Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Langnase im Museumsreich der Manga

Im Internationalen Manga-Museum von Kyoto gibt es mehrerer Überraschungen: wenige Ausstellungsstücke, aber sehr viel Lesestoff. Ein Fotografierbverbot, das keiner befolgt. Und eine japanische Serie, die 1923 erstmals erschien und einiges vorweggenommen haben könnte, was als europäische Errungeschaft gilt.

Entlang des Zauns, der den großen Platz vor dem Internationalen Manga-Museum von Kyoto von der Hauptstraße trennt, stehen Schilder, die das Fotografieren verbieten. Noch einmal und noch vehementer wird vor dem Gebrauch von Kameras vor dem Eingang gewarnt. Doch im Inneren wird geknipst, was das Zeug hält. Nur die dumme Langnase hält sich ans Verbot.

Mein erster Weg nach der Ankunft in Kyoto führt mich ins Museum. Allerdings liegt das auch nur drei Blocks von meinem Hotel entfernt – als hätten die freundlichen Gastgeber geahnt, was mich in dieser Stadt besonders interessieren könnte. Haben sie aber nicht. Und als Japaner wäre es ihnen sicher auch schwergefallen, sich mich im Manga-Museum vorzustellen. An diesem Sonntagnachmittag bin ich nicht nur der einzige Ausländer, sondern zweifellos auch der älteste Besucher, wenn ich von meiner japanischen Übersetzerin absehe, die aber ohne mich nie auf den Gedanken gekommen wäre, hier hinzugehen.

Warum auch? Sie habe in ihrer Jugend nie Manga gelesen, sagt sie. (Was nicht ganz stimmt, denn bei manchen Ausstellungsstücken freut sie sich dann doch über ein Wiedersehen.) Dieses Haus ist vor allem für jugendliche Besucher gebaut, die denn auch in allen Gängen und Sälen traubenweise auftreten, um zu – ja, zu fotografieren. Denn fast alle sind in den Kostümen ihrer Lieblingshelden erschienen, das ganze Museum ein riesiges Cosplay-Haus, und natürlich muß das festgehalten werden. Also stehen überall verkleidete Gruppen herum, und immer wieder löst sich jemand aus ihren Reihen, um die bisherige Fotografin abzulösen, die dann wiederum eilig ins Ensemble huscht, um selbst auch einmal mit aufs Bild zu kommen. Das dauert lange, oft ganze Viertelstunden für bestimmte Perspektiven. Als besonders attraktiv erweist sich das Treppenhaus, denn da kann man auch noch aus Ober- und Untersicht knipsen.

Mädchen sind klar in der Mehrzahl, älter als zwanzig ist kaum jemand. Es wird gekichert und gelacht und sehr höflich auf den Treppen Platz gemacht für das seltsame Greisenpaar aus Deutschland und Japan. Vielleicht halten auch sie uns für verkleidet? Jedenfalls dürfen wir hier als rare Rubelraben gelten zwischen all den wehenden Umhängen, geschwungenen Waffen, aufgetürmten Frisuren und kajalumrandeten Augen. Und in meinem Leben werde ich noch nicht auf so vielen Fotos im Hintergrund Platz gefunden haben wie in Kyoto.

Bild zu: Langnase im Museumsreich der Manga

Meine Eintrittskarte fürs Manga-Museum

Vielleicht ist das Fotografieverbot im Museum ja eine Copyrightfrage. Aber mit Ausnahme einer gewaltigen, gerade erst fertigmodellierten Wandfigur, die den Phönix aus der Heftserie „Ni no tori“ des Manga-Übervaters Osamu Tetsuka ins passende Überformat vergrößert, gibt es hier kaum Darstellungen von bekannten Comicfiguren (und vor dem Ablichten des Phönix wird auch noch einmal extra gewarnt). Also dient das allgemeine Fotografierverbot wohl dem Persönlichkeitsrecht der Besucher und ihrer kreativen Kostümentwürfe. Das würde auch die Vielzahl von Verbotsschildern am Straßenrand erklären, denn bei gutem Wetter, so erzählt man mir, sei vor dem Haus auf dem weiten freien Rasen die Hölle los. Heute nicht, denn es regnet, und die Cosplayer würden ihre mühsam drapierten Kleidungsstücke und sorgsam aufgetragenen Make-ups gefährden, wenn sie sich draußen herumtrieben.

Was gibt es sonst Sehenswertes im Internationalen Manga-Museum? Einerseits zu viel Internationales, andererseits zu wenig. Das erste Buch, das mir im Foyer ins Auge fällt, ist ausgerechnet „Tod eines Bankiers“, ein schöner Comic aus der Schweiz, der im sonstigen deutschen Sprachraum eher wenig Beachtung fand. Als deutschsprachige Originalausgabe aber grüßt er in Kyoto die Eintretenden. Die aktuelle Sonderausstellung im Museum widmet sich amerikanischen Comiczeichnerinnen, natürlich zusammengestellt von der Underground-Legende Trina Robbins, die dieses Thema weltweit für sich gepachtet hat. Schöne Sache, aber nicht das, was mich hier interessiert hätte. Dafür kann man im Sonderausstellungsraum  mühelos alle präsentierten Arbeiten verstehen, denn das Internationale Manga-Museum ist zwar durchaus zweisprachig orientiert (Japanisch und Englisch), wenn es um seine Dauerausstellung geht, doch die ist winzig und in einen schmalen Gang im Souterrain gepresst: Links ein paar historische Manga an der Wand, rechts schon Glastüren, die in endlosen Regalen die Magazinbestände des Hauses vorführen. Denn das Manga-Museum von Kyoto ist nicht in erster Linie zum Ausstellen, sondern zum Lesen da. Und natürlich zum Fotografieren.

In den oberen drei Stockwerken reiht sich ein Bibliotheksraum an den anderen. Die meisten Bände stehen offen zugänglich bereit, und im großen Saal des Erdgeschosses lagern die Besucher auf Stufen und Kissen und lesen, lesen, lesen. In keinem anderen Museum der Welt dürfte so viel geschmökert werden. Vorbildlich. Aber für einen ausländischen Besucher ohne japanische Lesekompetenz bleibt dann vom Ganzen eben doch nur der schmale Gang im Souterrain, wenn er etwas über die Geschichte der Manga wissen will.

Immerhin: Eines der ausgestellten frühen japanischen Beispiele (das meine Übersetzerin zu besonders intensiven Entzückungslauten provoziert) ist „Shô-chan“, eine Serie um einen abenteuerlustigen Jungen, die Katsuichi Kabashima nach Geschichten von Shôsei Oda vom Jahr 1923 an gezeichnet hat. Das erste Abenteuer hieß „Shô-chan no boken“ – die Abenteuer des kleinen Shô -, und dieser Junge mit dem runden Gesicht und den Knopfaugen sowie dem kleinen Eichhörnchen an seiner Seite sieht doch verdächtig aus wie Tim aus dem erstmals 1929 von Hergé gezeichneten „Tim und Struppi“ – nur daß statt des Hundes Struppi hier eben ein Eichhörnchen als Begleiter fungiert, aber das kennen wir ja auch aus Rob-Vels (und später André Franquins) Serie „Spirou“, die gleichfalls erst nach „Shô-chan“ entstand, nämlich 1938.

Bild zu: Langnase im Museumsreich der Manga

Das Titelbild von Shô-chans Abenteuern in einem aktuellen Nachdruck

Was haben wir hier also? Einen Pionier der Ligne claire, den kein Europäer gekannt haben will, obwohl die Figuren wie Brüder und Artgenossen der großen belgischen Helden und ihrer Haustiere aussehen? Leider kann man im Museum nicht lesen, in welchen Jahren die vorgestellten Episoden entstanden sind, bei denen sich niemand wundern würde, wenn der Hergé der frühen dreißiger Jahre sie gestaltet hätte. Aber woher sollte andererseits Kabashima die beiden stilistisch so verwandten französischsprachigen Serien kennen, wenn diese „Shô-chan“-Folgen erst später entstanden wären? Rätsel über Rätsel. Und noch keine Lösung, denn meine Übersetzerin findet an unserem letzten Tag in Kyoto zwar einen schönen kleinen Nachdruck von „Shô-chan“, aber keine Zeit, mir aus der Einführung dazu etwas vorzulesen. Denn für Manga bin ich nicht nach Japan geflogen. Umso erfreulicher, daß sich hier eine Spur auftut, der ich mit dem Comicband noch nachzugehen trachte.

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