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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Klickeradoms: Kitsch as Kitsch can

Der Spanier Miguelanxo Prado gilt als einer der ambitioniertesten europäischen Comic-Zeichner. Seinen charakteristischen malerischen Stil hat er nun zur Grundlage eines Trickfilms gemacht, bei dem er auch selbst Regie führte: "De profundis". Doch das gleichnamige Buch, das wiederum aus dem Film entstanden ist, schadet mit prätentiösem Erzähltun und beliebiger Bildauswahl dem Ruf des Künstlers.

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Hinten im Buch steckt eine DVD, die den Trickfilm enthält, der nach der Geschichte gedreht worden ist. Er ist 75 Minuten lang, und so lang kommt einem unglücklicherweise auch der Comic vor, obwohl man ihn bequem in einer halben Stunde lesen kann, denn es handelt sich eher um ein Bilderbuch, wo jedem Motiv ein paar Zeilen beigegeben sind, die eine melancholische Seegeschichte erzählen: In einem geheimnisvollen Haus mitten im Meer leben eine Cellospielerin und ein Maler, letzterer erleidet eines Tages Schiffbruch und ertrinkt, wird aber von einer schönen Nixe, die sich auch schon in seinen Bildern immer wieder porträtiert fand, durch die Unterwasserwelt geführt und schließlich in einen Wal verwandelt, so daß Musikerin und Maler doch noch über die gemeinsame Liebe zum Meer vereint bleiben.

Wie man sieht, reicht ein Satz, um das Buch „De Profundis“ und den gleichnamigen Film zusammenzufassen. Dagegen ist gar nichts zu sagen, denn man kann auch den „Ulysses“ in einen – noch weitaus kürzeren – Satz packen (Anzeigenvertreter geht einen Tag lang durch Dublin). Worauf es ankommt, ist die erzählerische Kraft des jeweiligen Buches – egal, ob in der Belletristik, im Kino oder im Comic. Und da steht es um den Film schon nicht wirklich gut, und um den Comic noch weniger.

Dabei ist, um endlich auch etwas zum Autor zu sagen, kein Geringerer am Werk als der Spanier Miguelanxo Prado, also einer der anerkannten europäischen Comic-Großmeister. Er hat sowohl den Film gedreht als auch den Comic geschrieben und gezeichnet – natürlich beides in seinem unverkennbaren malerischen Stil. Im Film funktioniert das allerdings weitaus besser, wohl auch deshalb, weil das Ganze auf eine Serie von Gemälden Prados zurückgeht, um die herum dann der Trickfilm entstanden ist. Die bewegten Bilder lassen, auch wenn sie nicht selten Aktionen einfrieren oder extrem verlangsamen (was den Unterwasser-Dekors recht schön entspricht), die Vorlage vergessen, weil Prado hier eine eigenständige Ästhetik verfolgt, die zudem dadurch gestärkt wird, daß es keine Dialoge im Film gibt, sondern nur Musik. Der galizische Komponist Nani García hat einen durchgehenden symphonischen Score geschrieben, der mit seiner reichen Instrumentierung und dem ruhigen Fluß der Melodien die Stimmungen der Szenen perfekt aufnimmt. Dadurch sieht man über das Gefällige der größtenteils meeresgrün getönten Bilder und die ziemlich prätentiöse Geschichte hinweg.

Doch das alles geht im Comic nicht, Musik ist eben off limits.  Also muß erzählt werden, was die Klänge im Film klar machen, und da hapert es erheblich. Denn Prado hat einen mythischen Ton für seine Erzählung gewählt, den Joaquim Balada Hartmann zwar auf passende Weise ins Deutsche gebracht hat (wenn auch eine Haarfarbe, die als der Tönung von „faßgelagertem Rotwein“ gleichend beschrieben wird, nicht richtig glücklich klingt, gerade weil diese Formulierung wörtlich übertragen wurde), doch die Allegorien, Metaphern und sogar die Beschreibungen sind generell so gesucht, daß sich kein Lesevergnügen einstellt, sondern vor allem Verärgerung über den überambitionierten Tonfall. Das ist bedauerlich, weil das querformatige Buch schön produziert ist – wie ja beim sonst generell genau richtig ambitionierten Verlag Salleck Publications auch kaum anders zu erwarten.

Doch hier hat er sich vom großen Namen blenden lassen. Schon der Titel ist unglücklich, weil ja auch Oscar Wilde einen Text „De profundis“ geschrieben hat, dessen Name geradezu zur Genrebezeichnung für autobiographisch-literarische Rechtfertigungen geworden ist. Damit hat nun Prados Buch „von der Tiefe“ gar nichts zu tun, aber die Assoziation wird man nur schwer los. Zudem betreibt das Comic-Album Resteverwertung. Es enthält nämlich meist Filmstills aus „De Profundis“, und daß die Adaption eines Trickfilms auf diese Weise nicht überzeugen kann, hätte seit „Tim und der Haifischsee“ bekannt sein müssen – also seit mehr als drei Jahrzehnten. Filmbilder sind nun einmal nicht als singuläre Panels konzipiert, auch wenn Sie jeweils einzeln gezeichnet wurden. Natürlich hat Prado überdies nur die wichtigsten Motive selbst gemalt, der weitaus größte Teil der Filmbilder stammt vom Animationsteam um Victor Galdón. Einige stammen zwar zweifellos von Prado selbst, wie etwa das Auftaktbild des Buchs, das sich im Film gar nicht findet, und es gibt auch einen Anhang mit Skizzen zur maritimen Szenerie. Würde man also den Bildband „De Profundis“ als Artbook zum Film vermarkten, möchte das angehen. Da aber niemand in Deutschland den Film kennt, der Name Prado dagegen unter Comic-Kennern immer noch einen guten Ruf hat, wurde die Publikationsform einer selbständigen Geschichte gewählt. Das könnte den Ruf Prados aber eher schädigen.

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