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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ein Engel in Nachkriegsdeutschland

Man darf erfreut und gespannt sein: Mit „Annas Paradies" beginnt Daniel Schreiber ein deutsches Genrekunststück. Sein Comic ist gut gezeichnet und mitreißend erzählt. Was kommt da wohl noch?

Glück muss man haben, auch im Pech. Als der Kölner Kurzfilmregisseur Daniel Schreiber ein neues Drehbuch abgeschlossen hatte, stellt er fest, dass diese Geschichte wohl eher ein Langfilm und damit zu teuer werden würde. Aber Schreiber ist auch ein versierter Illustrator und als Fantasy-Fan ein begeisterter Comicleser. Also machte er aus dem Drehbuch ein Szenario und zeichnete es dann selbst. Das Resultat heißt „Annas Paradies” und ist beim Splitter Verlag erschienen.

Das passt in mehrfacher Hinsicht. Zunächst einmal ist Splitter die beste Adresse in Deutschland, wenn es um Fantasy-Comics geht. Und dann entspricht der Verlagsname perfekt dem Geschehen in Schreibers Serie, denn sie ist angesiedelt im ersten Winter nach dem Zweiten Weltkrieg, in einer namenlosen deutschen Stadt, die in der Tat in Splittern liegt. Ein Viertel indes hat die Bombennächte überstanden – ausgerechnet das Rotlichtquartier, das man hier „Kleines Paradies” nennt. In diese Welt stürzt eines Tages eine junge Frau, vom Himmel herab. Sie heißt Anna.

Keiner weiß, wo sie herkommt, doch sie findet Unterschlupf bei dem Lebensmittelhändler Viktor, der des Nachts auch dubiosere Geschäfte tätigt. Bei einem davon ist ein Nationalsozialist, der sich mit seiner Familie aus der Stadt schleichen wollte, getötet worden. Nur seine kleine Tochter lena hat überlebt. Anna und das Mädchen freunden sich an, und alle drei – Anna, Lena, Viktor – schweigen über das Geheimnis der jungen Frau: In Momenten der Bedrohung wachsen ihr Flügel, und sie wird unfreiwillig zur todbringenden Kämpferin.

Fürwahr ein Genrestoff, wie er im Buche steht – zumindest in etlichen Fantasy-Romanen, die sich dunklen Engeln widmen. Aber die zeitliche Ansiedelung im Jahr 1946 macht die Geschichte brisant, und auch wenn Daniel Schreiber im ersten Teil seiner Serie „Annas Paradies” noch nicht allzu viel von den Hintergründen seiner Hauptfigur preisgibt, kann man schon vermuten, dass Anna als Zeitreisende aus der Zukunft kommt und mehr als nur das dunkle Geheimnis ihrer übermenschlichen Kräfte bewahrt. Für Spannung bei der Fortsetzung ist also gesorgt.

Man sieht auch, dass daraus ein guter Film hätte werden können. Aber Daniel Schreiber hat sorgsam die Falle vermieden, das als Comic zu zeichnen, was er auf die Leinwand gebracht hätte. Im Gegenteil: Er nutzt die sechzig Seiten seines Auftaktbandes für ein wahres Feuerwerk an unterschiedlichsten Gestaltungen, variiert die Panelgrößen, arrangiert mehrere Bilder zu einer einzigen Darstellung, schneidet Panels an, fächert sie auf, schachtelt sie ineinander – kurz: Er macht alles, was das Kino nicht kann oder nicht machen will. Und das Ganze ist in einem Stil gezeichnet, der realistisch gehalten ist, aber doch noch leicht karikatureske – oder sagen wir: bewusst klischeehafte – Züge aufweist. Der französische Zeichner Loisel fällt einem ein, wenn man sich diese Bilder ansieht. Und das ist für einen deutschen Debütanten eine reife Leistung.

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