Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren
 

Ein Engel in Nachkriegsdeutschland

14.05.2012, 11:54 Uhr  ·  Man darf erfreut und gespannt sein: Mit „Annas Paradies" beginnt Daniel Schreiber ein deutsches Genrekunststück. Sein Comic ist gut gezeichnet und mitreißend erzählt. Was kommt da wohl noch?

Von

Glück muss man haben, auch im Pech. Als der Kölner Kurzfilmregisseur Daniel Schreiber ein neues Drehbuch abgeschlossen hatte, stellt er fest, dass diese Geschichte wohl eher ein Langfilm und damit zu teuer werden würde. Aber Schreiber ist auch ein versierter Illustrator und als Fantasy-Fan ein begeisterter Comicleser. Also machte er aus dem Drehbuch ein Szenario und zeichnete es dann selbst. Das Resultat heißt „Annas Paradies” und ist beim Splitter Verlag erschienen.

Das passt in mehrfacher Hinsicht. Zunächst einmal ist Splitter die beste Adresse in Deutschland, wenn es um Fantasy-Comics geht. Und dann entspricht der Verlagsname perfekt dem Geschehen in Schreibers Serie, denn sie ist angesiedelt im ersten Winter nach dem Zweiten Weltkrieg, in einer namenlosen deutschen Stadt, die in der Tat in Splittern liegt. Ein Viertel indes hat die Bombennächte überstanden – ausgerechnet das Rotlichtquartier, das man hier „Kleines Paradies” nennt. In diese Welt stürzt eines Tages eine junge Frau, vom Himmel herab. Sie heißt Anna.

Keiner weiß, wo sie herkommt, doch sie findet Unterschlupf bei dem Lebensmittelhändler Viktor, der des Nachts auch dubiosere Geschäfte tätigt. Bei einem davon ist ein Nationalsozialist, der sich mit seiner Familie aus der Stadt schleichen wollte, getötet worden. Nur seine kleine Tochter lena hat überlebt. Anna und das Mädchen freunden sich an, und alle drei – Anna, Lena, Viktor – schweigen über das Geheimnis der jungen Frau: In Momenten der Bedrohung wachsen ihr Flügel, und sie wird unfreiwillig zur todbringenden Kämpferin.

Fürwahr ein Genrestoff, wie er im Buche steht – zumindest in etlichen Fantasy-Romanen, die sich dunklen Engeln widmen. Aber die zeitliche Ansiedelung im Jahr 1946 macht die Geschichte brisant, und auch wenn Daniel Schreiber im ersten Teil seiner Serie „Annas Paradies” noch nicht allzu viel von den Hintergründen seiner Hauptfigur preisgibt, kann man schon vermuten, dass Anna als Zeitreisende aus der Zukunft kommt und mehr als nur das dunkle Geheimnis ihrer übermenschlichen Kräfte bewahrt. Für Spannung bei der Fortsetzung ist also gesorgt.

Man sieht auch, dass daraus ein guter Film hätte werden können. Aber Daniel Schreiber hat sorgsam die Falle vermieden, das als Comic zu zeichnen, was er auf die Leinwand gebracht hätte. Im Gegenteil: Er nutzt die sechzig Seiten seines Auftaktbandes für ein wahres Feuerwerk an unterschiedlichsten Gestaltungen, variiert die Panelgrößen, arrangiert mehrere Bilder zu einer einzigen Darstellung, schneidet Panels an, fächert sie auf, schachtelt sie ineinander – kurz: Er macht alles, was das Kino nicht kann oder nicht machen will. Und das Ganze ist in einem Stil gezeichnet, der realistisch gehalten ist, aber doch noch leicht karikatureske – oder sagen wir: bewusst klischeehafte – Züge aufweist. Der französische Zeichner Loisel fällt einem ein, wenn man sich diese Bilder ansieht. Und das ist für einen deutschen Debütanten eine reife Leistung.

 

  Weitersagen Kommentieren Empfehlen Drucken
 

Richtlinien für Lesermeinungen

Die FAZ.NET-Redaktion bietet allen registrierten und eingeloggten Nutzern die Möglichkeit, sich mit den aktuellen Beiträgen auf FAZ.NET konstruktiv und kritisch auseinanderzusetzen und eigene Lesermeinungen zu veröffentlichen. Für jede Meinungsäußerung stehen 6000 Zeichen zur Verfügung. Voraussetzung für eine Veröffentlichung ist, dass die Verfasser und Verfasserinnen ihren wirklichen Namen nennen, d.h. in ihrer FAZ.NET-Registrierung den korrekten Vor- und Nachnamen eingetragen haben. Im Falle der Veröffentlichung der Lesermeinung weisen wir am Beitrag den Klarnamen des Lesers aus. Unter Pseudonym oder anonym verfasste Texte können nicht berücksichtigt werden.

Veröffentlicht werden nur Beiträge, die auf den jeweiligen Artikel und sein Thema seriös und sachbezogen eingehen. Links- und rechtsradikale, pornographische, rassistische, beleidigende, verleumderische sowie ruf- und geschäftsschädigende Inhalte können nicht berücksichtigt werden, ebenso wenig sachlich falsche oder in angemessener Zeit nicht nachprüfbare Behauptungen. Links sind in den Lesermeinungen von FAZ.NET nicht gestattet. Die Redaktion behält sich vor Lesermeinungen zu kürzen oder zu modifizieren. Jeder verfasste Beitrag wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, sofern er diesen Richtlinien für Lesermeinungen nicht zuwiderläuft. Nutzern, die wiederholt versuchen, den Richtlinien nicht entsprechende Beiträge zu veröffentlichen, kann die Registrierung entzogen werden.

Für veröffentlichte Meinungsbeiträge gewähren Sie uns das unentgeltliche, zeitlich und örtlich unbegrenzte und nicht ausschließliche Recht, diese Aussagen ganz oder teilweise zu nutzen, zu vervielfältigen, zu modifizieren, anzupassen, zu veröffentlichen, zu übersetzen, zu bearbeiten, zu verbreiten, aufzuführen und darzustellen, Dritten einfache Nutzungsrechte an diesen Aussagen einzuräumen sowie die Aussagen in andere Werke und/oder Medien zu übernehmen.

Weitere Artikel

Datenschutzerklärung

Allgemeine Nutzungsbedingungen von FAZ.NET und seinen Teilbereichen

Wir möchten Sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass der gesamte Auftritt von FAZ.NET von verschiedenen Suchmaschinen intensiv ausgewertet wird und die Inhalte dort auch gelistet werden. Das schließt die Lesermeinungen automatisch ein, so dass diese auch über FAZ.NET hinaus im Internet jederzeit recherchierbar sind.

Schließen

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden

Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton der F.A.Z., zuständig für „Bilder und Zeiten“.