Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Aus Blutch werde Blotch: Zwei sensationelle autobiographische Fiktionen

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Den französischen Comiczeichner Blutch kennt in Deutschland kaum jemanden, währed er in Frankreich der Star des Jahres ist. Nun erscheinen gleich zwei Comics in deutscher Übersetzung: "Der kleine Christian" und "Blotch". In ihnen kann man das Beste vom Künstler finden - in höchst grotesker Verkleidung.

Manchmal braucht man als Verlag ein bißchen Glück. Von Blutch alias Christian Hincker, war auf Deutsch so gut wie nichts erschienen, als Reprodukt, das nimmermüde Haus für anspruchsvolle Comics vor allem aus Frankreich, und Avant, der gleichfalls unermüdliche Verlag für ebenjene, nahezu zeitgleich die Übersetzungen von jeweils einem Titel des 1967 geborenen Zeichners ankündigten: „Le petit Christian“ (Reprodukt) und „Blotch“ (Avant). Dann gewann Blutch im Januar den Großen Preis der Stadt Angoulême, die bedeutendste Comic-Auszeichnung Frankreichs (und damit Europas und eigentlich auch – analog zur Goldenen Palme der Filmfestspiele von Cannes – der ganzen Welt), und plötzlich hatten die beiden Verlage einen Autor im Programm, mit dem man zumindest gut Reklame machen konnte. Die deutschen Leser allerdings haben sich durch Angoulême noch nie beeindrucken oder gar beeinflussen lassen; für französische oder auch andere Comic-Meisterwerke der letzten Jahre gibt es hier einfach immer noch kein großes Publikum. Seltene Ausnahmen wie Marjane Satrapis „Persepolis“ bestätigen die Regel.

Dennoch, liebe Leser dieses Blogs: Gebt Blutch eine Chance, denn viel besser wird es nicht mehr, wenn es um Comics geht. Sehen Sie beim ersten Blick von liebgewordenen Erwartungen ab: Blutch ist kein gefälliger Zeichner, aber er kann alles. Darum kann er auch auf viel verzichten. Auf Farbe zum Beispiel. O.k., in der zweiten Hälfte vom „Kleinen Christian“ taucht plötzlich ein fahles Rot auf, wie Blutch es so liebt, aber diese zweite Hälfte ist ja auch erst 2008 entstanden, zehn Jahre nach der ersten, die Blutchs erster großer Verkaufserfolg in Frankreich war. Sein schmaler Band mit den stark autobiographisch geprägten Geschichten um einen kleinen Christian aus Straßburg, woher auch der Zeichner selbst stammt, erschien 1998 beim selbstverwalteten Verlagskollektiv L’Association. Doch mit seinen wirklichen Hauptwerken, mit „Mitchum“ etwa oder „La Volupté“, war Blutch in anderen Häusern vertreten (Cornelius und Futoropolis). Doch die Treue dieses nie auszurechnenden kapriziösen Künstlers ist so groß, daß er mit der Fortsetzung des „Petit Christian“ im vergangenen Jahr nach langer Pause wieder zu L’Association zurückkehrte und dem Verlag damit einen zweiten schönen Verkaufserfolg bescherte.

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Der kleine Christian wird von seinen Helden veranschiedet, als er sich auf den Pfad der Liebe begibt.

 

Auf Deutsch erscheinen jetzt gleich beide „Christian“-Alben in einem, und das hat den Vorzug, einen unmittelbaren Vergleich zu ermöglichen. 1998 ging es im „Petit Christian“ um Kleinjungenträume von Heldentum und Erwachsenwerden, und der wundervolle Kunstgriff Blutchs bestand darin, daß er seine Hauptfigur immer wieder in der Gestalt von dessen Idolen zeichnete – Westerhelden wie Steve McQueen oder John Wayne – und so die bekannten Filmhelden in die banale Welt eines etwa Achtjährigen versetzte. In der Fortsetzung ist Christian einige Jahre älter geworden und hat dementsprechend vor allem Augen für Mädchen, doch die alte Bewunderung für Film und Comic ist immer noch da, und es ist einerseits tieftraurig und andererseits doch auch hochamüsant, wie der Halbwüchsige nun angesichts von Enttäuschungen in der Liebe wieder zu seinen alten Helden zurückfindet. Donald Duck, Tim und Struppi oder Lucky Luke sind ihm immer noch die besten Lehrmeister. Und wo Blutch recht hat, hat er recht.

So ist „Der kleine Christian“ eine große Liebeserklärung an Comic und Film. „Blotch“ dagegen ist eine Hommage an die Geschichte des komischen Zeichnens. Wobei wenige Figuren denkbar sind, die mehr Abscheu beim Lesen erwecken könnten  als die Zeichner der Zeitschrift „Fluide Glacial“, die im Mittelpunkt des Albums steht. Vor allem der Titelheld Blotch, der schon durch das nur leicht variierte Pseudonym als Alter Ego von Blutch ausgewiesen gelten darf, ist ein kläglicher Opportunist, der munter Ideen und Stile bei Kollegen klaut, um dann eigene reaktionäre Witzzeichnungen in der Redaktion einzureichen. Angesiedelt ist das Ganze in den dreißiger Jahren, teilweise schon unter der regierung der linken Volksfront, die „Fluide Clacial“ vehement bekämpft. Die Konstellation in der fiktiven Redaktion ist dabei die gleiche wie sechzig Jahre später in der höchst realen des wirklichen „Fluide Glacial“, der großen 1975 gegründeten französischen Comic-Satirezeitschrift, eines klar links stehenden Blattes, in dem Blutch von 1993 an seine ersten populäreren Arbeiten veröffentlichte, darunter Ende der neunziger Jahre auch die Episoden von „Blotch“. Alle Figuren in diesem Comic persiflieren Kollegen von damals, und nur dadurch, daß Blutch selbst sich die ekelhafteste Figur als Alter Ego reserviert hat, dürfte dieser bittere Spott keine persönlichen Verwerfungen nach sich gezogen haben.

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Der arrogante Blotch erläutert in geheuchelter Bescheidenheit die Kunst des Cartoons.

 

Wie in „Der kleine Christian“ besteht „Blotch“ aus einzelnen kurzen Geschichten von hier jeweils fünf Seiten (bei „Christian“ schwankt der Umfang von fünf bis zehn Seiten), die aber chronologisch geordnet sind und also eine durchgehende Biographie der jeweiligen Hauptfiguren ergeben, bei der die Kenntnis der früheren Kapitel vorausgesetzt wird. Doch beide jeweils mehr als hundertseitigen Alben lassen sich auf diese Weise schön portioniert lesen, und zumal „Der kleine Christian“ fordert fast gar keine Anstrengung, weil die Jugend im Frankreich der siebziger Jahre sich nicht gravierend von einer deutschen Kindheit derselben Zeit unterscheidet. Das Publikum dürfte vieles wiederfinden, was es selbst an Identifikation und Enttäuschungen erlebt hat. Der Ton der Erzählens (und das Thema zumal der zweiten Hälfte) gleicht demjenigen von Mawils autobiographischem Comic „Wir können ja Freunde bleiben“, der sich einiges von Blutch „Kleinem Christian“ abgeguckt haben mag, aber denn doch bei der Schilderung der Liebeswirren eines Jugendlichen wiederum dem zweiten Band von Blutchs Geschichte zuvorgekommen ist.

Ganz besonders reizvoll ist die Lektüre beider deutscher Übersetzungen, weil „Blotch“ mit seinem Anspielungsreichtum auf Cartoon-Ästhetik das fortführt, was beim „Kleinen Christian“ mit dem Rekurs auf kindliche Comic-Begeisterung geleistet wird. Zusammen ergibt sich daraus eine Ästhetik Blutchs, die mehr über diesen Zeichner aussagt, als die mittlerweile zahllosen Artikel über ihn (zuletzt im aktuellen französischen Jahrbuch „Neuvième art“). Daß er ein schwieriger Charakter sein muß, habe ich während zweier Comicfestivals in Angoulême beobachten können. Sowohl auf der Bühne beim Zeichnen zum Gesang von Brigitte Fontaine als auch als Gast bei Diskussionen fiel Blutch vor allem durch introvertierte und egozentrische Haltung auf. Des eigenen Star-Status sicher schleuste er ganze Gruppen von Freunden an den teilweise seit Stunden wartenden Fans vorbei in kleine Säle, die dann wegen Überfüllung fürs normale Publikum geschlossen wurden. Aber es zeigt wohl vor allem eine anhaltende Unsicherheit im persönlichen Auftreten, daß Blutch sich überhaupt mit einer solchen Corona umgeben muß. Als Comiczeichner ist er längst einer der ganz Großen der Gegenwart. Also lese man seine Geschichten; denn man hat mehr von Blutch als dessen eigenes Zerrbild – sei es als Christian oder als Blotch – als vom Künstler selbst.

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1 Lesermeinung

  1. <p>100%ige Zustimmung: zwei...
    100%ige Zustimmung: zwei der großartigsten französischen Comics, die in der letzten Zeit hierzulande erschienen sind (abgesehen vielleicht von Christophe Blains „Gus“ im letzten Jahr). Diesen (frechen) Witz in der Erzählung gepaart mit der Virtuosität und Lebendigkeit des Strichs sucht man bei deutschen Comics vergebens.

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