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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Sensationelles Format aus Übersee

Nach dem Schock, den die Nachricht vom Ende des werktäglichen "Strizz"-Comics vielen Lesern gestern versetzt hat, nun frohe Kunde in anderer Sache. Aus Amerika hat den Autor ein Buch erreicht, das auf prachtvollste Art und Weise einen Klassiker der Comic-Geschichte präsentiert: "Little Nemo in Slumberland". Messen Sie aber vor etwaigen eigenen Bestellungen Ihren Briefkasten aus, oder warnen Sie die Nachbarn vor!

Gestern empfing mich im Briefkasten die Mitteilung meines freundlichen Nachbarn, daß er ein Paket für mich angenommen habe. Mein Briefkasten ist nicht besonders groß, somit passiert das recht häufig. Doch ein Paket von den Ausmaßen, wie es mir gestern ausgehändigt wurde, kommt nur selten an. Um nicht zu sagen: nie. Es maß – denn vor dem Öffnen habe ich es aus Interesse überprüft – siebzig Zentimeter in der Höhe und fünfundvierzig in der Breite, kam aus Amerika und sollte der Zollerklärung gemäß nur ein einziges Buch enthalten. Das heißt bei mir: einen Comic.

Als Absender konnte ich Strand’s Bookstore in New York ausmachen. Ja, den kannte ich. In einer Zeit, als es noch kein Internet gab, hatte ich ihn während eines Amerika-Aufenthalts aufgesucht, weil ein guter Freund mit aquaristischen Neigungen ein spezielles englischsprachiges Buch suchte: “Fiddler Crabs of the World”. Er wußte nur um dessen Existenz, gesehen hatte er es noch nie. Strand’s wurde mir empfohlen als größter Buchladen der Stadt.

Obwohl das stimmte, fand ich das Buch sofort. Es lag stapelweise vor einem Regal mit vielfältiger Fischliteratur, an das mich ein Angestellter verwiesen hatte, dessen Gedächtnis und Orientierungsvermögen ich bis heute zu preisen pflege. Es wog mindestens fünf Kilo und hat meine Rückreise nach Deutschland nicht unerheblich erschwert – das darf man wörtlich nehmen. Konnte es sein, daß meine Daten als Käufer eines Winkerkrabbenbuches anderthalb Jahrzehnte lang in New York aufbewahrt worden waren, um mir jetzt einen Bildband zum Thema zuzusenden? Viel leichter als das damalige eher kompakte Format fiel das Paket auch nicht aus.

Doch es war natürlich doch ein Comic, und was für einer! Winsor McCay war einer der Pioniere des Comic-Strips, und von 1905 an zeichnete er seine berühmteste Serie, “Little Nemo in Slumberland”, den Inbegriff des Jugendstils im Comic. Die einzelnen Folgen erschienen jeweils sonntags als ganze Zeitungsseiten in hochwertigem Druck, und natürlich paßte sich McCay diesen optimalen Arbeitsbedingungen an und gestaltete deshalb immer prachtvollere Blätter. Mit großen Unterbrechungen und teilweise auch unter dem Titel “In the Land of Wonderful Dreams” erschien seine Serie bis 1926.

Zum hundertjährigen Jubiläum der ersten Folge war in den Vereinigten Staaten ein Buch erschienen, das mehr als hundert Einzelblätter dieser Serie nachdruckte – zum ersten Mal im Originalformat, also zeitungsseitengroß, dazu aufwendig farbrestauriert, ohne aber den spezifischen Charme des frühen Farbdrucks zu beseitigen. So hatte ich es neidvoll gelesen. Gesehen hatte ich das Buch nur einmal: in Brüssel, wo es unerreichbar hoch auf einem Regal hinter der Kasse eines Bilderbuchladens stand. Doch man staunte selbst aus gewissem Abstand darüber, wie groß dieses Buch war. Und wie hoch der Preis. Dann gewann es in Amerika wichtige Auszeichnungen, und als ich es doch noch bestellen wollte, war es längst vergriffen. Bei Ebay tauchten manchmal Exemplare auf, für Preise, die sich gerne auf die vierhundert Dollar zubewegten. Gekostet hatte es ursprünglich um die hundert.

Dann stieß ich eines Tages auf eine weitere Ausgabe aus demselben Verlag – Sunday Press heißt er -, und die bestellte ich diesmal sofort: ein Nachdruck von Sonntagsseiten meines Lieblings-Comic-Strips “Gasoline Alley”. Allerdings unter dem Namen “Walt & Skeezix”, weil die schuftige Zeitung “Chicago Tribune” als Rechte-Inhaberin des Originaltitels den nicht für den Nachdruck freigegeben hatte. Egal. Auch diese Seiten waren wieder im Original-Zeitungsformat reproduziert, und ein größeres Buch habe ich nicht in meinem Besitz (“Zettels Traum” ist zwar schwerer, aber deutlich kleiner). Es ist vierundsechzig Zentimeter hoch und vierzig Zentimeter breit. Kaum war es ausgelesen, bestellte ich das darin annoncierte Buch mit Nachdrucken des Comic-Strips “Little Sammy Sneeze”, auch er von Winsor McCay und das größte Unikum der Comic-Geschichte (ein kleiner Junge niest in jeder Folge so stark, daß die schlimmsten Dinge passieren). Allerdings war dieser Band mit gerade einmal halber Größe des “Walt & Skeezix”-Buches fast enttäuschend, aber “Little Sammy” wurde 1904/05 tatsächlich nur auf einer halben Zeitungsseite abgedruckt.

Und dann stieß ich vor einigen Wochen beim amerikanischen Amazon auf einen zweiten Sunday-Press-Band von “Little Nemo in Slumberland”, angeblich mit denselben Qualitäten wie der erste, aber als Inhalt 120 andere Folgen. Daß ich nicht bei Amazon selbst bestellte, hatte ich gar nicht gemerkt, und so belieferte mich Strand’s (und ich war doch noch so überrascht angesichts des günstigen Versandpreises). Machen wir es kurz: Nach Beseitigung der Papphülle erwies sich der zweite Band “Little Nemo” zwar als nicht größer als die Ausgabe mit den Sonntagsfolgen von “Gasoline Alley”, aber als deutlich umfangreicher, und schon die erste Seite, die ich wahllos aufschlug, bot die atemraubende Szenerie eines Feuerwerks am amerikanischen Unabhängigkeitstag, erschienen am Sonntag, den 4. Juli 1909. Über die sonstigen Schätze des Bandes will ich gar nicht erst schwärmen, aber immerhin sei für Kino-Liebhaber oder gar spezielle McCay-Fans erwähnt, daß genau zu der Zeit, als der Zeichner an seinem epochemachenden Zeichentrickfilm “Gertie, the Dinosaur” arbeitete, also 1913, eine auffallend große Zahl von Comicseiten erschien, in denen Little Nemo auf Saurier traf. Und die sehen, wie wir ja von der Kinoleinwand her wissen, desto besser aus, je größer sie vorgeführt werden. Was für ein Buch!

Übers Blättern war es Nacht geworden, und zu später Stunde bemerkte man denn auch den Nachteil des Überformats: Es im Bett zu lesen, ist unmöglich. Und ein passendes Regal gibt es selbstverständlich auch nicht. So werden sich “Walt & Skeezix” und “Little Nemo” erst einmal selbst gegenseitig stabilisieren müssen. Lange werden sie nicht in derart trauter Zweisamkeit verharren müssen, denn dem zweiten “Little Nemo”-Band ist zu entnehmen, daß der erste mittlerweile neu aufgelegt worden sein muß. Die nächste Post von Strand’s wird mich dann vorbereitet treffen. Und meinen guten Nachbarn auch.

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