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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Die Skepsis sitzt tief: Warum sich Zeitzeugen vor Comics fürchten

Ältere Generationen können Comics gemeinhin wenig abgewinnen. In Wiesbaden soll jetzt versucht werden, Jugendliche Comics zeichnen zu lasssen, die auf Erlebnissen von Menschen aus dem Dritten Reich beruhen. Doch die Zeitzeugen haben Bedenken, weil sie Angst haben, daß man ihre Erinerungen ins Lächerliche zieht.

Gestern abend hielt ich im Jüdischen Museum der Stadt Frankfurt einen Vortrag über Geschichtserzählungen im Comic, also über die Möglichkeit, mittels Bildergeschichten historische Ereignisse zu verarbeiten. Das Ganze war natürlich Teil des Rahmenprogramms zur Ausstellung „Superman und Golem“, die noch bis in den März hinein dort läuft. Bewundersnwert waren aber gestern vor allem die Besucher, denn das Jüdische Museum war eine Insel der Ruhe inmitten der chaotischsten Straßenverhältnise, die man sich denken kann. Überfrierende Nässe, Feierabendverkehr und eine große Demonstration gegen die Bildungspolitik des Landes Hessen sorgten für Staus, die durchaus ihren Platz im Verkehrsfunk verdient gehabt hätten.

Ich kam mit der U-Bahn, hatte also keine Probleme. Das kann man von meinen Zuhörern nicht sagen. So lief der anfangs gut gefüllte Raum immer voller, bis er erst ganz ge- und dann gar überfüllt war, so daß schließlich ein paar Gäste vom Treppenhaus aus lauschen mußten. Pünktlich indes war ein junger Mann, der mich bereits im Aufzug ansprach und fragte, ob ich irgendetwas mit dem Abend zu tun hätte. Das konnte ich guten Gewissens bejahen. Die Erkundigung allerdings, ob er im Museum Flugzettel auslegen dürfe, stieß bei mir nicht auf große Entscheidungsfreude; ich kenne die Hauspolitik des Jüdischen Museums in solchen Fragen nicht. Und ich war gerade anderweitig konzentriert, so daß ich keine Muße hatte, den Zettel durchzulesen.

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Das tat ich nach dem Vortrag, und die darauf vorgestellte Idee schien mir gut. In Wiesbaden soll im März ein Comic-Zeichenkurs beginnen, der vom dortigen Stadtjugendring organisiert wird und sich anläßlich einer Anne-Frank-Ausstellung einem zeitgeschichtlichen Thema widmen soll. Junge Leute sind deshalb eingeladen, am 7. und 8. März zu einem Wochenende mit Zeitzeugen des Nationalsozialismus zusammenzukommen und danach in wöchentlichen Treffen deren Berichte in Comics umzusetzen. „Comics gegen Nazis“ lautet das Motto. Eine schöne Idee, die am Schluß auch in einer Ausstellung gipfeln soll.

Der junge Mann war nach dem Vortrag noch dageblieben, und jetzt hatte ich den Kopf frei für sein Vorhaben. Michael Weinand heißt er, ist Mitglied des Stadtjugendrings Wiesbaden und hat die Sache recht schnell auf die Beine gestellt. Doch es gibt, wie er berichtete, ein Problem. Die von ihm angesprochenen Zeitzeugen sind skeptisch. Sie entstammen einer Generation, die für Comics nicht viel übrig hat und ihnen entsprechend wenig zutraut. Vor allem besteht wohl die Sorge, man könne sich darin über ihr Schicksal lustig machen – Comics, das wird immer noch mit „komisch“ assoziiert.

Es ist klar, daß man Herr über seine eigene Geschichte bleiben will. Wenn jemand anderer, noch dazu ein Jugendlicher oder junger Erwachsener, eine Episode aus dem eigenen Leben gezeichnet nacherzählen will, weiß man, daß dabei nicht die Bilder herauskommen, die man selbst im Kopf hat. Das ist aber auch kein Drama, wenn die Umsetzung selbst erzählerische Kraft besitzt, wenn also das Erzählte auf interessante Weise weitererzählt wird. Es erreicht auf diese Weise mehr Leute, und es wird exemplarischer, weil der Zeichner ja durch seine Bilder dokumentiert, daß er just diese Episode für besonders aussagekräftig hält.

Nur wie erklärt man das den betagten Zeitzeugen? Wie überwindet man ihre Bedenken? Die Lösung könnte darin bestehen, daß man sie intensiver beteiligt als nur mit ihren Erzählungen, daß man noch ein weiteres Treffen ansetzt, auf dem dann die jungen Zeichner ihre Geschichten vorstellen können, bevor sie ausgestellt werden. Die Zeitzeugen müssen ein Vetorecht eingeräumt bekommen – und ich wette, daß es nicht benutzt werden würde. Denn wenn erst einmal junge Leute von der Erlebnissen älterer Generationen fasziniert sind, dann wird daraus mit einiger Sicherheit eine schöne Bildergeschichte entstehen, und zwar unabhängig vom graphischen Geschick der jeweiligen Zeichner. Was zählt und was die Zeitzeugen beruhigen wird, ist der persönliche Ausdruck, die Anteilnahme an ihren Geschichten, und dieser Eindruck – so hoffe ich zumindest – wird sie auch von den individuellen Adaptionen überzeugen. Das Vorhaben jedenfalls ist aller Ehren wert.

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