Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Frauen am Zeichentisch: Der "Mami Verlag" und sein großes Talent Birgit Weyhe

Was soll den das sein? Ein Comicverlag namens "Mami"? Müssen wir brave Geschichten warten, die jedes Wagnis der Harmonie halber scheuen? Ganz im Gegenteil. Anke Feuchtenberger und Stefano Ricci wollen mit ihrer Neugründung ein Forum für freie Experimente und wildes Denken schaffen. Mit Birgit Weyhe haben sie schon die erste Entedeckung gemacht.

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Die Dame, die da ihre Entscheidung trifft, heißt Birgit Weyhe. Oder sagen wir: Sie sieht so aus wie Birgit Weyhe, aber einen Namen trägt die Figur nicht. Sie ist die Erzählerin eines Comicbandes, der „Ich weiß“ heißt – doppeldeutig, denn er erzählt vom Wissen, aber auch von den Erlebnissen einer Weißen in Schwarzafrika. Birgit Weyhe hat ihn gezeichnet, und das war schon einmal eine sehr kluge Entscheidung. Denn sie erzählt wunderbare Geschichten.

Zum ersten Mal bin ich vor genau einem Jahr auf Birgit Weyhe gestoßen, beim Erlanger Comicsalon, und zwar in „Ich/I/Je/Io“, einem ziegelsteindicken spottbilligen Sammelband. Er versammelte nicht nur zahlreiche Geschichten junger Zeichner, die im Rahmen einer Kooperation der Hochschule für angewandte Wissenschaft in Hamburg mit den Kunsthochschulen in Bologna und Brüssel entstanden sind, sondern auch noch zwei DVDs enthielt: mit Trickfilmen und Präsentationen von längst weltweit etablierten Zeichnern wie David B., Gipi oder Rutu Modan – und das alles für gerade mal 15 Euro. Aber das war auch das Problem: Ich staunte derart über den niedrigen Preis, daß ich erst einmal mehr über den Verlag herausbekommen wollte als über die im Buch vertretenen Künstler.

Der Verlag trägt den etwas bieder wirkenden Namen „Mami“. Wer allerdings weiß, daß dahinter die in Hamburg lehrende Zeichnerin Anke Feuchtenberger und ihr italienischer Kollege und Lebenspartner Stefano Ricci stecken, der dürfte ahnen, daß auch dieser Name vieldeutig gemeint ist: Neben das Süßlich-Liebe tritt sofort etwas Matriarchalisch-Emanzipiertes und auch Wagemutig-Beschützendes, denn Feuchtenberger und Ricci sind Speerspitzen der Avantgarde und fördern in Hamburg als Professoren (und nun auch als Verleger) junge Künstler, die es sonst zunächst schwer haben dürften zu publizieren. Dementsprechend vielseitig ist der Mami Verlag: Mittlerweile sind schon sechs Bücher erschienen, in den unterschiedlichsten Formaten, alle broschiert, aber mit wunderschönen einfarbig blindgeprägten Schutzumschlägen. Schon unter bibliophilen Aspekten betrachtet, ist das eine der spektakulärsten Reihen, die es in Deutschland auf dem Comicsektor gibt.

Und dann eben die Inhalte. Natürlich sind Feuchtenberger und Ricci auch selbst jeweils mit einem Band auf bestem Papier und in schönstem Druck vertreten, aber das sind jeweils keine Comics, sondern schmale Sammlungen von Einzelillustrationen, die sich aber jeweils zu eigenen Werkkomplexen ergänzen und auf diese Weise doch wieder Geschichten erzählen. Im Falle von Anke Feuchtenberger ist es der „Superträne“-Zyklus, eine Serie von großformatigen Kohlezeichnungen (und mit „großformatig“ meine ich in der Tat teilweise mehrere Quadratmeter), die mehrere Superheldinnen zum Thema haben, die aber nicht dem geläufigen Schema dieses Genres entsprechen. Da fliegen Damen mit Kopftuch und im Putzfrauen-Outfit durch die Straßen Berlins, oder eine andere Heldin tritt in weißer Unterwäsche über schwarzem Trikot auf. Feuchtenberger spielt also mit den Seh- und Erzählerwartungen und wendet dieses Vorwissen nicht nur ins Weibliche, sondern auch ins Groteske oder bisweilen Surrealistische. Oder sie spielt sich vollkommen frei und liefert unter dem Titel „Kameraden“ eine Hommage an Wilhelm Buschs „Max und Moritz“, denen die bösen Gedanken schon an der schwarzen Sprechblase abzulesen sind.

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Doch diese künstlerische Brillanz ist längst keine Entdeckung mehr, eine solche aber ist Birgit Weyhe. Die seit 2002 zeichnende Münchnerin, die in Ostafrika aufgewachsen ist, hat mit dem bereits erwähnten „Ich weiß“ einen voluminösen Band im Albenformat bei Mami veröffentlicht, der vier Geschichten enthält. Obwohl diese Zahl den Sachverhalt nicht trifft, denn allein in der ersten Geschichte verbergen sich gut ein halbes Dutzend weitere. Alle gehen auf Erinnerungen an afrikanische Erlebnisse oder Mythen zurück, und Weyhe gelingt es wunderbar, das Changieren zwischen Phantastischem und Realem auch graphisch auszudrücken. Man nehme nur ihre höchst expressive Darstellung des Mythos von Anansi, einer Chimäre aus Spinne und Mensch, die durch ihre Gier dafür gesorgt hat, daß der Tod nicht nur die Tiere im Urwald, sondern auch die Menschen in den Siedlungen ereilt. Weyhe zeichnet den Tod als schwarzen Golem mit dürren Astgabeln statt Händen, und wie sie aus dieser stummen Figur mehr und mehr ein wahres Monstrum macht, ist im höchsten Maße bemerkenswert.

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Zumal es ihr gelingt, den europäischen Comicavantgarde-Stil mit afrikanischer Formensprache zu verbinden, so, wie es David B. und Marjane Satrapi bereits für die Kombination von europäischen und orientalischen Motiven vorgemacht haben. In dem autobiographischen Reisebericht „Schnee“, der Weyhe als junge Frau mit ihrem Partner Magnus 1993 nach Tansania begleitet, wird die Handlung immer wieder durch bloße Ornamentbilder mit afrikanischen Stoff- oder Schnitzmustern unterbrochen. So öffnet Weyhe einen Assoziationsraum, der keinen unmittelbaren Zusammenhang mit den Ereignissen der reise hat, sondern nur eine Stimmung schafft – und Ruhepunkte in der hier sehr kleinteilig arrangierten Seitenarchitektur. Auch sonst ist das assoziative Verfahren ihr wichtigstes erzählerisches Prinzip – etwa im Falle der letzten Geschichte, „Chamäleon“. Sie beginnt mit einem Bild, in dem die Zeichnerin mit dem Satz anhebt: „Wenn ich eine Entscheidung treffen muß, setze ich mich auf eine Kiste.“ Und das zeichnet sie. Doch schon auf dem nächsten Bild ist nur noch die Kiste zu sehen, die dann im dritten Panel geöffnet wird, und aus den darin verwahrten Objekten (und Erinnerungen) entsteht eine Reise durch die Zeit zurück nach Ostafrika in die Kindheit der Erzählerin, ehe ganz am Schluß nach all der Abschweifung gerade durch diese Ablenkung und die Überweindung von Bedenken und Zweifeln die Entscheidung möglich geworden ist – und dann kommt das Bild, das am Anfang dieses Blogs zu sehen ist, ehe die Erzählerin auf dem allerletzten Panel der Geschichte und des Buchs als kleiner schwarzer Schemen in einem sonst weißen Bild aus dem Geschehen heraus geht.

Das ist große Erzähl- und bei aller scheinbaren Schlichtheit der Linienführung auch große Bildkunst. Auf Birgit Weyhe müssen wir achten. Und auf die Publikationen des Mami Verlags auch.

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