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Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Eine Jugendzeit, in der alles Eis und einfach war

Ulf K. ist der Poet unter den deutschen Comiczeichnern. In seinem Band „Dolomiti Jahre" versammelt er nun Geschichten aus fast zwanzig Jahren, die sich alle mit sehr viel weniger Jahren beschäftigen: der eigenen Kindheit von Ulf K.

Dies vorweg: Ich bewundere Ulf Keyenburg, den Düsseldorfer Comiczeichner, der sich Ulf K. nennt. Ich bewundere ihn, seit meine Frau in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre auf seine ersten hektographierten Heftchen stieß, die er in Eigenregie herausgebracht und dem Winzverlag, mit dem er das tat, den pompösen Namen „Ubu Imperator” gegeben hatte. Da wurde eine Liebe zur Literatur, zum Grotesken und zu Frankreich angedeutet, die sich dann in den Kurzgeschichten auch zeigte: Äußerst kultivierte Menschen traten da auf, die aber dem Tod und allerlei surrealem Geschehen begegneten, und nicht nur, dass der Schauplatz oft Paris war (wo Ulf K. seinerzeit ein Studiensemester verbracht hatte) – auch der Zeichenstil verriet Begeisterung für Yves Chaland, einen meiner alten Götter, und für Dupuy & Berberian, die gerade zu neuen Göttern aufgestiegen waren.

Natürlich bewundert man eine solch verwandte Seele, vor allem, wenn man sie dann persönlich kennenlernt, fürs eigene Blatt einen Comic („Der Exlibris”, der erste Comic, der im Feuilleton der F.A.Z. erschienen ist) von ihr zeichnen lässt und dabei einen höchst skrupulösen Künstler kennenlernt. Die Skrupel des Ulf K. haben später auch mal ein gemeinsames Projekt verhindert, und sie sorgen dafür, dass es nur sehr wenige Comics von ihm gibt (besser gesagt: durchaus zahlreiche Geschichten, aber fast alle kurz), weil er in seiner bevorzugten Erzählform den eigenen Ansprüchen vollauf gerecht werden will, du das fällt schwer. Deshalb ist er heute mehr als Bilderbuchillustrator oder Werbezeichner zugange.  Aber jede Neupublikation eines Comics von Ulf K. ist ein Fest.

Und auch jede Wiederauflage alter, meist längst vergriffener Geschichten. Ulf K. hat eine eigene Kunst daraus entwickelt, seine Comics in neue Kontexte zu stellen, sie anders auszustatten, ihnen schöne Verpackungen zu schenken, und er hat mit der in Wuppertal ansässigen Edition 52 den richtigen, weil geduldigen und qualitätsbewussten Verlag dafür gefunden. Das jüngste gemeinsame Werk heißt „Dolomiti Jahre” und versammelt die meisten autobiographischen Geschichten über Ulf K.s Kindheit (Leseprobe unter http://www.edition52.de/files/LeseprobeDolomitiJahre.pdf).

Dolomiti, das war eine Eissorte von Langnese, sehr beliebt bei Kindern der siebziger Jahre. Das Eis selbst kommt im Buch mit Ausnahme einer Illustration auf der Umschlagrückseite gar nicht vor, aber der Name setzt sofort eine Stimmung – Jugend, Sommer, Freizeit, Belohnung, Freundschaft. Und all diese Themen sind auch Gegenstand in den sieben Geschichten, die von 1994 bis 2012 entstanden sind und sich auf 48 Seiten addieren. Nicht viel für achtzehn Jahre, und doch steckt ein ganzes Kinderleben in ihnen.

Zum Auftakt kehrt der Erwachsene in seine alte Wohnstraße zurück, wo er alles verändert und vor allem verlassen vorfindet. Zwei Seiten nur, aber sie stimmen den nostalgischen Ton an, der auch die anderen Geschichten prägt, wobei sich der Humor immer stärker bemerkbar macht. Ulf K. beschönigt keine kindlichen Peinlichkeiten, macht sich selbst nicht zum Helden, obwohl es einmal, in der längsten Geschichte „Das Jahr, in dem wir Weltmeister wurden” (also 1974), doch so aussieht, aber nirgendwo sind Heldenkarrieren so kurzlebig wie auf dem Bolzplatz. Dass diese ursprünglich separat als schwarzweißes Heft erschienene Geschichte nun in schönen abgedämpften Farben wie man sie bei wohligen Erinnerungen erwarten darf, zu lesen ist, macht „Dolomiti Jahre” schon zum Muss.

Mehr aber noch verlocken die unterschiedlichen Stile einer mittlerweile zwei Jahrzehnte umfassenden Zeichnerkarriere, die hier umso schöner zueinander finden, weil alles im Zeichen des Leitthemas Kindheit steht. Und die tiefe Faszination und Zuneigung, die aus den Erzählungen eines alles andere als egozentrischen Autors sprechen, der mittlerweile zweifacher Vater ist. Es passiert nichts Spektakuläres in „Dolomiti Jahre”, zumindest nicht aus erwachsener Sicht. Aber für den Jungen Ulf K. und für den Zeichner Ulf K. geht es in jeder dieser Episoden um nicht weniger als die ganze Welt. Die tiefe Ernsthaftigkeit des Kindseins gegenüber dem Zauber des Lebens setzt niemand so emotional in Bilder wie der gar nicht genug zu bewundernde Ulf K.

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