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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

25. Jul. 2016
von Andreas Platthaus
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Es ist alles rot, was glänzt

Von den zehn diesjährigen Finalisten des Comicpreises der Berthold-Leibinger-Stiftung haben zwei ihre eingereichten Arbeiten schon veröffentlicht. Das ist insofern bemerkenswert, als die Auszeichnung (mit 15.000 Euro für den Gewinner die höchstdotierte in Deutschland für Comics) ein Förderpreis ist, also nicht ein bereits erschienenes, sondern noch im Entstehen begriffenes Werk unterstützen soll. Da die Verleihung erst wenige Monate zurückliegt, haben zwei der zehn Finalisten (von denen neun immerhin auch noch jeweils tausend Euro erhalten) offenbar höchst konzentriert gearbeitet. Einer der beiden Bände wurde an dieser Stelle schon gefeiert: Max Baitingers „Röhner“ (http://blogs.faz.net/comic/2016/04/04/individuell-humo…nente-reicht-das-848/) – und zwar sogar schon vor der Preisverleihung, was daran lag, dass Baitinger nicht wusste, dass seine prämierte Arbeit noch gar nicht publiziert hätte sein dürfen. Ein Kommunikationsproblem und deshalb ausnahmsweise ohne Folgen.

Bei Burcu Türkers Band „Süße Zitronen“ ist es dagegen wirklich so, dass die Kasseler Illustrationsstudentin sofort nach der Preisverleihung an die Fertigstellung ging, und der beeindruckend qualitätvolle Jaja Verlag hat rasch ein Buch daraus gemacht. Erzählt wird darin eine mutmaßlich autobiographisch inspirierte Geschichte, die den Umgang einer jungen türkischstämmigen Deutschen mit dem Tod ihrer Mutter thematisiert. Das klingt bedrückend, doch es ist alles andere als das. „Süße Zitronen“ ist ein durch genaue Beobachtung, leise Melancholie und subtilen Humor höchst unterhaltsames, aber auch durchaus trostreiches Buch. Ein Comic, der so unaufgeregt und doch so intensiv über eine Mutter-Tochter-Beziehung berichtet, verdient Beachtung.

Dass es sich dabei um das Debüt der 1984 geborenen Burcu Türker handelt, mag man kaum glauben. Sie beherrscht die Mittel ihres Metiers schon nahezu perfekt. Kaum ein anderer deutscher Comic etwa hat rahmenlose Bilder so elegant eingesetzt wie dieser. Bisweilen fließen die Panels ineinander, sorgen dadurch für Abwechslung bei der Seitenarchitektur und schaffen prinzipiell eine Bewegung, die dem zwischen Gegenwart und Erinnerungen hin und her springenden Geschehen aufs Schönste entspricht. Auf der Verlagsseite kann man sich das an ein paar Beispielen anschauen: http://www.jajaverlag.com/s%C3%BC%C3%9Fe-zitronen/.

Die Mutter der jungen Protagonistin war Schauspielerin in der Türkei; mit der Auswanderung nach Deutschland endete diese Karriere. Doch die künstlerische Ader blieb, und die Tochter, die nun ein Kunststudium aufgenommen hat, findet darin ein Vorbild, obwohl es zu Lebzeiten durchaus auch Spannungen gab. Beide Frauen verbindet aber die Erfahrung des Verlustes der eigenen Mutter, nur dass die Großmutter der jungen Frau schon starb, als die Mutter noch ein Kleinkind war. In der Tatsache, dass der Tochter das Ausmaß dieses Verlustes erst begreiflich wird, als sie ihn selbst erleben muss, liegt eine grundlegende Tragik des Miteinanderredens über den Tod: Ihre Mutter ganz verstehen, kann die Tochter erst, nachdem jene gestorben ist.

Aber wie gesagt: „Süße Zitronen“ ist kein depressives und schon gar kein deprimierendes Buch. Die Bleistiftzeichnungen von Burcu Türker habe einen Schwung, der Lebenslust auch in traurigen Situationen vermittelt, und wie sie die Farbe Rot als Vitalitätssymbol einsetzt – die junge Frau ist rothaarig, aber zugleich dominiert diese Farbe auch die Rückblicke auf die türkische Vergangenheit der Mutter –, gehört zu den kleinen Meisterstücken der jüngeren Comicgeschichte. Es mag pathetisch klingen, aber dieses Buch macht glücklich. Also sollte man es lesen, bis dann der diesjährige Gewinner des Leibinger-Comicpreises mit seinem Projekt ans Ende kommt. Und das wird dauern, denn Uli Oesterles prämiert, ebenfalls autobiographisch motivierte Geschichte „Vatermilch“ wird nicht vor 2018 erscheinen, und auch dann steht lediglich der erste von zwei geplanten Bänden an. Umso mehr Zeit für „Süße Zitronen“. Nicht das Schlechteste, was Warten bedeuten kann.

25. Jul. 2016
von Andreas Platthaus
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18. Jul. 2016
von Andreas Platthaus
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Eine Samurailegende als ziegenköpfiger Geist

Bisweilen fällt mir ein Comic in die Hände, der nicht die üblichen Wege beschritten hat: keine Verlags-, sondern eine Eigenproduktion durch die Autoren zum Beispiel, begründet allein auf Überzeugung für die eigene Arbeit, vielleicht auch aus Mangel an Kontakten. Solch ein Fall ist „Bright Lights“, ein deutscher Manga von einer jungen Autorin, die sich als Künstlernamen Yuri-chan ausgesucht hat. Dem kann man den Vornamen Julia schon ablesen, und „Bright Lights“ trägt auch stolz den wahren Verfasserinnennamen auf dem Titel: Julia Syndram.

Stolz kann sie sein, schon des Umfangs wegen. Wir haben es mit einem veritablen Manga zu tun, 180 Seiten stark, Resultat einer einjährigen Arbeit. Und gewiss einer vieljährigen Lektüre, denn man merkt Julia Syndrams Seiten die Vertrautheit mit dem Manga-Code an. Nicht nur nehmen die Figuren die japanische Ästhetik konsequent auf (die Geschichte spielt auch in Japan), auch die graphischen Gepflogenheiten von eher vertikal gestalteten Sprechblasen über die klassischen Leserichtung von rechts nach links bis zu seitenarchitektonischen Facetten wie Wechsel zwischen offenen und geschlossenen Panels und steter Variation der Anmutungen lassen spüren, wie selbstverständlich diese Erzählweise für die Autorin ist.

Dass dann noch einer der berühmtesten Stoffe der japanischen Literatur- und Mythengeschichte, die Geschichte der 47 Ronin, mit in die Handlung hineinspielt, wird zunächst aufgesetzt. Man stelle sich nämlich vor: Der Führer dieser Gruppe von Samurai, die Rache am Mörder ihres Lehnsherrn nehmen, Kuranosuke Onishi, jedem Kind in Japan bekannt durch Film und Fernsehen, Manga und Romane, kehrt in unsere Gegenwart zurück, als schaurige Geistergestalt (yokai) mit skelettiertem Ziegenschädel, aber zugleich als grundgütiger Beschützer der sechzehnjährigen Rin Omura, einem Waisenmädchen, das in der Schule isoliert ist und seit dem Unfalltod der Eltern an Magersucht leidet. Kuranosuke betätigt sich nicht nur als moralische Stütze, sondern bindet sich eine Schürze um und beginnt, für Rin zu kochen. Er bahnt Freundschaften an und bringt das Mädchen wieder in die Spur. So weit, so phantastisch. Und auf den ersten Blick nicht eben konsequent.

Doch Julia Syndram hat sich die Wahl des legendären Kuranosuke gut überlegt, und gerade der Kontrast zu den üblichen Darstellungen dieses Helden bringt eine humoristische Note in diesen Manga, der das durchaus ernste Thema des magersüchtigen, ungeliebten Mädchens auflockert und die geradezu fabelhafte Rettung in ein Umfeld einbettet, das das Geschehen nicht wie einen Kleinmädchentraum der Autorin wirken lässt. Dafür zeichnet sie allerdings auch viel zu gut. Denn wer sich solche Mühe mit der Gestaltung eines Comics gibt und dabei so reüssiert, der will mehr, als eine rührselige Geschichte erzählen. Der gibt mit der Ästhetik seines Buchs auch eine Botschaft über die zugrundeliegende Ernsthaftigkeit des Ganzen ab.

Dass es darin aber doch jenen Humor gibt, den der bärbeißig daherkommende, aber reizende Ziegenschädel einbringt, das ist beinahe schon große Erzählkunst. Jedenfalls ist Julia Syndram, die ihrer Heldin vom Alter her entsprechen dürfte, ein Nachwuchstalent, die mit Rastern und Bewegungen umzugehen weiß und nur wenige Male ein paar Textkästen leergelassen hat. Ansonsten aber könnte dieser Manga in einem professionellen Verlagsprogramm leicht durchgehen.

Ob man ihn simpel bekommt – eine ISBN hat er schon mal: 978-3-00-051107-3, eine Leseprobe im Netz gibt es leider nicht –, dürfte eher an der Höhe der Auflage, die Julia Syndram sich leisten konnte, liegen als an der Bereitschaft von Manga-Läden, ihn auszulegen. Ich werde sehr gespannt schauen, ob mir die junge Autorin mal irgendwo sonst begegnet, am besten natürlich in einem regulären Verlagsprogramm.

18. Jul. 2016
von Andreas Platthaus
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11. Jul. 2016
von Andreas Platthaus
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Dekonstruktion eines Architekten

Der Comic-Strip ist eine aussterbende Gattung, zumindest auf seinem klassischen Terrain, der Zeitung. Nicht nur, dass die aufwendige Arbeit daran und die drucktechnischen Vorläufe das genuine Bedürfnis einer Zeitung nach Aktualität konterkarieren (es sei denn, man ist Volker Reiche, der fast zehn Jahre lang „Strizz“ als tagesaktuellen Strip produziert hat), es mangelt überdies an Platz und Geld, um sich den schönen Luxus eins Fortsetzungscomics noch leisten zu können. Deshalb ist der Comic-Strip mit wenigen Ausnahmen heute zum Netzphänomen geworden. Und wenn man Glück hat, erscheint irgendwann einmal ein Sammelband, damit man die Folgen endlich auch einmal in der Form lesen kann, wie es dem Genre angemessen ist: auf Papier.

Um einen solchen Band soll es hier gehen. Er heißt „The Life of an Architect …“ und ist ungeachtet seines englischen Titelsund der gleichfalls englischen Texte bei einem deutsche Verlag erschienen: DOM Publishers, einem in Berlin residierenden Spezialisten für Architekturbücher mit durchaus beachtlichem Ausstoß. Diese Publikation aber ist der erste Comic des Verlags, und natürlich hat er es nur deshalb ins Programm geschafft, weil Protagonist des Strips ein Architekt ist: Archibald. Der entwirft ambitionierte Häuser und hat sich den lieben langen Tag mit seinen Kunden, Kollegen und Bauarbeitern herumzuschlagen – ganz zu schweifen von der eigenen Familie (Frau und Sohn, Letzterer selbst kindlicher Architekt in spe). Jeder Architekt dürfte sich darin wiederfinden.

Und das macht den Erfolg des Strips aus, der weltweit bereits in zehn Sprachen zu lesen ist. Denn überall auf der Welt wird gebaut, und überall auf der Welt leiden Architekten unter mangelndem Respekt für ihr Genie. Das weiß auch der Belgier Mike Hermans, der unter dem Pseudonym Maaik „The Life of an Architect …“ zeichnet, denn der 1971 geborene Herr ist selbst Architekt und weiß also um die Geltungssucht in seinem Gewerbe. Wie sich das allerdings mit der Tatsache vereinbaren lässt, dass Hermans‘ Name bis zur letzten Seite im Buch verschwiegen wird, wäre interessant zu ergründen. Vielleicht kann er gerade deshalb so drastisch über Architekten witzeln, weil er sich selbst doch nicht so ernst nimmt. Es wäre zu hoffen.

„The Life of an Architect …“ ist ein Gagstrip, und wer wissen will, wie dessen Humor funktioniert, der kann sich unter http://www.dom-publishers.com/products/en/Architecture-and-Design/The-Life-of-an-Architect.html ein paar Probefolgen ansehen. Nicht die besten, würde ich sagen. Ich mochte etwa die, in der Archibald auf seinen ständigen Auftraggeber trifft, der sich bei dem Architekten beklagt: „Ich habe Sie die ganze Woche lang angerufen, aber Sie gehen nie ans Telefon!“ Archibalds Antwort: „Ich habe mich eben mit Ihrem Gebäude beschäftigt statt mit Ihnen ..“ „Aber ich bin der Kunde!“ „Und ich bin ein nachhaltiger Architekt ..“ „Was hat denn das damit zu tun?!“ „Gebäude leben länger als Kunden …“

Immer wieder ist es diese Mischung aus Zynismus, Arroganz und Witz, die Archibald als Figur auszeichnet. Man möchte nicht mit ihm befreundet sein, geschweige denn ihn als Architekten engagieren. Im Mikrokosmos des Büros mit fünf Mitarbeitern aber werden die menschlichen Schwächen zu humoristischen Stärken, und wenn Archibald mit Gott persönlich als größtem aller Baumeister hadert, wird der Größenwahn so überdreht, wie man es sonst selbst aus Comic-Strips kaum kennt.

Selbstverständlich gibt es ein Vorbild für den berufsspezifischen Comic von Hermans: „Dilbert“,die seit 1993 laufende amerikanische Gagserie von Scott Adams über einen Büroangestellten. Die gibt es nun och mehr als Architekten, deshalb hat es „Dilbert“ in die großen Publikumszeitschriften geschafft, „The Life of an Architect …“ dagegen nur in fachspezifische Publikationen. Mit Hermans‘ Stil kann ich aber weitaus besser leben, weil er sich am traditionellen Cartoon orientiert, während „Dilbert“ konsequent auf die reduzierte Graphik von Computern getrimmt ist. Zudem wagt Hermans bisweilen genreimmanenten Humor, wie die besten Comic-Strips ihn immer wieder gepflegt haben: als Spiel mit den räumlichen Begrenzungen eines Comics etwa oder – besonders passend für Architekten – mit der Illusion von Linien und Konturen. Es handelt sich nicht um einen Meilenstein der Comicgeschichte, aber ein Mosaiksteinchen im bunten Bild der Möglichkeiten einer Erzählform, die nach Lesergruppen ausdifferenziert werden kann. Wenn Architektenwitze erfolgreich sind, warum dann nicht auch Juristen- oder Journalistenwitze? Wahrscheinlich gibt es dazu auch längst Comic-Strips, die aber nicht auf normalem Wege sichtbar werden. Und damit sind wir wieder beim Anfangsproblem.

11. Jul. 2016
von Andreas Platthaus
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04. Jul. 2016
von Andreas Platthaus
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Die Freak-Liga aus Österreich

„Justice League“ heißt der Superheldenzusammenschluss des amerikanischen Verlags DC, die „Avengers“ kämpfen im Kollektiv für die Konkurrenz von Marvel. Und in Deutschland? Fehlanzeige. Wir haben ja nicht mal eine richtigen Superhelden außer vielleicht Nick Knatterton. Dagegen zeigen die Österreicher, wie es geht: Sie versammeln Captain Austria Jr., das Donauweibchen, den Bürokraten und Lady Heumarkt zur Truppe ASH (Austrian Superheroes). Wobei man besser von der Freak League sprechen würde, denn Lady Heumarkt ist eine fette Vettel, der Bürokrat genau das, was sein Name aussagt (er bezwingt seine Gegner durch Beschwörung von Verwaltungsvorschriften), und Captain Austria Jr. Leier unter Kindheitstraumata, die dem Misstrauen von Captain Austria Sr. zu schulden sind. Nur das Donauweibchen mit seiner wasserblauen Topfigur (Mystique von Marvel lässt schön grüßen) ist einigermaßen normal, soweit man davon bei Superhelden überhaupt sprechen kann.

Seit Stan Lee und Jack Kirby das Genre in den frühen sechziger Jahren umgekrempelt haben, sind Superhelden nervolabil. Und Nervensägen. Weil man sich so viele Sorgen um sie machen muss. Und um unsere Sorgen sollten sie sich doch gerade selbst kümmern. Ach, vorbei! Auch in Wien, wo niemand die Helden noch so richtig auf der Rechnung hat. Als dann ein grässlicher Basilisk (den kennt man aus der Harry-Potter-Welt) auftaucht, braucht es aber doch die geballte Kraft aus Körpermasse, Bürokratie, Flüssigkeit und Sohnesehrgeiz, um der Bedrohung Herr zu werden. Und in Heft 2 wartet schon ein irrer Wissenschaftler wie aus dem Bilderbuch: Dr. Phobos.

Zwei Hefte „ASH“ habe ich bisher gelesen, mindestens zwei weitere sollen noch folgen, bei Erfolg Fortsetzung darüber hinaus nicht ausgeschlossen. Der soll eingetreten sein, hört man aus Österreich. Vorgestellt wurde „ASH“ im vergangenen Herbst auf der Vienna Comic Con, und das Presseecho im Lande war gewaltig. Dann kam im Januar das erste Heft, und es war kein graphischer Flop. Im Gegenteil: Andi Paar und Thomas Aigelsreiter, verstärkt um den Koloristen Frans Stummer, haben einen grundsoliden Stil zu bieten, bei dem nur die Posen der Helden noch etwas weniger verkrampft werden dürften (Leseprobe unter http://www.mycomics.de/comic-pages/9170-ash-austrian-superheroes.html#page/6/mode/2up). Aber da ja schon die Zusammensetzung des heroischen Quartetts die zugrundeliegende Ironie erkennen lässt, kann man jede zeichnerische Unbeholfenheit auch als Augenzwinkern verstehen. In Heft 2, für dessen Hauptgeschichte neben Paar und Aigelsreiter nun auch noch Michael Liberatore und Lenny Großkopf verantwortlich zeichnen, sieht alles noch etwas professioneller aus; dafür allerdings weniger amüsant.

Geschrieben hat die Abenteuer der ASH ein Veteran der österreichischen Comicszene: Harald Havas. Der hat viel von Alan Moore gelernt. Allerdings ist die Käuferschicht in Österreich wohl doch nicht groß genug für einen veritablen Moore-Comic voller doppelter Böden und Anspielungen. Doch immerhin ist im zweiten Heft eine Kurzgeschichte enthalten, die Leo Koller im Retrostil der fünfziger Jahre gestaltet hat – Thema ist die Gründungsgeschichte der ASH, die nicht nur den „Dritten Mann“ zitiert, sondern auch auf Moores „Watchmen“ verweist. Im ersten Heft fand sich ein weitaus weniger geglückte Zusatzepisode von Großkopf zur Genese von Lady Heumarkt.

Das Ganze ist sehr für Insider gemacht, sprich: für Wiener, aber schon das nächste Heft soll die ASH nach Graz führen, und wer weiß, vielleicht schaffen sie’s ja auch mal über die deutsche Grenze. Noch ist die ja offen. Schön jedenfalls, dass überhaupt so ein Projekt gewagt wird. Ich werde weiterlesen.

04. Jul. 2016
von Andreas Platthaus
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28. Jun. 2016
von Andreas Platthaus
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Grandhotel als Flüchtlingsmodell

Augsburg ist nicht eben bekannt als Comic-Hauptstadt, aber der dortige Studiengang Kommunikationsdesign hat mit der 2006 gegründeten Projektklasse Comicwerkstatt und der von ihr herausgegebenen Anthologie „Strichnin“ ein bemerkenswertes Forum für den Zeichnernachwuchs geschaffen. Sechs Hefte sind bereits erschienen, den Max-und-Moritz-Preis für die beste studentische Publikation hat man dafür gewonnen, und nun ist eine Publikation in Augsburg entstanden, die nach noch Höherem strebt: „Nachrichten aus dem Grandhotel“. Auch das ist eine Anthologie, aber eine, die acht Reportagen zum groß angelegten Porträt einer hochinteressanten lokalen Institution bündelt. Das Grandhotel Cosmopolis ist eine soziale Einrichtung, die 2011 in einem verlassenen Altersheim mitten in der Stadt entstand und mittlerweile Beherbergung, Café-Ausschank und Flüchtlingsunterkunft unter einem Dach vereint.

2012 wurde dort ein „Strichnin“-Heft vorgestellt, und die Atmosphäre in dem selbstverwalteten Projekt begeisterte die Studenten derart, dass man in Kontakt blieb. Im vergangenen Jahr wurde dann ein konkretes Publikationsvorhaben aus der wechselseitigen Sympathie: Acht Mitglieder der Projektklasse Comicwerkstatt führen Gespräche mit Gründern, Mitarbeitern, vor allem jedoch dort ansässigen Flüchtlingen und zeichneten jeweils kleine Geschichten von jeweils unter zehn Seiten. Entstanden sind sowohl anekdotische wie höchst aufwühlende Berichte – je nach Schicksal der Gesprächspartner. Da ist der nur knapp dem Tod durchs Ertrinken entronnene Flüchtling ebenso vertreten wie der durch Drohungen aus seiner Heimat vertriebene afghanische Arzt, da ist die unter dramatischen Umständen aus dem Kosovo geflüchtete Schülerin, aber auch der Augsburger Aktivist, der an der Etablierung des Grandhotels Cosmopolis beteiligt war.

Jeder Beteiligte – man muss sie hier einfach alle namentlich nennen: Samuel Boeck, Dennis Ego, Hannah Hageraats, Marte Negele, Paul Rietzl, Wolfgang Speer, Julian Wienand und Miriam Wöllner – hat seinen eigenen Stil für die resultierenden Comicreportagen gewählt (Leseprobe unter http://comicwerkstatt-augsburg.de/weitere-publikationen/grandhotel; wobei sich die Genrefrage stellt, denn nicht jeder Bericht ist auch gleich eine Reportage, aber sei’s drum), und am eindrucksvollsten ist Dennis Egos Protokoll der Erlebnisse eines syrischen Flüchtlings geraten, weil er sich für einen schönen Kunstgriff entschieden hat: Sein syrischer Gesprächspartner ist selbst Zeichner, und den Großteil von dessen Bericht hat Ego als Skizzen gestaltet – als hätte er das Notizbuch seines Gegenübers geplündert. Die simulierte Spontaneität und bewusste Einfachheit passt zur Extremsituation der dokumentierten Flucht, und der Kontrast zu Auftakt und Abschluss der achtseitigen Erzählung, in denen keine Bedrohung an Leib und Leben besteht, ist graphisch dadurch zum Ausdruck gebracht, dass dort klassisch-realistische Zeichnungen zum Einsatz kommen.

Das ist die einzige Geschichte, die in sich den Stil wechselt, aber das Buch selbst, satte neunzig Seiten stark, ist natürlich durch die verschiedenen eingesetzten graphischen Handschriften unterschiedlich genug. Doch alle Einzelberichte sind dadurch miteinander verbunden, dass der Amerikaner Mike Loos, der an der Augsburger Hochschule für Gestaltung seit 2004 Illustration lehrt und von Beginn an die Projektgruppe Comicwerkstatt leitet, Übergänge gezeichnet hat, die aus den „Geschichten aus dem Grandhotel“ eine große Geschichte machen. Das Prinzip kennt man aus den frühen Lustigen Taschenbüchern, in denen zuvor separat publizierte Disney-Comics durch Rahmenerzählungen zu einem großen Erzählstrom vereinigt wurden. Das hatte einen skurrilen Reiz, weil dadurch bisweilen über die eigentlich intendierte Geschichte hinaus erzählt wurde, und zumindest ich habe sehr bedauert, dass der italienische Mondadori-Verlag dieses Prinzip vor einem Vierteljahrhundert aufgegeben hat.

In „Nachrichten aus dem Grandhotel“ feiert es seine Wiederkehr, wobei sich Loos sehr bemüht, den Arbeiten seiner Studenten nicht die Wirkung zu nehmen. Er stellt sich in den Dienst ihrer Reportagen und reichert den Korpus des Erzählten vor allem durch Lokalkolorit an – als erfahrener Comiczeichner lässt er aufwendige Dekors zu, die bei den jüngeren Kollegen eher kurz kommen, doch dafür sind es die Studenten, die die spektakulären Geschichten zu bieten haben. Die Idee, eine Taube zur Protagonistin von Loos‘ Rahmenerzählung zu machen, ist ein wenig arg schlicht (Friedenssymbol), und seien Graphik ist auch nahe am Kitsch gebaut, aber es ist wiederum hochinteressant, wie er von den Reportagen vorgegebene Figuren aufnimmt und sich somit acht verschiedenen Stilen anzupassen hat, ohne dass er seine eigene Handschrift verleugnete. Das geht bis zum Einsatz von Farbe in der Überleitung zu Wolfgang Speers Porträt des Flüchtlings Hayder, die als einzige bunt gehalten ist.

Alle Geschichten entstanden im vergangenen Sommer, noch vor der Zuspitzung der Flüchtlingskrise. Trotzdem haben sie nichts an Relevanz eingebüßt, im Gegenteil: Die Konzentration auf individuelle Schicksale ist wohltuend angesichts der steten Wahrnehmung von Masse, die über bloße Zahlennennung und Bilder mit den Ankünften ganzer Schiffe oder Züge von Flüchtlingen forciert wird. Darüberhinaus wird mit dem Augsburger Grandhotel ein Modell der Integration vorgestellt, das auf ganz andere Weise arbeitet als die in bürokratischer Hand liegenden Abläufe.

Der schön gedruckte Band ist übrigens spottbillig: 12,80 Euro. Das ist der Unterstützung durch die Hans-Benedikt-Stiftung, die sich der Unterstützung der Augsburger Hochschule verschrieben hat. Erschienen beim lokalen Wißner Verlag, der sich bislang nicht mit Comics profiliert hat, dürfte es schwierig sein, den schönen Band im normalen Buchhandel außerhalb Schwabens zu finden. Also bitte bestellen. Es lohnt sich.

28. Jun. 2016
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20. Jun. 2016
von Andreas Platthaus
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Schöner kann es am Meer selbst nicht sein

David Prudhomme, Pascal Rabaté: "Rein in die Fluten!". Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock, Handlettering von Dirk Rehm. Reprodukt Verlag, Berlin 2016. 120 S., farbig, Hardcover, 24 €.David Prudhomme, Pascal Rabaté: „Rein in die Fluten!“. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock, Handlettering von Dirk Rehm. Reprodukt Verlag, Berlin 2016. 120 S., farbig, Hardcover, 24 €.

Am vergangenen Wochenende feierte der Berliner Reprodukt Verlag seinen 25. Geburtstag, und ein schöneres Geschenk konnte er sich selbst (und uns) kaum machen als den Band „Rein in die Fluten!“ Geschrieben, aber auch mitgezeichnet hat ihn Pascal Rabaté, einer der besten französischen Szenaristen (und Zeichner), gezeichnet, aber auch mitgeschrieben David Prudhomme, einer der besten französischen Zeichner (und Szenaristen). Gemeinsam sind sie ein Traumduo, wie sie vor einigen Jahren bereits mit ihrer Kooperation „Die Plastikmadonna“ bewiesen haben.

Allerdings muss man sagen, dass sich dieser damals bei Carlsen erschienene wunderbare Comic, der den französischen Alltag am Beispiel einer angeblichen Wundererscheinung auf höchst skurrile und amüsante Weise unter die Lupe nahm, in Deutschland miserabel verkauft hat. Umso wichtiger und leider auch mutiger, dass Reprodukt nun den zweiten Band der beiden herausbringt. Aber da die Solowerke der Autoren (jeweils sensationell: „Rembetiko“ und „Einmal durch den Louvre“ im Falle Prudhommes sowie „Bäche und Flüsse“ von Rabaté) ohnehin schon ihre deutsche Heimat bei dem Berliner Verlag gefunden haben, ist die Übernahme des Gemeinschaftsalbums nur konsequent.

120 Seiten lang ist es, und es erscheint im richtigen Moment, zum Beginn des Sommers. Denn in „Vive la marée“ (wörtlich „Es leben die Gezeiten“, aber auch „Hoch lebe die Flut“ im Sinne von Menschenmassen), wie der Comic im Original heißt, geht es um Strandurlaub. Der deutsche Titel ist etwas ranschmeißerisch, hat dafür aber ein subtileres Umschlagbild, auf dem man etliche Schwimmer aus Unterwasserperspektive sieht, darunter ein Paar, das sich in einer Pose umarmt, die Prudhomme einer Gemäldeserie des italienischen Kollegen Lorenzo Mattotti abgeschaut hat. Dieser augenzwinkernde Gruß ist das I-Tüpfelchen eines Buchs, das unter anderem eben auch eine gigantische Hommage ist.

Allerdings nicht an einen anderen Comic, sondern an einen Film: Jacques Tatis „Ferien des Monsieur Hulot“. Nicht, dass Rabaté und Prudhomme Figuren, Handlungsort oder Verlauf zitierten, aber sie übernehmen das Wichtigste dieses Films: die Struktur. Wie bei Tati wird die große Strandgesellschaft individualisiert, und wir verfolgen in winzigen Episoden mit immer neuen Konstellationen das Geschehen am Meer. Dabei geben die Figuren gewissermaßen nach ein, zwei Seiten den Staffelstab an andere Protagonisten ab, quasi im Vorbeigehen, indem plötzlich die Aufmerksamkeit bei einem anderen Badegast hängenbleibt und man ihn für eine Weile verfolgt. Und es passiert ähnlich wenig im Comic wie in Tatis Film, doch es ist genauso komisch und entlarvend.

Wie in „Die Ferien des Monsieur Hulot“ beginnt alles mit der Anreise (dazu die Leseprobe: http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/rein-in-die-fluten/), wahlweise mit Auto oder Zug, und schon durch die Verhaltensweisen der Beteiligten dabei werden sie charakterisiert: als Angeber, Geizhälse, Querulanten die Erwachsenen, während die Kinder als unschuldige Staffagefiguren fungieren, die zwar bisweilen selbst die Handlung vorantreiben, aber nie jene Blasiertheit oder Arroganz zeigen, die ihre Eltern auszeichnet. Den unschuldigen Tor allerdings, wie Hulot es ist, den gibt es hier nicht. Als einzige rundum sympathische Handlungsträger treten lediglich zwei Anstreicher auf, die den ganzen Tag lang mit dem Lackieren von Metallzäunen beschäftigt sind. Man darf darin wohl ein Selbstporträt von Rabaté und Prudhomme erkennen.

Was den Comic aber erst zur veritablen Meisterleistung macht, ist die graphische Konzeption. Dass sich ein Strand ideal zur Inszenierung einer Comicgeschichte eignet, ist evident: Vor der weiten weißen Fläche zeichnet sich das Geschehen im buchstäblichen Sinne perfekt ab. Zudem aber wählen die beiden Autoren für ihre Geschichte höchst ungewöhnliche Perspektiven, nämlich meist die von am Strand Liegenden, also aus extremer Untersicht, verbunden mit Überlagerungen von Bildebenen, die kleine Elemente im Vordergrund in optischen Gleichklang mit größeren weiter hinten bringen. Das schönste Beispiel ist die Ankunft eines ebenso dick- wie weißbäuchigen Herrn am FKK-Strand, den er über eine Düne zu erreichen scheint, die sich durchs Wegzoomen der Betrachterposition als unbekleideter Körper einer jungen Frau erweist. Oder ein kleines Mädchen kadriert mit den Fingern einzelne Badeszenen zu Bildern auf einem imaginierten Smartphone, die es dann beliebig vergrößern oder verkleinern kann. Und das Tolle ist, dass die Comicbilder dieses Spiel mitzumachen scheinen, bis dann doch einmal eine Wischbewegung des Kindes scheitert und die Illusion zerstört.

Klüger ist seit vielen Jahren kein Comic mehr in Szene gesetzt worden, und wenn man überhaupt ernsthafte Vorläufer oder Konkurrenz nennen sollte, so müsste man wohl auf Erzählrevolutionäre wie Marc-Antoine Mathieu oder David B. verweisen. Im Mainstreamcomic aber, und dazu zählt „Rein in die Fluten!“, der sich im vergangenen Jahr in Frankreich exzellent verkauft hat (glückliches Comicland!), hat es eine so ausgefuchste Verschränkung von Verlauf und Visualisierung noch nicht gegeben. Und die Dialogregie in der gewohnt sorgfältigen Übersetzung von Uli Pröfrock tut das Ihre dazu, dass man staunend weiterliest, denn wie es Rabaté und Prudhomme gelingt, sowohl das dauerhafte Gemurmel des Strandlebens wie die Freudenjauchzer und Zurufe abzubilden, das wäre eine eigene Analyse wert. Dieser Comic führt so ziemlich alles vor, was man überhaupt graphisch erzählen kann.

Doch nichts davon wirkt aufgesetzt oder gar manieriert. Dieser Comic, der nur einen einzigen heißen Sommertag porträtiert, aber dabei gleich Dutzende von Menschen und deren Marotten, verhält sich in der Erzählhaltung so selbstverständlich wie die Flut am Strand selbst. Immer wieder rollen deren Ausläufer an, ziehen sich scheinbar wieder zurück, und setzen doch schließlich alles unaufhaltsam unter Wasser. Auch dieser Geschichte kann man nicht entkommen.

Wir sehen die Rentner und die Tätowierten, die Sportler und die Sonnenanbeter, die Schönen und die Schlaffen, die Dreisten und die Scheuen, die Frauen und die Männer, die Menschen und die Tiere. Wir sehen einen Badeort, als bewegten wir uns mit den Protagonisten durch dessen Straßen. Und wir sehen nicht nur den Strand, wir fühlen, riechen, hören ihn. Und irgendwo mittendrin sind auch wie selbst. Man muss nur sehr genau hinsehen, -fühlen, -riechen, -hören. Aber das ist ein einziges Vergnügen. Herzlichen Glückwunsch dem Verlag und den Lesern dieses Comics.

20. Jun. 2016
von Andreas Platthaus
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13. Jun. 2016
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Öko-Superkräfte

Jaja ist einer jener rührigen Kleinverlage, die dafür gesorgt haben, dass neben den etablierten Zeichnern auch der Nachwuchs in Deutschland seine Form bekommt. Das jüngste Produkt des von Annette Köhn 2011 in Berlin-Neukölln gegründeten Verlags stammt allerdings von einem italienischen Zeichner: Federico Cacciapaglia, geboren 1987 in Rom, allerdings seit einigen Jahren in Berlin ansässig. Als Pseudonym hat er sich „Café“ ausgesucht, und sein Mitautor, Arturo Martinini, nennt sich Art, obwohl er mit dem Zeichnen gar nichts am Hut hat. Gemeinsamen haben sie einen schwarzweißen Band herausgebracht, der „Die Growls“ heißt.

Vertraute des Comic-Idioms werden in diesem Titel einen typischen Knurrlaut wiedererkennen und somit darauf vertrauen, dass es einigen Ärger in der Geschichte gibt. Genauso ist es. Zu beginn landen drei Eskimos an einem tropische Strand neben einem Kühlschrank, der dort im Sand steckt wie der schwarze Monolith zum Anfang von Stanley Kubricks Spielfilm „2001 – Odyssee im Weltall“, und durch eine Art Pflanzenzauber lassen sie drei Lebewesen entstehen, die in ihren Eigenschaften gewisse Verwandtschaft mit den Digedags haben. Das aber sind die Growls.

Sie wissen es nur noch nicht. Was sie indes wissen, ist, dass sie Hunger haben. Doch im Kühlschrank ist nichts. Also geht der drei namenlosen Neugeborenen zum nächsten Supermarkt, begegnet aber auf dem Rückweg dem Bio-Mann, der ihn von den Vorzügen biodynamischer Ernährung überzeugt. Bei der Einnahme eines natürlich erzeugten Nahrungsmittels wird aus dem kleinen Wesen ein großer Kämpfer, ein Growl, während beim Verzehr der Massenware aus Essern eine Spezies wird, die als kleine Totenköpfe mit offenliegendem Hirn gezeichnet sind und „Consumx“ genannt werden. Haben wir es bei „Die Growls“ also mit einem agitatorischen Comic für gesunde Ernährung zu tun?

Keineswegs, denn Cacciapaglia und Martinini machen sich einen Spaß daraus, die heldenhaften drei Kobolde zum leicht manipulierbaren Gefolge von allerlei Gutmenschen zu machen. Die drei Eskimos treten immer wieder einmal als mystisch-gutes Gewissen des Planeten auf, ohne aber mehr als per Flaschenpost zugestellte Handlungsanweisungen zu liefern. Außerdem gibt es neben Bio-Mann noch einen Reporter-Aktivisten und einen Veganer, die sich sämtlich für eine bessere Welt einsetzen, das aber ohne jede Rücksicht auf Vernunft oder andere Akteure tun. Die drei Growls werden so zu leicht lenkbaren Kampfmaschinen, die wie in einem sehr schlechten Superheldencomic ständig gegen die skrupellosen Consumx antreten, die sich darin gefallen, alles, was spirituell Bewegten viel bedeutet, zu vernichten, seien es Delphine, Tibet, Pandas, Eisbären oder Wale.

Der Umgang des Comics mit diesen Ikonen des schlechten Weltgewissens ist höchst drastisch. Hinter dem kindgerecht scheinenden Zeichenstil von Cacciapaglia verbirgt sich ein graphischer Zynismus, der dieses Heft zu allem anderen als niedlicher Lektüre macht. De Gedankenlosigkeit der drei Helden ist bemerkenswert – so schmachtet etwa über die ganze Länge des Comics der letzte lebende Delphin in einer Zinkwanne, die nur ein paar Meter vom Meer entfernt steht, vor sich hin und will einfach nur sterben, doch man lässt ihn nicht. Ungeachtet seiner hell und leicht wirkenden Bilder wird die Geschichte tiefschwarz erzählt. Es ist, als hätte James Woodring für „Mad“ gezeichnet. Wer es sich ansehen will, findet auf http://www.jajaverlag.com/die-growls/ Anschauungmaterial.

Eine politische Haltung gibt es in diesem Öko-Superheldencomic nicht. Die Generation von Cacciapaglia ist zwar politisch engagiert, aber nicht dogmatisch. Sie lässt sich nicht vereinnahmen für die weltverbessernde Propaganda einer bestimmten Lebensweise, sondern macht sich munter sowohl über die Vertreter traditioneller Ökonomie wie Ernährung wie über die messianischen Parolen alternativer Entwürfe lustig. Das macht „Die Growls“ nicht eben leicht zu lesen, denn wann immer man glaubt, eine Haltung darin gefunden zu haben, wird einem neu der Boden unter den Füßen weggezogen. Wenn man das aber einmal als Erzählprinzip erkannt hat, wird aus Cacciapaglias Band ein wunderbares Spiel mit unseren Erwartungen, Klischees und Erfahrungen. Hochkomisch ist das.

13. Jun. 2016
von Andreas Platthaus
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06. Jun. 2016
von Andreas Platthaus
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Lahmer, tiefer, kürzer?

In meiner Kindheit gab es im Gästezimmer einer Großtante, bei der ich manches Wochenende verbringen durfte, ein Buch, an dessen Titel ich mich nicht erinnere, das aber großen Persönlichkeiten des Sports gewidmet war: unter anderen Toni Sailer, Jochen Rindt, Armin Harry, Max Schmeling, Cassius Clay (damals war Muhammad Ali als sein Name noch nicht fest etabliert) und auch Emil Zátopek, der tschechischen Lokomotive. Ich würde vermuten, dass mindestens die Hälfte dieser Namen heute nicht mehr Allgemeingut sind.

Ganz sicher weiß ich es bei Zátopek, denn sonst gäbe es wohl kaum ein von der tschechischen Regierung gefördertes Projekt „Zátopek 2016“ (warum just dieses Jahr, ist vollkommen unersichtlich; der Sportler wurde 1922 geboren, starb 2000 und gewann seine olympischen Goldmedaillen 1948 und 1952), „dessen Zweck es ist, an diesen überragenden Läufer zu erinnern, der ein Vorbild für Millionen Menschen auf der ganzen Welt ist“. Im Rahmen von „Zátopek 2016“ wurde auch ein Comic erstellt, der die Geschichte von Emil Zátopek erzählt, geschrieben von Jan Novák, einem vor allem durch seine Drehbücher berühmt gewordenen tschechischen Autor, der jetzt in Amerika lebt, und gezeichnet von Jaromír Svejdík, der unter dem Pseudonym Jaromír 99 sowohl Musik als auch Comics macht. Vor drei Jahren erschien seine Adaption von Kafkas „Schloss“, doch berühmt wurde er durch den von Jaroslaw Rudis geschriebenen Comic „Alois Nebel“.

Der erschien seinerzeit beim Leipziger Verlag Voland & Quist und war ein für Comicverhältnisse schöner Erfolg (vor allem, als noch der gleichnamige Trickfilm dazukam). Deshalb hat der Verlag sich nun auch für die Publikation von „Zátopek“ entschieden, zumal die Übersetzung vom tschechischen Kulturministerium gefördert wurde. Allerdings ganz sicher nicht gelesen. Offenbar von niemandem. Denn man findet im Text so erstaunliche Behauptungen, wie die, dass Zátopek als Läufer Rekordzeiten überboten hätte. Das kann ich auch, jederzeit sogar, denn was wäre einfacher, als über einem Laufrekord zu bleiben? Dafür hat Zátopeks Ehefrau Dana, eine Speerwerferin, im Comic den Landesrekord unterboten. Auch nicht schwierig bei einer Wurfdisziplin. Wenn schon einmal falsch, dann auch konsequent. Dass an anderer Stelle davon die Rede ist, dass Dana Zátopekova „zwischen zwei Olympiaden“ zahlreiche Rekorde aufgestellt habe, fällt da kaum noch auf. Gemeint ist natürlich der Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen, also eine Olympiade.

In einer Sportlercomicbiographie sollte solcher Unsinn nicht stehen. Wieder ein Beispiel dafür, dass Comicübersetzungen oft mit einer Nachlässigkeit redaktionell betreut werden, die bei Sachbüchern oder Literatur als Skandal empfunden würde. Aber die Bilder kaschieren so viel.

Und für sie lohnt sich die Lektüre von „Zátopek“, vor allem im ersten Teil. Bis Emil Zátopek nämlich endlich richtig ins Laufen kommt, arbeitet er von 1937 bis 1947 bei der tschechischen Schuhfirma Bata. Und wie Jaromír 99 deren Werksgelände ins Bild setzt, das weckt ermaßen viele Assoziationen an die Grafik der ersteh Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, besonders an Frans Masereel, dass man sich bei jedem Umblättern schon auf die Überraschung der nächsten beiden Seiten freut. Der deutsche Verlag bietet leider keine Leseprobe an, aber für die Bebilderung ist ja auch das tschechische Original aussagekräftig: https://obalky.kosmas.cz/ArticleFiles/208858/208858_uk.pdf/FILE/zatopek-208858_uk.pdf. Dem Sportlerleben, nachdem Zátopek zur Armee ging, kann der Comic dagegen kaum noch originelle Bildideen abgewinnen.

Allerdings hat die Geschichte von Jan Novák auch nichts Reizvolles zu bieten, so dass man schon dankbar ein muss, wie viel Jaromír 99 aus dem Beginn herausgeholt hat. Erzählt wird ohnehin nur bis 1952, den Olympischen Spielen von Helsinki, auf denen Zátopek als bislang einziger Mensch über 5000 Meter, 10.000 Meter und Marathondistanz Gold gewonnen hatte. Nch dem Zieleinlauf des Marathonlaufs noch ein Kuss von Dana, dann ist Schluss. Danach begannen im wahren Leben auc die sportlichen Nackenschläge. So etwas erzählt man weniger gern.

Dafür werden die Widerstände hervorgehoben, die Zátopek in der Tschechoslowakei zu überwinden hatte. Zum Militär ging er der besseren Trainingsmöglichkeiten wegen, nicht aus Überzeugung, schon gar nicht nach der Errichtung der kommunistischen Diktatur im Jahr 1948, obwohl sein vater überzeugter Kommunist war. Zátopek war Politik egal, er wollte laufen, und wenn er sich für einen ideologisch unzuverlässigen Kameraden einsetzte, dann interessierte ihn dessen Aussicht auf sportlichen Erfolg, nicht die Einstellung für oder gegen den Staat. Dass daraus ein Konflikt erwuchs, der fast zum Verzicht Zátopeks auf seine Starts in Helsinki geführt hätte, wird von Novák zum dramatischen Höhepunkt seiner Erzählung gemacht.

Doch bei einer Figur wie Zátopek, die schon auf dem Titelbild das Zielband als Erster durchreißt, kann durch einen solchen Effekt keine Spannung entstehen. Zu glatt läuft die Karriere des Läufers ab, unbeirrbar erfolgreich wie dessen Wettkämpfe, als dass man jemals mit einem Scheitern rechnete. Dadurch wird der Comic nur interessant für Leser, die etwas über Zátopek erfahren wollen; wenig sportbegeistertem Publikum bietet er nichts – außer den bereits gelobten graphischen Finessen des Auftakts.

06. Jun. 2016
von Andreas Platthaus
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30. Mai. 2016
von Andreas Platthaus
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In Erlangen erlangt man traurige Erkenntnis

Manchmal ist die Diskrepanz zwischen Inhalt und Form eines Comics gewaltig. Für Veranstaltungen gilt das Gleiche, du nicht nur für solche, die mit Comics zu tun haben. Aber eben auch für diese. So etwa für die Gala des diesjährigen Erlanger Comicsalons, auf der die Max-und-Moritz-Preise verliehen wurden. Ich habe jetzt ein paar Tage über diese Veranstaltung nachgedacht, und meine Verärgerung über deren Form ist nicht kleiner geworden.

Zunächst das vorab: Die Preise gingen alle in Ordnung, sind teilweise sogar zwingend (Barbara Yelin als beste deutsche Comic-Künstlerin, Birgit Weyhes „Madgermanes“ als bester deutscher Comic, Katharina Greves „102 Etagen“ als bester Comic-Strip). Dass sich „Ein Sommer am See“ von Mariko und Jillian Tamaki (bester ausländischer Comic) mit einem Jahr Abstand nicht ganz so gut gehalten hat, wie ich das selbst damals noch vermutete, spricht nicht gegen die Intensität dieser Geschichte um eine Mädchenjugend. Und Claire Bretécher für ihr Lebenswerk zu ehren, war überfällig, und das Bedauern darüber, dass sie selbst dazu nicht nach Erlangen kommen konnte, hat meine Freude über die Entscheidung der Jury nicht vermindert.

Aber da geht es los. Warum ist es dem Salon und noch mehr dem deutschen Verlag von Bretécher (derzeit Reprodukt) nicht wenigstens geglückt, der großen alten Dame ein Wort des Dankes zu entlocken. Von Videobotschaft will ich gar nicht erst anfangen, es kann Gründe dafür geben, darauf zu verzichten, aber gar kein Satz zur Ehrung des eigenen Lebenswerks? Das brüskiert den Salon, egal, ob man Madame Bretécher überhaupt gefragt hat oder nicht. Denn sollte Reprodukt es versäumt haben, ist die Brüskierung nicht geringer, nur eben durch den Verlag.

Und das würde passen. Dass die Tamaki-Cousinen nicht nach Deutschland kommen konnten, kann man verstehen, dass der Verlagsvertreter von Reprodukt, der für sie den Preis entgegennahm, aber nicht einmal sagen konnte, wo sie denn gerade sonst waren, zeigt, dass man sich verlagsseitig um nichts gekümmert hat. Die Zeichnung, die Jillian Tamaki zum Dank für die Auszeichnung ihres Comics geschickt hatte, ist an den Salon selbst gegangen, also hatte Reprodukt auch damit nichts zu tun. Aber der Gipfelpunkt im schlechten Umgang mit der dem Haus seit Jahren sehr gewogenen Veranstaltung war noch gar nicht erreicht.

Dazu brauchte es die Verlesung der Erklärung von Patrick Wirbeleit, eines weiteren abwesenden Reprodukt-Preisträgers, dessen Comicreihe „Kiste“ von der Jury zum besten Kinder-Comic bestimmt worden war. Die recht selbstverliebte Erklärung, in der über seinen Co-Autor Uwe Heidschötter kein Wort verloren wurde, endete mit der Ablehnung des Preises, weil die Erlanger Jurys bislang die von Wirbeleit geschätzten Zeichner Kim Schmidt und Sascha Wüstefeld ignoriert hätten. Das mag er so sehen, eine Prüfung der Arbeiten von Schmidt und Wüstefeld kann ja dankenswerterweise jeder selbst übernehmen und dann sehen, ob sie etwas von Yelins „Irmina“ oder Weyhes „Madgermanes“ unterscheidet. Aber da es sich in Erlangen nicht um Überraschungssieger handelt (man will ja die Gewinner im Saal haben, also werden sie selbst oder die Verlage meist vorher informiert), hatte Reprodukt die Ablehnung seines Autors auch schon vorher erhalten. Es hätte Größe gehabt, sie dem Salon vorab mitzuteilen, um allen Beteiligten ( inklusive des abwesenden Herrn Wirbeleits) den peinlichen Moment zu ersparen.

Natürlich muss ein Künstler das Recht haben, einen Preis abzulehnen. Dann aber auch den Mut, es vorher zu tun oder wenigstens persönlich dazu zu stehen. So bleibt nur der Eindruck eines wenig couragierten Herrn, der sich ärgert, wenn seine Favoriten nicht abräumen. Nun denn, wenn’s der Wahnsinnsfindung dient.

Soviel zum Ärger über Reprodukt, die ein tolles Comicprogramm haben, aber offenbar von Preisen dafür etwas zu verwöhnt wurden. Nun zum Zorn über etwas Wichtigeres: die Moderation. Sie wird seit 2010 von dem Duo Hella von Sinnen und Christian Gasser durchgeführt, und das war am Anfang sehr erfrischend. Jetzt ist es nur noch sehr ermüdend. Gasser ist daran unschuldig, obwohl man sich wünschen würde, er brächte seine konkurrenzlose Sachkompetenz auch in die Vorbesprechungen zur Moderation ein. Aber mutmaßlich ist Hella von Sinnen, die mir als Donaldistin prinzipiell sehr sympathisch ist, beratungsresistent. Sonst hätte sie für ihre mittlerweile vierte Verleihung doch einmal alle 25 nominierten Comics gelesen und vielleicht sogar mal einen Blick in die Biographie von deren Autoren geworfen, damit uns ein Satz wie der zur Zeichnerin Anna Haifisch („Sie ist wie Karl May, der war auch nie in Amerika“) angesichts eines einjährigen Studienaufenthalt Haifischs in den Vereinigten Staaten erspart geblieben wäre. Aber vielleicht haben Moderatorin und Zeichnerin sich ja nach der Gala bei dem Treffen ausgesprochen, zu dem Hella von Sinnen ihre angeblich derzeitige Lieblingsautorin von der Bühne herab einlud.

Interessiert uns, wen oder was Hella von Sinnen gerade schätzt? Aber ja, wenn es etwas mit den Preisen zu tun hat, jedoch nicht ausschließlich. Mehr als eigene Begeisterung oder Langeweile hat de Moderatorin leider nicht zu bieten. Das ist lebendig, aber inkompetent. Immerhin sorgte sie für den Höhepunkt des Abends, als sie dem für „Fahrradmod“ nominierten Tobi Dahmen die Vorführung einiger Mod-Tanzschritte abverlangte. Die Peinlichkeit dieser Zumutung wich, als Dahmen sie so souverän absolvierte, wie man es sich nur erträumen konnte. Aber die Peinlichkeit, dass eine sechsundfünfzigjährige Frau noch nie von Mods gehört haben will, vergeht so schnell nicht.

Hella von Sinnen gefällt sich darin, als Abzockerin aufzutreten. Gerne betonte sie, dass ihr die Comics vom Salon zur Vorbereitung gratis zugeschickt wurden, was ja völlig in Ordnung wäre, wenn sie die Bände dann auch lesen würde. Aber dass sie die von Jillian Tamaki an den Salon eingesandte Dankeszeichnung an sich bringen wollte (ein Segen, dass das Blatt nur digital vorlag), weil sie sich ja so genau in einer der beiden Hauptpersonen getroffen sehe, das war von einer Frechheit, die den Atem raubte. Wie schon ganz zu Beginn, als sie den Erlanger Oberbürgermeister, der in fünf Minuten mehr Substanzielles zur Lage der Comics im Allgemeinen und der des Salons im Speziellen zu sagen hatte als Hella von Sinnen in zweieinhalb Stunden, zur Eile drängte, weil man wenig Zeit habe. Dann aber bei so ziemlich jeder Nominierung, die sie im Folgenden vorzustellen hatte, länger schwafelte als der Bürgermeister. Es waren sehr lange zweieinhalb Stunden auf dieser Gala mit Hella von Sinnen, aber gewiss meine letzten, wenn es bei dieser Besetzung bleiben sollte.

30. Mai. 2016
von Andreas Platthaus
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23. Mai. 2016
von Andreas Platthaus
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Aufgeweckte Altstars

Auf den Comic-Bestsellerlisten in Frankreich, dem umsatzstärksten europäischen Land für diese Branche, stehen derzeit drei Titel weit oben, die jeweils neue Blicke auf legendäre alte Serien werfen. Matthieu Bonhomme hat einen „Lucky Luke“-Band gezeichnet, der nicht Teil der regulären, seit fast siebzig Jahren laufenden Serie ist, und gleich zwei Alben widmen sich Walt Disneys Micky Maus, noch dazu in höchst prominenter Besetzung: Den einen hat der ebenso populäre wie poetische Cosey geschrieben und gezeichnet, für den zweiten hat Lewis Trondheim, der Revolutionär unter der mittleren Generation französischer Comic-Künstler, zur Feder gegriffen. Alle sind sie mit diesen neuen Projekten erfolgreicher als mit den eigenen der letzten Jahre.

Pech, dass ein Teil der daraus resultierenden Einnahmen an die Rechteinhaber gehen wird: an den Disney-Konzern und an die Erben des 2001 verstorbenen Morris. Aber immerhin haben sie ihre Genehmigungen erteilt, die weltbekannten Figuren überhaupt benützen zu dürfen. Das hätte es im Falle von Hergés „Tim und Struppi“ oder Goscinny/Uderzos „Asterix“ nie gegeben. Die dritte legendäre Serie der französischsprachigen Comicgeschichte allerdings hat vorgemacht, wie man einem Klassiker neues Blut und vor allem neue Leser zuführen kann: Neben der bereits seit 1938 laufenden Reihe „Spirou“ gibt es seit einigen Jahren Sonderbände, die von prominenten Gastautoren und -zeichnern bestritten werden, und da gleich der erste, Émile Bravos „Porträt eines Helden als junger Tor“ von 2008, ein Sensationserfolg war, ist das Konzept seitdem immer weiter ausgebaut worden – wobei die Qualität unter der Häufung durchaus gelitten hat, der Verkauf aber offenbar nicht. Derzeit sitzt Bravo aber selbst wieder an einem solchen Band, und man hört, es werde sich um ein Werk von mehr als zweihundert Seiten handeln. Unerhört im „Spirou“-Kosmos. Das wird spannend.

Aber auch ohne solche Längenextreme bieten die außerhalb der Reihen laufendenden Bände zumindest vom Üblichen abweichende Formate. Bonhommes „L’Homme qui tua Lucky Luke“ (Der Mann, der Luck Luke getötet hat) etwa hat vierundsechzig Seiten, eines der beiden Standardformate im frankobelgischen Albengeschäft, aber das ungewöhnliche längere, denn alle alten „Lucky Luke“-Episoden sind auf achtundvierzig Seiten ausgelegt gewesen. Durch den zusätzlichen Umfang erzählt Bonhomme ruhiger als Morris oder dessen aktueller Nachfolger Achdé, und Lucky Comics hat als Rechteinhaber Wert darauf gelegt, dass mit diesem Sonderband auch graphisch etwas Besonderes passiert. Bonhommes eher realistisch gezeichneter Lucky Luke knüpft einerseits an jene Phase von Morris an, als der Zeichner in den fünfziger Jahren die erste Unbeholfenheit abgelegt, aber auch noch nicht den flüssigen, uns heute vertrauten Stil der Sechziger und Siebziger gefunden hatte. Andererseits greift Bonhomme in Seitenarchitektur und Farbgebung das Vorbild des berühmtesten aller französischsprachigen Western-Comics auf: Jean Girauds „Blueberry“.

So gelingt ihm das Kunststück, eine ernsthaftere Welt, als sonst in der Serie üblich, mit doch graphisch vertrauten Figuren zu füllen (Leseprobe unter http://www.dargaud.com/bd-en-ligne/homme-qui-tua-lucky-luke-l,22890-1d43d0e8333f8f6ec125eceafcff313f). Besonders die Nebenfigur Doc Wednesday ist wie aus einem klassischen „Lucky Luke“ entsprungen, während die Familie Bone als Gegenspieler à la Giraud gehalten wird – was sie ungleich bedrohlicher macht als frühere Schurken wie etwa die Daltons. In diesem Band wird auch gestorben, und Psychologie spielt eine wichtige Rolle, aber zugleich ist „L’Homme qui tua Lucky Luke“ die Arbeit eines Liebenden, der die Stimmung der Serie nur um solche Nuancen erweitert, die dem Geist des Originals verpflichtet sind. Bis hin zum Grabstein eines gewissen Morris, „from Bevere“, auf dem Friedhof der Kleinstadt Frog Town, wo das Geschehen angesiedelt ist. Wer weiß, dass der bürgerliche Name des ursprünglichen Zeichners Maurice de Bevère war, kommt hier auf seine Kosten.

Über die Handlung, vor allem natürlich in Bezug auf den Titel, hier kein Wort, denn der Band lebt nicht zuletzt von einer Grundspannung, die just dadurch entsteht, dass es hier tatsächlich um Leben und Tod geht. Auch um Liebe übrigens. Und um eine Lücke in der „Lucky Luke“-Saga, die Bonhomme inhaltlich zwingend schließt: den Übergang vom zigaretterauchenden Cowboy zum strohhalmkauenden. Was in Wirklichkeit die Forderung amerikanischer Sittenwächter war, um ein jugendliches Publikum nicht zum Rauchen zu verführen, wird bei Bonhomme zur freien Entscheidung Lucky Lukes, und es lohnt allein schon deshalb, diesen Band zu lesen.

Eine ähnliche Absicht treibt Cosey mit seinem ebenfalls vierundsechzigseitigen Micky-Maus-Band „Une mystérieuse mélodie“ (Eine geheimnisvolle Melodie) an. Auch er ergänzt ein in der bekannten Saga fehlendes Element: nämlich, wie sich Micky und Minnie kennengelernt haben. Dazu versetzt er das Geschehen ins Jahr 1927, in dem sein Micky Maus als Drehbuchautor für einen Hollywood-Filmmogul arbeitet und sich neuen Herausforderungen stellen muss, die ihn in eine aberwitzige Handlung hineinziehen, die von einem verlorengegangenen Manuskript erzählt. Hier ist die Geschichte weitaus weniger wichtig als bei Bonhommes „Lucky Luke“-Band; Cosey nimmt sie zum Anlass, Szenerien und Figuren vorzustellen, die einem Disney-Liebhaber zutiefst vertraut sind, bis hin zu Goofys erstem Namen Dingo oder dem kleinen Hausboot, auf dem Donald Duck zu ersten Mal gesichtet wurde. Selbst der Titel ist eine Hommage an die Disney-Trickfilmserie „Silly Symphonies“ – wie überhaupt zahllose Dekors und Details, die Cosey in seinen Plot zu integrieren versteht. Das Ganze ist zudem in den flächigen Farben der frühen Comic-Strips gedruckt, und das Personal stammt samt und sonders aus den dreißiger Jahren, überwiegend aus Geschichten von Floyd Gottfredson, dem Meister des damaligen Micky-Maus-Comic-Strips (leider wie auch beim Trondheim-Titel desselben Verlags keine Leseprobe, nur allgemeine Informationen unter http://www.glenatbd.com/bd/collections/creations-originales.htm).

Eine ganze andere Comic-Epoche hat sich Lewis Trondheim als Bezugszeit ausgesucht: Er siedelt „Mickey’s Craziest Adventures“ in den sechziger Jahren an und orientiert sich an dem atemlosen Stil italienischer Disney-Geschichten aus jener Zeit, in der er selbst sie als Kind gelesen haben dürfte. Wobei er diesmal nur die Handlung geschrieben und dann einen Zeichner mit der Umsetzung seines Szenarios beauftragt hat: den 1972 geborenen Nicolas Keramidas. Gemeinsam haben sie eine Erzählfiktion ersonnen, die darauf beruht, dass auf einem Flohmarkt einzelne Hefte einer angeblichen amerikanischen Heftreihe namens „Mickey’s Quest“ aufgetaucht sein sollen, deren Episoden nun hier ins Französische übersetzt zum Abdruck kommen – leider unvollständig, da auch immer wieder Lücken in dem aufgefundenen Konvolut bestanden hätten. So kommt auf achtundvierzig Seiten eine Geschichte zum Abdruck, die eigentlich aus zweiundachtzig Episoden bestehen sollte, und die Handlung überspringt immer wieder einiges vom Geschehen, ohne dass man aber Schwierigkeiten hätte, ihm zu folgen. Denn die Story folgt den Gesetzen eines Fortsetzungscomics, die Trondheim meisterhaft einzusetzen weiß.

Bei ihm wird keinerlei Bezug auf Disney-Klassiker genommen, obwohl er selbst den legendären Donald-Zeichner Carl Barks als einen seiner wichtigsten Einflüsse nennt. Immerhin ist Donald Duck hier ständig an Mickys Seite, und mit Dagobert Duck, Daniel Düsentrieb, Gustav Gans, den Panzerknackern oder dem Fähnlein Fieselschweif sind etliche Barks-Schöpfungen in Nebenrollen vertreten. Aber auch Kater Karlo tritt als Nemesis auf und einiges anderes altes Gottfredson-Personal, so dass hier disney-untypisch die beiden Welten von Entenhausen und Mausburg zusammengeführt werden. Das hatten in größerem Stil in der Tat nur die italienischen Zeichner gewagt.

Mit ihren Comics haben sie in den sechziger Jahren zu einem Gutteil das französische „Journal de Mickey“ bestückt, so dass Trondheims Faszination für just diesen überdynamisch-elastischen Stil erklärlich ist. Gleichzeitig treiben er und Keramidas die Erzählfiktion dadurch auf die Spitze, dass sie Flecken auf die Seiten applizieren, das Papier vergilbt drucken lassen, einmal sogar die untere Partie einer Seite als abgerissen fingieren – so, wie ein Zufalls-Comicfund auf dem Speicher eben aussehen mag. Das macht Spaß, doch leider ist Trondheim im Unterschied zu Cosey nichts Rechtes zu den Figuren eingefallen. Außer dass sie aussehen wie Micky und Donald, unterscheidet die Protagonisten nichts von anderen Trondheim-Helden aus dessen ironisch mit Genrekonventionen spielendem Werk. Diese Geschichte hätte vor Jahren auch ein Bestandteil von „Herrn Hases haarsträubenden Abenteuern“ sein können, in denen Trondheim die verschiedensten Erzählgenres parodiert hat.

Aber man kann mit Berühmtheiten wie Lucky Luke, Micky Maus oder Donald Duck selbstverständlich kommerziell gar nichts falsch machen, egal, wie geschickt man zu erzählen weiß. Umso bemerkenswerter, wie grandios es Bonhomme gelungen ist, sein Vorbild zu variieren, und wie hinreißend unschuldig es Cosey gemacht hat. Bei Trondheim merkt man jeder Szene die Metareferenzialität an, aber das ist es gerade nicht, was den Mythos eines Comic-Klassikers ausmacht. Bis man die drei Bände auf Deutsch wird lesen können, dürfte es noch ein paar Monate dauern. „Lucky Luke“ wird gewiss erscheinen, ob Disney aber die zunächst nur für den französischen Sprachraum genehmigte Verwendung seiner Figuren angesichts des Erfolgs auf andere Märkte ausdehnt, ist eine spannende Frage. Nicht nur, weil dann Coseys und Trondheims Geschichten auch deutsch zugänglich würden, sondern weil dann auch für deutsche Zeichner ähnliche Möglichkeiten bestünden. Donald Duck von Flix oder Ralf König? Ein Traum!

 

23. Mai. 2016
von Andreas Platthaus
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02. Mai. 2016
von Andreas Platthaus
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Die Büchse der „Pandora“ sprudelt reichhaltig

Die Zeit der großen Comic-Verlagsanthologien schien vorbei, abgelöst durch zahllose kleine Liebhaberprojekte individueller Herausgeber mit durchaus hohem qualitativen Anspruch, aber für die Stars des Metiers gab es keinen rechten Grund mehr, sich darin zu engagieren, weil der sanfte Druck des Verlegers zur Teilnahme fehlte. Allein deshalb schon ist es zu begrüßen, dass mit Casterman ein traditionsreiches belgisches Verlagshaus nun eine neue Anthologie begründet hat. Mutig ist es außerdem, denn wenn selbst der Autorenverlag L’Association seine über Jahre gepflegten Aktivitäten eingestellt hat, musste man befürchten, dass es selbst im französischsprachigen Raum einfach keinen kommerziellen Markt mehr dafür gäbe.

Casterman ist derzeit im Aufschwung, inhaltlich wie ökonomisch, und so versucht man es denn mit einem Schaufenster für die eigenen, aber auch einige fremde Autoren. Und wenn man sich ansieht, wer alles dabei ist, kann man staunen: Katsuhiro Otomo, Art Spiegelman, Blutch, Bastien Vivès (von dem auch das Titelbild stammt), Jacques de Loustal, Jean-Louis Tripp, Lorenzo Mattotti, Killoffer, Brecht Evens, Manuele Fior, David Prudhomme und Jean-Christoph Menu, um nur die allerbekanntesten zu nennen. Frauen allerdings sind kaum vertreten – erstaunlich nach der großen Debatte über die mangelnde Berücksichtigung von Zeichnerinnen, die das diesjährige Comicfestival von Angoulême überschattet hat. Aber da mag sich die Tradition des Verlagshauses auch einmal rächen; man hat dort eben fast nur Männer im Programm.

Dafür trägt die neue Anthologie, die halbjährlich erscheinen soll, den Namen einer Frau: „Pandora“. Da könnte man das Schlimmste befürchten. Welchen Fluch mag ein Magazin dieses Namens wohl auf die Menschheit loslassen? Doch die Bezeichnung verdankt sich nicht der mythischen Pandora, sondern der Comicfigur Pandora Groovesnore aus Hugo Pratts erstem Corto-Maltese-Abenteuer „Die Südseeballade“, einer legendären Casterman-Veröffentlichung, mit der vor vierzig Jahren das Erwachsenenprogramm des Verlags eröffnet wurde.

In „Pandora“ soll es nur abgeschlossene Geschichten geben und vor allem nur Comics, die noch nirgendwo sonst erschiene sind (zumindest nicht auf Französisch). Allen Genres soll die „Anthologie“ offen stehen, wobei der Untertitel „Bande dessinée et fiction“ Sach- oder Reportagecomics eigentlich ausschließen sollte. In der ersten Ausgabe finden sich denn auch keine. Die Längen der Geschichten sind variabel: Auf den insgesamt 264 farbigen Seiten findet sich vom einseitigen Beitrag Art Spiegelmans, der in gerade einmal zwölf Bildern die Mythen von Sisyphos und Narziss kombiniert, bis zum neunzehnseitigen Comic „Le Rhythme et la raison“ des Italieners Fabio Viscoglioso 27 Geschichten, unter denen sich Preziosen und Talmi einigermaßen die Waage halten. Eine eigene Leseprobe bietet der Verlag nicht an, aber „Le Monde“ durfte drei Geschichten im Netz veröffentlichen, auf die hier verwiesen sei: http://www.lemonde.fr/grands-formats/visuel/2016/04/14/trois-recits-de-la-revue-pandora-a-decouvrir_4902098_4497053.html#/chapters/01/pages/4).

Aber dass es überhaupt Juwelen gibt, die ihren Weg in „Pandora“ gefunden haben, ist bemerkenswert genug. Nun wird sich ein Haus wie Casteman Honorare leisten können, und der Marketingaufwand, mit dem „Pandora“ in Frankreich im April lanciert wurde, zeugt sowohl von großzügigem Budget als auch großen Erwartungen. Aber von Otomo eine achtseitige Geschichte zu bekommen, die zudem als Allegorie auf Militärmissionen in fremden Staaten eine brisante Handlung aufweist, dazu gehört etwa. Oder von Tripp eine sehr offenherzige autobiographische Jugendgeschichte oder von Blutch eine seiner meisterhaften Klassiker-Variationen, in denen er auf fünf Seiten fünf seiner frankobelgischen Vorbilder ehrt: Graton, Hergé, Cuvelier, Martin und Jacobs.

Ein Comic trägt den Titel „Die Büchse der Pandora“, ist aber ausgerechnet der einfalssloseste, weil Valérie Mangin, Roman Toulhoat und Denis Bajram eine Geschichte erdacht haben, die nicht nur deshalb wenig Koheränz besitzt, weil mitten drin Autor und Zeichner wechseln. Zu oft hat man die Pointe des Übergangs einer Fantasyhaltung in en Computerspiel und dann isn kosmisch Allgemeine gesehen, als das ausgerechnet bei der mythischen Pandora-Büchse diese Handlung zwingend wäre. Und da antike Mythen ohnehin die häufigste Inspirationsquelle für die Zeichner dargestellt haben (vielleicht alles angeregt durch den Namen der neuen Anthologie) stellt sich hier zusätzliche Ermüdung ein.

Wie man das besser macht, zeigt Killoffer mit „Von Charybdis nach Skylla“, einem ziemlich dreisten Gag auf eigene Kosten, oder die Amerikanerin Eleanor Davis mit „In unserem Eden“. Wobei Letztere nicht nur eine der raren Frauen in „Pandora“ ist, sondern auch eine der auffällig wenigen Amerikaner. Noch beschränkt sich die Auswahl der Beiträger weitgehend auf den französischen Sprachraum, ein paar kommen noch aus Europa, dann ein Japaner und zwei Amerikaner, aber die Welt bietet für eine ambitionierte Comicanthologie noch viel mehr. Und der beste Beitrag kommt in der tat auch nicht aus Frankreich oder dem französischsprachigen Belgien, sondern von dem Flamen Brecht Evens, der auf zur zwei Seiten eine Totenklage inszeniert, die ans Herz und an die Nieren zugleich geht. Meisterhaft.

02. Mai. 2016
von Andreas Platthaus
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25. Apr. 2016
von Andreas Platthaus
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Die Lücke im Cortoversum

Fast all die guten – oder in den Augen begieriger Leser nicht ganz so guten – Vorsätze, sehr persönlich geprägte Comicserien nicht über den Rückzug oder gar Tod des Zeichners hinaus fortzusetzen, werden irgendwann einkassiert. Spätestens, wenn große Kasse winkt. Also gibt es einen Film und neue Comichefte mit den „Peanuts“, weil deren 2000 gestorbener Schöpfer Charles Schulz sich nur ausbedungen hatte, dass man seinen Comic-Strip nicht fortsetzen solle. Mal sehen, wie lange zumindest diese Verpflichtung die Erben noch hemmt. Oder die Ankündigung von Albert Uderzo, dass „Asterix“ mit ihm sterben werde. Gut, der Zeichner lebt noch, aber durch den Verkauf der Rechte an seinen Figuren hat er sich jeder Möglichkeit begeben, dem Hachette-Konzern zu untersagen, andere Autoren zu beauftragen – was der mit dem durchaus geistreichen Duo Ferri/Conrad ja auch schon höchst erfolgreich getan hat.

Bill Watterson hält im Falle von „Calvin und Hobbes“ den kommerziellen Wünschen seines Syndikats noch stand, und an „Krazy Kat“ von George Herriman hat sich seit 1944 niemand herangewagt, weil die Serie einfach zu persönlich war (und seinerzeit ein finanzieller Flop). Aber Walt Kellys „Pogo“, das Masupilami von André Franquin, Winsor McCays „Little Nemo in Slumberland“, „Blake und Mortimer von Edgar P. Jacobs – alles, was in der Comicgeschichte Rang und Namen und Erfolg hatte, wird irgendwann gewollt oder ungewollt von fremder Feder fortgeführt, und sei das Original auch noch sosehr ans Genie eines Einzelnen gebunden. Meist erfolgt die Reprise auch noch auf deplorable Art und Weise.

Nun hat es auch „Corto Maltese“ erwischt, Hugo Pratts mythischen und bisweilen mystischen Seemann, dessen Comic-Auftritte mit dem Tod seines Zeichners 1995 ein Ende gefunden zu haben schienen. Dann kam ein französischer Trickfilm – oft der erste Schritt zur Wiederbelebung, siehe „Peanuts“ –, und plötzlich sitzen zwei spanische Autoren am Werk des Italieners und bringen ein neues Abenteuer heraus, das durch die Zählung als dreizehntes der Serie zum authentischen Bestandteil von Pratts Kosmos geadelt wird. Das verdanken wir natürlich wieder den Erben, denen die kontinuierlich sprudelnden Einnahmen nicht genug waren, und neuen Schwung bekommt ein klassischer Comic nach Markteinschätzung nur durch neue Geschichten. Also hat sich der 1972 geborene Juan Díaz Canales, seit seinen Szenarien für die Erfolgsserie „Blacksad“ ein international angesehener Szenarist, hingesetzt und eine Lücke im Corto-Kosmos gesucht. Als er sie hatte, übernahm sein zwanzig Jahre älterer Landsmann, der Zeichnerveteran Rubén Pellejero, die Ausfertigung als Comic.

Die ist ihm, das muss man sagen, fast schon zu perfekt geglückt. Da der Verlag Schreiber & Leser wie auch schon der französische Verlag Casterman als Stammhaus von Pratts Comic die Geschichte sowohl als Farb- wie auch als Schwarzweißalbum herausbringt, kann man sich von der reduzierten „Klassik Edition“ – Hugo Pratt zeichnete stets nur schwarzweiß und ließ seine Serie vor allem deshalb später nachkolorieren, weil er damit einigen Geliebten ein Zubrot verschaffen konnte – überzeugen lassen, dass Pellejero die Corto-Posen in Vollendung beherrscht (Leseprobe schwarzweiß: http://www.schreiberundleser.de/index.php?main_page=popup_img&pID=508&zenid=9d25eee7c38e034cce32df9abfa691e7&imgType=lese1, farbig und sogar mit anderen Beispielseiten: http://www.schreiberundleser.de/index.php?main_page=popup_img&pID=509&zenid=9d25eee7c38e034cce32df9abfa691e7&imgType=lese1). Wie oft der schöne melancholische Seemann gen Himmel blickt, gerne auch im Stil von sozialistischen Vordenkerverherrlichungen in gestaffelt gezeichneter Profilreihe mit drei weiteren Mitstreitern (also à la Marx, Engels, Lenin, Stalin), wie oft er einsam vor großartigen Landschaften steht, wie oft er aus dem Schatten tritt, das mochte ich irgendwann nicht mehr zählen. „Unter der Mitternachtssonne“ ist arrangiert wie ein Musterbuch, ein „How to draw Corto Maltese“.

In Farbe ist das weniger auffällig, weil Pellejero sehr geschickt großflächig und stimmungsvoll koloriert und die Farben für mehr Abwechslung auf den Seiten sorgen als in der Schwarzweiß-Version. Trotzdem ist meine nostalgische Leserseele mit dem farblosen Band besser bedient, denn so sieht „Corto Maltese“ für mich nun einmal aus. Bislang habe ich noch jeden Band schwarzweiß kennengelernt, und so habe ich auch „Unter der Mitternachtssonne“ zuerst als „Klassik-Edition“ gelesen.

Der Titel deutet an, welche Lücke Canales im Cortoversum aufgetan hat: den hohen Norden. Das Abenteuer spielt nach einem Beginn in Kalifornien komplett in Kanada, und mit dem Thema der Suche nach der Nordwestpassage und Bodenschätzen ist ein Abenteuertopos angesprochen, der die Menschheit, soweit sie in Seefahrernationen lebte, jahrhundertelang umgetrieben hat. Eingeleitet wird das Geschehe sehr à la Pratt, nämlich durch einen Brief von Jack London, der Corto Maltese ausgehändigt wird – die Vermischung der fiktiven Titelfigur mit realen Persönlichkeiten der Zeit- und Kulturgeschichte ist ein Wesensmerkmal dieser Serie.

Das Ganze ist im Jahr 1916 angesiedelt, also mitten im Ersten Weltkrieg, der auch schon immer konstitutiv für die Corto-Maltese-Geschichten war, und noch vor dem amerikanischen Kriegseintritt, während Kanada als britisches Dominion schon Teil am Kampf hat. Wie zu erwarten gibt es deutsche Spione, die ihr eigenes Süppchen kochen, aber sehr viel überraschender ist die Einführung von Streitern für die irische Unabhängigkeit, die sich auch in Kanada finden und dort natürlich Gegenstand polizeilicher Verfolgung werden. Im Jahr 1916 fand ja auch der gescheiterte Osteraufstand von Dublin statt. Hier ist Canales ein echter historischer Fund geglückt, noch dazu einer, der im Corto-Zyklus jede Berechtigung hat, denn in dem Band „Die Kelten“ (den Schreiber & Leser geschickterweise gleich mit neu auflegen) wird auch Bezug auf das irische Streben nach Unabhängigkeit genommen.

Erzählerisch ist „Unter der Mittagssonne“ allerdings eine Enttäuschung, weil vom epischen Atem des Originals wie auch Canales‘ „Blacksad“ wenig zu spüren ist. Hier zählen Szenen mehr als deren Zusammenhang, und gerade der Prolog, eine kurze Reise mit Rasputin durch den hohen Norden, ist ohne jede Relevanz für das Kommende, denn der russische Gefährte verschwindet in San Francisco in einem Bordell und damit auch aus der Geschichte. Solch ein Auftritt bedient nur banale Fan-Erwartungen, um die sich aber gerade Pratt nie gekümmert hat.

Weitaus besser gelingt da ein winziger Cameo-Auftritt einer anderen alten Bekannten, Pandora Groovesnore aus der „Südseeballade“, dem Kult-Comicalbum europäischer Provenienz schlechthin. Sie erscheint gar nicht selbst, sondern wird nur auf einem Plakat als Schirmherrin eines amerikanischen Fundrainsing-Dinners für die im Krieg gegen Deutschland kämpfenden Alliierten genannt. So bindet man Cortos Vergangenheit klug ein, denn Pandoras Entwicklung in dem einen Comic, aus dem wir sie bislang kannten, war bereits eine Irritation für Coto gewesen, und nun hat sie sich von seinem pazifistischen Ideal komplett entfernt. Wunderbar, dass Canales diese Figur nicht ähnlich lieblos abfertigt wie Rasputin, sondern etwas für die Zukunft offen lässt.

Und die wird es geben für das Duo Canales/Pellejero. Wohin sie Corto Maltese führen werden? Da gibt es noch genug Orte und Momente in seinem kurzen Leben, von dem aber gar nicht sicher ist, ob es wirklich Ende der zwanziger Jahre beendet wurde, wie man von Pratt einmal indirekt erfahren hat. Wer weiß, vielleicht sieht er Pandora wieder? Die Frau mit dem beziehungsreichen Namen, die gerade zur Namenspatin eines in Frankreich neu herausgegebenen Comicmagazins gemacht worden ist. Darüber wird an dieser Stelle in der kommenden Woche zu lesen sein.

25. Apr. 2016
von Andreas Platthaus
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18. Apr. 2016
von Andreas Platthaus

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Fakten vs. Pathos

Manchmal wird mit einem Schlag ein ganzer Zeitraum nachgeholt. So gab es bislang in Deutschland nicht gerade viele Comics über das Südamerika der siebziger Jahre, die Zeit der Militärdiktaturen, als der Kontinent zur Gemeinschaft neofaschistischer Staaten abzukippen drohte. Dann brachte der Avant Verlag Héctor Oesterhelds und Francisco Solano López‘ „El Eternauta“ auf deutsch heraus, einen legendären argentinischen Comic der späten fünfziger Jahre, in dem auf beklemmende Weise vorausgeahnt wird, was zwanzig Jahre später geschah: Mord, Folter und vor allem das Schweigen über all dies. „El Eternauta“ wurde schon zur Zeit der Junta als Widerstandscomic gelesen, und Oesterheld bezahlte für seine dunkle Hellsicht mutmaßlich mit dem Leben. 1977 wurde er von Milizen verschleppt, danach verliert sich jede Spur von ihm.

Und nun erscheint ein zweiter Comic, der sich des Themas Lateinamerika in den siebziger Jahren annimmt, diesmal auch unmittelbar, nämlich als rekonstruierte individuelle Geschichte der chilenischen Filmemacherin Carmen Castillo, die nach dem Putsch der Streitkräfte vom 11. September 1973 gegen Chiles Präsident Allende in den Untergrund ging, nach etwas mehr als einem Jahr verhaften und nur durch ausländischen Druck Folter und mutmaßlichem Tod entging. Stattdessen wurde sie ins französische Exil geschickt, wo die heute siebzigjährige Castillo immer noch lebt und arbeitet. Und wo sie von dem Szenaristen Maximilien Le Roy besucht wurde, der sich von ihr die Ereignisse der Zeit und vor und während der Diktatur erzählen ließ und darüber einen Comic schrieb (Leseprobe unter http://www.editionmoderne.ch/de/80/leseprobe/296/ueberlebt!.html).

Der heißt in der deutschen Ausgabe, die nun, ein Jahr nach dem Original. Bei der Edition Moderne erschienen ist, „Überlebt!“, und das ist seltsam, denn auf französisch lautet der Titel „Vaincus mais vivants“ (Besiegt, aber überlebt). Mutmaßlich hatte der Verlag dieselben Bedenken wie Carmen Castillo selbst, die, wie man Le Roys Vorwort entnehmen kann, den ursprünglich vorgesehenen Titel „Die Geschichte der Besiegten“ zu negativ fand und deshalb auf Änderung drang. Dass nun in der deutschen Ausgabe beinahe das Gegenteil der ursprünglichen Absicht des Szenaristen herausgekommen ist, darf wohl als eine der Ironien der Geschichtsschreibung gelten. Mittlerweile bekommt man ja tatsächlich durch Film und Literatur oft den Eindruck vermittelt, als wäre der Widerstand in Chile erfolgreich gewesen. Die tiefe Schwärze von Roberto Bolanos Roman „Chilenisches Nachtstück“, der keine Hoffnung lässt, ist fast schon Ausnahme.

Le Roy indes beschönigt nichts über die vielen Opfer und den Verrat, der damals jeden Gedanken an inneren Widerstand vernichtete. Und sein Zeichner, Loic Locatelli Kournwsky, scheut auch nicht vor der direkten Darstellung von Misshandlungen und Tortur zurück, wobei die entsprechenden Szenen schlaglichtartig vorüberziehen – wie der ganze hundertzehnseitige Comic als eine schnelle Abfolge wechselnder Ereignisse konzipiert ist, in der sich zwei Zeitebenen durchdringen: die sechziger und siebziger Jahre sowie das Jahr 2002, als Carmen Castillo nach Chile zurückkehren konnte und die Stätte aufsuchte, wo sie sich gemeinsam mit ihrem Gefährten, dem Generalsekretär der linksradikalen Parte MIR, Miguel Enriquez, versteckt gehalten hatte und schließlich enttarnt worden war. Enriquez wurde am 5. Oktober 1974 beim Sturm der Polizei im Kugelhagel getötet, und die schwangere Castillo brachte zwei Monate später ihren gemeinsamen Sohn zur Welt, der aber kurz nach der Geburt starb.

So steht hinter der Erzählung des Comics eine persönliche Tragödie, doch was „Überlebt!“ vor allem lesenswert macht, ist die Vielzahl an zeitgeschichtlichen Fakten, die der Band nebenher vermittelt. Über die politische Konstellation unter Allendes Regierung, über die Perfidie der Fahndungsmethoden von Pinochets Schergen nach den Oppositionellen, über die französische Unterstützung für die chilenischen Exilanten – all das wird detailliert dargestellt, ohne dass es zum Mittelpunkt der Geschichte würde. Da stehen Carmen und Miguel, und ihre Liebe zueinander bringt ein Pathos in den Comic, das aus ihnen doch fast überlebensgroße Figuren macht. Gegenüber dem Privaten kommt bei beiden das Politische zu kurz; über Miguel Enriquez‘ Haltung zur Militanz etwa erfährt man wenig. Diese Leerstelle überrascht, denn dass sich darüber die MIR beinahe spaltete, wird durchaus berichtet.

Leider ist Kournwsky als Zeichner nur zweitklassig, solider französischer Mainstream, nicht mehr. Für eine spezifisch chilenische Stimmung hat er kein Auge, weder bei der Kolorierung noch bei der der Anlage von Dekors. Da vermittelt das im Anhang abgedruckte Gespräch von Maximilien Le Roy mit Carmen Castillo mehr Zeitkolorit als die doch eigentlich auf Anschaulichkeit verpflichtete Comicform. Das Buch ist ein Beispiel dafür, dass Stoffe bisweilen zu gut sind für ihre Umsetzung.

18. Apr. 2016
von Andreas Platthaus

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12. Apr. 2016
von Andreas Platthaus

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Nachdem die Cloud einen Wolkenbruch erlebt hat

An Brian K. Vaughan, Jahrgang 1974, kam man im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts kaum vorbei, wenn man sich für amerikanische Comics interessierte. Natürlich war er bei den großen Häusern Marvel und DC als Szenarist beschäftigt, aber Aufmerksamkeit erregte er mit eigenen Serien, für die er auch das Copyright behielt, „Ex Machina“ vor allem, einen über sechs Jahre fortgesetzten Thriller über das New York nach dem 11. September 2001. Dann wurde Vaughan für diverse Fernsehdrehbücher engagiert und geriet etwas aus dem Fokus. Als er aber wieder einmal eine gute Idee für einen Comic hatte, betrieb er das neue Projekt mit demselben Willen zur Unabhängigkeit, der ihn zuvor schon zum Vorbild für viele Newcomer gemacht hatte.

„The Private Eye“ hieß die Idee schließlich, wobei zunächst der Titel „Secret Society“ im Blick war, denn der Clou der Geschichte ist, dass Vaughan von der amerikanischen Gesellschaft im Jahr 2076 erzählt, zu einem Zeitpunkt, als schon seit einigen Jahrzehnten aus nicht beschriebenen Gründen die Cloud geplatzt ist, also alle dort gespeicherten Daten sich – um in der Metaphorik zu bleiben – über die Welt ergossen haben, so dass sämtliche elektronisch verfügbaren Geheimnisse öffentlich wurden – Panama Papers im ganz großen Maßstab, wenn man so will. Erstaunlicherweise hat dieses sintflutartige Datenleck mehr verändert als alle Errungenschaften der Datenverarbeitung zuvor: So ziemlich alle bedeutenden Persönlichkeiten wurden diskreditiert und geschasst. Es kam zu einer Art Revolution, und die traumatisierte die Gesellschaft derart nachhaltig, dass sich die Menschen 2076 nur noch maskiert aus dem Haus wagen. Die „Secret Society“ ist also keine Geheimgesellschaft, sondern eine Gesellschaft des Geheimnisses.

Angesichts der Prämisse für die Handlung bestand Vaughan darauf, dass dieser Comic virtuell, also im Netz veröffentlicht wurde, und der Zeichner, den er dafür gewonnen hat, den in Amerika lebenden Spanier Marcos Martin, der schon an etlichen Superhelden gearbeitet hat, stimmte zu. So gründeten beide zusammen 2013 die Plattform Panel Syndicate, auf der in zehn Folgen die mittlerweile auf „The Private Eye“ umgetaufte Geschichte erschien, und jeder, der dazu bereit war, konnte dafür das bezahlen, was ihm angemessen erschien. Ganz schlecht scheint das Modell nicht gelaufen zu sein, denn nach dem Ende der Debütserie sind auf Panel Syndicate noch zwei weitere Projekte publiziert worden, davon eines wieder von Vaughan und Martin. Sensationell aber wird das Einspielergebnis auch nicht gewesen sein, und deshalb ist mit gebührendem Abstand zur Netzerstveröffentlichung jetzt bei Image, Vaughans Stammverlag, ein veritabler Prachtband mit der ganzen Geschichte und einigem Bonusmaterial erschienen, für den man 50 Dollar zahlen muss.

Das ist allerdings gut angelegtes Geld, denn man bekommt dafür ein wunderschönes Querformat, das seitenarchitektonisch an die alten Comic-Strips erinnert, während die klare Graphik und die quietschbunten Farben (die der Comic Muntsa Vicente verdankt und die dem Handlungsort Los Angeles gerecht werden) Erinnerungen an Dave Gibbons‘ Zeichnungen für Alan Moores Meisterwerk „Watchmen“ aus den achtziger Jahren wecken. Und natürlich hat Vaughan wie jeder Szenarist seiner Generation Moores Arbeiten intensiv studiert; der reiche popkulturelle Bezugskosmos beweist es, auch wenn es fast schon etwas zu opulent losgeht, denn der tatsächlich dauerhaft anonyme Privatdetektiv, der unter dem Zeichen der Zahl Pi (für P.I., also die phonetische Abkürzung für Private Eye) seine Geschäfte betreibt, hat sein Büro mit unzähligen Reminiszenzen an die Schwarze Serie ausgestattet, und genau nach diesem Vorbild spinnt Vaughan seinen Handlungsfaden dann auch ab. „Die „League of Extraordinary Gentlemen“, für die Moore die Abenteuerliteratur des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts plünderte, lässt als Vorbild grüßen.

Recht bald haben wir die erste Leiche, natürlich eine femme fatale, und sofort wird aus dem Jäger der gejagte, sprich: der Detektiv gerät ins Visier einer dunklen Verschwörung, hinter der zwar nicht gleich ein Gegner vom intellektuellen Range eines Ozymandias (aus „Watchmen“) steht, aber doch auch ein sehr mächtiger, sehr reicher Mann. Und der Grundgedanke, der sein Tun beherrscht, hätte Ozymandias auch eingeleuchtet.

Genug verraten, den Rest muss man lesen. Eine Leseprobe gibt es nicht, den es soll ja im Netz dafür bezahlt werden. Wer das – wie gesagt: nach Gutdünken – tun will, kann es hier machen: C. Die Lektüre des Ganzen geht schnell, weil Martin von Vaughan die Lizenz zur spektakulären Inszenierung bekommen hat, die nach Manga-Vorbild auch gerne lange stumme Action-Sequenzen bietet. Da knüpfen er und Vaughan dann eher an Frank Miller an als an Alan Moore, dem es ja gar nicht textreich genug zugehen kann. Aber diese Vorbilder belegen den Anspruch, den „The Private Eye“ hat, und auch wenn die metaphysische Komponente eher schlicht bleibt, ist doch der Ausgangspunkt der Geschichte klug genug gewählt, um das Interesse beim Lesen nie erlahmen zu lassen. Und von Spannungsaufbau über die Fortsetzungen hinweg verstehen Vaughan und Martin einiges.

Da „The Private Eye“ auf Panel Syndicate übrigens nicht nur in Englisch publiziert wurde, sondern auch in Spanisch, Katalanisch, Portugiesisch und Französisch, aber nicht auf Deutsch, dürfte die Hoffnung bestehen, dass sich ein hiesiger Verlag dafür findet. Aber angesichts der aufwendigen Aufmachung ist das finanzielle Risiko groß. Also lese man lieber direkt das englische Original. Und als Buch ist es dann doch die größere Freude als im Netz.

12. Apr. 2016
von Andreas Platthaus

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04. Apr. 2016
von Andreas Platthaus
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„Individuell humorvolle Komponente“ – reicht das?

Im März sind zwei umfangreiche Geschichten von Autoren erschienen, die immer dann genannt werden, wenn es um die Zukunft des deutschen Comics geht: die Berlinerin Aisha Franz und der Leipziger Max Baitinger. Franz hat mit ihrer Kasseler Abschlussarbeit „Alien“ vor fünf Jahren fulminant debütiert, Baitinger 2013 mit „Heimdall“. „Alien“ war eine höchst private Familiengeschichte, „Heimdall“ eine freie Adaption nordischer Mythen – beide waren also so weit voneinander entfernt, wie nur denkbar. Die zwei neuen Comics führen Franz und Baitinger aber in ganz enge Nachbarschaft, und das nicht nur wegen des Publikationszeitpunkts oder in den Comicregalen.

„Shit Is Real“ ist dreihundert quadratische Seiten lang, „Röhner“ bietet 210 Seiten im Graphic-Novel-Normalformat. Schon der jeweilige Umfang beweist die Ambitionen der beiden Bände. Aisha Franz erzählt von der jungen Frau Selma, die gerade von ihrem Freund vor die Tür gesetzt wurde (Leseprobe: http://www.reprodukt.com/produkt/deutscheautoren/shit-is-real/). Über die Verlusterfahrung helfen ihr eine Reihe von Tag- und Nachtträumen, aber das alles ist weitaus assoziativer erzählt, als es zu beschreiben wäre. Wichtig ist, dass Franz ihren bewusst naiv gehaltenen Bleistiftstrich bei den Figuren verfeinert, noch mehr abstrahiert hat und bei den Hintergründen teilweise extremen Detailreichtum einsetzt. Die Panels stoßen weiterhin direkt aneinander, sind aber nun durch dicke tiefschwarze Rahmen voneinander abgegrenzt, wobei die Seitenarchitektur ständig wechselt.

„Röhner“ (Leseprobe: http://www.rotopolpress.de/produkte/roehner) verfährt nach denselben formalen Mustern. Auch Max Baitinger setzt simpel gehaltene, bei ihm extrem stilisierte, ja geradezu piktogrammatisch gehaltene Figuren vor kühl-exakte Dekors, die auch in einem Hergé-Comic gut aufgehoben werden. Auch bei ihm gleicht keine Seite der vorhergehenden, und seine Bilder bilden dieselben Panelcluster wie bei Franz. „Röhner“ erzählt von einem namenlosen jungen Mann, dessen Nachbarin, die er nur „Dings“ nennt, seine Wohnung auf ganz selbstverständliche Weise in ihr Lebensmodell miteinbezieht und dort eines Tages einen Mann namens Röhner einziehen lässt, der zwar mit dem eigentlichen Wohnungsbesitzer bekannt ist, aber von jenem abgewimmelt werden sollte.

Nicht, dass sich daraus ein psychologischer oder gar offen ausgetragener Konflikt entwickeln würde: Der junge deutsche Comic setzt auf Stimmungsphänomene, Innerlichkeit seiner Protagonisten, die so wenig aktiv werden, wie es in einer Generation, die sich vor allem der sozialen Medien als Kommunikationsmittel bedient, zu erwarten ist. Das agierende Trio in „Röhner“ ist ein autistisches, und es gibt über die Dreierkonstellation hinaus keine weiteren wichtigen Figuren. Wie auch die Welt aus „Shit Is Real“ ungeachtet einiger Massenszenen in Clubs oder Restaurants eine isolierte ist, die von Selma geradezu solipsistisch wahrgenommen wird. Diese Generation ist nicht verloren, sie sucht aber auch nicht mehr.

Baitingers Zeichenstil ist allerdings ein ganz anderer als der von Franz: Jede Individualität ist ihm ausgetrieben, nichts Skizzenhaftes ist in „Röhner“ zu finden. Man könnte an die Schemazeichnungen von Gebrauchsanweisungen denken, wenn die Abwechslung in der Bilddramaturgie und die geistvolle Variation der Comic-Codes nicht wären. Der Band wirkt manchmal wie ein Kompendium der Comic-Zeichensprache, und auf Seite 165 findet sich der Satz, der die Wirkung der Darstellungsweise von „Röhner“ am besten zusammenfasst, auch wenn er auf die Nachbarin gemünzt ist: „Ansonsten finde ich ihre Aufmachung toll. Ich finde, dass sie sehr stilsicher ist, ohne dabei eine individuell humorvolle Komponente zu vernachlässigen.“

Aber reicht das? Ist diese kühle technische Beschreibung des Erscheinungsbildes eines Menschne nicht auch das Todesurteil über einen Comic? Keineswegs, wenn man sich von dem Gedanken löst, Sympathieträger in einer Geschichte zu finden. Da ist man mit „Shit Is Real“ bei aller Irrealität seiner Handlung besser bedient. Aber auch auf die Arbeit von Aisha Franz trifft die Aussage zu, weil das scheinbar so skizzenhafte Zeichnen ein hart eingeübtes ist, das dieselben Distanzierungssignale aussendet wie Max Baitinger in „Röhner“. Beide Comics sind wie ihre Protagonisten Rührmichnichtans, was nicht heißen soll, dass man sie nicht lesen sollte. Im gegenteil: Es sind exemplarische Fälle für eine Bildsprache und einen Tonfall, den es im deutschen Comic noch nicht lange gibt und der uns noch lange begleiten wird. Dass Franz bei Reprodukt und Baitinger bei Rotopol verlegt wird, ist kein Zufall. Dort sind mit Sascha Hommers und Anne Haifischs Comics bereits weitere stilbildende Werke dieser Richtung vertreten. Kann man diesen Stil auf einen Begriff bringen? Im Film würde man von „Mumblecore“ murmeln. Eine weniger affektiert diskutierte Kunstform wie der Comic braucht aber eine klare Bestimmung. Mein Vorschlag ist: „deutsche Coolness“. Was den Vorteil hätte, das wir ironisch von DC-Comics sprechen könnten. Denn ganz ohne Witz ist diese Erzählform reizlos. Das ist übrigens das Risiko, dass Aisha Franz im Auge behalten muss. Baitinger dagegen ist in der Lakonie seiner Bilder und Texte sehr lustig; er kommt fast an Nicolas Mahler heran.

 

04. Apr. 2016
von Andreas Platthaus
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