Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Talisman für hundert Jahre Unglück

Deutsches Talent zum dritten: Birgit Weyhe bietet in ihrem Band „Reigen" das Panoptikum einer Gruppe von Menschen, die durch ein Schmuckstück aneinander gekettet werden. Krieg und Politik und Privates sind dabei gleichermaßen unangenehm wirksam - mit einigen bezeichnenden Ausnahmen.

„Ich weiß“ – das können Sie immer gut sagen, wenn die Rede auf Birgit Weyhe kommt. So hieß nämlich der erste Band der 1969 geborene Hamburger Comiczeichnerin, der vor zwei Jahren im Mami Verlag ihrer Professorin Anke Feuchtenberger herauskam. Das war ein verblüffend geglücktes Debüt – einfallsreich, geistreich, welthaltig. Nicht umsonst ist Birgit Weyhe als Kind in Ostafrika aufgewachsen; man merkte „Ich weiß“ die Kenntnis der dortigen Mythen, Lebensverhältnisse, Menschen und vor allem Ästhetik an.

Ein Teil dieses Wissens ist auch in „Reigen“ eingeflossen, den zweiten Comicband von Weyhe, der nun bei einem etablierten Verlag (Avant aus Berlin) erschienen ist und alsbald auch in Frankreich publiziert wird. Jenseits des Rheins hat man eine gute Nase für deutsche Talente, wie man an Barbara Yelin, Jens Harder, Ulli Lust oder Ulf K. sieht (um nur einige zu nennen, die dort wohl mehr Ruhm genießen als hierzulande). Birgit Weyhes Buch ist allein schon deshalb für unsere Nachbarn interessant, weil einige Kapitel des fast zweihundertseitigen Comics in der französischsprachigen kanadischen Stadt Montreal spielen.

Dort geht alles los, und dort endet auch alles. 1955 erzählt eine Kriegerwitwe des Ersten Weltkriegs ihrer kleinen Enkeltochter von einer Taufkette, die sie ihrem Mann vor dem Abmarsch in den Krieg als Talisman mitgegeben hatte. Genutzt hat das nichts, und im zweiten Kapitel erfahren wir, warum nicht. Fortan wechselt die Taufkette in jedem der zehn Abschnitte den Besitzer, und meist sind es recht tragische Ereignisse, die den Anlass dafür geben: gleich drei Mal Krieg, dazu Not, Enttäuschung, Unglück. Aber es gibt auch die junge Frau, die sich mit der goldenen Kette aus dem deutsch besetzten Frankreich freikauft und zur Resistance-Heldin wird (noch ein schönes Thema für unsere Nachbarn). Oder die junge Hamburgerin, die in den fünfziger Jahren ihr privates Glück macht, als sie das Schmuckstück verschenkt. Und da ist eine Kenianerin, die mit dem Verkauf ihren Kindern eine Ausbildung finanzieren kann.

Ja, Ostafrika ist wieder mit im Spiel, aber wie man sieht, überschreitet der Reigen leicht Grenzen und Zeiträume – das Geschehen spielt sich zwischen 1917 und 2011 ab, ein Jahrhundert voller Schicksalsschläge und individuellen Widerstands dagegen. Am Schluss schließt sich der Reigen, aber ohne, dass die Beteiligten davon wüssten. Das passt zum metaphorischen Bild einer Halskette.

Mit Arthur Schnitzlers berühmtem gleichnamigen Theaterstück hat das Ganze nichts zu tun (außer bei der Geschicklichkeit der Konstruktion). Birgit Weyhe erzählt in jeweils abgeschlossenen Episoden von knapp zwanzig Seiten unvergessliche Geschichten, deren Fortgang sich bisweilen erst aus späteren Kapiteln erschließt oder auch ganz offen bleibt.

Aber wie sie das graphisch tut, in Schwarzweiß, mit einem bewusst spontanen Strick, der skizzenartig wirkt, ohne es zu sein, und wie sie an entscheidenden Momenten auf Abstraktion setzt (etwa dann, wenn von Kriegstoten die Rede ist), das ist wundervoll gelöst. Ein bisschen Ähnlichkeit zu Jacques Tardi sei ihr nachgesehen – was wäre das auch für ein Vorwurf? Und sie wählt nur Schauplätze, die sie selbst gut kennt. Auch das merkt man der Darstellung segensreich an.

Vor zwei Woche habe ich an dieser Stelle Felix Mertikat und Benjamin Schreuder vorgestellt, letzte Woche Michael Meier. Nun rundet Birgit Weyhe ein Trio deutscher Comics ab, die auf ganz unterschiedliche Weise höchst professionell und originell sind.