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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Das junge Israel aus Zeichnersicht

Je mehr sich Comics als Chroniken verstehen, desto ergiebiger werden sie als Informationsquellen über die unterschiedlichsten Themen. Besonders bemerkenswert waren kürzlich die Comics, die Guy Delisle, Sarah Glidden und Joe Sacco über Israel gezeichnet haben. Sie warfen aber jeweils Blicke von Fremden auf das Land. Gabriel S. Moses erzählt in „Subz" aus dem Inneren der israelischen Jugend.

Guy Delisle wird für seinen Comic „Aufzeichnungen aus Jerusalem” gefeiert, Joe Sacco nicht minder für seinen schon vor Jahresfrist erschienenen Reportagecomic „Gaza” (erst gestern hat er dafür den Max-und-Moritz-Preis der Stadt Erlangen für das beste internationale Album gewonnen), und auch Sarah Gliddens „Israel verstehen – in sechzig Tagen oder weniger” erhielt große Aufmerksamkeit. Das ist einmal die Sicht eines in Ost-Jerusalem wohnenden Kanadiers, dann die eines im Gazastreifen recherchierenden Amerikaners und schließlich die einer weiteren Amerikanerin, die als Jüdin erstmals nach Israel reist. Die beiden Herren nehmen die Sicht der Palästinenser ein, die Dame beobachtet als Touristin. Wie aber sieht der Alltag auf jüdischer Seite in Israel aus?

Wer diese Frage auch von einem Comic beantwortet bekommen will, hat wenig Auswahl, wenn es um in Deutschland erhältliche Bände gehen soll. Das Beste zum Thema ist immer noch Rutu Modans vor einigen Jahren erschienener Buch „Blutspuren (Edition Moderne), in dem das Leben im Zeichen der Selbstmordanschläge geschildert wird. Die Zeichnerin ist Mitglied der Künstlergruppe Actus Tragicus, und viel mehr als deren Comics ist im Westen ohnehin aus israelischen Federn nicht greifbar.

Deshalb sei hier ein Hybrid empfohlen, also ein Buch, das kein reiner Comic ist, aber mittels Bildern erzählt. „Subz” heißt es, und gemeint sind mit dem Titel die Vorstädte (suburbs), in denen der Autor aufgewachsen ist. In langen Textpassagen erzählt der1982 geborene und Zeichner Gabriel S. Moses war, als junger Erwachsener in der Neubausiedlung Maccabim unweit von Tel Aviv und Jerusalem zu leben.

Gleichfalls unweit – um nicht zu sagen: gleich am Stadtrand – verläuft die Grenze zu den 1967 besetzten Gebieten. Doch von dieser Grenzlage bekommt man außer auf einer Karte, die den Band einleitet, nichts erzählt. Das ist das erste Bemerkenswerte am Buch von Moses. Araber kommen nur vor, wenn zur Verwunderung des Erzählers das typisch arabische Getränk Sah’lav am örtlichen Kaffeeautomaten angeboten wird.

Und noch einmal: bei der Erläuterung des Radiosenders Galatz, der von der israelischen Armee betrieben wird. Als Gabriel sich darüber beklagt, dass dort nur Pop und nichts Arabisches zu hören ist, schreibt er: „Genau wie es mit der Besatzung ist, muss man sich im israelischen Radio entweder mit dem Mainstream arrangieren, oder man wird in das Getto der spätabendlichen Sendeplätze verdrängt. Und ehrlich gesagt störte mich und meine Freunde das viel mehr als die Besatzung selbst, weil wir in diesem Fall diejenigen waren, die sich gefangen fühlten.” Dieser Vergleich ist schlicht und einfach frivol.

Solche Ehrlichkeit, die deutsche Leser schockieren wird, macht aber gerade den Reiz des Buchs aus, das beim Verlag des Archivs für Jugendkulturen erschienen ist. Und dort passt es blendend hin, denn tatsächlich bekommt man mehr als nur einen Einblick in das Dasein von jungen Leuten in einem Staat, der all den weltlich orientierten Freunden von Gabriel nichts zu bieten hat, weil das, was sie interessant finden – persönliche Freiheit, Punkmusik, alternatives Leben -, in der permanenten Bedrohungssituation nicht geschätzt und schon gar nicht ermutigt wird. Das Leiden an den israelischen Zuständen durchzieht die Erzählung von Gabriel. Man darf aber keine Analyse der Ursachen erwarten.

Rahmen für all die in Text und Bild erzählten Erinnerungssplitter ist das Schicksal von Gabriels Jugendfreund Irad, der 2001 zum Militär einberufen wird und schon nach wenigen Wochen wieder ausgemustert wird. Am Beginn von „Subz” steht die letzte gemeinsame Fete vor seinem Aufbruch, am Schluss ist Irad tot – nicht im Kampf getötet, sondern durch eine psychische Veränderung, die die wenigen Wochen bei der Armee in ihm ausgelöst haben. „Subz” ist ein Requiem auf die gemeinsame Zeit.

Man lernt den Freundeskreis kennen, und dabei bewähren sich die Illustrations- und Comicelemente, denn die Anschaulichkeit der Figuren wird durch die Bilder geleistet. In den Texten kann sich Gabriel S. Moses deshalb ganz auf Situationsschilderungen beschränken; es ist, als läse man ein Tagebuch. Die Grafik ist gewöhnungsbedürftig: teilweise graffitiartig, dann wieder stark schematisiert, bisweilen gar nur skizziert und auch einige Male extrem realistisch-detailreich. Der Grundzug dieser grafischen Erzählweise aber entspricht eher der Street Art als dem klassischen Comic, und auch das passt sehr gut zum Inhalt.

Erfreulich ist nicht, was man aus „Subz” über die israelische Jugend lernt. Typisch ist es wohl auch nicht – oder nur für den liberalen, stark westlich geprägten und areligiösen Teil der dortigen Bevölkerung. Gabriel S. Moses hat sein Buch in Berlin geschrieben und gezeichnet. Er brachte wohl den Abstand zu seiner Heimat, um sie ganz kühl betrachten zu können. In den Porträts seiner Freunde aber spürt man die Hitze der Leidenschaft, die nach zehn Jahren und trotz der Ferne immer noch nicht erkaltet ist.

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