Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Die große Wirkung eines kleinen toten Vogels

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Einer der schönsten Comics des Jahres 2008 "Der alltägliche Kampf" des französischen Zeichners Manu Larcenet. In ihm steckt ein Reichtum an Menschenkenntnis und Klugheit, der diese Geschichte zu einem der großen literarischen Meisterwerke macht - auch hinsichtlich der Vorbilder, denen Larcenet nacheifert.

Einen der besten Comics des Jahres 2008 las ich erst am Silvestertag: den vierten Band der Serie „Der alltägliche Kampf“ (Reprodukt Verlag). In Frankreich ist die Reihe seit ihrem Start vor mittlerweile sechs Jahren einer der größten Erfolge bei Publikum wie Kritik. Ihr Zeichner Manu Larcenet erzählt in „Le Combat ordinaire“ (so der Originaltitel) vom Leben des Fotografen Marco, der sich aufs Land zurückzieht, dort seine Frau findet und eine Familie gründet – in der Tat ein recht gewöhnlicher Kampf. Doch durch dieses private Geschehen zieht sich als subtiler Kommentar zum gesellschaftspolitischen Geschehen unserer Tage die Geschichte der Werft, auf der Marcos Vater gearbeitet hat. Im ersten Band stirbt der Vater, und in allen vier Bänden stirbt die Werft.

Marco ist als Jugendlicher vor diesem Arbeitgeber geflohen, und doch spürt er immer mehr, wie seine eigene Geschichte mit dem Unternehmen verknüpft ist, das da vor die Hudne geht: über die Freunde des Vaters, die ihm wie weitere Väter waren, über die Region, die von der Werft abähngig ist, über Marcos soziales Engagement, das er nun enfaltet, um zu retten, was zu retten ist. Der Fotograf dokumentiert den Niedergang, die Streiks und schließlich den Abriß. Das ist eine Szene, die ähnlich intensiv nur bei dem französischen Zeichner Baru zu lesen war, der in seinem Band „Autoroute de Soleil“ schon in den neunziger Jahren den Abriß der lothringischen Erzfördertürme zum Ausgangspunkt einer großen Comic-Erzählung machte.

Ich will über die Qualitäten von „Ein gewöhnlicher Kampf“ gar nicht viel Worte verlieren; das muß man einfach selbst lesen. Was mich jedoch bei der Lektüre ungewöhnlich faszinierte, war die Parallele zu Baru und zu einem weiteren Comic, der auf den ersten Blick weit entfernt von Larcenets Serie ist: „Calvin & Hobbes“, der berühmte, von 1985 bis 1995 gelaufene Zeitungscomic des amerikanischen Zeichners Bill Watterson. In Larcenets neuem Band findet Marcos kleine Tochter Maude einen toten Specht im Wald.

Bild zu: Die große Wirkung eines kleinen toten Vogels

Natürlich ist das Geschrei groß, und die Eltern müssen dem Kind den Tod und das Leben erklären, ehe der Vogel feierlich begraben wird. Diese Episode, keine zwei Seiten lang, gleicht auf verblüffende Weise einer Sonntagsfolge von „Calvin & Hobbes“, in der Watterson ein Erlebnis aus seinem eigenen Leben in die Serie eingearbeitet hat. Als der Zeichner einmal einen toten Vogel fand, skizzierte er ihn („Drawing is a way for me to muse about the nature of things“, schreibt er dazu) und setzte das realistische Bild an den Beginn der eher karikaturesk gezeichneten Comic-Folge. Deren Helden Calvin und Hobbes, ein kleiner Junge und dessen Stofftiger, finden dann das tote Tier und stellen Überlegungen zu dessen Schönheit und dem Wunder des Lebens an, ehe sie auf dem letzen Bild still unter einem Baum liegen. Es ist in ihrer Ruhe eine ganz typische Watterson-Folge: Auf diese Weise brachte er einen Erzählton in die Comics, den es vorher kaum gegeben hatte – am ehesten wohl noch in „Gasoline Alley“ von Frank King, einem Strip, der 1918 begründet wurde und zu den erklärten Vorbildern von „Calvin & Hobbes“ zählt.

Woran es der Beschäftigung mit Comics immer noch mangelt, sind vergleichende Betrachtungen, die individuelle Einflüsse, Anspielungen und Themenentwicklungen nachweisen. Larcenets Bericht von dem toten Specht mag ja gar keine bewußte Hommage an Watterson sein. Aber ohne die intime, private, liebevolle Erzählweise, die in dem amerikanischen Comic „Calvin & Hobbes“ entwickelt wurde, wäre eine französische Geschichte wie „Der gewöhnliche Kampf“ undenkbar. Daß sich die großen Themen der Menschheit am besten in den kleinen Abenteuern der Kinder spiegeln lassen, ist keine neue Erkenntnis. Aber sie wurde nur selten fruchtbar gemacht für große Kunst. Und das ist es, was Bill Watterson und Manu Larcenet hervorbringen: große Kunst. Geschickter und ergreifender als sie erzählt kaum jemand. Und dieses Urteil ist keineswegs auf das Feld der Comics beschränkt.

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2 Lesermeinungen

  1. <p>Heute bei schönstem...
    Heute bei schönstem Samstagwetter am Main endlich dazu gekommen, den ersten Band zu lesen. Habe mir die Schuber-Ausgabe mit allen 4 Alben besorgt, aufgrund Ihrer Besprechung und der Empfehlung des Comichändlers meines Vertrauens. — Bin immer noch ganz ›weich‹ im Gemüt von dem beeindruckenden Leseerlebnis, welches »Der alltägliche Kampf« mir bot. Ist soooo gut, dass ich mich zwinge, die vier Bände nicht so schnell wie geht wegzulesen, sondern zu warten, bis ich wieder so einen schönen Sonnentag bei Enten und Schwänen verbringen kann, um weiterzulesen.

  2. <p>Wohl wahr. Schöner Artikel...
    Wohl wahr. Schöner Artikel von einem sonst eher stiefmütterlich behandelten Thema. Und natürlich: Danke für den Tip(p).

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