, Blutch, Bastien Vivès (von dem auch das Titelbild stammt), Jacques de Loustal, Jean-Louis Tripp, Lorenzo Mattotti, Killoffer, Brecht Evens, Manuele Fior, David Prudhomme und Jean-Christoph Menu, um nur die allerbekanntesten zu nennen. Frauen allerdings sind kaum vertreten – erstaunlich nach der großen Debatte über die mangelnde Berücksichtigung von Zeichnerinnen, die das diesjährige Comicfestival von Angoulême überschattet hat. Aber da mag sich die Tradition des Verlagshauses auch einmal rächen; man hat dort eben fast nur Männer im Programm.

Dafür trägt die neue Anthologie, die halbjährlich erscheinen soll, den Namen einer Frau: „Pandora“. Da könnte man das Schlimmste befürchten. Welchen Fluch mag ein Magazin dieses Namens wohl auf die Menschheit loslassen? Doch die Bezeichnung verdankt sich nicht der mythischen Pandora, sondern der Comicfigur Pandora Groovesnore aus Hugo Pratts erstem Corto-Maltese-Abenteuer „Die Südseeballade“, einer legendären Casterman-Veröffentlichung, mit der vor vierzig Jahren das Erwachsenenprogramm des Verlags eröffnet wurde.

In „Pandora“ soll es nur abgeschlossene Geschichten geben und vor allem nur Comics, die noch nirgendwo sonst erschiene sind (zumindest nicht auf Französisch). Allen Genres soll die „Anthologie“ offen stehen, wobei der Untertitel „Bande dessinée et fiction“ Sach- oder Reportagecomics eigentlich ausschließen sollte. In der ersten Ausgabe finden sich denn auch keine. Die Längen der Geschichten sind variabel: Auf den insgesamt 264 farbigen Seiten findet sich vom einseitigen Beitrag Art Spiegelmans, der in gerade einmal zwölf Bildern die Mythen von Sisyphos und Narziss kombiniert, bis zum neunzehnseitigen Comic „Le Rhythme et la raison“ des Italieners Fabio Viscoglioso 27 Geschichten, unter denen sich Preziosen und Talmi einigermaßen die Waage halten. Eine eigene Leseprobe bietet der Verlag nicht an, aber „Le Monde“ durfte drei Geschichten im Netz veröffentlichen, auf die hier verwiesen sei: http://www.lemonde.fr/grands-formats/visuel/2016/04/14/trois-recits-de-la-revue-pandora-a-decouvrir_4902098_4497053.html#/chapters/01/pages/4).

Aber dass es überhaupt Juwelen gibt, die ihren Weg in „Pandora“ gefunden haben, ist bemerkenswert genug. Nun wird sich ein Haus wie Casteman Honorare leisten können, und der Marketingaufwand, mit dem „Pandora“ in Frankreich im April lanciert wurde, zeugt sowohl von großzügigem Budget als auch großen Erwartungen. Aber von Otomo eine achtseitige Geschichte zu bekommen, die zudem als Allegorie auf Militärmissionen in fremden Staaten eine brisante Handlung aufweist, dazu gehört etwa. Oder von Tripp eine sehr offenherzige autobiographische Jugendgeschichte oder von Blutch eine seiner meisterhaften Klassiker-Variationen, in denen er auf fünf Seiten fünf seiner frankobelgischen Vorbilder ehrt: Graton, Hergé, Cuvelier, Martin und Jacobs.

Ein Comic trägt den Titel „Die Büchse der Pandora“, ist aber ausgerechnet der einfalssloseste, weil Valérie Mangin, Roman Toulhoat und Denis Bajram eine Geschichte erdacht haben, die nicht nur deshalb wenig Koheränz besitzt, weil mitten drin Autor und Zeichner wechseln. Zu oft hat man die Pointe des Übergangs einer Fantasyhaltung in en Computerspiel und dann isn kosmisch Allgemeine gesehen, als das ausgerechnet bei der mythischen Pandora-Büchse diese Handlung zwingend wäre. Und da antike Mythen ohnehin die häufigste Inspirationsquelle für die Zeichner dargestellt haben (vielleicht alles angeregt durch den Namen der neuen Anthologie) stellt sich hier zusätzliche Ermüdung ein.

Wie man das besser macht, zeigt Killoffer mit „Von Charybdis nach Skylla“, einem ziemlich dreisten Gag auf eigene Kosten, oder die Amerikanerin Eleanor Davis mit „In unserem Eden“. Wobei Letztere nicht nur eine der raren Frauen in „Pandora“ ist, sondern auch eine der auffällig wenigen Amerikaner. Noch beschränkt sich die Auswahl der Beiträger weitgehend auf den französischen Sprachraum, ein paar kommen noch aus Europa, dann ein Japaner und zwei Amerikaner, aber die Welt bietet für eine ambitionierte Comicanthologie noch viel mehr. Und der beste Beitrag kommt in der tat auch nicht aus Frankreich oder dem französischsprachigen Belgien, sondern von dem Flamen Brecht Evens, der auf zur zwei Seiten eine Totenklage inszeniert, die ans Herz und an die Nieren zugleich geht. Meisterhaft.

02. Mai. 2016
von Andreas Platthaus

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