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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Nein, sagen Sie jetzt nichts, Herr Loriot!

Ein Jahr ist Loriot nun tot. Um ihn zu ehren, haben die wichtigsten deutschen humoristischen Zeichner jeweils ein Blatt gestaltet. Alle diese Arbeiten finden sich im Buch „Cartoons für Loriot", dessen Einnahmen wohltätigen Zwecken zufließen. Aber Nachsicht gegenüber einigen missglückten Sachen lasen wir uns damit nicht abhandeln.

Loriot, gestorben am 22. August 2011, war ein großer Förderer des humoristischen Nachwuchses, und er mochte alles, was nicht aussah wie das, was er selbst machte. Das lag einerseits in der Lust am Neuen, Unvertrauten (variatio delectat) und andererseits am gesunden Selbstbewusstsein des 1923 geborenen Zeichners, Regisseurs, Schauspielers, Autors: In seinem Fach, dem Hochhumoristischen, konnte und sollte es einfach niemand mit ihm aufnehmen (competitio non delectat).

Wenn jetzt zum ersten Todestag im zweischlägig bekannten Lappan Verlag (einmal für humoristische Bücher, das andere Mal dafür, dass Loriot dort nie publiziert hat) der Band „Cartoons für Loriot” herauskommt, ist das „für” also das wichtigste der drei Worte des Titels. Von Loriot ist allein die Titelillustration – glaubt man. Aber dann erweist sich, dass Claus Ast, der von sich selbst behauptet, täglich in seinem Skizzenblog zu scheitern, nur eines der berühmten Knollennasenmännchen im Frack kopiert und mit Flügeln ausgestatte hat, so dass wir eine Cartoon-Himmelfahrt erleben, die mit dem Kopf durch die Wand geht (in diesem Fall ist es die Bildumrahmung, http://www.lappan.de/index.php/news/items/Loriot_1._Todestag.html).

Das Abarbeiten an einem Genie hat immer etwas Frustrierendes. Wie segensreich, wenn es dann einen Cartoon von Beck gibt, der in allerschönster Weise mit Loriot-Zitaten arbeitet, diese in ihrer Allgegenwärtigkeit denunziert und dann als Schlussgag ein weiteres Zitat verwendet. Dreimal gebrochen ist besser als nachgesprochen.

Leider beachten das zu wenige der  insgesamt siebzig beteiligten Cartoonisten, unter denen sich wieder einmal kaum Frauen befinden (acht); die Männerbastion im komischen Zeichnen bleibt irgendwie länger ungeschleift als alle andere in der Gesellschaft. Die meisten Teilnehmer sind mit mehr als einer Seite vertreten, aber lohnend ist das nur bei wenigen. Etwa bei Tetsche, dessen zwei Blätter beide gut sind – eine geistreich („Ein Leben ohne Loriot ist möglich, aber sinnlos”, sagen sich zwei Möpse), eine schön albern (ein Rebus, bei dem es einen zentralen Begriff der Loriotschen Haute Cuisine zu raten gibt). Der Unterschied etwa zu Thomas Kriebaum, der auch einen Mops zeichnet, der Loriots Mops-Lob auf den Künstler selbst bezieht, wird daran deutlich, dass Kriebaum der simplen, aber effektiven Umkehrung nicht traut und deshalb das Zitat noch weiter variiert: „Ein Leben ohne Herrchen ist möglich, aber langweilig.” Das ist auch sein Cartoon, vor allem, weil der Mops zu sich selbst spricht, während Tetsche eben wirklich die Möpse an die Stelle des Menschen treten lässt. Oder auch im Vergleich zu Mock, der Möpse an die Stelle der Möpse setzt (aber die Auflösung gehört nicht hier her, schauen Sie selbst im Buch nach).

Dann schon lieber konsequentes Weiterdenken des Loriotschen Duktus, wie Polo es betreibt: Unter das Bild eines Sofas, das geraden den auf ihm sitzenden Herrn mit einer Sprungfeder so  himmelwärts katapultiert hat, dass man nichts mehr von ihm sieht, schreibt er: Die jüngsten Ereignisse lassen eine Risikoneubewertung von Polstermöbeln sinnvoll erscheinen.” Polo diskreditiert sich dann aber mit seinem zweiten Beitrag, der dasselbe Prinzip benutz, aber von himmelschreiender Brachialkomik ist. Dann lieber Joscha Sauer, der den Enten-Gag aus der Wannenszene in sein vertrautes Dekor aus „Nicht lustig” übersetzt. Zumindest seine Fans werden’s lustig finden

Ob wie bei Denis Metz schon die Nennung des Begriffs „Atomkraftwerk” als Hommage an Loriot zu begreifen ist, wenn der Gag selbst von absoluter Beliebigkeit ist? Oder wenn Rattelschneck sich in ein hübsches visualisiertes Wortspiel als Pointe rettet, das aber auch zu jeder anderen Humorkritik gepasst hätte? Dann doch lieber FW Bernstein mit seinem poetischen Blatt, das auf jede textliche Anspielung verzichtet und einfach nur ein letzter Liebesgruß ist. Oder Karsten Weyershausen, der eine biografische Vermutung anstellt, die nebenbei auch noch hinreißend gezeichnet ist.

Katharina Greve macht zwei bitterböse Klerikalgags, von denen aber nur einer die Kenntnis Loriots voraussetzt. Malacha zeigt den Trophäenraum der Försterin, Petra Kaster das politisch destruktive Wirken der Steinlaus, beides ist witzig. Und Tom, der Comiczeichner der „taz”, hätte, wenn ihn die Herausgeber Steffen Gumpert und Denis Metz auf die letzte statt der vorletzten Seite gelassen hätten, den passenden Schlussgag gesetzt: eine seiner wunderbaren Höllenszenen, in denen der Zeichner Tom selbst als Verdammter die ganze Zeit das Buch „Cartoons für Loriot” verspeisen muss. Ganz so schlimm verhält es sich nicht, aber viel besser ist es auch nicht.

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