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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ein Stalker wird verfolgt

Camille Jourdy hat aus einer ganz schlichten Geschichte ein Fest der subtilen Beobachtungen gemacht. Ihr Comic „Rosalie Blum" entwirft drei Biographien in wechselseitiger Abhängigkeit: Obwohl sich die Protagonisten gar nicht kennen, werden sie zu einem geradezu magischen Dreieck.

Wüsste man es nicht besser, dann vermutete man hinter dieser Geschichte die britische Comicmeisterin Posy Simmonds. Denn ihren Humor, ihr feines Gespür für die Unvereinbarkeiten und Gemeinsamkeiten von Frauen und Männern und nicht zuletzt ihre Virtuosität bei der Schilderung bürgerlichen Alltags – all das weist auch „Rosalie Blum” auf. Camille Jourdy (http://camillejourdy.canalblog.com/), mit gerade mal dreiunddreißig Jahren kaum halb so alt wie Posy Simmonds, hat von ihr erkennbar viel gelernt – kein Wunder, ist doch Posy Simmonds in der französischen Heimat von Camille Jourdy sehr populär.

Aber „Rosalie Blum” ist auch kein Abklatsch fremder Vorbilder. Ursprünglich in drei jeweils mehr als hundertseitigen Bänden erschienen, erscheint die Geschichte in deutscher Übersetzung nun zu einem Buch vereinigt, und was man gar nicht glauben mochte, trifft zu: Die Lektüre am Stück macht das Ganze noch stärker. Das ist deshalb überraschend, weil vom ersten zum zweiten Teil die Erzählperspektive wechselt, und er dritte wiederum beide Blickwinkel zusammenführt. Aber die Zäsuren sind hier so organisch eingebettet in das, was geschieht, dass man das erzählerische Geschick von Camille Jourdy nur bewundern kann.

Was passiert? Der dreißigjährige Vincent Machot hat nach dem Tod seines Vaters dessen Frisiersalon in Lyon übernommen – mehr oder minder unfreiwillig. Seine Mutter, eine schon siebzigjährige Frau, hat sich nach einem Schlaganfall in ihrer Wohnung eingeigelt, spielt sich mit Plüschtieren und Handpuppen ihr Leben zurecht und erwartet vom Sohn, dass er sich ganz um sie kümmert. Keine beneidenswerte Existenz für einen jungen Mann, dessen geplante Verlobung gerade in die Brüche geht, wie es die Geliebte nach Paris gezogen hat.

Irgendwann sieht Vincent die Verkäuferin Rosalie Blum, anderthalb Jahrzehnte älter als er, und ist sofort fasziniert. Nicht amourös, sondern weil er glaubt, sie schon einmal gesehen zu haben. Fortan folgt er ihr auf Schritt und Tritt. Wir lernen einen Stalker kennen, der allerdings überzeugt ist, dass sein Opfer gar nichts von der Verfolgung merkt. Und der auch nicht weiß, was aus dieser Sache werden soll.

Wer nun sehr genau aufpasst, der wird im Laufe der ersten 120 Seiten merken, dass ein paar Mal noch eine weitere Person an den Orten auftaucht, zu denen es Vincent im Gefolge von Rosalie verschlägt. Deren Geschichte bekommen wir im zweiten Teil des Comics erzählt: Es handelt sich um Aude, die einundzwanzigjährige Nichte von Rosalie, die wiederum von ihrer Tante auf Vincent angesetzt wurde, denn die Verkäuferin hat durchaus gemerkt, dass er sie verfolgt. Nun kehrt sie den Spieß um – und Vincent, das ist eine schöne Pointe, merkt nichts davon.

Daran sieht man, was für ein harmloses Gemüt er ist, ein Stalker aus besten Absichten, der Rosalie auch bisweilen hilft, heil nach Hause zu kommen und höchst peinlich berührt ist, als er mitbekommt, dass er durchschaut wurde. Dieses Motiv allein aber wäre noch nicht tragfähig für 363 Seiten. Was den Charme von „Rosalie Blum” ausmacht, ist, das darin nicht nur das Leben der Titelheldin Stück für Stück enträtselt wird – eben so, wie Vincent es ausspioniert -, sondern auch das von Aude und Vincent. Alle drei verbindet ein autobiographisches Motiv, das ganz zum Schluss die wechselseitige Faszination füreinander auf einen gemeinsamen Nenner bringt. Es wäre schade, diese Gemeinsamkeit zu verraten.

Um das zentrale Trio siedelt Camille Jourdy eine ganze Corona von Nebenfiguren an, die mit großer Sorgfalt konzipiert sind: Vincents Mutter natürlich, aber auch zwei Freundinnen von Aude, ihr Mitbewohner, der davon träumt, einen Zirkus auf die Beine zu stellen, oder Vincents Cousin, der das Muttersöhnchen aus seinem Trott reißen will. Es ist, mit einem Wort, tatsächlich ein Roman, den Jourdy hier gezeichnet hat. Und das seine Titelfigur Blum heißt, darf man wohl als weitgehend unverborgene Reminiszenz an „Ulysses” von James Joyce lesen.

Gezeichnet ist dieser Roman in einem Stil, der eher an Zeitschriften-Illustrationen oder Bilderbuchdramaturgie denn an klassische Comics denken lässt. Es gibt einzelne ganzseitige Bilder, bisweilen gar ein doppelseitiges, dann wieder in bewegungsstudienartige Momente aufgebrochene Sequenzen, die nicht durch Panel-Linien voneinander getrennt sind – wie überhaupt Bildumrahmungen eine Seltenheit sind. Die Gestaltung der Seitenarchitektur symbolisiert Offenheit, also das, was die Figuren in der Geschichte für sich erst entdecken. Und nebenbei steckt in den Spaziergängen von Rosalie durch Lyon auch noch ein Stadtporträt – der Name Blum verpflichtet literarisch.

Wie sich das Erzählte rundet, das ist schon ziemlich souverän. Bisweilen gibt es auch komische Szenen, die allerdings vor allem der Wohngemeinschaft von Aude zu danken sind. Und auch Vincents Mutter, wobei einem da das Lachen bisweilen im Halse steckenbleibt, weil hinter der Skurrilität dieser Figur ein tyrannisches Wesen steckt, das viel zu nahe an der Realität ist, als dass man sie darüber unschuldig amüsieren könnte. Aber gerade diese psychologische Tiefe von „Rosalie Blum” hebt den Band heraus aus der Vielzahl von Graphic Novels, die selten mit einem „echten” Roman konkurrieren können. Dieser hier kann es.

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