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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Steampunk aus deutscher Feder

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Als vor zwei Jahren „Jakob" erschien, ein Comic aus dem Geist der deutschen Romantik, hatte man von seinen Schöpfern Benjamin Schreuder und Felix Mertikat noch nichts gehört. Ihr Buch wurde gefeiert, und nun ist der Nachfolger da: „Steam Noir - Das Kupferherz". Er knüpft bei neuen Vorbildern an und ist als ein großes Epos konzipiert - auf den ersten sollen nämlich noch drei weitere Bände folgen.

Die innovativste Idee, die Benjamin Schreuder und Felix Mertikat für ihren Comicband „Steam Noir – Das Kuperherz” entwickelt haben, ist fast unscheinbar und doch ästhetisch sehr wichtig: Ihre Einzelbilder sind mit schwarzen Tuschelinien umrahmt, die so dick ausfallen, als tropfe die schwarze Farbe noch auf den Seiten. Dadurch ist jede Szene in „Steam Noir” eine vom Rest abgeschiedene – und wenn das eine oder andere Mal diese Panel-Begrenzungen entfallen, zum Beispiel bei großen Tableaus, die bis zum Format einer Doppelseite gehen können, dann ist die Freiheit dieser Bilder besonders deutlich spürbar. Es sind kurze Momente zum Atemholen in einer ansonsten engen und bedrückenden Welt.

So muss es auch sein, denn die Erzählfiktion, die Schreuder und Mertikat auf der Grundlage eines vom Letzteren gemeinsam mit Till Bröstl entwickelten Rollenspiels vorstellen, ist die einer mehrfach bedrohten Welt (http://steamnoir.com/). Landsberg heißt diese parallele Wirklichkeit, deren Landmassen zerbrochen sind und nur lose miteinander verbunden durch den Äther schweben. Einerseits ist man dort noch im Dampfmaschinenzeitalter, andererseits herrschen höchst avancierte technische Konzeptionen vor – man kennt diese Ungleichzeitigkeit aus Science-Fiction-Werken wie den beiden „Sherlock Holmes”-Verfilmungen von Guy Ritchie, manchen Animes von Hayao Miyazaki oder auch den von Kevin O’Neill gezeichneten und von Alan Moore geschriebenen Comics um die „League of Extraordinary Gentlemen”. Dieses Genre wird als „Steampunk” bezeichnet.

Es ist ein ironisches Erzählen, aber die jeweiligen Schöpfer jener alternativen Geschichtsverläufe nehmen ihre Gegenstände insofern durchaus ernst, als sie meist existenzielle Krisen wie Krieg, Umweltzerstörung, Hybris der Technik und ähnliche Phänomene in den Mittelpunkt stellen. Bei Schreuder und Mertikat ist es sogar die ultimative Krise: der Tod. Das war schon in ihrem Erstlingscomic „Jakob” so, der 2010 erschien und damals den Sondermann-Preis für das beste Werk eines Newcomers gewann. Ich gehörte der Jury an, und was mich an „Jakob” begeisterte, war das Anknüpfen der beiden jungen Autoren an die Motivwelt der Romantik.

In „Steam Noir” gibt es dazu wieder etliche Ansätze, aber diesmal ist die Überformung durch die postmoderne Narration des Steampunk wichtiger, der seine ästhetischen Ideale aus der frühen Phantastik bezieht, wie sie Max Klinger oder Jules Verne geprägt haben: als traumwandlerische Kollision von Mythenarchaik und Industriemoderne.

Drei Helden finden sich im ersten Band als Ermittler in der geheimnisvollen Affäre um ein totes Mädchen und einen erfolgreichen Transplanteur von Körperteilen zusammen: Heinrich Lerchenwald ist Bizarromant, also Erforscher von okkulten Erscheinungen; Frau D. eine energische Profilerin; Richard Hirschmann schließlich ein Polizisten-Cyborg, der durch Dampfenergie angetrieben wird (die Namen lassen dann doch noch genug Liebe zur Romantik spüren). Gemeinsam stößt das Trio auf Abgesandte aus dem Totenreich Vineta, die ein ominöses Wirken in das zersplitterte und teilweise verheerte Landsberg treibt, was im ersten Teil von „Steam Noir” aber nur angedeutet wird.

Mertikats und Schreuders neuer Zyklus hat im deutschen Comic einen Vorläufer, den man schon am Titel erkennt: „Berlinoir” von Tobias O. Meißner und Reinhard Kleist. Auch das war eine auf mehrere Bände angelegte Geschichte, die alte Mythen mit einer Art postapokalyptischen Welt verband. In „Steam Noir” wird allerdings weniger in Genrekonventionen erzählt; man merkt dem Geschehen die Herkunft aus dem Rollenspiel an, bei dem es natürlich viel gängiger ist, mehrere Ebenen zum Gegenstand der Handlung zu machen. Das deutet sich im ersten Teil schon in der chronologisch verschachtelten Erzählweise an. Ob „Steam Noir – Das Kupferherz” ein großer Wurf für den deutschen Comic wird oder „nur” eine geistreiche Spielerei, das werden wir genauer absehen können, wenn im kommenden Oktober der zweite Band erscheint.

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1 Lesermeinung

  1. Der zweite Band wird übrigens...
    Der zweite Band wird übrigens bereits im Juni (und nicht wie im ersten Band angekündigt im Oktober) erscheinen.
    Frank Wochatz, Comics & Graphics Berlin

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