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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Den Fängen der Chinesen entkommen

Bernard Cosey ist ein Altmeister des poetischen Abenteuercomics, der weiß, was Leser wünschen. Aber der Kollege Jean-Claude Fournier weiß das auch. Von beiden gibt es jeweils eine mehrteilige Geschichte aus Tibet. Die von Cosey ist gerade ins Deutsche übersetzt worden, die von Fournier wartet selbst in Frankreich noch auf ihren Abschluss.

Nicht nur der neue Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, Liao Yiwu, ist mit Müh und Not aus seiner Heimat geflohen – die Geschichte Chinas seit der kommunistischen Machtübernahme 1949 ist eine fortgesetzte Geschichte der Emigration. Der Berühmteste aller Flüchtlinge aus China ist zweifellos der Dalai Lama, der 1959 im Alter von 23 Jahren Tibet verließ, um sich seine Freiheit zu erhalten.

Tibet ist aber auch, seit Hergé vor mehr als einem halben Jahrhundert seinen unermüdlichen Reporter tim in einem der berühmtesten Comics überhaupt dorthin reisen ließ („Tim in Tibet”, für die, die es nicht wissen), ein zentraler Ort französischen Comicinteresses. Damals war die Besetzung durch die Chinesen noch kein Thema, obwohl die Flucht des Dalai Lamas kurz vor der Publikation des Albums erfolgt war. Hergé setzte aber lieber auf die Anziehungskraft des geheimnisvollen Schneemenschen, denn in Europa war Tibet seinerzeit ein mythischer Ort.

Heute ist das Land beides: Mythos und politisches Exempel. Und beides spielt deshalb in zwei beeindruckende Comicvorhaben hinein, die in knappem Abstand – 2005 und 2008 – begonnen wurden: Bernard Coseys bereits abgeschlossenem zweibändigen „Le Bouddha d’azur” und der Christian Lacroix alias Lax geschriebene und von Jean-Claude Fournier gezeichnete Zyklus „Les chevaux du vent”, von dem drei Jahre lang nur der erste Teil vorlag, bis jetzt endlich in Frankreich der Abschlussband erschienen ist. Warum das für deutsche Leser interessant ist? Weil Coseys hundertvierzigseitiger Comic nun in deutscher Übersetzung bei Salleck Publications erschienen ist.

Damit liegt das etwas schematischer Erzählte der beiden Tibet-Abenteuer vor, aber was soll man machen, wenn Fournier und Lax sich so viel Zeit ließen? Im Falle von „Der Buddha des Himmels”, wie Coseys Geschichte auf Deutsch betitelt ist, wartete man hierzulande, bis in Frankreich ein Band erschien, der beide Folgen zusammenfasste. Von hiesigen Verlagen ist zu hören, dass es mehrteilige Comics auf dem deutschen Markt schwer haben. Also dürfen wir auf „Les chevaux du vent” wohl erst hoffen, wenn es auch da einen Sammelband geben wird.

Das ist schade, weil der frühere „Spirou”-Zeichner Fournier hier seiner Liebe zu großen Leidenschaften und Landschaften freie Bahn lassen darf. Natürlich – so muss man wohl sagen – geht es um das Europäer ewig faszinierende Phänomen der Auserwähltheit, die den tibetischen Buddhismus prägt. Originellerweise verlagert Lax das Geschehen aber ins neunzehnte Jahrhundert und lässt statt der chinesischen Unterdrücker die Briten als Bedrohung auftreten, deren Weltmachtambitionen von Indien aus gen Tibet reichen. Gleich zu Beginn der Handlung wird ein kleiner stummer Junge, dem von den anderen Kindern und seinen Geschwistern übel mitgespielt wurde, von seinen Eltern in die Obhut eines Onkels gegeben und damit aus seinem abgelegenen Bergdorf weggeführt. Dann springen wir fünfzehn Jahre weiter, und der Vater, der sich die Preisgabe seines Sohns nie verziehen hat, wird von britischen Behörden für eine als Landvermessung getarnte Spionageexpedition ins abgeschottete Tibet angeheuert. Der erste Band endete mit der Enttarnung dieser Mission, der zweite erzählt, wie der Vater da wieder herauskommt – natürlich mit seinem Sohn.

Wie es genau weitergeht, hätte man sich denken können: Vater und Sohn sehen sich wieder, Ersterer wird von Letzterem vor der Hinrichtung bewahrt, das tibetische Volk verteidigt seine Unabhängigkeit. Aber die Absehbarkeit tibetischer Abenteuer ist egal, so lange sie so schön gezeichnet sind wie von Fournier. Seine Faszination für die Szenerie im Himalaya ist spürbar, und er wählt dieselben kalten Farben, die auch Hergé für „Tim in Tibet” benutzt hat, behandelt sie aber malerisch, und so entsteht ein spätes Altersmeisterwerk des 1943 geborenen Franzosen.

Sein auch nur sieben Jahre jüngerer Schweizer Kollege Cosey hat keine Überraschungen zu bieten: Sein Stil ist der gleiche, den er auch bei seiner berühmtesten Serie, „Jonathan”, oder bei dem erfolgreichen Zyklus „Auf der Suche nach Peter Pan” benutzt, und die Liebhaber dieser an Hugo Pratt geschulten Ästhetik werden darum auch den „Buddha des Himmels” lieben. Hier geht es um einen jungen Briten, der sich 1963 nach Tibet einschleicht, diesmal also zu chinesischer Besatzungszeit, so dass diesmal England auf der guten, der tibetischen Seite steht. Dort beobachtet der junge Mann ein Komplott der Chinesen bei der Inthronisation eines Lamas, und es gelingt ihm mit seinen tibetschen Freunden, die bösen Absichten zu durchkreuzen.

Lohnend ist die Lektüre von Coseys Comic allemal, weil er zu erzählen weiß und wie auch Fournier ein Fest der Formen und Farben inszeniert. Allerdings verläuft das Geschehen sprunghafter und plakativer, und zur Begeisterung von Europäern für den tibetischen Buddhismus kann man ja sagen, was man will, aber so grundgütig wie hier wieder mal ist die Sache dann doch nicht. Da sind Lax und Fournier mit ihrer ambivalenten Geschichte näher am Authentischen, aber sie streben ja auch nicht vorrangig eine solche poetische Stimmung an, wie sie Coseys Stärke ist. Aber doch gut, dass wenigstens einer von beiden Comics den Weg über die Sprachgrenze gefunden hat.

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