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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Die schönste aller Comic-Ausstellungen

Viel prominenter ging es nicht: Die Königlichen Museeen der Schönen Künste boten in der belgischen Hauptstadt Brüssel Quartier für die Comics. Allerdings nicht irgendwelchen, sondern Meisterwerken von den größten Zeichnern. Zwanzig aktuelle belgische Comicmacher konnten ihre Favoriten nennen, und dazu stellten sie noch eigene Werke aus.

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Ever Meulen, der große belgische Illustrator, gestaltete das Plakat zur Brüsseler Comic-Ausstellung.

 

Das ist sie also, die schönste Comic-Ausstellung aller Zeiten. Oder besser: Das war sie, denn sie hat am vergangenen Sonntag ihre Tore geschlossen, und ich habe es am letzten Wochenende gerade noch hinbekommen, nach Brüssel zu fahren und in die Königlichen Museen der Schönen Künste zu gehen. Mit leichter Skepsis, das gebe ich zu. Denn ein prominenter Ort garantiert ja noch keine gute Schau – siehe die unsägliche Comic-Präsentation, die der Louvre in seinem tiefsten Kellergeschoß Anfang des Jahres ausgerichtet, ach was: verbrochen hat. Ob das prominenteste belgische Museum sich geschickter anstellen würde? Zumal es ja in Brüssel ein wunderschönes spezielles Comicmuseum gibt.

Aber alle, die es vor mir geschafft hatten, die Ausstellung zu sehen, schwärmten. Noch im Mai war ich nach dem Besuch des neuen Hergé-Museums in Louvain-la-Neuve in einem Brüsseler Comicladen angesprochen worden: von niemand geringerem als Rich Brandmayr, einem der besten deutschen Comic-Kenner. Er kam aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus, und auch wenn ein Teil seiner Begeisterung zweifellos dem Faktum zu verdanken war, daß es in der Schau eine großartige handkolorierte Krazy-Kat-Originalseite zu sehen gab (und Erich Brandmayr einer der größten „Krazy Kat“-Liebhaber der Welt ist), merkte ich doch an der Beschreibung, daß da etwas wirklich Interessantes zu sehen sein würde. Indes hatten wir Montag, und da haben auch die Königlichen Museeen geschlossen, am Abend aber ging es aus Brüssel schon zurück nach Frankfurt. Als dann aber wenige Tage später auch noch Martin Jurgeit, Chefredakteur der Fachzeitschrift „Comixene“, anrief, um seiner Freude über die Ausstellung Ausdruck zu verleihen, war es klar, daß wohl kein Weg an der belgischen Hauptstadt vorbeiführen würde.

Es sollte dennoch weitere vier Wochen dauern, bis ich in der Schlange vor dem langsamsten Kartenverkauf des gesamten Universums stand und hoffte, daß ich bis zur Schließung des Hauses fünf Stunden später überhaupt noch drankommen würde. Es gelang, doch dann führte der Weg erst einmal tief, tief hinab. Wo hatte ich das schon einmal gesehen? Richtig, im Louvre, wo die Comics in der hintersten Ecke gelandet waren. Das ist in Brüssel irgendwann genauso, aber sie fangen auch weit vor der hintersten Ecke an, denn die Ausstellung ist riesig; sie füllt den gesamten Sonderausstellungsbereich im Tiefgeschoß und auch noch das Foyer dazu. Doch bevor man das erkennen kann, fällt erst einmal das Licht aus.

So steht man im Dunkeln, in der fensterlosen Tiefe der Königlichen Museen, und darf sich mittels der sporadischen Notbeleuchtung über die ersten Tischvitrinen beugen, in denen Originale von Hergé und Edgar Pierre Jacobs zu sehen sind, von Willy Vandersteen und Marc Steen, von Franquin und Morris, Peyo und Roba, also von allen ganz Großen des belgischen Comics. Doch das meiste kann man im bunkerartigen Dämmerlicht nur erahnen, und in die Räume jenseits des Foyers wird man gar nicht erst eingelassen, denn dort herrscht durch den Stromausfall ägyptische Finsternis. Zwei grandiose Seiten von Maurice Tillieux, deren nächtlichem Paris man die Beeinflussung durch Jean-Pierre Melvilles Kriminalfilme ansieht, sind zwar nunmehr kongenial ausgeleuchtet (oder besser: abgedunkelt), aber man hätte doch gerne die Details studiert, und darüber hängt anscheinend eine Originalseite aus „Asterix und Kleopatra“ – ein Rarissimum, weil Asterix-Originale fast nie auftauchen. Nur, daß man erahnen muß, um was es sich genau handelt.

Dann aber geht das Licht wieder an, und erfreulicherweise hat der Dunkeleffekt die meisten Besucher aus der Ausstellung herausgetrieben, so daß man nunmehr die anschließende Raumflucht fast für sich allein hat. Zwanzig prominente belgische Comic-Künstler der Gegenwart zeigen hier ihre Arbeiten, darunter Francois Schuiten, Hermann, Frank Pé, Philipppe Geluck, Bernard Yslaire oder Raoul Cauvin, um nur ein paar der berühmtesten zu nennen. Mit Jean van Hamme ist auch ein Szenarist in der Auswahl vertreten, und anhand der von anderen Händen gezeichneten Seiten aus dessen Werk kann man großartig studieren, wie sich auch eine erzählerische Handschrift beweisen kann – über alle individuellen Zeichenstile hinweg. Wer traut sich endlich mal an eine große Szenaristenüberblicksschau?

In den Königlichen Museen setzt man traditionell auf die Verführungskraft der Bilder, wobei die Begleittexte durchaus umfänglich ausfallen, und manche Originalseite nach Lektüre geradezu verlangt. Deshalb ist die Höhe, in der sie aufgehängt sind, gut gewählt, und manchmal sind sogar ganze Seitensequenzen ausgestellt. Schön genug also, was die aktuellen Comicmacher hier vorführen: großzügig präsentiert, klug arrangiert, geschickt ausgewählt. Doch es gibt noch zwei echte Clous der Schau. Der erste besteht darin, daß alle ausgestellten Künstler gebeten wurden, ein paar individuelle Objekte beizusteuern, die für ihre Arbeit wichtig sind. So hat etwa Van Damme sein Stehpult ans Museum ausgeliehen, Walthéry einen Teil seiner Plattensammlung, Cauvin den Liegestuhl, in dem er über Ideen brütet. Doch die meisten Zeichner haben die Aufforderung der Ausstellungsmacher als Anregung empfunden, aus den zur Verfügung gestellten Objekten noch etwas mehr zu machen: nämlich autobiographische Kunstwerke sui generis. Man bekommt großartige Inszenierungen geboten, für die sämtliche Ideen, die Happening- oder Installationskunst hervorgebracht haben, genutzt wurden, um private Traum- und Arbeitswelten in den etwa zwei Kubikmetern zu erschaffen, die von den Vitrinen geboten werden.

Leider ist nichts davon im Katalogbuch dokumentiert. Und darin fehlt auch der zweite Clou der Brüsseler Ausstellung: die Galerie der Vorbilder. Jeder der zwanzig Gegenwartszeichner konnte seine Favoriten nennen, und entsprechend diesen Listen wurden dann kleine Gruppen von Originalwerken zusammengestellt, so daß alle Zeichnungen der heutigen Künstler ergänzt werden durch jene Altmeister, die sie als ihre Vorbilder nannten. So hat man Comicseiten und Comicstrips vor Augen von Carl Barks und Hugo Pratt, von Robert Crumb und Moebius, von Milton Caniff und Alex Raymond, von Chaval, Tardi, Winsor McCay und George McManus, und natürlich auch von all den schon im Entrée gezeigten Heroen wie Tillieux, Jacobs, Franquin, Hergé und sämtlichen frankobelgischen Klassikern – sämtlich aus Privatsammlungen entliehen, die sonst nie öffentlich zu sehen sind (und vereinzelten Leihgaben der Galérie du 9. Art in Paris). Von manchen der schönsten Originale hätte man niemals geglaubt, daß sie überhaupt noch erhalten wären – wie etwa jener wirklich sensationellen „Krazy Kat“-Seite, die George Herriman 1916 gezeichnet und koloriert hat.

So bot die Brüsseler Schau ein Pantheon der Comic-Kunst, eine Leistungsschau des zeitgenössischen belgischen Comics und darüberhinaus eine höchst amüsante Selbstdarstellung der beteiligten Zeichner mittels ihrer zwanzig eigens zusammengestellten Sammlungen von Erinnerungsstücken. In der Tat: Viel besser, klüger und vor allem lehrreicher wird man Comics schwerlich ausstellen können, von der Qualität der ausgewählten Stücke ganz zu schweigen. Daß die Exaktheit der Begleittexte bei den amerikanischen Künstlern etwas zu wünschen übrigließ, konnte man verschmerzen. Und für alle die, die es nicht geschafft haben, rechtzeitig nach Brüssel zu gelangen, ein Tip: Noch das ganze Jahr 2009 über reiht sich in der belgischen Hauptstadt eine Comic-Veranstaltung an die andere. Denn dieses Jahr ist zur „année de la bande dessinée à Bruxelles“ ausgerufen worden, und so kann man im verbleibenden Halbjahr noch Ausstellungen zum erotischen Comic der sechziger Jahre sehen, zum sogenannten „Atom-Stil“, der sich an den modernistischen Idealen von André Franquin orientierte, zu Willy Vandersteen und manchen anderen belgischen Comic-Naturgewalten. Es gibt Theateradaptionen, Diskussionen, Spaziergänge – und so scheint mir eine erneute Rückkehr nach Brüssel im Laufe dieses Jubeljahres geradezu unabdingbar.

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