Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Das Blatt, in dem die Träume sind

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Grandiose Rückkehr des Zeitungscomics: In San Francisco hat der Schriftsteller Dave Eggers eine eigene Zeitung herausgebracht, die leider ein Einzelfall bleiben soll: „San Francisco Panorama". Schon den Zeitungskopf hat ein berühmter Comiczeichner gestaltet: Daniel Clowes. Und innen drin gibt sich die amerikanische Comicelite ein Stelldichein, um einmal so publizieren zu können, wie es ihre Urgroßväter taten.

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An dem Tag, als der New Yorker Feuilletonkorrespondent der F.A.Z. das hohe Lied der Zeitung „San Francisco Panorama“ sang, lag das Blatt bei mir im Briefkasten. Oder besser: beim Nachbarn, der den gewaltigen Plastikumschlag in Empfang genommen hatte, denn ein Presseprodukt dieses Umfangs hätte nie in den Briefkasten hineingepasst, und ich muß dem Postboten dankbar sein, daß er es auch gar nicht erst versucht hat. Wäre doch sonst eine Zeitung beschädigt worden, die ein einmaliges Experiment darstellt.

Einmalig einmal deswegen, weil sie tatsächlich nur ein einziges Mal erscheinen soll, und zwar als Teil der vierteljährlich fortgesetzten Buchserie „McSweeney’s“, die der in San Francisco lebende Schriftsteller Dave Eggers seit einigen Jahren herausbringt. Das „San Francisco Panorama“ trägt darum die Nummer 33, obwohl es die erste und letzte Ausgabe seiner Art ist, aber in der McSweeney’s-Zählung ist sie eben die dreiundreißigste Publikation. Das wäre noch nicht bemerkenswert, würde man als Comic-Leser nicht immer wieder mit neuer Spannung auf jede neue Nummer der Buchreihe warten. Denn die dreizehnte vor fünf Jahren hatte sich ganz den Comics gewidmet, und kein Geringerer als Chris Ware hatte dieses Buch, das als eine der schönsten Publikationen der letzten Jahre gelten darf, herausgegeben und gestaltet. Seitdem aber wartete ich meist vergebens auf weitere Trovaillen dieser Art, wenn man von dem kleinen Faksimile absah, das der Nummer 27 beilag: ein erster Blick in Art Spiegelmans Archiv, in dem Dutzende unveröffentlichter Skizzenbücher liegen. Eines davon publizierte McSweeney’s, aber als im vergangenen Jahr im regulären Buchhandel „Be a Nose“, eine Sammlung von gleich drei Skizzenbuch-Faksimiles von Spiegelman, erschien, war dieses auch mit dabei, so daß sich die Exklusivität im Nachhinein in Grenzen hielt.

Nun aber, im „San Francisco Panorama“, gibt es wieder ein wahres Fest für Comicfreunde. Schon das programmatische Faltblatt, das der Ausgabe beiliegt und die Motivation von Dave Eggers bei der Herausgabe seiner Zeitung erläutert, verlautbart zum Thema Comics: „Im Jahr 2009 hat die Comic-Anthologie ‚Kramer’s Ergot‘ ein überformatiges Buch mit eigens gezeichneten Farbcomics produziert. Das Resultat war atemberaubend und zeigte einmal mehr, daß das natürliche Format von Comics eben groß ist. Früher produzierte Windsor McKay wöchentliche Farbcomics im Zeitungsseitenformat, und das Resultat war außergewöhnlich – eine Hauptattraktion für die Zeitungsleser. Weil Comics selten online gelesen werden, stellen sie für die Zeitungen eine großartige Möglichkeit dar, ihren Lesern etwas zu bieten, was anderswo nicht zu bekommen ist: regelmäßige großformatige Farbcomics sowohl für Erwachsene wie für Kinder.“

Recht hat Eggers, wenn auch seine Behauptung, Comics würden selten online gelesen, gewagt ist (einen schönen Überblick zu Comics im Netz enthält die aktuelle Ausgabe Nr. 106 der deutschen Comicfachzeitschrift „Comixene“). Aber das erklärte Ziel des „San Francisco Panorama“ ist es ja zu zeigen, was Zeitungen dem Internet voraus haben, und dafür ist das Großformat ein geeignetes Mittel. Wobei man sagen muß, daß der Verweis auf „Kramer’s Ergot“ zwiespältig ist, denn dieses Riesenbuch ist noch weitaus größer ausgefallen als die Comics im „San Francisco Panorama“, und die spezielle überformatige „Kramer’s“-Ausgabe geriet inhaltlich eher schwächer als die früheren Nummern der Anthologie.

Doch egal, denn das „San Francisco Panorama“ macht es zwar kleiner, aber auch besser. Das beginnt mit der Auswahl der beteiligten Künstler, die ein Who is who der besten amerikanischen Comiczeichner ergeben: natürlich wieder Art Spiegelman, natürlich wieder Chris Ware, dazu Adrian Tomine, Daniel Clowes, Alison Bechdel, Kim Deitch, Ivan Brunetti, Jessica Abel und last but not least der Kanadier Seth. Das sind nicht einmal alle; insgesamt enthält das „San Francisco Panorama“ zweiundzwanzig Comics, die sämtlich extra für diese Ausgabe gestaltet wurden. Und da ist ein Bastelbogen von Chris Ware noch gar nicht mitgerechnet, der allerdings auch aus der siebten Ausgabe seiner „Acme Novelty Library“ übernommen wurde, also nur ein schönes Extra, aber keine Sensation darstellt.

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Ein Comic-Strip, wie er stilistisch in jeder amerikanischen Zeitung stehen könnte, inhaltlich schon weniger: Keith Knights Beitrag zum „San Francisco Panorama“  

Achtzehn der kurzen Geschichten, deren Umfang vom Strip bis zur Doppelseite reichen, sind in der Comicbeilage des „San Francisco Panorama“ enthalten. Mit diesem eigenen Zeitungsteil huldigt Eggers der amerikanischen Comicgeschichte, die sich aus genau solchen Beilagen entwickelt hat. Selbst das Aussehen seiner eigenen Zeitung verdankt Eggers im weiteren Sinne den Comics, denn für die Auswahl des fünfzehn Inches breiten und zweiundzwanzig Inches hohen Seitenformats zog er das großartige Buch „The World on Sunday“ heran, das der Schriftsteller Nicholson Baker vor fünf Jahren den Sonntagsbeilagen der „New York World“ aus der Zeit der Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert gewidmet hat. Das war die – in jeder Hinsicht – große Zeit der Zeitungscomics.

Nun darf sie also noch einmal heraufbeschworen werden. Was Spiegelman und Ware auf den ihnen eingeräumten Seiten veranstalten, ist dementsprechend spektakulär. Spiegelman knüpft an seine Einleitung zum eigenen Buch „Breakdowns“ an und erzählt vom schlechten Ruf der Comics in den fünfziger Jahren, wobei er nebenher auf meisterhafte Weise das im Laufe der Jahrhunderte wechselnde Konzept von Kindheit erläutert. Ware wiederum schafft auf seiner Doppelseite eine ganz neue Figur: Putty Gray, ein Ende der sechziger Jahre geborenes frustriertes Kind mit dem Anspruch, eines Tages als Astronaut zu den Sternen aufzubrechen. In unterschiedlichsten Zeichen- und Erzählstilen verfolgt Ware das Schicksal dieses Jungen bis ins Erwachsenenalter, wenn alle Träume geplatzt sind – typischster Ware also, und doch einmal mehr faszinierend, weil der Zeichner hier Ausdrucksformen wählt, die er bislang nicht benutzt hat wie zum Beispiel Computergraphik oder Strichzeichnungen im Cartoonstil der siebziger Jahre.

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Alter Bekannter: Adrian Tomine setzt für Dave Eggers‘ Blatt seine Erfolgsserie „Optic Nerve“ fort.

Das Thema Kindheit ist uneingestandenes Leitmotiv der Comicbeilage, und so soll wohl Eggers‘ Anspruch umgesetzt werden, Comics sowohl für Kinder wie Erwachsene zu bieten. Das allerdings ist Humbug; diese Geschichte taugen nur für Erwachsene. Nicht, weil es darin hart herginge, sondern weil die Themen meist ironisch behandelt werden, auch als Fortsetzungen längst etablierter Stoffe daherkommen wie bei Tomine und Seth oder mit Kulturversatzstücken spielen, die man bei Kindern oder Jugendlichen nicht mehr voraussetzen kann wie im Falle von „The Christian Astronaut“, in dem Daniel Clowes auf einer Seite eine ganze Sammlung von Science-Fiction-Motiven unterbringt – und noch einen Seitenhieb gegen das konservative Amerika liefert.

Wie kommt man nun an die sechzehnseitige Comicbeilage? Das „San Francisco Panorama“ kostet sechzehn Dollar plus Versandkosten aus den Vereinigten Staaten. Die Comicbeilage wird indes auch separat angeboten, allerdings dann für den stolzen Preis von zehn Dollar. Das ist sie wert, keine Frage, auch noch weit mehr. Aber es ist schon ein leichtes Zeichen von Dreistigkeit, wenn Eggers in seinem Faltblatt zur Ausgabe haarklein die Druckkosten aufschlüsselt, woraus man rasch errechnen kann, daß die Comicbeilage ungefähr vierundzwanzig Cent in der Herstellung gekostet hat (allerdings ohne Honorare, und da die Gesamtkosten für das „San Francisco Panorama“ mit 235.000 Dollar zu Buche schlagen, die einzelne Ausgabe einer Zeitung aber nur Druckkosten von 5,57 Dollar verursacht hat, kann man sich bei einer Auflage von 20.000 Exemplaren vorstellen, daß da noch einmal ein ordentlicher Batzen draufkommt – und der sei den Zeichnern und Autoren ja auch gegönnt). Doch auch wenn noch Chris Wares kartonierter Bastelbogen beiliegt, der mit Kosten von achtundzwanzig Cent angesetzt wird, sind die zehn Dollar als Separatpreis hoch angesetzt. Da mag seine Rolle gespielt haben, daß die Comic-Spezialausgabe 13 von „McSweeney’s“ mehrfach nachgedruckt werden konnte. Andererseits sollte genau das auch Freude erregen: daß sich Eggers offenbar vor allem vom Comicteil seiner Zeitung gute Verkäufe erwartet. Das entspricht ja auch genau seinen Ankündigungen.

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Ironisches Vorurteil gegen das gedruckte Buch: der Schluß von Michael Kuppermans einseitiger Geschichte „Books Are Stupid“ in der „Panorama Book Review“ 

Aber da es dann doch nur sechs Dollar Differenz sind, sollte man auch als fanatischer Comicleser unbedingt die ganze Ausgabe des „San Francisco Panorama“ bestellen. Denn vier Comics sind ja in der speziellen Sektion gar nicht enthalten, sondern finden sich in den gleichfalls beiliegenden Extraheften „Panorama Book Review“ und „Panorama Magazine“. Gut, es sind jeweils nur ganz kurze Geschichten, doch Michael Kuppermans „Books Are Stupid“ über einen Helden, der gegen die Verbreitung von Büchern kämpft, ist allein schon die Mehrausgabe wert. Eric Drooker wird ohnehin seine Fans finden, und was die mir bislang unbekannten Zeichner Domitille Collardey und Toufic El-Rassi auf knappem Raum leisten, ist aller Ehren wert. Außerdem bieten die beiden Extrahefte noch zahlreiche Illustrationen, davon allein zwei aus der Feder des Berliner Zeichners Henning Wagenbreth, sowie von Marc Todd, Guy Billout und Jing Wie, um nur die schönsten Arbeiten zu nennen.

Fazit: Diese Zeitung ist ein Fest für die Augen. Und was erst noch geboten wird, wenn ich anfange, all die Artikel zu lesen, die unter anderem von Steven King, Michael Chabon oder Nicholson Baker stammen, will ich gar nicht wissen. Besser kann man sein Geld derzeit nicht in Lektüre anlegen – egal, ob als Comicliebhaber oder nicht.

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2 Lesermeinungen

  1. Hallo! Nachdem ich schon viel...
    Hallo! Nachdem ich schon viel über die San Francisco Panorama gelesen und gehört habe, muss ich mir auch mal Ausgaben bestellen und durchlesen.

  2. Hallo!

    In der Serie the Big...
    Hallo!
    In der Serie the Big Bang Theory gibt es einen reinen Comic-Laden, in dem sich die Darsteller oft aufhalten. Leider habe ich in Deutschland noch keinen derartigen Comic-Shop gesehen und finde die Comic-Szene auch nicht besonders ausgebreitet.
    Schade

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