Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Gesegnet sei „Strizz": Auf Comic-Mission in Armenien

Armenien ist Comic-Diaspora, aber christliches Kernland: Wie kann man dort Ralf Königs "Archetyp" ausstellen? Oder "Strizz"? Die deutsche Botschaft hat es getan, und ich durfte mit zwei Veranstaltungen dazu beitragen, den Armeniern Comics nahezubringen. Der zweite Auftritt dieser Winztourneee war pefekt - er führte mich in die Stadt Gjumri.

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Das Haus des Schriftstellerverbands in Gjumri hat keine Toilette, aber zu diesem Behufe ein durch einen Verschlag abgetrenntes Loch im Hof. Das ist schlecht für meinen Begleiter, den Schriftsteller Marc Degens. Gegenüber, auf der anderen Seite der Straße also, soll es noch eine Park-Toilette geben – was auch immer das sein mag. Zwischen der armenischen und der deutschen Sprache gibt es wenig Gemeinsamkeiten, auch wenn ich an diesem Nachmittag das armenische Wort für Nägel lerne: „Mech“ lautet es, gesprochen mich rauhem „ch“, aber wie es wirklich geschrieben wird, weiß ich nicht, denn das armenische Alphabet hat auch nur wenig Ähnlichkeit mit dem deutschen. Nägel jedenfalls gibt es im Haus des Schriftstellerverbands von Gjumri auch nicht.

Das ist nun schlecht für mich, denn es sollen gerahmte Comic-Bilder aufgehängt werden. Auf Initiative von Marc Degens, der seit zwei Jahren in der armenischen Hauptstadt Eriwan lebt, ist eine kleine Ausstellung zusammengekommen, die den Armeniern deutsche Zeitungscomics vorstellt. Aus der F.A.Z. sind „Strizz“ von Volker Reiche und Ralf Königs „Archetyp“ vertreten, aus der „Frankfurter Rundschau“ die Serie „Im Museum“ von Sascha Hommer und Jan-Frederik Bandel, und natürlich darf der Strip „Touché“ von ©Tom aus der „tageszeitung“ nicht fehlen, der mittlerweile mit mehr als fünftausend Folgen als deutscher Veteran der Gattung gelten darf. Alle Zeichner haben jeweils eine Auswahl ihrer Arbeiten zur Verfügung gestellt, und so gilt es nun, etwa sechzig Rahmen an die Wand im Haus des Schriftstellerverbands von Gjumri zu hängen. Ohne Nägel und natürlich auch ohne Hammer.

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In nimmermüdem Einsatz für den Comic: Der Verfasser klopft „Strizz“ an die Wand.       Foto Marc Degens

Zum Glück finden wir bei Ankunft bereits eine andere Ausstellung im großen Versammlungsraum vor: armenische Karikaturen. Und die sind zwar eingeschweißt und deshalb nur mit Heftnadeln befestigt, aber immerhin: Nun haben wir „knopka“, wie Heftzwecken im Russischen heißen (das Wort haben die Armenier während der fast sieben Jahrzehnte Sowjetherrschaft adoptiert), und eine Zange findet sich auch, mit der ich die Knopka in die Wand treiben kann, so daß tatsächlich ein paar Bilder ihren Platz finden. Dann hat die Leitung im Haus des Schriftstellerverbands ein Einsehen und bittet zwei Herren vom hiesigen Künstlerhaus um Beistand. Sie haben Nägel, Hämmer, und zwei Stunden später hängt die Ausstellung rechtzeitig zur Eröffnung. Man hilft sich gerne unter Künstlern.

Gjumri, zweitgrößte Stadt Armeniens nach Eriwan, hat den Ruf einer Künstlerhochburg, und so fand denn auch hier und nicht in der Hauptstadt 1988 ein großer Karikaturenkongreß samt Ausstellung statt, also noch zu Sowjetzeiten also und just in jenem Jahr, in dem Gjumri, das damals noch zu Ehren Lenins Leninakan hieß (nachdem es zuvor Alexandropolis nach dem russischen Zaren Alexander I. genannt wurde, und davor wiederum tatsächlich einmal Gjumri hieß), durch ein großes Erdbeben fast vollständig zerstört werden sollte. Seitdem hat die Stadt 140.000 ihre ehemals 220.000 Bewohner verloren, und einen zweiten Karikaturenkongreß hat es auch nicht mehr gegeben.

Doch die Stadt ersteht neu – nicht gerade wie Phönix aus der Asche, aber dank internationaler Hilfe gibt es einige neu errichtete Wohnviertel, und etliche Künstler sind ihrer alten Heimat treu geblieben. Trotzdem ist das kulturelle Angebot gegenüber der Millionenstadt Eriwan bescheiden, und so erklärt es sich, daß zum Gespräch zwischen Marc Degens und mir, mit dem wir die Ausstellung deutscher Zeitungscomics eröffnen, der Versammlungsraum im Haus des Schriftstellerverbands aus allen Fugen platzt. In Eriwan, wo wir am Vortag zum Abschluß der dortigen Station der Ausstellung auch ein Gespräch über Comics geführt haben, waren weitaus weniger Zuhörer da, und ein gewisser Teil davon rekrutierte sich aus der kleinen deutschen Kolonie in der armenischen Hauptstadt.

In Gjumri gibt es zwar ein „Gästehaus Berlin“, das das Rote Kreuz der deutschen Hauptstadt finanziert hat, aber keine Deutschen. Ein Vertreter der Botschaft ist heute aus Eriwan angereist, denn die Comic-Ausstellung ist Bestandteil der „Deutschen Kulturwochen im Südkaukasus“, und der Dank des sich immer gegenüber Eriwan vernachlässigt fühlenden Gjumri ist Deutschland gewiß. Endlich kommt wieder einmal internationales Flair in die teilweise noch von den Erdbebenschäden gezeichneten Mauern der Stadt. Der späte Nachmittag wird ein voller Erfolg.

Doch eine Schrecksekunde hat es gegeben. Plötzlich, noch bevor außer den paar Bildern, die ich mit Konepka und Zange an die Wand bekommen hatte, irgendetwas sonst hing, standen drei Priester im Saal. Auch sie würden bald eine Veranstaltung hier im Haus haben, und deshalb waren sie schon einmal vorbeigekommen, und nun wollten sie gerne einen Blick auf die Bilder aus dem fernen Deutschland werfen. Comics, das muß man dazu wissen, gibt es in Armenien fast gar nicht. Zwar habe ich in Eriwan ein paar Übersetzungen aus dem Französischen gefunden (Lucky Luke, Tim und Struppi), doch der einzige Comic, der mir armenisch zu sein schien – eine gräßlich gezeichnete schwarzweiße Geschichte mit Ritterhandlung -, könnte auch aus dem Russischen übersetzt worden sein. Wie gesagt: Ich kann Armenisch nicht sprechen, geschweige denn lesen.

Nun konnten die Priester auch kein Deutsch, aber das war keine Beruhigung, denn zu allen Ausstellungsstücken war eine armenische Übersetzung der Texte erstellt worden. Auch zu Ralf Königs  „Archetyp“. Nun muß man noch etwas wissen: Der Berg Ararat, auf dem angeblich Noahs Arche strandete, als die Sintflut vorbei war, liegt zwar in der Türkei, aber nahe an der armenischen Grenze und mitten im historischen armenischen Siedlungsgebiet, und das Land führt den verehrten Berg deshalb im Staatswappen und begehrt ihn sehnlichst zurück. Zudem sind die Armenier Christen, und seit dem Zerfall der Sowjetunion ist die Religion wieder zum wichtigen nationalen Bindemittel geworden. Ralf Königs satirischer Blick auf die biblischen Ereignisse, zumal auf Noah, könnte hier also auf Widerstand stoßen. Die deutsche Botschaft hatte schon in Eriwan streng darauf geachtet, daß die Übersetzungen nicht die Gefühle gottesgläubiger Armenier verletzen würden, nachdem eine einheimische Mitarbeiterin sich geweigert hatte, die Strips von Ralf König ins Armenische zu bringen.  Auch die Erläuterungen zu Ralf König wurden behutsam gekürzt, da darin von Homosexualität die Rede war. Die ist in Armenien zwar nicht mehr verboten wie noch bis vor wenigen Jahren, aber als Thema relativ tabu. Was würden die Priester aber nun zu den Inhalten der Comics selbst sagen.

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Höherer Beistand inklusive: Der armenische Klerus delektiert sich an deutschen Comics.     Foto Marc Degens

Sie sagten nichts, sie lachten. Allerdings über „Strizz“. Denn ein paar Folgen davon hatte ich aufgehängt, während die „Archetyp“-Episoden noch darauf warteten, an die Wand gebracht zu werden. Das klerikale Trio beschränkte sich auf die Comics in Augenhöhe, und ihre Freude über das, was sie sahen, war so groß, daß sie anboten, die Ausstellung zu segnen. „Sie müssen ja auch die sieben Jahrzehnte aufholen, die sie nicht segnen konnten“, murmelte mir unser Simultanübersetzer Levon zu, aber hier gelingt die Aufholjagd nicht, denn der Chef des Hauses des Schriftstellerverbands von Gjumri lehnte das Angebot freundlich ab. Künstler sind häufig keine besonders gottesgläubigen Menschen.

Die Veranstaltung steht dennoch unter einem guten Stern. Einer der drei Priester ist prompt auch unter den Zuhörern, und das simultan übersetzte Gespräch zwischen Marc Degens und mir wird bald zu einer hochspannenden Diskussion erweitert, die den ganzen Saal einbezieht. Worin der Unterschied zwischen Comic und Karikatur liege, ob man im Comic biblische Themen darstellen könne oder dürfe, wie der dänische Karikaturenstreit zu bewerten sei, ob auch ein Thema wie das große Erdbeben für einen Comic tauge. Im Nu sind anderthalb Stunden vergangen, und nach Ende des offiziellen Teils geht es munter weiter: Einige Besucher stellen sich als Karikaturisten vor, andere haben von ihnen verfaßte Kinderbücher dabei (Auflage heute in Armenien fünfhundert Stück, während zu Sowjetzeiten zehn- bis fünfzehntausend verkauft wurden). Der sehr schöne Katalog des Karikaturenkongresses von 1988 wird vorgezeigt, der Wunsch nach weiteren Gesprächen geäußert, und auch wenn ich skeptisch bin, ob die Bewohner von Gjumri nun sofort zu großen Comicliebhabern werden, ist die Neugier auf die ausgestellten Arbeiten erkennbar groß. Und überhaupt: Diese Stadt hat viel überstanden; da werden ein paar deutsche Comics sie nicht erschüttern. Wenn die Bildergeschichten dagegen ein bißchen Freude auslösen, ist das umso besser. Wer heute noch nach Gjumri fährt, kann die Ausstellung noch sehen, denn länger als eine Woche läuft sie nicht – es sind ja auch „Deutsche Kulturwochen“, nicht „Kulturmonate“. Doch in Armenien wird sie Schau bleiben, denn das Haus der Schriftstellerverbands in Eriwan, wo sie vor Gjumri für eine Woche zu sehen war, hat darum gebeten, die Bilder behalten zu können: Sie hätten die Wände so schön geschmückt. So wird aus den deutschen Zeitungscomics jetzt eine Dauerausstellung, wohl die erste permanente Comic-Schau auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Die „mech“ waren in Eriwan vorsichtshalber gar nicht erst wieder aus der Wand gezogen worden, als man die Ausstellung dort abhängte.

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