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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ein Dutzend Jahre im Leben einer Frau

Was für eine gute Idee: In zwölf Heften haben Brian Wood und Ryan Kelly ein Dutzend Jahre erzählt und dabei den Weg der jungen Megan quer durch Nordamerika verfolgt. Nun ist das Ganze als ein Band auf Deutsch erhältlich. "Local" heißt er.

Vierhundert Seiten, aber sie lesen sich schnell. Prinzipiell ist das ein gutes Zeichen, aber manchmal will man auch eines der zwölf Kapitel von „Local“ rasch hinter sich bringen – dann etwa, wenn Brian Wood wieder mal sehr dick aufträgt, was die Schicksalsschläge für seine Protagonistin Megan McKeenan angeht. Die junge Frau ist mit siebzehn Jahren von Zuhause durchgebrannt (nach etlichen erfolglosen früheren Versuchen) und wird nach einer zwölfjährigen Odyssee durch die Vereinigten Staaten und Kanada in ein anderes Zuhause zurückkehren. Jedem dieser zwölf Jahre haben Brian Wood und sein Zeichner Ryan Kelly ein Einzelheft gewidmet, und in jeder dieser Geschichten befindet sich Megan an einem anderen Ort (daher der Serientitel „Local“).

Das Konzept ist so intelligent, wie man es von einem versierten Szenaristen wie dem 1972 geborenen Wood erwarten darf, der sich mit der Heftserie „DMZ“ Ruhm erworben hat. Bisweilen tritt Megan in den Hintergrund, aber jedes einzelne Kapitel trägt wieder ein paar Mosaiksteine zur Biographie der Protagonistin bei. Man darf Wood glauben, was er im reichhaltigen Bonusmaterial zu der deutschen Gesamtausgabe von „Local“ berichtet: dass er von Beginn an nicht nur das Konzept, sondern auch die ganzen Details im Kopf hatte. Allerdings hätte es der Serie gut getan, wenn sie zwischendurch mal ein paar Seitenwege genommen hätte, die nicht nur an andere Orte, sondern auch in andere Stimmungen geführt hätten. Denn was Wood uns vorführt, ist ein psychologisches Schreckenspanoptikum des Amerikas der Jahre von 1994 bis 2005, in dem Politik nur insofern eine Rolle spielt, als dass sich an den geplatzten Träumen all der Akteure nie etwas ändert.

Bild zu: Ein Dutzend Jahre im Leben einer Frau

Bild zu: Ein Dutzend Jahre im Leben einer Frau

Einüben ins eigene Ich: Megan McKennan muss bisweilen wieder zu sich selbst finden, um dann eine andere werden zu können. Foto Modern Tales

 

Was schön ist an „Local“, das ist die sich subkutan mitverändernde Umgebung von Megan. Mode, Musik, Architektur, Frisuren – alles wandelt sich, und vieles davon merkt man erst bei der zweiten Lektüre. Allerdings ist der Kontrast von Schaupätzen wie dem Provinznest Missoula zu New York City oder Toronto auch groß genug, dass man diese Unterschiede darauf zurückführen könnte. Es ist ein bisschen viel Abwechslung, die Wood uns liefert. Die hätten seine Dialoge brauchen können, und da kann auch die deutsche Übersetzung nichts retten.

Ryan Kelly, vier Jahre jünger als Wood, ist als Zeichner an der sich über zweieinhalb Jahre erstreckenden Publikationsgeschichte von „Local“ gewachsen. Am Ende sind seine Schwarzweiß-Bilder etwas stilisierter geworden, ohne an Realismus einzubüßen. Das könnte man auch über Megans persönliche Entwicklung sagen.

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