Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Comiczeichner auf Salat: Das bizarre Ansinnen an Ben Katchor

Ben Katchor zählt zu den bedeutendsten Comiczeichnern der Gegenwart. Derzeit ist der New Yorker Künstler in Deutschland. In Hamburg erlebte er den peinlichsten Moment seines Lebens.

Gestern abend saß ich in einem Hamburger Hotel mit Ben Katchor zusammen. Wir hatten im Rahmen der Lesetage in der Hansestadt eine Veranstaltung hinter uns gebracht, die sich dem gerade ins Deutsche übersetzten Comic „Der Jude von New York“ widmen sollte, doch wie bei Ben Katchor kaum anders zu erwarten, interessierte ihn die eigene Arbeit als Zeichner weniger als seine neuesten Überlegungen zur amerikanischen Pressegeschichte. Unter dem Titel „Graven Images in the Yiddish Press“ führte er das staunende Publikum in die Welt der billigen Rasterreproduktionen von jiddischen Zeitungen und Büchern ein, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in Amerika erschienen sind.

Das Tolle war, daß man an diesem Forschungsprojekt erkennen konnte, was den Comiczeichner Ben Katchor ästhetisch besonders fasziniert, und so war der knapp halbstündige Vortrag eine wunderbare Einführung in den restlichen Abend, in dessen Verlauf sich unser Gespräch über Katchors Bildergeschichten und speziell seinen „Juden von New York“ entwickelte. Wer nicht dabei war, kann Katchor allein in Kürze in Berlin erleben, wo er am 27. April im Jüdischen Museum auftreten wird. Es lohnt sich!

Bild zu: Comiczeichner auf Salat: Das bizarre Ansinnen an Ben Katchor

Noch toller aber war, was Katchor mir später am Abend dann über seinen Hamburger Vormittag erzählte. Da hatte sich ein Fotograf angekündigt, der für eine Serie von Autorenporträts auch den amerikanischen Comiczeichner ablichten wollte. Katchor erwartete ihn in seinem Hotelzimmer. Der Herr, der dann eintrat, erzählte ihm, daß er ein besonders originelles, dabei aber auch mit dem Werk verbundenes Bild aufnehmen wolle. Auf der Homepage von Katchor habe er einen Comic-Strip gefunden, der die Vorliebe von Gastronomen, Speisen auf Salatblättern zu servieren, zum Thema hat. Daraus habe er die Idee geboren, den Zeichner auf einer Salatunterlage zu fotografieren. Sprach’s und packte ein Dutzend Eissalatköpfe aus, die er sofort zerkleinerte, um die Blätter auf dem Bett auszubreiten.

Nun darf man Ben Katchor selbst als einen Freund skurriler Ideen bezeichnen – das macht den Charme seiner Comic-Strips wie „Julius Knipl – Real Estate Photographer“ oder seiner monatlichen farbigen Comicseite in dem Architekturmagazin „Metropolis“ aus. Er ging also auf den Vorschlag ein, ließ sich allerdings zusichern, daß er sch für die Aufnahme nicht würde entkleiden müssen. So bettete sich Katchor also auf die Salatunterlage, der deutsche Fotograf erklomm das Fensterbrett, um eine Perspektive von oben herab zu erhalten – und da trat das Zimmermädchen ein, um den Raum für die nächste Nacht vorzubereiten. Man mag sich das Entsetzen der Dame vorstellen, und Katchor schwor mir, daß es eine der peinlichsten Situationen seines Lebens gewesen sei. Trotzdem wurde die Session noch zu Ende geführt – Katchor schätzt deren Ertrag auf gefühlte zweihundert Bilder – , und danach sammelte der Fotograf die Salatblätter wieder ein und warf sie kurzerhand aus dem Fenster. Auf den Hamburger Bürgersteigen rund ums Hotel wird großes Staunen geherrscht haben.

Mit etwas Glück werden wir irgendwann einmal eines der Fotos sehen, denn Ben Katchor ist einer der bedeutendsten lebenden Comiczeichner. Und nicht nur das. Der 1951 in New York geborene Künstler, der zehn Jahre lang als selbständiger Setzer arbeitete, hat mittlerweile auf der Grundlage einzelner seiner Comic-Strips auch als Librettist (und Ausstatter) vier Opern geschrieben, die jeweils mit Erfolg aufgeführt wurden.

Sein wichtigstes Werk aber ist „Der Jude von New York“: hundert Seiten über das New York von 1830 mit einer solchen Vielzahl von skurrilen Charakteren, daß man aus dem Staunen kaum herauskommt. Da ist Maurice Cougar, ein Trapper, der sich die Lebensweise seines bevorzugten Beutetiers, des Bibers, aneignet. Oder ein rätselhafter Herr in einem Taucheranzug aus Gummi, der aus Deutschland nach Amerika gereist ist, um die dortigen jüdischen Gebräuche zu studieren und die zehn verlorenen Stämme Israels wieder aufzufinden. Denn die werden unter den Indianern vermutet.

Katchor hat für dieses grandiose kulturgeschichtliche Pandämonium jahrelang recherchiert und selbst von Historikern großes Lob dafür geerntet: Ein Spezialist für die „jacksonian years“, wie diese Phase der amerikanischen Geschichte nach dem Präsidenten Andrew Jackson genannt wird, bescheinigte ihm, daß man kaum etwas, was der Comic erzählt, für unplausibel halten könne. Die Jackson-Jahre waren eine Art ökonomische Gründerzeit, in denen mit den verrücktesten Ideen Geld zu machen versucht wurde. Das ist es, was Katchor fasziniert hat, weshalb er in seinem Comic eher eine Geschichte über das Unternehmertum sieht als über Juden. Den Titel habe er nur gewählt, weil das Ganze als Fortsetzungsgeschichte in einer jüdischen Wochenzeitung, dem „Forward“, erschienen ist.

Doch natürlich ist der Band auch eine Fundgrube zur jüdischen Kultur in Amerika, obwohl man tatsächlich all die geschäftstüchtigen Figuren – Christen genauso wie Juden – auch als wunderbare Parodie auf die obskuren Geschäftspraktiken unserer Gegenwart lesen kann.

Deshalb kann man den Avant Verlag, der das Ganze auf Deutsch publiziert hat, nicht nur dazu beglückwünschen, endlich ein Meisterwerk des jüngeren Comics (das Original erschien 1998) den hiesigen Lesern zugänglich zu machen, sondern auch noch durch Zufall genau den richtigen Zeitpunkt dafür erreicht zu haben. Geplant war die Ausgabe nämlich seit mindestens sechs Jahren. Und hätte der einfallsreiche Fotograf sie früher in die Hände bekommen und dann jenes Bild gesehen, das ich ganz oben eingefügt habe (es zeigt Samson Gergel, einen jüdischen Bühnenbildner, bei der Lektüre des Theaterstücks „The Jew of New York“, das im gleichnamigen Comic eine wichtige Rolle spielt), dann wäre er womöglich gar nicht auf die Idee mit den Salatblättern gekommen, sondern hätte Katchor in der simplen Pose seines Protagonisten porträtiert. Und uns wäre eine schöne Anekdote vorbehalten geblieben. Ben Katchor allerdings auch die Scham seines Lebens.

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