Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

17. Jul. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
821
     

Ohne Duschkopf? Wie soll das gehen?

Wer die höchstdotierte deutsche Comicauszeichnung gewinnt, darf auf Neugier rechnen. Die Berliner Zeichnerin und Erzählerin Tina Brenneisen ist vor drei Monaten mit dem Berthold-Leibinger-Comicbuchpreis ausgezeichnet worden – wie es sich bei diesem Wettbewerb gehört, für ein noch unvollendetes Projekt: den autobiographischen Comic „Das Licht, das Schatten leert“. Er erzählt von einem einschneidenden persönlichen Erlebnis, so einschneidend, dass noch ganz unklar ist, ob der Comic jemals erscheinen wird. Umso gespannter war ich auf den nun gerade publizierten Band „Das gelbe Pony“, den Tina Brenneisen wie immer im Berliner Eigenverlag Parallelalllee herausgebracht hat.

Darin ist auf den ersten Blick nichts autobiographisch; der Ich-Erzähler ist ein Mann namens Henry, der allein in einer Hochhaussiedlung einer nicht namentlich genannten deutschen Stadt lebt. Auch die Zeit der Handlung ist weitgehend unbestimmt, denn man hat es mit einer Gesellschaft zu tun, in der die Produktion von Duschköpfen ausbleibt. Jedenfalls kann Henry keinen auftreiben, nachdem er in seine neue Wohnung eingezogen ist, der just dieser Gegenstand fehlt. Man könnte also auf den Gedanken kommen, die Handlung spielte in der DDR (Brenneisen, geboren 1977, stammt aus Dresden), doch das erweist sich rasch als Trugschluss, denn alles andere in „Das gelbe Pony“ unterscheidet sich nicht von der deutschen Gegenwartsgesellschaft. Die Duschkopfknappheit ist ein erzählerischer Trick, um die Handlung in Gang zu bringen; sie bietet darüberhinaus keine Botschaft.

Über den Mangel kommt Henry ins Gespräch mit seinem Nachbarn, einem etwa gleichalten allein lebenden Vater von zwei Töchtern, der eine skeptische Haltung gegenüber der kapitalistischen Gesellschaft pflegt. Deshalb ist er gerne bereit, den eigenen Duschkopf zu sozialisieren: Zwei Tage in der Woche wird er abgeschraubt und Henry zur Verfügung gestellt. Die beiden Männer freunden sich an und beginnen alternative Lebensmodelle zu entwickeln, vor allem was die Energieerzeugung angeht. Doch die Stromerzeugung mittels Fahrradantrieb reicht nicht für eine ganze Wohnung. Die längst verschworenen Gefährten interessiert es nicht. Sie sehen auch in kleinen Maßnahmen große Erfolge.

Ein Aussteigercomic also, Entwurf einer Gesellschaftsalternative? Nein, eher ein großes Schelmenspiel. Das sieht man schon an der Person von Henry, der mit seinen Pausbacken und untersetztem Körperbau wie aus einer Bildergeschichte von F.K. Waechter entsprungen scheint – und das ist eines der größten graphischen Komplimente, die man machen kann. Dazu trägt die konsequente Tuschtechnik bei nur einer blassgrünen Zusatzfarbe bei (Leseprobe, wen auch sehr spärlich, unter https://www.parallelallee.de/), und auch die jeweils paarweise Anordnung der Panels nebeneinander auf einer Seite lässt an die Neue Frankfurter Schule denken. Zusätzlichen Reiz ergeben die abgerundeten Ecken der Bildumrahmungen, die sich ganz zum Schluss als dramaturgischer Kniff erweisen, denn damit wird ein Fernsehbildschirm suggeriert. Dazu aber nicht mehr, denn es würde eine Überraschung mindern. Nur soviel: Wenn man dann die Bilder als einen Filmbeitrag deutet, verweist das Blassgrün auf eine frühere Technikperiode und macht damit die Geschichte zu einer Art Science-Fiction in naher Zukunft.

Es ist aber auch eine Don-Quijote-Paraphrase, was sich ebenfalls erst spät erweist, als Henry davon träumt, wie er und sein Nachbar lanzenbewehrt auf Rädern hinausfahren und Großwindanlagen angreifen. Dieses Motiv hat sich schon der „Don Quijote“-Adaption von Flix gefunden, nur ist es hier als bloße Phantasie inszeniert und zudem eine unerwartete Wendung, die aber das Vorhergehende in neues Licht setzt. Tina Brenneisen verleiht ihrer Geschichte eine mindestens dreifachen Bildsinn.

Der Titel lässt nicht ahnen, was uns bei der Lektüre erwartet. Tatsächlich tritt das gelbe Pony in diesem grünen Comic auch erst sehr spät auf: in Gestalt eines ausrangierten Karussellpferds, das Henry mit nach Hause bringt. In seiner Begeisterung für die Figur liegt der Keim für eine soziale Isolation, die aber auch nur sichtbar macht, was vorher schon bestand. Stimmung und Handlung haben vorher schon alle Charakteristika von Henry vorweggenommen. Was die Lektüre hinzufügt, ist die Erkenntnis, was man zugunsten einer geradlinigeren Interpretation alles an psychologischer Disposition übersehen hat.

Ein einziges Mal bricht Tina Brenneisen in der Haupthandlung ihr strenges Bilderpaarschema auf und baut eine rein schwarzweiße Einzelzeichnung von Henry ein, der das Duschkopfproblem in Marke Eigenbau gelöst hat. Die Massivität der völlig unverhältnismäßig aufwendigen Installation kommt durch dieses mehr als seitenfüllende Panel (es erstreckt sich bis in die benachbarte linke Seite hinein und greift auch noch auf die folgende Rückseite aus, wo es aber nur den Hintergrund für die wiedereinsetzende Zweiersequenz bietet) perfekt zum Ausdruck. Diese denkbar simple, aber desto ungewöhnlichere Lösung wird durch den einmaligen Einsatz doppelt eindrucksvoll. Es gibt nur noch einen weiteren Bruch: den von der Haupthandlung zum Epilog, über den ja nichts weiter verraten sein soll.

Dieser Comic ist inhaltlich und ästhetisch aus der Zeit gefallen, und gerade deshalb ist er ein bemerkenswertes Beispiel für Originalität. Hier wird kein populäres Thema gesucht, kein gefälliger Stil adaptiert – alles ist höchstpersönlich und somit doch wohl autobiographischer, als man meinen sollte. Aus einem Comic wie „Das gelbe Pony“ lernt man, wieder neu zu schauen, die bewährten Lektürerezepte aufzugeben, sich überraschen zu lassen. Er ist von der Ruhe des Gegenstands und der Erzählhaltung her das Gegenteil von „Das Licht, das Schatten leert“. Und doch spürt man eine tiefe Verwandtschaft, die über die reine Identität der Autorin hinausgeht. Plötzlich liest man auch den prämierten Comic nicht mehr als Eins-zu-eins-Schilderung des Lebens von Tina Brenneisen. UN das mag wiederum die Chance, das man ihn über den Wettbewerb der Leibinger-Stiftung hinaus zu Gesicht bekommen wird, erhöhen. Es wäre ein weiterer Gewinn.

17. Jul. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
821

     

10. Jul. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

5
2250
     

Jede Familie war auf ihre Weise mutig

Vor acht Jahren erschien „Drüben!“ von Simon Schwartz, ein autobiographischer Comic über die Schikanen gegen eine Familie, die in den achtziger Jahren ihre Ausreise aus der DDR in die Bundesrepublik beantragt hatte. Der Band kam zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls heraus und erregte Aufmerksamkeit – Simon Schwartz, geboren 1982, etablierte sich seitdem als einer der wichtigsten deutschen Comiczeichner seiner Generation. In diesem Jahr steht kein Mauerfall- oder Wiedervereinigungsjubläum an, und dennoch erscheint nun „Fortmachen“, ein autobiographischer Comic von Nils Knoblich über die Schikanen gegen eine Familie, die in den achtziger Jahren ihre Ausreise aus der DDR in die Bundesrepublik beantragt hatte. Was ist daran anders als „Drüben!“?

Zunächst das individuelle Schicksal trotz allen Ähnlichkeiten beim Leben im Fokus der Staatssicherheit. Schon der Zeitpunkt der jeweiligen Ausreise – die natürlich erst Jahre nach dem eigentlichen Antrag erfolgte – ist bezeichnend: April 1984 bei der Familie Schwartz, Juli 1989 bei der Familie Knoblich. Im letzteren Fall also gerade einmal vier Monate vor dem Mauerfall, weshalb sich die Knoblichs für einen Moment von der Weltgeschichte betrogen vorkommen: Haben sie doch alles aufgegeben, während nun jeder über die Grenze gehen könnte. Doch das Schlussbild ist eines der stillen Freude der ganzen Familie über diese Entwicklung, ein mehr als privater Triumph.

Simon Schwartz dagegen lässt seinen Comic mit der Ankunft in West-Berlin enden, seiner ersten bewussten Erinnerung, wie er schreibt. Das ist ein persönlicher Triumph, der aber notgedrungen privat bleibt, denn die DDR sollte ja noch fünf Jahre fortbestehen. Und „Drüben!“ rekonstruiert das Leben dort vor der Ausreise gerade nicht über eigene Erinnerungen, sondern mittels der Erzählungen der Eltern. Es ist ihre Geschichte, die Schwartz erzählt, während Knoblich, der bei der Ausreise seiner Familie fünf Jahre alt war, auch die eigenen Kindheitserinnerungen an die DDR zum Gegenstand macht, obwohl sie erst 1989, also kurz vor der Ausreise, einsetzen. Wo Schwartz alles auf die erste eigene Erinnerung zulaufen lässt, setzt Knoblichs Comic mit dieser ein. Es ist eine graubraune Erinnerung an eine ostdeutsche Grillstube voller bedrohlicher Gäste, und vor dort springt die Handlung in eine freundlich-bunte Gegenwart, wo sich Knoblich von seinen Eltern erzählen läst, wie es in der DDR gewesen ist.

Er macht in „Fortmachen“ also die Rekonstruktion der Ereignisse zum Gegenstand des Erzählens, was Schwartz nicht getan hatte. „Fortmachen“ geht auf diese Weise weit über die eigentliche Ausreise hinaus und berichtet auch, wie die Familie seitdem lebt: denkbar glücklich, zumal es bei den Knoblichs nicht zu dem innerfamiliären Bruch kam, den die Schwartz erleiden mussten, bei denen ein Großelternpaar sie in ihrem Entschluss, das Land zu verlassen, bestärkte, das andere diese Vorstellung dagegen unmöglich fand. In den wenigen Passagen, die Simon Schwartz den Jahren nach der Ausreise widmet, ist diese unversöhnliche Familiensituation Thema, während Nils Knoblich eine mit sich im Reinen befindliche Sippe porträtieren kann. Ein Onkel, der sie noch in der DDR als „Vaterlandsverräter“ beschimpfte, spielt nur eine winzige Rolle.

Die Gegenwartsszenen in „Fortmachen“ sind in anderem Stil gehalten als die Rückblicke in die DDR: Nicht nur die Farben sind heller (Schwartz legte „Drüben!“ ganz schwarzweiß an), auch die Panels stehen in luftigem Abstand zueinander, während die DDR-Bilder unmittelbar aneinandergrenzen, als könnten sie ihrem Kontext nicht entkommen (Leseprobe: https://www.editionmoderne.ch/de/68/Knoblich/315/fortmachen.html). Auch die Figuren sind in den Gegenwartsszenen leichthändiger gestaltet, wie Cartoon-Protagonisten. Wobei Knoblichs Stil sich auf beiden Zeitenebenen vor allem an den dokumentarischen Comics von Guy Delisle orientiert – kein schlechtes Vorbild. Schwartz orientierte sich graphisch vor allem am „Mosaik“, dem ostdeutschen Comicrelikt, das er selbst erst nach der Wende kennenlernte, als er dort seine ersten kommerziellen Gehversuche als Zeichner machte.

Beide Bände sind Diplomarbeiten: Schwartz studierte in Hamburg an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften bei Anke Feuchtenberger, Knoblich an der KUnsthochschukle Kassel bei Hendrik Dorgathen. Beide sind bei namhaften Verlagen erschienen, „Drüben!“ bei Avant, „Fortmachen“ bei der Edition Moderne. Im letzteren Band gibt es neben den knapp 170 Seiten Comic noch ein kleines Glossar, in dem man Erläuterungen zu Terminologie und Alltagsleben in der DDR findet. Das ist eine weitgehend überflüssige Ergänzung, denn die dort aufgeführten Stichworte werden schon von der eigentlichen Geschichte deutlich gemacht. Aber vielleicht empfindet ein Schweizer Verlag eine solche Ergänzung für notwendiger, als es ein deutscher getan hätte.

Was beide Comics deutlich machen, ist die Perfidie der Behörden und der psychologische Terror für die Ausreisewilligen über Jahre des Wartens hinweg. Zugleich aber erzählen beide auch von dem Rückhalt durch Freunde oder Verwandte, die sich nicht abwendeten und das Leben somit doch noch erträglich machten. Und beide erzählen ohne jedes falsche Pathos vom Moment der Befreiung, wenn die innerdeutsche Grenze dann endlich passiert war. Doch all diese Gemeinsamkeiten dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es kein Schema gab, sondern alle Ausreisewilligen einen Einzelkampf führen mussten. Deshalb ist gut, dass es nun einen zweiten Comic zum Thema gibt. Und weitere würden nur zu willkommen sein.

10. Jul. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

5
2250

     

03. Jul. 2017
von Andreas Platthaus
1 Lesermeinung

1
864
     

Ecce Turing

Es ist ein Prachtband, man kann es gar nicht anders sagen. Robert Deutsch erzählt die Geschichte des Mathematikers Alan Turing auf derart opulente Weise, dass es kein Wagnis ist, dem Comic größte Aufmerksamkeit, einige Preise und etliche Übersetzungen vorauszusagen. Denn Deutsch denkt seine gezeichnete Biographie von der Doppelseite her: Farbkomposition, Architektur, ja bisweilen gar die Dialogführung nimmt auf sie Rücksicht und schlägt daraus zugleich graphisch Funken. Nicht, weil es sich prinzipiell um doppelseitige Arrangements handelte – auch die gibt es bisweilen –, sondern weil Deutsch auf der rechten Seite erkennen lässt, dass er genau weiß, was er auf der linken ästhetisch und erzählerisch gemacht hat. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Die meisten Comiczeichner denken separat von Seite zu Seite, jedenfalls nicht so konsequent im Zusammenhang.

Das gibt dem Band „Turing“ einen eigenen Rhythmus und eine Struktur, die das Doppelleben seines Gegenstands wunderbar abbildet. Turing war ja nicht nur ein bedeutender Mathematiker, den wir heute vor allem seiner Leistungen als Computerpionier wegen kennen (und weil er mitentscheidend dafür war, dass britische Dechiffrierer im Zweiten Weltkrieg den Code der deutschen Verschlüsselungsmaschine „Enigma“ knacken konnten), sondern auch ein den Zeitumständen gemäß zwangsweise verdeckt lebender Homosexueller, dessen Lebenswandel durch einen Zufall 1952 aufflog, worauf der noch nicht einmal Vierzigjährige zu einer Hormonbehandlung gezwungen wurde. Sonst wäre er in Haft gekommen. 1954 brachte Turing sich um. Dass er unter den Folgen der körperlichen Veränderungen durch die erzwungene Behandlung gelitten hat, ist vielfach belegt.

Die Leidensgeschichte Turings stellt bei der Beschäftigung mit seinem Leben die wissenschaftlichen Leistungen oft in den Schatten. Bei Deutsch ist das auch so, über Mathematik, den eigentlichen Lebensmittelpunkt von Alan Turing, erfahren wir in der episodenweise erzählten Biographie wenig. Das hat damit zu tun, dass im Gegensatz zum Reportagecomic der erklärende Sachcomic noch keine große Konjunktur hat, nirgendwo auf der Welt. Typisch sind Serien wie „… für Anfänger“ (man setze hier den Namen einer beliebigen Geistesgröße ein, Einstein etwa, Marx oder Freud), die den Anspruch haben, Komplexes einfach darzustellen, aber dadurch nur die Vorurteile gegen Comics vertiefen, denen man gemeinhin keine anspruchsvollen Stoffe zutraut. Dass die meisten dieser, nennen wir sie: Erklärcomics auch noch denkbar naiv gezeichnet sind, tut ein Übriges dazu.

Naiv gezeichnet ist bei Robert Deutsch gar nichts, auch wenn seine Farben- und Formensprache Anleihen bei der Naiven Malerei nimmt. Im Lichte dessen, dass etwa die berühmte Heidelberger Prinzhorn-Sammlung mit den Kunstwerken von Psychiatriepatienten auch etliche solcher Beispiele enthält, ist das eine konsequente Wahl – Turing wurde ja gezwungenermaßen zum „klinischen Fall“. Dass Robert Deutsch an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Hall bei ATAK studiert hat, ist an vielen Stellen sichtbar, vor allem aber an der beiden Künstlern gemeinsamen Liebe zur scheinbar volkstümlichen, populären Darstellung, die in beider Werk jeweils hochreflektiert verwendet wird. Es ist überraschend, dass eine scheinbar so ähnliche handwerkliche Ausführung trotzdem beim Schüler Deutsch so frisch wirkt (hier kann man sich Seiten daraus ansehen: http://www.avant-verlag.de/comic/turing). Und da ATAK sich seit Jahren von den Comics verabschiedet hat, kommt die Wiederaufnahme seiner Handschrift durch Deutsch gerade recht. Und weil Turing ein bekanntes Faible für Disneys „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ hatte, findet man in der gezeichneten Biographie auch zahllose Anspielungen auf dieses Popkulturphänomen – alles so, wie es ATAK gemacht hätte.

Gibt es also gar nichts zu bemängeln? Doch, und paradoxerweise unter dem Stichwort des Phänomens, das gleich eingangs genannt wurde: Prachtband. Dieses Buch, vom Avant Verlag mehr als gewohnt sorgfältig ausgestattet, ist irgendwie zu schön, um wahr zu sein – zu schweres Kunstdruckpapier, zu großformatig, ja bisweilen sogar zu perfekt in der Gesamtüberlegung. Die schiere Makellosigkeit erweckt den Eindruck, dass hier das Schicksal des Protagonisten zu spurlos am Biographen vorbeigegangen ist, so unbeeindruckt vom menschlichen Drama zeigt sich dieser Comic. Ein Kunstwerk eben, aber ein Mensch ist eben immer noch viel mehr als das. Doch wenn Robert Deutsch bei seinem nächsten Band auch noch so viel Bewegung ins eigene Erzählen bringt wie jetzt schon mit diesem Erstling in die deutsche Comicszene, dann werden wir uns noch umschauen.

 

03. Jul. 2017
von Andreas Platthaus
1 Lesermeinung

1
864

     

23. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
863
     

Grönland neu entdeckt, Hergé wiederentdeckt

Das ist ein seltsamer Comic, den Hervé Tanquerelle da gezeichnet hat. Seltsam nicht, weil seine Figuren unvertraut wären – im Gegenteil. Tanquerelle, der sich zuerst mit der Fortführung der Historien-Fantasy-Serie „Professor Bell“ im täuschend ähnlichen Joann-Sfar-Stil in mein Herz gezeichnet hat, beherrscht in „Grünland Vertigo“ nun auch die Ligne claire à la Hergé oder Jacobs perfekt. Sein Protagonist, der mit sich selbst gerade unzufriedene Comiczeichner Georges Benoît-Jean (in diesem Namen sind gleich drei im Wortsinn beziehnende Hommagen enthalten: an Georges Remi alias Hergé, Ted Benoît und Jean Giraud alias Moebius) sieht aus wie eine Mischung aus Kapitän Haddock und Orlik, und die Nebenfiguren setzen die graphische Traditionslinie fort – nur der leicht durchgedrehte Bildhauer Ville Hakkola sieht aus, als hätte Charles Burns in einer schlechten Minute den Entwurf dazu gemacht. Hier kann man sich anschauen, wie das aussieht: http://www.avant-verlag.de/comic/groenland_vertigo.

Ganz neu und befremdlich aber sind die Hintergründe. Sie beruhen erkennbar auf Fotos, die Tanquerelle während einer Nordlandfahrt auf einem großen Segelschiff gemacht hat, und nun geben sie übermalt (oder vielleicht auch abgemalt) das Dekor für die Nordlandfahrt auf einem großen Segelschiff ab. Was Kaiser Wilhelms II. liebstes Reiseziel war, hat auch Tanquerelle begeistert, und was einem gefällt, wird meist leichter zum Szenario. So ist der missmutige Zeichner Georges womöglich auch ein Selbstporträt. Auch ihm jedenfalls wird der Segeltörn zur Inspiration.

Auf dem Schiff mit seiner dänischen Mannschaft (wörtlich: keine einzige Frau ist an Bord) ergeben sich die üblichen Nickligkeiten auf engem Raum. Durch Hakkola, der mit einer aufsehenerregenden Kunstaktion an der Küste Grönlands die Aufmerksamkeit der Welt auf den menschlichen Raubbau an der Natur lenken will (und dabei natürlich auch auf sich selbst), kommt ein gehöriges Maß an egozentrischer Extravaganz mit ins Spiel – und ein paar finnische Dialogbrocken neben den recht zahlreichen dänischen, die aber im Anhang alle übersetzt werden. Und so schippert der Schoner „Aurora“ mit seiner dreizehn Mann starken Besatzung im Sommer 2011 von Island nach Grönland. Und wir dürfen als Leser dank Tanquerelles quasifotorealistischer Darstellung sagen, wir sind dabeigewesen.

Einen Teilnehmer dieser Expedition – der echten, auf der auch Taquerelle war, kenne ich übrigens. Es ist ein deutscher Schriftsteller mit Faible fürs Maritime, und ich habe begierig nach Details im Comic „Grönland Vertigo“ gesucht, die ich mit ihm in Verbindung bringen könnte, doch keine Spur gefunden. Somit hat Tanquerelle offenbar bei aller Treue zum Schauplatz die Geschichte doch ganz vom realen Erleben gelöst. Und das möchte man ihm und meinem Gewährsmann auch wünschen, denn weder der Comiczeichner noch die anderen darin auftretenden Künstler kommen in der Fiktion besonders gut weg.

Lesenswert ist die Comic, den der Avant Verlag mit seiner erstaunlichen Neugier für ungewöhnliche Projekten schon wenige Monate nach der französischsprachigen Publikation (im „Tintin“-Verlag Casterman) in gleich liebevoll nostalgischer Aufmachung auf Deutsch verlegt hat, allein schon deshalb, weil er einen Schauplatz gewählt hat, der ungeachtet der aktuellen Schwemme an Reportage-, Reise- oder exotischen Abenteuercomics bislang noch Terra incognita war. Und die Hybris, die Hakkola antreibt, ist psychologisch ebenso gut motiviert wie die Unsicherheit von Georges. Mit dem raubeinigen Reiseschriftsteller Jǿrn Freuchen gibt es einen Säufer, der auch im (Sucht-)Verhalten genau nach Haddocks Vorbild agiert, und Ville Hakkolas Assistent Olaf Olsen ist ein reinrassiger Wiedergänger von Igor Wagner, dem Klavierbegleiter Bianca Castafiores aus Hergés „Tim und Struppi“-Kosmos. So rundet sich eine künstlerklischeegeladene Geschichte zur großen Comic-Klassiker-Variation. Ich fühle mich trotz der irritierenden Hintergründe wie zu Hause in dieser grönländischen Comicwelt.

 

23. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
863

     

19. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

9
14855
     

Geheime Liebe unter dem Mullahregime

Alle paar Jahre kommt beim Splitter-Verlag ein Comic heraus, der völlig aus dem Rahmen des sonstigen Verlagsprogramms mit der starken Phantastik-Ausrichtung zu fallen scheint. Hier ist wieder mal einer: „Liebe auf Iranisch“. Es klingt kitschig, doch was da erzählt wird, ist ebenso politisch wie emotional. Denn Liebe im iranischen Gottesstaat kann nicht öffentlich gelebt werden, weil die Geschlechter vor der Ehe keinen Umgang miteinander haben sollen. Dass eine Gesellschaft wie die persische, die bis zum Ende der siebziger Jahre neben der libanesischen zweifellos die im westlichen Sinne modernste in der muslimischen Welt war, sich daran nicht hält, versteht sich von selbst. Und heute vermitteln die sozialen Medien auch noch ins verschlossenste Land – was Iran nicht einmal ist – Lebensentwürfe, die mit traditionellen Vorstellungen nur schwer in Übereinstimmung zu bringen sind.

Zwei Autoren nennt der dokumentarische Comic: Jane Deuxard und Zac Deloupy. Letzterer ist der Zeichner, ein solider Graphiker, der im Dokumentargenre gerade international gängigen realistischen Stil zeichnet, wie ihn Joe Sacco oder als deutsches Beispiel Reinhard Kleist betreiben. Allerdings zeichnet Deloupy farbig, du er lässt seine Panels meist rahmenlos: die Kolorierung sorgt für Abgrenzung. In regelmäßigen Abstanden werden ganzseitige Bilder eingestreut, ohne dass dafür zwingende inhaltliche Gründe bestünden. Einen Eindruck der Graphik vermittelt die Leseprobe: https://www.splitter-verlag.de/liebe-auf-iranisch.html. Aber die gewisse Austauschbarkeit des Stils hat sogar ihren Sinn, denn sie vermittelt eine Anonymität des Erzählten, die bei einem stark individuellen Strich nicht plausibel wäre.

Und Anonymität ist ein wichtiger Punkt in „Liebe auf Iranisch“. Denn nicht nur müssen seine Protagonisten natürlich anonym bleiben, auch die Autoren legen Wert darauf, ihre wahre Identität zu verschweigen, um auch zukünftig Iran bereisen zu können. Deshalb haben sie „Jane Deuxard“ als Pseudonym gewählt, obwohl sich dahinter ein Journalistenpaar verbirgt, das gemeinsam recherchiert. Ob es Frau und Mann, zwei Männer oder zwei Frauen sind, ist unbekannt, gezeichnet allerdings werden sie von Deloupy als traditionelles Paar. Das hat auch einige Plausibilität, denn bei den Gesprächen mit jungen Iranern nützt „Jane Deuxard“ die Tatsache, größere Vertrautheit zum jeweils eigenen Geschlecht herstellen zu können – zumindest, wenn man der Darstellung des Comics glaubt.

Und glaubwürdig ist das Buch, den es legt seine Recherchemethoden ebenso offen wie die Notwendigkeiten zu gewissen Veränderungen bei dem, was es erzählt. In der Unmittelbarkeit dessen, was „Jane Deuxard“ berichten, zeigt sich Iran als ein janusköpfiges Land, in dem die städtische Jugend am rigiden Mullahsystem verzweifelt. Und an den eigenen Familien, die bisweilen genauso strikt auf die Wahrung des vorgeschriebenen Anstands achten wie die Revolutionsgarden. Umso bemerkenswerter ist die Schilderung von Liebesverhältnissen, Tricks zur Ermöglichung von Rendezvous oder Repressalien, die daraus resultieren.

Man merkt, dass seit Marjane Satrapis „Persepolis“, jenem Comic, der uns als Erster einen Blick in den familiären Alltag Irans gestattete, bald zwei Jahrzehnte ins Land gegangen sind. Die Generation, die bei Satrapi aufbegehrte, ist die, die nun in die Rollen der Elternrollen der jungen Gesprächspartner von „Jane Deuxard“ geschlüpft sind. Und fortschrittlicher ist die Gesellschaft dadurch nicht geworden. Eher strenger, denn was dieser mittleren Generation fehlt, ist das Erlebnis der vorrevolutionären Zeit unter dem politisch repressiven, aber moralisch vergleichsweise liberalen Schah-Regime. So schreiben „Jane Deuxard“ die iranische Sozialgeschichte fort. Als und im Comic. Bemerkenswert.

19. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

9
14855

     

12. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
734
     

Ein Comicessay wie aus dem Bilderbuch

Wie die Zeit vergeht. Als ich Julia Hoße auf den Titel ihres neuen Comics, „In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester“ ansprach, weil ich mich dabei an Loriot erinnert fühlte („Früher war mehr Lametta!“), antwortete sie, das hätten ihr schon einige Leser gesagt, aber alles ältere. So wird man der eigenen Historizität bewusst, um es mal positiv auszudrücken.

Julia Hoße ist in der Tat jung genug, um Loriot nicht mehr wahrgenommen zu haben. Studiert hat sie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft in Hamburg, Illustration bei Anke Feuchtenberger. Deren Klasse hat sich im letzten Jahrzehnt zu einer der zuverlässigsten Kaderschmieden des deutschen Comics entwickelt, gerade weil immer weniger Anke Feuchtenbergers Stil bei ihren Absolventen sichtbar wird, dafür aber umso mehr ihre Ermutigung für ungewöhnliche Themen und Formen. Das Thema von Julia Hoßes Abschlussarbeit „In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester“ ist nun nicht besonders ungewöhnlich – autobiographische Splitter, familiäre Überlieferungen. Aber die Form ist es dafür umso mehr. Und das Ganze ist eine höchst inspirierende Lektüre.

Es gibt sie bislang allerdings nur im Selbstverlag (teilweise aufgeblättert sehen und auch bestellen kann man es hier: https://juliahosse.com/2017/03/02/in-meiner-erinnerung-war-mehr-streichorchester-2017/), denn auch wenn das Projekt unter den Finalisten des diesjährigen Leibinger-Comicförderpreises war, hat sich noch kein großes Haus dafür gefunden. Vielleicht hält man dort den Band für zu künstlerisch, denn kein Kapitel sieht aus wie das andere. Das aber macht gerade den Reiz aus: Hier wird gezeichnet und gemalt, bisweilen auch auf derselben Seite, ja im selben Panel. Es gibt doppelseitige Einzelbilder und kleinteilige Seitenarrangements. Mal entfallen die Panelumrahmungen, mal nimmt die Erzählung das Aussehen eines Bilderbuches an, dann ist wieder klassische Comicform am Zug, jedoch immer ohne Sprechblasen, dafür aber plötzlich einmal mit Textbändern wie auf mittelalterlichen illuminierten Handschriften. Immer sind die Schriftelemente als dramaturgische Tempomacher eingesetzt: Sie rhythmisieren die wilde Bilderfolge, schaffen durch Aufteilung von Sätzen einmal über mehrere Seiten Zusammenhänge, die die Graphik noch offen lässt, und trennen ein anderes Mal optisch ineinander fließende sequentielle Abfolgen wieder durch unerwartete semantische Zäsuren. Wenn man vom Comic als Bildtextkunstwerk sprechen will, dann hat man hier ein Prachtbeispiel.

Das ungewöhnlichste Kapitel heißt „Die Flucht“, eine Geschichte, die 1944 in Königsberg beginnt und Julia Hoße von ihrer Großmutter erzählt wurde. Diese knapp vierzig Seiten sind das Herz des Comics, auch buchbinderisch. Drum herum gruppieren sich eigene Erinnerungsszenen, nach Auskunft von Julia Hoße oft auf der Grundlage von Viedeoaufnahmen, meist aus der Kindheit, aber am Schluss steht dann eine Erörterung des physikalischen Konzepts der Raumzeit, die den Schlüssel für das ganze Konvolut nachliefert und es auch durch Wiederaufnahme von Motiven neu verzahnt. Ursprünglich sollte der Band übrigens „Zeitlinien“ heißen, aber das war der Autorin dann doch zu abstrakt. Sein Thema ist die Verschiebung des Zeitgefühls, die Legendenbildung in Familien, die Frage, wie man wird, was man ist. Durchs Erzählen und Wiedererzählen.

Was mich aber am meisten an „In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester“ fasziniert, ist eine graphische Verwandtschaft zur Neuen Leipziger Schule. Farben, Formen, Pathos könnten aus Bildern oder Zeichnungen von Neo Rauch entnommen sein, ohne dass aber hier die metaphysische Konnotation seiner Werke eine Rolle spielte. Was Rauch verrätselt, legt Hoße offen – die private Grundierung des Geschehens. Nun ich Neo Rauch kein Comiczeichner, aber ein Künstler, der wiederum von Comics beeindruckt wurde, dem „Mosaik“ von Hannes Hegen, den Geschichten von Daniel Clowes, den „Blake und Mortimer“-Abenteuern von Edgar P. Jacobs. Es wäre interessant zu wissen, ob Julia Hoße sich für die Leipziger Malerei begeistert. Aber ich Trottel frage sie nach Loriot.

 

 

12. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

1
734

     

06. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

2
1688
     

Durchs zivilisierte Kurdistan

Zerocalcare, Jahrgang 1983, heißt in Wahrheit Michele Rech, lebt im römischen Stadtteil Rebbibia und steht politisch links. Alle diese Umstände spielen wichtige Rollen in seiner Comicreportage „Kobane Calling“, die vergangenes Jahr in Italien und nun gerade beim Berliner Avant Verlag auch auf Deutsch erschienen ist. Berichtet wird von zwei Reisen ins Kurdengebiet: einmal, im Herbst 2014, an die türkisch-syrische Grenze nahe der umkämpften Stadt Kobane in Syrien, wo sich seinerzeit eine kleine Gruppe Kurden gegen die Belagerung durch den „Islamischen Staat“ wehrte, und dann im Sommer des folgenden Jahres nach Kobane selbst, das nicht nur erfolgreich gehalten werden konnte, sondern auch zum Ausgangspunkt einer kurdischen Gegenoffensive wurde, die die umliegenden Gebiete dem IS wieder entriss. In Kobane, das kann Zerocalcare nicht oft genug betonen, wurde und wird immer noch die Freiheit gegen den Fanatismus verteidigt. Für ihn ist Kurdistan eine letzte Zuflucht der Zivilisation.

Man spürt die Begeisterung des italienischen Zeichners für die kurdische Sache von Beginn an, denn im für autonom erklärten Kurdengebiet Rojava im Norden Syriens wird eine Politik der gesellschaftlichen Toleranz beschworen, die Frauen und Männer für ebenso gleichberechtigt hält wie die verschiedenen Religionen – ein Traum für den anarchistisch gesinnten Zerocalcare, der seit den Kämpfen zwischen Globalisierungsgegnern und Polizisten beim G8-Gipfel von genau im Jahr 2001 sein Vertrauen in die westlichen Werte verloren hat. Im syrischen Kurdengebiet sieht er einen neuen Modellstaat, bei dem ihn nicht die nationale Frage interessiert, sondern die soziale Komponente, die auch Gesundheitsversorgung und Bildung miteinschließen soll. Um sich eine eigene Anschauung zu verschaffen, unternahm er Zerocalcare die beiden Recherchereisen, die zugleich auch humanitären Zwecken dienten.

Bei der ersten war es noch zu gefährlich, nach Syrien selbst zu fahren. Also blieb die italienische Reisegruppe aus acht Aktivisten in ein paar Kilometer Entfernung auf türkischer Seite – was einerseits nah genug war, um die bedrohliche Situation in Kobane zu beobachten, andererseits einen Einblick in das Doppelspiel der türkischen Politik gewährte, die den IS zu bekämpfen vorgibt, aber vor allem den Kurden schaden will. Das kurdische Siedlungsgebiet umfasst Teile der Türkei, Syriens, des Iraks und Irans, und im syrischen Bürgerkrieg erwiesen sich die Kurden als zuverlässigste Gegenwehr gegen die Fanatiker des IS. Doch kaum jemand dankte es ihnen, weil ihre Autonomiebestrebungen in den vier Ländern nicht wohlgelitten sind. In der Türkei gelten sie in den Augen von Erdogans Regierung gar als Staatsfeind Nummer eins.

Deshalb ist einer der interessantesten Aspekte von „Kobane Calling“ die Rückkehr Zerocalcares im Juli 2015 in die Türkei, um diesmal mit vier italienischen Begleitern in den Irak zu gelangen und von dort aus nach Syrien und schließlich Kobane. Denn die erste Reise war da schon zu einem Comic geworden, den der Zeichner auch mit sich führte, um ihn den kurdischen Kämpfern zu zeigen – und prompt wurden diese Hefte vom türkischen Zoll entdeckt und beschlagnahmt. Trotzdem drufte die italienische Gruppe weiterreise – die EU-Pässe schützten sie. Heute dürfte das anders sein; der einzige Schönheitsfehler von „Kobane Calling“ ist, dass die Entwicklung seit dem Putsch in der Türkei im Juli 2016 nicht zumindest als kleiner Textanhang eingearbeitet worden ist, denn etliche Prognosen, die Kurden 2015 gegenüber Zerocalcare gemacht hatten, haben sich leider seitdem bewahrheitet. Der Comic ist ein hervorragendes Beispiel für die Aussagekraft unmittelbarer Anschauung.

Und für die inhaltliche Kraft eines Berichtsstils, der graphisch erst einmal ein paar Hürden bietet (Leseprobe: http://www.avant-verlag.de/comic/kobane_calling). Zerocalcare pflegt einen am Underground orientierten Strich, durchaus durchsetzt mit grotesk-cartoonesken Elementen, und daran muss man sich bei diesem bitterernsten Thema erst einmal gewöhnen. Zeit genug dazu hat man, denn der Comic umfasst 260 textreiche Seiten, und wer nach zwanzig, dreißig davon noch kein Feuer gefangen hat, ist wohl verloren für anspruchsvolle Comicreportagen. Ein brisanteres aktuelles Thema ist jedenfalls seit Joe Saccos Palästina-Reportagen vor zwanzig Jahren nicht mehr Gegenstand von Comicjournalismus geworden, und angesichts des Umfangs von „Kobane Calling“ muss man Zerocalcares Leistung unglaublich nennen: Ein Abstand von nur einem Jahr zum Erlebten (im Falle der italienischen Originalpublikation) ist rekordverdächtig. Da zahlt sich die im Vergleich mit Sacco oder einer Comicreporterin wie Sarah Glidden schlichtere Graphik aus.

Zerocalcare bezieht im Vergleich mit seinen berühmteren Kollegen weitaus eindeutiger politisch Position. Saccos Sympathie für die Palästinenser steht auch nie außer Frage, aber der italienische Zeichner verherrlicht die kurdische Sache geradezu. Zwar wird in „Kobane Calling“ immer wieder die Selbstbefragung der eigenen Objektivität zum Gegenstand, doch die Reportage ist durchzogen und auch getragen von einer revolutionär-emanzipatorischen Romantik, die selbst durchaus sympathisch ist, aber bisweilen auch naiv wirkt. Wobei man es Zerocalcare gar nicht hoch genug anrechnen kann, dass er das Wagnis vor allem seines zweiten Ausflugs eingegangen ist – aus den Kurdengebieten in Syrien, die vom IS wie von den Türken attackiert werden (bisweilen wohl auch in obskurer Zusammenarbeit), gibt es wenig authentische Berichte, und dass es Zerocalcare gelungen ist, bei seiner zweiten Reise bis in die Verstecke der PKK-Kämpfer in den irakisch-iranischen Kandil-Bergen zu gelangen, darf man eine journalistische Sensation nennen. Zumal er dort auch Ceval Bayik alias Cuma sprechen konnte, der seit Abdullah Öcalans Verhaftung 1999 die PKK bei ihrem Kampf gegen die Türkei anführt. Mit den Seiten, die diese Begegnung schildern, sollte sich Zerocalcare wohl besser nicht mehr in der Türkei erwischen lassen.

Auch in diesen Lagern einer Organisation, die weltweit als eine terroristische eingestuft wird – aus feiger Rücksichtnahme auf die Türkei, wie Zerocalcare konstatiert –, findet der italienische Besucher wieder eine vorbildlich emanzipierte Gesellschaft, was sich vor allem im hohen Anteil weiblicher PKK-Kämpfer zeigt. Dass er in den Kandil-Bergen nur eine Frauen-Einheit zu sehen bekommt, stimmt ihn nicht verdächtig, obwohl einiges dafür spricht, dass die PKK genau gewusst hat, womit sie die Begeisterung Zerocalcares erwecken würde. Dass er aber in „Kobane Calling“ dem weitgehend im Westen unbesungenen Kampf der Kurden gegen den IS eine Darstellung verschafft, die geeignet ist, das Verständnis für die Komplexität des Kriegs in Syrien zu vertiefen oder vielleicht gar erst zu wecken, das ist Rechtfertigung genug für diesen Band, den man mit immer mehr Spannung liest, je intensiver man auch Zerocalcare als Chronisten kennenlernt. Ob man seine politischen Urteile teilt, tut nichts zur Sache. Was er an Detailbeobachtungen aus einem gnadenlosen Krieg und einem jahrzehntelang anhaltenden Freiheitskampf zu bieten hat, ist von erschütternder Intensität.

 

06. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

2
1688

     

26. Mai. 2017
von Andreas Platthaus
1 Lesermeinung

3
499
     

Deutscher Aufgalopp für Frankreichs großen Auftritt

Das nenne ich Bescheidenheit: Den Auftakt zum ersten sichtbaren Projekt des französischen Gastlandauftritts bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse bestreitet kein Franzose, sondern ein Deutscher: Mawil, ein Comiczeichner, der mit seinem autobiographischen Buch „Kinderland“ über die letzten Tage der DDR, das in Deutschland vor drei Jahren erschien, auch in Frankreich große Beachtung gefunden hat. Nun hat er eine weitere autobiographische Geschichte gezeichnet, die davon erzählt, wie das Gemeinschaftsprojekt „Ping-Pong“, bei dem französisch- und deutschsprachige Comiczeichner bis hin zur Buchmesse (also bis Oktober) wechselseitig einander Geschichten erzählen werden. Und hier kann man Mawils Comic lesen, wenn auch bislang nur auf Französisch: http://www.francfort2017.com/ping-pong/.

In den nächsten Monaten werden etliche prominente Künstler aus beiden Staaten dazustoßen, und einen lernt man hier auch schon kennen: Flix, wie Mawil in Berlin ansässig, und den Lesern von faznet und F.A.Z.-Feuilleton durch seine wöchentliche Serie „Glückskind“ bekannt. Mit den beiden Herren hat sich Mathieu Diez, seines Zeichens Leiter der Comicfestivals von Lyon, das bald wieder stattfindet (diesmal mit besonders starker deutscher Beteiligung, siehe http://www.lyonbd.com/), und zudem verantwortlich für den Comicteil des diesjährigen französischen Buchmesseauftritts, die Richtigen ausgesucht, denn beide Zeichner stehen für einen international wettbewerbsfähigen deutschen Comic, der sich hinter der jahrzehntelang übermächtigen Konkurrenz aus unseren Nachbarland nicht verstecken muss. Deshalb ist der Auftakt durch Mawil nicht nur Bescheidenheits-, sondern auch Respektserweis.

Was sollte man sich in Frankreich aber auch Passenderes wünschen als diesen in jeder Hinsicht bunten Einblick ins Zeichnerleben in der deutschen Hauptstadt, die vielen jungen Franzosen als Mekka des Partylebens gilt? Kaum hat man den lukrativen Auftrag von den beiden sympathischen Franzosen in der Tasche (Mathieu Diez tritt neben seiner Kollegin Myriam Louviot aus der Berliner Botschaft selbst im Comic auf), kommen jeweils landestypische geistige Getränke zur Feier der künftigen Zusammenarbeit auf den Tisch, und Mawil ist immerhin so dezent, nur sich selbst am nächsten Morgen zu porträtieren – 53 Bilder, wie er selbst behauptet, nach dem vorher gezeigten. Davon sehen wir aber leider nichts. Seine ganze Episode umfasst nur 28 Panels.

Doch die haben es in sich, denn Mawil entfaltet darin eine kleine Piktogrammatik des Comics, in dem Symbole und Onomatopöien genauso eine Rolle spielen wie Wortspiele („trinquons“ heißt im Französischen „stoßen wir miteinander an“, klingt aber wie im Deutschen „trinken“) oder Bildmontagen – so ist etwa das Cover von „Kinderland“ in die gezeichnete Handlung einkopiert, ein Effekt, den Mawil auch schon in seinem Comicerfolg bei ikonischen DDR-Gegenständen eingesetzt hatte.

Wenn es so weitergeht wie in diesem Prolog zum Ganzen, dann darf man von „Ping-Pong“ einiges erwarten. Die Zeichner, von denen im Vorfeld die Rede war (ob sie alle teilnehmen werden, weiß ich nicht, aber auf französischer Seite war auch von Riad Sattouf und Lewis Trondheim die Rede), lassen jedenfalls eine furiose Abfolge von Kurzgeschichten erwarten. Und nur wenige Tage nach dem jetzigen Start dieser Internet-Reihe wird am 2. Juni im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst eine ebenfalls anlässlich des Buchmessengastlandauftritts von Frankreich geförderte Comic-Ausstellung eröffnet: „Kartografie der Träume“, mit Arbeiten des wunderbaren Marc-Antoine Mathieu, der es wie kein zweiter Zeichner schafft, mit seinen Comics die theoretischen Grundlagen des graphischen Erzählens ständig zu reflektieren und zu erweitern (für nur ein Beispiel, seinen Comic „Sense“ – auf Deutsch mittlerweile als „Richtung“ erschienen – siehe http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/neue-comics-zum-raum-wird-hier-die-zeit-13542282.html). Da hat sich die Ehrengastrolle ja schon gelohnt. Und vielleicht kommt auf der eigentlich zweisprachig angelegten Website „francfort2017.com“ ja auch noch eine deutsche Version der dafür angefertigten Comics zur Publikation.

26. Mai. 2017
von Andreas Platthaus
1 Lesermeinung

3
499

     

22. Mai. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

2
704
     

Der Ursprung des Terrors

Der „Deutsche Herbst“ von 1977, die Hochzeit des RAF-Terrors mit der Verschleppung und Ermordung Hanns-Martin Schleyers, dem Tod seiner Begleiter im Kugelhagel von Köln, der Entführung der „Landshut“ und dem Selbstmord von Baader, Ensslin und Raspe in Stuttgart-Stammheim, ist nichts gegen den japanischen Herbst von 1968. Das war der Höhepunkt der dortigen Studentenproteste, die allerdings keinen harten kriminellen Kern hatten, sondern dezidiert politisch waren, linksradikal, und auf harten Widerstand der Polizei trafen, so dass sich die Ereignisse derart hochschaukelten, dass man die Revolution schon vor der Tür sah. Zahlreiche Menschen starben auf den Straßen, und dazu kam eine Gewaltwelle, die andere Ursachen hatte, aber mit zur gesellschaftlichen Unsicherheit dieses Jahres in Japan beitrug.

Eines der meistbeachteten Ereignisse war eine Mordserie, die binnen drei Wochen im Herbst 1968 vier Menschen das Leben kostete, alle erschossen mit einem Revolver aus amerikanischen Armeebeständen. Der Täter aber war Japaner und wurde im April 1969 verhaftet, 1979 zum Tod verurteilt und 1997 hingerichtet. Der fast dreißigjährige Abstand zwischen Verbrechen und Strafe machte den Fall zum berühmtesten seiner Art in Japan, und jeder Japaner kennt den Namen des Täters: Norio Nagayama, der zum Zeitpunkt seiner Taten erst neunzehn war. Wenn also in einem Manga ein junger Mann im Herbst 1968 auftaucht, einen Revolver aus einer amerikanischen Kaserne stiehlt, damit zu morden beginnt und dazu nur N genannt wird, weiß man in Japan, wer gemeint ist.

Dieser N ist die Hauptperson in „Unlucky Young Men“, einer auf zwei Bände verteilten siebenhundertseitigen Geschichte, die Eiji Otsuka geschrieben und Kamui Fujiwara gezeichnet hat – vor zehn Jahren. Dass die Übersetzung erst heute herauskommt – Band 1 ist gerade bei Carlsen erschienen –, hat einmal mit dem wider alle Erwartungen ungebrochenen Mangaboom in Deutschland zu tun, andererseits aber auch damit, dass diese Geschichte eine Herausforderung herausstellt, denn selten ist eine bestimmte Zeitstimmung – die die beiden Urheber als Kinder noch miterlebt haben – so detail- und faktenreich ins Comicbild gesetzt worden. Das macht die Lektüre voraussetzungsreich, zumal als roter Faden auch noch die Tankadichtung von Takuboku Ishikawa, einem japanischen Lyriker des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, fungiert. Die Übersetzerin Cordelia von Teichman war also besonders gefordert, und auch wenn sie das feste Silbenschema von 5-7-5-7-7, also insgesamt 31, bei der Übertragung der Tanka nicht beachtet hat, ist „Unlucky Young Men“ sonst exzellent zu lesen, zumal es zwar ein Glossar gibt, das aber nur in wenigen wichtigen Fragen Auskunft gibt, während ansonsten der Sprechblasentext alle Erklärungen zu leisten hat. Das ist gut gelungen.

Fujiwaras Graphik ist höchst aufwendig (Leseprobe: https://www.carlsen.de/softcover/unlucky-young-men-1/78560), oft könnte man seine Schwarzweißzeichnungen für Schabkartonarbeit halten, so tief ist das Schwarz, so subtil sind die Schraffuren. Aber alles ist am Rechner erzeugt – ein Meisterwerk moderner Zeichnertechnik. Dazu kommen mangatypische Effekte wie rascher Perspektivenwechsel, extreme Auf- oder Untersichten und einige Male auch Spiegelungsbilder auf gekrümmten Flächen mit entsprechend verzerrten Physiognomien. Fujiwara hat angeblich sämtliche Bilder von lebenden Personen nachstellen lassen und die Szenen abfotografiert, um eine möglichst lebensnahe Vorlage für die Reinzeichnungen zu bekommen.

Das ist auch inhaltlich konsequent, denn Leitlinie der Handlung ist nicht, wie man erwarten könnte, das Verbrechen von N, sondern ein Film, den er gemeinsam mit dem jungen Multitalent T drehen will. Den werden selbst weniger japanaffine Leser erkennen, sofern sie sich überhaupt für Kino interessieren, denn für diesen T stand die jungen Jahre von Takeshi Kitano Pate, des heute international bekanntesten japanischen Schauspielers. Natürlich hat es nie eine Begegnung zwischen ihm und dem Vierfachmörder Nagayama gegeben, doch die biographische Parallelen haben Otsuka dazu verführt, die weitgehend unbekannten Monate zwischen Verbrechen und Festnahme des Serientäters mit dieser fiktiven Begegnung zu füllen und dazu noch zahlreiche Persönlichkeiten der linksradikalen Studentenszene einzubeziehen. Und nicht zuletzt auch den berühmten Schriftsteller Yukio Mishima, der in Analogie zu den beiden Hauptfiguren hier nur als M auftritt.

Gegenstand des Films, den N und T zusammen drehen wollen, soll ein Raubüberfall auf einen Geldtransporter sein, auch dies ein realer, bis heute nicht aufgeklärter berühmter Fall des Herbstes 1968. Inwieweit sich dabei künstlerische, politische und monetäre Interessen ergänzen oder ausschließen, ist die eigentliche Frage im Manga „Unlucky Young Men“, der den spektakulären Überfall nur als MacGuffin nimmt für ein Porträt der japanischen Gesellschaft in heikler Zeit. Und zugleich eine alternative Geschichtsschreibung betreibt, die einige Rätsel löst – und das noch mit dem Reiz der Beteiligung prominenter Persönlichkeiten. Dass dieser Bonus für deutsche Leer weitgehend entfällt, lässt den Sog, den der Manga entfaltet, umso überzeugender wirken. Er erzählt eine psychologisch stimmige und kriminalistisch spannende Geschichte, die vor allem die Unsicherheit einer Epoche spürbar macht, in der links und rechts, fortschrittlich und konservativ jeweils hehre idealistische Ziele für sich in Anspruch nahmen, die unversöhnlich sein mussten.

Japan kam erst Mitte der siebziger Jahre innenpolitisch wieder zur Ruhe, und bis dahin mussten noch viele Menschen sterben, meist allerdings Angehörige der Terrororganisationen und die meisten davon in Folge interner Machtkämpfe. Das eine der fürchterlichsten Protagonistinnen dieses Terrors gegen die eigenen Gefolgsleute, Hiriko Nagata, genannt Yoko, in „Unlucky Young Men“ gleich für zwei Frauenfiguren (die beide Yoko heißen) Patin steht, ist ein brillanter Kunstgriff, denn die Radikalisierung wird so auf zwei Wegen vorgeführt. Welcher dann der schlimmere sein wird, kann man dem zweiten Band entnehmen, der in ein paar Monaten auf Deutsch erschienen wird. Und obwohl man ja weiß, wie N und T enden werden – der eine in der Todeszelle, der andere als Filmstar –, ist die Neugier auf die Fortsetzung bei mir immens.

22. Mai. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

2
704

     

04. Mai. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

0
519
     

Kurzes auf dem Weg zum langen Hauptwerk

An diesem Wochenende wird zum dritten Mal der Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung verliehen, deren Jury in angehöre. Es ist ein Förderpreis, ausgezeichnet werden noch in Arbeit befindliche Comics, man muss also von einer Vorform auf die endgültige Version schließen. In diesem Jahr wird ein Comic prämiert, von dessen projektierten 250 Seiten mehr als 180 eingereicht worden waren, wenn auch in einer Form, die die Autorin, Tina Brenneisen, selbst eine vorläufige nennt, die noch druckfertig gemacht werden müsse. Dass ihre autobiographische Geschichte „Das Licht, das Schatten leert“ ein beeindruckendes Buch werden wird, kann man gleichwohl jetzt schon sehen.

Ich will nicht darüber schreiben, um was es in dem prämierten Comic geht, denn man wird ihn erst in einiger Zeit lesen können, und ob er dann wieder in Tina Brenneisens eigenem Kleinverlag Parallelallee erscheint wie bislang alle ihre Publikationen (die übrigens unter dem Pseudonym PoinT laufen) oder ob sie mit dem Preis im Rücken ein größeres Haus dafür interessieren kann – sofern sie das will –, das haben wir ebenfalls abzuwarten. Der erste Leibinger-Comicbuchpreis war 2015 an Birgit Weyhe für ihren Band „Madgermanes“ gegangen, und es war ein Glück, dass die Hamburger Zeichnerin mit einem anderen schon geplanten Vorhaben, bei dem sie erstmals auf ein fremdes Szenario zurückgreifen wollte, nicht so vorankam, wie sie es sich vorstellte, so dass ihr ausgezeichnetes Projekt schneller fertig wurde und bereits ein Jahr nach der Preisverleihung erschien – und dann prompt beim Comicsalon von Erlangen auch zum besten deutschsprachigen Comic gewählt wurde. Ihr Nachfolger, Uli Oesterle, wird dagegen mit seiner Geschichte „Vatermilch“ mindestens noch bis zum kommenden Jahr brauchen, und da mittlerweile von zwei Bänden die Rede ist, könnte es durchaus sein, dass Tina Brenneisen ihren unmittelbaren Preisvorläufer überholt.

Um aber den Schwung der durch den Preis gewonnenen Aufmerksamkeit zu nutzen und die Pause zwischen der letzten Oesterle-Publikation, der damals neugestalteten „Hector Umbra“-Gesamtausgabe von 2011, und „Vatermilch“ nicht zu groß werden zu lasen, hat der Carlsen Verlag den Zeichner bewegen können, ein Buch namens „Kopfsachen“ dazwischenzuschieben, das acht Kurzcomics versammelt – „graphische Erzählungen“ nennt der Untertitel die Form, in Anknüpfung an den Begriff „Graphic Novel“. Davon ist eine, „Fraß“, mit fast fünfzig Seiten albenlang, allerdings im Kleinformat. Vor anderthalb Jahrzehnten ist sie bei der Edition 52 als Separatpublikation herausgekommen, du das war damals mein erster Kontakt mit Oesterles Werk, denn seine schon ein paar Jahre älteren „Schläfenlappenphantasien“ des Zwerchfell Verlags waren mir entgangen. „Fraß“ mit seiner an Stanley Ellin erinnernden Drastik war aber ein sehr guter Einstieg, und die Geschichte um einen Feinschmecker, der verzweifelt versucht, seinen verlorengegangenen Geschmackssinn wieder zu beleben, überzeugt auch heute noch.

Die ebenfalls in „Kopfsachen“ enthaltenen fünf Geschichten aus den „Schläfenlappenphantasien“ sind dagegen auch durch die Hinzufügung einer blauen Zusatzfarbe nicht ganz aus dem Stadium eines Frühwerks zu befreien. Zu sehr merkt man diesen Arbeiten die Zeitstimmung der mittleren neunziger Jahre an, den Einfluss von José Munoz und Hendrik Dorgathen, von Comiczeitschriften wie „Raw“ oder „Boxer“ und das Bemühen, rauh und wild zu erzählen und zu zeichnen. Dass daraus dann eine Serie wie „Hector Umbra“ entstehen konnte, zeigt aber, wie rasch sich Oesterle wieder befreit hatte, auch wenn er dann vor allem der Ästhetik von Mike Mignola gefolgt ist. In „Forever“, einer 2003 im amerikanischen Verlag Dark Horse, der Heimat von Mignolas „Hellboy“, veröffentlichten Horrorgeschichte um ein sich verselbständigendes Tattoo wird diese Liebe auf die Spitze getrieben.

Sieben also schon vor langer Zeit veröffentlichte Geschichten in „Kopfsachen“. Die achte dagegen ist neu, und sie bringt Hector Umbra zurück, den parapsychologisch begabten Detektiv, Oesterles auch internationale Erfolgsfigur. Die Erzählung „Getrennte Wege“, in der eine junge Frau mit gespaltener Persönlichkeit Umbra engagiert, ist gerade einmal fünfzehn Seiten lang, aber sie beschreitet auch selbst neue Wege, denn Oesterle verzichtet auf Panelrahmen und lässt in einer Szene, die sich im Kopf der Mandantin abspielt zudem aus der üblichen Seitenarchitektur fallen. Seine Konturen sind feiner geworden, die Farben – computerbedingt – bunter, aber der Ton ist ganz der alte, und dadurch entsteht eine Kurzgeschichte, die man atemlos liest, zumal ihr Twist am Schluss mit dem typisch Oesterleschen Zynismus gewürzt ist.

Der Band ist wunderschön gestaltet und auf gutem Papier gedruckt, so dass gegenüber den Originalausgaben der schon veröffentlichten Comics signifikante Qualitätsgewinne bestehen, die die Anschaffung selbst für jene Leser lohnen, denen „Hector Umbra“ nichts sagt und die deshalb nicht so dringend wie ich auf Fortsetzung von dessen Abenteuern gewartet haben. Erzählerisch hat Oesterle sogar klare Vorteile auf der Kurzstrecke. Aber wenn dann erstmal „Vatermilch“ fertig wird, der auf mehrere hundert Seiten konzipiert ist, wird man endgültig wissen, ob der ideenreiche Münchner Comicautor auch über langen erzählerischen Atem verfügt. Das, was ich bislang davon kenne, spricht eindeutig dafür.

04. Mai. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

0
519

     

02. Mai. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

0
806
     

Hitler hat den Kopf verloren

Irgendwann habe ich in diesem Blog einmal geschrieben, dass es Comicschaffende gibt – gegenwärtig aktive, also keine Klassiker –, von denen ich einfach alles lesen will, was sie machen. Die gibt es immer noch, und es sind meist Leute mit sehr umfangreichem Oeuvre wie Art Spiegelman, Jacques Tardi, Dupuy & Berberian (respektive nun deren Soloarbeiten), Baru oder Alan Moore. Könner wie Marjane Satrapi, Emmanuel Guibert oder David B. sind weniger produktiv oder haben dem Comic – so Satrapi – gar ganz Lebewohl gesagt. Und deutsche Künstler wie Line Hoven, Jens Harder, Anke Feuchtenberger, Ulli Lust, Sascha Hommer und noch einige andere mehr können gar nicht so produktiv sein, wie sie wollten, weil man hierzulande zu wenig Geld mit Comics verdient. Bleiben also im deutschen Sprachraum Nicolas Mahler und Ralf König, denen man alles vorwerfen kann außer mangelndem Veröffentlichungstempo. Und natürlich mangelnder Qualität.

Aber zwei besonders fleißige Menschen haben seit meiner damaligen Behauptung so viel Neues herausgebracht, dass ich mich übersättigt fühlte: Joann Sfar und Lewis Trondheim. Allein die von beiden gemeinsam geschriebene Serie „Donjon“ hat rund vierzig Bände in einem Jahrzehnt hervorgebracht – weniger als die wohl scherzhaft angekündigten dreihundert, aber allemal (mehr als) genug. So lese ich heute vielleicht noch jeden zweiten Titel, den Trondheim oder Sfar herausbringen, was immer noch ein namhafte Zahl bedeutet. Und wie es der Zufall will, habe ich bei meinem letzten Besuch in Frankreich gleich wieder ein halbes Dutzend Comics gekauft, die Lewis Trondheim geschrieben hat.

Es sind sechs Hefte im amerikanischen Comicformat, die auch aufgemacht sind wie Superheldencomics – Trondheim hat schon immer das Spiel mit den Möglichkeiten seines Metiers geliebt. Der Titel der Serie lautet „Infinity 8“ (die Homepage dazu: http://www.editions-ruedesevres.fr/d%C3%A9couvrez-le-projet-infinity-8-0), und es geht um ein gleichnamiges Raumschiff, das mit seiner 880.000 Mann starken Besatzung sechs Wochen lang unterwegs ist, um den Andromedanebel zu erreichen. Wobei es nicht 880.000 Menschen sind, die mitreisen, sondern Individuen aus 257 intergalaktischen Rassen, darunter auch 1583 Menschen, und zu Letzteren gehört unter anderem auch eine Polizeitruppe, die nur aus Frauen besteht. Sie stehen im Mittelpunkt der Handlung. So viel erfährt man schon auf der ersten Seite des ersten Heftes.

Ein Science-Fiction also, angesiedelt in einigermaßen ferner Zukunft und mit allen graphischen Vorzügen der reichen französischen SF-Comictradition, die auf die Superstars Jean-Claude Mézières und Moebius zurückgeht. Dominique Bertail hat die ersten drei Hefte von „Infinty 8“ gezeichnet, Olivier Vatine die anderen drei, und Trondheim hat die Szenarien verfasst, im Falle der ersten drei zusammen mit einem anderen Superstar des französischsprachigen Comics, dem Schweizer Zep. Da haben sich zwei Liebhaber sowohl des Humors, der Klischees und zugleich der Drastik gefunden, und entsprechend sieht die erste Geschichte aus: sehr gut.

Doch die zweite, nun von Trondheim allein geschrieben, ist noch besser. Selbes Raumschiff, aber ein paar Tage später, und eine andere Polizistin als Heldin. Dass es hier noch aberwitziger als im ersten Teil zugehen wird, in dem es vor bizarren Wesen wimmelt, sagt schon der Titel der zweiten Geschichte: „Retour vers le Führer“. Ja, es geht um Adolf Hitler, genauer gesagt um dessen Kopf, der aus Gründen, deren Schilderung hier zu weit führen würde, im Weltall herumfliegt und von der Besatzung der „Infinity 8“ unklugerweise eingesammelt wird. Seit Hitlers Niederlage viele Jahre zuvor hat sich der Nationalsozialismus zu einer ästhetische Bewegung entwickelt, die im Zeichen des Hakenkreuzes die Maxime „Un Art de Vivre“ (eine Lebenskunstform) betreibt. Lieder schafft es Hitlers krankes Hirn binnen kurzer Zeit, die Nazischöngeister wieder durch Killermaschinen zu ersetzen.

Man schluckt als deutscher Leser, wie Trondheim da mit Entsetzen Scherz treibt, aber er braucht die NS-Klischees für seine Abenteuerhandlung, und das Ganze geht auch gut aus – also schlecht für Hitler. Und nach den sechs Heften will man mehr, viel mehr von diesem Stoff. Und tatsächlich ist in Frankreich auch schon eine weitere Geschichte erschienen, diesmal nur als Album, diesmal gezeichnet von Olivier Balez, und es sind bis zum März 2018 noch fünf weitere Fortsetzungen von „Infinty 8“ angekündigt, deren letzte von keinem Geringeren gezeichnet werden soll als dem großartigen Patrice Killoffer, der auch schon als Vorbild für eine Figur der Serie dient: dem Leutnant Reffo, dessen Name sich rückwärts gelesen nicht zufällig fast wie Killoffer liest, bereinigt ums „kill“. Das dürfte ein Hinweis auf zukünftige Ereignisse in dieser Serie sein.

Alle acht Bände wird Trondheim schreiben (hat sie mutmaßlich auch schon geschrieben), und die ersten beiden Geschichten sind auch bereits als Alben herausgekommen. Dass es diese Geschichten auch als Hefte gibt, war nur ein schöner Gag, um der amerikanischen Publikationsform die Ehre zu geben; leider geht die Parallelveröffentlichung nicht mehr weiter. Die sechs Hefte bieten ein paar hübsche Extras, etwa von Trondheim, Killoffer und anderen gezeichnete Figurenentwürfe oder Auskünfte über die Produktion der Serie, die man aber nicht allzu ernst nehmen sollte. Das Ganze ist ein Riesenspaß, erkennbar auch für alle Beteiligten, und es ist schön zu wissen, dass man in den nächsten zehn Monaten noch einiges zu lachen bekommen wird.

Verlegt hat die Serie der Verlag Rue de Sèvres, der erst 2013 gegründet Comicableger des französischen Bilderbuchverlags L’École des loisirs“. Trondheim war mit seinen Arbeiten schon immer bei mehreren Häusern gleichzeitig vertreten, und diesmal dürfte ihm die Konzentration auf „nur“ acht Alben die Verzettelung ersparen, die seinerzeit „Donjon“ ereilt hatte. Wenn er diese Form beibehält, werde ich nicht nur alle Bände von „Infinty 8“ lesen (das tue ich ohnehin), sondern auch für eine Weile wieder alles andere, was er macht. Welcome back in meinen Regalen!

02. Mai. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

0
806

     

24. Apr. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

2
821
     

Neigen Sie zum Lachen?

Vergangenen Monat war ich in Leipzig beim Millionaire’s Club. Das ist – die Leser meines Blogeintrags von Ende März werden es noch wissen, sonst hier nachlesen: http://blogs.faz.net/comic/2017/04/03/masse-machts-nicht-immer-die-messe-bringts-1004/) – nicht ganz das, was der Name verheißt, aber reichere Eindrücke kann man kaum irgendwo finden. Denn einige Dutzend Kleinverleger aus der ganze Welt haben dort ihre Comics präsentiert, und Kleinverlag heißt zwar manchmal auch Kleinauflage, doch da man die Dinge fast nirgendwo sieht, sind sie im Regelfall recht lange zu bekommen.

Ob das auch für das wunderbare Heft „Neigen Sie zum Weinen?“ gilt, das ich im Millionaire’s Club entdeckt habe und das die Hamburger Zeichnerin Jul Gordon in einer Auflage von gerade einmal sechzig Exemplaren in der von ihr und Sascha Hommer begründeten Reihe „Kontaktcenter“ herausgebracht hat, muss man auf deren Netzseite überprüfen. Dort kann man sich auch ein paar Seiten daraus ansehen: http://kontaktcenter.tumblr.com/kc009. Klar ist sofort, dass man es hier mit einem mehrdimensionalen Spiel zu tun hat: Satire, Hommage, Appropriation, Adaption – man könnte die kleine Geschichte in viele Genres stecken. Der schöne Tim-Kopf des Covers kehrt in dieser akribischen Gestaltung im Inneren nie mehr wieder, aber Tim tut es, und zwar als winzige Figur in der Rolle eines Psychologen, der auf einem großen Bühnenbild, das bei Jul Gordon zugleich die ganze Welt ihrer Geschichte ist, eine andere Figur befragt, die das genaue Gegenteil des Hergé-Helden ist: heruntergekommen, übergewichtig, rauchend, ältlich, verlottert. Allein diese Paarung ist schon ein Vergnügen.

Besonders sehenswert aber sind die von Jul Gordon gewählten Farben, denen die digitale Darstellung nicht gerecht wird. Es sind blasse Pastelltöne, vor allem rosa, hellblau und beige, die dem Geschehen nicht nur eine nostalgische Anmutung verschaffen, die natürlich die Verwendung der Comiclegende Tim als Hauptfigur noch konsequenter macht, sondern auch die Künstlichkeit der Konstellation ein weiteres Mal betonen, die ja schon durch den Protagonistenkontrast und die Bühnensimulation vorgegeben ist. Man könnte von einem graphischen Versuchsaufbau spreche, der sich bemüht, so viele Assoziationen wie möglich aus den unterschiedlichsten Kunstbereichen abzurufen, um dann eine Geschichte zu erzählen, die bewusst pointenlos erschient, das aber keinesfalls ist, denn wie am Ende buchstäblich alles dekonstruiert ist, was man vorher gesehen hat, dass ist eine der überzeugendsten Auflösungen, die man sich vorstellen kann.

Nacherzählen lässt sich nicht, was in „Neigen Sie zum Weinen?“ geschieht. Man muss es miterleben, denn schon wie das streng geometrisch-exakt gezeichnete Dekor des Bühnenbildes mit den bewusst einfach-spontan gehaltenen Figuren kontrastiert, ist bemerkenswert. Tim als Inbegriff der Klaren Linie wird da nicht nur mit seinem schluffigen Gesprächspartner konfrontiert, sondern auch mit einer im Stil früher Zeitungscomics-Figuren gehaltenen Dame (deren Faust bei einem kurzen Gewaltexzess Ausmaße annimmt, die sie als Enkelin von Olive Oyl aus „Popeye“ legitimieren) und einigen Stichmännchen, die als Bühnenhandlanger nur sporadisch auftreten. Und dann gibt es noch einen ächzenden Herrn im Independent-Stil eines Joe Matt, der die erstaunlichsten Ortswechsel auf der Bühne vornimmt. Man könnte das Ganze als große Beckett-Inszenierung eines Comics betrachten – und angesichts der Angemessenheit dieses Zusammenspiels noch einmal Tränen darüber vergießen, dass aus der vor ein paar Jahren geplanten „Godot“-Adaption durch Nicolas Mahler aus rechtlichen Gründen nichts geworden ist. Beckett ist wie gemacht für Comics. Aber gut, er hat eben Theater gemacht und keine Comics. Daran fühlen seine Erben sich gebunden.

Wenn man aber wie Jul Gordon den Beckettschen Geist des Absurden so kongenial aufzunehmen versteht, dann wird wenigstens dessen Genie noch nutzbar gemacht für eine Erzählform, die alles bieten kann, weil sie so scheinbar simpel ist. Und dabei so erstaunlich komplexe Resultate hervorbringt. Sechzehn Seiten ist „Neigen Sie zum Weinen?“ nur lang. Aber das Heft bietet Lektüre für Jahre.

24. Apr. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

2
821

     

19. Apr. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

5
726
     

Ein Krimi von höchsten Gnaden

Vor kaum einem Monat habe ich an dieser Stelle einen spanische Comic empfohlen („Ich habe Wale gesehen“, erschienen bei der Edition Moderne), den Lea Hübner in die Schweiz vermittelt und auch gleich ins Deutsche übersetzt hatte. Nun kommt beim Berliner Avant Verlag schon ihre nächste Entdeckung, allerdings diesmal kein spanischer Titel, sondern ein brasilianischer. Also eine andere Sprache – Portugiesisch statt Spanisch -, aber wieder im Ursprungsland aufgespürt, hierher vermittelt und übersetzt von Lea Hübner. Und als wäre das nicht schon einigermaßen beeindruckend, hat Frau Hübner gleich noch ein drittes Mal empfehlend und übersetzend zugeschlagen: mit dem im mir bislang unbekannten Verlag Bahoe Books aus Wien gerade publizierten Comic „Cumbe“, auch er brasilianischer Herkunft. Man fühlt sich als literaturinteressierter Mensch an Michi Strausfeld erinnert, die legendäre Literaturwissenschaftlerin, Lektorin und Übersetzerin, die von den siebziger Jahren an bis zum Wechsel in en Ruhestand 2016 quasi im Alleingang die lateinamerikanische Literatur nach Deutschland brachte. Nur eine ihrer spektakulären Entdeckungen sei genannt: Isabel Allende.

Mit Auflagenzahlen, wie die argentinische Bestsellerautorin sie erreicht, brauchen wir bei Comics nicht zu rechnen. Wenn sich ein paar tausend Leser für die drei neuen Comics finden, wäre das schon sensationell; realistisch dürften es eher ein paar hundert sein. Dabei hätten sie alle drei großes Publikum verdient, wobei man sagen muss, dass der Avant Verlag sich eindeutig den besten herausgepickt hat, noch stärker als „Ich habe Wale gesehen“. „Cumbe“ dagegen, geschrieben und gezeichnet von Marcelo D’Salete, einem siebenunddreißigjährigen Autor aus Sao Paulo, ist ein eher spröder Schwarzweißcomic im typisch südamerikanischen Stil (wenn man das einmal kontinentweise über einen Kamm scherendarf), wie ihn José Munoz bekannt gemacht hat. In vier Kurzgeschichten – eine davon gibt dem Buch auch seinen Titel – wird von Sklavenschicksalen im Brasilien des neunzehnten Jahrhunderts erzählt. Junge Schwarze, die man aus ihrer afrikanischen Heimat verschleppt hat, suchen ihre Freiheit – sei es nicht gleich durch Flucht, dann wenigstens durch die Pflege ihrer Traditionen.

Das ist ein ehrenvoller Stoff, und wer weiß in Deutschland schon, dass die Bedingungen der schwarzen Sklaven in Lateinamerika genauso schlecht waren wie in den Südstaaten der USA. Aber die Geschichten sind doch alle nach einem Schema konzipiert, und die Graphik von D’Salete ist wenig originell. Zudem schwankt die Druckqualität des Bandes; einzelne Seiten weisen nur ein mattes Schwarz auf. Der junge Verlag aus Wien muss offenbar noch etwas Praxiserfahrung sammeln. Das gilt auch angesichts des Versäumnisses, eine Leseprobe ins Netz zu stellen, mehr als http://www.bahoebooks.net/start_de.php?action=201&id=55 gibt es nicht, und die Website des Zeichners erweist sich als zumindest für meinen Computer unzugänglich. Auch wird der Verlag irgendwann merken, dass das umfangreiche Glossar, das Lea Hübner erstellt hat, um die Fachtermini zum afrosüdamerikanischen Leben zu erläutern, und die Bibliographie an den meisten Comiclesern vorbeigehen, sie vielleicht sogar abschrecken.

Was D’Saletes Buch auszeichnet, ist sein anspruchsvolles, weil nur wenig auf Dialoge gestütztes Erzählen. Symbole und kleine Details sind für die Lektüre von „Cumbe“ wichtig; an der – auch moralischen – Schwarzweißzeichnung sollte man sich nicht irritieren lassen; es geht bunter zu, als es aussieht. Aber hier haben wir es doch mit einem Liebhaberprojekt zu tun, dass politisch Verdienste hat, ästhetisch oder erzählerisch weniger. Kein Vergleich mit „Ich habe Wale gesehen“.

Oder eben gar mit „Tungstênio“, dem zweiten von Lea Hübner für Avant gewonnenen Comic. Ob es sinnvoll ist, die Originaltitel zu belassen, durfte man sich schon bei „Cumbe“ fragen; bei „Tungstênio“ ist es eindeutig Unsinn, denn wie man winzig klein aus dem Impressum erfährt, ist dieser Begriff das brasilianische Wort für das Metall Wolfram. Nicht, dass ich erwartete, mit „Wolfram“ viele Leser locken zu können, vielleicht würde der Titel sogar bisweilen als Vorname missverstanden, aber warum man ein völlig unverständliches Wort belässt, ist mir schleierhaft. Zumal man diesem Comic so viele Leser wie nur möglich wünscht.

Warum? Weil Marcello Quintanilha, 1971 in Brasilien geboren, aber heute in Barcelona lebend, packend erzählt. Und klug. Die ganze Handlung seines Comics spielt sich an einem einzigen Tag überwiegend am Strand der brasilianischen Stadt Salvador da Bahia statt, der drittgrößten Metropole des Landes nach Sao Paulo und Rio de Janeiro, mit immerhin etwas mehr als zweieinhalb Millionen Einwohnern. Dort treffen zehn Hauptprotagonisten aufeinander: zwei illegale Dynamitfischer etwa, die von einem pensionierten Armeesergeanten beobachtet werden, der sich mit einem jungen Dealer trifft, der als Einzelkind bei seiner verwitweten Mutter lebt und Spitzel für einen Polizisten arbeitet, der mit zwei Freunden gerade das süße Leben am Meer genießt, während seine Frau über eine endgültige Trennung nachdenkt und einer Freundin davon im Bus erzählt. Schon sind die zehn Figuren beisammen, doch wie sie zueinander stehen, das erfährt man erst im laufe der ganzen 180 Seiten, die man mit immer mehr Spannung liest.

Denn „Tungstênio“ ist ein Krimi, ganz buchstäblich – es geht um Polizeiarbeit und Drogenhandel und Körperverletzung, und jeder Mann in diesem Comic hat Dreck am Stecken. Die drei Frauen dagegen nicht, sie kommen eher wie Heilige daher oder große Dulderinnen, und da ist der Autor Quintanilha ganz Macho. Geschenkt, das kennen wir aus dem Hardboiled-Genre, dem sein Comic angehört. Wobei niemand stirbt, obwohl man das oft befürchten muss, aber es braucht keine Leichen, um Dramatik zu erzeugen. Das tut das in zahlreiche Parallelhandlungen aufgebrochene Handlung schon zur Genüge. Und ein paar Rückblicke, die sich in den Köpfen der Figuren abspielen, aber für uns sichtbar werden, runden das große Puzzle erst ab.

Quintanilha zeichnet konventionell, nur in Schwarzweiß mit Graustufen, wobei sein Titelbild zeigt, wie gut das Ganze auch in Farbe ausgesehen hätte (beides kann man sich hier als Leseprobe ansehen: http://www.avant-verlag.de/comic/tungstenio). Hier gibt es sehr viel Text, und es dürfte einige Mühe gekostet haben, nicht nur den jeweiligen Jargon der Protagonisten ins Deutsche zu bringen, sondern auch die spezifische brasilianischen Redearten. Gut, dass hier kein Glossar ergänzt wurde, denn das hat uns mutmaßlich etliche brasilianische Brocken in den Dialogen erspart, und die Geschichte wirkt trotzdem ganz authentisch, gerade auch im Klang der Stimmen.

Besonders meisterhaft aber ist die Inszenierung der Kulisse. Die wichtigsten Ereignisse spielen sich im Schatten einer kleinen alten Festung hoch über dem Strand ab, und wie wir sie als ständigen Bezugspunkt gleich zu Begin gezeigt bekommen und uns ihr dann ständig nähern, bis wir sie aus Vogelperspektive umkreisen und alle Seiten vorgeführt bekommen, das ist große visuelle Erzählkunst. Zudem bricht Quintanilha mit fester Seitenarchitektur und setzt einzelne Panel sehr nahe aneinander oder verschiebt sie zueinander, so dass auch die Gesamterscheinung des Comics jene stete Unruhe vermittelt, die in der Geschichte herrscht. Etwas über den genauen Verlauf aneutet, würde ihren Zauber vermindern – wenn man bei solch tristen Verhältnissen, wie sie hier herrschen, von Zauber sprechen kann. Aber erstaunlicherweise lässt der Schluss den meisten Figuren ihr kleines bisschen Glück, und sei es auch nur, dass sie wider Erwarten überlebt haben. Wir aber wollen mehr Comic-Überraschungen dieser Art erleben. Lateinamerika scheint noch einiges zu bieten zu haben. Möge Lea Hübner weitersuchen. Und die Verlage bei der Stange bleiben.

19. Apr. 2017
von Andreas Platthaus
0 Lesermeinungen

5
726

     

10. Apr. 2017
von Andreas Platthaus

2
1690
     

Kant aus höchstpersönlicher Sicht

Vor einem halben Jahr bekam ich einen Auszug aus diesem Comic über Immanuel Kant zu Gesicht. Ich staunte, und wie ein alter griechischer Denker lange vor Kant gesagt hat, beginnt mit dem Staunen die Philosophie. Worüber staunte ich? Über die formale Strenge der Geschichte, die mit akribisch gezeichneten Schwarzweißbildern arbeitet, in denen als einzige Zusatzfarbe ein höchst ungewöhnliches Gelb auftaucht. Gelb deshalb, weil überliefert ist, dass Kant gerne gelbe Oberbekleidung Rock trug – wie man sein striktes Festhalten an Gewohnheiten kennt, tat er das auch schon vor dem Werther-Fieber, das gelbe Westen in ganz Europa populär machte. Aber Gelb im Comic auch, weil Kant der deutsche Philosoph der Aufklärung ist, und wenn man diese Helligkeitsmetapher (die in anderen Sprachen – siècle de lumière, enlightenment – noch markanter ist) verbildlicht, dann bietet sich eine entzündete Kerzenflammen an, also wieder Gelb. Und so, mit der Entzündung einer Kerze und ihrem Lichtschein im Dunkel, beginnt denn auch der Comic.

Klug also, durchdacht, erhellend. Wie man es beim Thema Kant erwarten muss, wenn aus seinem Leben nicht ein weiterer der allzu häufigen gezeichneten Lebensläufe werden soll, die ihren biographischen Gegenstand banalisieren und damit dessen Leistung diskreditieren. Nun dürfte es kaum ein größeres Problem geben, als Philosophiegeschichte im Comic darzustellen, man schaue sich nur den vor ein paar Jahren erschienenen Band „Logicocomix“ an, in dem Bertrand Russells Leben und Denken derart schrecklich bebildert worden ist, dass man kaum noch hinsehen mochte. Und Russell lesen schon mal gar nicht.

Philosophieren dagegen können Comics gut, wenn deren Autoren selbst es verstehen. Das schönste Beispiel, das ich kenne, ist Lewis Trondheims nur dreiseitige autobiographische Geschichte „Journal du Journal d’un Journal“ über den Versuch, eine Mise-en-abyme zu zeichnen. Bitte jetzt keine Frage, was eine Mise-en-abyme ist. Einfach Trondheim lesen (wobei es schwer sein dürfte, das Heft der Anthologie „Lapin“ zu finden, in dem das kleine Meisterwerk erschienen ist; übersetzt hat’s natürlich wieder niemand).

Wird im Kant-Comic philosophiert? Ja, allerdings nicht mit Kantschem Anspruch. Der hatte aber ohnehin Schwierigkeiten mit Anschaulichkeit, auch wenn seine dritte Kritik (die der Urteilskraft) sich ästhetischen Phänomenen widmet. Aber sie tut es denkbar abstrakt, keine Rede von der Konkretion am Werk, wie sie später etwa bei Hegel oder Adorno erfolgen sollte, die beide auf Kants Erkenntnissen ihre jeweilige Systemphilosophie errichteten. Aber der Comic behauptet auch nicht, über Philosophie zu sprechen, er nimmt trotz allen Risiken die Persönlichkeit von Kant in den Blick. Du noch einen zweiten Mann aus dessen Umfeld. Deshalb heißt der Band „Lampe und sein Meister Immanuel Kant“.

Lampe, das ist natürlich ein grandioser Name für einen Angestellten des großen Aufklärers – der Weltgeist lässt grüßen. Der 1734 geborene Würzburger war zehn Jahre jünger als Kant und fungierte in dessen Königsberger Haushalt als Diener, der sich um alles außer Kochen zu kümmern hatte. Vor allem oblag es ihm, den strikt geregelten Tagesablauf des Philosophen zu organisieren. Man könnte mit einem schiefen Bild sagen: Martin Lampe hielt Kant den Rücken frei, damit der sich den Kopf über die Welt zerbrechen konnte. Leider war Lampe ein Trinker, weshalb Kant ihn nach vierzig Dienstjahren entließ. Trotzdem dürfte er dank den Aufzeichnungen seines Arbeitgebers das berühmteste Faktotum der Philosophiegeschichte sein.

Konkret weiß man wenig über ihn, aber so ziemlich alles, was man weiß, geht in den Comic ein. Wobei Kant darin die deutlich größere Rolle spielt, denn über ihn ist naheliegenderweise noch mehr bekannt. Seine Marotten etwa wie der Hass auf den krähenden Hahn des Nachbarn, seine Liebe zum heimischen Königsberg, aus dem er sich nie länger wegbewegt hat, die Objekte, die er besaß. Doc alles, was man weiß, wird uns hier wie zum ersteh Mal gezeigt, weil dafür Darstellungen gewählt werden, die sich graphisch festsetzen: durch detailreiche Doppelseiten, Bildmetaphern, Zoomeffekte und was die Erzähltechnik des Comics so alles hergibt.

Nun werden Sie sich fragen, warum nicht längst die Rede vom demjenigen ist, der diesen Comic gezeichnet hat. Das hat mit dem Staunen zu tun. Denn der eingangs erwähnte Auszug von „Lampe und sein Meister Immanuel Kant“ erreichte mich ohne Autorennennung. Da macht man sich sein eigenes Bild, und meines gaukelte mir einen Zeichner vor. Warum, weiß ich nicht. Als dann der fertige Comic im Programm der Edition Büchergilde aufgetaucht ist, musste ich feststellen: Dahinter steckt eine Zeichnerin.

Antje Herzog heißt sie, mir bislang unbekannt, aber an ihrem Kant-Comic arbeitete die selbständige Illustratorin aus dem Rheinland offenbar schon seit acht Jahren. Das merkt man ihrem Ideenreichtum an (einen Eindruck davon kann man sich auf der englischsprachigen Website der Zeichnerin verschaffen: http://www.antjeherzog.de/). Und der Durchdachtheit ihres Konzepts. Es mag ja naheliegend sein, unterschiedliche Figuren zur individuellen Charakterisierung in verschiedenen Schrifttypen sprechen zu lassen Walt Kelly hat das in „Pogo“ vorbildlich demonstriert, und „Asterix bei den Goten“ ist auch ein schönes Beispiel), aber wir Antje Herzog die Wahl der jeweiligen Schrift begründet, zeugt von wirklich tiefer Beschäftigung: eine deutsche Kurrent aus dem achtzehnten Jahrhundert, also zu Kants Zeiten, aber heutigen Lesegewohnheiten angepasst, für den Philosophen; eine Fraktur, also eine altertümelnde Schrift, für den schlichteren Lampe. Und Zitate von Zeitgenossen werden dadurch als solche erkennbar, dass nur sie weiß auf schwarzem Grund stehen.

Warum aber stellte ich mir dahinter automatisch einem Mann vor? Sobald man weiß, dass es sich anders verhält, fallen Ähnlichkeiten etwa zum Stil von Birgit Weyhe auf – ähnlich originell und experimentierfreudig bei realistischen Figuren und einer (ungewöhnlichen) Zusatzfarbe. Doch es war wohl die Erwartung, dass sich nur ein Mann für diesen alten misogynen Sonderling und Hagestolz interessieren könnte, vielleicht auch die dem Band eigene trotzig anmutende Verweigerung von bloßer Gefälligkeit bei so erkennbar großem Können, die mich auf die falsche Erwartung brachten – ohne zuvor  je über deren Gründe nachgedacht zu haben. Kant wusste es: „Der Mann ist leicht zu erforschen, die Frau verrät ihr Geheimnis nicht.“  Jetzt ist der Comic da, lesenswert und lehrreich. Antje Herzog sei Dank dafür.

10. Apr. 2017
von Andreas Platthaus

2
1690

     

03. Apr. 2017
von Andreas Platthaus

1
868
     

Masse macht’s nicht immer, aber die Messe bringt’s

Die Manga Comic Convention in Leipzig ist Teil der dortigen Buchmesse und verantwortlich für rund die Hälfte der Besucher auf dem Gelände. Diesmal waren es mehr als 200.000, also darf man behaupten, dass es keine besucherstärkere Comicveranstaltung in Deutschland gibt als die MCC. Das führt allerdings auch dazu, dass man sich am Messesamstag, dem Hauptbesuchertag, und meist auch noch am Sonntag kaum mehr in der Halle 1 bewegen kann. Zumal, wenn Starbesuch ansteht, und den gab es diesmal unter anderem in Person von Yusei Matsui.

Der ist Autor und Zeichner der Mangaserie „Assassination Classroom“, die in Japan mit 21 Bänden abgeschlossen, in Deutschland aber erst bei Band 16 angekommen ist. Es ist eine hinreißend skurrile Geschichte über eine Mittelstufenklasse aus lauter schulischen Versagern, die von einem außerirdischen Leser mit Smiley-Gesicht unterrichtet werden, der angekündigt hat, in einem Jahr die Welt zu zerstören. Niemand ist seinen übermenschlichen Kräften gewachsen – unter anderem bewegt er sich mit Mach 20 fort und verfügt über so schnelle Reaktionen, dass er Kugeln ausweichen kann –, also bleibt nur die Hoffnung, dass die Gruppe minderbemittelter Schüler ihren Klassenlehrer ausschaltet. Dafür ist Ihnen eine Prämie in Milliardenhöhe (allerdings nur in Yen – so viel ist die Welt der Welt offenbar doch nicht wert) ausgesetzt, und so mühen sich die Jugendlichen redlich. Darüber wachen sie zur verschworenen und vor allem plötzlich auch erfolgreichen Gemeinschaft zusammen.

Schulgeschichten gehen immer – siehe „Harry Potter“. Trotzdem ist der weltweite Erfolg von „Assassination Classroom“ ebenso erfreulich wie rätselhaft, denn abstruser als Matsui kann man kaum erzählen. In Japan gibt es zum Manga schon zwei Kinofilme und eine Fernsehserie, außerdem ist ein Spin-off als Comic erschienen. Der Schöpfer allerdings ruht sich derzeit auf den Früchten seines Erfolgs aus und kann deshalb durch die Welt reisen, was angesichts des eng getakteten Mangaproduktionsschemas sonst für die Stars der Szene undenkbar ist. Darum sind erfolgreiche Magaka so selten in Europa zu erleben.

Matsui tritt am Messesamstag auf der Großen Bühne in der Halle 1 auf, das heißt vor mehr als tausend Zuschauern, denn schon die Zahl der Sitzplätze beträgt mehr als achthundert, und es standen reichlich Gäste am Rand. Ganz hinten in der Ecke, vor dem Mischpult, wie ich es auf Konzerten gelernt habe, wenn ich Ruhe haben will, stehe ich. Und weit weg auf der Bühne sitzt Yusei Matsui.

Nun haben Stars ja so ihre Eigenheiten. Dieser sympathisch und trotz seiner 38 Jahre jugendliche Zeichner schätzt es nicht, fotografiert zu werden. Also bittet der deutsche Moderator das Publikum, auf Fotos zu verzichten. Scherzhaft wendet er sich danach dem Filmkameramann auf der Bühne zu, der für die Großbildleinwände im Hintergrund Bilder liefern soll: Er könne natürlich trotzdem weiter filmen. Aber von wegen: Die ganze Dreiviertelstunde über, die Matsuis Auftritt auf der Großen Bühne währt – und er ist wirklich sehr weit weg –, sieht man ihn nur als Torso. Der Kopf kommt nie ins Bild, dafür umso intensiver der schwarze Anzug und darunter das dunkelblaue Hemd mit hellblauen großen Punkte am Körper und gelben großen Punkten an den Ärmeln. Und natürlich der deutsche Moderator, denn der ist ja nicht heikel mit seinem Konterfei. So kann man den, um den es geht, nie direkt sehen, den, um den es nicht geht, dagegen immer öfter.

Ich schätze diesen deutschen Moderator, ich kenne ihn als sehr witzigen Übersetzer und schlagfertige Bühnenpersönlichkeit. Aber heute hat er einen rabenschwarzen Tag. Er will witzig sein, aber das hier soll ein Gespräch sein, keine Nummernrevue. Die Fragen an Matsui stammen aus dem Musterkatalog der Banalität: Was ist Ihre Lieblingsfigur, was gefällt Ihnen an Deutschland, was treibt Sie bei der Arbeit an? Um mal nur drei zu nennen. Die letzte beantwortet Matsui hinreßend: „Wenn ich nicht lügen will, würde ich sagen: Ich will Geld!“ Und so entsteht wenigstens ein Running Gag, der sogar auf die unfassbare Frage „Wo möchten Sie nach Abschluss dieser Reise am liebsten hin?“ über die einigermaßen überraschende Antwort „Auf den Mars“ Erwägungen über die dortigen Grundstückspreise erlaubt. Matsui verkündet jedenfalls, in fünf Jahren genug Geld für ein Häuschen auf dem Mars zusammenzuhaben.

Wenn Prominente Nonsens reden, liegt das meistens nicht an ihnen, sondern an der Qualität der Fragen. Immerhin zeichnet Matsui in Leipzig auf der Bühne auch: seine Lieblingsfigur (wie wir nun wissen und natürlich nie geahnt hätten), den Außerirdischen, den seine Schüler Korosensei nennen. Er zeichnet ihn aus Respekt für Leipzig als Johann Sebastian Bach. Aber über die Zeichnung wird nie auch nur ein Wort im Gespräch verloren. Das hangelt sich mühsam dem Ende zu und wird besser, als Publikumsfragen gestellt werden dürfen. Am Schluss wird dann der Zuschauerraum der Großen Bühne immer voller, aber das liegt nicht am gestiegenen Niveau, sondern daran, dass danach ein Cosplay-Wettbewerb stattfindet. Es geht eben immer noch beliebter. Nie hätte man gedacht, dass so voluminös kostümierte Menschen auf so engem Raum nebeneinander Platz finden.

Das Gegenprogramm zur MCC auf dem Leipziger Messegelände steigt in der Innenstadt beim Comics & Graphics Fest des „Millionaires Club“. Das ist ein kleines Independent-Festival, das zum fünften Mal am Messewochenende stattfindet. Ausrichter ist eine Gruppe Leipziger Zeichner um Anna Haifisch und Philipp Janta. Der Standort wechselt immer wieder, diesmal hat man einige Ladenlokale in der Kolonnadenstraße belegen können, so zentrumsnahe wie noch nie, und das Festival war auch noch nie so gut.

Das liegt einerseits am perfekten Wetter und andererseits an den hochinteressanten Gästen. Achtunzwanzig Stände werden von Verlagen und Künstlern aufgeboten, und wenn ich sage, dass ich auf einen Schlag noch nie so viele für mich neue Comics (und deren Schöpfer) entdeckt habe, will das etwas heißen. In den nächsten Woche wird dieses Blog einige dieser Funde vorstellen. Am verblüffendsten aber ist ein chinesischer Zeichner, Yan Cong. Den kannte ich zuvor nur aus dem Hamburger Comicmagazin „Orang“, aber jetzt kann ich gar nicht genug von ihm sehen. Doch leider gibt es nichts in Europa (hier seine Homepage: http://www.qishui.org/). Der Mann spricht auch keine europäische Sprache. Also sitzt er mit einer Übersetzerin des Leipziger Konfuzius-Instituts auf dem Festival und unterhält sich pausenlos.

Als der Millionaires Club ihn einlud, stellte sich die Frage, wie er den Flug bezahlen sollte. Das Konfuzius-Institut, eine staatliche chinesische Kultureinrichtung, die dem deutschen Goethe-Institut entspricht, war begeistert und flog den Dreiunddreißigjährigen ein. Und es sorgte dafür, dass auch noch einige seiner Collagen den Weg nach Leipzig fanden: großartige kleinformatige Arrangements aus Stoffresten, die sich sowohl privaten wie politischen Themen widmen und von immensem Witz sind. Der Band, in dem Yan Cong knapp hundert davon versammelt hat, heißt „Collagen 2014“ und hat sogar ein chinesisch-englisches Vorwort, in dem auf das Vorbild von Matisse hingewiesen wird. Aber bei dem gab es nie so viel zu lachen. Dass solch ein subversiver Künstler staatlich gefördert aus China nach Deutschland geschickt wird, lässt für das Reich der Mitte hoffen. Es hat offenbar keine Angst vor Extremen.

Gleich mitgekommen ist eine Abordnung des unabhängigen Comicladens Yan Shu aus Peking, samt einer Großauswahl aus meist kleinen Heftchen in den unterschiedlichsten Stilen. Bedauerlicherweise alles ohne Übersetzung, aber man kann an einigen davon gar nicht vorbei. Hier zeigt sich eine in Europa noch unbekannte asiatische Comic-Kultur, die nichts mit Manga zu tun hat, sondern versucht, die Möglichkeiten der Erzählform auszuloten – bis hin zu schönen Hommagen an altvertraute Figuren, etwa Barbapapa. Was der allerdings in China macht, kann ich dem hübschen Heftchen, das ich erworben habe, nicht entnehmen. Wozu aber auch? Darüber zu spekulieren ist mutmaßlich lustiger als de tatsächliche Geschichte.

Das Fest des Millionaires Club ist ein kleines Wunder. Hoffentlich geht es ihm nicht so wie den Designers Open, einer gleichfalls privaten Leipziger Initiative, die parallel zur berühmten Grassi-Kunsthandwerksmesse in sLeben gerufen wurde und auch an wechselnden Standorten junge Gestalter, die auf der großen Messe nicht zum Zuge gekommen wären, zeigte. Irgendwann waren die Designers Open so erfolgreich, dass sie von der Leipziger Messegesellschaft gekauft wurden. Gut für die Gründer, schlecht für die alternative Veranstaltung, die dann aufs Messegelände wanderte, wo sie ihren festen Platz finden sollte. Nach zwei Jahren erkante man, dass das das Flair zerstörte und verlagerte sie im vergangenen Herbst wieder zurück in die Innenstadt. Zwei verlorene Jahre also, und ob der Nimbus zurückzugewinnen sein wird, muss man abwarten.

Den Mitgliedern des Millionaires Club wäre jeder Geldzufluss zu wünschen, aber hoffentlich verkaufen sie ihre Idee nicht an die Buchmesse. Beide Ereignisse – das Massenspektakel und die elitäre Minimesse – ergänzen sich prächtig, aber nur, solange das Fest des Millionaires Club so überraschend bleibt. Ob eine perfekte Veranstaltung wie die diesjährige noch zu steigern sein wird? Wobei es selbst halb so gut noch besser wäre als jedes andere Comicfestival in Deutschland.

03. Apr. 2017
von Andreas Platthaus

1
868