Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Kanonen- und Zeitungsfutter: Der Erste Weltkrieg mit Tardi

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Das Lebensthema des französischen Zeichners Jacques Tardi ist der Erste Weltkrieg. Nun erscheint zunächst als kapitelweiser Vorabdruck sein neuester Comic dazu: "Putain de guerre!". Und Tardi macht diesen "Scheißkrieg" bis ins kleinste Detail nicht nur sichtbar, sondern er läßt ihn uns spüren.

„Und der Krieg ging weiter…“ Diese Bemerkung steht über einer Kraterlandschaft, die nichts Irdisches an sich hat, doch daß es sich nicht um den Mond handelt, hat Jacques Tardi dadurch bitter klargemacht, daß er den Vollmond darüber setzt. Es sind die Schlachtfelder des Grabenkriegs von 1916, die er hier gezeichnet hat. Durchwühlt sind sie und menschenleer, denn wer sollte hier überleben? Im Bild darüber ist gleichfalls kein einziger Soldat zu sehen, nur ein Berg leerer Geschützmunition, die man im Bild, das wiederum darüber steht, in der Fabrikationshalle einer Waffenfabrik betrachten kann. So geht der Weg des Krieges: vom Fließband zur Geschützbatterie aufs Schlachtfeld. Und am Schluß sind nicht einmal mehr Spuren menschlichen Lebens zu registrieren. Oder irgendwelchen Lebens sonst.

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Dieses Bild der vernichteten Landschaft hat Tardi zeit seines Lebens verfolgt, seit der 1948 geborene Zeichner erfahren hatte, daß sein Großvater einer der poilus, der gewöhnlichen Soldaten in den Gräben des Ersten Weltkriegs war, aber nicht darüber reden wollte. Das tat dann die Großmutter, und der Vater berichtete von seinen Erlebnissen als Kriegsgefangener der Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Doch Jacques Tardi kehrt immer wieder zu den Bombentrichtern der Jahre von 1914 bis 1918 zurück, zu den trous d’obus, wie sie auf französisch heißen und wie auch der Titel eines großformatigen Bandes lautet, den der Zeichner 1984 publizierte – inklusive eines Ausschneidebogens, in dem man sich sein eigenes Weltkriegs-Papiertheater bauen kann. Karl Kraus hätte nicht bösartiger sein können.

In den Jahren zuvor hatte Tardi schon in etlichen feldgrau gehaltenen Kurzgeschichten andere Schützengraben-Geschichten erzählt, eine hoffnungsloser als die andere. Sie sind komplett als „C’était la guerre des tranches“ 1981 erschienen, und es dauerte noch zwanzig Jahre, bis der Band als „Grabenkrieg“ endlich auch auf Deutsch herauskam. „Le trou d’obus“ wartet darauf immer noch, es ist der einzige Comic-Band Tardis, der bislang nicht übersetzt wurde.

Heute ist Jacques Tardi neben Jean Giraud alias Moebius der höchstangesehene französische Comic-Zeichner. Der Erste Weltkrieg blieb immer seine Passion – in jedem Sinn des Wortes. Seine Nachwirkungen waren der Antrieb für die Bände der Serie um die Detektivin Adèle Blanc-Sec und für den Band „Den letzten beißen die Hunde“. Der Krieg selbst aber verschwand aus seinen Bildern. Doch nachdem Tardi vor fünf Jahren eine vierbändige Geschichte zum Kampf der Kommune von 1871 gezeichnet hat, ist der Zeichner nun, pünktlich zu den neunzigsten Jahrestagen von Waffenstillstand und Versailler Vertrag, noch einmal zurückgekehrt zu seinem Lebensthema: dem Sterben in den Schützengräben der grande guerre. Gemeinsam mit dem Historiker Jean-Pierre Vernay hat er im vergangenen Herbst den Band „Putain de guerre!“ (Scheißkrieg) begonnen, der im Frühjahr unter dem eingängigeren Titel „1914-1919″erscheinen soll.

Er wird sich in fünfzehn- oder sechzehnseitigen Kapiteln, die jeweils von einem der fünf Kriegsjahre und dem Nachkriegs-, aber noch nicht Friedensjahr 1919 erzählen, den Erlebnissen eines französischen Soldaten widmen, dessen Tagebuchaufzeichnungen den einzigen Text der Comic-Bilder bieten. Es gibt keine Sprechblasen (außer einmal einem großen Fragezeichen über einem bei Verrichtung seiner Notdurft von einer französischen Patrouille überraschten Deutschen), ja nicht einmal Geräusche, es gibt nur die Stimme, die uns vom subjektiven Blick auf den Krieg erzählt: vom Marschieren und Krepieren, vom Horror des Granatenbeschusses und von den kleinen Atempausen des Fronturlaubs.

Zurzeit herrscht auch in der Erzählung eine solche Atempause, aber eine des Todes. Denn „Putain de guerre!“ wird vorabveröffentlicht, und nach Abschluß des dritten Kapitels, dem zum Jahr 1916 mit seiner Mondlandschaft als Endbild, ist es, als müßte Tardi nun selbst erst einmal Fronturlaub vom Zeichenbrett machen. Als dieser Teil im November publiziert wurde, kündigte er an, die nächste Folge komme erst im Februar 2009 heraus.

Tardi hat für die stückweise Voraus-Publikation eine Form gewählt, die er 2006 für sich entdeckt hatte, als er seinen Comic „L’Etrangleur“ (Der Würger) zeichnete. Auch den ließ er in Partien vorabdrucken, und dafür gab der Zeichner eine eigene regelmäßig erscheinende Zeitung heraus, die jeweils vierzehn Comic-Seiten enthielt und von eigens gestalteten Titel- und Rückseiten geschmückt war, die im Stil der späten fünfziger Jahre, also der Zeit der Handlung, gehalten sind. In fünf Ausgaben wurde damals der komplette Comic abgedruckt, und der Erfolg dieser neuen Idee war so groß, daß Tardi seitdem seine neuen Alben immer wieder auf diese Weise vorveröffentlicht: Erst 2007 kam der neueste Band der „Adèle“-Reihe in drei Zeitungsfortsetzungen heraus, und nun passiert es eben mit „Putain de Guerre“ in insgesamt sechs Ausgaben. Tardis Leser kommen so nicht nur billiger an die ganze Geschichte, sondern es werden ihnen auch spezielle Zeichnungen und Texte geboten, die nur in den Zeitungen erscheinen. So ergänzt der Historiker Verney die einzelnen gezeichneten Jahreskapitel um eine geschichtswissenschaftliche Schilderung der Kriegsereignisse. Jedes Jahr wird in seinem militärischen Verlauf nachvollzogen, und viele Beobachtungen in den Bildern des Comics werden dadurch erst in ihrer Bedeutung klar.

Setzte Tardi im Kapitel zu 1914 noch auf bunte Farben, wird die Darstellung bereits für das Jahr 1915 abgedunkelt und fast nur noch durch Rot- und Blautöne ergänzt, und nun, 1916, herrscht überwiegend wieder jenes schmutzige Grau, das wir aus den früheren Tardi-Comics zum Ersten Weltkrieg kennen. Die Seitenarchitektur ist so monoton, wie das Gemetzel es war: jeweils drei seitenbreite Panels übereinander. Aber nicht selten nutzt Tardi die Doppelseiten zu spektakulären Korrespondenzen, etwa im Kapitel zu 1914, wenn ein Angriff der Franzosen links aus deutscher und rechts aus französischer Perspektive geschildert wird. Da spielt sich der Krieg noch in Wäldern und Feldern ab – in idyllischen Landschaften, von denen im Laufe der Zeit immer mehr verschwindet, bis nur noch die Krater übrig bleiben.

In seiner formalen Strenge entsteht also derzeit ein Comic, der einem von Tardi geradezu manisch bearbeiteten Thema noch einmal ganz neue Seiten abzugewinnen versteht: inhaltlich wie ästhetisch. Daß man in den Zeitungen zu „Putain de Guerre!“ diese Entwicklung verfolgen kann, ist ein großes Privileg. So simuliert Tardi sogar die Ungewißheit über den Fortgang, die sich in allen privaten Quellen der Kriegsjahre findet. Er erweist sich mit dieser Geschichte wieder als ein Genie seines Genres. Und wir müssen sagen: Wir sind dabei gewesen.

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1 Lesermeinung

  1. <p>Vielen Dank für diesen...
    Vielen Dank für diesen Beitrag über Tardi, Herr Platthaus. Sie machen mir den Mund wässrig und ich hoffe, dass in absehbarer Zeit diese Reihe über den 1. Weltkrieg auch auf Deutsch erscheint. Bis dahin können wir ja gespannt dem für dieses Jahr angesetzten Abschlussband von »Adeles Ungewöhnlichen Abenteuern« entgegen fibbern.

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