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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Das Ziehharmonika-Prinzip

Der in Künstler- und vor allem Gestalterkreisen höchstangesehene lebende Comiczeichner dürfte Chris Ware sein. Seine Geschichten sind Wunderwerke der Konstruktion und so geistreich, wie man es sich nur wünschen kann. Leider aber ist Ware ein extrem scheuer Mensch, und deshalb muss man über jede Winzigkeit an Selbstauskunft froh sein. Nun jedoch publiziert die Zeitschrift „Mono Kultur" ein großes Interview mit ihm - und gibt noch ein Leporello mit Arbeitsproben von Ware obendrauf.

Ziehharmonika, das heißt auf Englisch „concertina”. Damit bezeichnet man nicht nur das Instrument, sondern auch die Scherengitter in einem Aufzug und das drucktechnische Prinzip eines Leporellos, also eine mehrfach ausgefaltete Folge von aneinandergedruckten Seiten. Auf solchen Bögen kann man herrliche grafische Experimente durchführen oder extreme Querformate drucken. Also durfte man sich freuen, als das in Berlin verlegte englischsprachige Interviewmagazin „Mono Kultur” sein neues Heft, in dem Chris Ware als Gesprächspartner auftritt, mitsamt einer Concertina-Bildstrecke ankündigte.

Das schien zu passen, denn Ware liebt ungewöhnliche Formate. Seine seit fast zwanzig Jahren laufende Comicreihe „Acme Novelty Library” hat sich nie auf ein einheitliches Erscheinungsbild festgelegt, die einzelnen Folgen schwanken von riesig groß bis winzig klein, und entsprechend abwechslungsreich gestaltet sind auch die darin abgedruckten Comics. Chris Ware – das ist eine Ein-Mann-Revolution des Erzählens in Bildern. Und nun also auch als Concertina.

Dies sei indes vorweggenommen: Die entsprechende Partie des „Mono Kultur”-Heftes sieht zauberhaft aus, aber das ist allein Wares Verdienst, denn die Gestalter haben die Chance versäumt, aus dem unkonventionellen Format etwas Besonderes zu machen. Aber das ist auch schon der einzige Wermutstropfen in der Freude über dieses Heft. Gespräche mit Chris Ware sind nicht gerade häufig, denn der gute Mann ist scheu. Das weiß ich verbindlich, seit ich ihn selbst einmal getroffen habe, auf  dem Comicfestival in Angoulême, und ich kaum ein Wort von ihm zu hören bekam. Allerdings lag das auch daran, dass Ware gerade von einem amerikanischen Publizisten geradezu belagert wurde, der das Problem der Zurückhaltung seines Gegenübers einfach dadurch löste, dass er ohne Punkt und Komma selbst plapperte. Ob Ruhm so viel Unhöflichkeit lohnt?

„Mono Kultur” – konkret gesprochen: Urs Bellermann – hat nun ein ausgiebiges Gespräch mit Ware führen können, allerdings nur per E-Mail, wie gleich klargestellt wird, weil der in Chicago lebende Zeichner sich damit wohler gefühlt habe. Das merkt man dem Interview an. Langsam entwickelt sich dieses fernschriftliche Gespräch, was dem Temperament von Ware entspricht, und man erfährt erstaunlich viel, weil Bellermann, der kein besonders großer Kenner von Comics zu sein behauptet, die üblichen banalen Fragen vermeidet und stattdessen in die Tiefe geht. Und seine Fragen sind von meist vorbildlicher Kürze.

Ware dagegen antwortet sehr ausgiebig, und das ist umso interessanter, weil er dadurch auf Details zu sprechen kommt, die bei schnellem Wechsel zwischen Fragen und Antworten wohl untergegangen wären. Es wäre darum auch sinnlos, hier zu versuchen, das Gesagte zu paraphrasieren. Selbst-Lesen (was bei Wares angenehm unprätentiösem Englisch kein Problem darstellt) macht hier mehr Spaß und verspricht größeren Gewinn. Zudem bekommt man ein ausgesprochen hübsches Heft im Kleinformat für den Winzpreis von fünf Euro, kann einen Blick auf die Skizze werfen, die Ware im vergangenen Jahr auf der Akropolis anfertigte (jede Anspielung auf griechische Finanzprobleme unterbleibt!) und hat im Concertina-Teil eine Auswahl von Arbeiten, die das immense Geschick dieses Zeichners deutlich werden lassen.

Denn wie Ware mit Bildern erzählt, das hat wirklich keine Parallele. Er weitet die Möglichkeiten des Comics aus, als funktioniere dieses Kunstform tatsächlich wie eine Ziehharmonika . Auf die Übersetzug seines Bestsellers „Jimmy Corrigan”, der vor mittlerweile zwölf Jahren in den Vereinigten Staaten erschien (und seitdem in so ziemlich jeder Sprache, die etwas auf sich hält, bis auf die deutsche), warten wir nun wieder etwas leichter, seit dieses Gesprächsheft die Zeit überbrücken hilft. Wer es auch haben will, bekommt es hier: http://mono-kultur.com/current.

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