Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Tim in Hollywood: Angoulême 2009, der erste Tag

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Alle wollen wissen, was Steven Spielberg mit Hergés "Tim und Struppi" anstellt, nachdem nun endlich die Dreharbeiten begonnen haben. Auf dem Comicfestival von Angoulême aber trat Spielberg zusammen mit Peter Jackson nur in einer Videobotschaft auf. Trotzdem stahl er damit allen anderen die Schau.

Das Festival hatte noch gar nicht seine Tore geöffnet, da schwirrten schon die ersten Gerüchte um die Kandidaten für den Grand Prix und damit die Präsidentschaft im nächsten Jahr hier in Angoulême herum. Auf einer geheimen Zehnerliste sollen sich als Kandidaten die Comiczeichner Taniguchi Jiro, Otomo Katsuhiro, Art Spiegelman, Chris Ware, Lorenzo Mattotti, Jacques de Loustal, Blutch und Marjane Satrapi finden; wer die beiden noch fehlenden Plätze einnimmt, weiß das Gerücht leider nicht zu sagen. Dafür stammt es direkt aus dem innersten Kreis, nämlich von Philippe Dupuy, der in diesem Jahr gemeinsam mit seinem Zeichnerpartner Charles Berberian Präsident des Festivals und somit auch Mitglied der Jury des Grand Prix ist. Die anderen Juroren sind die früheren Präsidenten, also eine stattliche Anzahl von Veteranen, die, wie Dupuy klagt, meist überhaupt keine Ahnung haben, was sich in den letzten zehn Jahren im Comic getan hat. Sein Favorit wäre Taniguchi, doch Dupuy glaubt, daß es angesichts des Unwillens seiner Jurykollegen, einen Japaner zu wählen, zu einem Zweikampf zwischen Spiegelman und Satrapi kommen wird. Woher allerdings die doch angeblich an allem Neuen so desinteressierten Altpräsidenten die junge Marjana Satrapi kennen sollen, bleibt Dupuys Geheimnis. Ich lege mich also auch einmal fest und tippe auf Loustal – Veteranen wählen nun einmal Veteranen.

Bis zur Auflösung dieses Rätsels sind es noch zwei Tage, denn erst am Schluß des Festivals, am Sonntag, werden die Preise vergeben – neben dem Grand Prix auch die Auszeichnungen für die besten Alben des vergangenen Jahres. Die Zeremonie ist erstmals vom Samstag auf den Sonntag gewandert, und das sehr zum Ärger der Verlagsvertreter, die sonst immer schon am Samstagabend aus Angoulême abgereist waren. Genau das soll die Terminverschiebung jetzt verhindern. Ob die Stars aber tatsächlich so lange bleiben werden?

Zwei waren ganz am Anfang schon da, allerdings nur virtuell, nämlich mittels einer Grußbotschaft an die Comicfans von Angoulême: Steven Spielberg und Peter Jackson. Sie haben am vergangenen Montag die Dreharbeiten zum längst erwarteten „Tim und Struppi“-Film nach den Tintin-Comics von Hergé aufgenommen – Jackson als Regisseur, Spielberg als Produzent. Für Frankreich ist das selbstverständlich eine Angelegenheit von nationaler Wichtigkeit (auch wenn Tintin Belgier ist), und so platzte die Salle Nemo im CIBDI aus allen Nähten, als Nick Rodwell, zweiter Ehemann von Hergés Witwe Fanny und Vorsitzender der Fondation Hergé, erstmals Einzelheiten zur Verfilmung bekanntgeben wollte. Bei einigem war ihm Hollywood aber schon zuvorgekommen: Daß Jamie Bell, der Hauptdarsteller aus „Billy Eliott“, die Rolle Tims spielen wird oder James-Bond-Darsteller Daniel Craig den Piraten Rackham den Roten, das hatte Spielberg schon vor Angoulême durchsickern lassen. Damit war auch klar, welches Album zur Grundlage des Films wird: „Das Geheimnis der Einhorn“. Aber Rodwell betonte, dass Jackson und Spielberg nicht einfach der bekannten Handlung dieser Geschichte folgen, sondern auch Elemente aus anderen Abenteuern ins noch gar nicht fertiggestellte Drehbuch übernehmen wollen. Das weckte einige Befürchtungen im Saal, denn Amerikanern traut man in Frankreich nicht viel Fingerspitzengefühl beim Umgang mit europäischem Kulturgut zu. Seitens der Fondation Hergé ließ man prompt auch durchblicken, dass frustrierende Erlebnisse garantiert seien, aber das jahrzehntelang betriebene Projekt dennoch nicht mehr scheitern werde. 2011 wird der „Tim und Struppi“-Film ins Kino kommen, als 3D-Projektion.

Spielberg und Jackson gaben sich in ihrer etwa dreiminütigen Grußbotschaft von der Leinwand herab bestens gelaunt. Die beiden vollbärtigen Herren trugen Schirm, Charme und Melone, weil sie mit sichtbarem Vergnügen als Schulze und Schultze posierten. Zwar hatte der Auftritt nichts Trotteliges, wie es bei den beiden Detektiven in der Tintin-Serie regelmäßig der Fall ist, aber die zwei Filmmogule bemühten sich dennoch um reichlich Verwirrung: Da man nun pünktlich zum achtzigsten Geburtstag von Tintin mit den Dreharbeiten begonnen habe, dürfe das Publikum einen weißhaarigen Hauptdarsteller erwarten. Immerhin gab der erstaunlich abgemagerte Jackson noch preis, dass er seit seiner neuseeländischen Jugend ein großer Fan von „Tim und Struppi“ ist. Er erfülle sich also mit dem Film einen Traum.

Der dürfte sich auch für die Fondation Hergé erfüllen, wenn am 2. Juni im belgischen Louvain-le-Neuve das Musée Hergé eröffnet, ein fünfzehn Millionen Euro teurer Bau, in dem die Karriere des bedeutendsten französischsprachigen Comiczeichners dokumentiert werden soll. Doch niemand im Publikum interessierte sich so recht dafür; alle warteten auf die Neuigkeiten zum Film. Es ist bemerkenswert, wie Steven Spielberg und Peter Jackson selbst als Abwesende noch zur größten Prominenz des ersten Festivaltages avancierten – und das ganz ohne Schuld der Streikenden des öffentlichen Dienstes. Das aber ist eine andere Geschichte. Sie wird nicht in diesem Blog, sondern in der F.A.Z. erzählt werden, und  zwar aller Voraussicht nach im Anschluß an meine Rückkehr, also am kommenden Dienstag.

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1 Lesermeinung

  1. Loustal gehört zu der Sorte...
    Loustal gehört zu der Sorte verdienter Koryphäen, die niemals den „Comic-Nobelpreis“ erhalten werden.
    Bleibt Sfar, der zum Glück nicht auf der Gerüchteliste steht. Er macht das Rennen!

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