Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Massen- und Wartespektakel: Angoulême, der dritte Tag

Jeder Besucher des Festivals weiß es, aber man staunt immer wieder: Am Samstag platzt Angoulême aus allen Nähten. Aber ach, wenn es doch nur so wäre! Dann würden sich die Massen ja verlaufen. Aber nein, sie konzentrieren sich auf genau jene Plätze, an denen auch ich mich gerne aufhalten will.

Das war der Tag, an dem ich die 82 hassen lernte. Dabei ist das noch eine niedrige Zahl, verglichen mit den Tausenden von Festivalbesuchern, die jeden Schritt in der Altstadt von Angoulême zu einer Sache von Minuten machten. Aber am Abend waren nur 81 Menschen vor mir in der Schlange, die auf Einlaß in die Garage hermétique wartete, wo unter dem Titel „Les rencontres du major“ Moebius mit seinen jüngeren Nachfolgern Blutch, Hughes Micol und Ludovic Debeurme debattieren sollte – unter Leitung von Charles Berberian. Und als wäre das noch nicht Prominenz genug, hatte man kurzfristig noch Nicolas de Crécy mit aufs Podium geladen. Aber damit waren fast schon mehr Leute auf der Bühne, als im Zuschauerraum Platz war-

Ich übertreibe. Als die Tür zum Saal geöffnet wurde, hieß es laut, damit kein Zweifel an der beschränkten Kapazität des Raumes aufkommen möge: Achtzig Menschen werden eingelassen. Und so geschah es, Person für Person abgezählt, und beim kleinen Herrn vor mir war Schluß, denn er war der einundachtzigste. Immerhin hatten wir beide das Vergnügen, dass sich die gesamte Zeichner-Gesprächsrunde noch zwischen uns durchquetschen musste, und so dicht bin ich noch nie an Moebius, Blutch, Berberian und de Crécy herangekommen. So dicht muß es aber auch nie wieder werden.

Plötzlich erwies sich die Kalkulation der Saalgröße als fehlerhaft, und mein Vordermann durfte noch hinein. Mich tröstete man damit, dass ja vielleicht jemand vorzeitig wieder hinausgehe, und tatsächlich kam noch einer aus dem Saal: der Sohn von Moebius, der dies allerdings mit der Bemerkung tat, ihm sei es darin zu voll, was den Türwächter unnachgiebig werden ließ. Das war die zweite verlorene Stunde des Festival-Samstags.

Die erste war noch überflüssiger. Am frühen Nachmittag war im Hôtel du Palais eine Diskussion im Rahmen der Gesprächsreihe „Autobiographische Begegnungen“ angesetzt. Teilnehmen sollten Altmeister Siné, der in Frankreich überaus beliebte italienische Zeichner Gipi, Frédéric Poincelet und einer meiner Favoriten, Killofer; das Oberthema sollte in Anspielung auf Steven Soderbergs Film „Sex, Lies and Videotapes“ lauten: „Sexe, mensonge et autobio“. Ob es der provokative Titel war oder doch die spektakuläre Besetzung, als wir ankamen, waren jedenfalls die Sitze im Salon des Hotels bereits sämtlich vergeben. Auf den Lehnen der ausladenden Polstersessel an der Fensterseite indes war noch Platz zu finden, allerdings war das Podium für die Gesprächsteilnehmer ganz am anderen Ende des Saals plaziert.

In Angoulême muß man sich immer auf gewisse Wartezeiten einstellen, und wer dazu nicht bereit ist, der wird zumindest am Samstag, dem besucherreichsten Tag des Comicfestivals, manche Dinge gar nicht sehen können – so etwa das Zelt „Para BD“ mit den Anbietern von Comicoriginalen oder Devotionalien, das wir dankenswerterweise schon am Donnerstag besucht hatten. Am Samstag stand dort die längste Schlange des ganzen Festivals, und das sollte den Großverlagen in den anderen Zelten ruhig einmal zu denken geben. Aber wie dem auch sei: Warten gehört hier einfach dazu. Also warteten wir auch im Hôtel du Palais auf den Beginn des Gesprächs. Wir warteten. Und es kamen immer mehr Leute in den Salon. Wir warteten. Das rührende Schild, daß man hier bitte kein Gepäck abstellen möge, war angesichts all der gefüllten Rucksäcke und Plastiktüten eine nette Mahnung an leerere Zeiten. Wir warteten. Die Besucher drängten sich zwischen Sesseln und Stühlen hindurch, die Luft wurde schlechter und schlechter, die Temperatur stieg, der Geräuschpegel auch. Wir warteten.

Irgendwann bettelten die tiefer im Raum stehenden Zuhörer darum, dass wir doch bitte die Fenster aufmachen möchten. Es geschah, und einige Passanten draußen, die keinen Platz mehr im Salon gefunden hatten, steckten vom Bürgersteig aus ihre Köpfe hinein, traten aber angesichts des entweichenden Kollektivdunstes und des immer noch nicht begonnenen Gesprächs rasch wieder den Rückzug an. Wir aber warteten weiter.

Etwas später ging in unserer Ecke des Salons das Gerücht herum, die Gesprächsrunde müsse längst begonnen haben, man könne nur nichts hören, weil es keine Mikrophone gebe. Zu sehen blieb da ohnehin längst nichts mehr, so voll war es geworden. Doch etwa zwanzig Minuten nach dem angesetzten Beginn hörte man von vorne ein vages Gemurmel, konnte darin bei einiger Mühe und blendendem Gehör die Namen Siné und Gipi unterscheiden, versuchte irgendetwas zu verstehen – und scheiterte kläglich. Auf den Zehenspitzen konnte man dann erkennen, dass nur drei Gäste gekommen waren, und ausgerechnet Killofer schien zu fehlen, aber wenn es eine Begründung dafür gegeben haben sollte, war sie hinten im Salon nicht mehr zu vernehmen. Die französischen Besucher streckten genauso früh die Waffen wie wir: Der Saal leerte sich in unserer Hälfte weitaus schneller, als er vollgelaufen war, und bald standen auch wir wieder auf der Straße.

Man müßte in Angoulême wohl so auftreten wie der Mangazeichner Hirata Hiroshi, der kurz vor Beginn noch für das Festival gewonnen werden konnte. Der durch seine Samurai-Geschichten berühmt gewordene Einundsiebzigjährige trug am Samstag konsequent das traditionelle Gewand der japanischen Krieger und begann sein Podiumsgespräch mit einer Vorführung seiner Kampfkunst. Das half. Vor Hirata teilten sich im gleichermaßen überfüllten Manga Building die Menschenmassen, wenn es den Meister zur Toilette zog, und man wahrte selbst dann noch Abstand von dieser Verkörperung traditioneller Autorität, als sie mit geradezu konfuzianischer Geduld mitten im größten Gedränge eine Videokamera aufstellte, damit auch ja die gesamte eigene Signierstunde für die Nachwelt festgehalten würde. In Japan wird man beim Betrachten der Bilder staunen. Und was mag Hirata selbst wohl von diesen Europäern gedacht haben, die ihn in den dunklen Keller eines Betonbunkers aus den siebziger Jahren expedierten, seine mitgebrachten zweiundzwanzig Originale rasch an den Durchgang zum Klo hängten und einem bushi wie ihm zumuteten, in all dem Gewusel auch noch friedlich zu bleiben?

Daß der Tag für uns friedlich ausging, war allein Dupuy & Berberian zu danken. Das Präsidentenpaar des Festivals zeichnete im Theater von Angoulême während eines Konzertes des mit Berberian befreundeten Rocksängers Rodolphe Burger auf der Bühne. Was sie da an Raffinement aufs Papier brachten, übertraf selbst meine Erwartungen – nicht in ästhetischer, aber in technischer Hinsicht. Die beiden Künstler erwiesen sich einmal mehr als perfekt auf einander eingespieltes Gespann. Und dafür hatte sich die knapp anderthalbstündige Wartezeit vor Konzertbeginn doch wieder gelohnt.

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