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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Sind Comics über Künstler Kunst?

Mit Prestel steigt ein Verlag ins Comicgeschäft ein, der einen exzellenten Namen in der Kunstwelt für seine Bildbände hat. Die Reihe „Kunst-Comic" verheißt Großes, bietet aber eine eher kleine Idee: Die einzelnen Bände erzählen von Leben und Kunst berühmter Maler - als Comic. Das kennen wir längst. Aber mit Barbara Yelin ist dabei eine höchst angesehene Zeichnerin am Werk.

Die Idee ist alt: Biographische Comics über Künstler macht der rührige Aachener Zeichner Willi Blöß schon seit Jahren. In den Buchläden der deutschen Museen sind sie gut präsent, und das Spektrum der kleinen Heftchen, die Blöß im Eigenverlag herausgibt und für den moderaten Preis von drei Euro verkauft, reicht von Hieronymus Bosch bis Andy Warhol, und es finden sich auch weniger weltbekannte Protagonisten wie Otmar Alt oder Horst Janssen. 24 farbig gezeichnete Erzählseiten hat jeder Teil der „Comic-Biographie” genannten Reihe, und dazu gibt es pro Heft noch zwei Seiten mit Zeittafel und benutzter Literatur.

Um die reizende Reihe von Blöß soll es hier gar nicht gehen. Sie zu erwähnen, ist jedoch deshalb unerlässlich, weil der riesige Prestel Verlag (als Teil eines noch gewaltigeren Verlagskonglomerats) die Idee jetzt abgekupfert und naturgemäß dabei perfektioniert hat. „Kunst-Comic” heißt die frisch gestartete Reihe, die aus umfangreichen Comics im klassischen Albenformat besteht. Hardcover und prächtiger Farbdruck sind selbstverständlich, Biographie, Glossar und reichhaltige Bildergalerie der vorgestellten Künstler auch, und dass diese Pracht dann pro Band 14,99 Euro kostet, ist nur gerechtfertigt. Auch dieser Preis ist günstig kalkuliert.

Ob man dem Pionier Blöß damit das Wasser abgraben wird? Zumindest richtet sich Prestels Publikationsform inhaltlich an eine andere Kundschaft, nämlich vor allem an junge Leser. Die werden an den Heftchen von Blöß auch ihren Spaß haben, aber deren reduzierte Grafik prädestiniert die Aachener Comics eher für Erwachsene. Disee werden an der schlichten Erzählweise der „Kunst-Comics” weniger Vergnügen finden; da geht es doch recht hemdsärmelig her, wenn man die ersten beiden Folgen – zu Albrecht Dürer und Vincent von Gogh – als Probe aufs Exempel nehmen darf. „Albrecht ist der Beste!” lautet beispielsweise eine Überschrift. Man macht sich gern mit den vorgestellten Künstlern gemein.

Lebensnähe in der Erzählung ist generell das Prinzip von Mona Horncastle, der wir beide Lebensschilderungen verdanken. „In Paris passiert es – endlich!”, lesen wir über van Gogh: „Er besucht eine Ausstellung der Impressionisten und ist überwältigt. In ihren Bildern, die mit schnellen Strichen gemalt sind, findet Vincent alles, was in seinem Leben bisher gefehlt hat: Farbe, Licht, Gefühl.” Nun, so mag es gewesen sein, wer wollte das besser wissen als eine Autorin, die mit van Gogh offensichtlich auf Du und Du steht? Dass Impressionismus nicht notwendig Schnelligkeit der Malweise bedeutet – was soll’s. Kindgerecht hat es eben zu sein.

Dass Mona Horncastle dann allerdings mit der Berlinerin Barbara Yelin eine der angesehensten deutschen Comiczeichnerinnen zur Mitarbeit bewegen konnte, macht die Bände wieder interessant. Yelin passt ihren selbst durchaus auch impressionistischen Stil nicht den vorgestellten Künstlern an, sondern zeichnet in freiem Duktus Bilder, die ihren Entstehungsprozess nicht verleugnen. Da wird mit Bleistift skizziert, danach durch kräftigere Linien akzentuiert und schließlich in sanften, aber markanten Farben koloriert. Wer will, kann es nachzumachen versuchen, denn die ersten Spuren des Bildaufbaus sind immer noch sichtbar und leiten somit zur Wiederholung an. Das ist verlockend für Kinder: keine Perfektion, sondern Lebendigkeit. Und deshalb bemüht sich Yelin auch gar nicht um eine zeichnerische Perfektion wie in ihrem letzten großen Album „Gift”, sondern lässt selbst die Zügel schießen. Resultat ist eine verspielte, freie Grafik

Auch die Lebensstationen Dürers und van Goghs hat Yelin auf jeweils vier Seiten als eine Art Bilderfluss umgesetzt: Beide Künstler folgen einem Pfad von der Wiege bis zur Bahre, und dazwischen schreitet man mit ihnen die wichtigsten Lebensstationen ab. Das sieht auf den großen Doppelseiten wunderbar aus, und da die Druckqualität bei den beigegebenen Beispielen für die Malerei der Protagonisten (den Abdruck von Originalwerken kann sich Blöß als Kleinstverleger natürlich nicht leisten) auch hoch ist, kommt bei den „Kunst-Comics” doch ein schönes Projekt heraus. Dass der Reihentitel ein wenig Etikettenschwindel ist, weil der eigentliche Comic-Anteil nur jeweils sechzehn von 48 Seiten ausmacht (zwanzig, wenn man den Lebensweg mitrechnen will), sei allerdings angemerkt. Da bleibt für die Reihe von Blöß wohl doch noch Platz in den Verkaufsregalen.

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