Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Kanzlerin Angie als Comic-Superstar

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Was weder Adenauer noch Kohl gelang, das ist nun ihrer späten Nachfolgerin Angela Merkel geglückt: Held eines Comics zu werden. „Miss Tschörmänie" heißt er, und er ist beileibe nicht so platt geraten, wie man das bei diesem Titel vermuten sollte.

Bild zu: Kanzlerin Angie als Comic-Superstar

Da steht sie auf dem Titelbild, im tief ausgeschnittenen Kleid, das wir aus den voyeuristischen Bildern vom Besuch der Oper in Oslo kennen, mit einer Krone geziert, auf die ein großes A eingraviert ist, mit schwarzrotgoldener Schärpe umhüllt und die Finger so breit zum Victory-Zeichen gespreizt, das Churchill grün vor Neid werden müßte. Und unter ihr versuchen ein paar Herren mit aufs Siegerpodest zu kraxeln, dessen oberste Stufe aber schon von ihr besetzt ist. Die Herren sind Roland Koch, Edmund Stoiber, Gerhard Schröder, Helmut Kohl, Oscar Lafontaine, Wolfgang Schäuble, Frank-Walter Steinmeier, Franz Müntefering, Wladimir Putin, Nicolas Sarkozy und Barack Obama. Alle spielen sie mit im Comic „Miss Tschörmänie“, aber alle spielen sie darin auch nur Nebenrollen. Und einige von ihnen pflastern als politische Leichen gar den Weg der Frau, die dort ganz oben steht.

Politische Comics haben in Deutschland keine Tradition. Das ist in großen Comic-Nationen anders. Barack Obama war kaum gewählt, da kümmerte sich Spider-Man schon um die Sicherheit bei seiner Amtseinführung. Sarkozy ist in seiner gegenüber der deutschen Kanzlerin ungleich kürzeren Amtszeit schon Gegenstand mehrerer satirischer Attacken geworden, doch bei Angela Merkel mußte fast das Ende der Legislaturperiode erreicht werden, ehe endlich etwas Entsprechendes auf Deutsch erschienen ist. Und das ist auch nicht gerade rasend komisch geworden. Aber auch alles andere als geistlos. „Miss Tschörmänie“ kommt als eine solide recherchierte Comic-Biographie daher, die allerdings keinen Anspruch auf Sachlichkeit erhebt, obwohl sie faktenreich ist. Das karikatureske Element ist jederzeit gewahrt, sonst könnten die beiden Autoren, Miriam Hollstein als Textschreiberin und Heiko Sakurai als Zeichner, im Hinblick auf die kommende Bundestagswahl ja in den Ruch künstlerischer Wahlhilfe kommen.

Sakurai ist einer der begabtesten jungen Karikaturisten in Deutschland, dessen Interesse an Comics schon länger bekannt ist, doch ein solch umfangreiches Projekt hätte ich ihm denn doch nicht zugetraut. Immerhin umfasst die Biographie von Angela Merkel sechzig Seiten. Mit jeweils zwei Streifen à meist acht Bildern pro Seite ergibt sich eine für deutsche Verhältnisse beeindruckende Masse an Darstellungen, wobei es sich als durchaus nützlich erweist, daß die meisten beteiligten Figuren zu den täglichen Akteuren in den Bildern des Karikaturisten Sakurai zählen. Er hat die verzerrten Gesichter und Physiognomien selbst noch der obskursten Kabinettsmitglieder drauf, und der 1971 geborene Zeichner hat sich zudem auch in die schon etwas ältere Zeitgeschichte vertieft, um die frühen Jahre von Angela Merkel angemessen bebildern zu können. Die spielen zwar keine riesige Rolle, denn nach zehn Seiten ist die Mauer schon auf und Angela Merkel hat zwei Drittel ihres Lebens bereits hinter sich, aber gerade bei den wenig bekannten Episoden der ostdeutschen Biographie der heutigen Kanzlerin laufen Hollstein und Sakurai zu großer Form auf. Später ist dann vieles in der Comichandlung doch zu sehr karikiert, als daß man den spezifischen erzählerischen Reiz einer umfangreichen Bildergeschichte noch erkennen könnte.

Doch es gibt auch wunderbare Einfälle: die Präsentation von Angela Merkels Ehemann Joachim Sauer etwa, der nur dreimal Erwähnung findet, wobei nicht einmal sein Gesicht gezeigt wird. Am schönsten ist dieser höhnische Kommentar auf den unbekannten Mann an der Seite der Politikerin in der Hochzeitsszene umgesetzt, wo die Sprechblase des Standesbeamten den Kopf Sauers verdeckt. Da zeigen Hollstein und Sakurai, wie durchdacht die Konzeption ihres Politcomics ist.

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Auch die F.AZ, spielt einmal mit im Comic, wobei die Ähnlichkeit des Kollegen Karl Feldmeyer mit seiner Darstellung relativ ist.

Ästhetisch machen sie da weiter, wo vor acht Jahren „Der große Max“ begonnen hatte, jene fiktive Politiker-Comicbiographie, die kein Geringerer als der 2003 verstorbene leitende politische Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ Herbert Riehl-Heyse geschrieben hatte. Mit Dieter Hanitzsch gewann er damals einen Zeichner als Mitstreiter, der seit Jahrzehnten Politikerparodien angefertigt und dazu einen schlichten Schwarzweiß-Stil entwickelt hatte, der bewußt an die Zeitungskarikaturen-Tradition anknüpfte. So hält es Sakurai nun auch wieder, obwohl er zusätzlich Graulavierungen verwendet, die dem Ganzen mehr Tiefe geben.

Angesichts des Themas dürfte es nicht überraschen, daß dem Text mehr Raum gegeben wird, als das sonst bei Comics üblich ist. Miriam Hollstein ist allerdings keine Meisterin der Pointe, dafür allerdings eine Virtuosin der Verdichtung. Wie sie hochkomplexe politische Abläufe auf einen Dialog oder zwei, drei Sätze reduziert, das hat große Qualitäten, und deshalb taugt diese Satire sogar als schneller Überblick zu zwanzig Jahren gesamtdeutscher Politik. Wer erinnerte sich denn noch an Persönlichkeiten wie Günther Krause, Laurenz Meyer oder Rainer Eppelmann? An parteiinterne Debatten um geschmacklose Plakatwerbung oder Absprachen hinter den Kulissen? An die Ränkespiele, denen Angela Merkel als scheinbar naive Seiteneinsteigerin aus dem Osten bald eine ganz neue Qualität verlieh? Oder auch an die genauen Abläufe, wie sie sich geschickt als starke Frau der CDU in Stellung brachte, weil nur sie es wagte, dem Übervater Helmut Kohl die Leviten zu lesen, als der durch die Parteispenden-Affäre angeschlagen war?

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Ein Schlüsselmoment: Der siegesgewisse Gerhard Schröder trompetet nach der Bunstagswahl 2005 in der Elefantenrunde. Angela Merkel übersteht auch diesen kritischen Augenblick trocken.

All das kann man hier in einem munteren Stündchen Lektüre noch einmal nachlesen, und hätte Hollstein nicht die etwas einfältige Rahmenerzählung eines Kneipentreffens zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber anläßlich der Bundestagswahl im September 2009 ersonnen, könnte man „Miss Tschörmänie“ als rundum gelungenes Genrestück bezeichnen. So ist das Ganze denn doch etwas zu witzelnd geraten, wo mehr Biß notwendig gewesen wäre, und das monotone Buddy-Motiv der sich gegen die starke Frau verschwörenden Kerle gerät zum Ballast der Geschichte. Aber wer weiß, vielleicht war dieser Geschlechterkonflikt ja tatsächlich auch der Antrieb?  Immerhin ist daraus mal ein deutscher Comic entstanden, der aktuell sein will und darum auch in seiner Fiktion das Risiko eingeht, nach dem Wahltermin in zwei Monaten keinen Leser mehr zu interessieren. Für diesen Mut gebührt den Autoren wie auch dem Eichborn-Verlag Respekt.

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1 Lesermeinung

  1. Hallo :)
    Ich find die Idee...

    Hallo :)
    Ich find die Idee wirklich Spitze. Höre nun zum ersten mal davon. Bin schon langer Fan der „Küss mich Kanzler“ Folgen auf FFN und ein Amüsanter Comic dazu wäre passend. Grüße Markus :)

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