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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Was hat Bielefeld, was Freiburg nicht hat?

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In dem Moment, wo man sich in Freiburg darüber wundert, warum so viele Psychologen aus Bielefeld zuziehen, eröffnet im Bielefelder Museum Huelsmann eine Comic-Ausstellung. Natürlich gibt es da keinen Zusammenhang. Oder doch?

Bielefeld. Das ist kein Ruf wie Donnerhall. Gut, im letzten Jahr fand dort der Kongreß der D.O.N.A.L.D. statt, aber hat die Stadt sonst noch etwas zu bieten? Ich weiß, jetzt kommen Namen wie Luhmann und Wehler, Bohrer und Koselleck, das Jugendstiltheater und natürlich Dr. Oetker. Aber das meine ich nicht. Mir geht es um Comics. Gab es da jemals etwas in Bielefeld?

Nichts jedenfalls, was mir bekannt wäre. Oder Uli Pröfrock, meinem Lieblings-Comic-Händler in Freiburg. Andererseits war ich in meinem Leben erst zweimal in Freiburg, aber schon mindestens viermal in Bielefeld. Doch darin bin ich ein Sonderfall. Denn wie es aus Freiburg zu vernehmen ist, ziehen viele Bielefelder zu. Vor allem Psychologen. Das muß man nicht ernst nehmen, aber so wird es erzählt.

Auch das spricht ja nicht notwendig für Freiburg. Vielleicht werden die Psychologen dort dringend gebraucht, während in Bielefeld alles zum Besten steht. Freiburg jedenfalls, so erzählt Uli, habe ein wenig Beistand von außen durchaus nötig. Zumindest sein Comic-Laden, das famose „X für U”, das in den achtziger Jahren dafür sorgte, daß wir dummen Deutschen endlich mal sehen konnten, was sich gerade in Frankreich auf dem Comic-Markt so alles tat. Wer zum Beispiel nicht darauf warten wollte, daß alle Jubeljahre ein neuer Band des unglaublichen Yves Chaland übersetzt erschien, der bekam hier französische Ausgaben oder limitierte Drucke. Oder „X für U” trat selbst kurzerhand als Verleger auf und sorgte für einige der exklusivsten Liebhaber-Editionen.

Lange her. Im vergangenen Jahr hat der Laden sein angestammtes Domizil in der Altstadt räumen müssen, weil der Vermieter den Pegelstand seines Geldspeichers drastisch erhöhen wollte, und Uli Pröfrock ist in die Rempartstraße gezogen. Für alle Bielefelder Psychologen: das ist ungefähr eine Fußminute außerhalb der Altstadt, gleich jenseits des Martinstors rechts. Aber die Freiburger verlassen ihre Stadtmauer nur ungern, und so ist die einheimische Laufkundschaft teilweise weggebrochen – sie findet das neue Domizil nicht. Wer dagegen „X für U” treugeblieben ist, das sind die Schweizer Gäste, die im Dezember über die Grenze zum Freiburger Weihnachtsmarkt fahren. Sie haben sich beim Nachmieter einfach erkundigt, wo der alte Laden denn geblieben sei. Darauf könnten die Freiburger selbst ja auch kommen. Vielleicht gelingt es ja jetzt mit psychologischer Beratung aus Bielefeld.

Warum aber dauernd Bielefeld? Weil Uli und ich kürzlich beide etwas gehört haben, das uns aufhorchen ließ. Bei einem meiner Vorträge Anfang November lag in den Stuhlreihen ein Prospekt aus, der für eine Ausstellung warb: „Jahrhundert der Comics”. Wie die Unterlagen dort hinkamen, weiß ich nicht, es war niemand zu sehen, der die Prospekte verteilt hätte. Und genauso rätselhaft war mir die Institution, die die Schau ausrichtet, das Museum Huelsmann in – na klar! – Bielefeld.

Uli weiß auch nicht mehr darüber, hat aber immerhin schon versucht, sich Kataloge aus Bielefeld schicken zu lassen, denn das könnte seine Kundschaft interessieren. Keine Reaktion, die Öffnungszeiten des Museums Huelsmann sind gelinde gesagt unkonventionell, und wenn geöffnet sein soll, geht niemand ans Telefon. Sagt Uli. Ich immerhin hatte den Katalog schon irgendwo einmal gesehen und lobte ihn, ohne das Buch je aufgeschlagen zu haben, aber ein dicker Band, auf dem Ignatz Mouse gerade zum Wurf ausholt, kann nicht ganz schlecht sein.  Alles, was George Herriman gezeichnet hat, ist großartig.

Bild zu: Was hat Bielefeld, was Freiburg nicht hat?

So findet also fern von Freiburg und Frankfurt eine offenbar interessante Comic-Ausstellung statt, und wir zwei arroganten Deutschen verabreden uns für das Comic-Festival von Angoulême, statt gemeinsam nach Bielefeld zu fahren. Dabei liegt seit gestern ein Exemplar des Katalogs aus dem Museum Huelsmann auf meinem Schreibtisch. Und er ist noch schöner, als ich vermutet hätte. Gut, es sind weniger Originalzeichnungen darin reproduziert als erhofft, aber dafür etliche Sonntagsseiten in ganzem Farbglanz. Gut, die Auswahl ist äußerst absehbar, die Klassiker eben, von Outcault über Dirks, McCay und Feininger zu Herriman, McManus, Sterrett, Foster und Walt Kelly. Aber wer liebte es nicht, diese wunderbaren Dinge zu sehen? Gut, außer Amerika kommt in dieser angeblichen Jahrhundert-Schau offenbar keine andere Comic-Kultur vor, aber dafür schließt die Auswahl mit ein paar Strips von Tomas Bunk, die im vergangenen Jahr in der F.A.Z. als Urlaubsvertretung für Volker Reiches „Strizz” abgedruckt wurden. Das freut.

Also wäre Bielefeld wohl eine Reise wert. „X für U” allerdings auch eine Antwort seitens des Museums. Denn dieses Buch ist wirklich schön und sollte unter die Leute, auch abseits von Bielefeld. Der Verfasser, Alexander Braun, war mir bislang als Comic-Experte kaum bekannt,  aber seine Texte haben Hand und Fuß. Sie sind sachlich und verzichten auf die wohlfeilen Überinterpretationen, die gerade bei den frühen Comic-Strips so häufig sind. Das mag daran liegen, daß alle Bielefelder Psychologen nach Freiburg gezogen sind. Es wird Zeit, daß dafür einige Comic-Freunde den Weg nach Ostwestfalen finden.

 

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3 Lesermeinungen

  1. <p>Ach,...
    Ach, Ignatzmouse,
    der Herr Platthaus schreibt doch hier keinen kulturellen Städteführer mit Vollständigkeitsanspruch! Die Reize beider Metropolen sind sonder Zahl! Wer kennt die Namen, nennt die Orte….? Wer von beiden Städten ein Weniges weiß und mit den jeweiligen Vorurteilen und Klischees etwas vertraut ist, der grinst doch hier erfreut von Backe zu Backe, weil’s ja irgendwie stimmt und niemandem ein Leids getan wird. Noch dazu kommt Bielefeld ja eigentlich besser weg, oder etwa nicht ?
    Was nun das Buch angeht, dann darf man wohl durchaus anmerken, daß es in den letzten hundert Jahren nicht nur amerikanische Zeitungsstrips von Interesse gegeben hat – schade in der Tat, daß man darüber allgemein nur vergleichsweise wenig weiß. Nicht zuletzt wäre eben eine solche Ausstellung vielleicht auch mal ein Anlaß, diesem Mißstand abzuhelfen. Platthaus’ Erwähnung dieses Umstands – bei wohlgemerkt sehr positiver Gesamteinschätzung – als ‘fröhliche Ignoranz’ zu titulieren, zeugt weder von großer Sachkenntnis noch von vernünftigem Umgang mit anderer Leute Meinung.
    Ob nun die im Rahmen einer Glosse in einem halb-privaten blog namentliche Erwähnung eines ‘vermeintlichen Kumpels’ des Autors journalistisch unseriös sein soll, möchte ich nicht entscheiden. Ich für mein Teil hätte sonst wohl nicht erfahren, daß wieder einmal eine Fachbuchhandlung von überregionalem Format offenbar in größeren Schwierigkeiten steckt. Wenn dann einmal mehr ein Laden verschwunden sein sollte, wo die Sach- und Fachkenntnis über die monatliche Neuerscheinungsplanung von Carlsen/Ehapa/Splitter/CrossCult/undwiesiealleheißen hinausging, dann ist das Erstaunen wieder groß. Darf doch vielleicht auch mal zur Kenntnis gebracht werden, ohne daß einem gleich ein Strick draus gedreht wird

  2. <p>Ein typischer...
    Ein typischer Platthaus-Artikel! Es geht weniger um das hier vorgestellte Buch, über das man auch herzlich wenig erfährt, sondern um zweierlei:
    1.) Herr Platthaus hält Vorträge (toll, was?!)… und auf einem von denen wagt es jemand angeblich, Flyer zu verteilen, ohne IHN zu informieren. Daß das ganze während eines Robert-Crumb-Abend stattfand, hat Herr Platthaus wohl verdrängt.
    2.) Krampfhaft wird ein Vergleich zwischen Bielefeld und Freiburg bemüht, denn Platthaus’ Beiträge sollen ja immer etwas intellektuell rüberkommen, egal, ob das dann zum Thema passt oder nicht.. Leider steht seinem Vorhaben peinliches Halbwissen über beide Städte entgegen. Gibt es in Bielefeld nicht die, von dem “unbedeutenden” Architekten Philip Johnson 1968 erbaute “Kunsthalle Bielefeld”?
    Und weiter geht es mit fröhlicher Ignoranz. Der Rezensent (hier wohl eher “Oberlehrer”), muß natürlich auch etwas verbessern können. Zitat: “Gut, außer Amerika kommt in dieser angeblichen Jahrhundert-Schau offenbar keine andere Comic-Kultur vor (…)” – Nun ist aber der Untertitel des Buches “Die Zeitungs-Strip-Jahre”… Von denen gab es außerhalb der USA nun einmal kaum bedeutende.
    Da passt es ins Bild, daß Platthaus den Artikel gleich noch zu einem Werbeblog für seinen vermeintlichen Kumpel Uli Pröfrock (“X für U”) umfunktioniert. Das ist für einen Journalisten schlicht unseriös! Legt man bei der FAZ für das Internet also geringere Maßstäbe an als für das Druckerzeugnis?

  3. <p>"Mir geht es um Comics. Gab...
    “Mir geht es um Comics. Gab es da jemals etwas in Bielefeld?”
    Splitter sitzt in Bielefeld.

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