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Gezeichnete Asylbewerber

29.07.2012, 15:23 Uhr  ·  Paula Bullings Debütcomic nimmt sch einem denkbar heißen, aber weithin unbeachteten Thema an: der Lage von Asylbewerbern in Deutschland. Die ist im Osten, konkret hier in Sachsen-Anhalt, noch einmal prekärer als im Westen, wo man sich länger an die Anwesenheit fremder Kulturen gewöhnen konnte und nicht, wie in der DDR, ideologisch zur internationalen Toleranz gezwungen war.

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Der Einzige, der in Paula Bullings Comic „Im Land der Frühaufsteher” unter seinem richtigen Namen auftritt, ist tot. Azad Hadji starb 2009 an schweren Brandverletzungen ungeklärter Ursache, aber vor seinem Tod soll er noch erzählt haben, dass er von Nazis fertiggemacht worden sei. Vielleicht starb er durch den Brandanschlag auf eine Dönerbude in Rosslau, in der er illegal gearbeitet haben könnte. Es wird auch erzählt, dass er bei einem Spaziergang um das Asylbewerberheim in Möhlau überfallen worden sei. Jedenfalls wurde er lebensgefährlich verletzt vor einem Krankenhaus abgelegt, in dem er später starb, weil die ärztliche Hilfe zu spät kam. Womöglich haben ihn die Brandstifter dorthin abgebracht, sich aber nicht getraut, rechtzeitig jemanden zu informieren. Wenn die Überfall-Version stimmen sollte, würde alles nur noch rätselhafter.

Paula Bulling hatte Azad Hadji einige Zeit zuvor in der Zentralen Aufnahmestelle, wie der Euphemismus für Asylbewerberheime lautet, von Möhlau, Sachsen-Anhalt, kennengelernt. Dort war der Iraker mit Frau und zwei Töchtern untergebracht und wartete darauf, ob man seinen Asylantrag genehmigen würde. Paula Bulling wiederum zog als Zeichnerin durch mehrere Zentralen Aufnahmestellen in Sachsen-Anhalt, weil sie sich für einen humanen Umgang mit Asylbewerbern einsetzte und für ein Comicprojekt über deren Lage recherchierte. Nun ist es fertig, die Zeichnerin tritt selbst als Figur darin auf (übrigens auch als Paula, also gibt es doch eine zweite Figur, die mit Klarnamen agiert), aber der Lauf der Ereignisse hat aus der wohl früher geplanten reinen Dokumentation eine Anklage gemacht, die nicht laut vorgetragen wird, sondern durch die Intensität der Darstellung bewegt. Die Leseprobe beweist es: http://www.avant-verlag.de/comic/im_land_der_fruehaufsteher

Gespräche werden in großer Ausführlichkeit wiedergegeben, in weiten Teilen auf Französisch (mit deutscher Übersetzung am Seitenende), und einmal gibt es auch einen langen Textabschnitt auf Mòoré, einer Sprache, die vor allem in Burkina Faso gesprochen wird. Gemeinsam mit den rauen Bildern, die bewusst eher Spontaneität als Komposition oder Klarheit in den Mittelpunkt stellen (wobei Ausnahmen die Regel bestätigen, denn es gibt auch sehr kluge ganzseitige Bild-Arrangements in diesem 125 Seiten langen Comic), inszeniert Bulling eine Sperrigkeit, die dem Thema durchaus angemessen ist, den Zugang aber nicht erleichtert. Ihr Comic entstammt einer spezifisch politisch geprägten Ästhetik des Engagements, die sich in Ungebärdigkeit äußert, was ihn persönlich und auch sympathisch macht, aber eben unzugänglich. Dazu trägt die graue Aquarellierung ebenso bei wie die krude Typographie.

Aber was Paula Bulling beobachtet hat, das ist allemal lesens- und sehenswert – gerade weil man so oft die Augen vor der tristen Situation von Menschen verschließt, die am Rand der Wohngebiete zusammengepfercht werden, nicht arbeiten dürfen, mit Gutscheinen einkaufen müssen und vor allem darauf warten, wie über ihr Schicksal entschieden wird, oft jahrelang. Dass es Missbrauch bei Asylanträgen gibt, ist keine Frage, dass es aber auch so etwas wie Missbrauch von Menschen gibt, die bei uns ihr Glück suchen, macht „Im Land der Frühaufsteher” deutlich.

Im Zuge der Ausweitung nicht nur der Comicästhetik, sondern vor allem seiner Thematiken, stellt Bullings Buch einen wichtigen Schritt dar. Denn mehrheitsfähig ist daran gar nichts, und mit dem Begriff „Graphic Novel” wird auch gar nicht erst zu punkten versucht, weil hier von Tatsachen, nicht von Fiktionen die Rede ist – auch wenn alle Namen bis auf den des Toten und der Zeichnerin verändert wurden. Schon, dass die Autorin diese Maßnahme für notwendig hält, ist beunruhigend, und die kleinen Szenen, wenn die Deutschen in Sachen-Anhalt auf die Fremden, die sich dort als Asylbewerber aufhalten, treffen, sind gleichfalls desillusionierend genug. Kein Wunder, dass es die Isolierten wegtreibt, wenigstens in die größeren Städte von Sachsen-Anhalt, mal ins Kino, in einen Club, in eine Kneipe. Und ein Asylbewerberheim im Westen wäre für die meisten sogar ein Traum, vielleicht der einzige, der sich erfüllen lässt. Für jemanden wie mich, der die ostdeutschen Bundesländer liebt, ist die Lektüre schmerzhaft und erhellend zugleich. Mir sieht man ja den Fremden nicht an.

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
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0 KoenigKenny7 29.07.2012, 22:02 Uhr

Sehr interessant, wie ich...

Sehr interessant, wie ich finde. Es geht hier um ein Thema, vor welchem die meisten Menschen lieber die Augen verschließen. Wie mit Menschen, die in Deutschland Hilfe suchen oder einfach auch nur die Chance auf ein besseres Leben, teilweise umgegangen wird, ist skandalös.
Der unter dem Link zu lesende Satz aus der bayerischen Asyldurch-führungsverordnung, ist auch einfach nur traurig.

Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton der F.A.Z., zuständig für „Bilder und Zeiten“.