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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Der Seeweg zu Corto

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In Frankreich ist gerade ein Comic erschienen, der vierzig Jahren darauf warten musste: „Sandokan", gezeichnet von Hugo Pratt. Die lange Frist hat sich gelohnt: An dem Torso dieses Werks kann man die Entwicklung eines Großmeisters ablesen.

Bild zu: Der Seeweg zu Corto

Was ist das? Es sieht aus wie „Corto Maltese“, doch es ist „Sandokan“.

 

Es überfiel mich in einem Pariser Buchladen: das Auge des Tigers von Malaysia. Schwarz war der Umschlag, und heraus stach das von gleichfalls schwarzen Haaren umwehte weiße Gesicht von Sandokan. Sein Name stand in blauer, fernöstlich angehauchter Typographie darunter, und dieser Name Sandokan entführte mich sofort in die Zeit der Fernsehmehrteiler zur Weihnachtszeit. In den Siebzigern wird das gewesen sein, da verfolgten wir als Kinder jede Folge mit einer derart atemlosen Spannung, daß der „Seewolf“ davon nur hätte träumen können. Denn Emilio Salgaris abenteuerlicher Seefahrer hatte das, was dessen von Jack London geschaffener Kollege nicht besaß: Exotik. Seine Wildheit, den Blutrausch, die Liebesglut – das konnte man auch mit zehn Jahren schon verstehen. Der Seewolf dagegen, das war ein Held, dessen Psychologie man begreifen mußte. Wozu? Das lenkte doch nur vom Fechten, Kapern und Entführen ab.

Und nun „Sandokan“ als Comic: ein Ticket in die Kindheit, grandios aufgemacht, so daß auch der Erwachsene die Nostalgie vor sich selbst rechtfertigen konnte. Und dann auch noch der Zeichner: Hugo Pratt, der sehr große Italiener, tot seit 1995, aber Schöpfer einer unsterblichen Figur, des Seefahrers Corto Maltese. Auch der ein Musterexemplar an Exotik, trotz seiner venezianischen Abstammung, aber darüberhinaus von Pratt noch mit einem romantischen Pathos ausstaffiert, das Seinesgleichen im Comic gar nicht erst sucht und mutmaßlich auch in der Literatur kaum findet. Und alles an der Titelzeichnung zu diesem ominösen Band „Sandokan“ verwies auf die zweite Hälfte im Leben des 1927 geborenen Pratts, die Zeit von Corto Maltese also, der 1967 erstmals auftrat. Doch das Seltsame ist: Ich hatte nie von einem Comic gehört, den Hugo Pratt nach der Vorlage von „Sandokan“ gezeichnet haben soll.

Ein kleiner Text auf der Rückseite machte es dann klar: 1969 hat Pratt mit einer Adaption von Salgaris Buch begonnen, nach einem Szenario des italienischen Journalisten Mino Milani, der damals bei der Jugendbeilage des „Corriere della Sera“, dem „Corriere dei piccoli“, als Redakteur angestellt war und noch einige weitere Comicadaptionen von Abenteuerliteratur geliefert hat, die dann von Pratt gezeichnet wurden; am berühmtesten ist „Die Schatzinsel“ nach Stevenson. Das paßte also. Aber warum war der Band dann nicht erschienen? Und warum erschien er jetzt, im Herbst 2009?

Beim Blick hinein erwies sich der Band erst einmal als Querformat, verpackt in eine elegante Papphülle, die jene faszinierend schwarze Zeichnung enthielt, die einem auf zehn Schritte den Namen des Zeichners zubrüllte: Pratt, Pratt, Pratt. Das Buch selbst aber zeigte auch beim Durchblättern den grandiosen Zeichner der späten Sechziger und frühen Siebziger, als die eher linienorientierten Bilder der Jahre zuvor Platz machten für eine an Milton Caniffs Pinselduktus geschulte Pinseltechnik, die „Corto Maltese“ erst zu jenem ästhetischen Ereignis gemacht hatte, als das er in den siebziger Jahren wahrgenommen wurde. Schwarzweiß erschienen die Geschichten damals, also reduziert auf Pratts Pinselfertigkeit, während alle später bunt gedruckten Ausgaben den Eindruck der Melancholie und Verlorenheit zerstörten, die jede Corto-Seite auszeichnet.

Und genau diesen Eindruck vermittelten mir nun auch die ersten Seiten von „Sandokan“, in denen etliche Details steckten, die man sonst nur aus „Corto Maltese“ kennt: die großen Korbsessel, vor deren fein schraffiertem Muster die Figuren wie dunkle Geister inszeniert werden. Die auf halber Höhe fliegenden Möwen, von denen sich der Filmregisseur John Woo seine in Zeitlupe flatternden Tauben abgeschaut haben muß. Die als schwarze Schemen aus wenigen Strichen zusammengesetzten Boote auf dem weiten Ozean, dessen getuschte Partien die unendliche Tiefe suggerieren. Ein Meisterwerk also. Und tatsächlich bislang unbekannt?

Ja, wie das ausführlich Vorwort schnell klarmachte, das niemand anderer geschrieben hat als Mino Milani. Die 1969 von ihm und Pratt begonnene Geschichte blieb unvollendet, weil der Zeichner irgendwann zu viel mit der eigenen Serie „Corto Maltese“ und vor allem dem französischen Comicmarkt zu tun hatte, als daß er die bloße Auftragsarbeit für die italienischen Zeitung fortgeführt hätte. Es gab aber auch Neid unter den anderen Zeichnern des „Corriere dei Piccoli“, und so wurde der Fortgang der Arbeit schon früh behindert.

Pratt arbeitete in Schüben: Zwei Teile hätte der fertige „Sandokan“ haben sollen:,beide jeweils 32 Seiten stark. Doch vom ersten Teil zeichnete Pratt nur 24, vom zweiten gar lediglich zwei Seiten. Nun sind sie, durch das Ummontieren aufs halb so große Querformat, auf doppelte Zahl gebracht: 52 Seiten umfaßt „Sandokan“ in der jetzt erschienenen Version aus Halbseiten, ergänzt um Milanis Vorwort, um eine Zusammenfassung der im ersten Teil fehlenden Mittelpassage und um ein Nachwort, das sich anderen italienischen Comicadaptionen von Salagaris Abenteuerromanen widmet.

Aber das Herz sind natürlich Pratts fertige Seiten. Obwohl – sind sie denn alle fertig? Der Beginn des ersten und die zwei Seiten des zweiten Teils gewiß. Besser ist Pratt nie mehr gewesen. Aber nach den fehlenden acht Seiten in der Mitte von Teil eins kommt eine erzählerisch ruhigere Passage, in der sich Sandokan in die „Perle von Labuan“ verliebt, die Tochter eines englischen Kolonialoffiziers, der das malayische Inselreich unter die Gewalt der britischen Krone bringen will. Diese romantischen Passagen sind teilweise geradezu unbeholfen gezeichnet, oder sagen wir: altertümlich. Als wäre Pratt noch einmal vor „Corto Maltese“ zurückgegangen. Statisch agieren da die Figuren, wenn sie jagen und auch einmal kämpfen, und manche Akteure wirken wie skizziert und dann getuscht, aber ohne daß die Rohzeichnungen später eliminiert worden wären. Doch kaum flieht Sandokan wieder aus dem Dschungel der Insel Labuan aufs Meer, da ist der elegante Pratt wieder da. Liegt es allein am Dekor, daß hier so unterschiedlich gearbeitet worden ist?

Bild zu: Der Seeweg zu Corto

Der ungelenke Teil von „Sandokan“: Keine Dynamik in der Fechtszene

 

Auch hier birgt das Vorwort eine mögliche Erklärung. Die Originalzeichnungen zu Pratts „Sandokan“ sind verschollen, aus dem Redaktionsgebäude des „Corriere“ wanderten sie auf obskurem Wege in den Handel, wo Milani bisweilen das eine oder andere Fragment auftauchen und wieder verschwinden sah. Er hatte jedoch Kopien der fertiggestellten „Sandokan“-Seiten angefertigt, die er in den Jahrzehnten danach leider vergaß und erst vor kurzem wiederfand. Sie ermöglichten jetzt die Erstveröffentlichung, und einige der Unsauberkeiten in den Zeichnungen kann man also wohl auf die wechselnde Qualität dieser Druckvorlagen zurückführen, auch wenn Milani ihre Exaktheit beschwört.

Es ist aber klar, daß Pratt in jenen Jahren erst auf dem Ozean zu sich kam, dort die Kontraste und Weiten fand, die seine neue Tuschetechnik am besten wirken ließ. Eine Figur wie Sandokan auf dem Achterdeck seiner Prau, in einen sturmgepeitschten Mantel gehüllt, der graphisch aus nichts besteht als tiefstem Schwarz, obwohl man glaubt, das ganze Bewegungsspiel des Stoffes zu sehen, hat Pratt vorher nicht gezeichnet.

Bild zu: Der Seeweg zu Corto

Er war, als er kurz an diesem zweiten Teil von „Sandokan“ arbeitete, unterwegs zu Corto, denn diese Serie sollte in Frankreich nun eine eigenständige Publikationsreihe werden. Mit ihr veränderte sich die Comicgeschichte, denn fortan wußte man, daß Comics ein literarisches Niveau erreichen konnten, das keinen Vergleich mit Prosa zu fürchten hatte. Pratt zeichnete nun so viele Seiten, wie er eben brauchte, um eine Geschichte zu Ende zu erzählen – also nicht mehr so viele, wie ein Verlag ihm vorschrieb. Bei „Sandokan“ ist das noch nicht der Fall: Die Story war vorgegeben, der Umfang auch. Und doch spürt man den Willen Pratts, die Geschichte ganz zu seiner zu machen, durch die macht seiner Graphik. Kein Wunder, daß er sie nicht beendete, denn so etwas wollten seine Auftraggeber gar nicht. Das Publikum des „Corriere dei Piccoli“ waren Kinder. Pratt aber zeichnete nicht mehr für sie. Mit dem Sandokan der fernsehserie hat dieser Comic nichts zu tun. Er ist in bestem Sinne erwachsen.

„Corto Maltese“ war dann die endgültige Befreiung aus einem Kerker, dessen Struktur „Sandokan“ noch erkennen läßt. Doch was ist da schon alles entfesselt! Der schmale Band von Hugo Pratt ist eine Sensation, ein Stück Comicgeschichte, an dem man die ästhetische Entwicklung eines konkurrenzlosen Künstlers ablesen kann.

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2 Lesermeinungen

  1. Schon...
    Schon gesehen?
    http://www.pinacotheque.com/index.php?id=5
    Schöne Ausstellung, sehr zu empfehlen.
    Grüsse aus Paris

  2. <p>... das ist ja sehr...
    … das ist ja sehr interessant, da kann man mal sehen wie langlebig Comics sind und das nicht nur bei Spiderman & Co.
    Die Bildsprache der Comics und das Thema Abenteuer sind wohl noch zusätzliche Garanten für die späte Veröffentlichung.
    Gruss W.Wenzel

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