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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Stevensons Pirat vor der „Schatzinsel"

Robert Louis Stevenson war ein rastloser Erzähler. Und 1882 schrieb er für seinen Stiefsohn eine gereimte Erzählung namens „Robin and Ben or the Pirate and the Apothecary". Das war der erste Piratenstoff des Mannes, der kurz darauf, 1883, mit „Die Schatzinsel" die berühmteste aller Piratengeschichten veröffentlichen sollte. Henning Wagenbreth ist ein rastloser Zeichner. Und jetzt hat er Stevensons kleines Versepos als „Der Pirat und der Apotheker" ins Deutsche übersetzt. Und natürlich gleich illustriert. Überreich. Ein veritabler Piratenschatz.

Die Geschichte hinter dieser Geschichte macht schon ihren halben Reiz aus. Als beim dreißigjährigen Robert Louis Stevenson 1880 Tuberkulose diagnostiziert wird, fährt der schottische Schriftsteller kurzentschlossen mit seiner frisch angetrauten Frau Fanny van de Grift, geschiedene Osbourne, und deren zwei Kindern aus erster Ehe in die Schweiz nach Davos – an den Ort, der weltweit als bester Kuraufenthalt bei Tuberkulose gerühmt wird. Er bleibt dort nicht so lang wie Hans Castorp im „Zauberberg”, aber es werden doch fast zwei Jahre. Und da Stevenson noch erfolglos ist, hat er Geldsorgen.

Sein Stiefsohn Lloyd, zwölf Jahre alt, kommt deshalb auf die Idee, mit der eigenen Kinderdruckerpresse Druckaufträge für die Hoteliers der Gegend auszuführen. Das lohnt sich, und bald stellt er auch kleine Hefte mit Gedichten von Stevenson her. Und der wiederum feindet Spaß daran und beginnt, eigene Holzschnitte zu den Gedichten anzufertigen. Eine ganze Serie von Broschüren namens „Moral Emblems” entsteht, und das letzte Poem dafür ist „Robin and Ben or the Pirate and the Apothecary”. Das Piratenthema ist kein Zufall, schließlich schreibt Stevenson in Davos „Die Schatzinsel” fertig. Als sie 1883 erscheint, braucht er die finanzielle Unterstützung des Stiefsohns nicht mehr.

130 Jahre nach ihrer Entstehung hat Hennig Wagenbreth die Geschichte als „Der Pirat und der Apotheker” ins Deutsche übersetzt und neu illustriert. Neu – das heißt bei dem an den Berliner Universität der Künste lehrenden Zeichner ganz anders und grafisch überbordend. Eben im typischen Wagenbreth-Stil, den man sofort erkennt. Die Qualität des akademischen Lehrers Wagenbreth erkennt man übrigen auch sofort: daran, dass seine Schüler gerade nicht diesen Stil nachahmen, sondern zur Eigenständigkeit ermutigt werden, wie zum Beispiel Teresa Besser, deren Examensarbeit „Mordweiber” letzte Woche an dieser Stelle präsentiert wurde.

Wagenbreths Ästhetik war immer schon am Vorbild des Holzschnitts orientiert, allerdings nicht am klassischen, sondern am expressionistischen. Er hat sich der Perspektivenverzerrung verschrieben, doch zugleich sind seine Figuren wie Kinderzeichnungen gehalten: statisch in den Posen, aber höchst dynamisch im Handeln. Man denkt sofort an mühsam arrangierte Spielzeugszenerien, die dann in einer Explosion von Gewalt aufgesprengt werden. Die kräftigen Farben tun das Ihre dazu, diesen Eindruck zu bekräftigen (http://www.book2look.com/book/vwg6cGWw1s).

In „Der Pirat und der Apotheker”, deren Handlung man nicht nacherzählen kann, ohne die zweite Hälfte des Reizes der Lektüre entscheidend zu mindern, weil die wilden Wendungen kein Ende nehmen, hat sich Wagenbreth erkennbar verliebt. Seine Übersetzung der bewusst schlichten, aber keineswegs naiven Verse Stevensons („Seltsam, wenn ein Mann von Welt / vom Himmel in die Heimat fällt / und die braven Bürger flehen: / Er soll schnell nur wieder gehen”, heißt es etwa bei der Rückkehr des Piratenkapitäns Robin) nehmen deren poetischen Duktus auf, aber die Bilder sind alles andere als bescheiden. Schon das Buch hat Überformat, und es gibt viele ganz-, bisweilen gar doppelseitige Illustrationen, die auf subtile Weise Bezug nehmen auf die bekannten Bilder zur „Schatzinsel”, obwohl beide Geschichten nur insofern etwas miteinander zu tun haben, dass die zentrale Figur des Piraten eine höchst ambivalente Persönlichkeit darstellt.

Man möge sich allerdings hüten, das Buch vorschnell als Kinderlektüre einzusetzen, auch wenn es im Peter Hammer Verlag erschienen ist, dessen Bilderbuchprogramm vor allem durch die Bücher von Wolf Erlbruch geprägt ist. Aber auch bei Erlbruch steht ja neben „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat” das erschreckende, aber nicht minder geniale Buch „Die Menschenfresserin”. In die Gesellschaft des Letzteren gehört „Der Pirat und der Apotheker”. Schon in Stevensons Gedicht gehen die beiden Protagonisten Robin und Ben nicht gerade zimperlich mit einander um, doch die Bildästhetik Wagenbreths verstärkt diese Drastik noch. Dadurch ist es aber auch eine Bildadaption geworden, die der Originalität der Vorlage gerecht wird, und die Freude an der Übertreibung hat auch ihren Reiz.

Das ergibt mit dem Reiz der Geschichte hinter der Geschichte und dem Reiz der Geschichte selbst, die jeweils ja schon die Hälfte des Gesamtreizes ausmachten, ein Paradox – nennen wir es Überreiztum. Will sagen: „Der Pirat und der Apotheker” hat in Wagenbreths Bearbeitung nun mindestens anderthalbfachen, wenn nicht gar doppelten Reiz.

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