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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Zeit des Zorns im Comic

Baru ist der große Chronist der französischen Banlieue. Doch obwohl der 1947 geborene Comiczeichner mehr zum Verständnis der sozialen Konflikte unseres Nachbarlandes beitragen könnte als das Gros der Soziologie, wurde er in Deutschland bislang nur sporadisch übersetzt. Das ändert sich jetzt endlich.

Es geschehen noch Wunder. Kaum hört man gerüchteweise, dass sich die Edition Moderne in Zürich, der wichtigste Vermittler französischer Autorencomics im deutschen Sprachraum, die Rechte am Frühwerk von Baru gesichert hat, erscheint bei der kleinen, aber ehrgeizigen Edition 52 aus Wuppertal seine Geschichtensammlung „Schönes neues Jahr”. Dabei handelt es sich um eine Schwarzweißpublikation, die in Frankreich 2008 unter dem entsprechenden Titel „Noir” erschienen ist und drei Erzählungen erstmals im Buch zusammenführt, die schon in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre separat erschienen waren.

Das war die bislang größte Zeit in der Karriere des 1947 geborenen Hervé Baruléa, den Sohn italienischer Einwanderer in Lothringen, der erst als Sportlehrer tätig wurde, ehe er mit Mitte dreißig seinen ersten Comic-Erfolg feierte: „Quequette Blues”, sofort in Angoulême ausgezeichnet, aber bis heute in Deutschland unübersetzt geblieben (und man muss fürchten, dass sich auch die Edition Moderne nicht daran wagen wird; sie wird wohl eher die früher beim Carlsen Verlag erschienenen Alben wieder zugänglich machen). Den zweiten Hauptpreis in Angoulême gewann Baru dann für „L’Autoroute de Soleil”, einen für den japanischen Markt entstandenen Manga, der aber auch wieder junge Protagonisten aus Frankreichs Unterklasse bot und deshalb in Europa viel mehr Aufmerksamkeit fand als in Japan. Aus den Jahren nach der langen Zeit, die die Fertigstellung dieses vielhundertseitigen Buchs brauchte, stammen die drei Erzählungen aus „Schönes neues Jahr”.

Dass sie gewissermaßen zur Erholung von der Fron am großen Album entstanden sind, merkt man ihnen nicht an. Sie haben dieselbe Energie, dieselbe Wut und denselben gnadenlosen Blick auf die Situation von Jugendlichen und Unterprivilegierten – diesmal in einem Fall sogar international, denn „Irische Ballade”, eine Variation auf „Romeo und Julia”, führt den Leser nach Belfast in die Jahre vor dem mühseligen Friedensschluss zwischen Protestanten und Katholiken. Dass es die optimistischste Geschichte geworden ist, mag man bezeichnend nennen, denn auch wenn Barus französische Helden meist lebend aus den Geschichten herauskommen, sind sie doch nie unverletzt geblieben. Gegenüber Irland ist der Autor gnädiger. Und so bietet „Irische Ballade” einen versöhnlichen Abschluss des nachtschwarzen Bandes „Schönes neue Jahr”.

Dass er gerade jetzt auf Deutsch erscheint, pünktlich zur französischen Präsidentenwahl, ist ein Coup des Verlags, der dadurch noch besser wird, dass Baru das Antlitz von Jean-Marie Le Pen, der gleich zum Anfang der Titelgeschichte einen Auftritt im Fernsehen hatte, nunmehr durch das von Nicolas Sarkozy ersetzt hat. Den ehemaligen Chef des Front National, der nunmehr Le Pens Tochter Marie als Vertreterin all der Rechtsradikalen und Nationalisten in Frankreich ins Wahlkampfrennen schickt, durch den amtierenden Präsidenten  auszutauschen, ist das bitterste Urteil, das Baru über dessen Amtsführung sprechen kann. Und da  „Schönes neues Jahr” sich nach dem Erscheinen 1995 als prophetisch erweisen hat, was die Unruhen in den französischen Vorstädten angeht (damals war der Handlungszeitpunkt noch das Jahr 2000, nun ist es 2016 geworden, und Baru hat außer Le Pens Auftritt leider gar nichts ändern müssen), ist zu befürchten, dass auch hier der Zeichner recht behalten wird.

Wer also Frankreich besser verstehen will, der lese Baru. Einen der besten Comicerzähler und -zeichner lernt man dabei auch kennen – wenn man ihn nicht längst schon liebt. Bald wird die Edition 52, die jetzt immerhin bereits fünf Titel von Baru im Programm hat, auch noch „Sur la route encore” übersetzen, den ganz anderen, aber nicht minder grandiosen Nachfolgeband von „L’Autoroute de soleil”, in dem ein gealterter Aussteiger die Hauptrolle spielt. Die tiefe Zuneigung Barus zu all seinen Protagonisten spürt man sofort. Seinen Zorn über die Zustände in der französischen Heimat auch. Politischer und aktueller können Comics kaum sein.

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