Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Auf nach Angoulême! Teil 1

Jedes Jahr Ende Januar wird die französische Kleinstadt Angoulême zum Mekka der europäischen Comic-Liebhaber. Dieses Jahr stehen dem Festival Dupuy & Berberian als Präsidenten vor: zwei Comiczeichner, die zu meinen absoluten Favoriten zählen. Deshalb ist mir kein Weg zu weit, um ihre Amtsführung zu beobachten. Morgen früh geht es los, über Paris und Orléans in die Charente. Und in diesem Blog wird sieben Tage lang erzählt, was es auf großer Comic-Tour zu erleben gibt.

Am kommenden Donnerstag beginnt in der französischen Stadt Angoulême das diesjährige Festival international de la bande dessinée, die größte und wichtigste Comic-Veranstaltung in Europa. Im vergangenen Jahr wurde der Große Preis von Angoulême dem Comiczeichner-Duo Dupuy & Berberian zugesprochen, und das heißt, dass die beiden in diesem Jahr als Präsidenten des Festivals amtieren. Da darf ich nicht fehlen.

Denn Dupuy & Berberian zählen seit Beginn der neunziger Jahre zu meinen bevorzugten Zeichnern. Nicht nur, weil es faszinierend ist, wie sehr Philippe Dupuy und Charles Berberian ihre individuellen Zeichenstile einander angeglichen haben, um zu jenem ästhetisch nahezu ununterscheidbaren Duo zu werden, sondern mehr noch, weil sie eine Erzählweise pflegen, die wie die keines anderen Künstlers in ihrem Metier an die größten Leistungen des von mir gleichfalls geliebten französischen Kinos anknüpft. Dupuy & Berberian erzählen kleine Geschichten in großer Kunstfertigkeit, und ihre berühmteste Serie, „Monsieur Jean“ (Geschichten um einen jungen Mann in Paris, der als Romanautor mit der eigenen  Kreativität und als Junggeselle mit den eigenen Gefühlen kämpft), zählt zum Begeisterndsten, was ich kenne. Doch das Duo macht sich rar, weil ihr von asiatischen Tuschezeichnungen inspirierter Stil derart gut ankommt, daß sie den Großteil ihrer Zeit auf illustrative Tätigkeiten verwenden. Und seit sie den internationalen Ritterschlag erhalten haben und mit ihren Zeichnungen regelmäßig im „New Yorker“ vertreten sind, können sie es sich leisten, Comics wirklich nur noch als Liebhaberei zu betreiben.

Doch entsprechend grandios sind die Resultate, wenn sie sich tatsächlich noch einmal Zeit dazu nehmen, wie etwa zuletzt in dem Album „Un peu avant la fortune“, das sie nach einem Szenario von Jean-Claude Denis gezeichnet haben. In einigen Monaten wird es bei Reprodukt erfreulicherweise auch auf Deutsch erscheinen, doch ich will nicht nur alle Jubeljahre in den Genuß ihrer Arbeiten kommen. Als Präsidenten des Festivals von Angoulême ist ihnen in diesem Jahr die große Retrospektive gewidmet, und also führen in diesem Januar alle Wege eines wahren Comic-Afficionados in die Charente.

Jetzt ist es Samstag abend, morgen früh geht es los, in eine Woche Frankreich-Urlaub. Zunächst nach Paris, wo im Louvre gerade eine Ausstellung über vier Comics zu sehen ist, die im Auftrag des Museums gezeichnet wurden. Gut, Dupuy & Berberian sind nicht mit dabei, aber immerhin Nicolas de Crécy und Jean-Antoine Mathieu, und wenn man schon einmal auf dem Weg nach Südfrankreich ist, darf man sich das natürlich nicht entgehen lassen. Bis Dienstag werde ich noch in Paris bleiben, um mich endlich weder auf den neuesten Stand der Dinge in Sachen französische Comics zu bringen, dann geht es weiter, ganz gemächlich, über Orléans nach Angoulême.

Während dieser Woche werde ich meine Blog-Einträge nutzen, um die Erlebnisse und Entdeckungen auf der Reise mit meinen Lesern zu teilen. Und wer sich davon selbst auf dem Weg nach Angoulême machen sollte, dem kann ich ein paar Dinge schon jetzt verraten, nämlich Veranstaltungen, auf denen ich dort garantiert zu finden sein werde. Zum Beispiel am Donnerstag, den 29. Januar, um 15 Uhr in der Cité internationale de la bande dessinée et de l’image (CIBDI), also dem Comic-Museum, bei der Vorstellung der Pläne für das Hergé-Museum in Brüssel. Oder am Abend desselben Tages um 20.30 im Theater von Angoulême beim Concert dessiné mit Christophe Blain.

Am Freitag dann um 10 Uhr morgens im CIBDI beim Gespräch mit dem grandiosen Berliner Zeichner Jens Harder (den der gewohnt chauvinistisch-sorglose Programmzettel als „Jens Harden“ tituliert). Um 14.45 Uhr im Espace FNAC in der Rue Goscinny beim Gespräch mit Baru, einem Zeichner, den ich fast genauso schätze wie Dupuy & Berberian.

Am Samstag geht es um 11 Uhr ins CIBDI zum Gespräch mit Adrian Tomine, und kurz danach wird ebenda Daniel Clowes auftreten. Danach wird es wieder französisch: mit Christophe Blain in einem Gespräch um 13.45 Uhr im Espce FNAC. Um 14.30 diskutiert im Hôtel du Palais mitten in der Altstadt der unglaubliche Killoffer mit dem Italiener Gipi und den beiden französischen Landsleuten Siné und Frééric Poincelet. Um 16 Uhr erläutert Emile Bravo im Zelt der unabhängigen Verlage auf der Place New York den Wandel der Comicfigur Spirou. Um 19 Uhr am Samstag findet, moderiert von Charles Berberian, im CIBDI das Gipfelreffen zwischen Moebius und Blutch statt, an dem noch zwei weitere Zeichner teilnehmen werden, die mir angesichts der Prominenz der anderen drei etwas leid tun. Schließlich wird es um 21 Uhr im Theater ein weiteres Concert dessiné geben, zu dem diesmal Dupuy & Berberian zeichnen werden.

Am Sonntag wird es mutmaßlich zu früh zurück nach Deutschland gehen, als dass ich um 14 Uhr im CIBDI noch Chris Ware hören könnte. Wer aber lange genug dableiben kann, sollte dieses Gespräch mit einem überaus scheuen Genie nicht verpassen.

Mehr zu all diesen Ereignissen im Laufe der kommenden Woche hier in diesem Blog. A bientôt!

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