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Klickeradoms! Monster, die wir kennen, Forscher, die wir nicht kennenlernen wollen

29.04.2009, 13:16 Uhr  ·  Ist das Kunst? Der Verlag sagt ja, ich sage nein. "Nelson Effect" klaut seine Bildersprache bei tollen Zeichnern und hat ansonsten wenig zu erzählen.

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The Green Box? Als Verlagsnamen nie gehört. Aber ich bin ja auch nicht zuständig für Kunsteditionen, sondern für Comics, und die Edition Kunst der Comics ist ja schon lange über die Wupper – Ehre ihrem Angedenken und den vielen schönen Vorzugsausgaben, die ich mir nicht leisten konnte. Aber für Bernd Pfarrs grandiosen „Dulle”-Band in regulärer Ausstattung hatte es dann vor bald zwanzig Jahren doch noch gereicht, und allein damit hatte die Edition Kunst der Comics ihren Daseinszweck schon erfüllt.

Was aber ist nun The Green Box? Ein Verlag, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, „Kunstwerken im Medium Buch eine angemessene und überzeugende Form zu geben, so dass sich bisweilen die Grenzen zwischen den Werken und ihrer Dokumentation verwischen”. Angesiedelt ist man mit solch einem Anspruch natürlich in Berlin, und das Programm umfasst bereits achtzehn Bücher, ohne die – ja, auch hier wieder! – limitierten Editionen zu zählen. Doch obwohl der Prospekt, dem ich diese Information verdanke, für das Jahr 2008/09 gilt, fehlt darin das Buch, dem mein primäres Interesse in diesem Text gelten soll: ein Comic selbstverständlich, geschrieben von Romeo Grünfelder, gezeichnet von Timur Seidel, „Nelson Effect” betitelt (heutzutage muß es ja Englisch sein). Er ist bei The Green Box angeblich schon im vergangenen Jahr erschienen, was ich nicht glaube, denn vor drei, vier Wochen setzte plötzlich eine intensive Trommelei für diesen Titel mittels Mails und Netz ein; aber wie dem auch sein mag, im Buchverzeichnis des Verlags fehlt er. Kein gutes Zeichen.

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Ein Fall für den Comic? Oder für die Kunst? Jedenfalls eine eindrückliche Szene.

Schämt man sich unter Künstlers für den Bastard aus der Bilderwelt? Blödsinn, diese Zeiten sind längst vorbei. Und daß Comics mehr und mehr in Verlagsprogrammen auftauchen, wo man sie nie vermutet hätte, ist auch keine überraschende Feststellung mehr. Nennen wir nur „Popeye” bei Mare, „Fun Home” bei Kiepenheuer & Witsch, „Maus” und „Breakdowns” bei S. Fischer oder „Mutter hat Krebs” bei Knesebeck. Offenbar wollen alle sich einmal auf diesem Feld versuchen, doch leider bleibt es meist bei dem einen Mal, weil die Absatzzahlen nicht stimmen. Für „Fun Home”, so hört man munkeln, hat Kiepenheuer & Witsch der Zeichnerin Alison Bechdel einen Vorschuß bezahlt, der das Buch erst bei zwanzigtausend verkauften Exemplaren in die Gewinnzone gebracht hätte. Angeblich gingen jedoch nur sechs- bis siebentausend Exemplare weg. Gar nicht schlecht für einen anspruchsvollen Comic in Deutschland, aber für den Verlag, der irgendwann einmal damit geprotzt hatte, die Anfangsauflage betrage fünfzigtausend Exemplare, ein Desaster. Das war’s dann wohl erst einmal mit Comics beim erfolgsverwöhnten Kölner Haus.

Ich rate bislang so ziemlich allen literarischen Verlagen, die mich um Rat bei der Frage, ob sie Comics publizieren wollen, ab. Man braucht finanzielle Substanz und einen langen Atem, um eine erfolgreiche Comicreihe zu lancieren. Eines von beiden fehlt immer, meist gar beides. Und einzelne Titel mögen ja eine Weile recht gut laufen, aber dann kommt nichts mehr nach. Nicht einmal Ueberreuther scheint besonders zufrieden mit den Absatzzahlen der deutschen Paperback-Ausgaben von „Persepolis” gewesen zu sein. Und davon sind immerhin einige zehntausend Stück verkauft worden.

Warum also macht ein Klein- und Spezialverlag wie The Green Box einen Comic? Weil Romeo Grünfelder der Autor ist. Wer aber ist das? Ein vierzigjähriger Hamburger Filmemacher, dem bis vergangenen Sonntag eine Kunstausstellung in der Düsseldorfer Galerie Ruziczka-Weiss gewidmet war. „Nelson Effect” wurde dort und im März auf einer Veranstaltung des Hamburger Kunstvereins präsentiert, darf also wohl mit Fug und Recht sowohl als Comic wie als Kunst gelten, wobei die Geschichte als eine Art Storyboard für einen noch zu produzierenden Kurzfilm, der „Planspiel” heißen soll, entstanden ist. Also berühren sich schon drei ästhetische Sphären.

Bekommt das dem Comic? Nein. Die Geschichte ist zu komplex für 24 Seiten: Ein Wissenschaftler namens J. Granizo, seines Zeichens Leiter des Instituts für Psycho-Physik in Köln, führt während eines Fußballspiels im Kölner Stadion (wo überraschenderweise der VfB Stuttgart gegen den VfL Bochum antritt) einen Versuch zur Messung der dabei entstehenden Emotionen unter den Fans durch. Das Experiment gerät außer Kontrolle, und es erscheint der Maxwellsche Dämon – eine physikalische Chiffre für ein unauflösbares Dilemma im Versuchsaufbau (um es so schlicht wie möglich auszudrücken). Granizo, in dessen Namen die Grenze bereits anklingt, kollabiert, und damit endet der Comic. Fortsetzung erscheint bitter nötig.

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Monster, die uns bekannt vorkommen … zum Beispiel aus Geoff Darrows “Big Guy”

Timur Seidel, ein Designer, der bislang nicht als Comiczeichner auffällig war, hat offenbar zwei Künstler sehr genau studiert: Geoff Darrow und Moebius. Sein Maxwellscher Dämon nimmt die Bezeichnung „Dämon” wörtlich und sieht aus, als sei er direkt aus den beiden „Big Boy”-Comics entsprungen, mit denen Frank Miller und Geoff Darrow sich Mitte der neunziger Jahre über das Genre der japanischen Monsterfilme lustig gemacht haben. Und der Selbstzweifel, der Granizo schließlich in den Zusammenbruch treibt, könnte wiederum direkt aus der „John Difool”-Reihe von Moebius stammen, in der sehr gerne Protagonisten aus höchsten Höhen in tiefste Tiefen stürzen.

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Ganz Moebius: der Sturz von Professor Granizo

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Das sieht hübsch aus, leider aber gilt diese Einschätzung nur für jene Passagen, die erkennbar abgekupfert wurden. Ansonsten ist Seidels Zeichenstil hölzern und uninspiriert – man kann nur hoffen, daß Grünfelder nicht einen Animationsfilm unter Beteiligung des Zeichners plant. Für die Storyentwicklung sollte sich der Autor auch noch etwas Zeit nehmen. So wie im Comic „Nelson Effect” funktioniert die Geschichte nicht, denn sie steuert nur auf den optischen Höhepunkt des Dämons zu, weckt aber kein Interesse für Granizo oder dessen Experiment. Kann es dennoch noch einen Grund geben, den Comic zu kaufen? Nun, er erscheint in einer Kleinauflage von fünfhundert Exemplaren und kostet nur zwölf Euro. Wenig Geld, wenn es um Kunst geht. Viel allerdings, wenn man Lesespaß erwartet. Daß The Green Box den Titel im Verlagsprogramm verschweigt, kann man verstehen.

 

 

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton der F.A.Z., zuständig für „Bilder und Zeiten“.