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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Der schnellste Comic der Welt

Mathieu Sapin begleitete als Comicreporter den Wahlkampf von Francoise Hollande und bringt kurz nach dem Sieg des sozialistischen Kandidaten schon sein Album dazu heraus. Aber was wirklich zählt: Der Comic „Campagne présidentielle" erzählt von Dingen, die man schon immer gern gewusst hätte (weil man sie befürchtet hat).

„Zweihundert Tage auf den Spuren des Kandidaten Francois Hollande” – so lautet (natürlich eigentlich auf Französisch) der Untertitel des nun in Frankreich erschienenen Albums „Campagne pésidentielle” von Mathieu Sapin. Zweihundert Tage lang, vom 22. Oktober 2011 bis zum 6. Mai 2012 (o.k., das waren eigentlich nur 198 Tage), dem Datum des zweiten Durchgangs der Präsidentschaftswahlen in unserem Nachbarland, hat Sapin als „embedded jounalist” die Wahlkampftruppe von Hollande begleitet, beobachtet und gezeichnet. Am Ende hat er siebzig Comicseiten abgeliefert, und nicht einmal einen Monat nach dem entscheidenden Tag hat der Dargaud Verlag das Resultat in den Handel gebracht. So etwas möchte man auch einmal in Deutschland erleben: Comics als fast schon tagesaktuelles Medium.

Aber lohnt sich die Lektüre überhaupt (eine Leseprobe gibt es unter http://www.dargaud.com/campagne-presidentielle)? Nun, bei einem Zeichner wie Sapin, der schon zwei fulminante Comicreportagebände über die Produktion des Spielfilms „Gainsbourg” seines Atelierkollegen Joann Sfar abgeliefert hat und im vergangenen Jahr als Gast ein paar Monate in der Tageszeitungsredaktion von „Libération” weilte, woraus auch ein hochinteressanter gezeichneter Reportageband geworden ist, durfte man das erwarten. Spannend war eigentlich nur die Frage, ob die Eile dem Projekt geschadet hat. Und ob der Comic etwas bietet, was die gleichfalls sehr schnell geschriebenen und veröffentlichten Sachbücher über Hollandes Erfolg nicht längst enthalten.

Die Antwort ist einmal nein und einmal ja. Die Eile hat nicht geschadet, weil Sapin schon während des Wahlkampfs fleißig gezeichnet hat, so dass am Ende nur noch der finale Triumph abzubilden war (und Sapin ist, das spürt man, ein Sympathisant Hollandes, also fällt das Finale auch angemessen pathetisch aus). Und tatsächlich erzählt „Campagne présidentielle” einiges, was man ahnte, vielleicht auch fürchtete, aber doch nie konkret gewusst hat.

Sapin hatte nach Anfangsschwierigkeiten tatsächlich Zugang zu einem sehr intimen Zirkel um Hollande, und er war nicht selten unmittelbar in entscheidenden Momenten bei Hollande selbst, zum Beispiel an beiden Wahlabenden. Berührend, aber auch entlarvend, wie er den Kandidaten als willenloses Opfer seines iPhones zeigt, das die neuesten Trends und Zahlen vermeldet – für Menschen, die doch das Leitthema seines Wahlkampfs waren, hat Hollande in diesen Momenten wenig übrig. Wunderbar auch, wie Sapin die Eitekeiten und Profilneurosen der sozialistischen Parteigranden dokumentiert. Einen so buchstäblich anschaulichen Einblick bieten die geschriebenen Bücher nicht, und ob Laurent Binet, der Verfasser des Erfolgsromans „HHH”, der gleichfalls Hollandes Kampagne begleitet hat, noch ein besseres Buch liefern wird, mag man füglich bezweifeln – Sapin hat die Latte sehr hoch gelegt.

Er erzählt in kurzen Episoden, teilweise gar nur in Comicstrips von drei, vier Bildern, aber alles ist geschickt rhythmisiert, und wo eine Beobachtung Details braucht, nimmt sich Sapin den nötigen Raum. Burleske wie groteske Elemente sind zahlreich vertreten, doch es besteht keine Gefahr von Satire, denn die Ernsthaftigkeit des dokumentarischen Comics ist überall sichtbar.

Ein Jammer, dass diese Meisterleistung gezeichneten Journalismus wohl deutschen Verlagen als zu speziell französisch erscheinen wird. Wobei im Oktober ja auch Christophe Blains atemraubend komischer Insidercomic „Quay d’Orsay” in deutscher Übersetzung erscheint (auf den in „Campagne présidentielle” zweimal sehr witzig verwiesen wird). Damit war ja auch nicht zu rechnen. Aber den Reiz nicht nur des unmittelbaren Einblicks, sondern auch der unmittelbaren Folge der Ereignisse durch die Publikation – dieses Schmankerl, das alle Klischees von der behäbigen Erzählform Comic Lügen straft, lassen sich die Deutschen notwenig entgehen. Wer Französisch zu lesen versteht, der lese möglichst schnell los!

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