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Ägyptens Misere aus der Comicsicht

10.07.2012, 12:10 Uhr  ·  Kairo und mit ihm die gesamte ägyptische Gesellschaft erweist sich in Magdy El-Shafees 2008 erschienenem und seitdem in Ägypten verbotenem Comic „Metro" als Abgrund der Niedertracht. Teil von ihr, aber auch im Widerstand dagegen ist der junge Geschäftsmann Schihab. Und so wird aus dem politischen Porträt eines Landes ein Krimi - und umgekehrt. Jetzt ist der Band auch auf Deutsch erhältlich.

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Bislang musste man sich immer aufs Hörensagen verlassen, wenn man an die Wirkungsmacht von Comics und Karikaturen im arabischen Frühling glauben wollte. Dann zeigte der Comicsalon in Erlangen Anfang Juni eine große Ausstellung mit den Werken arabischer Zeichner, und dort – vor allem durch die bisweilen beigegebenen Übersetzungen – konnte man sehen, dass dort tatsächlich einiges passiert. Und nun veröffentlicht in diesem Kontext die Zürcher Edition Moderne ein Hauptwerk des arabischen Comics: „Metro” von Magdy El-Shafee.

Eines vorweg: Graphisch steckt das Buch noch in den Kinderschuhen. Unaufgeräumt sind die schwarzweißen Seiten, und die ungewohnte arabische Leserichtung (wie im Manga von rechts nach links zu blättern wie zu lesen; eine Leseprobe gibt es hier: http://www.editionmoderne.ch/angebot.php?vl=0&vi=246&vs=246&va=0&vsa=0&vlp=246&vflip=0) trägt noch zu diesem Gefühl von Überladung bei: Es ist eben immer schwer, seine Gewohnheiten als Leser aufzugeben, zumal wenn es noch anderweitig (hier stilistisch) erschwert wird. Man muss schon sehr aufmerksam lesen, um dem Geschehen zu folgen. Immerhin wurde als Schrift ein Font des französischen Zeichners Baru verwendet, der mit seinen sozialpolitischen Stoffen tatsächlich eine El-Shafee verwandte Seele ist.

Gedankt allerdings wird im Buch einem anderen französischen Zeichner: Golo, von dem gerade seinerseits ein ägyptisches Album erschienen ist (aber dazu mehr in der kommenden Woche an dieser Stelle). Golo lebte mehrere Jahre lang in der Nähe des Tals der Könige und wurde in Ägypten zu einer Gründerfigur der dortigen Comicszene. El-Shafee, 1961 geboren, studierter Pharmazeut und seit 2001 Comiczeichner, hat eng mit dem Franzosen zusammengearbeitet, und solche Kooperationen waren auch nötig in einem Land, das zwar ein Karikaturen-, aber nur wenig Comic-Kultur besitzt. Das hat nichts mit dem islamischen Bilderverbot zu tun (wie diverse Gegenbeispiele von Indonesien über Indien bis in die Türkei belegen), aber alles mit der Zensur.

Sie traf auch „Metro”, als der Band 2008 erschien. Natürlich freute sich niemand, der in Ägypten etwas zu verlieren hatte, darüber, dass El-Shafee die Geschichte eines jungen Mannes erzählte, der durch großes technisches Geschick zwar alle Voraussetzungen für beruflichen Aufstieg besitzt, aber einerseits durch die allgegenwärtige Korruption und Ausbeutung keine Fuß auf den Boden bekommt, andererseits auch das schnelle Geld durch Kriminalität nicht scheut. Ein Anti-Held eben, und so etwas wird in totalitären Staaten nie geschätzt.

Kaum erschienen, war der Comic deshalb in Ägypten auch schon beschlagnahmt und verboten. Wenn er nun vier Jahre danach auf Deutsch herauskommt, ist das die Chance, mehr über die sozialen Interna eines Landes zu erfahren, das gerade wieder – trotz als demokratisch ausgewiesenen Parlaments- und Präsidentenwahl – tief im Schlamassel hängt, weil die alten Eliten mit Zähnen und Klauen an der Macht hängen. Das kann man auch schon in der noch zu Mubaraks Zeiten spielenden Handlung von „Metro” beobachten. Das Verbot war dementsprechend nur konsequent.

Man merkt im Laufe der Episodenhandlung, die sich in Kapitel gliedert, die jeweils nach Stationen der Kairoer U-Bahn betitelt sind, wie sich der junge Unternehmer Schihab immer mehr auf die schiefe Bahn begibt. Und wie sein Zeichner Magdy El-Shafee immer freier in seinem Ausdrucksvermögen wird. Da kommt plötzlich eine Szene, die ein Puppenspiel in Kairos Straßen beschreibt, im kindlich-naiven Kritzelstil daher, dann wieder integriert El-Shafee Manga-Elemente in seine Seitenarchitektur, und fast am Schluss wird einfach eine Seite mit Skizzen von U-Bahn-Passagieren eingespiegelt, um die Unruhe des städtischen Lebens abzubilden – und als Gegensatz zur plötzlichen Ruhe, die Schihab und seine Geliebte Dina im Finale finden. Beide werden das Land verändern oder es verlassen.

„Metro” ist wie ein Schlüssel ins ägyptische Innenleben. Man meine nur nicht, dass man da so leicht wieder rauskäme. Denn die Türen fallen auch wieder ins Schloss, und große Hoffnung auf Öffnung macht der Comic nicht. Umso faszinierender ist seine desillusionierende Lektüre.

 

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton der F.A.Z., zuständig für „Bilder und Zeiten“.