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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Linientanz mit Edelgasen: Der deutsche Nachwuchsanimator Frank Josten

Deutsche Animatoren sind international sehr erfolgreich - nicht zuletzt auch dank der vielen Hochschulen, an denen man das Gewerbe erlernen kann. Doch was passiert, wenn der eigene Stil nicht auf akademische Gegenliebe stößt? Frank Josten kann ein Lied davon singen, obwohl seine Trickfilme auf die schönste Weise umsetzen, wofür die Bezeichnung "Animation" steht.

Als ich vergangenen Herbst in Dortmund Robert Crumb traf, saß mir bei der abendlichen Runde nach Crumbs Vortrag ein junger Mann gegenüber, der sich alsbald als Animator entpuppte. Frank Josten heißt er, hat in Essen an der Folkwang-Schule studiert und interessiert sich natürlich auch für Comics. Obwohl – so natürlich ist das für einen Animator gar nicht. Und umgekehrt gibt es auch genug Comic-Fans, die nichts vom Trickfilm verstehen. Muß man auch nicht, denn dann vermeidet man zumindest schon einmal den gängigen Fehler, Animationsarbeiten als Comics zu bezeichnen.

Für mich gehört beides zwar nicht unmittelbar zusammen, aber es gibt viel zu viele Berührungspunkte, als daß ich guten Gewissens den Trickfilm mißachten könnte. Ohne Walt Disney gäbe es keinen Donald Duck von Carl Barks und Erika Fuchs, ohne „Little Nemo in Slumberland“ von Winsor McCay nicht dessen famosen Kurzfilm „Gertie the Dinosaur“ aus dem Jahr 1914, und mir sehr liebe Zeichner wie Moebius oder Joann Sfar betreiben selbstverständlich beide Metiers, wenn auch erfreulicherweise immer noch mit deutlichem Übergewicht bei den Comics. Es ist eben doch einfacher, seine graphischen Träume auf einer Buchseite zu verwirklichen als in einem Film. Zeichner sind Künstler, und die arbeiten nun einmal meist am liebsten allein. Nur mit Miyazaki Hayao hat der Comic einen wirklich großen Künstler an den Film verloren.

Dennoch: Von Zeit zu Zeit werde ich diesen Blog auch dazu nutzen, mich der Animation zuzuwenden. Worüber sollte ich sonst auch zum Beispiel im Februar während der Berlinale schreiben, den mutmaßlich einzigen zehn Tagen im Jahr, an denen ich keinen Comic lesen werde? Und daß doch noch die Verfilmung von Alan Moores „Watchmen“ ihre Deutschland-Premiere dort erleben wird, scheint mit mittlerweile unwahrscheinlich.  Wenn doch, dann gäbe es natürlich einiges darüber zu schreiben.

Aber heute soll es um Frank Josten gehen. Was er mir in Dortmund erzählte, wirft kein gutes Licht auf die Ausbildung deutscher Animatoren. Selbst an einem bezüglich der Avantgarde so traditionsreichen Institut (man verzeihe mir die sowohl umständliche als auch leicht paradoxe Formulierung) wie der Folkwang-Hochschule scheint die Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Wegen gering zu sein. Nun neige ich nicht dazu, jede Klage enttäuschter Zeichner für bare Münze zu nehmen, aber Josten berichtete so anschaulich von der Verweigerung seiner Lehrkräfte, die von ihm eingereichten Arbeiten auch nur mit ihm zu diskutieren, daß ich neugierig wurde auf das, was denn da so verschreckt haben sollte. Und ich bat ihn, daß er mir doch einmal etwas von seinen Arbeiten schicken möge.

Mittlerweile bin ich seit einigen Wochen im Besitz einer DVD, die gleich drei Kurzfilme aus der feder von Frank Josten enthält, von anderthalb bis sieben Minuten Länge, alle beinahe im Alleingang hergestellt (beim Ton wurde bisweilen von anderen geholfen) und durchweg schwarzweiß animiert. Aber das schadet gar nicht, denn Josten, auf dessen Homepage frankjosten.com sich anhand von 78 einzelnen Arbeiten die immense stilistische Breite des 1977 geborenen Zeichners überprüfen läßt, hat für seine Filme ganz auf eine Kombination von Kreisformen und Linien gesetzt, die schnell mit dem Kohle- oder Bleistift angelegt werden kann. Vor allem die Zeichnungen der russischen Suprematisten fallen mir dazu ein, denn die auf geometrische Formen und Bewegungen reduzierten Szenen weisen eine teilabstrakte Qualität auf, die eindeutig Elemente dieses Sonderwegs der Moderne zitiert. Das Tempo der Filme ist hoch, die Bewegung hastig, aber das kommt der schlichten Linienästhetik sehr zupaß. Was daran deutsche Lehrkräfte verstören mag – ich weiß es nicht zu sagen.

Allerdings ist da der, nennen wir es: Hauptfilm: „6^5“ betitelt und ein Trickfilm, der sich Edelgase zu seinen Protagonisten gewählt hat. Das klingt seltsam, ist es aber gar nicht, wenn man nur einmal hört, was für klangvolle Namen die Figuren somit tragen: Radon, Argon, Krypton, Xenon, Neon und Helium. Klingt besser als Ralf, Andrea, Karsten, Xantippe, Nena oder Helmut. Und vor allem gestattet der chemische Aufbaun der sechs Gase die Übernahme von deren Atomstruktur als Charakteristika der Figuren, also der runde Kern als Kopf und dazu die auf elliptischen Bahnen darum kreisenden Elektronen, mit denen man schöne plastische Effekte erzielen kann. Das Helium als leichtestes der Gase verliert in einem Sturm eines seiner Elektronen, wodurch das Geschehen des Films in Gang kommt – ein kleiner Geniestreich zwischen Lehrfilm und tänzelnder Phantasie.

Aber niemand will den Film haben, neben der Hochschule auch kein Festival. Natürlich schreckt das Thema ab, aber nach dem Besichtigen sollte man doch leicht verstehen, wie geschickt hier von Josten gearbeitet wurde. Ein paar selbst hervorgebrummte und -gepfiffene Geräusche machen die modellierte Gaswelt noch vitaler, und wenn es denn der vom Namen verbürgte Anspruch von „Animation“ sein soll zu beleben, dann ist das hier vorbildlich umgesetzt. Aber klar: Auf einen Blick zugänglich ist „6^5“ nicht, und wer hat schon Zeit, sich ein paar Mal für jeweils sieben Minuten Film hinzusetzen?

Ich hatte sie dank der Feiertage, und ich habe keine Minute bereut.  Selbst wenn man am Edelgas-Film keine Freude finden sollte, ist die Schemen- und Linienkunst der anderen Werke „Radius“ und „Flicker“ eine vielversprechende Visitenkarte für einen Mann, der sein Metier im buchstäblichen Sinne versteht. Seine Akteure sind Strichmännchen, aber sehr lebendige, und bisweilen wirken sie dann wieder wie Automaten, die von körpereigenen Transmissionsriemen angetrieben werden. Und daß Josten mit Kreisen und Linien noch viel mehr zeichnen kann als abstrahierte Szenen, das zeigt das hier drunter stehende, in bester Animations-Tradition gestaltete Porträt von mir, die Frank Josten seiner DVD-Sendung beigelegt hatte. Skizziert hat er mich in Dortmund nicht, soweit ich mich erinnere. Dieser Zeichner hat also offenbar auch noch ein gutes Gedächtnis.

Bild zu: Linientanz mit Edelgasen: Der deutsche Nachwuchsanimator Frank Josten

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