Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Mission erfüllt: Das Hergé-Museum ist in Belgien gelandet

Der weite Weg lohnt: Hergé ist der erste Comiczeichner, der in Europa sein eigenes Museum bekommt. Es liegt im belgischen Louvain-la-Neuve, und man muß die Rede vom weiten Weg durchaus wörtlich nehmen. Vom 2. Juni an ist es offiziell geöfnet, doch gestern gab es die erste Besuchsmöglichkeit im Musée Hergé..

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Ein Haus, gebaut wie ein Comic: Von der Fassade des neuen Hergé-Museums grüßt Tim, wie er in „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“ zu sehen ist. (Foto Hergé-Moulinsart 2009) 

Nach Louvain-la-Neuve kommt man bedrückend langsam. Um 5.10 Uhr verläßt am Morgen ein ICE den Frankfurter Bahnhof, um nach Köln zu fahren. Dort muß man auf den Thalys warten, der nach Lüttich geht, denn dort steigt man in einen IC nach Ottignies um, wo ein letzter Wechsel ansteht: in das belgische Äquivalent einer Regionalbahn, die dann aber mitten ins Zentrum der kleinen Universitätsstadt rollt. Gesamtfahrzeit: fast fünfeinhalb Stunden. Und ich dachte immer, Belgien habe das am besten ausgebaute Eisenbahnnetz der Welt.

Hat es mutmaßlich auch, aber als es errichtet wurde, im neunzehnten Jahrhundert, gab es Louvain-la-Neuve noch gar nicht. Die jüngste belgische Stadt wurde 1971 gegründet, als sich im Zuge des eskalierenden Sprachenstreits die frankophonen Lehrkräfte und Studenten von der altehrwürdigen, in Flamen gelegenen Universität Löwen abspalteten und kurzerhand etwa sechzig Kilometer südlich in Wallonien eine neue Hochschule gründeten: eben Louvain-la-Neuve (das neue Löwen). Dafür brauchte man Platz, und man fand ihn am Rande der Kleinstadt Ottignies, aber die hatte schon einen Bahnhof, und so blieb für die Universität nur ein Nebenanschluß. Und ich leide nun darunter.

Denn um elf Uhr findet in Louvain-la-Neuve das wichtigste Ereignis der Stadtgeschichte seit Gründung statt. Naja, sagen wir: die Vorbereitung des wichtigsten Ereignisses, denn eigentlich ist es erst für den 2. Juni anberaumt. Dann eröffnet nach dreizehnjähriger Überlegungs-, siebenjähriger Planungs- und fast dreijähriger Bauzeit das Hergé-Museum. Hundertausend heulende Höllenhunde, was ein Fest! Ein Museum für „Tim und Struppi“! Doch halt: Das Ding heißt Musée Hergé, und es geht um den Zeichner von „Tim und Struppi“, also um Georges Remi, der sich selbst Hergé nannte. So warnt zumindest die Fondation Hergé, in der die Witwe des Zeichners, Fanny Rodwell, den ganzen Nachlaß eingebracht hat. Und diese Stiftung betreibt nun auch das Museum. Sehen wir da etwa nur Porträtfotos und Zeugniskopien?

Gemach. Das Haus ist voller Originale von Hergé, davon die meisten für „Tim und Struppi“. Wie auch sonst? Das wollen die 200.000 Besucher schließlich sehen, die hier pro Jahr erwartet werden. Heute sind schon an die zweihundert da, Pressevertreter aus ganz Europa, denn erstmals gewährt das Haus einen Blick auf seine Dauerausstellung. Um die anderen 199.800 erwarteten Gäste auch hierher zu bekommen, wird man aber in Louvain-la-Neuve noch einiges tun müssen, denn Schilder, die den Weg ins neue Haus weisen, gibt es in der Innenstadt nicht, und kaum jemand von den Bewohnern weiß etwas von der Sensation. Und ich habe mit vielen von ihnen gesprochen, denn als ich den Bahnsteig verließ und auf dem Retortenmarktplatz der Retortenstadt stand, fiel mir die Orientierung schwer. Erstaunlich, wie ein künstlich angelegtes Gemeinwesen die natürliche Orientierung behindert: Der Ortssinn funktioniert nicht mehr. Also nach dem neuen Museum fragen, aber niemand wußte den Weg oder hatte auch nur davon gehört. Also der aus dem Internet gewonnenen Karte nach, doch die führte nach anderthalb Kilometern durch kleinste Wohnstraßen und winzige Wäldchen an den Stadtrand, wo laut Informationen der Stiftung eigentlich das Museum hätte liegen sollen. Dann hätte es allerdings links der Straße ein paar Wohnhäuser plattgedrückt. Oder es hätte rechts der Straße unter einer kilometerweiten Wiese angelegt sein müssen. Jedenfalls keine Spur von dem spektakulären Bau, den man in der Modellsimulation oben sehen kann.

Jenseits der breiten Straße, die Lovain-la-Neuve von der wallonischen Wiesenwildnis trennt, liegt ein Hotel. Dort fragte ich nach der neuen Sensation. Nie gehört. Oder doch, da gebe es dieses seltsame Gebäude. Wo das liege? Na, ganz nahe am Bahnhof, mitten in der Stadt. Auf der Karte zeigt der freundliche Herr auf einen unbebauten Fleck tatsächlich gleich links vom Bahnhof, doch ich war rechts weggegangen. Also wieder los, und zum Glück nimmt mich ein spanischer Journalist mit, der auch hier im Hotel nach dem Weg gefragt hat. Als Gleichgesinnten hat er mich an dem sinnlosen Stadtplan erkannt, den ich in der Hand hielt.

Dann fahren wir in Zentrum von Louvain-la-Neuve zurück, und tatsächlich tut sich hinter einer Kurve ein spektakulärer Bau auf: Das Hergé-Museum ist wie ein Raumschiff in der Siebziger-Jahre-Backsteinwelt gelandet, leider nicht rotweiß kariert, aber ziemlich großspurig, ohne dabei unelegant zu werden. Kaum ist es aber aufgetaucht, sind wir auch schon daran vorbei, denn die Straße teilt sich und läßt deshalb keine Wendemöglichkeit mehr zu. Wir fahren weiter, kilometerweit will es scheinen, bis es endlich nach links geht, aber wir landen nur vor einer Parkhauseinfahrt, in deren Schlund ein gelbes Schild weist: Musée Hergé. Vielleicht eine unterirdische Abkürzung? Also hinein und geparkt. Dann eilen der Spanier und ich hinaus und stehen auf just jenem Marktplatz, wo eine halbe Stunde zuvor mein Suchen begonnen hatte. Wieder Leute fragen, wieder lernen, daß hier niemand vom Museum weiß, bis ein junger Mann uns wenigstens die Himmelsrichtung angeben kann, und siehe da: Wir landen knapp jenseits des Marktplatzes vor einer langen Holzbrücke, die aus der „Altstadt“ zur neuen Sensation führt: dem Museum, und zwar genau zwischen die beiden Blöcke, die man auf dem oberen Bild sehen kann.

Nun könnte man viel erzählen zum Inneren des Museums, aber das wird demnächst im Feuilleton der F.A.Z. getan, und da will ich nicht vorgreifen. Nur soviel: Gestaltet hat die Ausstellung kein Geringerer als Joost Swarte, der Mann, der den Begriff „Ligne Claire“ als Bezeichnung für Hergés Stil erfunden hat. Der niederländische Comiczeichner hat dafür in seinem eigenen Stil, der sich ganz Hergés Vorbild verdankt, etliche Ansichten gezeichnet, die ein Idealbild des neuen Museums entwarfen. Eine bilde ich hier ab.

Bild zu: Mission erfüllt: Das Hergé-Museum ist in Belgien gelandet

Ein Entwurf von Joost Swarte für das Innere des Hergé-Museums, natürlich in schönster Ligne Claire. (Foto Hergé-Moulinsart 2009)

Ganz so toll ist es nicht geworden. Das Götzenbild mit den Zügen des Vorfahren von Käpt’n Haddock etwa steht nicht frei im Raum, sondern in einer Vitrine. Aber immerhin: Es ist da. Und ansonsten hat Swarte ganze Arbeit geleistet; der Rundgang ist ein Genuß. Allerdings keiner, der irgendwelche Überraschungen bereithielte. Aber dafür will man ja auch nicht elf Stunden seines Lebens auf die Fahrt nach Louvain-la-Neuve und zurück verwenden. Und was zu sehen bleibt, ist reich genug; da muß man hin. Von Brüssel aus soll es per Zug übrigens viel einfacher gehen. Dafür aber noch länger dauern. Beim nächsten Mal wird es ausprobiert.

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