Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Arme Typen, aber was für ein Reichtum an Geschichten!

In Frankreich ist es das Jahr von Baru, dem Träger des Großen Preises von Angoulême und nächstjährigen Präsidenten des dortigen Comicfestivals. Er hat gerade in seiner französischen Heimat einen neuen Comic veröffentlicht, doch wer auf dessen Übersetzung ins Deutsche nicht warten will, der lese „Elende Helden". Es lohnt sich!

In diesem Jahr hat ein Comiczeichner den Großen Preis der Stadt Angoulême,die wichtigste europäische Comicauszeichnung, gewonnen, den ich – ja, ich bin geneigt zu sagen: vergöttere. Obwohl seine Geschichten mitten aus dem Alltag stammen, also weiß Gott (sorry fürs Wortspiel) nichts Göttliches haben. Neben Jacques Tardi war er der einzige Franzose (Hergé war ja Belgier), dem ich 1998 ein Kapitel in „Im Comic vereint“ gewidmet habe. Sein Name ist Hervé Barulea, aber er publiziert seit Beginn der achtziger Jahre als „Baru“.

Als 1985 „Quéquette Blues“, sein in Angoulême als bester Erstling ausgezeichnetes Debütwerk, erschien, war Baru schon Ende Dreißig und noch Sportlehrer an einer lothringischen Schule – mitten in einem daniedergehenden Industrierevier. Dort spielen auch nahezu alle seine Geschichten, zumal seine beste, „Autoroute du Soleil“, für die er 1996 in Angoulême den Preis für den besten Comic des Jahres entgegennehmen konnte – schon zum zweiten Mal, denn 1991 hatte er diese Auszeichnung bereits für „Le Chemin de l’Amérique“ erhalten. Und nun also nach diesen drei Einzelpreisen (einmal Debüt, zweimal sozusagen Fortgeschrittenes) auch noch die bedeutendste Auszeichnung, verbunden mit der Präsidentschaft auf dem nächsten Comicfestival von Angoulême, das Ende Januar 2011 stattfinden wird. Es ist Barus Jahr.

Und weil sich die Comics eines Festivalpräsidenten in Frankreich immer gut verkaufen, hat Baru jetzt gerade eine neue Arbeit publiziert: „Fais péter les basses, Bruno!“ (was man  als „Laß die Bässe krachen, Bruno!“ übersetzen könnte). Der Titel ist ein dem Inhalt entnommenes Dialogzitat, das recht wenig über die Handlung des neuen Comics erzählt, der wieder einmal im deindustrialisierten Lothringen und dort auf dem Bodensatz der Gesellschaft spielt: Entlassene Sträflinge, ehemalige Einbrecher, ein junger illegaler Immigrant aus Afrika und manche Figuren mehr treffen durch Zufall aufeinander und setzen ein Geschehen in Gang, das wie üblich die wirrsten Folgen zeitigt und die schönsten Pläne der Beteiligten durcheinander bringt. Die typisch überschäumende jugendliche Euphorie, die aus dem, Satz „Laß die Bässe krachen“ spricht, ist allen Beteiligten der Handlung zueigen.

Etliches ist altvertrautester Baru: die Verfolgungsjagden auf der Autobahn etwa, die Kleinkriminellen, die in Extremsituationen eine Orgie der Gewalt entfesseln, die Schrottplätze, Hinterhöfe und vor allem das Tempo von Barus Protagonisten, die immer so agieren, als müßten sie den Titel eines weiteren alten Albums einlösen, das „Cours, camérade!“ hieß: Lauf, Kumpel.

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Eine Seite aus „Fais péter les basses, Bruno!“

Altvertraut ist auch die Brillanz der Zeichnungen, nicht aber der Verlag: Futoropolis ist jetzt die publizistische Heimat von Baru geworden, der zuvor fast nur für Casterman gearbeitet hatte. Dort war vor zwei Jahren auch ein etwas schmalerer Band namens „Pauvres Zhéros“ erschienen – auch der ein Blick mitten ins französische Prekariat hinein, wie schon der Titel andeutet, der als Mischung aus „zéros“ (Nullen) und „héros“ (Helden) die Ambivalenz von Barus Blick auf seine Protagonisten in einen unübersetzbaren Neologismus packt. Die kaum genug zu lobende Edition 52 aus Wuppertal, bei der Baru, der früher in Carlsen und der Edition Moderne seine deutschsprachigen Verlage hatte, nunmehr seit einigen Jahren erscheint, wählte als Titel deshalb „Elende Helden“. Nicht schlecht.

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Das Cover der deutschen Ausgabe von „Pauvres Zhéros“

Dieser achtzigseitige Band ist das Aktuellste, was derzeit von Baru auf Deutsch greifbar ist, und wer nicht warten mag, bis der 125 Seiten umfassende Band „Fais péter les basses, Bruno!“ irgendwann seinen Weg über den Rhein findet, der möge unbedingt „Elende Helden“ lesen, um zu begreifen, warum Baru auch im Alter von über sechzig immer noch einer der frischsten Comiczeichner der Welt ist. Dabei hat er „Elende Helden“, der so sehr nach seiner Autorschaft klingt, gar nicht selbst geschrieben. Das Szenario stammt von Pierre Pelot, einem französischen Bestsellerautor, der in Deutschland vor allem mit seiner Vorlage zu dem Kinothriller „Der Pakt der Wölfe“ bekannt sein dürfte. Sein aus einer persönlichen Erfahrung heraus entstandener Stoff ist Baru geradezu in den Pinsel geschrieben, bis hin zum Alter einiger der Protagonisten.

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Eine Seite aus „Elende Helden“

Denn Barus Helden sind mit ihrem Zeichner gealtert. Auch in „Fais péter…“ gehört das Herz des Verfassers zwar vordergründig dem jungen Flüchtling aus Afrika, dessen Porträt auf dem Umschlagbild als einzige Zeichnung unter all den anderen Protagonisten farbig gezeigt wird (und man darf da ein augenzwinkerndes Spiel des Autors mit dem Wort „Farbiger“ durchaus vermuten), aber Barus tiefste Sympathie gilt vor allem einem aufs Altenteil zurückgezogenen Einbrechertrio. Und trotzdem bleiben die Geschichten immer am Puls der Zeit. Das ist allerdings auch eine beängstigende Diagnose, denn wenn dem so ist, hat sich im vergangenen Vierteljahrhundert sozial nicht eben viel zum Guten verändert. Die Probleme sind immer noch dieselben wie in „Quéquette Blues“.

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Das Cover des jüngsten Baru-Bandes: „Fais péter les basses, Bruno!“

Barus Comics sind wegen ihres intensiven Gebrauchs von Argot oder Jugendjargon nicht leicht zu übersetzen, aber Uwe Löhmann hat für die Edition 52 einen guten Job gemacht. Das Computerlettering dagegen ist gegenüber dem Original etwas enttäuschend, auch wenn der entsprechende Font sich redlich bemüht, Barus Schriftexpressivität nachzuahmen. Aber schon, daß die Buchstaben eher nach links als nach rechts kippen, gibt den Sprechblasen eine leicht andere Gewichtung in den jeweiligen Panels. Allerdings ist das ein spitzfindiges Detail, das die ansonsten richtig schöne Ausgabe nicht schädigt (wer kennt schon das Original?), die sogar die Klappbroschur der Casterman-Publikation beibehält. Futoropolis hat Präsident Baru jetzt sogar ein Hardcover im Graphic-Novel-Format beschert. Hoffentlich gelingt es der Edition 52, genug deutsche Leser zu finden, um diesen Granden des französischen Comics auch hier noch bekannter zu machen. Die Hälfte seines Werks wartet ohnehin noch auf Übersetzung.

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Ein Einzelbild aus „Elende Helden“: Zu sehen sind die typischen Liniengeflechte, die Barus Gesichter durchziehen.

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