Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Traum in Venedig

Wenn man Bekannte plötzlich als Figuren in Comics wiederfindet, staunt man nicht schlecht. Wenn es in einem französischen Comic von niemand Geringerem als David B. passiert, ist die Verblüffung aber noch viel größer.

Irgendwo habe ich einmal geschrieben, daß es Comiczeichner gebe, von denen ich einfach alles haben will. Dazu zählen natürlich Carl Barks und George Herriman, André Franquin und Yves Chaland, aber auch ein paar noch lebende Autoren aus dem französischen Sprachraum wie Joann Sfar (schudder, bei dessen Ausstoß), Emmanuel Guibert, Christophe Blain oder David B. Allerdings habe ich dieses Ziel noch nicht bei allen erreicht, und so habe ich meinen diesjährigen Urlaub in der Provence dazu genutzt, erst einmal meine Bestände an Werken von David B. zu vervollständigen (Tip nebenbei: Wer jemals die Haute Provence bereist, mache Station in dem kleinen Ort Banon. Der dortige Buchladen „Le Bleuet“ schlägt an Qualität und Auswahl so ziemlich alles, was mir in Frankreich bislang begegnet ist, inklusive Paris; die Comicauswahl kommt zwar nicht an die Spezialgeschäfte heran, steckt aber Fnac und Konsorten lässig in die Tasche).

Zu den neuesten Publikationen von David B., der eigentlich Pierre-François Beauchard heißt, aber wer will das schon wissen, zählt ein kleines Buch namens „Journal d’Italie“, das in der von Lewis Trondheim (auch so einer, von dem man alles haben sollte, aber das schaffe ich nie) betreuten Reihe „Shampooing“ erschienen ist. Ausgewiesen ist es als erster Teil einer Serie solcher Tagebücher, und es beschreibt eine Reise, die David B. im Januar 2005 durch Norditalien, von Triest bis Bologna, unternommen hat. Eine der Episoden spielt in Venedig.

Bild zu: Traum in Venedig

Das Einleitungsbild der Venedig-Episode von David B. in seinem Reisetagebuch. Er selbst sitzt in der Mitte vor dem grünen Törtchen.

Venedig in der kalten Jahreszeit ist zauberhaft, wie ich zweimal erleben durfte. Beim zweiten Mal führte mich allerdings eine Verpflichtung dorthin: das Abschlußtreffen aller Generationen meines ehemaligen Graduiertenkollegs „Rhetorik-Repräsentation-Wissen“ aus Frankfurt an der Oder. Dem war ich zwar nur etwas mehr als ein Jahr assoziiert, und das lag zum Zeitpunkt der Reise auch schon beinahe acht Jahre zurück, doch ich war noch einmal eingeladen worden, und wer wollte einem solchen Ruf nicht folgen? Zumal ich Gelegenheit haben würde, etliche interessante Menschen (und ihre Themen) kennenzulernen, die erst nach mir nach Frankfurt an der Oder gekommen waren.

Einer davon trug den faszinierenden Namen Hans-Walter Schmidt-Hannisa. Als wir am ersten Abend beim Begrüßungstreffen ins Gespräch kamen und unsere nachmittäglichen Eindrücke vom kalten, aber sonnigen Venedig austauschten, erzählte er von einer Begegnung in einem Café, als er – und das müsse doch gerade mich interessieren – mit einem Comiczeichner am Nebentisch ins Gespräch gekommen sei. Der Mann sei Franzose gewesen, und habe sich ihm als ein gewisser David B. vorgestellt. Ob ich den kenne?

Das tat ich in der Tat. Nicht persönlich, aber schon lange durch seine Comics, vor allem die phantastische Serie „Le Haut mal“ (auf deutsch „Die heilige Krankheit“). Schmidt-Hannisa kannte ihn nicht, aber das muß nicht verwundern, denn er hatte seit einigen Jahren einen Lehrstuhl in der irischen Stadt Cork, und in Irland französische Comics (oder überhaupt welche) zu finden, ist nicht leicht. Ja, man habe sich gut unterhalten, meinte Schmidt-Hannisa auf meine entsprechende Frage, David B. sei sehr an seiner Forschung interessiert gewesen, und wer das Habilitationsthema des deutschen Literaturwissenschaftlers kennt – nämlich „Aufschreibsysteme des Traums – Entwicklung und Funktion authentischer Traumaufzeichnungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert“ -, der wird das sofort glauben. Denn David B.s wichtigster Stofflieferant sind ja die eigenen Träume, und seine Faszination für das frühe zwanzigste Jahrhundert ist bereits durch mehrere Bände, zum Beispiel „Par les chemins noirs“, belegt.

Man merkt es sicher: Ich war sehr neidisch. Eine Zufallsbegegnung mit David B. – das wäre ein Traum. Aber den hatte nun Hans-Walter Schmidt-Hannisa wahrgemacht. Seit Venedig habe ich ihn nicht wiedergesehen. Bis ich nun das „Journal d’Italie“ las. Darin beginnt unter dem Datum des 22. Januar 2005 ein Eintrag mit dem Bild eines Gastraums und folgender Erläuterung: „Wir sind in Venedig in einem überfüllten Café. Ich habe einen Kuchen bestellt, der einem Außerirdischen ähnelt.“ Am Nachbartisch sitzt ein schwarzgekleideter Mann mit dicker Brille. Man möchte meinen, daß auch er einem Außerirdischen ähnelt. Dieser Mann wendet sich im Folgenden David B. zu und erkundigt sich nach dessen Lektüre, einem Buch über die Geschichte des Surrealismus. Man kommt ins Gespräch: „Wir sprechen auf Englisch, aber er ist Deutscher und arbeitet in Irland an einer Universität. Soweit ich ihn verstehe, ist er eine Art ‚Professor für Träume‘.“ Und dann erzählt dieser Traumprofessor los, über die Nacht, über die Zeit, über Gott und über die Welt sowieso, und David B. zeichnet zu diesen wasserfallartigen Ausführungen des Deutschen seine typischen delirierenden Visionen, die aus allen Mythenkreisen der Welt ihr Bildmaterial zusammensuchen, um tatsächlich jene eigentümliche Stimmung zu erzeugen, die wir aus unseren Träumen kennen: vertraute Motive in den seltsamsten Konstellationen. Dreizehn Seiten lang beschreibt David B. dieses Gespräch, und er selbst sagt nur viermal etwas. Am Schluß versiegt die Konservation, und der Deutsche bricht auf.

Bild zu: Traum in Venedig

So erinnert sich David B. an das Gespräch mit Hans-Walter Schmidt-Hannisa…

Die Figur, die David B. zeichnet, hat äußerlich nicht allzu viel mit Hans-Walter Schmidt-Hannisa zu tun (zum Vergleich: http://www.nuigalway.ie/german/profschmidthannisa.html), was der „Professor für Träume“ dem Künstler erzählt hat, dafür umso mehr. Daß der Franzose sich den langen deutschen Namen nicht hat merken können – wer will es ihm verübeln? Dafür hat er mir mit seiner Comicepisode wieder die Erzählung von Schmidt-Hannisa ins Gedächtnis gerufen, die ich mittlerweile selbst fast als Traum abgetan hatte.

Bild zu: Traum in Venedig

… und so an Hans-Walter Schmidt-Hannisa selbst.

Heute, so habe ich aus dem oben genannten Link im Internet erfahren, lehrt mein flüchtiger Bekannter aus Venedig immer noch in Irland, allerdings in Galway; als besonderes Forschungsinteresse weist die Universität Literatur und Träume aus, mittlerweile vom achtzehnten bis zum zwanzigsten Jahrhundert. In Irland wird es immer noch keine Comics von David B. zu kaufen geben, aber vielleicht liest Du das hier, Hans-Walter, dann bestell Dir den Band und mach Dir ein Bild von Dir selbst.

Eines indes ist seltsam. Das Abschlußtreffen des Graduiertenkollegs fand gar nicht im Januar 2005 statt, sondern im November 2004. Wie also muß man den neuen Band von David B. bewerten? Ein Tagebuch im Sinne dessen, was der in der französischen Literatur bezugsreiche Titel „Journal d’Italie“ (Stendhal!) evoziert, ist es folglich nicht. Vielleicht hat David B. das alles nur geträumt. Und Hans-Walter Schmidt-Hannisa hat zwei Monate zuvor schon alles vorgeträumt, und ich war nur zu gerne bereit, diesen Traum für bare Münze zu nehmen. Oder – und das würde den deutschen Wissenschaftler in Irland freuen – wir haben hier einen mustergültigen Fall der Kombination der beiden großen Irrealitäten Traum und Literatur. Sprich Kunst. Was soll uns da noch die Wirklichkeit?

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