Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (1)
 

Wer ermordet die Atomphysiker?

30.04.2012, 06:11 Uhr  ·  Der klassische Abenteuercomic schien lange tot, begraben unter autobiographischen Modeprodukten oder künstlerischen Experimenten. Nun wird er in mehreren Ländern neu belebt, nicht zuletzt in Frankreich, wo das Genre eine große Tradition besitzt. Die neueste Errungenschaft ist die Serie „Kaplan & Masson", deren erster Band nun auf Deutsch erschienen ist.

Von

Auf den ersten Blick würde ich sagen: Das ist der neueste Band von „Blake & Mortimer”. Denn darin findet man genau jenen vorsichtig modernisierten Zeichenstil, den Ted Benoît und mehr noch André Juillard im letzten Jahrzehnt dem großen belgischen Klassiker von Edgar Pierre Jacobs verliehen haben. Doch auf dem Umschlag des Albums steht über der spektakulären Szene eines auf der Rollbahn explodierenden Flugzeugs und dem verheißungsvollen  Titel „Die Chaostheorie” als Serienname „Kaplan & Masson”. Das ist natürlich ganz bewusst ans Vorbild angelehnt – genau wie die Handlungszeit (fünfziger Jahre), die Seitenarchitektur oder die thematische Faszination für Naturwissenschaft und Technik.

Wer aber sind Kaplan und Masson? Das lassen uns der routinierte Szenarist Didier Convard und sein Zeichner Jean-Christophe Thibert im Laufe der Handlung ihres ersten gemeinsamen Abenteuers nur recht langsam wissen. Étienne Kaplan ist Colonel des französischen Geheimdienstes. Im zweiten Weltkrieg war er im Widerstand und rettete dem jüdischen Physiker Nathan Masson das Leben, den die Nazis ins Konzentrationslager verschleppt hatten. Das Geschehen in „Die Chaostheorie” führt die beiden Freunde nun auf unschöne Weise wieder zusammen, denn es gilt eine Mordserie an einer Gruppe prominenter Kollegen von Masson aufzuklären. Das gemeinsame Merkmal der Opfer: Sie alle hatten an der Entwicklung der ersten Atombombe mitgearbeitet und setzten sich danach unter dem Eindruck des Angriffs auf Hiroshima für die Ächtung von Kernwaffen ein.

Man wird schnell die Ähnlichkeiten von Figuren im Comic wie Alfred Bernstein, Jason Purcell oder J. Ridley Openhover mit realen Protagonisten der Anti-Atomkraftbewegung aus der Nachkriegszeit wie Alfred Einstein, Bertrand Russell und Robert Oppenheimer erkennen. Die Physikerin Anne Jobert-Lary wiederum nimmt Züge von Marie Curie auf, und so gibt es viel zu enträtseln. Dazu kommt die akribische Rekonstruktion von Dekors der fünfziger Jahre und die entsprechend zeittypisch intensiv-flächigen Farben. Kurz: Das Auge des Nostalgikers wird erfreut, und der Liebhaber spannender Geschichten nicht beleidigt.

Dass beim Ablauf der Ereignisse einiges noch holpert, kann man nachsehen. Viel schöner ist zu beobachten, wie bereits im ersten Band vielversprechende Nebenfiguren aufgebaut werden, von denen man wohl noch manches erwarten darf: der steinreiche kanadische Industrielle Scott Lemon etwa, der aus Angst vor Krankheitskeimen in völliger Abgeschiedenheit lebt, oder noch wichtiger im Auftaktabenteuer der japanische Physiker Watabe Sensei. Der 1950 geborene Didier Convard hat genug Erfahrung im Umgang mit Comics, um dieses Potenzial noch auszunutzen.

Ja, es ist plötzlich wieder eine gute Zeit für Abenteuercomics. Letzte Woche habe ich auf „Packeis” von Simon Schwartz hingewiesen. Das war die avancierte Form des alten Schemas. Hier kommt die traditionelle, aber nicht minder lesenswerte. Allerdings wartet man in Frankreich nun schon seit drei Jahren auf Band 2. Umso schöner, dass der Carlsen Verlag sich nun trotzdem des ersten angenommen hat. Harald Sachse hat ihn gut übersetzt, und ich bin geneigt, das Erscheinen dieser deutschen Ausgabe als günstiges Omen für die baldige Fortsetzung im Original zu nehmen. Warum sollte man eine Serie einkaufen, die gar nicht weitergeführt wird? Meine Aufmerksamkeit wird jedenfalls auch der nächste Band haben.

 

 

 

 

 

Richtlinien für Lesermeinungen

Die FAZ.NET-Redaktion bietet allen registrierten und eingeloggten Nutzern die Möglichkeit, sich mit den aktuellen Beiträgen auf FAZ.NET konstruktiv und kritisch auseinanderzusetzen und eigene Lesermeinungen zu veröffentlichen. Für jede Meinungsäußerung stehen 6000 Zeichen zur Verfügung. Voraussetzung für eine Veröffentlichung ist, dass die Verfasser und Verfasserinnen ihren wirklichen Namen nennen, d.h. in ihrer FAZ.NET-Registrierung den korrekten Vor- und Nachnamen eingetragen haben. Im Falle der Veröffentlichung der Lesermeinung weisen wir am Beitrag den Klarnamen des Lesers aus. Unter Pseudonym oder anonym verfasste Texte können nicht berücksichtigt werden.

Veröffentlicht werden nur Beiträge, die auf den jeweiligen Artikel und sein Thema seriös und sachbezogen eingehen. Links- und rechtsradikale, pornographische, rassistische, beleidigende, verleumderische sowie ruf- und geschäftsschädigende Inhalte können nicht berücksichtigt werden, ebenso wenig sachlich falsche oder in angemessener Zeit nicht nachprüfbare Behauptungen. Links sind in den Lesermeinungen von FAZ.NET nicht gestattet. Die Redaktion behält sich vor Lesermeinungen zu kürzen oder zu modifizieren. Jeder verfasste Beitrag wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, sofern er diesen Richtlinien für Lesermeinungen nicht zuwiderläuft. Nutzern, die wiederholt versuchen, den Richtlinien nicht entsprechende Beiträge zu veröffentlichen, kann die Registrierung entzogen werden.

Für veröffentlichte Meinungsbeiträge gewähren Sie uns das unentgeltliche, zeitlich und örtlich unbegrenzte und nicht ausschließliche Recht, diese Aussagen ganz oder teilweise zu nutzen, zu vervielfältigen, zu modifizieren, anzupassen, zu veröffentlichen, zu übersetzen, zu bearbeiten, zu verbreiten, aufzuführen und darzustellen, Dritten einfache Nutzungsrechte an diesen Aussagen einzuräumen sowie die Aussagen in andere Werke und/oder Medien zu übernehmen.

Weitere Artikel

Datenschutzerklärung

Allgemeine Nutzungsbedingungen von FAZ.NET und seinen Teilbereichen

Wir möchten Sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass der gesamte Auftritt von FAZ.NET von verschiedenen Suchmaschinen intensiv ausgewertet wird und die Inhalte dort auch gelistet werden. Das schließt die Lesermeinungen automatisch ein, so dass diese auch über FAZ.NET hinaus im Internet jederzeit recherchierbar sind.

Schließen

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Sortieren nach
0 mueller1072 30.04.2012, 11:26 Uhr

Moin, Moin, auf der...

Moin, Moin, auf der Programmvorschau des Carlsenverlages ist der zweite Band für den 28.08. diesen Jahres angekündigt.

Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton der F.A.Z., zuständig für „Bilder und Zeiten“.