Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Kuk: In die Tiefe des Graus und des Grauens

Beim französischen Großverlag Dargaud erscheint eine Trilogie, die zu einem der größten Ereignisse der jüngeren Comicgeschichte zu werden verspricht: "Blast" von Manu Larcenet. Der zweite Teil ist gerade erschienen.

Wollen Sie wissen, welcher Comic mich zuletzt am meisten beeindruckt hat? Der zweite Band von „Blast“ des französischen Zeichners Manu Larcenet. Stellen Sie sich vor: Ein Mann wird unter Mordverdacht von der Polizei verhört. Doch er ist mit sich vollständig im Reinen und erzählt den Beamten sein ganzes Leben. Das ist die Ausgangskonstellation von „Blast“. Drei Bände sollen es werden, jeder zweihundert Seiten stark. Ein Mammutprojekt, ein Wunder. Und das Grauen.

Denn was dieser Polza Manzini im Verhör berichtet, ist die Geschichte seiner Verwilderung. Dick ist dieser Mann, unförmig, kahl, eine Nase hat er wie ein Vogelschnabel, abgerissen ist er, verlottert. Denn er hat jahrelang in der Wildnis gelebt, nachdem er sein bürgerliches Leben über Bord geworfen hat. Das erzählte er im ersten Band. Nun, im zweiten, geht es weiter: Polza trifft einen Dealer, der wie er abseits im Verborgenen lebt. Der Drogenhändler ist ein brutaler Mann mit schöngeistigen Interessen, und er lässt Polza nur deshalb leben, weil der ein Buch geschrieben hat, das in der Bibliothek des Dealers steht. Mit dieser Begegnung wird der Comic-Zyklus auf eine Bahn gesetzt, die nun auch die Aufklärung des Mordes verheißt, dessen Polza verdächtigt wird. Doch dafür wird es Band 3 brauchen – und wohl noch einmal anderthalb Jahre Wartezeit, wie diesmal schon.

Bild zu: Kuk: In die Tiefe des Graus und des Grauens

Im Versteck des Dealers beginnt für Polza Manzini (rechts) eine seiner Visionen, der Blast, diesmal unter dem Einfluss von Heroin.  Foto Dargaud

Doch die wird leicht fallen, denn bis dahin werde ich „Blast 2″ immer wieder lesen. Schon allein, weil ich beim ersten Mal nicht alles verstanden haben werde, was da auf Französisch erzählt wird. Ja, auf Französisch, denn niemand hat sich in Deutschland bislang an eine Übersetzung des größten Werks von Larcenet gewagt, obwohl seine Serie „Der alltägliche Kampf“ auch hierzulande ein Erfolg war. Diese Serie spielte mit ihrer trügerischen Gefälligkeit: Hinter durchaus niedlich zu nennenden Zeichnungen verbarg sich eine ernste Sozialstudie, die allerdings auf hoffnungsvoller Note endete. In „Blast“ ist das anders. Hier ist alles dunkel, selbst die Zeichnungen, die nur selten durch ein paar bunte Bilder unterbrochen werden (gezeichnet von Larcenets Kindern Lilie und Lenni), wenn Polza von dem getroffen wird, was er selbst Blast nennt – einem erleuchtenden Schlag, der ihn in Grenzregionen des Verstandes führt. Sein Alltag aber ist eine Etüde in Grau, meisterhaft in Tusche ausgeführt und voller Allegorien, die in die Abgründe der Psyche nicht nur Polzars führen. Das ist ein Horrorcomic, aber ohne jeden billigen Schockeffekt. Im Film nennt man so etwas Psychothriller, im Comic sollte sich dafür die Bezeichnung „Blast“ einbürgern.

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