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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Was um alles in der Welt ist Afkat?

Afkat ist keine Lautmalerei, sondern ein neu geschaffener Förderpreis für Graphic Novels. So weit, so sehr gut. Aber was sagen uns die ersten beiden Preisträger und ihre Publikationen über das Profil der Auszeichnung?

Manchmal ist es einfach: Wer Marc-Antoine Mathieus atemraubende Comics über Julius Corentin Acquefacque liest, der braucht nur den Nachnamen des Helden französisch auszusprechen (akfak), um darauf zu kommen, dass es sich dabei um eine Umkehrung von „Kafka” handelt. Und das passt ja auch sehr gut.

Wer dagegen wissen will, wofür das mutmaßlich Akronym Afkat steht, der bekommt zwar eine inhaltliche Erklärung, aber keine phonetisch anlytische: „Der Afkat wurde im Jahr 2011 von der Kanzlei Dr. Bahr ins Leben gerufen und richtet sich an begabte, bislang unentdeckte Nachwuchskünstler, die sich für das in Deutschland noch relativ junge Genre Graphic Novel begeistern.” Das immerhin wäre nun klar, auch wenn man dem Genrebegriff dieser Presseerklärung lieber nicht zu nahe treten möchte.

Aber was heißt nun Afkat? Die Anfangsbuchstaben von Graphic, Novel, Preis, Nachwuchs oder Hamburg (wo die auslobende Kanzlei ihren Sitz hat) kommen nicht vor. Immerhin spricht die Presseerklärung von „dem” Afkat, also wird sich eines der beiden A wohl der Bezeichnung „Award” verdanken. Egal, wichtig ist, dass es einen solchen Preis überhaupt gibt; es existieren wenige genug in Deutschland, die Comics prämieren. Und noch wichtiger ist, was dem Gewinner winkt: zwar kein Geld, aber eine Publikation der prämierten Geschichte. Und das bei einem kleinen, jedoch aufstrebenden Verlag, der sehr schöne und sehr literarische Bücher macht – mairisch heißt er, und wie die preisstiftende Kanzlei ist er in Hamburg angesiedelt.

Und damit der Freude nicht genug. In seinem ersten Jahr ist der Afkat gleich an zwei Bücher verliehen worden, einmal regulär und dann noch als spontan eingerichteter Sonderpreis. Letzterer ging an die in Hamburg studierende Karin Kraemer, weil ihre Adaption des Grimmschen Märchens vom „Mädchen ohne Hände” keine Graphic Novel im klassischen Sinne, aber allemal preiswürdig sei. Vielleicht wird uns irgendwann die Jury des Afkat erklären können, was eine Graphic Novel, zumal im klassischen Sinne, ist, aber zu loben ist ihre Entscheidung für Karin Kraemers Bildergeschichte (denn ein Comic im klassischen Sinne ist sie wirklich nicht) allemal. Da ist eine begabte Illustratorin am Werk (http://karin-kraemer.blogspot.de/).

Der eigentliche Preis ging an „Flash Preußen”, eine von Jan Kottisch geschriebene Superheldengeschichte, die Tilo Richter in Bilder gesetzt hat. Wobei die Bezeichnung „Superheldengeschichte” auf die falsche Spur führen könnte, denn der in einem Plattenbau wohnende Herr Preußen hat zwar als Kind durch einen Unfall übermenschliche Fähigkeiten erhalten, aber da sie darin bestehen, dass er jeden Menschen bei Kontakt durch einen Stromschlag tötet, muss er Gummikleidung tragen und lebt allein.

Erzählt ist diese dunkle melancholische Geschichte aus der Perspektive einer Nachbarin und mit sehr wenig Text. Noch seltener gibt es in die Bilder integrierte Sprechblasen, meist stehen nur knappe Sätze über oder unter den Bildern, und lange Passagen werden ohne jedes Wort erzählt. Bis auf wenige Ausnahmen gibt zwei Panels pro Seite, dann immer gleich groß, also eine Entsprechung der inhaltlichen Lakonie auf formaler Ebene – ganz anders als bei Superhelden üblich. Das ist sehr gut gelöst, und die Erzählung überzeugt gleichfalls. Zwei weitere Geschichten um Flash Preußen sind auch schon in Planung (http://www.newyorktilotokyo.com/). Glückwunsch also zu diesem ersten Preisträger des Afkat.

Und doch gibt es ein Problem. Tilo Richter studiert in Hamburg Illustration, und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn er das nicht bei Anke Feuchtenberger an der HAW täte. Denn seine Bilder sehen nicht nur aus, als hätte Anke Feuchtenberger sie gezeichnet, sie haben auch denselben formalen wie inhaltlichen Duktus wie ihre „Superträne”-Comics – gleichfalls eine Superhelden-Variation der anspruchsvoll-melancholischen Art. Da wiederum der Verlag im Buch Anke Feuchtenberger dankt, darf man wohl annehmen, dass sie entweder in der Jury saß oder den Kontakt zu Richter hergestellt hat.

Was gar nichts macht, denn „Flash Preußen” ist ja gelungen. Aber auch Karin Kraemer ist Feuchtenberger-Schülerin; ihr preisgekröntes Märchen entstand sogar direkt im Illustrationskurs an der HAW, aber dabei ist ein ganz eigenständiger malerischer Stil entstanden, also ein viel überraschenderer. Es zeigt die Qualität einer Lehrerin, wenn ihre Schüler sich ästhetisch unabhängig entfalten können, und so gesehen ist Karin Kraemers Buch in Sachen Individualität das überzeugendere Ergebnis gegenüber dem von Tilo Richter und Jan Kottisch.

Deshalb bleibt ein seltsamer Nachgeschmack bei der Begründung, warum „Das Mädchen ohne Hände” den Sonderpreis bekam. Die Einheit von Bild und Text als zentrales Kriterium eines Comics ist bei Kraemer weitaus intelligenter gelöst als bei Richter. Was also soll hier weniger „Graphic Novel im klassischen Sinne” sein? Doch das ändert nichts daran, dass der Afkat gleich beim ersten Mal zwei ziemlich eindruckvolle Debüts befördert hat. Die beiden Preisträger stellen ihre Bücher übrigens am 5. Mai im Hamburger „… zwischenraum” vor. Da wird man die Zukunft des Comics sehen – wenn auch nicht im klassischen Sinne.

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