Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Macht unseren Schund billiger!

Es gibt eine Comc-Zeitschrift: "Die! Oder wir". Sie sieht aus wie die Bild-Zeitung, hat auf dem Titelbild Börsennotierungen und Rohstoffpreise stehen und erzählt in mehreren Geschichten vom Chaos, wie es sich die Punk-Szene vorstellt. Das Zielpublikum sind Leser, die künstlerisch wertvolle Comics zum Kotzen finden. Ich habe trotzdem Spaß mit dem neuen Blatt gehabt.

Neunundneunzig Cent? Das ist nicht der Titel des Nachfolgeromans von Frédéric Beigbeder oder ein neues Zwerggestirn am Himmel der Rap-Adepten, sondern der Preis eines Comics. Klingt billig, und leider ist er es in mancher Hinsicht auch. Aber zunächst einmal kann man sich freuen über die Idee, einen preiswerten Comic auf Zeitungspapier und in Zeitungsformat (o.k., nicht das ganz große, aber immerhin Berliner Format) zu drucken, der in riesigen Lettern aus einem roten Quadrat in der linken oberen Ecke seinen Titel herausbrüllt: „DIE!“ Und dann den Untertitel: „Oder wir“. Abgekürzt wird das Ganze dann als DOW. Das macht schon Spaß.

Im vergangenen Herbst war eine Nullnummer in der für deutsche Verhältnisse stolzen Auflage von 28.000 Exemplaren verteilt worden, sechzehn Seiten dünn, aber dafür gratis, mit einer längeren Geschichte aus dem Punkmilieu, die der Feder von Karl Nagel entstammt, der als Mastermind hinter dem ganzen Projekt steht, und von Stephan Hagenow gezeichnet wurde. Die Schlußseite steuerte Markus Bülow im Stil einer Bilderwitzeseite bei, und den Rest der Nullnummer füllten ein paar selbstreferentielle Seiten vom Duo Nagel/Hagenow, die allerdings von Carsten Dörr getuscht und von Vincent Burmeister koloriert wurden. – soll niemand sagen, daß die Redaktion nicht groß und die Herstellung der Geschichten nicht professionell arbeitsteilig wäre.

Nun stimmt nur das letztere, denn die Redaktion ist ein Einmannbetrieb, bestehend aus Karl Nagel, selbsternannter „Meister des Chaos“ mit einschlägiger Erfahrung als Chaostage-Organisator – so viel Paradox muß sein – in Hannover und Kanzlerkandidat der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands, der 1998 überraschend gegen Gerhard Schröder unterlag. Seine graphischen Mitstreiter haben sich bereits gemeinsam an der Comicserie „Perry Rhodan – Unser Mann im All“ erprobt, die immerhin schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat – und alles, was in Deutschland an Comics über Null- oder erste Nummern hinauskommt, darf man schon als Erfolg betrachten. Mal sehen, wie es sich mit DOW verhalten wird. Die erste reguläre Ausgabe jedenfalls, die gerade erschienen ist, wurde in Zehntausender-Auflage gedruckt, und wenn die Hefte ordentlich abgesetzt werden, sollen jeweils vierteljährlich weitere folgen.

Ein „Schundmagazin“ nennt DOW sich selbst, und richten soll es sich an all jene, die für künstlerische Comics nichts übrig haben. Ich gehöre also eindeutig nicht zur Zielgruppe. Aber gegen ordentliches Genrematerial habe ich nichts, und das zumindest kann man dem neuen Heft bescheinigen: Aussehen tun die Sachen ganz gut. Vincent Baumeister hat diesmal einen großen Auftritt als Zeichner mit dem Auftakt zur Forsetzungsgeschichte „Imperium Arche“, deren erstes Kapitel auf satten vierzehn Seiten eine solide graphische Mischung aus Kyle Baker, dem frühen Bill Szienkiewicz und Baru bietet. Erzählerisch ist die Geschichte einer Verschwörung zwischen Punkern und Neo-Nazis zwecks Räumung und Besetzung einer Plattenbau-Siedlung noch schwer einzuschätzen, aber an Klischees mangelt es dem weiterhin für sämtliche Szenarios zuständigen Redakteur Nagel nicht.

 

Bild zu: Macht unseren Schund billiger!

 

Die zweite Hälfte des Heftes wird mit der abgeschlossenen Geschichte „Für heute reichts“ bestritten, für die nach dem obligatorischen Szenario von Nagel diesmal wieder Stephan Hagenow als Zeichner und Carsten Dörr als Inker und Kolorist tätig wurden. Thema ist der Amoklauf in einem Gymnasium, der blutrünstig, aber seitenarchitektonisch geschickt ins Bild gesetzt wird. Ob das als Handlung den „eigenen Wünschen, Ängsten und Phantasien“ entspricht, die das Publikum in DOW finden soll, mag offen bleiben. Da aber die Redaktion ohnehin erwartet, daß die Leser „mit gehobener Literatur erst mal grundsätzlich auf Kriegsfuß stehen“, muß man sich dort ja nicht allzu viele Gedanken machen. Bequemlichkeit kann man auch zum Programm erklären.

Und das ist das Problem. Auch Trash darf ein gewisses Niveau nicht unterschreiten, wenn das Ganze lesbar bleiben soll. Trash muß aber zugleich wissen, daß er selbst Trash ist, und nicht anstreben, auf diese Weise etwas ganz anderes zu erreichen. Dieses Dilemma hat DOW noch nicht gelöst. Die Schlußseite des ersten Heftes etwa ist wirklich Trash, dumm geschrieben (Nagel), schlecht gezeichnet (Till Felix) – und genau so soll das wohl auch sein. Mission accomplished. Mitten im Heft aber sind dann wieder ein paar Bilderwitze von Markus Bülow zu finden, und er kann zehnmal „Bülows billige Prekariatsbeobachtungen“ darüber schreiben – diese Zeichnungen sind einfach gängige Gagbildchen, die an Harmlosigkeit kaum zu überbieten sind. Das paßt nicht gerade ideal zur Aggressivität von „Imperium Arche“ oder zum Zynismus von „Für heute reichts“.

In Frankreich werden in der Banlieue Comichefte publiziert, die tatsächlich aus Jugendinitiativen heraus entstanden sind. Entsprechend sehen die Inhalte aus. In DOW machen eine Truppe halbwegs etablierter Comiczeichner und ein einschlägiger Punkautor Rabatz, und das teilweise auch gar nicht schlecht. Aber das Ergebnis sieht fast überall so aus wie inszenierter Krawall, der eine Haltung bestätigen soll, die nicht aus Wut, sondern aus Freude am Destruktiven entstanden ist. Das ist nur selten dasselbe. Andererseits kann man als Käufer für 99 Cent wenig falsch machen.  

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